{"id":799,"date":"2011-01-11T08:53:50","date_gmt":"2011-01-11T12:53:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/"},"modified":"2011-01-12T10:51:37","modified_gmt":"2011-01-12T14:51:37","slug":"andreas-altmann","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/andreas-altmann\/","title":{"rendered":"Andreas Altmann"},"content":{"rendered":"<p><strong>besuch<\/strong><br \/>\ndas ged\u00e4chtnis, wenn es eine<br \/>\nnach der anderen erinnerung aufgibt,<br \/>\nerblindet an seinen worten.<br \/>\nin leeren r\u00e4umen tastest du dich<br \/>\nan der wand, die deine h\u00e4nde ergreift,<br \/>\n\u00fcber t\u00fcren, die du nicht \u00f6ffnest,<br \/>\nans fenster. blicke, die dunkel<br \/>\ndie hell sind, weichen den augen.<br \/>\nan ger\u00e4uschen formt sich die stimme,<br \/>\ndie nicht \u00fcber das schweigen hinaus<br \/>\nkommt. noch einmal gehst du<br \/>\nmit bodenlosen schritten durchs haus.<br \/>\nlicht hat schatten herausgeschnitten,<br \/>\nf\u00fcr die es hier keinen grund gibt.<br \/>\ndu kratzt an den r\u00e4ndern die finger auf.<br \/>\njemand folgt dir verschr\u00e4nkt<br \/>\nmit den armen, dem blick. du bittest,<br \/>\nnoch l\u00e4nger zu bleiben. vor dem tor<br \/>\nwartet das auto. der motor springt an.<br \/>\n<strong><\/strong><br \/>\n\t<strong>das engelhafte<\/strong><br \/>\n\tdas z\u00f6gern der augen, bevor sie ineinander<br \/>\n\u00fcbergehen, hat immer den kopf festgehalten,<\/p>\n<p>wenn sich erinnerungen zu weit nach ihm<br \/>\numdrehten und der klang des schweigens<\/p>\n<p>im nebelrauch aufstieg. doch der sp\u00e4te herbst<br \/>\nstrich noch einmal sein mattes licht in die b\u00e4ume,<\/p>\n<p>das sich \u00fcber mittag mit ihnen einf\u00e4rbte.<br \/>\nich hatte das zimmer ger\u00e4umt, stand mit<\/p>\n<p>den koffern am bahnsteig und sah einen zug<br \/>\nin der ferne, der aber nicht n\u00e4her kam.<\/p>\n<p>so vergingen die jahre. s\u00e4tze, die ich h\u00e4tte<br \/>\nsagen k\u00f6nnen, gl\u00e4nzten, wenn ich an sie dachte.<\/p>\n<p>so sah ich sie. und gab sie nicht mehr aus der hand,<br \/>\nwie den koffer mit den b\u00e4umen und h\u00e4usern<\/p>\n<p>und ein paar holzengeln, denen ich die fl\u00fcgel<br \/>\nabgenommen hatte. aber ich war zu schwer<\/p>\n<p>f\u00fcr sie und zu lange am leben. ich trug sie<br \/>\nhinter ihrem r\u00fccken.<\/p>\n<p><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>das zweite meer<\/strong><br \/>\num den sandsee schwimmen k\u00fcstenspiegel.<br \/>\ndie scherbenbl\u00e4tter wurzelloser b\u00e4ume treiben<br \/>\nim steinfeld, das am ufer in den boden w\u00e4chst.<br \/>\nder wind dr\u00e4ngt leichtes licht durch ihre schatten.<br \/>\nfestgeflogen h\u00e4ngen laute m\u00f6wen in der luft.<br \/>\ndie baumruinen zeichnen sich im himmel,<br \/>\nder das land ber\u00fchrt. an ihnen flie\u00dft die luft<br \/>\nin str\u00f6men. ich h\u00f6re noch das dr\u00f6hnen aus den<br \/>\ngoldnen trichtern. und seh den spatz am tubarand<br \/>\nf\u00fcr einen augenblick verweilen als sie schwieg.<br \/>\nund jemand leise, leiser deinen namen spricht<br \/>\nals w\u00e4rs sein echo. die feder liegt im wasserlaub<br \/>\nund zupft mit trocknen spitzen an den augen<br \/>\nwimpern. sie hat sich gerade erst im seegras<br \/>\nnetz verfangen. fr\u00fcher h\u00e4tt ich sie befreit.<br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>fabrik gel\u00e4nde<\/strong><br \/>\nder weg verliert seine spuren unter den str\u00e4uchern.<br \/>\nvielleicht bin ich der einzige, der ihn noch geht.<\/p>\n<p>das lockere holz der b\u00e4ume klopft gegen den wind,<br \/>\nder es verstreut. die nahe fabrik ist ger\u00e4umt. und<\/p>\n<p>die mauern beginnen, sich ein geheimnis zu suchen.<br \/>\nes wird erz\u00e4hlt, sie haben maschinen im see versenkt.<\/p>\n<p>und sein eis h\u00e4tte im winter rost angesetzt.<br \/>\nviele, die hier gearbeitet haben, sind schon tot.<\/p>\n<p>es gibt einen zaun, der an h\u00f6he verloren hat<br \/>\nund nur noch ein wort aus der vergangenheit ist.<\/p>\n<p>die warnenden schilder wurden entfernt. ich bekomm<br \/>\nihren text nicht mehr zusammen. nur einige schrauben,<\/p>\n<p>durch die sie befestigt waren, stecken gebogen im loch.<br \/>\ndie ger\u00e4usche des windes entfremden sich hier.<\/p>\n<p>erst an den resten des zaunes hab ich bemerkt, da\u00df sich<br \/>\nder weg nur um die fabrik drehte und eigentlich keinen<\/p>\n<p>ausgang hatte, wenn man sich einmal auf ihm befand.<br \/>\n<strong><\/strong><br \/>\n<strong>jedes gedicht<\/strong><br \/>\njedes gedicht erinnert sich.<br \/>\njedes gedicht f\u00e4llt auf sich selbst zur\u00fcck.<br \/>\njedes gedicht w\u00e4chst durch den spiegel.<br \/>\njedes gedicht kommt sich auf die spur.<br \/>\njedes gedicht h\u00f6rt sich sagen.<br \/>\nin jedem gedicht ist ein schweigen zu h\u00f6ren.<br \/>\njedes gedicht verwandelt sich.<br \/>\njedes gedicht schneidet auf.<br \/>\njedes gedicht liebt ein anderes<br \/>\njedes gedicht verbirgt etwas.<br \/>\njedes gedicht tanzt sich etwas vor.<br \/>\nin jedem gedicht geht ein lied spazieren.<br \/>\njedes gedicht treibt flussaufw\u00e4rts.<br \/>\njedes gedicht spielt eine rolle<br \/>\njedes gedicht h\u00e4ngt am seidenen faden.<br \/>\njedes gedicht hat eine narbe.<br \/>\njedes gedicht wechselt die seite.<br \/>\njedes gedicht sieht sich zu.<br \/>\njedes gedicht hat angst vor dem tod.<br \/>\njedes gedicht hat eine leiche im keller.<br \/>\njedes gedicht ist ein haus.<br \/>\njedes gedicht hat eine t\u00fcr.<br \/>\nnicht jeder schl\u00fcssel \u00f6ffnet eine t\u00fcr.<br \/>\nnicht jedes gedicht ist ein gedicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>besuch das ged\u00e4chtnis, wenn es eine nach der anderen erinnerung aufgibt, erblindet an seinen worten. in leeren r\u00e4umen tastest du dich an der wand, die deine h\u00e4nde ergreift, \u00fcber t\u00fcren, die du nicht \u00f6ffnest, ans fenster. blicke, die dunkel die hell sind, weichen den augen. an 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