{"id":8512,"date":"2024-11-07T03:58:52","date_gmt":"2024-11-07T08:58:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=8512"},"modified":"2024-11-08T03:39:13","modified_gmt":"2024-11-08T08:39:13","slug":"hensel-auszuge-aus-der-erzahlung-mit-diskussionsvorschlagen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/glossen-51-current-issue\/hensel-auszuge-aus-der-erzahlung-mit-diskussionsvorschlagen\/","title":{"rendered":"Ausz\u00fcge aus der Erz\u00e4hlung mit Diskussionsvorschl\u00e4gen"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"#Obdach\">Thema 1: Obdachlosigkeit, Status, Gleichheit, Elite, Adel<\/a><br \/>\n<\/strong><strong><a href=\"#Schreiben\">Thema 2: Schreiben<\/a><br \/>\n<\/strong><a href=\"#Erzaehlen\"><strong>Thema 3: Unzuverl\u00e4ssiges Erz\u00e4hlen<\/strong><\/a><strong><br \/>\n<\/strong><a href=\"#Queerness\"><strong>Thema 4: Queerness<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong><a id=\"Obdach\"><\/a>Thema 1: Obdachlosigkeit, Status, Gleichheit, Elite, Adel<\/strong><\/p>\n<p>\u201e\u2013 Die lachen \u00fcber <em>von<\/em>, die lachen mich aus, ich will nicht mehr zur Schule, ich will nicht <em>von <\/em>hei\u00dfen, keiner hei\u00dft <em>von<\/em>, wir sind eine sossalistische Schule, wir\u201c. (S. 23)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>\u201eIn der Caritas wird es Abendbrot geben. Eine n\u00fctzliche Einrichtung, man f\u00e4llt nicht ins letzte Loch, sondern bekommt zu essen, Kleidung, Waschm\u00f6glichkeiten. Man ist noch wer. Aber die meisten Menschen wissen nicht, wer sie sind. Saufen und pennen \u2013 ein Leben! Die wissen nicht ihre Geschichte zu erz\u00e4hlen. Sind einfach abgefallen. Ganz nach unten. Ich geh\u00f6re nicht zu ihnen.\u201c (S. 37)<\/p>\n<p>\u201e\u2013 Was du alles hast.<\/p>\n<p>\u2013 Und noch viel mehr, gab ich an.<\/p>\n<p>Ich organisierte f\u00fcr Katka Pasteten und eine Flasche Bier. [\u2026]\n<p>\u2013 Oh, meine Prinzessin, dienerte Katka und hob den Saum ihres schmuddeligen Strickkleides. [\u2026]\n<p>\u2013 Hopphopp, und nun Schuhe putzen!<\/p>\n<p>Katka spuckte auf meine Hausschuhe. Sie verlor die Lust. Ich maltr\u00e4tierte sie weiter.<\/p>\n<p>\u2013 K\u00e4mm mir die Haare!<\/p>\n<p>Katka wollte nicht h\u00f6ren, ich schubste sie gegen die Wand.<\/p>\n<p>\u2013 Ich hab dich reingelassen.<\/p>\n<p>Wir waren betrunken vom Bier und von Mutters Hochzeitskleid. Katka wollte Prinzessin sein. Ich verbot es ihr. Wei\u00df nicht, was es war, das mich so streng zu ihr sein lie\u00df \u2013 eine k\u00fchle Wut, Ekel vor ihrer Nichtigkeit oder die versteckte Lust davonzulaufen.\u201c (S. 47f.)<\/p>\n<p>\u201eDie Erdnu\u00df telefoniert.<\/p>\n<p>\u2013 Eine <em>ffon<\/em> Ha\u00dflau, jaja, <em>ffon<\/em>, sie gibt sich als solche aus! kl\u00e4fft der Polizist in die Muschel. Ich finde mich in der Aufnahme der psychiatrischen Abteilung des St\u00e4dtischen Krankenhauses. Schon wieder, denke ich. H\u00f6re Worte wie <em>asozial<\/em> und <em>durchgeknallt<\/em>.<\/p>\n<p>\u2013 NEIN! sage ich. Ich will das alles nicht, ich bin Schriftstellerin.\u201c (S. 49)<\/p>\n<p>\u201eMein Mann hat sein <em>Prestiesch<\/em> verloren, h\u00f6rte ich Mutter zu Frau Schramm sagen, als sie ihr in der K\u00fcche beim Bohnenschnippeln half. Ich ahnte, da\u00df es etwas Wichtiges f\u00fcr Vater sein mu\u00dfte, und begann heimlich in der Wohnung und auf der Stra\u00dfe danach zu suchen.\u201c (S. 50)<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Fragen zur Diskussion<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Welche Formen von Status\/Prestige in der Gesellschaft werden in der Erz\u00e4hlung verhandelt? Machen Sie eine abgestufte Liste, welche Berufe und Lebensformen den gr\u00f6\u00dften bzw. geringsten Status bringen, welche Figuren welchen Rang und Status haben!<\/li>\n<li>Ordnen Sie insbesondere Gabriela in diese Statusleiste ein!<\/li>\n<li>Wie ging die DDR mit Status und Elite um? Und warum? Wie war das im Vergleich zu anderen Gesellschaften, fr\u00fcher und heute?<\/li>\n<li>Wieso war und ist (in der DDR und auch danach) Gabriela eine Au\u00dfenseiterin?<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><a id=\"Schreiben\"><\/a>Thema 2: Schreiben<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEs ist kein Zufall, da\u00df mir das Schicksal dieses Papier bringt, denn ich bin auserw\u00e4hlt zu schreiben. Zu nichts sonst auf der Welt, als mein Leben zu erz\u00e4hlen; an diesem Tag werde ich damit beginnen.\u201c (S. 7)<\/p>\n<p>\u201eEs war das Wort meines Vaters. <em>Mir<\/em> geh\u00f6rten W\u00f6rter wie Violine, Pastete, Mozart. Auch Onkel Schorschs Worte geh\u00f6rten mir: Heiamachen, Ringelgehen, Muckschsein. Vater verbot Onkel Schorschs Worte \u2013 sie seien schlechtes Deutsch und \u00fcberhaupt\u201c. (S. 10)<\/p>\n<p>\u201eZwei halbrunde Bogen T\u00fctenpapier. Voll beschrieben. Ich sp\u00fcre Zukunft in mir: Es k\u00f6nnte etwas werden mit meiner Geschichte, ein Erfolg, der mich von diesem Punkt auf einen h\u00f6heren versetzt \u2013 unter der Br\u00fccke hervor, vielleicht in ein eigenes kleines Zimmer, vielleicht noch h\u00f6her, aber was ist das: H\u00f6her? Ich habe keine Vorstellung mehr davon, und wenn ich von einer h\u00f6heren Welt schreibe, tu ich es als eine Fremde.\u201c (S. 36f.)<\/p>\n<p>\u201eIch schlage aus, was mir das Sozialamt bietet: Arbeit im Waschsalon oder Postzustellerin. Ich kann nicht, will nicht. Meine Geschichte h\u00e4lt mich gefangen. Einmal wache ich nachts auf: Im Traum war ich zusammengezuckt, der Schmerz wie eine Ern\u00fcchterung: Wo bin ich? Ich schreie, zittere, das Unfa\u00dfbare: Unter einer Br\u00fccke. Auf Decken und Pappen wie der letzte Penner. Der letzte Arsch.\u201c (S. 48)<\/p>\n<p>\u201eFinde mich auf der Stra\u00dfe, die ich seit Wochen bewohne, erinnere mich meiner Mission. Schreiben, nur noch Schreiben.\u201c (S. 50)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fragen zur Diskussion<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Was ist Schreiben f\u00fcr die Protagonistin?\n<ul>\n<li>Erf\u00fcllung?<\/li>\n<li>Befreiung?<\/li>\n<li>Gef\u00e4ngnis?<\/li>\n<li>Eskapismus?<\/li>\n<li>Statussymbol?<\/li>\n<li>identit\u00e4tsstiftend?<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>In welcher Beziehung stehen Worte, aber auch Namen, zur Realit\u00e4t? Wer verleiht ihnen Bedeutung?<\/li>\n<li>Wie unterscheiden sich die drei Formen des Schreibens in dem Text? Aufschreiben der Geschichte, f\u00fcr sich selbst \u2013 Schreiben f\u00fcr die Stasi (Berichte) \u2013 Schreiben f\u00fcr die feministische Zeitung <em>Mammilia<\/em>?<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a id=\"Erzaehlen\"><\/a>Thema 3: Unzuverl\u00e4ssiges<\/strong><strong> Erz\u00e4hlen <\/strong><\/p>\n<p>\u201eEs kam ein Lohnstreifen. Wof\u00fcr? dachte ich.<\/p>\n<p>Gardinen, Handt\u00fccher, Teppiche waren gewaschen. Seitdem tat ich nichts mehr. Hei\u00df\u2019 ich Binka? Hei\u00df\u2019 ich Ehlchen? Die Nachbarsleute tuschelten hinter mir her. Ich schrieb und schrieb. Verr\u00fcckte unwirkliche Geschichten. Voller Fehler, voller Stolz. Queck trat ein, brachte Zeit, machte Mut. Wof\u00fcr? Wirst sehen. Keiner geht verloren. Wen soll ich wiederfinden? Nur nicht aufwachen. Aufwachen war das Schlimmste.\u201c (S. 98)<\/p>\n<p>\u201eAber ich werde Paffrath ohne alles empfangen. Der in seiner Uniform! Nackte empf\u00e4ngt Polizisten. Schlagzeile in der MAMMILIA. <em>Das<\/em> w\u00e4re es! <em>Die<\/em> Nummer! Ich mu\u00df meine Geschichte zu Ende bringen, einen gro\u00dfen Knall erfinden, damit ich \u2018rauskomme aus dem letzten Loch.\u201c (S. 113)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Frage zur Diskussion<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Wie zuverl\u00e4ssig sind Gabrielas Erz\u00e4hlungen? Unterscheiden Sie dabei auch zwischen den Berichten f\u00fcr die Stasi, den Erz\u00e4hlungen f\u00fcr die Frauenzeitschrift und Gabrielas Schreiben f\u00fcr sich selbst?<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a id=\"Queerness\"><\/a>Thema 4: Queerness<\/strong><\/p>\n<p>\u201eFrau Popiol hob mich hoch. Sie war eine starke wundersch\u00f6ne Frau, ich schwebte in ihren Armen, flog vor Angst, vor Gl\u00fcck. Am Abend erz\u00e4hlte ich das Gl\u00fcck meinen Eltern. (S. 21)<\/p>\n<p>\u201eIch wollte Frau Popiol erkl\u00e4ren, da\u00df nur <em>sie<\/em> mir helfen kann, da\u00df nur <em>sie<\/em> wei\u00df, wohin mit mir \u2013 und der Ku\u00df, erinnere sie sich nicht \u2013 nein, ich habe noch keinen Jungen gek\u00fc\u00dft, und die Musik, erinnern Sie sich nicht mehr?\u201c (S. 65)<\/p>\n<p>\u201eIch f\u00fcrchtete, graulte mich aber mit Lust, denn Katkas Gegenwart gefiel mir. Katka tanzte. Sie legte ihre schmutzigen Kleider am Uferrand ab, bis sie ganz nackt war, und forderte mich auf, das gleiche zu tun. Erst sch\u00e4mte ich mich und hatte Angst, der Dreck des Kanals k\u00f6nnte meine Haut angreifen, aber Katka erz\u00e4hlte von Elfen, die, je l\u00e4nger sie tanzten, um so sch\u00f6ner wurden.\u201c (S. 31)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fragen zur Diskussion<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Wie l\u00e4sst sich Gabrielas geschlechtliche Identit\u00e4t beschreiben?<\/li>\n<li>Welche Personen beeinflussen diese und auf welche Weise?<\/li>\n<\/ul>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Alle Textzitate folgen der Taschenbuchausgabe: Hensel, Kerstin. <em>Tanz am Kanal. Erz\u00e4hlung<\/em>. Frankfurt am Main: suhrkamp taschenbuch, 1997.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thema 1: Obdachlosigkeit, Status, Gleichheit, Elite, Adel Thema 2: Schreiben Thema 3: Unzuverl\u00e4ssiges Erz\u00e4hlen Thema 4: Queerness Thema 1: Obdachlosigkeit, Status, Gleichheit, Elite, Adel \u201e\u2013 Die lachen \u00fcber von, die lachen mich aus, ich will nicht mehr zur Schule, ich will nicht von hei\u00dfen, keiner hei\u00dft von, wir sind eine sossalistische Schule, wir\u201c. 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