{"id":2267,"date":"2012-04-14T10:48:50","date_gmt":"2012-04-14T14:48:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=2267"},"modified":"2012-04-24T13:25:50","modified_gmt":"2012-04-24T17:25:50","slug":"theo-buck-warum-gunter-grass-besser-geschwiegen-hatte-ein-gedicht-und-seine-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2012\/04\/14\/theo-buck-warum-gunter-grass-besser-geschwiegen-hatte-ein-gedicht-und-seine-folgen\/","title":{"rendered":"Warum G\u00fcnter Grass besser geschwiegen h\u00e4tte. Ein \u2018Gedicht\u2018 und seine Folgen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>G\u00fcnter Grass<\/strong><\/p>\n<p>Warum schweige ich, verschweige zu lange,<br \/>\nwas offensichtlich ist und in Planspielen<br \/>\nge\u00fcbt wurde, an deren Ende als \u00dcberlebende<br \/>\nwir allenfalls Fu\u00dfnoten sind.<\/p>\n<p>Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,<br \/>\nder das von einem Maulhelden unterjochte<br \/>\nund zum organisierten Jubel gelenkte<br \/>\niranische Volk ausl\u00f6schen k\u00f6nnte,<br \/>\nweil in dessen Machtbereich der Bau<br \/>\neiner Atombombe vermutet wird.<\/p>\n<p>Doch warum untersage ich mir,<br \/>\njenes andere Land beim Namen zu nennen,<br \/>\nin dem seit Jahren &#8211; wenn auch geheimgehalten &#8211;<br \/>\nein wachsend nukleares Potential verf\u00fcgbar<br \/>\naber au\u00dfer Kontrolle, weil keiner Pr\u00fcfung<br \/>\nzug\u00e4nglich ist?<\/p>\n<p>Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,<br \/>\ndem sich mein Schweigen untergeordnet hat,<br \/>\nempfinde ich als belastende L\u00fcge<br \/>\nund Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,<br \/>\nsobald er mi\u00dfachtet wird;<br \/>\ndas Verdikt &#8220;Antisemitismus&#8221; ist gel\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Jetzt aber, weil aus meinem Land,<br \/>\ndas von ureigenen Verbrechen,<br \/>\ndie ohne Vergleich sind,<br \/>\nMal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,<br \/>\nwiederum und rein gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig, wenn auch<br \/>\nmit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,<br \/>\nein weiteres U-Boot nach Israel<br \/>\ngeliefert werden soll, dessen Spezialit\u00e4t<br \/>\ndarin besteht, allesvernichtende Sprengk\u00f6pfe<br \/>\ndorthin lenken zu k\u00f6nnen, wo die Existenz<br \/>\neiner einzigen Atombombe unbewiesen ist,<br \/>\ndoch als Bef\u00fcrchtung von Beweiskraft sein will,<br \/>\nsage ich, was gesagt werden mu\u00df.<\/p>\n<p>Warum aber schwieg ich bislang?<br \/>\nWeil ich meinte, meine Herkunft,<br \/>\ndie von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,<br \/>\nverbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit<br \/>\ndem Land Israel, dem ich verbunden bin<br \/>\nund bleiben will, zuzumuten.<\/p>\n<p>Warum sage ich jetzt erst,<br \/>\ngealtert und mit letzter Tinte:<br \/>\nDie Atommacht Israel gef\u00e4hrdet<br \/>\nden ohnehin br\u00fcchigen Weltfrieden?<br \/>\nWeil gesagt werden mu\u00df,<br \/>\nwas schon morgen zu sp\u00e4t sein k\u00f6nnte;<br \/>\nauch weil wir &#8211; als Deutsche belastet genug &#8211;<br \/>\nZulieferer eines Verbrechens werden k\u00f6nnten,<br \/>\ndas voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld<br \/>\ndurch keine der \u00fcblichen Ausreden<br \/>\nzu tilgen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,<br \/>\nweil ich der Heuchelei des Westens<br \/>\n\u00fcberdr\u00fcssig bin; zudem ist zu hoffen,<br \/>\nes m\u00f6gen sich viele vom Schweigen befreien,<br \/>\nden Verursacher der erkennbaren Gefahr<br \/>\nzum Verzicht auf Gewalt auffordern und<br \/>\ngleichfalls darauf bestehen,<br \/>\nda\u00df eine unbehinderte und permanente Kontrolle<br \/>\ndes israelischen atomaren Potentials<br \/>\nund der iranischen Atomanlagen<br \/>\ndurch eine internationale Instanz<br \/>\nvon den Regierungen beider L\u00e4nder zugelassen wird.<\/p>\n<p>Nur so ist allen, den Israelis und Pal\u00e4stinensern,<br \/>\nmehr noch, allen Menschen, die in dieser<br \/>\nvom Wahn okkupierten Region<br \/>\ndicht bei dicht verfeindet leben<br \/>\nund letztlich auch uns zu helfen.<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unauff\u00e4llig im Gewand eines lyrischen Produkts kommt eine tagespolitische Schrift daher, die der Schriftsteller G\u00fcnter Grass am Mittwoch, 4. April 2012, wohlkalkuliert an die \u00d6ffentlichkeit gebracht hat. Zeitgleich erschien das polemische \u2018Gedicht&#8217; unter der \u00dcberschrift \u201cWas gesagt werden mu\u00df\u201c in der <em>S\u00dcDDEUTSCHEN ZEITUNG<\/em> sowie in <em>LA REPUBBLICA<\/em>. Der Autor kritisiert in diesem Text die israelische Politik gegen\u00fcber dem Iran, vor allem die drohende Gefahr eines Atomschlags (\u201cDie Atommacht Israel gef\u00e4hrdet den ohnehin br\u00fcchigen Weltfrieden\u201c, V. 44\/45)). Ausgangspunkt hierzu ist f\u00fcr ihn die qu\u00e4lende \u00dcberlegung \u201cWarum aber schwieg ich bislang?\u201c (V. 36). Erkl\u00e4rend erinnert er dabei an den Holocaust, also Deutschlands \u201cureigene Verbrechen, die ohne Vergleich sind\u201c (V. 24\/25), wie er etwas ungenau umschreibend sagt. Von da her w\u00e4re Grassens Wortmeldung sachlich ang\u00e4ngig, denn seit geraumer Zeit besch\u00e4ftigen sich viele mit der dringenden Frage eines m\u00f6glichen israelischen Milit\u00e4rschlags gegen die iranischen Atomanlagen und den damit verbundenen m\u00f6glichen katastrophalen Folgen. Demnach bricht der Autor mit seiner Polemik in Gedichtform gewi\u00df kein Schweigen. Er setzt sich f\u00fcr das ein, was die meisten gleichfalls wollen \u2013 Frieden. Leider bringt ihn seine im Ansatz erkennbar gute Absicht auf eine v\u00f6llig falsche F\u00e4hrte. Er vereinseitigt n\u00e4mlich in den ungl\u00fccklichen \u2018Versen\u2018 das in der Tat existentiell wichtige Problem auf unertr\u00e4gliche Weise, indem er aus dem \u00fcblen Gewaltfanatiker Ahmadinedschad einen blo\u00dfen \u201cMaulhelden\u201c macht, der zwar sein Volk unterjocht und \u201czum organisierten Jubel\u201c lenkt (V. 6\/7), dessen kalkuliert aggressives Atomprogramm aber dahin verharmlost, in seinem \u201cMachtbereich\u201c werde blo\u00df \u201cder Bau einer Atombombe vermutet\u201c (V. 9\/10). Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit &#8211; man denke an die viel zu sp\u00e4t \u201cgesch\u00e4lte Zwiebel\u201c! &#8211; hat Grass hier vorschnell und auch ungerecht gehandelt. Der eigentliche Gefahrenherd liegt bekanntlich in Teheran. Von dort wird zur Ausl\u00f6schung Israels aufgerufen. Die Politik des j\u00fcdischen Staates kann in vielerlei Hinsicht kritisiert werden, doch nur, wenn im selben Augenblick die Bedrohung dieses Landes durch die umliegende islamische Welt mitber\u00fccksichtigt wird. In seiner Argumentation verwechselt Grass eindeutig Ursache und Wirkung. Von politischer Klugheit zeugt das gewi\u00df nicht. Er macht es sich zu leicht, wenn er gegen ihn vorgebrachte Kritiken blo\u00df ins Feld f\u00fchrt, es handle sich um die \u201cKampagne\u201c einer \u201cfast wie gleichgeschalteten Presse\u201c.<br \/>\nNat\u00fcrlich kann und darf der Schriftsteller das sagen, was er denkt. Nur mu\u00df er sich dann auch den Reaktionen Anderer aussetzen. Gleich nach der Ver\u00f6ffentlichung l\u00f6ste seine polemische Verlautbarung in den Medien und sogar in einigen Regierungskreisen heftige, \u00fcberwiegend ablehnende Reaktionen aus. Wohl noch nie hat ein lyrisch daherkommender Text so viel Aufsehen erregt. Grass mu\u00dfte sich \u00fcber das eingegangene Risiko im klaren sein. Schrieb er doch selbst in seinem herausfordernden \u2018Gedicht\u2018: \u201cdas Verdikt \u2018Antisemitismus\u2018 ist gel\u00e4ufig\u201c (V. 22). Prompt wurde dem Autor von Henryk M. Broder bescheinigt, er sei \u201cder Prototyp des gebildeten Antisemiten\u201c. Da\u00df der israelische Regierungschef Netanjahu gleiche T\u00f6ne anschl\u00e4gt, wird niemanden wundern. \u00c4hnlich sieht der Pr\u00e4sident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, im Grass\u2018schen Text kurzerhand ein simples \u201eHa\u00dfpamphlet\u201c (\u201cGrass redet Blech und trommelt in die falsche Richtung\u201c). Auch Marcel Reich-Ranicki lie\u00df sich in der <em>FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG<\/em> dementsprechend vernehmen. Das Gedicht sei \u201cekelhaft\u201c und ein \u201cgeplanter Schlag nicht nur gegen Israel, sondern gegen alle Juden\u201c. All das ist nat\u00fcrlich auch wiederum einseitig und ungerecht. \u201cGrass ist kein Feind Israels\u201c, betonte mit gutem Grund Avi Primor, der fr\u00fchere israelische Botschafter in der Bundesrepublik. So ungerecht der Schriftsteller auch immer argumentiert hat, ein Antisemit ist er gewi\u00df nicht. Hinreichend widerlegt das sein Werk. Im \u2018Gedicht\u2018 spricht er gleichfalls betont vom \u201cLand Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will\u201c (V. 40\/41). In dieser Hinsicht hat Grass wirklich Grund, eine ihm entgegengebrachte \u201cverletzende Geh\u00e4ssigkeit\u201c zu registrieren. So gesehen nimmt es auch nicht wunder, da\u00df Israels Regierung, primitiv populistisch und \u201chysterisch\u201c (HAARETZ) \u00fcberzogen reagierend, ein Einreiseverbot f\u00fcr den Schriftsteller ausgesprochen hat, weil er, wie der daf\u00fcr verantwortliche Innenminister Eli Jischai, seines Zeichens Vorsitzender der ultraorthodoxen Schas-Partei, fanatisch formulierte, das Ziel verfolge, \u201cdas Feuer des Hasses auf den Staat Israel und das Volk Israel\u201c anzufachen. Beifall von der falschen, der iranischen Seite konnte da nicht ausbleiben. Dar\u00fcber sollte der Autor nachdenken.<br \/>\nLob f\u00fcr das von Grass Gesagte ist nat\u00fcrlich ebenso unangebracht. Dem Nobelpreistr\u00e4ger f\u00fcr sein \u2018Gedicht\u2018 zus\u00e4tzlich noch einen Friedenspreis zuerkennen zu wollen, wie das der ARD-Journalist Thomas Nehls vorgeschlagen hat, ist absurd. Selbst das Lob des Literaturkritikers Denis Scheck (\u201cein gutes, ein notwendiges tagespolitisches Gedicht\u201c) greift entschieden zu hoch. Bestenfalls kann er in Grass den \u201cMinensp\u00fcrhund der deutschen Literatur\u201c ausmachen, der sich gerne als Tabubrecher in Szene setzt. Da\u00df der sich nun in der Rolle des Opfers sieht, entbehrt freilich nicht unertr\u00e4glicher Scheinheiligkeit.<br \/>\nEine literarische Leistung ist das angebliche Prosagedicht \u201cWas gesagt werden mu\u00df\u201c ohnehin nicht. Der Autor h\u00e4tte gut daran getan, seine politische Meinung nicht in den Mantel des Poetischen zu h\u00fcllen und dabei ungeniert Namen wie Walther von der Vogelweide und Goethe zu bem\u00fchen. Direkter Klartext, haltbar formuliert, w\u00e4re in diesem Fall besser gewesen. Wer politisch streiten will und daf\u00fcr die Form des Gedichts w\u00e4hlt, mu\u00df poetischen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen. Davon aber ist das \u201cmit letzter Tinte\u201c (V. 43) Geschriebene von Grassens Feder in der Sprachsubstanz viel zu d\u00fcrftig ausgefallen. Nicht allein der Schriftstellerkollege Wolf Biermann stuft das \u2018Gedicht\u2018 als \u201cst\u00fcmperhaft\u201c ein. Reich-Ranicki sekundiert ihm mit der Feststellung, das Gedicht sei \u201cpolitisch und literarisch wertlos\u201c. In der Tat hat der Text mit Sinnintensit\u00e4t, Formpr\u00e4gung und Bedeutungsqualit\u00e4t der Gattung Lyrik nicht entfernt zu tun. Er ist viel zu schlicht dahingesagt und zudem noch einseitig befangen und insofern realit\u00e4tsblind.<br \/>\nMit seiner berichtigenden Stellungnahme im Interview der S\u00dcDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 7. April 2012 hat Grass dem Pseudo-Gedicht noch mehr geschadet. Wenn er n\u00e4mlich relativierend verlauten l\u00e4\u00dft, er w\u00fcrde es jetzt \u201canders fassen\u201c, spricht das nicht gerade f\u00fcr eine \u00fcberlegte Arbeitsweise, erst recht nicht f\u00fcr \u00e4sthetische Qualit\u00e4t. Gedichte sind eben nicht jederzeit nach \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden ver\u00e4nderbar. Offenkundig verbindet der Autor sein gesellschaftspolitisches Argumentieren irrt\u00fcmlich mit k\u00fcnstlerischem Anspruch. Dabei wei\u00df er: \u201cLyrik bietet die M\u00f6glichkeit, einen komplizierten Sachverhalt auf den Punkt zu bringen\u201c. Nur hapert es genau daran in seinem ungenau formulierten \u2018Gedicht\u2018. Die von ihm praktizierte polemische Textsorte wird nicht einfach zu Literatur, weil ein weltweit bekannter Romancier sie in vorgebliche \u2018Verse\u2018 gesetzt hat. Allerdings \u00fcberzeugt der Inhalt seiner lyrisch aufgemachten Anklage betr\u00fcblicherweise ebenso wenig. Wer eine \u201ckl\u00e4rende Debatte\u201c ausl\u00f6sen will mit dem Tenor: \u201cMeine Kritik galt nicht dem Land Israel, sondern der Politik von Premierminister Netanjahu\u201c, mu\u00df seine Worte wesentlich sorgf\u00e4ltiger w\u00e4hlen. Danach eingestehen zu m\u00fcssen, sich im Ausdruck vertan zu haben, ist zumal f\u00fcr einen Schriftsteller, schlicht peinlich. Wer nicht schweigen will, sollte auch wissen, was er sagt und wie er es sagt. Im Nachhinein mu\u00df man die Redaktion der ZEIT h\u00f6chlichst daf\u00fcr loben, den ihr zuerst zur Ver\u00f6ffentlichung angebotenen Text nicht abgedruckt zu haben. \u00dcbrigens handelte es sich dabei um eine wiederum andere Fassung, die nicht einmal die Forderung nach beidseitiger internationaler Kontrolle der Atompolitik Israels und Irans enthielt (!). Wie hei\u00dft es doch seit alters: \u2018Wenn Du geschwiegen h\u00e4ttest \u2026 !\u2018 Grassens Friedensbotschaft hat das genaue Gegenteil herbeigef\u00fchrt. Die Tinte des Dichters ist ihm schon l\u00e4ngere Zeit ausgegangen. Weitere \u201cletzte Tinten\u201c m\u00f6ge er uns ersparen.<\/p>\n<p>Theo Buck (Aachen)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; G\u00fcnter Grass Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen ge\u00fcbt wurde, an deren Ende als \u00dcberlebende wir allenfalls Fu\u00dfnoten sind. 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