{"id":3463,"date":"2013-07-25T11:44:19","date_gmt":"2013-07-25T15:44:19","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=3463"},"modified":"2015-06-04T19:22:39","modified_gmt":"2015-06-04T23:22:39","slug":"rezensionen-glossen-34-392014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2013\/07\/25\/rezensionen-glossen-34-392014\/","title":{"rendered":"Verzeichnis der Rezensionen: Glossen 34 \u2013 40 (2012 \u2013 2015)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Verzeichnis der Rezensionen \u2014 Glossen 34 \u2014 40\/2012\/2015<\/strong><br \/>\n1.\u00a0Frederick A. Lubich:\u00a0Marko Martin, <em>Treffpunkt \u201989 \u2013 Von der Gegenwart einer Epochenz<\/em><em>\u00e4<\/em><em>sur<\/em>. Hannover: Wehrhahn, 2014, 319 Seiten.<\/p>\n<p>2. Theo Buck: Hans Joachim Sch\u00e4dlich: <em>Narrenleben. Roman.<\/em> Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg 2015<\/p>\n<p>3. Gabriele Eckart:\u00a0Frederick A. Lubich (Hrsg.), <em>Transatlantische Auswanderungsgeschichten: Reflexionen und Reminiszenzen aus drei Generationen. Festschrift zu Ehren von Robert Schopflocher<\/em>. (W\u00fcrzburg: K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, 2014) 647 Seiten.<\/p>\n<p>4. Margrit Zinggeler:\u00a0Niederhauser, Rolf. <em>Seltsame Schleife. <\/em>Z\u00fcrich: Rotpunktverlag, 2014<\/p>\n<p>5. \u00a0Wolfgang M\u00fcller: Ernest Kuczynsky (Hg.), Im Dialog mit der Wirklichkeit. Ann\u00e4herungen an Leben und Werk von J\u00fcrgen Fuchs. Halle(Saale): Mitteldeutscher Verlag GmbH, 2014.<\/p>\n<p>6. \u00a0 Christine Cosentino: Lutz Seiler, <em>Kruso<\/em> (Berlin: Suhrkamp,2014)<\/p>\n<p>7. Theo Buck: Susanne Sch\u00e4dlich, <em>Herr H\u00fcbner und die sibirische Nachtigall. Roman<\/em> (M\u00fcnchen: Droemer, 2014)<\/p>\n<p>8. Susanne Sch\u00e4dlich: Uwe-Karsten Heye, <em>Die Benjamins. Eine deutsche Familie<\/em> (Berlin: Aufbau Verlag, 2014)<\/p>\n<p>9. Christine Cosentino: Cornelia Schleime, <em>Weit fort. Roman<\/em> ( Hamburg: Hoffmann und Campe, 2008; Taschenbuchausgabe M\u00fcnchen: Goldmann, 2010).<\/p>\n<p>10. Gabriele Eckart:\u00a0Maja Beutler,\u00a0<i>Ich lebe schon lange heute: Texte 1973 bis 2013<\/i>.\u00a0 (Oberhofen: Zytglogge, 2013) 390 Seiten.<\/p>\n<p>11. Christine Cosentino: Uwe Tellkamp, <em>Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen<\/em> (Berlin: Insel Verlag, 2012)<\/p>\n<p>12. Gabriele Eckart: Richard A. Zipser, <em>Von Oberlin nach Ostberlin: Als Amerikaner unterwegs in der DDR-Literaturszene<\/em>. (Berlin: Christoph Links Verlag GmbH, 2013)<\/p>\n<p>13. Christine Cosentino: Jakob Hein und Jacinta Nandi,<em> Fish\u2019 n\u2019 Chips &amp; Spreewaldgurken. Warum Ossis \u00f6fter Sex und Engl\u00e4nder mehr Spa\u00df haben.<\/em> (K\u00f6ln: Kiwi, 2013)<\/p>\n<p>14. Christine Cosentino: Christoph Hein, <em>Vor der Zeit. Korrekturen.<\/em> (Berlin: Insel, 2013). 10. Rainer Stollmann: Teju Cole, <em>Open City. A Novel<\/em> (New York: Random House, 2011. Dt.: <em>Open City. Roman<\/em> (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2012)<\/p>\n<p>15. Rainer Stollmann: Zu Teju Coles <em>Open City. Roman<\/em>(New York: Random House, 2011. Dt.: <em>Open City. Roman<\/em> (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2012)<\/p>\n<p>16. Michael G. Fritz: Utz Rachowski, \u00a0<em>Miss Suki oder Amerika ist nicht weit!<\/em>\u00a0 (Niederfrohna:\u00a0Mironde Verlag, 2013).\u00a0Mit Zeichnungen von Thomas Beurich.<\/p>\n<p>17. Theo Buck: \u00a0Michael Speier,\u00a0<em>Haupt Stadt Studio. Gedichte<\/em>\u00a0 (Berlin: Aphaia Verlag,\u00a02012).<\/p>\n<p>18. Frederick Lubich: Charlotte Roche, <em>Scho<\/em><em>\u00df<\/em><em>gebete (<\/em>\u00a0M\u00fcnchen: Piper, 2011) 283 Seiten.<\/p>\n<p>19.\u00a0Frederick Lubich: Ein Berliner Bilder- und Bildungsroman.\u00a0Zu Gerald Uhlig-Romeros Neuerscheinung s<em>toff.wechsel <\/em>(Berlin: epubli, 2011) 124 Seiten.<\/p>\n<p>20. Susanne Sch\u00e4dlich: Grit Poppe, <em>Abgehauen<\/em> (Hamburg: Cecilie Dressler Verlag, 2012) 336 Seiten.<\/p>\n<p>21. Susanne Sch\u00e4dlich: Bernd Cailloux, <em>Gutgeschriebene Verluste. Roman memoire<\/em>. (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2012) 271 Seiten.<\/p>\n<p>22. Susanne Sch\u00e4dlich:\u00a0Ulrich Bergmann, <i>Doppelhimmel.\u00a0<\/i>(Bonn: Free Pen Verlag, 2012). 182 Seiten<\/p>\n<p>23. Theo Buck: Hans Joachim Sch\u00e4dlich, <em>Sire, ich eile. Voltaire bei Friedrich II. Eine Novelle<\/em>. (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2012).<\/p>\n<p>24. Theo Buck: Anna Sch\u00e4dlich \u2013 Susanne Sch\u00e4dlich (Hrsg.), <em>Ein Spaziergang war es nicht. Kindheiten zwischen Ost und West<\/em>. (M\u00fcnchen: Wilhelm Heyne Verlag, 2012). 317 S.<\/p>\n<p>25. Wolfgang M\u00fcller: Anna Sch\u00e4dlich \u2013 Susanne Sch\u00e4dlich (Hrsg.), <em>Ein Spaziergang war es nicht. Kindheiten zwischen Ost und West<\/em>. (M\u00fcnchen: Wilhelm Heyne Verlag, 2012). 317 Seiten.<\/p>\n<p>26. Christine Cosentine:\u00a0Christoph Hein: <em>Weiskerns Nachlass. Roman<\/em> (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2011).\u00a0 319 Seiten.<\/p>\n<p>27. Christine Cosentino:\u00a0Jens Sparschuh, <em>Im Kasten. Roman<\/em>.\u00a0 (K\u00f6ln: Kiepenheuer &amp; Witsch, 2012). \u00a0224 Seiten.<\/p>\n<p>28. Christine Cosentino:\u00a0Volker Braun<em>, Die hellen Haufen. Erz\u00e4hlung<\/em>.\u00a0 (Berlin: Suhrkamp, 2011)\u00a0 97 Seiten.<\/p>\n<p>29. \u00a0Christine Cosentino: Andr\u00e9 Kubiczek, <em>Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn<\/em> (M\u00fcnchen, Z\u00fcrich: Piper, 2012). 479 Seiten.<\/p>\n<p>30. Christine Cosentino: Lutz Seiler, <em>Die Zeitwaage. Erz\u00e4hlungen.<\/em> (Frankfurt\/M.: Suhrkamp, 2009). 285 Seiten.<\/p>\n<p>31. Christine Cosentino:\u00a0Julia\u00a0 Schoch, <i>Selbstportr\u00e4t mit Bonaparte<\/i>\u00a0 (M\u00fcnchen: Piper, 2012) 142 Seiten.<\/p>\n<p>32. Gabriele Eckart: Edwin Kratschmer, <em>Wahnwald<\/em>.\u00a0 (Stadtroda: UND Verlag, 2011). 249 Seiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Marko Martin, <em>Treffpunkt \u201989 \u2013 Von der Gegenwart einer Epochenz<\/em><em>\u00e4<\/em><em>sur<\/em>. Hannover: Wehrhahn, 2014, 319 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p>Rechtzeitig zum f\u00fcnfundzwanzigsten Jahrestag des Berliner Mauerfalls erschien im Herbst 2014 Marko Martins Sammlung von rund f\u00fcnfunddrei\u00dfig Essays, in denen Schicksal und Lebenswerk von Exilanten und Dissidenten der deutschen und mitteleurop\u00e4ischen Kultur und Geschichte des letzten Jahrhunderts skizziert werden. Es handelt sich dabei, um hier nur die bekanntesten zu nennen, zum einen um Hans Sahl, Arthur Koestler, Man\u00e8s Sperber, Ralph Giordano und Andr\u00e9 Glucksmann, zum andern um Reiner Kunze, J\u00fcrgen Fuchs, Czeslaw Milosz, Pavel Kohout, Milan Kundera und Milo Dor. W\u00e4hrend die erste Gruppe vor allem aus Vertretern der deutsch-j\u00fcdischen Bildungsb\u00fcrgertums besteht, die sich zur Zeit des Dritten Reiches durch Auswanderung in westliche L\u00e4nder retten konnten, repr\u00e4sentiert die zweite Gruppe prim\u00e4r Autoren, die unter diversen Regimen des osteurop\u00e4ischen Kommunismus unterdr\u00fcckt und verfolgt wurden.<\/p>\n<p>Allesamt sind die Portraitierten \u201eJahrhundertzeugen\u201c (196) des modernen Totalitarismus und seines Big-Brother-Terrorismus, den sie in seinen verschiedenen Erscheinungsformen in ihren literarischen Werken darzustellen suchten, angefangen von den ideologischen Verblendungen, parteipolitischen Schauprozessen und den rassenwahnsinnigen V\u00f6lkermorden in der Mitte des Jahrhunderts bis zu den allt\u00e4glichen Schikanen und andauernden Repressionen der Bespitzelung und Einsch\u00fcchterung, des Publikationsverbots und der letztendlichen Ausb\u00fcrgerung in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit. Der Gewaltherrschaft des deutschen Faschismus und des ost-europ\u00e4ischen Kommunismus folgte nach dem Fall der Berliner Mauer die letzte blutige Ausgeburt dieses Wahnsinnsjahrhunderts, n\u00e4mlich des in verschiedenen Teilen Europas wieder auflebenden Nationalismus, dessen zum Teil m\u00f6rderische Exzesse im letzten Teil dieses Buches ebenfalls immer wieder zur Sprache kommen.<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der Essays beruht auf Interviews, die der Autor mit den Portraitierten gef\u00fchrt hat, wobei ihn seine Treffpunkte in Kneipen, Kaffeeh\u00e4usern und Privatwohnungen von Berlin \u00fcber Prag und Paris bis nach Portugal und Kanada f\u00fchrten. Dazu kommen auch noch weitere Reisen in den Fernen Osten, wie etwa nach China und Birma, wobei der Verfasser im letzteren ein Gespr\u00e4ch mit einem ehemalig verfolgten und gefolterten Regimekritiker und heutigen Herausgeber von Birmas bekanntester Exilzeitschrift f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Da Marko Martin in der DDR geboren und aufgewachsen ist und durch seine dortige Wehrdienstverweigerung schon fr\u00fch die Vergeltungsma\u00dfnahmen eines staatlichen Machtapparats am eigenen Leib erfahren hat, bring er ein kongeniales Sensorium f\u00fcr die politischen Erfahrungen seiner verschiedenen Gespr\u00e4chspartner mit. Zu diesem pers\u00f6nlichen Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen kommt eine gro\u00dfe Beredsamkeit und weltliterarische Belesenheit, sodass sich die Lekt\u00fcre einzelner Episoden immer wieder zu intensiven, emotional wie intellektuell stimulierenden Leseerfahrungen verdichtet, und dies umso mehr, wenn man sich auch immer wieder das grenzenlose Ausma\u00df an Blut, Schwei\u00df und Tr\u00e4nen vergegenw\u00e4rtigt, das den pers\u00f6nlichen Erfahrungen und historischen Erinnerungen der Portraitierten auf vielfache Weise zu Grunde liegt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Autor mit den einstigen kommunistischen Herrschaftssystemen sowie ihren politischen Repr\u00e4sentanten, vor allem ihren skrupellosen Karrieristen und Opportunisten, sowie ihren gewissenlosen Kollaborateuren immer wieder unmissverst\u00e4ndlich ins Gericht geht, sucht er andererseits auch der kritischen Loyalit\u00e4t einer Autorin wie Christa Wolf zumindest in manchen Zweifelsf\u00e4llen ein gewisses Verst\u00e4ndnis entgegen zu bringen. Unzweideutige Hochachtung zollt er hingegen der moralischen Integrit\u00e4t und intellektuellen Redlichkeit von Autoren und Politikern wie J\u00fcrgen Fuchs, Ralph Giordano, Alexander Dub\u010dek und V\u00e1clav Havel.<\/p>\n<p>Es sind Ideen und Realit\u00e4ten wie Glasnost und Perestroika und B\u00fcrgerrechtsbewegungen wie der Prager Fr\u00fchling, Solidarnos\u0107, die Friedliche Revolution von Ost-Berlin, die Samtene Revolution auf dem Prager Hradschin, die Orangene Revolution auf dem Maidan von Kiew und letztlich die zerschlagene Revolution auf dem Tian\u2019anmen Square in Beijing, die den Leser immer wieder an die Zivilcourage einzelner und ihr kollektives Engagement erinnern, wenn es darum ging, sich f\u00fcr die Befreiung und Verbesserung ihrer Gesellschaften voll und ganz einzusetzen.<\/p>\n<p>Drei thematische Leitmotive kehren gleichsam als gemeinsamer Nenner in dieser Textsammlung mehrfach wieder: Zum Ersten das erstaunliche Ph\u00e4nomen eines geradezu systematischen \u201eDemokratisierungsprozesses\u201c (258) in der \u00f6stlichen Welthemisph\u00e4re, der vor allem f\u00fcr die letzte Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts charakteristisch ist, zum Zweiten der pers\u00f6nlich emphatische Einsatz des Autors in seinem literarisch-journalistischen \u201eKampf gegen die Erinnerungslosigkeit\u201c (310) und nicht zuletzt seine mehrfach ausgesprochene \u201eDaseinsdankbarkeit\u201c (317), die er angesichts der gro\u00dfen Zeitenwende rund um 1989 empfindet, und dies vor allem in dem klaren Bewusstsein, dass vieles auch ganz anders h\u00e4tte verlaufen k\u00f6nnen. Es war ja auch wirklich mal Zeit f\u00fcr diese \u201ehistorische Gerechtigkeit\u201c, wie der Autor diese Entwicklung mehrfach nennt.<\/p>\n<p>Insgesamt betrachtet summieren und kristallisieren sich die Gespr\u00e4che und Betrachtungen dieses Sammelbandes zu einem faszinierenden Kaleidoskop, in dem sich die zahlreichen Br\u00fcche und Widerspr\u00fcche des zwanzigsten Jahrhunderts auf \u00fcberaus facettenreiche Weise widerspiegeln. Sie f\u00fcgen sich zu einem Jahrhundert-Panorama, in dem sich einmal mehr das \u201eAnnus Mirabilis\u201c 1989 in der Tat als eine epochal-globale Z\u00e4sur zu erkennen gibt, wie sie die Annalen der Weltgeschichte wohl kein zweites Mal aufzuweisen haben. Es ist, als h\u00e4tte sich Hegels legend\u00e4rer Weltgeist, seine geschichtliche Dialektik der Aufkl\u00e4rung und vor allem sein vielbeschworener Drang zur Befreiung der Menschheit endlich einmal ein gro\u00dfes, welthistorisches Stelldichein gegeben.<\/p>\n<p>Dieses revolution\u00e4re Rendezvous allein ist Grund genug, der Textsammlung von Marko Martin einen prominenten Platz auf dem pers\u00f6nlichen B\u00fccherregal einzur\u00e4umen, Und f\u00fcr alle Leser, die nach dem abgr\u00fcndigen Zivilisationsbruch in der Mitte des letzten Jahrhunderts zuf\u00e4llig westlich des Eisernen Vorhangs geboren wurden und aufgewachsen sind oder gar in einem bereits befreiten Europa auf die Welt kamen, ist diese aktuelle Textsammlung, diese veritable Festschrift auf das f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrige Jubil\u00e4um der errungenen Einheit und Freiheit Europas, gleichzeitig auch eine notwendige Mahnschrift sowohl zur Dankbarkeit als auch zur nachhaltigen Wachsamkeit, diese gro\u00dfen, geschichtlichen Errungenschaften nie f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich zu nehmen. Die gegenw\u00e4rtigen Entwicklungen in manchen Teilen der Welt geben Anlass genug, sich um das internationale Unternehmen der Demokratisierung unserer Weltzivilisation, um das unvollendete Projekt der globalen Moderne, weiterhin Sorgen zu machen und entsprechend wachsam zu bleiben.<\/p>\n<p>Frederick A. Lubich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hans Joachim Sch\u00e4dlich: <em>Narrenleben. Roman<\/em>. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg 2015<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Bescheidne Wahrheit sprech ich dir:<br \/>\nWenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt<br \/>\nGew\u00f6hnlich f\u00fcr ein Ganzes h\u00e4lt<br \/>\n(Goethe: Faust, V. 1346-1348)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Titel des neuen Romans von Hans Joachim Sch\u00e4dlich er\u00f6ffnet ein vielschichtiges Bedeutungsfeld. Die Spannweite des Wortes \u201cNarr\u201c reicht, historisch betrachtet, vom Spa\u00dfmacher und Schelm bis zum Mi\u00dfgestalteten, zum Toren, zum Irren oder gar zum zwielichtigen Verwandten des Teufels. Im positiven Bereich kann die Ausdrucksm\u00f6glichkeit des Wortes einen geistreich-unterhaltsamen, humorvollen, lustigen oder weltfremden und au\u00dfenseiterischen Mitmenschen meinen, wie dann im negativen einen unreifen, voreingenommenen, tollpatschigen, dummen oder ignoranten. Hinzu kommt die mit der Zeit herausgebildete Funktion des Schelms, Schalks oder Komikers, der als Possenrei\u00dfer und Spa\u00dfmacher f\u00fcr Unterhaltung und Belustigung seiner Umwelt sorgt, wie das in vielen Kulturkreisen nachzuweisen ist. Aus der Rolle des Zeitvertreibers und Stadtnarren, man denke etwa an Till Eulenspiegel, entwickelte sich dann in der Zeit vom 14. bis zum 18. Jahrhundert die besondere Auspr\u00e4gung des Hofnarren, der wie Hofmohren und Hofzwerge zum Gesinde der jeweiligen Herrschaften geh\u00f6rte, aber durch die ihm zugesprochene Narrenfreiheit sogar Kritik \u00e4u\u00dfern konnte, die allen anderen verwehrt war. Im feudalen Machtsystem bildete sich so f\u00fcr den mutigen Hofnarren ein Handlungsfreiraum heraus, hin und wieder die Wahrheit verlauten zu lassen. Er tat dabei das, was Walter H\u00f6llerer einmal vom Schriftsteller sagte: \u201cSchreiben hat etwas zu tun mit In-Unordnung-bringen: n\u00e4mlich eine Ordnung, die du nicht f\u00fcr richtig h\u00e4ltst, die du nicht ausstehen kannst, &#8211; und es hat etwas zu tun mit In-Ordnung-bringen: etwas zusammenzuf\u00fcgen, was immer auseinandergetrieben worden Ist\u201c. Das gilt ebenso f\u00fcr die Aktionen kluger Narren. Sie bringen etwas durcheinander, um der Mitwelt eine andere, bessere Ordnungsm\u00f6glichkeit anzudeuten. \u201cKluge Narren reden besser\u201c, konnte darum Nietzsche sagen. Kritisierende oder karikierende Wahrheit zu \u00e4u\u00dfern, war nat\u00fcrlich ein Drahtseilakt. Allemal blieb der Hofnarr dabei dem Zornesrisiko des Herrschers ausgesetzt. Immerhin gewann manch ein Hofnarr auf diese Weise Ansehen und sogar Faszinationskraft. Immer wieder konnte er \u00fcber den Rahmen einer blo\u00df lustigen Person hinauswachsen und, gleichsam spielerisch, gesellschaftlich relevante menschliche \u00c4ngste und N\u00f6te artikulieren und Aktionen des Herrschers kritisch beleuchten. Solche Narren sind imstande, uns die bestehende Wirklichkeit als \u201ckleine Narrenwelt\u201c &#8211; im Sinne des von Goethe durch Mephisto kritisch gesehenen Weltzustands &#8211; bewu\u00dft zu machen. Weil wir alle uns in dieser \u201ckleinen Narrenwelt\u201c tummeln, ist ein \u201cNarrenleben\u201c identisch mit der Lebenskom\u00f6die schlechthin. Deswegen sollten Narren uns nebenbei auch lehren, uns nicht zu ernst zu nehmen.<\/p>\n<p>Ein so gearteter, von Freiheit und Menschlichkeit tr\u00e4umender Narr war der von Hans Joachim Sch\u00e4dlich ausgew\u00e4hlte Joseph Fr\u00f6hlich aus der Steiermark, ein gelernter M\u00fcller, der von 1694 bis 1757 lebte. Nur seinem Innern folgend, k\u00e4mpfte er als Hofnarr mit den ihm gegebenen beschr\u00e4nkten M\u00f6glichkeiten ganz selbstverst\u00e4ndlich und unprogrammatisch f\u00fcr eine humanere Welt. Dabei kann das Lachen immer wieder ziemlich traurig geraten. Als seines Zeichens kurf\u00fcrstlich-k\u00f6niglicher Hoftaschenspieler im Dresden Augusts des Starken, r\u00fcckt ihn Sch\u00e4dlich ins Zentrum des Romans. \u00dcber diese historische Figur gelingt es ihm, hinter der gesellschaftlichen Situation im Absolutismus die unertr\u00e4gliche Lage derer zu schildern, die Macht und Willk\u00fcr der Herrschenden ausgesetzt waren und h\u00e4ufig immer noch sind. Seit seinen Anf\u00e4ngen pflegt der Autor sie vielsagend \u201cdie Unm\u00e4chtigen\u201c zu nennen. Damit f\u00fchrt er sein Grundthema weiter, Machtmi\u00dfbrauch und Unfreiheit in Geschichte und Gegenwart anzuprangern. Wie schon in der vorangegangenen Novelle \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Voltaire und Friedrich II. (\u201cSire, ich eile\u201c) oder im Erz\u00e4hlst\u00fcck \u00fcber den Komponisten Antonio Rosetti (\u201cConcert Spirituel\u201c) wird die Leserschaft ein weiteres Mal mit dem Absolutismus konfrontiert, der ja in der heutigen Kapitalakkumulation durchaus noch eine nicht zu \u00fcbersehende strukturelle Nachwirkung aus\u00fcbt. Durch sein Reden und Wirken macht uns Joseph Fr\u00f6hlich mit der zweischneidigen Situation des Narren vertraut. Der taschenspielerisch begabte \u201clustige Rat\u201c mu\u00df durchaus die Launen der M\u00e4chtigen immer wieder \u00fcber sich ergehen lassen, versteht es aber, wenigstens punktuell die Rolle des Unm\u00e4chtigen zum Signal von Humanit\u00e4t, Vernunft und Freiheit zu nutzen. Ironie ist dabei seine Waffe. Weil unertr\u00e4gliche M\u00e4ngel oder Mi\u00dfst\u00e4nde entlarvend vorgef\u00fchrt werden, unterminieren ironisch vorgebrachte Wahrheiten das herrschende System der feudalen Hierarchie, auch wenn sich nach au\u00dfen zun\u00e4chst nichts \u00e4ndert. Es ist kein Zufall, da\u00df die im Roman beschriebenen unertr\u00e4glichen Sozialstrukturen immerhin im Land des \u2018Sonnenk\u00f6nigs\u2018, in Frankreich, Jahrzehnte sp\u00e4ter, 1789, zur gewaltsamen Beseitigung des Absolutismus gef\u00fchrt haben. Viel zu wenig bekannt ist, da\u00df unter anderem auch die direkt unter dem Volk verbreiteten Flugschriften der \u2018Mathurine la folle\u2018, der ersten Hofn\u00e4rrin Frankreichs, vorbereitend dazu ihren kleinen Teil beigetragen haben. Sie stellte in diesen Texten, die sie h\u00f6chstpers\u00f6nlich auf dem Pariser Pont Neuf verkaufte, Willk\u00fcr, Mi\u00dfwirtschaft und Heuchelei am Hofe blo\u00df. Narrenfreiheit kann eben durchaus Langzeitwirkung haben.<\/p>\n<p>Sch\u00e4dlich ist als Historiograph immer auch erz\u00e4hlender Poet. Mit gro\u00dfer Sorgfalt sp\u00fcrt er den historischen Zusammenh\u00e4ngen bis in alle Einzelheiten nach, nimmt sich aber zugleich die Freiheit, bei der Gestaltung seines Textes das Faktische sowohl kurz und b\u00fcndig zu straffen, als auch fiktiv zu unterf\u00fcttern und zugleich mit kunstvoll kristallisierender Wortgestaltung anzureichern. Das gelingt ihm auf dreierlei Weise. Zum einen erreicht er auf dem Wege konsequenter Verknappung mit pr\u00e4zisen Satz- und Dialogfolgen eine konzentrierte und deshalb gut \u00fcberschaubare Darstellung der historischen Befunde. Dadurch gewinnt das plastisch mitgeteilte Faktenmaterial ausweitbaren Parabelcharakter. Zum andern r\u00fcckt er das narrativ vermittelte Geschehen in ironische Distanz. Das regt den Leser dazu an, dem Erz\u00e4hlten kritisch zu begegnen, ohne in seiner genu\u00dfvollen Aufnahme des mit Kunst und Absicht zusammengef\u00fcgten Wortmaterials beeintr\u00e4chtigt zu werden. Anregend wirkt schlie\u00dflich zum Dritten die von Sch\u00e4dlich praktizierte Erz\u00e4hlmanier st\u00e4ndigen Wechsels von Ich-Erz\u00e4hlung und auktorial berichtender Au\u00dfenperspektive. Denn gerade durch den zum Mitdenken auffordernden perspektivischen Wechsel der pointiert vermittelten Erz\u00e4hlelemente bekommt der Leser die M\u00f6glichkeit geboten, sich aktiv mitwirkend, von den heutigen Problemen her, in den Rezeptionsproze\u00df einzuschalten. Die Darstellungsweise in meist kurzen Abs\u00e4tzen, stellenweise verlebendigt durch eingef\u00fcgte Dialogpartien, erzeugt eine die Aufmerksamkeit steigernde, weiterdr\u00e4ngende Bewegung, erlaubt jedoch ebenso das fortw\u00e4hrend n\u00f6tige reflektierende Innehalten. All dies bewirkt zusammen, da\u00df uns Lesern das historisch Ferne ungemein nahe vorkommt. Wir erkennen im Jagdrevier der M\u00e4chtigen uns durchaus vertraute Lebensstrukturen.<br \/>\nFr\u00f6hlich darf als einziger August den Starken mit \u2018du\u2018 anreden, aber nat\u00fcrlich \u00e4ndert das nichts an seiner unbedingten Abh\u00e4ngigkeit. Nicht ohne Grund beginnt der Roman mit einem wenig freundlichen und insofern symptomatischen \u2018Dialog\u2018 zwischen einem Schreiber des Markgr\u00e4flichen Hofes Bayreuth und dem angehenden Hof-Taschenspieler, zwischen dem Repr\u00e4sentanten der Macht und dem Unm\u00e4chtigen. Das ist nat\u00fcrlich in Dresden nicht anders. Zur Best\u00e4tigung dieser Abh\u00e4ngigkeit erh\u00e4lt der lustige Narr jedes Mal, wenn er vor August erscheint, je nach Laune einen Klaps, eine Ohrfeige oder einen Schlag auf die Wange. Der Kurf\u00fcrst und K\u00f6nig sch\u00e4tzt zwar an ihm, da\u00df er ein \u201cNarrendorf in seinem Kopf\u201c hat. Dennoch l\u00e4\u00dft er beim Besuch des preu\u00dfischen K\u00f6nigs Friedrich Wilhelm I. zum Vergn\u00fcgen der Hofgesellschaft an ihm das Fuchsprellen vorf\u00fchren oder mutet ihm in Wittenberg den Studentenulk zu, sich als Taschenspieler immatrikulieren zu lassen. Zur Strafe verdonnert der dem Gel\u00e4chter Ausgelieferte in seiner Antrittsrede August dazu, f\u00fcr die finanziell kurz gehaltene Universit\u00e4t Geld lockerzumachen. Er tr\u00e4gt gleichfalls wesentlich dazu bei, die geplante Heirat des 58-j\u00e4hrigen Witwers August mit der 19-j\u00e4hrigen preu\u00dfischen Prinzessin Wilhelmine zu verhindern (\u201cMein lieber K\u00f6nig, du bist dreimal so alt wie die Prinzessin \u2026 Dein lustiger Rat r\u00e4t dir: Heirate nicht!\u201c). August mu\u00df danach eingestehen: \u201cEr hat ja recht\u201c.- Entschieden fragw\u00fcrdig kommt dem lustigen Rat ebenso das f\u00fcnf Millionen Taler teure \u201cGro\u00dfe Campement\u201c oder \u201cLustlager\u201c vor. Sein berechtigter Einwand: \u201cWozu das alles? Es w\u00e4re besser gewesen, du h\u00e4ttest den Bauern f\u00fcnf Millionen Taler Steuern erlassen\u201c, wird von August mit der Staatsraison gekontert. Auf die Entgegnung Fr\u00f6hlichs: \u201cDa\u00df man stark ist, mu\u00df man nicht zeigen. Man mu\u00df es sein\u201c, bleibt dem Monarchen lediglich ein resigniertes \u201cAch Joseph\u201c zu sagen. Insgeheim bringt ihre unterschiedliche Betrachtungsweise die beiden dennoch einander n\u00e4her. Eine ebenso eingef\u00fcgte Unterhaltung zwischen Fr\u00f6hlich und dem befreundeten Buchh\u00e4ndler und Chronisten Johann Christian Crell dient dazu, den Leser aufzukl\u00e4ren \u00fcber die Folgen aristokratischer Libertinage. August der Starke, dem der Volksmund 365 Nachkommen zuschreibt, ist daf\u00fcr ein geeignetes Beispiel. Die n\u00fcchterne Aufz\u00e4hlung des \u201cFrauen- und Kinder-Durcheinanders\u201c von Augusts Gemahlin und den nicht wenigen M\u00e4tressen nebst den jeweiligen Kindern gen\u00fcgt dem Autor, um davon eine die Verh\u00e4ltnisse entlarvende Komik ausgehen zu lassen. Bei aller dem Text durchg\u00e4ngig eingeschriebenen Kritik am Absolutismus ist jedoch der Konfiguration August \u2013 Joseph insgeheim eine gewisse Seelenfreundschaft abzulesen, die vor allem in der impulsiven Reaktion Josephs beim Tod Augusts zum Ausdruck kommt: \u201cMein guter K\u00f6nig \/ Mein gro\u00dfer Freund. \/ Nie mehr heitere Gespr\u00e4che! \/ Nie mehr ein offenes Wort. \/ Ich habe nur geweint\u201c.<\/p>\n<p>Derartige geistige und menschliche N\u00e4he gibt es dann \u00fcberhaupt nicht zwischen dem etablierten Hofnarren und Augusts Nachfolger, dem \u201cw\u00fcrdevoll, steifen, nicht lebenslustigen\u201c Friedrich August II. Der kann einen lustigen Rat um sich herum nicht brauchen, beh\u00e4lt aber freundlicherweise die Bezahlung bei. Schlie\u00dflich schiebt er ihn als M\u00fchlen-Commisarius in die polnischen Gefilde ab. Ein fester Sold erlaubt es Fr\u00f6hlich, in Dresden ein Haus, das \u201cNarrenh\u00e4usel\u201c, zu bauen und f\u00fcr Frau, Kinder und Enkelkinder Vorsorge zu treffen. Kurz vor seinem Tod mu\u00df er dann noch erleben, da\u00df die Preu\u00dfen unter dem ebenso erfolgs- und eroberungss\u00fcchtigen wie r\u00fccksichtslosen Friedrich II. in Sachsen einmarschieren und damit den Siebenj\u00e4hrigen Krieg vom Zaun brechen, der sich bekanntlich zu einem Weltkrieg auswuchs. Die Schlacht bei Lobositz in Nordb\u00f6hmen im Oktober 1756 gibt Sch\u00e4dlich Gelegenheit, an zwei Stellen aus der authentisch plebejischen \u201cLebensgeschichte\u201c des zum Milit\u00e4rdienst gepre\u00dften Ulrich Br\u00e4ker (\u201cLebensgeschichte und Nat\u00fcrliche Ebentheuer (!) des Armen Mannes im Toggenburg\u201c, Z\u00fcrich 1789) zu zitieren. Br\u00e4ker entschlo\u00df sich unter dem Eindruck dieses \u201cunbeschreiblichen Blutbads\u201c dazu, zu desertieren und dazu im R\u00fcckblick anzumerken: \u201cDas hei\u00dft &#8211; wo nicht mit Ehren gefochten (zu haben) -, doch gl\u00fccklich entronnen\u201c zu sein. Sein Blick von unten bef\u00e4higt ihn zu der \u2018def\u00e4tistischen\u2018, in Wahrheit menschlich vern\u00fcnftigen Haltung, die ihn in die N\u00e4he jener n\u00e4rrischen Weisheit r\u00fcckt, die das Zeug hat, zum Protest gegen die bestehende Gesellschaftsordnung anzuregen und somit ins Schwarze zu treffen. Auf all diesen verschiedenen narrativen Pfaden gelingt es dem Autor die Zeitumst\u00e4nde brennglasartig herauszuheben.<\/p>\n<p>Wie gr\u00fcndlich sich Sch\u00e4dlich \u00fcber das Narrenwesen informiert hat, zeigen beil\u00e4ufige Hinweise. Er erw\u00e4hnt nicht nur den originell einbezogenen Vorl\u00e4ufer Fr\u00f6hlichs, Claus von Ranst\u00e4dt, Hofnarr Friedrichs des Weisen, sondern auch die 1705 erschienene Schrift des katholischen Predigers und Schriftstellers Abraham a Sancta Clara, alias Johann Ulrich Megerle, mit dem sch\u00f6nen Titel \u201cWunderlicher Traum \/ Von einem grossen Narren-Nest\u201c. Ebenso fehlt nicht die ganz anders geartete Geschichte des preu\u00dfischen \u2018Narren\u2018 Jacob Paul Freiherr von Gundling, jenes ungl\u00fccklichen Pr\u00e4sidenten der Preu\u00dfischen Akademie der Wissenschaften, der seiner Neigung wegen, mehr zu trinken \u201cals ihm zutr\u00e4glich war\u201c, zum Ziel allgemeinen Spottes wurde. Widerstandslos lie\u00df der \u201cNarr wider Willen\u201c alles mit sich geschehen. Vor allem das Tabakskollegium des \u2018Soldatenk\u00f6nigs\u2018 machte ihn mit fortgesetzten Dem\u00fctigungen zum unfreiwilligen Narren. Man warf ihn in den zugefrorenen Schlo\u00dfgraben, damit er einbrechend in Panik geriet, legte ihm zwei junge B\u00e4ren ins Bett, machte ihn zum Vater eines Affen. Die Zechgenossen begr\u00fc\u00dften ihn mit einem Eselsschrei, den er erwidern mu\u00dfte. Obwohl auf so \u00fcble Art erniedrigt, wollte Gundling mit Fr\u00f6hlich nichts gemein haben, weil er glaubte, etwas Besseres zu sein. Der reagierte darauf mit dem weisen Satz: \u201cHochmut tut niemand gut. Narren sollten einander nicht geringsch\u00e4tzen\u201c. Zum schlechten Schlu\u00df wurde Gundling auch noch in einem Fa\u00df-Sarg beigesetzt. Fr\u00f6hlich quittierte das ironisch-elegant mit einem \u201czwanzig Ellen langen Trauerflor\u201c. Aber auch sein Leben neigte sich bald danach dem Ende zu. Wegen der preu\u00dfischen Besatzung Sachsens wurde er Ende Oktober 1756 nach Warschau beordert. Dort angekommen, qu\u00e4lten ihn Schmerzen in der Brust. Wenige Monate sp\u00e4ter, am 27. Juni 1757, starb er in seiner M\u00fchle. Damit endet der erste Teil des Romans.<\/p>\n<p>Die von Fr\u00f6hlich hinterlassene satirische Schrift \u201cPolitischer Kehraus \u2026 mit Freud und Leid geschrieben\u201c, ver\u00f6ffentlichte der Sohn Jacob 1763. Darin stand unter anderem zu lesen: \u201c\u2026 was die Gro\u00dfen einbrocken, sollen die Niedrigen ausfressen. Schie\u00dfen die Gro\u00dfen B\u00f6ck, so treten sie die Kleinen in den Dreck. \u2026 Schaut, ihr Kleinen, ihr habt M\u00e4uler, ihr habt Augen, warum seht und redet ihr nit einm\u00fctig, wo ihr sehn und reden sollt?\u201c Das war entschieden notwendiger, klassenk\u00e4mpferischer Klartext eines seine Zeit durchschauenden und \u00fcber sie hinausdenkenden einfachen, couragierten Menschen.<\/p>\n<p>Kontrastierend zum erf\u00fcllten Narrenleben Joseph Fr\u00f6hlichs kommen dann noch die von Sch\u00e4dlich absichtsvoll hinzugef\u00fcgten \u2018Memoiren\u2018 des unfreiwilligen \u2018Narren\u2018 Peter Prosch aus Tirol. Mit einen einfallsreichen Kunstgriff stellt der Autor in einem fiktiven Brief Proschs an den ber\u00fchmten Zunftgenossen und Verfassers des \u201cPolitischen Kehraus\u201c die Verbindung zum zweiten Teil her. Die in 13 \u2018Parts\u2018 gegliederten \u2018Memoiren\u2018 basieren auf der von Prosch selbst verfa\u00dften Biographie. Dieser arme Teufel mu\u00dfte sich lebenslang als Vagant m\u00fchsam an seinem Traum abarbeiten, da\u00df ihm die Kaiserin Maria Theresia einen Hut voll Geld schenkt und er sich so ein Haus bauen kann. Zwar geht der Traum in Erf\u00fcllung, jedoch f\u00fchrt Prosch in der Folge ein erniedrigendes Leben als herumziehender Handschuhverk\u00e4ufer, der Bosheit und Sadismus der jeweiligen Herrschaften, die er aufsucht, ausgesetzt ist. Nirgends findet er eine feste Anstellung. Bilanzierend mu\u00df er die deprimierende Feststellung machen: \u201cJe mehr ich ertrage, desto gr\u00f6\u00dfer ist mein Ertrag\u201c. Die schmerzlichen Erfahrungen Proschs \u2013 man erw\u00e4hlt ihn zum Taufpaten eines Esels, bindet ihn am Sattel eines wilden Pferdes fest, verpa\u00dft ihm ungut wirkende Klistiere, z\u00fcndet den ihm verpa\u00dften falschen Bart an, unterschiebt ihm ein Kind und mi\u00dfbraucht seine Frau \u2013 zeigen \u00fcberdeutlich wie weit Macht und Moral auseinanderliegen. Das ist die zwingende Quintessenz auch des zweiten Romanteils. Erstaunlich und h\u00f6chst lesenswert ist, was alles der Erz\u00e4hler Sch\u00e4dlich in komprimierender Pr\u00e4gnanz auf nicht einmal 200 Seiten unterbringt. Wie nebenbei weitet sich die Szenerie um die beiden sehr unterschiedliche Narrenleben zum charakteristischen Querschnitt einer ver-r\u00fcckten Welt, eben der Welt des Narrenlebens, &#8211; unserer Welt. Schnell ans Lesen, lieber Leser!<\/p>\n<p>Theo Buck<\/p>\n<p><strong>Frederick A. Lubich (Hrsg.), <em>Transatlantische Auswanderungsgeschichten: Reflexionen und Reminiszenzen aus drei Generationen. Festschrift zu Ehren von Robert Schopflocher<\/em>. (W\u00fcrzburg: K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, 2014) 647 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Auf die Bitte dieses Buch zu rezensieren, sagte ich sofort zu, weil mich das Thema Mehrsprachigkeit interessiert \u2013 wozu bei diesem Titel Interessantes zu erwarten war, vielleicht sogar \u00fcber die Frage, wie Deutsch und Spanisch im Kopf zueinanderpassen. Robert Schopflocher schreibt ja, wie ich aus seiner Autobiographie wei\u00df, in beiden Sprachen. Wie geht das? Mir brennen Dinge auf den N\u00e4geln, die ich auf Deutsch nicht beschreiben kann. Auf Spanisch (meine Lieblingssprache) ginge es da? Das Buch kam an &#8212; ein W\u00e4lzer, Beitr\u00e4ge von rund siebzig Autoren. Nach dem ersten Schreck las ich Egon Schwarz\u2019 Beitrag \u201cSprachen im und f\u00fcrs Exil\u201d und fand, was ich suchte: der Autor beschreibt zum Beispiel die \u201cTrefflichkeit der phonetischen Ortographie\u201d im Spanischen, leicht zu lernen f\u00fcr einen deutschen Muttersprachler, wie ich aus eigener Erfahrung wei\u00df.<\/p>\n<p>Jetzt, nach der Lekt\u00fcre aller Beitr\u00e4ge &#8212; in den meisten erz\u00e4hlen Auswanderer \u00fcber ihre erzwungene oder freiwillige Auswanderung aus einem deutschsprachigen Land und ihre Eingliederung in ein neues, in dem eine andere Sprache gesprochen wird &#8212; interessieren mich diese zwei Ausdr\u00fccke sehr: \u201chybrider Schriftsteller\u201d (siehe Reinhard Andress\u2019 interessanten Artikel \u00fcber Robert Schopflocher) und \u201cbutterfly effect\u201d (kein Synonym f\u00fcr Schneeballeffekt, wohl bemerkt) &#8212; Guy Sterns Begegnung mit Marlene Dietrich an der europ\u00e4ischen Front im zweiten Weltkrieg zum Beispiel!<\/p>\n<p>Der l\u00e4ngste Beitrag in dieser Festschrift sind Frederick Lubichs in f\u00fcnf Teile gegliederte, mit Eichendorff-Zitaten und Songzeilen seiner Lieblingsbands geschm\u00fcckten und faszinierend zu lesenden Reisebilder. Dieser autobiographische Text ber\u00fchrt unter vielen anderen das Thema Zur\u00fcckwandern. Lubichs Gro\u00dfeltern, M\u00e4hrisch sprechende Sudetendeutsche, gehen nach dem zweiten Weltkrieg gezwungenerma\u00dfen nach Deutschland zur\u00fcck; von da wandert der Enkel sp\u00e4ter in die USA aus\u2026 An einer Stelle weinte ich fast. Lubich, die fr\u00fchen siebziger Jahre feiernd, schreibt: \u201cWir Deutschen der ersten Nachkriegsgeneration sp\u00fcrten Freuds \u2018Unbehagen in der Kultur\u2019 ganz besonders und reagierten mit entsprechend radikaler \u2018Gegenkultur\u2019. [\u2026] \u2018Heavy Metal\u2019 statt \u2018Heavy Artillery\u2019, das wurde unsere Lebensphilosophie \u2013 vor allem wenn es um Grenzerfahrungen ging.\u201d Der Autor feiert das Reisen, \u201causgiebige Ausfl\u00fcge, vor allem nach Frankreich und Italien\u201d und bezeichnet diese Zeit r\u00fcckblickend als \u201cgro\u00dfe jugendbewegte Aufbruchzeit\u201d. Aber wir? Die auf der anderen Seite der Mauer? Statt nach Italien zu trampen, FDJ Fackelz\u00fcge und Stasi. Wer das nicht aushielt, konnte ja versuchen, von Hiddensee aus durch die Ostsee nach D\u00e4nemark zu schwimmen, wie wir in Lutz Seilers preisgekr\u00f6ntem Roman <em>Kruso<\/em> (Deutscher Buchpreis 2014) gerade lesen k\u00f6nnen. \u201cWir Deutschen\u201d \u2013 schlie\u00dft der Begriff uns, die von der anderen Seite, aus?<\/p>\n<p>Mehrere Autoren geben Leseempfehlungen; die ersten zwei B\u00fccher auf meiner Liste sind Robert Schopflochers <em>Die verlorenen Kinder<\/em> und Martin Caparr\u00f3s\u2019 <em>Wir haben uns geirrt<\/em>, Romane, die kritisch auf die argentinische Milit\u00e4rdiktatur zur\u00fcckblicken. Denn das geh\u00f6rte leider auch zum Auswandern nach S\u00fcdamerika \u2013 Milit\u00e4rdiktaturen, nachdem man vor noch gar nicht so langer Zeit Hitler entronnen war\u2026 Vielleicht war die DDR gar nicht so schlimm im Vergleich?<\/p>\n<p>Und sogar das geh\u00f6rt zum Thema dieses Buches: Fred Viebahn, der in den USA lebende deutsche Schriftsteller, erinnert sich an 9\/11 \u2013 auf dem Urlaubsschiff nach Europa unterwegs sein und da st\u00fcrzen auf dem Bildschirm die Twin Towers ein! Ist das Fiktion oder Realit\u00e4t? Was ist der Unterschied zwischen beiden? Schlie\u00dflich hielten 1938 viele Orson Welles\u2019 H\u00f6rspiel <em>War of the Worlds<\/em> zuerst f\u00fcr Wirklichkeit und verfielen in Panik. Da bist du erst einmal vorsichtig, bevor du Bildern glaubst\u2026<\/p>\n<p>Der Herausgeber Frederick Lubich hat die von Zeichnungen von Peter Pabisch sehr sch\u00f6n eingeleiteten und in drei verschiedenen Sprachen (Deutsch, Englisch, Spanisch) geschriebenen Texte in acht Kapitel gegliedert: Erinnerungen an Schopflocher und Gl\u00fcckw\u00fcnsche zu seinem 90. Geburtstag, Essays zum Autor oder zum Thema Shoah, Reflexionen \u00fcber fast alle Aspekte des Auswanderns, Rezensionen neuer B\u00fccher zum Thema und Interviews mit bekannten Ausgewanderten sowie das mit \u201cMemories and Fantasies\u201d betitelte Kapitel VII, das ein bisschen eine Stopfgans ist (aber bei der Lekt\u00fcre nicht weglassen, einige der interessantesten Beitr\u00e4ge des Bandes f\u00fcllen es). Mein Lieblingskapitel ist VI: \u201cS\u00fcdamerika: Fremde (und) Heimat\u201d; es weckte Erinnerungen an meine Reisen nach S\u00fcdamerika und den Entschluss, unbedingt noch einmal nach Argentinien zu fliegen \u2013 aber erst nachdem ich die oben genannten Romane \u00fcber die Milit\u00e4rdiktatur gelesen habe! Kapitel VIII mit Beitr\u00e4gen von Studenten aus Virginia \u00fcber atlantische Hin- und Herbewegungen schlie\u00dft das Buch \u2013 die J\u00fcngsten haben das letzte Wort: \u201cMan braucht das Andere, muss auch das Fremde kennengelernt haben, um herauszufinden, wohin man geh\u00f6rt und was man hat.\u201d (Sabine Smithers).<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre dieses Buches ist ein Muss f\u00fcr alle, die sich f\u00fcr die Themen Exil, Shoah, Auswandern, Integration und, vielleicht, Nicht-integration und Zur\u00fcckwandern interessieren.<\/p>\n<p>Gabriele Eckart<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Rolf Niederhauser,\u00a0<em>Seltsame Schleife.<\/em><\/strong> Z\u00fcrich: Rotpunktverlag, 2014.<\/p>\n<p>Der Roman <em>Seltsame Schleife <\/em>ist ein anspruchsvolles Buch, das Zeit zum Lesen und Denken verlangt! Schon wenn man es in die Hand nimmt, muss man sich anders orientieren. Das Wort <em>Schleife<\/em> auf dem Umschlag steht unter <em>Seltsame <\/em>auf dem Kopf und auf der R\u00fcckseite wiederholt sich das Spiel auf umgekehrte Weise. Auf der rechten Seite elf beginnt der Roman mit dem ersten Kapitel \u201cDie Reise\u201d, darunter ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethes <em>Wilhelm Meister I<\/em>; auf Spanisch! Die Reise beginnt mit dem Wort \u201cBuenaventura,\u201d die Stadt in Kolumbien, die aber, wenn man die Geschichte zu Ende gelesen hat, dieses Ende der Anfang ist. \u201cGeschichten lassen sich nur vom Ende her erz\u00e4hlen, wie es auch keine Gegenwart gibt, auf der andern Seite, die etwas anderes w\u00e4re als eben erst wahrgenommene Vergangenheit. Jede Information braucht Zeit, um im Bewusstsein anzukommen\u201d (50). Die zweite Seite ist nicht auf der folgenden R\u00fcckseite, sondern wieder rechts; also Seite 12. Man liest so zuerst 368 rechte Seiten, muss dann das Buch umdrehen\u2014auf den Kopf stellen\u2014und das zweite Kapitel, \u201cDie R\u00fcckkehr\u201d von Seite 370 bis 727 lesen, wobei das kurze, dritte Kapitel ganz am Ende (S. 716-727) mit \u201cDie Recherche\u201d \u00fcberschrieben ist. Diese Recherche ist der erz\u00e4hlerische Anti-Klimax und ein erkl\u00e4render Versuch, der die Wahrhaftigkeit und Wahrscheinlichkeit der Geschichte hinterfragt. Immer nur die rechte Seite eines Buches lesen fixiert irgendwie den Kopf, den Blickwinkel des Lesers\/der Leserin, immer mit dem Kopf nur nach rechts blickend ist anstrengend. Zudem ist der subjektiv-emotionelle Bericht des Protagonisten, Pit oder Nicol\u00e0s D\u00f6rflinger, ein tagebuch-artiges Note Book Journal, durchwegs in Kleinbuchstaben (au\u00dfer am Satzanfang und Namen) und ohne Kommata verfasst, w\u00e4hrend ein auktorialer Erz\u00e4hler zwischendurch kurze Erkl\u00e4rungen in Standard-Orthographie einf\u00fcgt (wie z.B. das obige Zitat). Diese \u00e4u\u00dferliche Leseoptik und -technik ist anfangs irritierend, nicht nur wegen der deutschen Kleinschreibung und kommalosen S\u00e4tze, sondern auch wenn man das Buch wieder zur Hand nimmt. Mehrmals ist es passiert, dass ich in die falsche Richtung der Schleife gelesen habe, obwohl ich das angebundene graue Stofflesezeichen benutzte, was mir aber einige weitere Handlungshinweise bescherte. Da die Geschichte in Mexiko, Kolumbien und Panama sowie die allgemeine Ausgangslage in der Schweiz und den Vereinigten Staaten spielt, sind die Dialoge oft auf Spanisch und Englisch. Eine intertextuelle, diskursive Sprachanalyse, die an Ludwig Wittensteins Theoreme erinnert, zieht sich wie eine Schleife durch den Text. Oft fasst der Protagonist die f\u00fcr ihn sinngebende Bedeutung von zwischenmenschlicher Kommunikation in indirekter Rede zusammen. W\u00e4hrend seiner Reise liest und zitiert er von der spanischen \u00dcbersetzung von Goethes <em>Wilhelm Meisters Lehrjahre <\/em>(<em>Los a\u00f1os de aprendizaje de Wilhelm Meister<\/em>). Also ein Hinweis auf einen Bildungsroman, was dieses faszinierende Buch durchaus ist, bzw. es sind zwei B\u00fccher, seltsam ineinander geschachtelt, ein spannender Abenteuer-Reise Roman und eine Sammlung von philosophischen, sprachwissenschaftlichen, kulturwissenschaftlichen, sozio-historischen, naturwissenschaftlichen, mathematischen und informationswissenschaftlichen Essays, die immer auf ein Ziel gerichtet sind: Was ist Wirklichkeit und was ist Bewusstsein, auch als sogenannte \u201cdoble-yo routine,\u201d indem, \u201cum sich selbst steuern zu k\u00f6nnen, muss das verdoppelte \u201aselbst\u2019 ja in jedem augenblick seine aktuellen beziehungen zu den objekten mit einer reihe von m\u00f6glichen beziehungen vergleichen\u201d (310). Die grundlegende Frage (was ist Wirklichkeit und Cyber Space?) ziehlt auf die Evolution der zu erkennenden Begriffsinhalte hin, wie die Sprache damit umgeht, aber die Semantik wird nie <em>per se <\/em>erw\u00e4hnt. Die Folge der komplexen und oft komplizierten wissenschaftlichen oder para-wissenschaftlichen Abhandlungen sind narrativistisch geschickt, verzwickt und verschlungen in die Handlung eingebaut, d.h. der Leser\/die Leserin muss sich da durchk\u00e4mpfen bis man zur Fortsetzung der spannenden Reise gelangt. Man sp\u00fcrt immer, wie der Autor die Geschichte und den Leser\/die Leserin kontrolliert, indem er wiederkehrend vorgreift, manchmal nur einen Satz einf\u00fcgt um die Spannung anzukurbeln, oder er l\u00e4sst Erinnerungsbilder und R\u00fcckblenden an ganz unerwarteten Stellen aufblitzen. Im ersten, rechts-buchlangen Kapitel erfahren wir nur Buchst\u00fccke vom Leben des Protagonisten, einem Schweizer, der seit f\u00fcnf Jahren am M.I.T. (Massachusetts Institute of Technology) an einem Roboter-Forschungsprojekt mitarbeitet. Der Name Flor Marina taucht st\u00e4ndig auf, schon auf der f\u00fcnften Leseseite, ohne dass man wei\u00df, wer diese Frau ist, deren profunde Ansichten und Lebensausschnitte aber ausf\u00fchrlich beschrieben werden. Der Autor manipuliert die Narrative stets mit einem \u201cinput gap,\u201d was n\u00e4mlich auch Frauen im Leben D\u00f6rflingers bedeuten. \u201cJa, sowie ich dar\u00fcber nachdachte, musste ich zugeben dass die gegenwart einer frau nur die funktion hatte so etwas wie eine l\u00fccke in meiner wahrnehmung zu f\u00fcllen, einen <em>input gap <\/em>schliessen\u201d (240). Erst auf Seite 242 erfahren wir, wie er Flor Marina in Kolumbien kennengelernt hat. Nun beginnt die endlose Schleife (S. 249) in der Beziehungsnarrative, obwohl der Begriff Schleife zuerst zur Beschreibung der Busroute durch die Stadt bis der Bus gef\u00fcllt ist, gebraucht wird. Aber die Schleife beginnt schon fr\u00fcher im Auto von D\u00f6rflinger in Cambridge, im Staate Massachusetts, und f\u00fchrt nicht nach Texas zum Elternhaus seiner Freundin Lilith wie geplant, sondern nach Mexiko zu seinem Schweizer Freund Guido, dann mit ihm und seiner Tochter auch auf die Galap\u00e1gos und dann nach Kolumbien und von dort zu Fu\u00df mit Flor Marina durch den Dschungel nach Panama, nat\u00fcrlich nicht linear, sondern intermittierend ins Note Book geschrieben. Texttypisch ist diese Narrative ein klassisches Beispiel von \u201cstream of consciousness,\u201d gepaart mit existentiellem, innerem Konflikt, r\u00fcckblickend von der jeweils aktuellen, verzwickten Lage des Protagonisten. Er notiert auch viele Sinneswahrnehmungen von der Natur, der Umgebung, den Slums und den Menschen, die mit gro\u00dfer Sprachgewalt zu einem farbenvollen Bilderteppich gewoben werden. Alle Orte sind real und wenn man sie nicht kennt oder nichts dar\u00fcber wei\u00df, kann man sie zus\u00e4tzlich auf dem Internet besuchen und wir erhalten die reale Best\u00e4tigung, dass der Protagonist wirklich da war, kein Ort, kein Museum, kein Park, keine Stra\u00dfe ist erfunden. Vieles zur wahrhaftigen Geschichte und Politik\u2014aber was ist Geschichte und Politik anderes als was dar\u00fcber geschrieben wird?\u2014erfahren wir von den Menschen mit denen D\u00f6rflinger auf seiner Reise spricht und in indirekter Rede von Flor Marina, sowie auch langsam mehr und mehr zu ihrer Biographie als Guerilla und sp\u00e4ter politische Sozialarbeiterin. Nach dem \u201cintercourse\u201d in der H\u00e4ngematte im Dschungel beginnt sich die Beziehungs-Narrative langsam ins Groteske zu steigern, bis hin zum Mord und grausigen Leichenentsorgung. Als der Schuss losging, notierte ich am Rande der Seite, \u201cwoher hat D\u00f6rflinger die Waffe?\u201c, die er doch erst nach der Tat im Haus des ermordeten Freundes von Flor Marina geholt hatte, wie eine Schleife schon zuvor offenbarte. Solche faszinierenden Erinnerungs-Schleifen legt der Autor immer wieder zum Lesestraucheln.<\/p>\n<p>Die Kern-Narrative kann essentiell als eine <em>Homo faber <\/em>Geschichte interpretiert werden. Der unbewusste Inzest als narrativen Wendepunkt bezieht sich aber \u201cwahrscheinlich\u201d auf Bruder und Schwester, D\u00f6rlinger und Flor Marina, nicht auf Vater und Tochter. Die Wahrheit kann nicht vom Vater des Protagonisten best\u00e4tigt werden, da er Minuten vor dem Treffen mit dem aufgebrachten Sohn nach einer Herzoperation in Z\u00fcrich stirbt. Mit nur einem Foto als zweifelhaftem Beweis fliegt er gleich wieder nach Panama, aber von der vermeinten Mutter und Tochter keine Spur mehr. Im Grunde genommen h\u00e4tte D\u00f6rflinger noch Blut von seinem Vater und ein Haar oder Hautzellen von Flor Marina in seinen Sachen zu einer DNA-Analyse suchen k\u00f6nnen, aber wie so oft fallen ihm rein logische, mechanische oder physikalische M\u00f6glichkeiten erst sp\u00e4ter ein, weil seine Gedanken mit der Niederschrift eines philosophischen oder mathematischen Ph\u00e4nomens in Anspruch genommen werden.<\/p>\n<p>Die <em>Seltsame Schleife <\/em>ist ein komplexer, geschickt konstruierter Roman, der viele Textsorten mischt; viel reicher, tiefer und reflektierter als Max Frischs <em>Homo Faber<\/em>. Die komplexe Narrative und der Schreibstil Niederhausers kann sich durchaus mit den ganz \u201cGro\u00dfen\u201d der Weltliteratur messen; Gabriel Garcia M\u00e1rquez (vielleicht sein kolumbianisches Vorbild), Joseph Conrad, Philip Roth, James Joyce, Virginia Woolf und vor allem mit Mary Godwin Shelleys <em>History of a Six Weeks Tour <\/em>(1817), ein gemeinsames Tagebuch mit Percy Shelley \u00fcber ihre ausbrechende, gemeinsame Reise durch Frankreich im Jahr 1814. Der Text ist ebenfalls eine Reise-Liebesgeschichte, in der aber vorwiegend die Revolution und der Krieg mit einem politischen, philosophischen Idealismus beschrieben wird, genau wie die <em>Seltsame Schleife <\/em>die politischen und sozio-\u00f6konomischen Folgen der Revolution in Kolumbien und S\u00fcdamerika behandelt.<\/p>\n<p>Rolf Niederhauser spielt sprachlich-souver\u00e4n mit den Werkzeugen der vernetzten, digitalen, programmierenden, medialen Menschen, die aber trotzdem die Globalisierung negativ erfahren, weil sie immer wieder an Grenzen und Differenzen von Emotionen und sozialem Benehmen sto\u00dfen. Die klassischen Klischees und Stereotypen \u00fcber Schweiz\/USA\/Mittel- und S\u00fcd-Amerika haben ebenso einen Platz wie der Versuch sie zu durchschauen und zu dekonstruieren. Beim Schreiben des Romans hat Niederhauser seine mathematischen, naturwissenschaftlichen, psychologischen und philosophischen Recherchen in die Narrative aufgenommen, ein Grund warum dieses Buch eine so lange Gestationsperiode brauchte, zwanzig Jahre seit seinem letzten Buch. Die Exkurse Niederhausers erinnern sehr an die Philosophie des Mathematikers Bertrand Russel (1872-1970), der anfangs alle Realit\u00e4t als ein Produkt des Bewusstseins sieht, sp\u00e4ter aber behauptet, dass die Au\u00dfenwelt unabh\u00e4ngig von Erfahrungen und Bewusstsein existiert, also dass Erkenntnis nur empirisch von Sinneserfahrungen der Au\u00dfenwelt (<em>Our Knowledge of the External World<\/em> (1914) m\u00f6glich ist. Die <em>Seltsame Schleife <\/em>bereichert die engagiert-unterhaltende Schweizer Literatur au\u00dferordentlich!<\/p>\n<p>Margrit Zinggeler<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ernest Kuczynsky (Hg<em>.), Im Dialog mit der Wirklichkeit. Ann\u00e4herungen an Leben und Werk von J\u00fcrgen Fuchs<\/em>\u00a0(Halle(Saale): Mitteldeutscher Verlag GmbH, 2014).<\/strong>\u00a0Diese von dem jungen polnischen Germanisten Ernest Kuczynsky herausgegebene Anthologie zum literarischen Werk, mutigen Leben und politischen Wirken des Autors, Psychologen und B\u00fcrgerrechtlers J\u00fcrgen Fuchs erschien mit Unterst\u00fctzung der Heinrich B\u00f6ll Stiftung 15 Jahre nach seinem Tod. Es ist neben der von Ulrich Scheer im Jahre 2007 ver\u00f6ffentlichten Biografie <em>J<\/em><em>\u00fcrgen Fuchs. Ein literarischer Weg in die Opposition. Inhaftiert in Hohensch\u00f6nhausen<\/em> ein notwendiges Buch. Das gilt besonders f\u00fcr die j\u00fcngere Generation, die kaum noch Erinnerungen an die Zeit hat, in der die Stimme von J\u00fcrgen Fuchs von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr alle Menschen in der DDR war, die eine Umgestaltung des kleineren deutschen Teilstaates, den Fall der Berliner Mauer und letztlich auch die Vereinigung Deutschlands wollten.<\/p>\n<p><em>Im Dialog mit der Wirklichkeit<\/em> ist seinem Andenken und Verm\u00e4chtnis gewidmet. Es ist ein lesenswertes und facettenreiches Buch, geschrieben von fast vierzig Autoren, deren Leben von seinem schriftstellerischen Werk und seinem mutigen Kampf gegen die Diktatur auf die eine oder andere Art tief ber\u00fchrt und verschiedentlich auch ver\u00e4ndert wurde. Die Beitr\u00e4ge dieser Anthologie sind weitgehend kenntnisreich und gut geschrieben. Ernest Kuczynsky hat sie drei Hauptteilen zugeordnet. Im 1. Teil geht es um J\u00fcrgen Fuchs als dem &#8220;K\u00e4mpfer gegen das Vergessen&#8221;, der 2. Teil analysiert die &#8220;engagierte Literatur der Erinnerung&#8221; und der 3. J\u00fcrgen Fuchs&#8217; &#8220;biographische Stationen zwischen Ost und West&#8221;.<\/p>\n<p>Aus verschiedenen Quellen und Perspektiven erf\u00e4hrt man, dass J\u00fcrgen Fuchs ein feinf\u00fchliger, emphatischer und mutiger Mensch war. Schon als Obersch\u00fcler schrieb er unter dem Einfluss des Lyrikers Reiner Kunze, der ihm zu einem \u00e4lteren Freund und F\u00f6rderer wurde, ddr-kritische Gedichte. Ob in Reichenbach, seinem Geburtsort oder sp\u00e4ter in Jena und Berlin bildeten sich um ihn politische Freundeskreise, oder er schloss sich solchen an, wie z. B. in Berlin dem um Wolf Biermann und Robert Havemann, die Ver\u00e4nderungen in der DDR vorantreiben wollten, wie sie sich schon w\u00e4hrend seiner Schulzeit im &#8220;Prager Fr\u00fchling&#8221; 1968 andeuteten, aber letztlich von den Panzern des Warschauer Paktes niedergewalzt wurden.<\/p>\n<p>So sensibel und mutig er in allem auf die entw\u00fcrdigenden Unterdr\u00fcckungsmechanismen in der DDR reagierte, sagte er sich nie von der Vision eines demokratischen Sozialismus los, da er, der sich auch als Christ verstand (97), wie er sp\u00e4ter Esther Dischereit anvertraute, diesen f\u00fcr die den Menschen angemessene Gesellschaftsform hielt.<\/p>\n<p>Trotz Haft, schwerster psychologischer Zersetzungs- und Mordversuche durch die Stasi, waren sein Festhalten an den Ideen von Freiheit und Demokratie, seine Integrit\u00e4t und seine Standhaftigkeit kennzeichnend f\u00fcr diesen aufrechten Vogtl\u00e4nder; Doris Liebermann z. B. hat das \u00e4u\u00dferst eindringlich in ihrem Interview &#8220;Landschaften der L\u00fcge \u2014 Gespr\u00e4ch mit J\u00fcrgen Fuchs&#8221; zum Ausdruck gebracht. Einen NPD-W\u00e4hler, wie ihm das Vernehmer Nr. V, Peter Gr\u00fcnstein, Sohn des damaligen Stellvertretenden Innenministers der DDR, im Stasiknast Hohensch\u00f6nhausen prophezeit hatte, hat man aus ihm nicht machen k\u00f6nnen. (Fuchs, <em>Vernehmungsprotokolle<\/em>, Berlin: Rowohlt Verlag 1978)<\/p>\n<p>Auch war es ihm gerade wegen der Bedr\u00e4ngungen durch die staatlichen Institutionen der DDR und seiner in dieser Situation notwendigen H\u00e4rte sich selbst gegen\u00fcber an seinem Humor fest zu halten, der ihm ein unabdingbarer Bestandteil der menschlichen Freiheit war, wie Adam Zagajewski schrieb. (49) Auch Roland Jahn erinnerte sich: &#8220;Wenn ich an J\u00fcrgen denke, f\u00e4llt mir als erstes sein L\u00e4cheln ein.&#8221; (58)<\/p>\n<p>Sein L\u00e4cheln und sein Humor wurde nicht allen offenbar. So betitelte Helga Hirsch ihren Beitrag zur Anthologie &#8220;Der Unnachsichtige unter den Aufrechten&#8221;, eine Beurteilung, die m\u00f6glichweise auch andere unterschrieben h\u00e4tten. Seine nahen und fernen Freunde kamen, wie sich in den Beitr\u00e4gen zeigt, aus verschiedenen politischen Richtungen und gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen Dispositionen. Gut jedoch, dass sie alle zu Worte kamen.<\/p>\n<p>Ein sich r\u00fchrend k\u00fcmmernder Freund f\u00fcr Hilfesuchende und Hilfe Ben\u00f6tigende war er im Osten und blieb er auch nach seinem und dem &#8220;Verkauf&#8221;, wie er es damals empfand, seiner kleinen Familie in den Westen allemal \u2014 Hans Joachim Sch\u00e4dlich z. B., der nach ihm in den Westen kam, nannte ihn, auf sich bezogen, einen Samariter (120). Dass er und seine Frau Lilo den so genannten Problemkindern im Moabiter Projekt &#8220;Waldstra\u00dfe&#8221; ein zweites Zuhause schufen, wie Christa Moog in ihren Erinnerungen schreibt, best\u00e4tigt Sch\u00e4dlichs dankbares Urteil in einem anderen Kontext noch einmal. Die W\u00e4rme des Textes von Utz Rachowski, dem er schon ein Reichbach ein Freund wurde, spricht ein \u00dcbriges.<\/p>\n<p>Es ist schwer m\u00f6glich, in der Rezension einer Anthologie allen Beitr\u00e4gen gerecht zu werden. Doch sei wenigstens noch auf zwei feinf\u00fchlige und sich einf\u00fchlende Beitr\u00e4ge zu seinem literarischem Werk verwiesen, die von Autoren geschrieben wurden, die selbst mit den &#8220;Segnungen&#8221; der Diktatur sehr vertraut sind, n\u00e4mlich Herta M\u00fcllers &#8220;Blick der kleinen Bahnstationen&#8221; und Helmuth Frauendorfers, &#8220;&#8216;Versteht auch mein Schweigen&#8217; Lyrik des sparsamen Wortes&#8221;, die unabdingbar sind, will man diesen manchmal \u00fcbersehenen Aspekt seines Wirkens in seiner ganzen Tiefe verstehen \u2014 Es ist eine bleibende Schande, dass sich die Deutsche Akademie f\u00fcr Sprache und Dichtung nicht dazu durchringen konnte, ihm f\u00fcr sein Gesamtwerk den Georg-B\u00fcchner-Preis zu verleihen.<\/p>\n<p>Es ist au\u00dferordentlich schade, dass J\u00fcrgen Fuchs diese von Mitstreitern gegen die Diktatur, von Freunden, Autoren, Literaturwissenschaftlern und Journalisten geschriebene Anthologie nicht vor seinem fr\u00fchen, m\u00f6glicherweise von den Todesstrahlen der Staatssicherheit verursachten, Tod in der Hand halten konnte. Die hier zum Ausdruck kommende Achtung und hohe Wertsch\u00e4tzung seines bedeutenden schriftstellerischen Werkes, mutigen Lebens und politischen Wirkens h\u00e4tten ihn trotz der ihm eigenen Bescheidenheit ganz sicher gefreut.<\/p>\n<p>Wolfgang M\u00fcller<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lutz Seiler, <em>Kruso<\/em> (Berlin: Suhrkamp, 2014).<\/strong> Im Jahre 2014 ver\u00f6ffentlichte Lutz Seiler, der bisher prim\u00e4r als Autor von Lyrik und Kurzprosa bekannt war, seinen ersten Roman, <em>Kruso<\/em>. F\u00fcr diesen Deb\u00fctroman erhielt er den Deutschen Buchpreis. Der 1963 in Gera geborene, in der DDR sozialisierte Autor, der weitgehend in seinen Werken aus dem Erfahrungsbereich seiner Sozialisierung sch\u00f6pft, schien der passende Tr\u00e4ger dieses Preises zu sein, denn im Herbst 2014 j\u00e4hrte sich das Ereignis des Mauerfalls zum 25. Mal. Man denkt zun\u00e4chst an einen Wende-Roman, und in der Tat ist die DDR als Folie in diesem Roman durchgehend pr\u00e4sent. Die Handlung endet auch mit der Wende von 1989 und erz\u00e4hlt doch eine ganz andere Geschichte. Es geht um das Konzept einer Gegengesellschaft, deren Schauplatz die Insel Hiddensee ist. Hiddensee wird als letzter Ort der Freiheit erlebt: \u201cWer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu \u00fcberschreiten.\u201d In einem Interview \u00e4u\u00dferte sich Seiler \u00fcber die nur 50 Km von der d\u00e4nischen Insel M\u00f8n entfernte Insel und deren Stellenwert im Denken von Aussteigern, Abenteurern, Abtr\u00fcnnigen, Antragstellern und \u201cFl\u00fcchtlingen in spe\u201d, kurz von all jenen \u201cSchiffbr\u00fcchigen\u201d, die aus dem reglementierenden Rahmen der DDR herausfielen und sich dem politischen Druck entziehen wollten: \u201c Die Insel war der Sehnsuchtsort \u00fcberhaupt im Osten. F\u00fcr die allermeisten. Es war die einzige Insel, der Gipfel an Exotik, unbesch\u00e4digte Landschaft, am \u00e4u\u00dfersten Rand der Republik. Und dann diese Freiheitserfahrung, \u2026 eine Freiheitsmagie, eine Freiheitsstrahlung.\u201d Damit wird Hiddensee zu einer Art \u201cSzene\u201d, in der Konzepte individueller, existenzieller und politischer Freiheit unter gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen durchgespielt und kritisch durchleuchtet werden. <em>Kruso<\/em> ist sowohl Abenteuer- als auch Bildungsroman, der um eine M\u00e4nnerfreundschaft kreist. Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, der halb russischer und halb deutscher Herkunft ist, steht im Zentrum des alternativen Freiheitsbundes. Seine Philosophie sch\u00f6pft aus dem Trauma des Verlustes seiner Schwester, die bei einem Fluchtversuch im Wasser an der K\u00fcste Hiddensees verschwunden ist. Dieser Robinson findet in Gestalt des \u00e4hnlich traumatisierten Germanistikstudenten Edgar Bendler seinen Freitag, denn auch dieser hat bei einem t\u00f6dlichen Unfall seine Freundin verloren. Wie ein roter Faden zieht sich die Erinnerung an den Verlust durch die Handlung, reflektiert im h\u00e4ufigen Zitieren des Traklschen Schwester-Gedichts \u201cSonja\u201d. Der Verweis auf Daniel Defoes Robinsonade f\u00fcr diese M\u00e4nnerfreundschaft ist jedoch nur oberfl\u00e4chlicher Art. Die starke Verbundenheit von Mentor und Sch\u00fcler fu\u00dft zwar auf einem Verlusterlebnis und auf der gemeinsamen Liebe zur Poesie wilder gequ\u00e4lter Seelen wie Trakl, Rimbaud und Artaud: \u201cPoesie war Widerstand.\u201d (217) Ist die Insel f\u00fcr Edgar jedoch ein Ort, an dem er realit\u00e4tsentbunden und willenlos dahintreibt &#8211; \u201cIch m\u00f6chte einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraush\u00e4lt\u201d -, so ist sie f\u00fcr Kruso der Schauplatz der Entgrenzung des Ich, an dem er missionarisch seiner ganz aufs Innere gerichteten Freiheitssehnsucht Ausdruck gibt. Er will Wagemutige von ihren Fluchtpl\u00e4nen abhalten, da er den Westen als die falsche Verhei\u00dfung von Freiheit sieht. Stattdessen weist er auf ein entgrenzendes verinnerlichtes Hiddensee: \u201cDas ist Hiddensee, verstehst du, <em>hidden<\/em> \u2013 versteckt? Die Insel ist das Versteck, die Insel ist der Ort, wo sie zu sich kommen, wo man zur\u00fcckkehrt zu sich selbst, das hei\u00dft zur Natur, zur Stimme des Herzens, wie Rousseau es sagt. Niemand muss fliehen, niemand ertrinken. Die Insel ist die Erfahrung. Eine Erfahrung . Eine Erfahrung, die es ihnen erlaubt, zur\u00fcckzukehren, als Erleuchtete; ergo: \u201cDie Freiheit ist die Wurzel, die jeder in sich tr\u00e4gt.\u201d In einer Untergrundatmosph\u00e4re von Pathos, freiem Sex, Partys, Drogen und literarischen Ritualen ist die Betriebsgastst\u00e4tte \u201cKlausner\u201d die St\u00e4tte der Krusoschen Verk\u00fcndigungen. Sie, die zum Zufluchtsort der \u201cSchiffbr\u00fcchigen\u201d wird, gleicht einem \u201ctrunkenen Schiff\u201d, das frei und ohne Zw\u00e4nge dahintreibt. Einf\u00fchrung in die alternative Gegenwelt der Erleuchteten bedeutet f\u00fcr Edgar Arbeit als Tellerw\u00e4scher im Abwaschraum des \u201cKlausners\u201d. Hier versammeln sich gesinnungs\u00e4hnliche Saisonarbeiter, zumeist Intellektuelle oder K\u00fcnstler, die aus widerlichen Details und \u00fcblen Ger\u00fcchen Dichtung machen. In einer Mischung von mythisch Surrealem und extremem Realismus beschw\u00f6rt Seiler die von verstopftem Abfluss, Schmutz, faulenden, glitschigen Speiseresten und faulendem Wasser beherrschte Arbeitswelt der Tellerw\u00e4scher. Verfall nimmt die Gestalt eines Lurches an, ein hinter Abflussgittern sich verbergendes mythisches Ungeheuer. In diese Atmosph\u00e4re des Verfalls t\u00f6nen die Nachrichten aus einem alten R\u00f6hrenradio, genannt Viola, die von der Flucht von DDR-B\u00fcrgern in bundesdeutsche Botschaften berichten und letztlich vom Fall der Mauer. Aufl\u00f6sung und Verfall im Abwaschraum korrespondiert mit dem Ende eines Staates. Die Erleuchteten verlassen einer nach dem anderen das sinkende Schiff, nur Kruso und Edgar bleiben. Der todkranke Kruso nimmt Edgar das Versprechen ab, den vielen auf der Flucht Ertrunkenen nachzusp\u00fcren, und in einem Epilog begibt sich der Autor zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter in die zust\u00e4ndigen d\u00e4nischen Archive und findet Spuren. Der Roman berichtet, scheinbar nebens\u00e4chlich, von der Aufl\u00f6sung der DDR und vom Ende einer Utopie, die auf Selbstt\u00e4uschung fu\u00dft.\u00a0\u00a0 Seiler schafft eine verwunschen wirkende Extrawelt des Widerstands. Der Roman zeichnet sich durch Intensit\u00e4t und Genauigkeit der Sprache aus. Mythisch \u00fcberh\u00f6hte Details einer naturalistisch erlebten Realit\u00e4t fungieren im Kreis der Erleuchteten als Komponenten eines Kults der H\u00e4sslichkeit. <em>Kruso<\/em> ist k\/ein Wenderoman. Die kultisch erlebte Zwischenwelt l\u00e4sst in einem offenen Assoziationsraum vieles in der Schwebe. Entr\u00e4tselungen werden dem Leser \u00fcberlassen. <em>Kruso<\/em> ist ein entzauberndes und sprachlich bezauberndes Werk, ein Lesevergn\u00fcgen.<\/p>\n<p>Christine Cosentino<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Susanne Sch\u00e4dlich, <em>Herr H\u00fcbner und die sibirische Nachtigall<\/em>. Roman. (M\u00fcnchen: Droemer, 2014) <\/strong> Nach zwei stark pers\u00f6nlich gepr\u00e4gten B\u00fcchern \u2013 \u201cImmer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich\u201c (2009) und \u201cWestw\u00e4rts, so weit es nur geht. Eine Landsuche\u201c (2011) &#8211; legt die Autorin nun im gleichen Verlag einen Roman vor, in dem sie zwei exemplarische Lebensl\u00e4ufe vor dem ebenso widerw\u00e4rtigen wie leidvollen Hintergrund kommunistischer Menschenverachtung zu Zeiten der Sowjetunion und der \u2018Deutschen Demokratischen Republik\u2018 nachzeichnet. Dietrich H\u00fcbner, ein junger, von Freiheit, Demokratie und Humanismus tr\u00e4umender Idealist und die politisch nicht interessierte Mara Jakisch, eine bekannte Operettens\u00e4ngerin und Schauspielerin der drei\u00dfiger Jahre, geraten 1948 in die F\u00e4nge der politischen Polizei im Bereich der sowjetischen Besatzungsmacht. Beiden wird unterstellt, f\u00fcr die Westm\u00e4chte zu spionieren. Im Falle H\u00fcbners gen\u00fcgt es, da\u00df der zu diesem Zeitpunkt 21-j\u00e4hrige in der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) der sowjetischen Zone t\u00e4tig ist. Im Falle der Mittvierzigerin Mara Jakisch macht sie ein Besuch bei einer alten Bekannten in Berlin, bei der auch Amerikaner verkehrten, f\u00fcr den russischen Geheimdienst verd\u00e4chtig. Beide treffen zuf\u00e4llig f\u00fcr kurze Zeit im Dresdener Gef\u00e4ngnis zusammen, wo sie sich als Zellennachbarn durch Klopfzeichen verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Einmal hatte H\u00fcbner sie \u201cauf der B\u00fchne gesehen: \u2026 Ein Engelsgesicht\u201c, jetzt waren sie jeglicher Willk\u00fcr ausgesetzte Leidensgenossen. Zu einer wirklichen Begegnung zwischen ihnen kann der blo\u00dfe Klopf-Kontakt naturgem\u00e4\u00df nicht f\u00fchren. Ohnehin trennen sich ihre Wege wieder. Beide werden zu 25 Jahren Haft verurteilt. 1950 wird H\u00fcbner als \u201cStrafgefangener 290 B\u201c nach Bautzen verlegt, sp\u00e4ter nach Brandenburg-G\u00f6rden. Mara bleibt im russischen Gewahrsam; sie kommt ins sibirische Straflager. Beide sehen sich um einen wesentlichen Teil ihres Lebens betrogen. Beide haben fortw\u00e4hrend den Tod vor Augen. Aber sie schreiben emotionale, lebensbejahende Gedichte f\u00fcr sich auf. Im Roman wird beider Leidensweg in hart gereihter, parallel gef\u00fcgter Faktenfolge wiedergegeben, die deutlich sp\u00fcrbar auf gr\u00fcndlicher Quellenkenntnis basiert. Der Leser sieht: GPU und Stasi k\u00f6nnen sich in Sachen Gemeinheit, Perfidie, Brutalit\u00e4t und Perversion das Wasser reichen. Andeutend und mehr noch im mitschwingenden Subtext schildert Susanne Sch\u00e4dlich ebenso den m\u00fchsam gef\u00fchrten Kampf der hilflos Ausgelieferten, sich ihrer schlimmen Situation zum Trotz \u00fcber die Jahre hin ihr Menschsein unbedingt zu erhalten. Hierdurch wird die genau dokumentierte H\u00e4ftlingschronik zugleich zum tr\u00f6stlichen Nachweis bewahrter Menschenw\u00fcrde. H\u00fcbners widerst\u00e4ndige Kraft, keine Kompromisse einzugehen, und der Gesang der \u201csibirischen Nachtigall\u201c werden zu Zeichen menschenm\u00f6glicher Bew\u00e4hrung unter qualvollen Leiden und verbrecherischen Schikanen. An einer Schl\u00fcsselstelle des Romans lesen wir das Fazit: \u201cMan mu\u00df sie geschmeckt haben, diese Jahre\u201c. Susanne Sch\u00e4dlich ist es jedenfalls gelungen, das \u201cSchmecken dieser Jahre\u201c zwingend an die Leser weiterzugeben. Insgeheim hat sie in souver\u00e4ner Erz\u00e4hlbewegung zwischen den Gattungen Roman, Bericht und Chronik anr\u00fchrende humane Beweise f\u00fcr uns festgeschrieben. Martin L\u00fcdke bezeichnete einmal ihr Buch \u201cImmer wieder Dezember\u201c sehr zu Recht als ein \u201cLehrbuch deutscher Nachkriegsgeschichte\u201c. Mit ihrem neuen Roman hat sie aus einem notwendigen \u2018Lehrbuch kommunistischer Menschenverachtung\u2018 im vorgeblich \u2018real existierenden Sozialismus\u2018 wie nebenbei &#8211; und das bezeugt ihr literarisches K\u00f6nnen &#8211; eine wegweisende Ermutigung zum Weiterleben in Freiheit gemacht.<\/p>\n<p>Theo Buck<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Uwe-Karsten Heye, <em>Die Benjamins. Eine deutsche Familie<\/em> (Berlin: Aufbau Verlag, 2014) <\/strong> &#8220;Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren, da\u00df es \u201aso weiter\u2019 geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene.&#8221; (Walter Benjamin, <em>Zentralpark<\/em>. In Walter Benjamin, <em>Gesammelte Schriften.<\/em> Bd. I, 2, S. 683. \u00a0 Liest man das Buch <em>Die Benjamins \u2013 eine deutsche Familie<\/em>, sind diese S\u00e4tze aus der Feder des deutschen Philosophen und Literaturkritikers Walter Benjamin nicht nur mehr geschichtsphilosophisch zu verstehen. Sie klingen fast prophetisch schicksalhaft und scheinen untrennbar mit den Lebenswegen der Benjamins verbunden, der Geschwister Walter, Dora und Georg, und dessen Ehefrau Hilde Benjamin, geborene Lange. Anhand bisher unbekannten Materials (Briefe, Tagebuchnotizen und andere Aufzeichnungen) aus dem Nachlass Hilde Benjamins, das deren Schwiegertochter Ursula Benjamin Heye anvertraut hat, versucht der Autor ein Gesamtbild der prominenten Familie zu zeichnen. <em>Von deutschen Leben ist also zu erz\u00e4hlen, von Biografien mit Folgen und Irrt\u00fcmern ist hier zu berichten. Sie wollten eine gerechtere und humanere Welt als die, die sie vorfanden. Sie waren auf der politischen Linken zu finden und zeigten sich abgesto\u00dfen von der rassistischen Menschenfeindlichkeit der Nazis. Geboren um die Wende zum 20. Jahrhundert, wollten sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, das gepr\u00e4gt ist von Herkunft und sp\u00e4terer \u00dcberzeugung. Eine Familiengeschichte.<\/em> (Heye, 35&#8243;. Zun\u00e4chst also Walter, Georg und Dora, Kinder wohlhabender, gebildeter, j\u00fcdischer Eltern. Sie wachsen in einem assimilierten Milieu auf. Der erste Weltkrieg ist der Bruch mit der Welt, wie sie war, der durch eine ganze Generation geht. Dieser Bruch erfasst auch die Geschwister. Im Chaos der Weimarer Republik erwacht ihr politisches Bewusstsein. Sie schw\u00e4rmen von einer Gesellschaft ohne Unterdr\u00fcckung und f\u00fcr den Kommunismus. Besonders Georg, der Mitglied der KPD ist. Als Kinderarzt engagiert er sich f\u00fcr die sozial Schwachen. Ebenso seine Schwester Dora; sie ist Sozialforscherin. Walter findet durch die lettische Schauspielerin Asja Lacis zum Marxismus. Er reist nach Moskau, befreundet sich mit Brecht, kennt Adorno, Horkheimer und arbeitet f\u00fcr die Zeitschrift f\u00fcr Sozialforschung. Da ist er schon vor den Nazis nach Paris gefl\u00fcchtet. 1940 nimmt er sich in Frankreich das Leben. \u201deine existentielle Entscheidung\u201c, wie er notierte. Dora, auch sie war aus Deutschland geflohen, stirbt 1946 im Schweizer Exil. Hilde lernt Georg Benjamin in den 1920ern kennen. Sie verlieben sich, heiraten. Hilde Benjamin, schon 1927 hat sie eine eigene Anwaltskanzlei in Berlin, ist wie ihr Mann in der KPD. Am ausf\u00fchrlichsten widmet sich Heye ihr, die sp\u00e4ter als Vizepr\u00e4sidentin des Obersten Gerichts der DDR (von 1949 -1953) und bis 1976 Justizministerin &#8211; ber\u00fchmt und ber\u00fcchtigt &#8211; wurde. 1933 wird ihr Mann als Jude und Kommunist in Schutzhaft genommen, kommt ins KZ Sonnenburg. Hilde Benjamin erh\u00e4lt Berufsverbot. Die Angst um den Sohn Mischa, der nach den N\u00fcrnberger Gesetzen &#8220;Halbjude&#8221; ist, die Angst um den geliebten Mann, der ihr nicht nur politisch ein Vorbild ist, sondern wesensverwandt, bestimmen sie. Georg kommt noch einmal frei. 1936 die erneute Verhaftung. Dann Zuchthaus Brandenburg, von dort ins KZ Mauthausen, wo er stirbt. Hilde Benjamin nimmt ihren M\u00e4dchennamen Lange an, um den Sohn zu sch\u00fctzen. Beide \u00fcberleben. Heye sucht eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, wie aus der Tochter aus liberalem Elternhaus die fanatische &#8220;rote Hilde&#8221; wurde. Als &#8220;rote Hilde vom Wedding&#8221; war sie schon in den 20er Jahren bekannt, die Bezeichnung war keine Erfindung der Adenauerschen \u201eBRD\u201c, wie Heye suggeriert. Den Begriff Unrechtsstaat f\u00fcr die DDR setzt Heye stets in G\u00e4nsef\u00fc\u00dfchen, er lobt das von Hilde Benjamin mitgestaltete DDR-Familienrecht, das im Westen seinesgleichen gesucht h\u00e4tte und \u201enach der Wiedervereinigung im Westen beerdigt wurde\u201c und kommentiert: <em>Der Blick auf den Kern der DDR-Bildungspolitik \u2013 wenn man die ideologisch begr\u00fcndete Semantik rund um die \u2019Arbeiter- und Bauernfakult\u00e4ten\u2019 wegl\u00e4sst \u2013 k\u00f6nnte durchaus anregend sein.<\/em> (Heye, 220) <em>In der fr\u00fchen DDR sa\u00df Hilde Benjamin Naziverbrechern gegen\u00fcber vor Gericht, verurteilte dann gnadenlos so genannte Feinde des SED-Regimes. Sie f\u00e4llte Todesurteile. Wie ist der Hilde Benjamin dieser Zeit n\u00e4her zu kommen? Wie zu verstehen, was sie angetrieben hat, was war ihre Pr\u00e4gung, was hat das blutige 20. Jahrhundert aus ihr gemacht?<\/em> (Heye, 115) Oft kommen die Reflexionen des Autors mildernd daher, hinterlassen einen merkw\u00fcrdigen Beigeschmack: <em>Hilde Benjamin&#8230; [&#8230;]wusste nat\u00fcrlich, dass ihre Prozesse und deren propagandistische Wirkung auch die Funktion hatten, einer Bev\u00f6lkerung klarzumachen, dass es f\u00fcr jeden Einzelnen vorteilhaft war, den SED-Staat zu unterst\u00fctzen.<\/em>(Heye, 204) Es war durchaus \u201dvorteilhaft\u201c \u2013 schnell geriet man ins Visier der Staatssicherheit und nicht selten ins Gef\u00e4ngnis. Liest man Protokolle von Prozessen, in denen Hilde Benjamin den Vorsitz hatte, erinnert ihr Duktus an den Nazirichter Roland Freisler, dessen Unterschrift unter dem Diktat ihres Berufsverbots von 1933 stand. Gut beraten w\u00e4re der Autor gewesen, die Biografie nicht als Mittel zum Zweck eigener Reflexionen zu benutzen. Die seitenlangen Ausschweifungen \u00fcber seine politischen Ansichten wirken st\u00f6rend, ja: aufdringlich, und haben in einer Biografie nichts zu suchen. Denn immer dann, wenn Heye sich ausschlie\u00dflich den Benjamins widmet, in die Zeit eintaucht, aus Briefen und Aufzeichnungen sch\u00f6pft, ist das Buch stark. Sch\u00f6n die Stellen, an denen sich der Autor in die Protagonisten einf\u00fchlt, so in Walter Benjamin, in der Nacht vom 26. auf dem 27. September 1940, f\u00fcr Heye eine Chiffre f\u00fcr den Lebenskampf: <em>Nachtk\u00fchle. Ein kurzer Hang. Seine Schritte hinauf und hinunter sind verhalten. Er wei\u00df, dass sein Herz mitmachen muss. Er atmet schwer, fr\u00f6stelt und hofft, dass die Bewegung gegen die Abendk\u00fchle hilft.<\/em>(Heye, 83) Oder wenn er beschreibt, wie Hilde Benjamin ihren Mann konspirativ beim Zwangsarbeitseinsatz f\u00fcr Gleisarbeiten der Reichsbahn aufsucht. <em>Hilde Benjamin lief die B\u00f6schung hinunter, umging die Baubude, in der sie Aufsichtspersonal vermutete, und durchquerte das Waldst\u00fcck so, dass sie wieder auf der H\u00f6he des Bahnsteigs und der Baustelle herauskam. Zeitgleich hatte sich Georg in Bewegung gesetzt.<\/em>(Heye, 163) Manchmal jedoch versteigt sich Heye, zum Beispiel wenn er auf den Spuren Georgs das KZ Mauthausen besucht. <em>An diesem Tag ist man pl\u00f6tzlich eingereiht und wird zu einer der Elendsgestalten, die halb verhungert vor mehr als siebzig Jahren aus den Eisenbahnwaggons am Bahnhof von Mauthausen kletterten [&#8230;]<\/em> (Heye, 145) Die Vergangenheit erkl\u00e4rt vielleicht das Handeln, auch das einer Hilde Benjamin. Eine Relativierung ihres Handelns und der SED-Diktatur, wie die Biografie sie nahelegt, verbietet sich. <em>Die Linie verl\u00e4uft nicht zwischen schlimm und schlimmer, sondern zwischen Diktatur und Demokratie<\/em>, wie Der Historiker Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkst\u00e4tte Berlin-Hohensch\u00f6nhausen, k\u00fcrzlich sagte. Hilde Benjamin hat nach 1945 keine demokratischen, sondern diktatorische Konsequenzen gezogen. Wie hatte Walter Benjamin geschrieben? &#8220;Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren, da\u00df es \u201aso weiter\u2019 geht, ist die Katastrophe.&#8221;<\/p>\n<p>Susanne Sch\u00e4dlich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Cornelia Schleime, <em>Weit fort. Roman<\/em> (Hamburg: Hoffmann und Campe, 2008; Taschenbuchausgabe M\u00fcnchen: Goldmann, 2010).<\/strong> Im Jahre 2008 ver\u00f6ffentlichte Cornelia Schleime, die als Malerin bekannt ist, ihren ersten Roman <em>Weit fort<\/em>. Der Roman ist autobiografisch grundiert. Schleime, 1953 in Ostberlin geboren, studierte von 1975-1980 Grafik und Malerei in Dresden. Hier lernte sie den Dichter und Musiker Sascha Anderson kennen, mit dem sie nach Ostberlin zog, wo sie in die k\u00fcnstlerisch oppositionelle Szene am Prenzlauer Berg eingebunden war. Schleime hatte als nichtstaatskonforme K\u00fcnstlerin seit 1981 Ausstellungsverbot und wurde von der Stasi permanent bespitzelt. Ihrem vierten Ausreiseantrag wurde stattgegeben, und 1984 reiste sie mit ihrem Sohn nach Westberlin aus. Nach dem Fall der Mauer nahm sie in ihre Akten Einsicht und musste feststellen, dass sie von ihrem besten Freund Sascha Anderson jahrelang bespitzelt worden war. Das Thema ihres Romans hakt hier ein. Es geht um Verrat, Schock und Trauma, und das im doppelten Sinne, denn per Partnersuche im Internet lernt sie wiederum einen Mann kennen, von dem sie glaubt, dass er eine Stasi-Vergangenheit hat. Eine K\u00fcnstlerin, die sich Clara nennt, die aber deutlich erkennbar ist als Cornelia Schleime, lernt einen Mann namens Ludwig kennen, der als Wettervorhersager bei einem s\u00fcddeutschen Fernsehsender arbeitet. Er ist ebenfalls aus Ostberlin, spricht aber wenig \u00fcber seine Vergangenheit. Die beiden verlieben sich, korrespondieren wochenlang, dann kommt es zu zwei Begegnungen, bei denen sich die Liebe zu steigern scheint. Doch etwas stimmt nicht. In Ludwigs Erz\u00e4hlungen bei einem Besuch im fr\u00fcheren Ostberliner Nobelviertel Hessenwinkel, wo er wohnte, gibt es auffallende Leerstellen. \u00a0Als sie ihm einen Dokumentarfilm \u00fcber den Verrat und die Enttarnung des Spitzels aus Freundestagen zeigt, weicht Ludwig aus, schweigt, und verschwindet dann v\u00f6llig aus ihrem Leben. Schlie\u00dflich ruft sie ihn an und ringt ihm die Erkl\u00e4rung ab: \u201cEs gibt solche Komplikationen, aber ich kann dar\u00fcber nicht sprechen [ \u2026] Es gibt bei mir so etwas, das ist so kompliziert. Es gibt Komplikationen.\u201d Hat die Begegnung mit dem Stasi-Opfer Clara etwas in ihm freigesetzt? War Ludwig selbst ein Spitzel, der die Enttarnung f\u00fcrchtet? Leidet Clara an Verfolgungswahn? Ist sie Opfer ihres Misstrauens den Menschen gegen\u00fcber? Der Roman gibt keine Antwort. Ludwigs Identit\u00e4t bleibt ein R\u00e4tsel. Die vom Titel suggeriert Ferne, <em>Weit fort<\/em>, ist gleichzusetzten mit unmittelbarer N\u00e4he, denn das Destruktive des Stasi-Apparates wirkt fort: Misstrauen, Verdacht, Angst vergiften die Gef\u00fchle der Protagonistin und das Geschehen um sie herum auch weiterhin. Der Band ist schlank, als habe es der Autorin die Sprache verschlagen, als g\u00e4be es nichts mehr zu sagen. Schleime ist Malerin, und auf dem Umschlag des Buches befindet sich das Abbild eines ihrer Frauenportr\u00e4ts: eine junge Frau mit einem Blumenkranz im Haar und einer Blume im Mund blickt nachdenklich forschend in die Ferne. Schleime bedient sich in ihren Reflexionen eines metaphernreichen, malerisch \u201cblumigen\u201d Stils, was dem Roman nicht immer dienlich ist.\u00a0<span style=\"color: #000000\">Stilbl\u00fcten und sprachliche Entgleisungen gibt es so einige.<\/span>\u00a0 Trotzdem ist er zu empfehlen, denn das Thema ist brisant und noch lange nicht abgeschlossen, zeigt es doch, wie die Zerst\u00f6rungsmechanismen der Stasi ins Private \u00fcbergreifen und wie seelische Ersch\u00fctterungen wohl auf Lebenszeit fortwirken.<\/p>\n<p>Christine Cosentino<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Maja Beutler, <i>Ich lebe schon lange heute: Texte 1973 bis 2013 (Oberhofen: Zytglogge, 2013) 390 Seiten.<\/i><\/b><\/p>\n<p>Die Schweizer Schriftstellerin Maja Beutler ist 1989 weithin bekannt geworden als die Sch\u00f6pferin der Do\u00f1a Quichotte, die als Malerin gegen die Windm\u00fchlen der Schweizer M\u00e4nnerwelt in den Kampf zieht.\u00a0 Die Erz\u00e4hlung gilt als eines der wichtigsten Anf\u00e4nge weiblichen Schreibens in der Schweiz.\u00a0 Im 2013 erschienenen Band <i>Ich lebe schon lange heute<\/i> legt die Autorin elf neue Erz\u00e4hlungen vor und dazu einige, die schon fr\u00fcher ver\u00f6ffentlicht wurden.\u00a0 Unter den \u00e4lteren, hier frisch publiziert, ist die wichtigste fraglos \u201cDas Werk oder Do\u00f1a Quichotte\u201d. Die neuen Texte kreisen haupts\u00e4chlich um die Themen Familie, Kindheit und Tod. \u201cKinderszenen\u201d \u00fcber das Sterben eines kleinen Jungen, dem die Mutter noch den Begriff Gott zu erkl\u00e4ren versucht (\u201cGott ist auch alles andere, alles, was wir nicht sagen.\u00a0 Nur so hat Gott eine M\u00f6glichkeit\u201d) beeindruckt mich am meisten; das philosophische Thema Sprachkrise wird hier angeschnitten.\u00a0 Sehr aktuell in Hinsicht auf das Thema Migration finde ich \u201cTraubengold\u201d &#8212; die Geschichte eines Mannes, der, in der Schweiz geboren, Schweizer zu werden versucht; seine Eltern stammen aus \u00d6sterreich und Italien, und er rackert sich ab, bis er es schafft am Ende. Poetisch verdichtet und zugleich mit Dokumenten in der Amtssprache versetzt, erz\u00e4hlt Maja Beutler von b\u00fcrokratischen Scherereien und den Vorbehalten alteingesessener Schweizer diesem \u201cAusl\u00e4nder\u201d gegen\u00fcber. Beutlers Texte in diesem Band sind thematisch in f\u00fcnf Gruppen geordnet.\u00a0 Die letzte Gruppe mit dem Titel \u201cPolitisches Fragespiel\u201d enth\u00e4lt eine sehr informative Frageliste an alle Schweizer \u00fcber den Zusammenhang zwischen der Schweizer Geschichte und der gegenw\u00e4rtigen Politik, zu der auch das Sich-Fernhalten von der Europ\u00e4ischen Union geh\u00f6rt.\u00a0 Der f\u00fcnfseitige Text ist ein ideales Unterrichtsmaterial, falls Sie hier in Amerika \u201cdie Schweiz\u201d unterrichten m\u00fcssen! Den Band schlie\u00dft ein Interview ab, das die Autorin dieser Rezension 2010 mit Maja Beutler gef\u00fchrt hat, \u201cDon Quixote im Rock\u201d. Es geht darin nicht nur, wie der Titel suggeriert, um Beutlers feministische Don Quichotte-Rezeption, sondern auch um Ostdeutschland.\u00a0 Beutler war dort auf Reisen, vor und nach der Wende, und machte sich ihre Gedanken \u00fcber das, was sie sah und h\u00f6rte \u2013 ein erfrischend fremder, eben \u201cschweizerischer\u201d Blick auf das eigenartige Land DDR, der uns, die wir in den Erinnerungen zu nahe daran kleben, oft fehlt.<\/p>\n<p>Gabriele Eckart<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Uwe Tellkamp, <em>Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen<\/em> (Berlin: Insel Verlag, 2012).<\/strong><\/p>\n<p>Der 1968 in Dresden geborene Autor Uwe Tellkamp wendet sich auch in diesem Werk einem Sujet zu, das ihm zutiefst vertraut ist und das er bereits in seinem Monumentalroman Der Turm (2008) beschrieben hatte: den Dresdner Lokalit\u00e4ten, der Architektur, den Attraktionen, darunter Schwebebahn und Standseilbahn. Tellkamps Titel bezieht sich auf die reale Schwebebahn, die den Stadtteil Loschwitz mit den H\u00f6henlagen von Oberloschwitz verbindet. Der Turm des Maschinenhauses der letzten Station, der Bergstation, bietet dem Spazierg\u00e4nger\/Ich-Sprecher\/Autor ein eindrucksvolles, blickerweiterndes Stadtpanorama. Um eine eher blickverengende Perspektive dagegen handelte es sich in Tellkamps (Elfenbein?)Turm &#8211; Roman, in dem gleich zu Anfang der Handlung die Hauptfigur Christian in der Dresdner Standseilbahn dem Stadtteil Wei\u00dfer Hirsch zustrebt, in dem das Dresdner Bildungsb\u00fcrgertum zu DDR-Zeiten seine abschottende Nische gefunden hatte. Zwei Blickrichtungen, zwei Perspektiven, zwei Versuche, mit Erinnerungen umzugehen und Vergangenes im Gegenw\u00e4rtigen zu erkennen. In 33 Kapiteln, in denen Fotografien von Werner Lieberknecht eingestreut sind, erkundet der der Stadt zugewandte Flaneur der Schwebebahn \u201cunterliegende Schichten, Verborgenes, der gegenw\u00e4rtige Augenblick schiebt sich wie ein Prisma \u00fcber Bruchst\u00fccke der Vergangenheit und ordnet sie zu vorl\u00e4ufigen Kaleidoskopen.\u201d Er sp\u00fcrt, \u201cdass eine Stadt durch ihr Lebendiges galt und Bedeutenderes umfasste als ein Ensemble von Gegenst\u00e4nden, Lokalit\u00e4ten und mehr oder weniger charakteristisch zu einem Stil zusammengef\u00fcgten Steinen. Eine Stadt \u2013 eine Summe der Augenblicke, die blieben, an die man sich erinnerte.\u201d Es ist das Historische, das \u201cstark beschw\u00f6rende Magnetfeld\u201d seiner Heimatstadt, das ihn im Bann h\u00e4lt. Und so sp\u00fcrt er, der als Kind und Jugendlicher noch die DDR und die sowjetische Besatzungspolitik erlebte, den Orten nach, die es nicht mehr gibt, die aber dennoch im Ged\u00e4chtnis fortwirken. Tellkamp schreibt von wechselnder Perspektive. Er schl\u00fcpft in die Rolle eines zehn- oder elfj\u00e4hrigen Jungen, sp\u00e4ter dann spricht der Erwachsene. Das erste und letzte Kapitel der Dresdner Erkundungen blenden geschickt ineinander ein. Auf dem Dachboden lebt der Junge in eisiger K\u00e4lte eines erinnerten Winters unter den mit Landkarten beklebten Dachschr\u00e4gen in einer kindlichen Phantasiewelt, die von fiktiven Kapit\u00e4nen, Piratenschiffen, Schatzinseln und R\u00e4ubern beherrscht ist. Jahre sp\u00e4ter betritt der nun \u00fcber Vierzigj\u00e4hrige wiederum den Dachboden und gibt sich den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend hin. Dresden entsteht noch einmal als DDR-Provinzhauptstadt, dann, nach der Wende von 1989, als \u201cDresden der Gegenwart, mit digitalen Benutzeroberfl\u00e4chen.\u201d Es geht dem erkundenden Flaneur um den Versuch, in dieser Welt unvereinbarer Gegens\u00e4tze das Atmosph\u00e4rische aufzusp\u00fcren. Er schildert in der DDR Erbautes, dann wiederum sinniert er \u00fcber Geb\u00e4ude, die im Krieg zerst\u00f6rt wurden, wie die Frauenkirche, dann aber wieder aufgebaut wurden. Leitmotivisch winden sich durch die Erinnerungen Hinweise auf die Zerst\u00f6rung der Stadt am 13. Februar 1945: \u201cdie Schatten des zugesch\u00fctteten Lebens, das mit einigen Zipfeln hier und dort noch aus den Planierungen ragt.\u201d Tellkamp beschreibt Dinge und Schaupl\u00e4tze, die es nicht mehr gibt, die er aber als Kind oder aus den Erz\u00e4hlungen der Erwachsenen kannte. Er beschreibt Schaupl\u00e4tze wie den Kosmetiksalon Nofretete, eine Laufmaschen-Reparatur, das Evana Miederwarengesch\u00e4ft und den Friseur-Salon Harand, in dem auch der 1957 in Dresden verstorbene General Paulus bedient wurde. Wiederholt taucht in den Erinnerungen der Name der Kalten Klawdia auf, einer vollbusigen Rotarmistin, die man am Eingang des Lazaretts der Roten Armee, eines fr\u00fcheren Sanatoriums, sehen konnte. F\u00fcr den Jungen war sie eine Quelle erotischer Phantasien. Und \u2013 \u201cich gehe weiter, die Geschichten folgen mir\u201d \u2013 vor dem inneren Auge erscheint vor einer ge\u00f6ffneten Balkont\u00fcr ein im ersten Stock des Lazaretts wohnender sowjetischer Offizier, der Schallplatten mit Liedern von Hans Albers and Zarah Leander zuh\u00f6rt, bis er abrupt eine Platte mit russischer Volksmusik auflegt. Tellkamps Erkundungen sind durchdrungen von autobiografischen Verweisen auf Schulunterricht, Heirat, Medizinstudium, Armee, K\u00fcnstlerfreundschaften, Galerie- und Museumsbesuchen. Einige Kapitel sind gelungener und ausdruckskr\u00e4ftiger als andere. Hervorzuheben sind die um den Dresdner Maler Curt Querner kreisenden Kapitel: \u201cWas er gekonnt hat \u2013 H\u00e4nde, wie er sie zu malen verstand, m\u00f6chte ich von den Heutigen erst einmal sehen.\u201d In anderen Kapiteln jedoch sind die Darstellungen ausufernd, voll von Wortkaskaden. Tellkamp macht es dem Leser nicht leicht. Oft ist ein zweites und drittes Lesen der scheinbar endlosen S\u00e4tze n\u00f6tig. \u201cWie Kraken\u201d winden sich exzentrische Bilder durch die syntaktischen Gebilde: \u201cDie Papierlungen der Melde\u00e4mter auf der Theaterstra\u00dfe; die an langsamen Tentakeln arbeitenden Tastsinnesscheiben der Staatskanzlei; Finanz\u00e4mter, in deren Allesfressergebiet man niemals ungestraft einen Handschuh wirft; die an den Nabelschn\u00fcren einer Stempel-Gottheit flottierenden Anwalts- und Notarkanzleien \u2026\u201d Der Leser jedoch, der sich Zeit nimmt und Tellkamps barocken Stil auf sich wirken l\u00e4sst, kommt auf seine Kosten. Tellkamp ist es gelungen, fragmentenhaft ein St\u00fcck DDR-Biografie in der schillernden Atmosph\u00e4re der Stadt Dresden einzufangen, in der Stadt, wie sie einmal war oder nicht war oder sein k\u00f6nnte: \u201cDresden ist ein langer Blick zur\u00fcck. Gegenwart nur Wasseroberfl\u00e4che der Vergangenheit [\u2026] Aber auch sie wird es geben, die Freiheit des Abschieds. Die sesamtragenden T\u00fcren.\u201d<\/p>\n<p>Christine Cosentino,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Richard A. Zipser, <em>Von Oberlin nach Ostberlin: Als Amerikaner unterwegs in der DDR-Literaturszene.<\/em> (Berlin: Christoph Links Verlag GmbH, 2013) 224 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p>Der Amerikaner Richard Zipser ist als ein Germanist bekannt, dem es schon seit Anfang der siebziger Jahre die DDR-Literatur angetan hat. Ergebnisse seiner Arbeit sind unter anderem die Ver\u00f6ffentlichungen DDR-Literatur im Tauwetter (1985) und Fragebogen Zensur (1995). Im Unterschied zu anderen Sympathisanten der DDR-Literatur an amerikanischen Universit\u00e4ten reiste und forschte Zipser nicht auf Einladung der DDR oder einer der DDR nahestehenden politischen Gruppe, sondern ganz auf eigene Initiative. Damit jagte er den DDR-Beh\u00f6rden, die mutma\u00dften, er k\u00f6nnte ein CIA-Agent sein oder die DDR ideologisch unterwandern wollen, Angst ein. Schon 1973 legte die Stasi eine Akte \u00fcber ihn an; sie ist umfangreich und schlie\u00dft erst 1988. Nach einem sehr lesenswerten Vorwort von Heinz-Uwe Haus mit dem wichtigen Satz \u201cHeute ist kaum noch vorstellbar, dass das, was Zipser bezeugt, \u00fcber Jahrzehnte zwischen Elbe und Oder grausamer Alltag war\u201d, enth\u00e4lt der Band Von Oberlin nach Ostberlin haupts\u00e4chlich Dokumente aus Zipsers Stasiakte und erl\u00e4uternde Kommentare Zipsers. Darin vergleicht der Autor seine Erinnerungen kritisch mit dem, was im Stasideutsch fl\u00e4zig dasteht; dabei wird die DDR, so wie er sie erlebt hat, vor seinem inneren Auge lebendig. Einen frischen Blick bekommen wir auf Autoren wie zum Beispiel Jurek Becker oder Ulrich Plenzdorf. Schwarz-wei\u00df Fotos von einigen der Autoren, mit denen Zipser befreundet war, und ihren B\u00fcchern und Briefen schm\u00fccken das Buch. Leser, die sich noch immer unruhig fragen, was das war, die DDR, kommen um die Lekt\u00fcre dieses Buches nicht herum. Wehtun wird sie jenen, die der DDR als eines Raumes, der mit Utopie zu tun hatte, immer noch nachtrauern. Von den Berichten der neun verschiedenen IM sind die des Schriftstellers Fritz Rudolph Fries und die des Verlegers Konrad Reich die \u00fcberraschendsten; von den von der Stasi gegen Zipser eingeleiteten Zersetzungsma\u00dfnahmen ist der Rufmord \u2013 \u201cZipsers Ansehen so abwerten, da\u00df auch negative Kr\u00e4fte ihn meiden\u201d \u2013 am ekligsten. In der Einleitung beschreibt Zipser seine \u00dcberraschung, als er 1999 nach sechs Jahren Warten von der damaligen Gauckbeh\u00f6rde Teile seiner Akte erhielt. Er zitiert aus dem Briefwechsel mit der Beh\u00f6rde und erkl\u00e4rt dem Leser seines Buches das Aktenchinesisch, ohne das auch dieses Buch nicht auskommt, etwa die Abk\u00fcrzungen f\u00fcr die f\u00fcnf verschiedenen Typen von Informellen Mitarbeitern der DDR Staatssicherheit. Dann folgen die schon erw\u00e4hnten Erinnerungen, Aktenausz\u00fcge, Ausk\u00fcnfte \u00fcber die Germanistik der USA, insofern sie sich f\u00fcr die DDR-Literatur interessierte, Zipsers eigene Arbeit an verschiedenen die DDR betreffenden Forschungsprojekten, und immer wieder Erinnerungen. Am besten gef\u00e4llt mir der sachliche Ton des Buches; der Autor prahlt nicht mit seinem aufregenden Abenteuer DDR. Und es gibt sogar Spuren von Selbstkritik, etwa, wenn Zipser sich fragt, warum Wolf Biermann fehlt in seinem dreib\u00e4ndigen Lesebuch DDR-Literatur im Tauwetter. 1975 \u2013 Zipser war am Oberlin College f\u00fcr sein DDR-Projekt ein Forschungsurlaub bewilligt worden \u2013 folgte er Christa Wolfs Rat und bat den Schriftstellerverband der DDR schriftlich um Unterst\u00fctzung. Beim Treffen mit einem Funktion\u00e4r des Verbandes wurde ihm mitgeteilt, welche Autoren er in sein Buch aufnehmen sollte. Obwohl dies \u201cdas Letzte [war], was ich wollte\u201d und er die Liste der Autoren, die er interviewen wollte, nicht an den Verband, der ihn dazu dr\u00e4ngte, herausgab, f\u00fcgte er zu den zwanzig Namen, die er schon hatte, doch noch diejenigen hinzu, auf denen die Verbandsfunktion\u00e4re bestanden hatten, Namen wie zum Beispiel G\u00fcnter G\u00f6rlich oder Uwe Berger. Der Stasi schwahnte, dass Zipser sich auch f\u00fcr Wolf Biermann interessierte (siehe \u201cAuskunftsbericht vom 22. Juli 1976\u201d), aber Zipser hatte in Gespr\u00e4chen mit Verbandsfunktion\u00e4ren und der Partei nahestehenden Autoren schon begriffen, \u201cda\u00df der Schriftstellerverband mein Projekt blockieren w\u00fcrde, falls ich Biermann besuchte. Letzten Endes lief es darauf hinaus, Biermann oder das Buch.\u201d Biermann wurde 1976 ausgeb\u00fcrgert; da Zipsers Tauwetter-Buch erst viel sp\u00e4ter erschien, h\u00e4tte er ja im Nachhinein Biermann noch in den Text aufnehmen k\u00f6nnen \u2013 \u201cDoch da ich zugesagt hatte, das Buch ohne Biermann zu machen, w\u00e4re es aus den genannten Gr\u00fcnden ein fragw\u00fcrdiges Vergehen gewesen, ihn ex post facto aufzunehmen.\u201d Trotz dieses freundlichen Entgegenkommens durfte Zipser ab 1985 nicht mehr in die DDR einreisen. Gr\u00fcnde waren unter anderen, dass er sich bei der Leipziger Buchmesse mit dem Dissidenten Lutz Rathenow getroffen hatte, und dass er sich bei der Auswahl der DDR-Schriftsteller, die er f\u00fcr ein Semester ans Oberlin-College in Ohio einlud, vom Schriftstellerverband nicht g\u00e4ngeln lie\u00df. Er lud zum Beispiel Helga Sch\u00fctz ein; der Verband lie\u00df sie nicht reisen. Daraufhin schickte er die Einladung an Karl-Heinz Jakobs, der heftiger als andere Schriftsteller und Intellektuelle der DDR gegen die Ausb\u00fcrgerung Wolf Biermanns protestiert hatte; Jakobs lebte inzwischen im Westen und bedurfte keines Ausreisevisums der DDR. Der folgende Satz gef\u00e4llt mir am besten im ganzen Buch: \u201cIch stelle mir immer wieder gern vor, wie die DDR-Beh\u00f6rden ihre Entscheidung, Helga Sch\u00fctz nicht ausreisen zu lassen, verflucht haben m\u00fcssen, als sie erfuhren, dass wir daf\u00fcr im Fr\u00fchjahr 1986 Jakobs einluden. Von ihrem Standpunkt aus h\u00e4tte Sch\u00fctz die DDR bestimmt immer noch besser repr\u00e4sentiert als Jakobs.\u201d Der Text schliesst mit dem Kapitel \u201cNach dem Ende der DDR\u201d; es beschreibt unter anderem Zipsers letzte Reise nach Berlin 1990, siebenundzwanzig Jahre nach der ersten Reise 1963. \u201cSeltsamerweise\u201d, schreibt Zipser, vermisste er die Grenze, \u201cdas mulmige Gef\u00fchl und die kleinen Schikanen\u201d \u2013 offenbar vermisste sein K\u00f6rper den Adrenalinschub, mit dem ihm der Grenz\u00fcbergang in die DDR \u00fcber lange Jahre versorgt hatte. Trotzdem freute er sich nat\u00fcrlich 1990 zu beobachten, wie das bunte und quirlige Westberliner Leben nun auch im Osten Einzug hielt. Neben allen Deutschprofessoren, die sich f\u00fcr die fr\u00fchere DDR interessieren, empfehle ich Richard Zipsers Buch Von Oberlin nach Ostberlin auch jenen, die auf dem neuen Gebiet der \u201cSurveillance Narratives\u201d forschen. Wie hat die Stasi Informationen \u00fcber den Autor gesammelt, wie hat sie sie archiviert und welchen narrativem Muster folgt die Story, die der DDR-Geheimdienst daraus strickte&#8230; auf diese Fragen liefert das Buch reichhaltiges Material.<\/p>\n<p>Gabriele Eckart<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Jakob Hein und Jacinta Nandi: Fish\u2019 n\u2019 Chips &amp; Spreewaldgurken. Warum Ossis \u00f6fter Sex und Engl\u00e4nder mehr Spa\u00df haben. (K\u00f6ln: Kiwi, 2013).<\/strong> Wer annimmt, dass es sich bei diesem B\u00fcchlein um eine Studie \u00fcber Gastronomisches in den beiden L\u00e4ndern handelt, irrt sich. In der Tat bieten die beiden Autoren einen satirisch \u00fcbersteigerten Landeskunde &#8211; und Geschichtsunterricht, der aus der Perspektive naiver Jugendlicher erteilt wird, die ihrer Fantasie freien Lauf lassen. In einem Interview befragt, wie es zur Wahl dieses seltsamen Titels kam, meinte Hein, dass alle Vorschl\u00e4ge, die er dem Verlag machte, zu \u201costig\u201d klangen: \u201cFish and Chips war o.k, und dann die Frage, was gilt als typisch ostdeutsch. Das waren dann die Spreewaldgurken.&#8221; Welche Vorstellungen und Fantasien hatten ein Ostdeutscher und eine Engl\u00e4nderin dar\u00fcber, wie die Menschen im jeweils anderen Land lebten? Der 1971 geborene, in der DDR gro\u00df gewordene Jakob Hein ist von Beruf Facharzt f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin. Bekannt ist er jedoch f\u00fcr eine Reihe literarischer Werke, die ironisch-humorig den DDR-Alltag abhandeln. Bekannt ist er ebenfalls f\u00fcr seine Lesungen auf Berliner Sprechb\u00fchnen, vor allem bei der Reformb\u00fchne &#8220;Heim und Welt&#8221;. Sein erster gro\u00dfer Erfolg war die Miniaturensammlung Mein erstes T-Shirt (2003), in der er mit geschickt konstruierter Pseudo-Naivit\u00e4t Absurd-L\u00e4cherliches und Allt\u00e4glich-Normales verquickt. Diese Erz\u00e4hltechnik \u2013 diesmal aus der Perspektive zweier Jugendlicher \u2013 weist auch der neue Band Fish\u2019 n\u2019 Chips &amp; Spreewaldgurken auf. Dialogpartnerin des aus der DDR kommenden Ich-Sprechers ist die 1980 in London geborene Nacinta Nandi, die im Jahre 2000 nach Berlin zog, folglich die DDR nur vom H\u00f6rensagen kannte. Bekannt ist Nandi in der Berliner Szene als Bloggerin und Surf-Poetin. Die London-Sehnsucht des jungen Berliners \u2013 \u201chippe Klamotten, hei\u00dfe Musik, harte W\u00e4hrung, scharfe Pornos\u201d &#8211; wird im satirischen Gewand mit den \u00fcberbordenden Romantik-Fantasien der jungen Engl\u00e4nderin kontrastiert, f\u00fcr die der verflossene Staat das Exotischste ist, was es \u00fcberhaupt geben kann. Der heitere, unverkrampfte R\u00fcckblick auf die DDR sowie Heins ausgepr\u00e4gter Sinn f\u00fcr skurrile Situationskomik bieten dem Leser einen breiten Assoziationsraum dar\u00fcber, wie es damals wirklich gewesen sein k\u00f6nnte. Das Spiel mit \u00dcbertreibungen enthebt das gebotene DDR-Bild jeglicher Wertung. Der Band kreist um f\u00fcnf Schwerpunkte, die von doppelter Warte gesellschaftliche Thematik beleuchten: \u201cGesellschaft und Kritik\u201d, \u201cSex und Einsamkeit\u201d, \u201cBildung und Verbl\u00f6dung\u201d, \u201cFreizeit und Stress\u201d, \u201cDienen und Bedienung\u201d, \u201cSport und Gesundheit\u201d. In den einzelnen Kapiteln \u00fcberbieten sich die Autoren mit einem Gemisch von Klischees, Fakten, \u00dcbertreibungen, Fantasien und skurrilen Erfahrungen. \u00dcber Sex im Ferienlager tr\u00e4umt die Engl\u00e4nderin Nandi, und sie reflektiert \u00fcber den schnellen Zufallssex, der in der DDR schon deshalb besser war, gewesen sein sollte, weil man sich am n\u00e4chsten Tag nicht anzurufen brauchte; kaum jemand hatte ein Telefon. Und \u00fcber den 1. April erf\u00e4hrt sie von einem ostdeutschen Liebhaber Seltsames, n\u00e4mlich dass der Tag verboten war, um staatsfeindliche Witze zu vermeiden. \u201cStell dir vor, wenn Aprilscherze erlaubt gewesen w\u00e4ren. Dann h\u00e4tte zum Beispiel einer am Vormittag des 1. April gesagt: Oh, ich haue ab in den Westen! Und erst mittags sagt er: \u2018April, April!\u2019\u201d \u201cDann w\u00e4ren die Stasi-Leute gekommen und haben euch gefoltert, stimmt\u2019s?\u201d res\u00fcmiert Jacinta Nandi. Und der Ich-Sprecher Hein erinnert sich mit vergn\u00fcglicher Ironie an die Bedienungsrituale in den Restaurants der DDR: \u201cVor die Wahl gestellt, ein Jahr in einem sibirischen Lager zu verbringen oder zehnmal in der n\u00e4chstgelegenen Clubgastst\u00e4tte (wie viele DDR-Restaurants hie\u00dfen) essen zu gehen, h\u00e4tten viele sicher zun\u00e4chst gefragt, um welche Ecke von Sibirien es sich denn handeln w\u00fcrde, weil einiges dort landschaftlich ja sehr reizvoll sein soll [\u2026] Das vermessene Fragen nach [Bier] Sorten oder anderen Unterkategorien galt als an Frechheit nicht zu \u00fcberbietende, geradezu sp\u00e4tb\u00fcrgerliche Dekadenz, die durch den Sieg des Sozialismus \u00fcberwunden war.\u201d Und so geht es weiter in dieser treffsicheren Ossi-Satire. S\u00e4mtliche realsozialistische Widrigkeiten werden aufs Korn genommen, niemand wird verschont. Heins Witz und Ironie sorgen f\u00fcr vergn\u00fcgliche, unterhaltsame Lekt\u00fcre. Das Lachen ist eine M\u00f6glichkeit der Distanz zu den geschilderten Situationen.<\/p>\n<p>Christine Cosentino<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Christoph Hein, <em>Vor der Zeit. Korrekturen.<\/em> (Berlin: Insel, 2013)<\/strong> Hein hatte sich im Laufe seiner literarischen Karriere wiederholt als Chronist bezeichnet, der \u00fcber sein Verh\u00e4ltnis zur Welt berichtet. Er erz\u00e4hlt distanziert, oft im Protokollton, mit ganz lapidaren S\u00e4tzen, die meistens Feststellungen sind. Leerstellen gibt es in seinem Werk zur Gen\u00fcge, und so muss der aktive Leser selbst Verbindungen herstellen. Auch in seinem neusten Werk, den Korrekturen antiker Mythen, muss Zeitnahes vom Leser selbst erarbeitet werden. Hein wartet mit kleinen \u00c4nderungen am griechischen Mythos auf, mit neuen unerwarteten Wendungen, die zeigen, dass alles auch anders h\u00e4tte verlaufen k\u00f6nnen. Der erste Eindruck des Lesers ist, dass Hein die unmittelbare Gegenwart verlasse und weit zur\u00fcckgehe, aber es scheint nur so. Hein benutzt vertrautes mythologisches Material, um die Gegenwart durchschaubar zu machen. Hein pr\u00e4sentiert 25 Miniaturen mit Neuinterpretationen. Eingeleitet werden diese Miniaturen von einem \u201ckorrigierenden\u201d Bericht \u00fcber den \u201cwahren\u201d Entdecker Trojas (\u201cDas Paradies der Paradiese\u201d) , den heute vergessenen englischen Arch\u00e4ologen Frank Calvert, der Heinrich Schliemann anvertraute, wo er Troja vermutete, und der Schliemann somit die Ausgrabungen erm\u00f6glichte. Die Miniaturen enden mit dem Bericht \u00fcber das \u201cerste Buch Homers\u201d, in dem der blinde S\u00e4nger Profitsucht, Machtstreben und Kolonialisierungsabsichten als die wahren Wurzeln und Motive des Krieges entlarvte, eine Tatsache, die der verrohte Odysseus nicht akzeptieren konnte. Er wird \u2013 Hein erinnert hier unaufdringlich an seine DDR-Erfahrungen \u2013 zum Zensor, fordert \u00c4nderungen und Auslassungen, letztlich eine Neuinterpretation des Trojanischen Krieges: Ehre, verletzte Gastfreundschaft und der Raub der sch\u00f6nen Helena seien die wahren Motive dieses \u201cgerechten\u201d Krieges gewesen. Homer muss eine zweite Fassung \u00fcber den Krieg schreiben. Die beiden Miniaturen in diesem Band weisen einf\u00fchrend und abschlie\u00dfend auf einen Kontext \u201cvor der Zeit\u201d, also vor einer sich auf Quellen st\u00fctzenden Geschichtsschreibung, in dem es um die G\u00f6tter des Olymp geht, um den Trojanischen Krieg, um Situationen und Ereignisse, in denen G\u00f6tter und Menschen aufeinandersto\u00dfen oder in denen sie sich absto\u00dfen. Was geschah zum Beispiel mit der sch\u00f6nen Helena, nachdem der Krieg zu Ende war? Hein wartet mit verschiedenen Spekulationen auf, schlie\u00dft jedoch mit der Mutma\u00dfung ab, dass die alternde Frau, um den Mythos der Sch\u00f6nheit zu wahren, sich bis zu ihrem Lebensende in einem spiegellosen Raum versteckte. Und wie f\u00fchlte sich der vom Krieg gepr\u00e4gte, gewaltt\u00e4tige Odysseus wirklich, als er wieder zu Hause in der Zivilgesellschaft war? Fremd und verwirrt verbrachte er die Tage. Erst als sein Sohn ihn aufforderte, Penelopes Freier zu vertreiben, war er in seinem Element. Er t\u00f6tete alle: \u201cEr war daheim.\u201d Hein projiziert den Olymp als Ort, der von Machtgier, Profitsucht, Verleumdung, Korruption, sexueller Lust, Gewalt, Verrohung und Sittenverfall gezeichnet ist. Liegt hier Zeitnahes? In einem Interview deutet Hein selbst auf das in den Miniaturen Ungesagte: \u201cAuf dem Olymp sah es genauso aus wie in Berlusconis Italien oder den Vorstandsetagen der Banken.\u201d Andererseits jedoch ist der oberste Gott und Herrscher im Olymp auch unberechenbar, denn er ist durchaus humanit\u00e4rer Gesten f\u00e4hig. Als Herakles, so korrigiert Hein den griechischen Mythos, eine dreizehnte Arbeit abverlangt wird, n\u00e4mlich seinen Vater Zeus zu t\u00f6ten, f\u00e4llt er, der Sohn, weinend auf die Knie und betet zum G\u00f6ttervater. \u201cDas r\u00fchrte das Herz des unr\u00fchrbaren Gottes, und er erbarmte sich seiner.\u201d Dem Ruf der Weichheit wollte sich Zeus allerdings nicht aussetzen. Also wurde die dreizehnte Arbeit des Herakles verschwiegen. Eine prek\u00e4re Thematik ber\u00fchrt Hein in seiner Behandlung der Asklepiosfigur, des Arztes und Heilers, der auf Ansinnen des Gottes Hades von Zeus mit dem Tode bestraft wurde, weil er Kranke heilte und somit dem Griff des Gottes Hades entzog. F\u00fchrt die Langlebigkeit der Menschheit zur Vergreisung, und ist der Mensch selbst oder die geriatrische Gesellschaft darauf vorbereitet? Asklepios wird in Heins Miniatur nicht nur mit dem Tod bestraft, sondern in der Unterwelt auf den Stuhl des Vergessens gesetzt, wo er selbst die Vergreisung erlebt: \u201cBald wusste er nicht mehr den eigenen Namen [\u2026] Das Vergessen hatte ihn v\u00f6llig umfangen, und mit offenem Mund und erloschenen Augen sitzt er f\u00fcr alle Zeit auf dem Stuhl des Vergessens.\u201d Eine der sch\u00f6nsten Miniaturen ist die, die von Prometheus handelt, der, laut mythologischer Vorlage, den Menschen das Feuer brachte und deshalb von Zeus bestraft wurde, der ihn an einen Felsen im Kaukasus schmiedete. Hein gibt dem Schicksal des Menschenfreundes eine andere Wendung: Prometheus wurde von Zeus bestraft, weil er den Menschen der Figur der Hoffnung zugesellte. So wurde die Vorausschau der Menschen auf eine furchterregende Zukunft \u00fcberstrahlt von leuchtender Hoffnung. Und so geht es weiter. Hein beschw\u00f6rt das mythische Personal des Olymps herauf. Er berichtet, korrigiert, versieht seine Text mit Widerhaken, schm\u00fcckt aus und verfremdet. Sein sch\u00f6pferisches Weiterarbeiten am Mythos beleuchtet unaufdringlich Gegenw\u00e4rtiges. Doch Hein moralisiert nicht. Er stellt einfach dar, geht auf eine Partnerschaft mit dem Leser ein, den er zum Nachdenken provoziert. Wohl kaum ist anzunehmen, dass Heins \u00dcberlegungen die Welt korrigieren, aber sie korrigieren den Blick.<\/p>\n<p>Christine Cosentino<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zu Teju Coles <em>Open City. Roman<\/em>(New York: Random House, 2011. Dt.: <em>Open City. Roman<\/em> (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2012)<\/strong><\/p>\n<p>Was uns an einem Menschen wie an einem Buch fesselt, ist seine Haltung zum Leben. Der Erz\u00e4hler von Open City ist ein Entwurzelter, nicht zu Hause in Berlin, wo seine Mutter herkommt, nicht in Nigeria, woher sein Vater stammt und wo er selbst seine Jugend verlebte. Daher findet er sein Zuhause in New York City, der \u00e4ltesten modernen Heimatstadt der Entwurzelten. Er ist ein Solit\u00e4r, ohne eigene Familie, und das verbindet ihn mit der Hauptlinie der europ\u00e4ischen und der amerikanischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, mit den Bildungsromanen der Deutschen, den Gesellschaftsromanen der Franzosen, mit Kafka, Proust und vielen anderen, aber es trennt ihn gleichzeitig von der Tradition des Familienromans, von den <em>Buddenbrooks<\/em> ebenso wie von <em>The Corrections.<\/em> Sein Thema ist die Einsamkeit in der Masse, in der Anonymit\u00e4t, nicht die Einsamkeit in der Familie. Genauer gefasst, ist es nicht die Einsamkeit, sondern das Standhalten gegen sie. Von Gl\u00fcck ist nicht die Rede, und wenn davon Ahnungen in dem konsequenten inneren Monolog, der an keiner Stelle von Dialogen oder anderen literarischen Darstellungsmitteln unterbrochen wird, aufscheint, dann ist es an Kunst (Bilder, Musik) oder an meist zuf\u00e4llige menschliche Begegnungen gebunden. Diese Anlage des Buches h\u00e4lt Kontakt zum Existentialismus, der aber dadurch unter Kontrolle gehalten wird, dass der wei\u00dfe schwarze Erz\u00e4hler gar nicht anders kann, als historisch zu f\u00fchlen und zu denken. Der Kontakt, das Zwiegespr\u00e4ch mit den und die Erinnerung an die Toten ist (wie wohl bei aller gro\u00dfen Literatur) das Stoffzentrum des Romans, obwohl er sich im (vorwiegend New Yorker) Alltag bewegt wie ein Fisch im Wasser. Selbstverst\u00e4ndlich ist es ein Buch \u00fcber Rassismus. Aber es wirbelt die oberfl\u00e4chlichen, den allt\u00e4glichen westlichen Diskurs dar\u00fcber bestimmenden Kategorien so gewaltig durcheinander, wie es die Wahrheit erfordert. Der Held verachtet seine Mutter, die sein nat\u00fcrlicher Leidensgenosse sein k\u00f6nnte, ist sie doch die Frucht der Vergewaltigung einer Berlinerin durch sowjetische Soldaten im okkupierten Kriegsberlin, gleichzeitig ist ihm seine Berliner Oma eine Sehnsuchtsfigur, einer Umarmung wegen, die er einmal in Nigeria von ihr erfahren hat. \u00dcber den Grund dieser kalten Verachtung erf\u00e4hrt der Leser nichts \u2013\u2013 ist sie eine &#8220;geerbte&#8221; K\u00e4lte der Kriegsgewalt? Ist sie ein in sehr tief im Unbewussten verriegelter &#8220;existentieller&#8221; Rassismus der wei\u00dfen Mutter gegen ihr schwarzes Kind oder umgekehrt schwarzer Rassismus des Sohnes gegen seine wei\u00dfe Mutter, vielleicht noch gest\u00e4rkt durch den fr\u00fchen Tod seines Vaters? Die Tragik dieses verbrecherischen Unfallkn\u00e4uels der historischen Verwerfungen, die Menschen aber existentiell pr\u00e4gt, wird vollends unentwirrbar, wenn der Erz\u00e4hler, der Benjaminsche Flaneur in der Hauptstadt des zwanzigsten Jahrhunderts, von drei jungen Schwarzen, also &#8220;brothers&#8221;, \u00fcberfallen, verpr\u00fcgelt und beraubt wird, aber ganz besonders auch in der Szene, in der er auf der Party eines Hedgefond Managers von dessen schwarzer Freundin erf\u00e4hrt, dass er sie als Siebzehnj\u00e4hriger in Nigeria betrunken vergewaltigte, etwas, dass der Held offenbar v\u00f6llig aus seinem Bewusstsein entfernen konnte und auch jetzt nicht kommentiert. An dieser Stelle des Nachdenkens \u00fcber das Buch liegt der Vorwurf der Trivialit\u00e4t wegen der Inflation von Stoffen nahe. Am wenigsten entgangen ist der Verfasser dieser Falle in einem Kapitel, das in Br\u00fcssel spielt, wohin ihn, freilich erfolglos, die Suche nach seiner Oma trieb, die er aber weniger als halbherzig betreibt, wohl ahnend, dass das Proustsche Gro\u00dfmuttergl\u00fcck der &#8220;belle epoche&#8221; zwar f\u00fcr jeden Erz\u00e4hler notwendig, weil es doch von alters her die Gro\u00dfeltern sind, die den Enkeln die Erfahrung, zuerst in den M\u00e4rchen, weiterreichten, aber doch mehr und mehr verloren ist. Stattdessen trifft er auf einen jungen Araber, einen Angestellten in einem Internet-Caf\u00e9, der Benjamin und Barthes liest, auf seiner &#8220;Differenz&#8221; besteht und dies mit einer Weigerung der Distanzierung von Al-Kaida verbinden kann. Die eitle rassistische Dummheit, die hier intellektuell geschminkt ihren Ausdruck findet, wird aber im selben Kapitel durch die robuste politische Vernunft einer amerikanisch-belgischen Ersatzgro\u00dfmutter zurechtger\u00fcckt. Man bemerkt, dass das ein bisschen viel Stoff ist, aber es zeigt Coles Talent, dass er dem Scheitern in der Stofffalle entkommt. Ein anderer Vorwurf, der bei vielen Stellen, wo es um Kunst oder Intellektuelles geht, aber bei diesem &#8220;Farouque&#8221; besonders naheliegt, ist, dass der Roman sich weniger mit dem Leben als mit dem Denken, mit den Theorien linksliberaler Intellektueller besch\u00e4ftigt. Die Figur des sterbenden Professor Saito, den der Erz\u00e4hler verehrt, bringt z.B. auch noch die Gender- und Schwulen-Debatte ins Spiel. Nun ist dieser Vorwurf schon Gr\u00f6\u00dferen wie Musil und Proust gemacht worden, und er trifft auch f\u00fcr Cole nicht zu. Man irrt sich leicht \u00fcber die angebliche Trennung von Denken und Leben. Es mag zwar stimmen, dass <em>Open City<\/em> einen Teil seines Erfolges der Tatsache verdankt, dass jede (amerikanische) Studentin, die intellektuell-politisch up-to-date ist, &#8220;ihre Sache&#8221; darin h\u00e4ppchenweise konsumieren kann, aber die wirkliche, die subkutane Wirkung des Buches beruht doch auf etwas anderem: auf der \u00d6konomie des Zusammenhangs. Dieser Zusammenhang ist das autonome Individuum, ein Mann, der seinen Weg geht. Und das ist eigentlich das Erstaunlichste an dem ganzen Buch: wie kann einer im 21. Jahrhundert, wo wir Europ\u00e4er in Europa und New York doch (seit Marx, Freud, Benjamin, Adorno, Foucault und Derrida &#8211; oder: seit zwei Weltkriegen, den Konzentrationslagern und dem Fall des World Trade Centers) wissen, dass es damit endg\u00fcltig vorbei ist, einen solchen Zusammenhang in der \u00d6konomie eines geschliffen geschriebenen Buches, also in der Haltung, authentisch darstellen? Vielleicht kann das nur ein &#8220;naiver&#8221; amerikanischer Schwarzer. Zweifellos ist dieses &#8220;Individuum&#8221; besch\u00e4digt, nicht &#8220;unteilbar&#8221;, keine &#8220;Pers\u00f6nlichkeit&#8221; (sondern z.B. ein Vergewaltiger), aber es besteht doch auf einer pragmatischen inneren Konsistenz des Einzelmenschen, die etwa Kafka schon vor hundert Jahren in Richtung Tierreich hinter sich gelassen hat. An einer Stelle wird das explizit deutlich, wenn der Erz\u00e4hler, der doch Psychiater ist, kurz auf Freud zu sprechen kommt und dabei ganz den in der psychologischen Praxis der USA herrschenden Antifreudianismus wiederholt, obwohl er sich doch f\u00fcr Freud zug\u00e4nglich zeigt. Freud als Kulturwissenschaftler ist jedoch ein wei\u00dfer Fleck in seinem Bewusstsein. Und so kann dieses Buch auf einen Europ\u00e4er vielleicht etwas anders wirken als auf einen Amerikaner, n\u00e4mlich romantisch, so als ob der Gottfried Benn der fr\u00fchen R\u00f6nne-Novellen von 1916 noch einmal politischere Gestalt angenommen h\u00e4tte und als ob D\u00f6blin, Joyce und Dos Passos, obwohl der Autor die beiden letzteren sicher gut kennt, ihre Hauptwerke noch nicht ver\u00f6ffentlicht h\u00e4tten.<br \/>\nRainer Stollmann<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Liebeserkl\u00e4rungen an einen Hund.\u00a0Utz Rachowski, <em>Miss Suki oder Amerika ist nicht weit! <\/em>Niederfrohna, Mironde Verlag, 2013. Mit Zeichnungen von Thomas Beurich<\/strong><\/p>\n<p>Dass sich Rachowski sowohl als Prosaautor wie auch als Lyriker und Essayist l\u00e4ngst einen Namen gemacht hat, ist bekannt, besonders die B\u00e4nde \u201eRed\u2018 mir nicht von Minnigerode\u201c und zuletzt \u201eBeide Sommer\u201c haben ihm seinen Platz in der deutschen Gegenwartsliteratur gesichert. F\u00fcr sein Werk wurde der 1954 in Plauen\/Vogtland geborene und in Reichenbach aufgewachsene Dichter u.a. 2007 mit dem Reiner-Kunze-Preis ausgezeichnet. Seine Literatur ist aufs engste verbunden mit seiner Biographie: F\u00fcnf Gedichte und die Verbreitung verbotener Texte (Biermann, Fuchs, Pannach) brachten ihm in der DDR eine Verurteilung zu 27 Monaten Gef\u00e4ngnis ein. Nach seinem<\/p>\n<p>Freikauf durch die Bundesrepublik lebte er bis 1989 in Westberlin.<\/p>\n<p>Sein neuer Band \u201eMiss Suki\u201c wendet sich einem Hund zu, was im Vergleich zu seinen bisherigen Themen zun\u00e4chst \u00fcberrascht. Der Hund ist eine Cavalier-Prince-Charles-Spaniel-Lady, er ist in Amerika zu Hause. Diese mit scheinbar leichter Hand geschrie-benen Gedichte um einen Hund, die im Grunde Liebeserkl\u00e4rungen sind, inspirierten Rachowski, als er eine Gastprofessur am Gettysburg College in Pennsylvania bekleidete. Aber die Gedichte weisen dar\u00fcber hinaus, sie feiern die Freiheit, das Leben schlechthin, die Best\u00e4ndigkeit der Liebe und Treue, erinnern jedoch gleichzeitig daran, wie Wasser in Wein gesch\u00fcttet wird, dass wir endlich sind, auch wenn wir es oft vergessen, indem auf das Alter angespielt wird ebenso wie auf<\/p>\n<p>den Tod: die gro\u00dfen Themen der Literatur.<\/p>\n<p>Aber Rachowski w\u00e4re nicht Rachowski, wenn es nicht\u00a0Reminiszenzen an seine Diktatur-Erfahrungen g\u00e4be.<\/p>\n<p>\u201eMein H\u00fcndchen \/ mein kluges \/ mit langen Ohren \/\/ findet das Zusammenleben \/ mit einem Dichter \/\/ angenehm \/\/ soviel Schweigen \/ von beiden Seiten \/\/ zwei die zu oft \/ angebellt wurden\u201c.<\/p>\n<p>Die Gedichte leben von dem Spannungsverh\u00e4ltnis, das sich aus dem Vergleich zwischen Hund und Mensch ergibt, was mitunter\u00a0 charmant-selbstironische Z\u00fcge annimmt: Miss Suki liegt auf Platz 24 der Hunde-Intelligenzliste, das lyrische Ich tappt im dunklen, was den eigenen Platz anbelangt. Das kann man nur mit Augenzwinkern lesen und feststellen, dass sich das lyrische Ich nicht zu ernst nimmt.<\/p>\n<p>Doch der Dichter wei\u00df, dass die Oden an den Hund allein diesen Band vielleicht nicht ganz tragen. Deshalb hat er einige lange Gedichte eingebaut, die thematisch weiter gefasst sind. Neben dem \u201eIch hatte Nachbarn\u201c ist \u201eCulp\u2019s Hill, April 19, 2012\u201c das bemerkenswerteste: Es hat Tiefe, spannt einen gro\u00dfen historischen Bogen und bleibt im Tonfall dennoch lakonisch. Wer Gettysburg h\u00f6rt, assoziiert den amerikanischen B\u00fcrgerkrieg. Im Juli 1863 standen sich hier die Truppen der Nord- und S\u00fcdstaaten zur entscheidenden Schlacht gegen\u00fcber. An drei Tagen starben auf jenem H\u00fcgel 50 000 Soldaten. Der Gastprofessor begeht mit seinen Studenten den f\u00fcr immer gezeichneten Ort des Todes. \u201eIch bin das Gras. Ich decke \/ zu. H\u00e4uft Berge bei \/ Gettysburg. H\u00e4uft Berge \/ bei Ypern und Verdun.\u201c Als sie hinunter zur Stadt laufen, f\u00e4llt das Bedr\u00fcckende des Ortes, die Last der Geschichte von ihnen allen ab, ohne sich g\u00e4nzlich von ihr befreien zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Michael G. Fritz<\/p>\n<p>Zuerst erschienen in: <em>Dresdner Neueste Nachrichten\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201cbalance zwischen zerst\u00e4uben \/ und zentrieren\u201c. \u00a0Zu Michael Speier: <em>Haupt Stadt Studio. Gedichte<\/em> Aphaia Verlag. Berlin 2012.<\/strong><\/p>\n<p>Man kennt den Autor seit vielen Jahren als ausgewiesenen Schriftsteller, \u00dcbersetzer Literaturwissenschaftler und Herausgeber. Er ist in der romanischen und angels\u00e4chsischen Welt in gleicher Weise zuhause wie hierzulande. Eine ganze Reihe von Gedichtb\u00e4nden liegt vor. Diese neue Sammlung setzt den in den B\u00e4nden \u201cScherbenschnitte\u201c (2001) und \u201cwelt\/raum\/reisen\u201c(2007) eingeschlagenen Weg des \u2018Erz\u00e4hlgedichts\u2018 fort. Die vielen von Speier aufgesuchten Orte werden f\u00fcr ihn zum Terrain ausladender Bewu\u00dftseinserkundungen. \u00c4u\u00dfere und innere Reflexe spiegeln die lyrisch erfa\u00dfte Radikalit\u00e4t seines Erlebens. Die assoziativ aufgenommenen Erz\u00e4hlelemente schlagen sich in der aufgelockerten, eigenwilligen Sprache nieder. Sie erlaubt sowohl spielerische Leichtigkeit wie hintergr\u00fcndige Tragik. In rhythmisch abgestuften Abl\u00e4ufen schwingt gleicherma\u00dfen existentielles Unheil wie distanzschaffende Ironie mit. Sein stichwortartig lapidares Nennen erfa\u00dft die paradoxe Weltlage mit gro\u00dfer Genauigkeit vom Detail her. Solche Sprachverk\u00fcrzung f\u00fchrt oft zu Sprachverh\u00e4rtung. Nicht so im Falle von Speiers Gedichten. Ihm gelingt die schwierige \u201cbalance zwischen zerst\u00e4uben \/ und zentrieren\u201c (S. 41) und damit die Verwandlung des komplex Dargestellten in sinnlich ausgef\u00fcllte Plastizit\u00e4t.\u00a0 Dabei entsteht ein sprachliches Geflecht von Geschichte, Alltag, Mythos, Erinnerung, Reflexion, Depression, Sehnsucht und Erwartung. Allerdings setzt der lyrisch-narrative Wortflu\u00df den mitdenkenden Leser voraus. Sonst bleibt die sinnliche Abstraktion der Textgestaltung unerschlossen. Die im Grunde negative Welterfahrung m\u00fcndet letzten Endes in der produktiven Erkenntnis vom \u201cVerlernen der Welt\u201c (Nelly Sachs). Speiers Gedichte er\u00f6ffnen haltbare Positionen gefa\u00dften Weiterlebens im unsicheren Wissen: \u201cist es wenig fast nichts, und zwar heftigst? \/ lehne ich mich ins weite, greife ich tief \/ bin ich forsch, grammatisch, eifrig \/ beim horten von worten lauf ich \/ die serpentinenstra\u00dfe\u201c (S. 69). So w\u00fcnscht man sich heutige Lyrik: welthaltig, formstreng, hart in der Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die den Alltag zum Schrecken machen kann, im Endeffekt aber befreiend durch die lyrisch entfalteten Gegenkr\u00e4fte. Speier hat wahrlich \u201cnachgedacht und verstanden\u201c S. 36). Wir sollten unsererseits \u00fcber seine Gedichte nachdenken und \u2013 hoffentlich \u2013 verstehen.<\/p>\n<p>Theo Buck,\u00a0Aachen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Charlotte Roche, <em>Scho<\/em><em>\u00df<\/em><em>gebete.<\/em> M\u00fcnchen: Piper, 2011, pp. 283.<\/strong><\/p>\n<p>Im Zuge der um die Jahrtausendwende entstandenen Gattung der sogenannten Pop-Literatur entfaltete sich auch das genderspezifische Genre des sogenannten, wenn auch begrifflich umstrittenen \u201eliterarischen Fr\u00e4uleinwunders\u201c, in dem junge Autorinnen wie Judith Hermann, Tanja D\u00fcckers, Julia Frank, Sarah Kuttner et al. ihre Lebenserfahrungen als junge Frauen in einer postmodernen Spass- und Leistungsgesellschaft thematisieren. Bisheriger publizistischer H\u00f6hepunkt dieser literarischen Entwicklung war sicherlich Charlotte Roches senstionell-skandal\u00f6ser Bestsellerroman <em>Feuchtgebiete<\/em> (2008), der monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste stand und in k\u00fcrzester Zeit in mehr als ein Duzend Sprache \u00fcbersetzt wurde.<\/p>\n<p>Auch Roches neuer Roman<em> Scho<\/em><em>\u00df<\/em><em>gebete<\/em> (2011<em>)<\/em>, der ebenfalls monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste rangierte, ist als <em>chronique scandaleuse<\/em> konzipiert. Die 33-j\u00e4hrige Ich-Erz\u00e4hlerin hat sich nach ihrer gescheiterten Hochzeit in einen 50-j\u00e4hrigen Mann verliebt, den sie heiratet, um mit ihm, seinem jungen Sohn und ihrer jungen Tochter eine nach au\u00dfen recht b\u00fcrgerliche Patchworkfamilie zu gr\u00fcnden. Auch in diesem Roman spielt, wie schon in <em>Feuchtgebiete<\/em>, die Sexualit\u00e4t eine zentrale Rolle. In aller Ausf\u00fchrlichkeit werden die Liebesgepflogenheiten und Sexualrituale des Ehepaares dargestellt. Dieser Erlebnisbereich wird komplementiert durch eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Familientrag\u00f6die. In einer Massenkarambolage\u00a0 und ihrem Flammeninferno kommen drei Br\u00fcder der Erz\u00e4hlerin ums Leben, w\u00e4hrend ihre Mutter schwerverletzt \u00fcberlebt. So wird der Traum von einer exzessiv ausgelebten Sexualit\u00e4t erg\u00e4nzt durch das omnipr\u00e4sente Trauma der menschlichen Mortalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Im Verlauf des Erz\u00e4hlgeschehens, das von einer intensiven Psychotherapie-Erfahrung durchwirkt wird, verdichtet sich diese Liebes- und Todesgeschichte zu einem exemplarischen Freudschen Familienroman, in dem sich wesentliche Verhaltensweisen der Romanheldin als bezeichnende Erscheinungsformen eines vielschichtigen Mutter- und Vaterkomplexes zu erkennen geben. W\u00e4hrend ihre \u201eHypersexualit\u00e4t\u201c und ihre provokativen Praktiken und Phantasien unter anderem als Reaktionsbildungen gegen ihre \u201efeministische Mutter\u201c zu verstehen sind und sich im psychoanalytischen Erkl\u00e4rungsmodell der Objekt-Beziehungen weiter deuten lassen, kann ihr \u201efetter Vaterkomplex\u201c mitsamt ihrer obsessiven Analfixierung als eine illustrative Fallstudie f\u00fcr die psychosexuelle Regression ins prim\u00e4re Stadium infantiler Geschlechtsvorstellungen gedeutet werden, in denen Freuds Kloaken-Theorie zufolge der anale und vaginale K\u00f6rperbereich eine polymorph perverse Einheit bilden. Dieses Regressionsph\u00e4nomen ist mit dem Freudschen Todestrieb assozierbar und l\u00e4sst sich sowohl\u00a0 in der verkehrten Welt der faschistischen Vernichtungslager, dem \u201eAnus Mundi\u201c von Auschwitz und seiner \u201ePornographie des Todes\u201c (Ruth Kl\u00fcger), als auch in den archaischen Vorstellungen vom matriarchalen Mutter- und Totenreich und seinem imagin\u00e4ren <em>orcus uterus<\/em> weiterverfolgen. Zusammengesehen kristallisieren sich diese psychomythischen Phantasmagorien immer wieder zu einer morbiden Schauerromantik, in der Ekstase und Exitus, Eros und Thanatos eine magisch entgrenzte Einheit bilden. Immer wieder flirtet die Erz\u00e4hlerin mit ihrem \u201eGevatter Tod\u201c, stimmt gar ein Loblied auf den Freitod an, diese letzte Entgrenzung allen Lebens. Es ist eine makabre Hymne, die vor allem f\u00fcr labile Jugendliche der \u201eGothic Scene\u201c verh\u00e4ngnisvoll werden k\u00f6nnte. Zum Gl\u00fcck schlagen Roches Lockrufe in den befreienden Tod in der Regel immer wieder schnell um in den Sirenengesang auf die entfesselte Liebe. Diesem Lockruf kann seit Neuestem auch S\u00f6nke Wortmann, (<em>Der bewegte Mann<\/em>,<em> Deutschland<\/em> <em>&#8211; Ein Sommerm<\/em><em>\u00e4<\/em><em>rchen<\/em>) nicht\u00a0 mehr widerstehen, und so soll denn der Film zu <em>Scho<\/em><em>\u00df<\/em><em>gebete<\/em> bereits im Herbst 2013 in die deutschen Kinos kommen.<\/p>\n<p>Frederick A. Lubich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein Berliner Bilder- und Bildungsroman. Zu Gerald Uhlig-Romeros Neuerscheinung <em>stoff.wechsel. <\/em>Berlin: epubli, 2011, 124 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p>Gerald Uhlig-Romero ist sicherlich einer der schillerndsten K\u00fcnstlerfiguren des heutigen Berlin. Seine vielseitige Karriere begann er in Wien als S\u00e4nger und Schauspieler, um sie bald als Theaterregisseur, Autor von zahlreichen B\u00fchnenst\u00fccken, Photograf, Radio-Moderator und Installationsk\u00fcnstler in verschiedenen deutschen St\u00e4dten fortzusetzen. Ein Highlight seiner Lehr- und Wanderjahre war sicherlich die Inszenierung von Yoko Onos Musical <em>New York Story<\/em>, mit dessen deutschen Premiere ihn die K\u00fcnstlerin pers\u00f6nlich beauftragt hatte. In den letzten \u00a0Jahren profilierte sich Uhlig-Romero zudem mehr und mehr in den Ausdrucksformen der Malerei, Lyrik und Prosa. Seine Gem\u00e4lde fanden in nationalen und internationalen Ausstellungen Anerkennung und seine Gedichte erschienen in Buchform und wurden von f\u00fchrenden deutschen Printmedien wie der <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> wiederabgedruckt.<\/p>\n<p>Gleichsam als kreative Quintessenz dieser All-Round-Reise durch die Welt der K\u00fcnste kristallisierte sich das Caf\u00e9 Einstein Unter den Linden in Berlin-Mitte heraus, das Uhlig-Romero im Jahre 1996 mitbegr\u00fcndete und heute als alleiniger Inhaber unterh\u00e4lt. In den letzten Jahren hat\u00a0 es sich unter seiner engagierten Regie zu einer geradezu globalen Schaub\u00fchne entwickelt, auf der sich die nationalen und internationalen Akteure der Kultur, Wirtschaft und Politik ein Stelldichein geben und in dessen angeschlossener Galerie f\u00fchrende K\u00fcnstler vor allem aus den Vereinigten Staaten ihre Werke ausstellen. Zudem wurde Caf\u00e9 Einstein in den letzten Jahren auch zum beliebten Begegnungsort von Nobelpreistr\u00e4gern aus dem In- und Ausland, die sich in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden hier zum informellen Gedankenaustausch treffen. Kurzum, Caf\u00e9 Einstein ist die konsequente Kr\u00f6nung von Uhlig-Romeros k\u00fcnstlerischem Schaffen, eine kulturelle Leistung, die ihm mit gutem Recht in der deutschen Boulevardpresse den Titel \u201eKaffeehausk\u00f6nig von Berlin\u201c eingebracht hat.<\/p>\n<p>Diese multi-mediale Erfolgsgeschichte wird allerdings \u00fcberschattet vom Schicksalschlag <em>Morbus Fabry<\/em>, einer seltenen Erbkrankheit, an der Uhlig-Romero seit seiner Kindheit leidet, und die ihn vor Jahren fast das Leben gekostet h\u00e4tte, w\u00e4re sie nicht im letzten Moment diagnostiziert worden. Die Gespenstergeschichte dieser heimt\u00fcckischen Speicherkrankheit hat er 2009 in seinem Buch <em>Und trotzdem lebe ich. Mein Kampf mit einer r<\/em><em>\u00e4<\/em><em>tselhaften Krankheit<\/em> eindringlich beschrieben.<\/p>\n<p>Diese autobiographischen Hintergr\u00fcnde sind nicht unwesentlich f\u00fcr ein besseres Verst\u00e4ndnis von Uhlig-Romeros neuestem <em>Buch stoff.wechsel<\/em>. Peter Baaks, der Protagonist dieses Textes, ist ein 40-j\u00e4hriger Erfinder und Unternehmer, der es in der sich entfaltenden Internet-Industrie zu gro\u00dfem Ruhm und unermesslichem Reichtum gebracht hat. Zu Beginn des Romans sehen wir ihn in einem Zugabteil, das speziell f\u00fcr seine Reise reserviert worden ist. Er ist versunken in Erinnerungen an die geliebte, fr\u00fchverstorbene Mutter, an die Leiden der Schulzeit und an die leidenschaftliche Suche nach sich selbst und seiner k\u00fcnstlerischen Selbstverwirklichung. Diese animierte Retrospektive changiert im Verlauf des Narrativs zusehends in die exaltierten Wunsch- und\u00a0 Wahnwelten unserer heutigen Konsum- und Karrierekulturen und ihren prestige- und profitorientierten High Societies. Der Autor zieht alle kritisch-kreativen Register im Kaleidoskop seines facettenreichen Panoptikums, wobei sich die reale Reise mehr und mehr in eine <em>voyage imaginaire<\/em> verwandelt. In ihrem Verlauf beschw\u00f6rt die bewegte Bildersprache des Textes auch immer wieder ikonographische Reminiszenzen an die Berliner Kunstgeschichte herauf, seien es die expressionistischen Schrei-und-Angst-Visionen Edvards Munchs, die apokalyptischen Landschaften Ludwig Meidners, die satirischen Skizzen und Sittengem\u00e4lde von Otto Dix und George Grosz und nicht zuletzt die heftige Malerei der Neuen Wilden im Berlin der achtziger Jahre. Diese kulturgeschichtlichen Assoziationen vermischen sich dabei durchgehend mit naturwissenschaftlichen Evokationen aus dem mikroskopischen und makrokosmischen Universum der Quarks und\u00a0 Elektronen, der Lichtjahre und ihren unendlichen Dimensionen. Erratische Bildfragmente von \u201ebrennendem Eis\u201c und \u201egefrorenem Feuer\u201c treiben dar\u00fcber hinaus die verkehrte Welt, die unheimlichen Abgr\u00fcnde der deutschen Schauerromantik herauf.<\/p>\n<p>Diese Bewusstseinsflut mit ihrem irrlichternden Bilder- und Wissensgut konkretisiert sich schlie\u00dflich in der schim\u00e4rischen Erscheinung einer weiblichen Figur namens Johanna, die der Romanheld im Speisesaal des Zuges trifft und die von Beruf Kellnerin und von Berufung Malerin ist. Der Blick- und Wortwechsel dieser beiden, das Spiel ihrer beginnenden Tuchf\u00fchlung, f\u00fchrt schlie\u00dflich zur vollst\u00e4ndigen Enth\u00fcllung \u00a0ihrer \u201evollkommenen Sch\u00f6nheit\u201c, \u00a0mit der sie sich ihrem Bewunderer z\u00fcgel- und grenzenlos hingibt \u2013 nur um sich danach in den Tod zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Im Gefolge dieser seltsamen Ereignisse verwandelt sich der mond\u00e4ne Speisesaal in einen omin\u00f6sen Operationssaal, dessen Decken mit den Szenarien aus Himmel und H\u00f6lle ausgemalt sind. Unter diesem zwiesp\u00e4ltigen Horizont und seiner halluzinatorischen Erscheinungswelt wird schlie\u00dflich Baaks\u2018 krankes Herz durch das einer jungen Frau ausgetauscht, \u201edie sich selbst get\u00f6tet hat\u201c. Sp\u00e4testens hier lassen sich Parallelen zum Autor dieses Romans nicht mehr ignorieren. So gewinnt zum Beispiel in der Darstellung von Uhlig-Romeros eigener Krankengeschichte eine Nierentransplantation zentrale Bedeutung, wobei seine junge Frau als Organspenderin eine ausschlaggebende Rolle spielt. So hat der Autor von <em>stoff.wechsel<\/em> mit der \u00dcberlebensgeschichte seines maroden Protagonisten auch seiner eigenen Ehefrau ein mehr oder weniger verschl\u00fcsseltes Denkmal gesetzt.<\/p>\n<p>In der weiteren Entwicklung der Handlung stellt sich schlie\u00dflich heraus, dass Baaks\u2019 Liebhaberin und Lebensretterin mit ihren \u201e25 Jahren bereits einige Milliarden Jahre alt\u201c war. Auf diese Weise gibt sie sich als eine Verk\u00f6rperung des \u201eEwig Weiblichen\u201c, als ein leibhaftiger Avatar der aphroditischen Magna Mater zu erkennen. Dar\u00fcber hinaus figuriert Johannas Gl\u00fccksversprechen auch als eine vollst\u00e4ndige Verkehrung der Geheimen Offenbarung des heiligen Johannes. Dessen Buch der Sieben Siegel hat sich bei Johanna verwandelt in die Geheimschrift ihres entsiegelten Scho\u00dfes: \u201eSie \u00f6ffnete ihm ihre Schenkel wie Tageb\u00fccher.\u201c So mutiert das apokalyptische Weltgericht Gottvaters im Himmel in die ekstatische Welterl\u00f6sung durch die Mutterg\u00f6ttin auf Erden. In dieser chiliastischen Kontrafaktur ist nicht mehr das Wort Gottes, der himmlische Logos, sondern der irdische Eros, die Wollust der G\u00f6ttin, das sch\u00f6pferische Urgesetz, das die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt. Goethe hat dieses muttermythische Mysterium auf die Faustische Formel gebracht: \u201eSo herrsche denn Eros, der alles begonnen.\u201c<\/p>\n<p>Auf diese epische R\u00fcckkehr zu den archaischen Urspr\u00fcngen spielt auch eine Anekdote des Romans an, die das Menschenleben mit seinem Tod beginnen l\u00e4sst, es durch verschiedene Entwicklungstufen bis zu seinen Anf\u00e4ngen in der Geb\u00e4rmutter zur\u00fcckverfolgt, um es schlie\u00dflich im Zeugungsorgasmus enden zu lassen. Diese ontogenetische Regression f\u00fchrt mythographisch gesehen zur\u00fcck in den elementarsymbolischen Orcus Uterus, das sagenhafte Mutter- und Totenreich, \u00fcber dessen <em>prima materia<\/em> die allm\u00e4chtige Magna Mater herrscht und richtet und deren Urstoffe sie zu lebendigem Dasein verdichtet. Diesem Vorbild entsprechend wird Johanna mehr und mehr zum delphischen Orakel, aus dem immer wieder die Zauberspr\u00fcche dieses Stoffwechsels, die Beschw\u00f6rungsformeln von Zufall und Notwendigkeit, Wahrheit und Wahrscheinlichkeit wie leitmotivische Nebelschwaden aufsteigen und das gesamte Erz\u00e4hlgeschehen schw\u00e4ngernd durchziehen.<\/p>\n<p>Der Rausch der Bilder und Einbildungen erreicht seinen numin\u00f6sen H\u00f6hepunkt, als Baaks auf einer Kunstauktion das Gem\u00e4lde \u201eDame Evolution\u201c f\u00fcr eine astronomische Summe ersteigert und es damit zum teuersten Kunstwerk aller Zeiten macht. Wie es sich herausstellt, handelt es sich bei diesem Gem\u00e4lde um ein Selbstportrait Johannas \u201enackt in einem Zugabteil, die Beine \u00fcbereinandergeschlagen, schwarze Stiefeletten\u201c. F\u00fcr Baaks ist dieses Bild ein Inbild sinnlich-sinnbildlicher Vollkommenheit, Darwinsche Domina und Munchsche Madonna in matriarchaler Personalunion. Und so errichtet Baaks, ganz \u00f6dipaler Muttersohn, seiner enigmatischen Sphinx eine Art Herrschaftsthron, ein museales Mausoleum, das er t\u00e4glich zur \u201egeheiligten Stunde\u201c besucht. F\u00fcr ihn haben sich in diesem idolischen, erotisch-religi\u00f6sen Idealbild Kunst und Leben zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk verdichtet.<\/p>\n<p>Hand in Hand mit dieser sakralen Hommage an seine symbolische Kunstfigur geht die satirische Demontage des internationalen Kunstmarktes, dessen Hype und Hysterie in diesem Roman immer wieder zur Zielscheibe von Spott und Hohn werden. Die j\u00fcngste <em>chronique scandaleuse<\/em> um den Gem\u00e4ldef\u00e4lscher Wolfgang Beltracchi kann als ein weiteres Exempel gelten f\u00fcr die unheilige Allianz von Kunst und Kapital und ihre zwielichtige Welt aus Tausch und T\u00e4uschung. Die doppelte Optik, mit der Uhlig-Romero Sein und Schein dieser Kunstwelt ins Visier nimmt, macht seinen Roman zu einem kongenialen Reflexionsmedium, in dem sich komplexe Aspekte der Berliner Kulturgeschichte beispielhaft widerspiegeln.Wohl keine andere Metropole Europas hat in den letzten Jahren kunstschaffende und kunstvermarktende Synergien so magnetisch angezogen wie das wiedervereinte Berlin. Hier schossen Kunstgalerien aus dem Boden wie einst die Am\u00fcsierkabaretts in der Weimarer Republik. Zudem spielte Berlin im zwanzigsten Jahrhundert eine exemplarische Rolle als Barometer f\u00fcr die fundamentalen Ver\u00e4nderungen der Epoche. Hier vollzog sich der Wandel der Moderne, der systematische Paradigmenwechsel von der patriarchalen Realit\u00e4t zur matriarchalen Utopie, sicherlich am spektakul\u00e4rsten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend zum Beispiel im imperialen Berlin Kaiser Wilhelms die Stechschrittparaden der zum Krieg aufmarschierenden preu\u00dfischen Soldaten das Stadtbild bestimmten, ist <em>vice versa<\/em> das Image des republikanischen Berlins der Zwanziger Jahren von den Attraktionen der Revue Girls, dem Nackttanz des Weimarer Cabarets und &#8211; last but not least &#8211; der beginnenden gesellschaftlichen Selbstverwirklichung der \u201eNeuen Frau\u201c gepr\u00e4gt. Entsprechend wurde die Weimarer Republik als \u201eFrau Republik\u201c und Berlin als \u201eHure Babylon\u201c so ber\u00fchmt wie ber\u00fcchtigt. Die treibende Kraft dieser sexuellen Revolution inspirierte auch noch die Eskapaden der Berliner Kommune I zu Beginn der siebziger Jahre und feierte schlie\u00dflich im Berlin der neunziger Jahre und seiner bunten Love Parades ihre letzten, fr\u00f6hlich-frivolen Urst\u00e4nd. Ultimatives Sinnbild dieser hedonistischen K\u00f6rperkultur sind wohl Helmut Newtons weltber\u00fchmte \u201eBig Nudes\u201c, die un\u00fcbersehbar die W\u00e4nde der Helmut Newton Bar in Berlin Mitte zieren. \u201eMake Love not War\u201c, dieses Fanal der 68er Generation ist ihren veritablen Venus-Figuren buchst\u00e4blich von Kopf bis Fu\u00df auf den Leib geschrieben. Ihr photogener Auftritt inszeniert metaphorisch gesehen das Comeback der antiken Amazonen, der fabelhaften Vorreiterinnen aller modernen Frauen-Emanzipationen. Zudem figurieren die schamlos Sch\u00f6nen von Helmut Newton auch als passende Erg\u00e4nzung zu K\u00e4the Kollwitz\u2018 gramvoller Mutter in Berlins Alt-Neuer Wache, wo sie der Opfer ihrer zahllosen, im Krieg gefallenen S\u00f6hne gedenkt.<\/p>\n<p>Das ikonische Potential dieser imagin\u00e4ren Konstellationen lie\u00dfe sich kulturutopisch noch bedeutend weiter projizieren. So wie einst die \u201eLangen Kerls\u201c f\u00fcr den preu\u00dfischen K\u00f6nig ihr Leben in die Schanze schlagen mussten, so k\u00f6nnten heute die \u201eBig Nudes\u201c sinnbildlich gesprochen der deutschen Kanzlerin als ehrw\u00fcrdige Leibgarde dienen. Statt m\u00e4nnlichem Kampfgew\u00fchl b\u00f6ten sie nun weiblicher Sex-Appeal. Damit lie\u00dfe sich symbolisch bestens Staat und Reklame machen. In diesem Sinne repr\u00e4sentierten Newtons \u201eNudes\u201c nicht nur Weimars legend\u00e4re Freik\u00f6rperkultur, sie reflektierten auch den Geist der heutigen Zeit und sein so vielberufenes Ideal der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Freiheit. So w\u00e4ren diese Super Models auch die Muster- M\u00e4del der Kanzlerin und &#8211; <em>quod erat demonstrandum<\/em> &#8211; die sch\u00f6nen Freudenfunken der vielbesungenen \u201eTochter aus Elysium\u201c.<\/p>\n<p>Angesichts des Wunderjahres 1989 und seiner friedlichen Berliner Revolution &#8211; dem Wunder aller deutschen Nachkriegswunder von \u201eFr\u00e4uleinwunder\u201c bis \u201eWirtschaftswunder\u201c &#8211; lie\u00dfen sich Newtons \u201eWonder Women\u201c auch als wunderbare Wiederg\u00e4ngerinnen von Walter Benjamins \u201eAngelus Novus\u201c, dem umst\u00fcrmten \u201eEngel der Geschichte\u201c denken und deuten. Als wandelnd verwandelte \u201eAngela Nova\u201c k\u00f6nnten sie zu neuen, sch\u00f6nen Schutzengeln von &#8211; <em>nomen est omen<\/em> &#8211; Angela Merkel werden, um sie fortan auf ihrem umstrittenen Feldzug als gro\u00dfe Mutter Courage der europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft sch\u00fctzend und schirmend zu begleiten. &#8211; Doch genug der Projektionen in Raum und Zeit, genug der endlosen M\u00e4nnerphantasien rund um die \u201eImaginierte Weiblichkeit\u201c.<\/p>\n<p>\u201eBack to the Future\u201c, diese Parole der Postmoderne ist auch Uhlig-Romeros Zeitreise auf mannigfaltige Weise eingeschrieben. Anfang und Ende aller menschlichen Sehns\u00fcchte ist und bleibt &#8211; allen kritischen Theorien zum Trotz &#8211; die \u201erestaurative Utopie\u201c der Gro\u00dfen Mutter, in anderen Worten, das aphroditische \u201eParadise Now\u201c. Dieser mythisch moderne Spannungsbogen verleiht auch Uhlig-Romeros Bilder- und Bildungsroman seine innere Dynamik und dem wissenschaftlichen Eros seines schillernden Liebespaares immer wieder logische Koh\u00e4renz und imaginative Brillanz.<\/p>\n<p>Frederick A. Lubich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Grit Poppe, <em>Abgehauen<\/em> (Hamburg: Cecilie Dressler Verlag, 2012) 336 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEs war dunkel, vollkommen dunkel. Sie stand allein in der Finsternis und r\u00fchrte sich nicht.\u201c<em> Sie<\/em> ist die 16j\u00e4hrige Gonzo, die seit Tagen wegen rebellischen Verhaltens in Einzelhaft in einer Dunkelzelle im ber\u00fcchtigten Jugendwerkhof im s\u00e4chsischen Torgau einsitzt.<\/p>\n<p>Es ist Sp\u00e4tsommer 89. Von Ver\u00e4nderung oder gar Zusammenbruch der DDR ist in dem Knast, in dem sogenannte verhaltensauff\u00e4llige Jugendliche zu \u201evollwertigen sozialistischen Pers\u00f6nlichkeiten umerzogen\u201c werden sollen, nichts zu sp\u00fcren. Gonzo ist sadistischen \u201eErziehern\u201c und willk\u00fcrlicher k\u00f6rperlicher wie psychischer Gewalt erbarmungslos ausgesetzt.\u00a0Nur einen Weg aus der H\u00f6lle gibt es: Sie verletzt sich so schwer, dass sie in ein Krankenhaus muss. Bei der \u00dcberf\u00fchrung in ihren Stammwerkhof nutzt Gonzo eine Pinkelpause als Gelegenheit zur Flucht.<\/p>\n<p>\u201eWenn sich eine T\u00fcr schlie\u00dft, \u00f6ffnet sich eine andere\u201c, hei\u00dft vielleicht darum sinnbildlich eine Zwischen\u00fcberschrift in dem neuen Roman \u201eAbgehauen\u201c von Grit Poppe, in dem Gonzos Odyssee durch diverse Kinderheime und Werkh\u00f6fe erz\u00e4hlt wird, aus denen sie abhaut (im DDR-Jargon wird sie unter der Rubrik\u00a0 \u201eDauerentweicherin\u201c gef\u00fchrt), immer wieder eingefangen wird, bis sie schlie\u00dflich in Torgau landet.<\/p>\n<p>Sie entkommt, trifft in einer Schrebergartensiedlung auf den 18j\u00e4hrigen Ren\u00e9, der \u00fcber Prag aus der DDR fliehen will. Sie schlie\u00dft sich ihm an. Das ist die andere T\u00fcr, die sich ihr \u00f6ffnet, raus aus der DDR, \u201ein ein Land ohne Torgau\u201c, denn \u201ewenn dir ein Riegel durch die Seele gerammt wird, hast du jedes Recht der Welt, nach dieser verdammten T\u00fcr zu suchen.\u201c\u00a0 Gemeinsam wagen sie den Weg \u00fcber die gr\u00fcne Grenze von Sachsen in die Tschechoslowakei und finden in die deutsche Botschaft, wo sie, wie Tausende andere, auf dem Gel\u00e4nde ausharren.<\/p>\n<p>Eindringlich, als w\u00e4re sie selber dort gewesen, beschreibt Poppe im zweiten Teil des Buches die Zust\u00e4nde in der Prager Botschaft: die beengten Verh\u00e4ltnisse, das ewige Warten, den Schmutz, die Langeweile, die Zweifel, die wachsende Anspannung, die sich in Aggressionen entl\u00e4dt, weil die Menschen zur Unt\u00e4tigkeit verdammt sind.<\/p>\n<p>Doch das sind nur die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde. Vielmehr geht es Poppe in <em>Abgehauen<\/em>\u00a0\u2014 dem Nachfolgeroman von <em>Weggesperrt<\/em>, in dem sie bereits den Weg der 14j\u00e4hrigen Anja durch staatliche Erziehungsanstalten schilderte \u2014 um die Verw\u00fcstungen der Seele, die Erlebnisse an Orten wie Torgau hinterlassen.<\/p>\n<p>Stets verflechten sich Begebenheiten mit Assoziationen. So erzeugt der Geruch von Sauerkraut bei der Essensausgabe im Hof der Prager Botschaft einen widerlichen Geschmack auf der Zunge, Gonzo h\u00f6rt Riegel knallen, einen Schl\u00fcssel im Schloss, \u201edann wird es dunkel, stockdunkel\u201c.<\/p>\n<p>In \u00e4u\u00dferst pr\u00e4gnanter Sprache, beinahe abgehackten S\u00e4tzen, beschw\u00f6rt Poppe die Schrecknisse herauf, schildert feinnervig die Gef\u00fchlswelt der Protagonistin, wobei sich die Autorin auf Zeitzeugenberichte st\u00fctzt, verwebt ziseliert Gegenwart und Vergangenheit. Kleinste Begebenheiten katapultieren Gonzo in die H\u00f6lle zur\u00fcck . Unvermittelt ist er wieder lebendig, der \u201eTorgauer Dreier\u201c, eine Kombination aus Liegest\u00fctz, Hockstrecksprung und Hocke, der bis zur v\u00f6lligen Ersch\u00f6pfung ausgef\u00fchrt werden musste. Oder der \u201eEntengang\u201c: die Treppen hoch und runter, bis \u00a0einer zusammenbricht. Die Zwangsarbeit wie das Zusammenschrauben von Waschmaschinenschaltern &#8211; und wehe, die Norm wurde nicht erf\u00fcllt. \u00a0Krank werden gab es nicht. Wer sein Essen erbrach, musste das Erbrochene aufessen. Wer sich nicht mehr zu helfen wusste, schluckte schon einmal Schrauben oder N\u00e4gel.<\/p>\n<p>Was bleibt, ist ein verunsicherter, misstrauischer junger Mensch, der schweigt, \u00fcber das, was war. \u201eIhr war nicht zu helfen. Niemand konnte das. Die Vergangenheit lie\u00df sich nicht \u00e4ndern. Sie hatte sich in ihr festgesetzt: in ihrem Blut, ihren Knochen, ihrem Herzen.\u201c\u00a0Es ist ihre ganz pers\u00f6nliche H\u00f6lle, der Gonzo scheinbar nicht entrinnen kann, die ihr wie ein b\u00f6ser Kobold, sie nennt ihn \u201ePanik-Punk\u201c,\u00a0 im Kopf sitzt und jeden Versuch der Befreiung von den dunklen Schatten zu torpedieren sucht: \u201eEine Flucht ist sinnlos. Wohin du auch gehst, du wirst ES immer mit dir herumschleppen\u201c.<\/p>\n<p>Auch wenn am Ende Genscher die Ausreise der Fl\u00fcchtlinge in die Bundesrepublik verk\u00fcndet und der Weg frei ist, die T\u00fcren offen sind, Gonzo endlich ein neues Leben beginnen kann, kommt sie nicht los vom alten. Es verschwindet nicht einfach wie das Jugendgef\u00e4ngnis, das nach dem Mauerfall stillschweigend aufgel\u00f6st wurde. Gonzo begibt sich noch einmal zur\u00fcck an den Ort der Folter. Die Sichtblenden der Zellenfenster und der Stacheldraht sind abmontiert und verrotten im Hof, Unkraut bahnt sich \u00fcberall seinen Weg. \u201eSchau mal einer an, da wollen sie wohl Gras \u00fcber die Sache wachsen lassen.\u201c \u00a0Solche Verknappungen, ebenso wie die Selbstzweifel und Verunsicherungen der Protagonistin und der von Poppe durchweg n\u00fcchern gehaltenene Ton, ohne jegliche Larmoyanz, sind es, die das Buch zu einer \u00fcberaus beklemmenden Lekt\u00fcre machen.<\/p>\n<p>Susanne Sch\u00e4dlich (Berlin)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ulrich Bergmann, <i>Doppelhimmel<\/i> Bonn: Free Pen Verlag, 2012. 182 Seiten\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Halle an der Saale. Sowjetische Besatzungszone. Anfang der F\u00fcnfziger Jahre. \u00a0Hier wohnt Janus Rippe zusammen mit seiner Mutter und seinen Gro\u00dfeltern Luise und Carl in einem b\u00fcrgerlichen Haus. Janus&#8217; Vater Robert, ein Arzt, gilt als verschollen. Das Kind, es wurde im letzten Fronturlaub gezeugt und wird im vorletzten Kriegsjahr geboren, kennt seinen Vater nicht. \u00a0Eine typische Nachkriegsfamilienkonstellation, eine vom Krieg verwundete Familie.<\/p>\n<p>Mit \u00a0<i>Doppelhimmel<\/i> hat Ulrich Bergmann,\u00a0 selber aus Halle stammend, seinen ersten Roman vorgelegt, der biografische Z\u00fcge erkennen l\u00e4sst. Feinf\u00fchlig und unsentimental erz\u00e4hlt er darin den Kosmos einer Familie in der Zeit nach 1945. Das besondere daran: er erz\u00e4hlt die Geschichte zum gr\u00f6\u00dften Teil aus Sicht des Jungen Janus, der, neugierig, aber vor allem unversehrt, die zerr\u00fcttete Welt der Gro\u00dfen erf\u00e4hrt, ohne sie als zerr\u00fcttet zu empfinden. Er ist wie ein Schwamm. Nimmt wahr, setzt sich aus, h\u00f6rt hin, l\u00e4sst sich ein, deutelt nicht.<\/p>\n<p>Es ist ein scheinbares Miteinander, denn im Grunde lebt jeder f\u00fcr sich allein, die Erwachsenen mit ihrer Vergangenheit und den Erinnerungen, das Kind in seiner Phantasie, und doch leben sie alle unter einem Dach. \u00a0Da ist Usch, Janus Mutter, jung und lebensfroh. Janus\u2019 eigenwilliger Gro\u00dfvater, der sich dem Aufbau eines neuen Deutschland verschrieben hat, sich noch Illusionen hingebend liberaldemokratische Artikel verfasst und weltfremd \u00fcber alte Zeiten und gro\u00dfe Themen philosophiert wie Gott, das Leben und den Tod. \u00a0Die Gro\u00dfmutter Louise, zupackend, der Fels in der Brandung, \u00a0den Umst\u00e4nden entsprechend realistisch. Und eben Janus, der den Namen des r\u00f6mischen Gottes des Anfangs und des Endes, der Ein- und Ausg\u00e4nge, der T\u00fcren und Tore tr\u00e4gt. Mittler zwischen Menschheit und G\u00f6ttern. Als k\u00f6nnte er irgendwann die Br\u00fccke schlagen zwischen dem Jetzt und Sp\u00e4ter. Janus unter zwei Himmeln, auch politisch, Deutschland ist geteilt.<\/p>\n<p>Doch Janus ist ein Kind, ger\u00e4t als solches in das Getriebe des Weltgeschehens und der Erwachsenenwelt mit all ihrer Schuld und Geschichte.\u00a0Konkret wird sie, als Janus\u2019 Vater 1953\/54 aus russischer Kriegsgefangenschaft zur\u00fcckkehrt. Usch hatte ihn f\u00fcr tot erkl\u00e4ren lassen, hat wieder geheiratet und ein zweites Kind.\u00a0\u201eJanus ist neun, er hat Usch und Mama Luise und Carl. Und er hat einen Vater. Der war tot. Aber jetzt lebte er wieder.\u201c<\/p>\n<p>Bergmanns Stil ist eindringlich, knappe S\u00e4tze evozieren Bilder und Emotionen, kunstvoll variiert der Autor die Erz\u00e4hlperspektiven. St\u00f6rend allein, wenn er sich als Ich-Erz\u00e4hler einbringt und aus der Gegenwart reflektiert. \u00a0Immer wieder mischen sich Gedanken und Erinnerungen in die Geschichte von Janus, am eindrucksvollsten die Schilderung der Kriegs- und Gefangenenerlebnisse des Vaters. \u00a0Illusionen, Tr\u00e4ume, Hoffnungen, sie haben im Himmel, egal welchem, \u00a0keinen Platz. \u201eDie Hoffnung ist Wundpflaster und Selbstbetrug zugleich\u201c, so hatte sich Robert sein Dasein schon im sibirischen Schweigelager zurechtgelegt. \u00a0Nach seiner Heimkehr beschlie\u00dft er, in die Bundesrepublik zu gehen. Seine Eltern, die in der DDR l\u00e4ngst als \u201areaktion\u00e4r\u2019 gelten und im Visier der Staatssicherheit sind, holt er nach.<\/p>\n<p>Janus kommt ebenfalls zum Vater, Usch \u00fcbergibt ihn h\u00f6chstpers\u00f6nlich, sozusagen als Schuldpfand. \u201eGib Robert wenigstens seinen Sohn! Kein Tag ohne diese Gedanken &#8230; an Russland, an das Lager&#8230; Ich war allein, ich war eine junge Frau. Ich wollte wieder leben, ich verlor mich an den Frieden, der Stacheldraht schn\u00fcrt mir die Luft ab, der Stacheldraht in Russland, und der Stacheldraht hier\u201c, so res\u00fcmiert Usch.<\/p>\n<p>So ziehen sich Trennung und Teilung durch das Leben des Knaben. Nichts ist zu haben, ohne etwas anderes daf\u00fcr hergeben zu m\u00fcssen. Doch er ist sonderbar entr\u00fcckt. Unweigerlich hineingezogen in die Geschichte der Eltern und Gro\u00dfeltern, \u201eIch bin geteilt\u201c sagt Janus; als er 1967 in Ost-Berlin seiner Mutter begegnet, will er sich ihr gleichzeitig entziehen.<\/p>\n<p>Doch ein Ende gibt es nicht, auch keine T\u00fcren und Tore. Er steht dazwischen. Zwischen Vater und Mutter, Ost und West, sich und der Welt, kann kaum etwas dagegen setzen. Mit \u201eDoppelhimmel\u201c ist Bergmann ein bewegendes Buch \u00fcber das geteilte Deutschland der Nachkriegszeit gelungen, das es zu entdecken gilt.<\/p>\n<p>Susanne Sch\u00e4dlich (Berlin)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bernd Cailloux, <em>Gutgeschriebene Verluste. Roman memoire<\/em>. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2012<\/strong><\/p>\n<p>Caf\u00e9 M, Domina, Dschungel, Risiko, Ruine, Kumpelnest, das Caf\u00e9 Swing. Wer kennt sie nicht, diese Orte aus den guten alten Zeiten im guten alten Westberlin. Ich eroberte sie erst mit 16 oder 17 f\u00fcr mich, in den 80ern, als die hippen K\u00fcnstler und Schriftsteller und Musiker schon in die Jahre kamen, dort herumhingen, das Flair der Boh\u00e9me verbreiteten und das alternative Kunst- und Kulturleben dieser halben Stadt pr\u00e4gten. Einst\u00fcrzende Neubauten, Notorische Reflexe, Manna Maschine. Jeder war ein Star, und wer noch keiner war, wollte einer werden. Ich bestaunte sie, diese Leute und diese Welt, sa\u00df meist in einem dieser Caf\u00e9s, scheu, mit einem Buch und beobachtete.<\/p>\n<p>Jetzt, drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter, halte ich wieder ein Buch in der Hand: \u201eGutgeschriebene Verluste\u201c von Bernd Cailloux, Jahrgang 1945. Ich schmunzle des \u00f6fteren nicht schlecht, denn obwohl ich so viel j\u00fcnger bin, so erkenne ich doch den einen oder anderen Portraitierten wieder in dieser selbstironischen, zuweilen sarkastischen, Lebensbilanz eines \u201e\u00dcbriggeblieben\u201c.<\/p>\n<p>So nennt ihn seine wesentlich j\u00fcngere Freundin, die er im Caf\u00e9 Fler in Sch\u00f6neberg kennenlernt. Diese Liebesgeschichte zwischen Ella und dem Flaneur, der nun sein Leben durchstreift wie einst Franz Hessel das Berlin der 20er Jahre, bildet die Rahmenhandlung des Romans. Nach kurzfristiger Ekstase des Gl\u00fccks zeigen sich un\u00fcberbr\u00fcckbare Differenzen zwischen dem zaudernden Ironiker und der zur Exaltiertheit neigenden, \u00fcberemotionalen Alleinerziehenden. Der durchs Leben treibende, einzelg\u00e4ngerische, launische Mittsechziger und \u201esich selbst zum Geistesmenschen erhebende Geringverdiener&#8221; ist zum gemeinsamen Nestbau nicht zu \u00fcberreden. Der schwindenden Hoffnung auf eine feste Bindung geschuldet, sch\u00fcttet Ella ihren ganzen M\u00e4nnerha\u00df \u00fcber dem Helden aus, und so f\u00fchrt der sp\u00e4te Versuch, eine konventionelle Bindung einzugehen, sich ganz konventionell selbst ad absurdum. Die tragische Komik dieser Beziehung verwandelt sich in melancholisches Scheitern, das irgendwie immer vorprogrammiert zu sein scheint.<\/p>\n<p>Sein zweites Gegen\u00fcber hat der Ich-Erz\u00e4hler in Leiser, einem Freund aus alten Tagen, einem wortkargen Poeten, der es, im Gegenteil zum Erz\u00e4hler, zu etwas gebracht hat, mit dem er im Fler \u00fcber alles und jeden spricht und der sein kritisches alter ego zu sein scheint. In der R\u00fcckbetrachtung werden sich gegenseitig die Vers\u00e4umnisse und Verfehlungen aufgetischt \u2013 das Leben passiert Revue.<\/p>\n<p>Eine Reise mit Ella an den Geburtsort im Th\u00fcringischen bringt zwar ein wenig Licht ins Dunkel der fr\u00fchesten Kindheit des Ich-Erz\u00e4hlers, stellt sich aber als \u201etherapeuticum interruptum\u201c heraus, weil eben doch nicht das ganze Leben mit den fr\u00fchen Leiden und Verlusten zu erkl\u00e4ren bzw. zu rechtfertigen ist; ebensowenig mit der Hepatitis C, die er sich in einer Drogennacht beim needle sharing vor \u00c4onen eingefangen hat. Auch das Virus &#8211; eine Metapher f\u00fcr die 1968er? -, mu\u00df f\u00fcr das halb verkrachte Leben herhalten und f\u00fchrt jetzt zur klinischen Diagnose von noch zwei Jahren Lebenszeit. Nur die Inferon-Therapie kann den sicheren Tod abwenden. Katharsis in der Postmoderne.<\/p>\n<p>\u201eGut geschriebene Verluste\u201c hat keine chronologische Handlung. In kreisenden Reflexionsprozessen setzt der Autor immer wieder an neuen Lebensstationen an, mit feiner Ironie f\u00fchrt er sich und die 1968er vor, die Hedonisten, die alles umw\u00e4lzen, die nicht dazu geh\u00f6ren wollten und jetzt etabliert in sicheren H\u00e4fen ihren spie\u00dfigen Existenzen fr\u00f6nen. Nur der Held des Romans ist und bleibt ein \u201eSchwellenwesen\u201c, wie er am Ende so sch\u00f6n non chalant feststellt, als er zusammen mit dem Ex-Terroristen Peter J\u00fcrgen Boock und anderen Mitdiskutanten auf einem Podium sitzt und merkt, er sitzt mal wieder zwischen allen St\u00fchlen, jedes bon mot verfault ihm im Munde, und mit dem SDS konnte er sowieso nie mithalten.<\/p>\n<p>So ist das mit der Vergangenheit. Sie ist voller Abgr\u00fcnde und Peinlichkeiten, vor allem aber voller Verluste, die aber gutgeschrieben werden m\u00fcssen. Das ist Bernd Callioux gl\u00e4nzend gelungen: Gut geschrieben, abgekl\u00e4rt, gnadenlos bissig, pointiert ist es, dieses autobiographische perpetuum mobile, das den vermeintlichen Glanz einer ganzen Generation noch einmal aufleuchten l\u00e4\u00dft, die sich selbst erledigt hat. Nicht mehr Zukunft, sondern Vergangenheit ist er, stellt der Ich-Erz\u00e4hler irgendwann lakonisch fest, als sei es schon immer so gewesen, und kehrt die Maxime seiner Sinnsuche, da\u00df das Leben zwar r\u00fcckw\u00e4rts verstanden, aber vorw\u00e4rts gelebt werden m\u00fcsse (Kierkegaard), sinnreich um.<\/p>\n<p>Susanne Sch\u00e4dlich, Berlin<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hans Joachim Sch\u00e4dlich: <em>Sire, ich eile. Voltaire bei Friedrich II. Eine Novelle<\/em>. Rowohlt. Reinbek bei Hamburg 2012<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Friedrich II. von Preu\u00dfen war eine h\u00f6chst widerspr\u00fcchliche Pers\u00f6nlichkeit. Einerseits hat er sein Land zur Gro\u00dfmacht erhoben, nutzbringend den Kartoffelanbau bef\u00f6rdert und Sumpfgebiete trockenlegen lassen, ja sogar Rechtsgleichheit verf\u00fcgt und ein Toleranzgebot erlassen, die Folter (allerdings nicht die Leibeigenschaft) abgeschafft, ferner sein Rokokoschlo\u00df Sanssouci ganz nach eigener Vorstellung erbaut, barocke Fl\u00f6tenst\u00fccke komponiert und Gedichte in franz\u00f6sischer Sprache verfa\u00dft. Deshalb galt der Autor der bemerkenswert human angelegten Schrift \u201eAntimachiavell\u201c nicht wenigen als aufkl\u00e4rerischer \u201ePhilosoph auf dem Thron\u201c sowie, eigener Bekundung nach, als \u201eder erste Diener seines Staates\u201c. \u00a0Auf der anderen Seite aber charakterisierte ihn, wenn man der begr\u00fcndeten Meinung des Schweizer Kulturhistorikers Jacob Burckhardt folgt, eine v\u00f6llige \u201eMi\u00dfachtung der menschlichen W\u00fcrde\u201c. In der Tat geh\u00f6rte er zu den schlimmsten Kriegsverbrechern und Massenm\u00f6rdern seiner Zeit. R\u00fccksichtslos verfolgte der ruhmgierige Hasardeur n\u00e4mlich seine widerrechtliche Machtpolitik. Nicht ohne Grund galt der \u201ealte Fritz\u201c in den betroffenen Gebieten als ber\u00fcchtigter \u201eWitwenmacher\u201c. \u00dcber eine Million seiner Untertanen verloren durch das eroberungss\u00fcchtige Gehabe des K\u00f6nigs ihr Leben.<\/p>\n<p>Die Erhebung des Preu\u00dfenk\u00f6nigs durch die Nachwelt zum \u201eGro\u00dfen\u201c hat viel zu tun mit dem auffallenden Mangel an \u00fcberzeugenden Regierenden in deutschen Landen seit der Neuzeit, ebenso mit dem Mi\u00dfverst\u00e4ndnis, in ihm einen \u201eaufgekl\u00e4rten Monarchen\u201c zu sehen. Denn allemal endete sein Aufkl\u00e4rungsbed\u00fcrfnis dort, wo sein absoluter Machtanspruch tangiert wurde. Bezeichnenderweise legte Friedrich Schiller Wert auf die Bemerkung \u00fcber seinen Zeitgenossen, er k\u00f6nne \u201ediesen Charakter nicht liebgewinnen\u201c. Sogar der zur Zeit des Ersten Weltkriegs eher preu\u00dfenfreundliche Thomas Mann mu\u00dfte in seinem Aufsatz von 1915 \u00fcber \u201eFriedrich und die gro\u00dfe Koalition\u201c einr\u00e4umen, der ungute Charakter des K\u00f6nigs sei mit zunehmendem Alter \u201enoch h\u00f6hnischer und boshafter denn zuvor\u201c geworden.<\/p>\n<p>Die besondere Vorliebe des sich gerne als Sch\u00f6ngeist gerierenden Herrschers, der mit der deutschen Sprache auf Kriegsfu\u00df stand, geh\u00f6rte der Kultur Frankreichs. Deswegen bem\u00fchte er sich um die Gunst Voltaires, der als \u201eK\u00f6nig der Philosophen\u201c h\u00f6chstes Ansehen in ganz Europa genoss. Dieser vielseitig begabte Freigeist repr\u00e4sentierte unangefochten die Kultur seines Landes. Er hatte lediglich eine gro\u00dfe Schw\u00e4che: er war adels- und geldversessen. Zwar hatte diese Einstellung einen durchaus achtbaren Grund. So glaubte er seine Unabh\u00e4ngigkeit als freier Schriftsteller sichern zu k\u00f6nnen. Doch trieb er dabei im Falle des preu\u00dfischen Absolutisten, wie sich zeigen sollte, den Teufel mit Beelzebub aus. Der Kontakt zu dem achtzehn Jahre j\u00fcngeren K\u00f6nig schmeichelte freilich seiner Eitelkeit. Ungeachtet der Warnungen seiner Geliebten, Emilie du Ch\u00e2telet, beging er den Fehler, sich auf das gef\u00e4hrliche Spiel mit dem absolutistischen K\u00f6nig einzulassen.<\/p>\n<p>Die ungleiche Beziehung zwischen Regent und Freigeist ist Gegenstand des neuen Buches von Hans Joachim Sch\u00e4dlich. Im Gegensatz zu den meisten der zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen zum 300. Geburtstag des \u201agro\u00dfen K\u00f6nigs\u2018 ist es ihm nicht darum zu tun, die Bedeutung von dessen Leben und Wirken darzustellen. Mit souver\u00e4nem \u00dcberblick \u00fcber die gegebenen Fakten konzentriert er seine Erz\u00e4hlung auf die wesentlichen Momente des f\u00fcr Friedrich unr\u00fchmlichen Ablaufs der Begegnung beider. Insgeheim wird im selben Zug der unselige preu\u00dfisch-deutsche Mythos vom \u201egro\u00dfen K\u00f6nig\u201c demontiert. Ersichtlich hat der Autor vor dem Beginn der Arbeit an seiner Geschichte eine F\u00fclle von Quellen genau studiert: Briefe, Dokumente, Biographien und Abhandlungen. Stellenweise wirkt die Erz\u00e4hlung wie eine Montage \u00fcberlieferter Fakten. Aber Sch\u00e4dlich war von Beginn an ein Meister der Verbindung von historischen Zeugnissen mit eigener Erfindung. So auch hier. Durch die Authentizit\u00e4t seines Schreibens wird Faktisches Fiktion und Fiktion faktisch. Mit bewundernswerter F\u00e4higkeit zur narrativen Reduktion gelingt es ihm auf nicht ganz 150 Seiten, die entscheidenden Begebenheiten des Zusammentreffens dieser kontr\u00e4ren historischen Pers\u00f6nlichkeiten mit konkreter Sch\u00e4rfe zu vermitteln. Beispielhaft verfolgt er dabei den eigentlichen Antrieb seines Schreibens weiter: den Mi\u00dfbrauch der Macht anzuprangern und\u00a0ihm ein, oft zwischen den Zeilen verstecktes, aber deutlich sp\u00fcrbares Zeichen humaner Haltung entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Klar gegliedert in zwei Teile entfaltet Sch\u00e4dlich seinen Erz\u00e4hlzusammenhang. Der erste Teil beschreibt in 18 Kapiteln den Beginn der freundschaftlichen Begegnung zwischen Friedrich von Preu\u00dfen und dem \u201eK\u00f6nig der Aufkl\u00e4rung\u201c in den Jahren von 1736 bis zum Aufbruch Voltaires nach Potsdam 1750. Der aus 14 Kapiteln bestehende zweite Teil deutet lediglich kurz den Verlauf seines fast dreij\u00e4hrigen Aufenthalts bei Friedrich II. (1750-1753) an, konzentriert sich jedoch haupts\u00e4chlich auf die Wiedergabe des kl\u00e4glichen Endes der unm\u00f6glichen Verbindung von Freigeist und Machtmensch. Mit der ausf\u00fchrlich geschilderten Inhaftierung Voltaires in Frankfurt erreicht die Darstellung dann ihren bezeichnenden Endpunkt. Von diesem sch\u00e4bigen Finale her geht dem Leser auf, warum der Marquis de Mirabeau nach dem Tod Friedrichs 1786 n\u00fcchtern registrieren konnte. \u201eAlle Welt begl\u00fcckw\u00fcnschte sich. Kein Bedauern wird laut\u201c.<\/p>\n<p>Der frei entwickelte Erz\u00e4hlzusammenhang enth\u00e4lt eine Menge eingef\u00fcgter Zitate aus Briefen und anderen Quellen. Authentisch sprechen sie f\u00fcr oder gegen die Urheber. Dennoch gibt der Autor den Erz\u00e4hlfaden keinen Augenblick aus der Hand. Er entscheidet \u00fcber die Auswahl. Die eigenen Schilderungen und in den Kontext von ihm eingearbeitete Dialoge erg\u00e4nzen, gelegentlich nicht ohne ironische Untert\u00f6ne, die zitierten Partien. Historische Realit\u00e4t und Erz\u00e4hlwirklichkeit sind so aufeinander abgeglichen, dass manch ein Leser vom spannenden Geschehen voll absorbiert werden kann und dabei die durch den Gestaltungsprozess herbeigef\u00fchrte poetische Verwandlung \u00fcbersieht. Denn der Erz\u00e4hlablauf enth\u00e4lt einen f\u00fcr das \u00e4sthetische Verst\u00e4ndnis entscheidenden, durchg\u00e4ngig mitschwingenden kommentierenden Subtext. Um ihn zu vermerken, bedarf es gr\u00fcndlich mitvollziehender Reflexion.<\/p>\n<p>Souver\u00e4n setzt Sch\u00e4dlich die von ihm gewollten Akzente. Die wohl\u00fcberlegte Komposition verfolgt ein klares Ziel. In jedem Kapitel kommt schlaglichtartig eine sich einpr\u00e4gende charakteristische Verhaltensgeste zum Ausdruck. Etwa, um ein Beispiel herauszugreifen, im f\u00fcnften Kapitel (I,5) die f\u00fcr die stimmige Beziehung zwischen Voltaire und seiner \u201eg\u00f6ttlichen Geliebten\u201c (27), Emilie du Ch\u00e2telet,\u00a0mitgeteilte Beobachtung: sie \u201ef\u00fchlten sich \u2026 gl\u00fccklich, als Liebende, als geistige Arbeiter, als Freunde\u201c (23). \u00dcber diese qualitative Zuschreibung kann man lange nachdenken. Offenkundig bildet die menschlich gelingende Begegnung den Gegenpol zu der am Ende katastrophal mi\u00dflingenden \u201aFreundschaft\u2018 mit Friedrich, dem blo\u00df vorgeblichen Aufkl\u00e4rer, weil der sich als r\u00fccksichtsloser Despot mit einer \u201eSchlachterseele\u201c (56) entpuppt.<\/p>\n<p>Oder als weiteren Beleg ein anderes Schlaglicht: Die klare Erkenntnis Emilies im achten und elften Kapitel (I,8, I,11), dass Friedrich den umworbenen Voltaire nur f\u00fcr seine Interessen benutzen will: \u201eEr ist nicht dein Freund. Er will dich besitzen, wie er andere Schmuckst\u00fccke besitzt. Du sollst seinen Ruhm mehren\u201c (47). Weil diese besondere Frau Friedrichs Absichten durchschaut und ihn deswegen ablehnt, wird sie zur menschlich \u00fcberzeugenden Kontrastfigur. Friedrich erkennt das rasch und will sie darum wegschieben. Ungescheut schreibt er Voltaire: \u201eEs geht \u2026 um Sie, um meinen Freund. \u2026 Die g\u00f6ttliche Emilie, bei all ihrer G\u00f6ttlichkeit, ist doch nur ein Accessoire des newtonisierten Apoll\u201c (47). Freilich sch\u00fctzt die Klarsicht der Geliebten Voltaire nur, solange er mit ihr zusammen ist, &#8211; \u201eSolange ich lebe\u201c (47), wie sie ihn ahnungsvoll wissen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Voltaire reagiert anders. Viel zu sehr f\u00fchlt er sich vom k\u00f6niglichen Werben geschmeichelt. Obwohl er schon bei der ersten Begegnung auf Schlo\u00df Moyland bei Kleve erfahren mu\u00df, dass der vermeintliche sch\u00f6ngeistige Partner in Wahrheit ein \u00fcbler \u201eMachtmensch\u201c (47) ist, der, ohne ihm gegen\u00fcber auch nur ein Wort dar\u00fcber zu verlieren, seine Truppen aufmarschieren l\u00e4\u00dft, wo und wie es ihm gerade zupa\u00df kommt. Ungeachtet dessen gef\u00e4llt der Philosoph sich in der Rolle des Mentors f\u00fcr den von ihm als \u201eSalomon des Nordens\u201c (44 und 51) gefeierten Herrscher. Schlimmer noch: Nach Friedrichs \u00dcberfall auf Schlesien notiert er zwar f\u00fcr sich die zutreffende Bemerkung: \u201eDer K\u00f6nig von Preu\u00dfen h\u00e4lt sich f\u00fcr einen zivilisierten Mann, doch unter der d\u00fcnnen Au\u00dfenhaut des \u00c4stheten liegt \u2026 die Seele eines Schlachters\u201c, lobt ihn jedoch ebenso als seinen \u201eHelden\u201c. Einerseits schreibt er ihm mahnend: \u201eWerden Sie denn niemals aufh\u00f6ren, Sie und Ihre Amtsbr\u00fcder, die K\u00f6nige, diese Erde zu verw\u00fcsten, die Sie, sagen Sie, so gerne gl\u00fccklich machen wollen\u201c (59). Gleichzeitig aber betont er emphatisch: \u201edennoch, gro\u00dfer K\u00f6nig, lieb\u2018 ich Sie\u201c (60). Zwei Reisen nach Rheinsberg 1740 und Berlin 1743 vertieften dann eher noch die beidseitige Wertsch\u00e4tzung. So kam es, wie es kommen mu\u00dfte.<\/p>\n<p>Bald nach Madame du Ch\u00e2telets fr\u00fchem Tod macht Voltaire sich, der dringlichen Aufforderung Friedrichs folgend, im Juni 1750 auf nach Sanssouci (\u201eSire, ich eile\u201c, 84 und Titel). In seiner Verblendung begibt er sich ungesch\u00fctzt in die H\u00f6hle des L\u00f6wen. Er wird, nach au\u00dfen mit allen Ehren bedacht, als Kammerherr unversehens zum Besitz Friedrichs (\u201eVoltaire \u2013 besitzen! Schlesien \u2013 besitzen\u201c (85). In Kapitel II,2 findet sich das vom Autor f\u00fcr diese ambivalente Situation treffend ausgew\u00e4hlte Bild: \u201eFriedrich streichelte Voltaire mit k\u00f6niglicher Samtpfote. Voltaire schien vergessen zu haben, dass es eine Tigertatze war, deren Hieb ihn zerschmettern konnte\u201c (87). Wahrlich, eine Schl\u00fcsselmetapher des Ganzen.<\/p>\n<p>Den zeremoniell geregelten Umgang w\u00e4hrend des f\u00fcr den Philosophen in intellektueller Hinsicht bald eher langweiligen Aufenthalts l\u00e4\u00dft der Autor weithin beiseite. Ihn interessieren die Auswirkungen auf den privilegierten, aber bald nicht mehr so gern gesehenen Gast. Zun\u00e4chst gelten des K\u00f6nigs \u201everletzende Scherze\u201c beim abendlichen Souper noch anderen. Als jedoch Voltaires ungl\u00fcckliche Finanzspekulation mit s\u00e4chsischen Steuerscheinen ruchbar wird, dem\u00fctigt ihn Friedrich mit Vorw\u00fcrfen. Ein letztes Mal beugt sich der abh\u00e4ngig Gewordene den Launen des Regenten: \u201eIch habe Ihnen mein Leben geweiht. \u2026 Haben Sie Mitleid mit Bruder Voltaire\u201c (96). Er mu\u00df indes vernehmen, dass Friedrich \u00fcber ihn verlauten lie\u00df: \u201eIch brauche ihn h\u00f6chstens noch ein Jahr. Man pre\u00dft eine Orange aus und wirft die Schale weg\u201c (97).<\/p>\n<p>Insgeheim war damit der Bruch vollzogen. Nun konnten die Masken der Freundschaft fallen. Zum offenen Konflikt kommt es bald danach, weil Voltaire sich bei der Kontroverse zwischen Maupertuis, dem Pr\u00e4sidenten der K\u00f6niglich-Preu\u00dfischen Akademie der Wissenschaften, und Samuel K\u00f6nig auf die Seite des in den Niederlanden t\u00e4tigen Gelehrten stellt, obwohl Friedrich seinen Akademie-Pr\u00e4sidenten st\u00fctzt. F\u00fcr Voltaire ging es darum, die Freiheit des Schriftstellers zu verteidigen. Deswegen ver\u00f6ffentlicht er gegen die von Friedrich eigenh\u00e4ndig verfa\u00dfte Streitschrift f\u00fcr Maupertuis eine Spottschrift, welche der ver\u00e4rgerte K\u00f6nig in Anwesenheit Voltaires verbrennen l\u00e4\u00dft. Die dann noch folgende \u00f6ffentliche Verbrennung auf dem Berliner Gendarmenmarkt macht ihm vollends die Gefahr bewu\u00dft, in der er sich befindet. Darum will er nun blo\u00df noch \u201eehrlich \u2026 desertieren\u201c (117). Friedrich gibt ihm den erbetenen Abschied mit der Auflage: \u201elassen Sie mir vor Ihrer Abreise Ihren Dienstvertrag, Kreuz (Orden Pour le m\u00e9rite) und Schl\u00fcssel (Kammerherrn-Schl\u00fcssel) und den Gedichtband zur\u00fcckbringen, den ich Ihnen anvertraute\u201c (119). Unverz\u00fcglich reist Voltaire am 26. M\u00e4rz 1753 ab, allerdings ohne die ersuchten Objekte zur\u00fcckzugeben. Er war der Meinung, \u201eder Gedichtband stehe ihm zu angesichts der zahlreichen stilistischen Hilfen, die er Friedrich geleistet hatte\u201c (119). Das sollte er in der Folge bitter bereuen.<\/p>\n<p>Die Reise Voltaires wurde schon in Frankfurt am Main j\u00e4h unterbrochen. Dort hatten zwei preu\u00dfische Gesandte, Kriegsrat Freytag und Hofrat Schmidt, den von Friedrich erlassenen Befehl, dem Durchreisenden unverz\u00fcglich den Kammerherrenschl\u00fcssel und den Orden \u201eab(zu)fordern \u2026 und alles Beschriebene, \u2026 ingleichen ein Buch, welches Einlage besaget\u201c abzunehmen. Widrigenfalls solle er \u201earretiert\u201c werden. Erst wenn ihm \u201eohne Komplimente Alles genommen\u201c sei, d\u00fcrfe er \u201ealsdann reisen\u201c (121 f.). Mit einem zweiten Befehl wurde pr\u00e4zisiert, \u201ealle k\u00f6niglichen Manuskripte\u201c und \u201edas Buch \u2026 Oeuvres de Po\u00e9sie\u201c (123) seien sicherzustellen. Da Voltaire allein die k\u00f6niglichen Briefe, das Ordenskreuz und den Schl\u00fcssel aush\u00e4ndigen konnte, weil das Buch sich in einer in Leipzig zur\u00fcckgelassenen Kiste befand, wurde ihm die Weiterreise unter Androhung der Arretierung verweigert. Er mu\u00dfte sich ehrenw\u00f6rtlich verpflichten, \u201eunter Hausarrest im Gasthaus zu bleiben\u201c (124), bis die Kiste nachgekommen sei. Die Beh\u00f6rden der Freien Reichsstadt lie\u00dfen das, vom k\u00f6niglichen Befehl eingesch\u00fcchtert, geschehen. Damit begann eine b\u00f6swillige Schikane, die Voltaire sp\u00e4ter mit guten Gr\u00fcnden als \u201eOstgoten- und Vandalengeschichte\u201c bezeichnete (140). Es zeigt das wahre Gesicht des rachs\u00fcchtigen K\u00f6nigs und seiner willf\u00e4hrigen Handlanger, dass der Gefangene nicht nur \u00fcber einen Monat festgehalten und in \u00fcbler Weise schikaniert wurde, sondern dazu auch noch sein ganzes Reisegeld abgenommen bekam. Der lange Arm des Preu\u00dfenregenten bewirkte sogar die Verweigerung des Aufenthalts im Einflu\u00dfbereich des franz\u00f6sischen und lothringischen Hofes. Mit einem Schlag war Voltaire \u201eheimatlos\u201c (141). Aber er hatte nun seine Freiheit wiedergefunden.<\/p>\n<p>Sp\u00fcrbares Vergn\u00fcgen bereitete es Sch\u00e4dlich, in einem gesonderten Kapitel (II,6) am Beispiel einer ganzen Reihe von Briefen Friedrichs an seinen Kammerdiener Fredersdorf den miserablen Umgang des Monarchen mit der deutschen Sprache kritisch zu beleuchten. Zu Recht l\u00e4\u00dft er dabei durchblicken, wie sehr der die deutsche Literatur verachtende, selbstverliebte Sch\u00f6ngeist sich mit einer Art \u201eKutscherdeutsch\u201c (31) an seiner Muttersprache vers\u00fcndigte. Nebenbei deutet der Autor mit den zitierten anteilnehmenden Briefen an Fredersdorf \u00e4u\u00dferst diskret die homophile Neigung des K\u00f6nigs zu seiner \u201ePompadour\u201c (Wolfgang Burgdorf) an. Nicht ohne Grund vermi\u00dfte Voltaire am preu\u00dfischen Hof die \u201eAnregung sch\u00f6ner Frauen\u201c (53).<\/p>\n<p>Der vom Autor spannungsreich ausgestaltete Erz\u00e4hlbogen wird im kurzen Schlu\u00dfkapitel (II,14) gezielt noch einmal weitergef\u00fchrt. Im auswertenden Epilog findet n\u00e4mlich Voltaire, der wieder freie Schriftsteller, hoch \u00fcber dem Genfer See \u201eein k\u00f6stliches Refugium: Les D\u00e9lices \u2013 Die Wonnen\u201c (141). Die Wortwahl Voltaires f\u00fcr seine Bleibe bezeugt res\u00fcmierende, in sich ruhende Gefa\u00dftheit. Sch\u00e4dlichs Erinnerung an den Hausnamen gen\u00fcgt, um diese wichtige Haltung zu vermitteln. Damit kommt die letzten Endes unm\u00f6gliche Begegnung Voltaires mit Friedrich II. zu ihrem wirkungsvollen Abschlu\u00df. Zur\u00fcck bleibt im Bewu\u00dftsein des Lesers das entlarvende Bild eines zynischen Machtmenschen und das vers\u00f6hnliche Gegenbild eines freien Denkers sowie, erg\u00e4nzend und menschlich vertiefend, das Warnbild der hellsichtigen Emilie du Ch\u00e2telet, jener gro\u00dfen Verfechterin vollkommener Unabh\u00e4ngigkeit. Haupts\u00e4chlich um dieses Paares willen hat der Autor seine ebenso scharfe wie \u00fcberzeugende Abrechnung mit dem sogenannten gro\u00dfen, menschlich jedoch sehr kleinen Friedrich vorgenommen.<\/p>\n<p>Angesichts der \u00fcberw\u00e4ltigenden Flut mehr oder weniger huldigender Darstellungen zum 300. Geburtstag dieser vermeintlichen Lichtgestalt der deutschen Geschichte kann der kurzen, aber eindringlichen Erz\u00e4hlung Sch\u00e4dlichs wohltuender Abstand aus der Sicht eines kritischen Humanisten bescheinigt werden. Er hat das Kunstst\u00fcck fertig gebracht, die sich \u00fcber einen weiten Zeitraum erstreckende Partnerschaft zweier Charaktere in ihrem Kern herauszukristallisieren, ohne sie auf ein Schema einzugrenzen. Mit unnachahmlicher Finesse versteht es n\u00e4mlich der Autor, den dargestellten Figuren Lebensf\u00fclle einzuhauchen. Sie sprechen zu uns. Dank der parabolischen Stilhaltung des Textes zielt der erz\u00e4hlte Fall des 18. Jahrhunderts unmittelbar auf das Bewu\u00dftsein eines jeden heutigen Lesers. Ihm obliegt es, die damit zur Entscheidung vorgelegte Wahl zu treffen.<\/p>\n<p>Theo Buck, Aachen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anna Sch\u00e4dlich \u2013 Susanne Sch\u00e4dlich (Hrsg.), <em>Ein Spaziergang war es nicht.\u00a0Kindheiten zwischen Ost und West<\/em>. Wilhelm Heyne Verlag. M\u00fcnchen 2012<\/strong><\/p>\n<p>An Berichten oder Zeugnissen von K\u00fcnstlern und Intellektuellen, die in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts als Dissidenten und Regimegegner die DDR verlassen mu\u00dften, ist kein Mangel. Allerdings bleibt bei der Darstellung ihrer weiteren Lebensl\u00e4ufe meist unber\u00fccksichtigt, dass sie in der Regel nicht allein vom einen Teil Deutschlands in den anderen \u00fcbersiedelten, sondern ihre Familienmitglieder, vor allem die Kinder mitnahmen. F\u00fcr sie, die ungefragt den Systemwechsel erleben mu\u00dften, bedeutete das Herausgerissenwerden aus dem bisher gewohnten Alltag oft einen existentiellen Bruch mit langanhaltenden psychischen Nachwirkungen. Es ist den beiden gleichfalls davon betroffenen Herausgeberinnen hoch anzurechnen, mit dem von ihnen zusammengestellten Buch diese L\u00fccke geschlossen zu haben. Die von ihnen versammelten Beitr\u00e4ge geben dem Leser, ungeachtet des unterschiedlichen Niveaus der Lebensgeschichten, Aufschlu\u00df \u00fcber dieses bisher ausgespart gebliebene Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte. Die achtzehn Berichte der neunzehn zwischen 1965 und 1980 geborenen \u2018Schicksalsgenossen und \u2013genossinnen\u2018 ergeben im Zusammenwirken ein authentisches, reich facettiertes Bild der von ihnen gemachten Erfahrungen des Heranwachsens zwischen Ost und West. Von Verlusten, Verunsicherung, Verweigerung und Schwierigkeiten dieser zudem noch mit der Pubert\u00e4t zusammenfallenden Zerrei\u00dfprobe ist ebenso die Rede wie von gewonnener Selbstfindung und ungewohnter Kraft zu freier, kreativer Entfaltung.<\/p>\n<p>Orientierende Schrittmacherdienste leisteten dabei sicher die beiden B\u00fccher der Herausgeberin Susanne Sch\u00e4dlichs, in denen sie \u00fcber die Geschichte ihrer eigenen Verunsicherung im anderen Deutschland ausf\u00fchrlich berichtet hat: Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich (2009) und Westw\u00e4rts, so weit es nur geht (2011). Was dort mit bemerkenswerter Selbstdistanz und in geb\u00fchrender Breite und Tiefe zur Darstellung kommt, wird uns in gebotener K\u00fcrze und Konzentration in nicht wenigen der Beitr\u00e4ge gut nachvollziehbar vermittelt. Sie leisten wirklich, was der Titel von Anna Sch\u00e4dlich, der anderen Herausgeberin, ank\u00fcndigt: \u201cErz\u00e4hlte Erinnerung\u201c. Gemeint ist erinnerte \u201cZerrissenheit, Entwurzelung, Trennungsschmerz\u201c (135). In bemerkenswerter Offenheit erfahren wir auf diese Weise, was es bedeutet, auf der Suche nach Identit\u00e4t in eine fremde Welt hineinwachsen zu m\u00fcssen. Nicht immer gelingt es den Chronisten, so wie Nicki Pawlow ihren Beitrag mit den hoffnungsvollen S\u00e4tzen abzuschlie\u00dfen: \u201cVor dem Mauerfall legte ich Wert darauf zu sagen: Ich bin Ostdeutsche. Einige Zeit nach der Wende erkl\u00e4rte ich: Ich bin Gesamtdeutsche. Und heute bin ich einfach: Deutsche\u201c. Es bleiben viele ungeheilte seelische Wunden. Wir lesen bei Dagny Dewath das anr\u00fchrende Bekenntnis: \u201cDieses Gef\u00fchl, nicht gewollt, der St\u00f6rfaktor einer sonst stimmigen Welt zu sein, und zu glauben, dass sich Menschen deshalb von mir abwenden, werde ich wohl in diesem Leben nicht mehr ganz los\u201c. Die meisten halten es wohl mit Anna Langhoff, die res\u00fcmierend festh\u00e4lt: \u201cMeine Gegenwart teile ich ohne Besitznahme. Mit jeder Zukunft vers\u00f6hnt. Und meiner Zuversicht, keinerlei Wirklichkeit anzugeh\u00f6ren\u201c. Wir sollten sehr genau auf diese \u201cStimme einer zerrissenen Generation\u201c (so der Umschlagtext zum Buch) h\u00f6ren, weil wir danach auch viel \u00fcber unsere eigene Zerrissenheit nachdenken k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Theo Buck, Aachen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anna Sch\u00e4dlich und Susanne Sch\u00e4dlich, (Hrsg.), <em>Ein Spaziergang war es nicht. Kindheiten zwischen Ost und West.<\/em> M\u00fcnchen: Wilhelm Heyne Verlag, 2012. 317 S<\/strong>.<\/p>\n<p>In dieser von Susanne und Anna Sch\u00e4dlich mit Sorgfalt zusammengestellten Anthologie kommen 19 Autoren zu Wort, die heute zwischen 30 und 48 Jahren alt sind und mit Ausnahme von Dagny Dewath, die 1981 in Westberlin zur Welt kam, zwischen ihrem zweiten und f\u00fcnfzehnten Lebensjahr mit ihren Eltern in den siebziger und achtziger Jahren in den Westen ausgereist, oder, wie Nicki Pawlow, mit ihnen gefl\u00fcchtet waren.<\/p>\n<p>Sie waren &#8220;kein leichtes Gep\u00e4ck&#8221; f\u00fcr die Eltern, wie Anna Langhoff in ihrem Beitrag vermerkte, aber es war auch kein Spaziergang f\u00fcr die Kinder, besonders f\u00fcr die schon \u00e4lteren, die diese oft sehr pl\u00f6tzlichen Abschiede &#8212; manchmal blieben nur 24 Stunden &#8211;, durch die sie ihrer vertrauten Umgebung, ihren engsten Freunden und ersten Lieben entrissen wurden, sehr bewu\u00dft erlebten.<\/p>\n<p>Viele Autoren dieser Anthologie sehen ihren Wechsel von Ost nach West aus heutiger Sicht nicht ausschlie\u00dflich aber vor allem als eine gro\u00dfe Chance, der Enge und Bedrohung entkommen zu sein. Andere empfanden den Ortswechsel von Anfang an als etwas Positives. Moritz Kirsch z. B. sah seinen Weggang aus der DDR im Nachhinein zu hundert Prozent als einen Gl\u00fccksfall an. Moritz Schleime geno\u00df die Buntheit des Westens, die <em>Bravo<\/em> und die N\u00e4he zu den t\u00fcrkischen Migranten in Kreuzberg, unter denen er sich \u00fcberhaupt nicht fremd f\u00fchlte, weil sie wie er aus einer anderen Welt kamen. Jakob Schlesinger f\u00fchlte sich schon von Anfang an im Westen wohler, weil er die Ostschule nicht ausstehen konnte.<\/p>\n<p>Und doch haben viele den Umzug in den Westen nicht unbeschadet \u00fcberstanden. Nadja Klier sp\u00fcrt noch heute den tiefen Schmerz, den sie am Tag der Ausreise erfuhr. Anna Sch\u00e4dlich berichtet, dass sich mit der Erlaubnis zur Ausreise ihre ganze bisherige Welt in ein Nichts aufl\u00f6ste und dass sie unvorbereitet in die Fremde gesto\u00dfen wurde. Auch hatten sie es schwer, sich an die neue Umgebung zu gew\u00f6hnen. Ob es die neuen, fremden Freunde oder die manchmal sogar unangenehmen unbekannten Lehrer und Klassenkameraden in den Westschulen waren, ein Gef\u00fchl der Entwurzelung, Einsamkeit und Hilfslosigkeit in der &#8220;terra incognita&#8221; stellte sich wohl bei den meisten, besonders bei den schon etwas \u00c4lteren, wenigstens zeitweise ein.<\/p>\n<p>Den J\u00fcngsten unter ihnen wurden die Verletzungen sp\u00e4ter deutlich, als sie begannen, sich mit der Biografie der Eltern und mit den Abschieden und Trennungen innerhalb der Familie auseinander zu setzen. Das Gef\u00fchl, eine Heimat war verloren oder nie besessen zu haben, hielt Jahre an. Und die Ankunft im neuen Land brauchte die gleiche Zeit, wenn sie nicht gar noch andauert.<\/p>\n<p>Hinzu kam, dass es, wiederum gerade f\u00fcr die \u00c4lteren unter den in den Westen Mitgenommenen, nicht nur um einen Orts- und Lebensstilwechsel ging, sondern auch um einen viel zu fr\u00fchen Abschied von der Kindheit. Lebten sie im Osten noch halb in einem zwar noch unverstandenen aber beh\u00fcteten M\u00e4rchenland &#8212; Anna und Susanne Sch\u00e4dlich lebten sogar im Ostberliner M\u00e4rchenviertel von K\u00f6penick &#8211;, wurden nun im Westen einige zu unbeholfenen Beh\u00fctern der Erwachsenen, die sich dort fast noch weniger zurecht fanden als sie und daher M\u00fche hatten, ihren Kindern die Zuneigung und Freiheit zu gew\u00e4hren, die sie selbst ben\u00f6tigten. So mussten sich die Mitgenommenen vorerst allein behaupten, wurden aggressiv oder neigten im Gegenteil dazu, Konflikte mit der neuen Umwelt zu harmonisieren und eventuell sogar zu Vermittlern zwischen den Eltern zu werden, deren Beziehungen im &#8220;Neuland&#8221; ohne Ausnahmen trotzdem kaputt gingen, wenn sie es nicht vor der Ausreise schon gewesen waren.<\/p>\n<p>Erschwerend f\u00fcr die Entwicklung der ehemaligen Kinder und Jugendlichen aus dem Osten wirkte sich aus, dass sich viele an die DDR der Kindheit nicht als eine Diktatur, nicht als einen Wolf, sondern eben haupts\u00e4chlich als an ein M\u00e4rchenland erinnern, was ihnen ihre Abschiede auf l\u00e4ngere Zeit unverst\u00e4ndlich machte und den notwendigerweise entstehenden Frust, die die Eingew\u00f6hnung in den Wesen mit sich brachte, auf die Au\u00dfenwelt, die Eltern eingeschlossen, projizierten. Denn nicht nur hatten die Eltern, \u00e4hnlich wie der Wolf im M\u00e4rchen, sie in den Erinnerungen vieler von ihnen aus dem M\u00e4rchenland entf\u00fchrt, sondern behinderten durch ihre Leid- und Mutbiographien, in deren Sog sie lange befangen waren und eventuell teilweise noch sind, ihren Prozess zu sich selbst zu kommen. Als Kinder der teilweise ber\u00fchmten Eltern finden sie auch erst einmal keine Zuh\u00f6rer f\u00fcr ihr eigenes Leben, f\u00fcr ihre eigenen Wunden und Erfolge. Wie Susanne Sch\u00e4dlich in einem Interview sagte: &#8220;Die B\u00fchne geh\u00f6rte den Eltern.&#8221;<\/p>\n<p>Nicht mehr. Mit dieser Anthologie \u00e4u\u00dfert sich die Generation der &#8220;Mitbringsel&#8221; in ihrer eigenen Sprache. W\u00e4hrend sich der eine oder andere Text noch ein wenig wie ein Schulaufsatz liest oder eine &#8220;Selbsteinsch\u00e4tzung&#8221; und daher auf stilistischer Ebene das DDR-Erbe zu erkennen gibt, sind andere sehr pers\u00f6nlich, intim und frei geschrieben. <em>Ein Spaziergang war es nicht<\/em> ist eine sehr lesenswerte Anthologie der anderen Flucht-, Ausreiser- und Ausb\u00fcrgerungsgeschichten, es ist eine notwenige Anthologie der bisher kaum wahrgenommenen Geschichten von Kindern des Ostens, die fr\u00fch im Westen ankamen, \u00fcber ihre Erfahrungen meist schwiegen und erst als Erwachsene \u00fcber ihre Zeit der Abschiede, des Umbruchs und der Eingew\u00f6hnung mit sich und mit einander ins Gespr\u00e4ch kamen.<\/p>\n<p>Wolfgang M\u00fcller, Carlisle<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Christoph Hein: <em>Weiskerns Nachlass. Roman<\/em> (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2011).\u00a0 319 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Heins neuer gesellschaftskritischer Roman <em>Weiskerns Nachlass<\/em>\u00a0 wurde im September 1912 mit dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeichnet. Der Klappentext des Verlags verspricht einen aktuellen, realistischen, literarisch durchgeformten Gesellschaftsroman. In der Tat handelt es sich hier um eine zutiefst pessimistische Zeitanalyse, in der Hein die \u00a0profitorientierte Bundesrepublik des Jahres 2011 kritisch unter die Lupe nimmt. In einer Gesellschaft, in der nur das Geld regiert, ist auch der Universit\u00e4tsbetrieb \u00a0\u2014\u00a0 besonders \u00a0die nichtvermarktbaren\u00a0 Geisteswissenschaften \u2014\u00a0 vor K\u00fcrzungen und \u00a0Herabw\u00fcrdigungen nicht verschont. Geisteswissenschaften gelten als Belastung; \u00a0F\u00e4cher, f\u00fcr die es nur wenige Bewerber und kein Geld gibt, werden als Orchideenkunde gestrichen.<\/p>\n<p>In diesem Milieu bewegt sich Heins neunundf\u00fcnfzigj\u00e4hriger Protagonist R\u00fcdiger Stolzenburg, ein Kulturwissenschaftler an der Leipziger Universit\u00e4t,\u00a0 der seit f\u00fcnfzehn Jahren zum akademischen Prekariat geh\u00f6rt und mit einer\u00a0 halben\u00a0 Stellung recht und schlecht sein Leben fristet. Dieser Gruppe\u00a0 abgeh\u00e4ngter Akademiker fehlt jegliche Chance auf sozialen Aufstieg, jegliche Zukunftshoffnung. In Stolzenburgs\u00a0 Leben\u00a0 sind entw\u00fcrdigende Zumutungen und Nichtachtung\u00a0 geistiger Werte,\u00a0 Dominanz des Profits, Respektlosigkeit bis zum Gewaltakt und totale\u00a0 Bindungsunf\u00e4higkeit\u00a0 verquickt. An der Universit\u00e4t sind die Studenten wenig interessiert an Bildung; das Diplom z\u00e4hlt allein, und an Versuchen, den Dozenten mit Geld oder Sex zu bestechen, fehlt es nicht. Das Leben im Bereich der Halbheiten im Prekariat \u00fcbertr\u00e4gt sich, kaum unerwartet, auf das\u00a0 Privatleben des Protagonisten: halbe Stelle, halbes Leben, unverbindliche\u00a0 Aff\u00e4ren: \u201cEine Beziehung ist eine Freundschaft mit Bettlaken, nicht mehr, allerdings auch nicht weniger.\u201d<\/p>\n<p>In dieser Atmosph\u00e4re des Geduldetwerdens findet Stolzenburgs Forschungsprojekt, den\u00a0 Nachlass des im 18. Jahrhundert\u00a0 in Wien lebenden Librettisten und Schauspielers Friedrich Wilhelm Weiskern\u00a0 zu ver\u00f6ffentlichen, \u00a0ebenfalls weder Interesse\u00a0 noch Sponsoren. Das Projekt wird als nicht publizierbar abgetan. Der Leser ist geneigt, diesen Akademiker und Sch\u00f6ngeist, der in eine Sackgasse von Mi\u00dflichkeiten geraten\u00a0 ist, \u00a0als Opfer zu betrachten, \u00a0zumal der vom Ungl\u00fcck Verfolgte \u00a0sich auch noch mit dem Finanzamt herumschlagen mu\u00df. Dieses besteht auf eine irrsinnig hohe\u00a0 Steuernachforderung, weil sich irgendein B\u00fcrokrat im Amt nicht vorstellen kann, wie Stolzenburg ohne heimliche Nebeneink\u00fcnfte von seinem Hungerlohn existieren kann. Hinzu kommt, da\u00df er dreimal von einer Bande etwa zw\u00f6lfj\u00e4hriger M\u00e4dchen \u00fcberfallen, verpr\u00fcgelt und verletzt wird. Doch Hein macht es sich bei der Charakterisierung \u00a0seiner Figur nicht leicht und distanziert sich. Stolzenburg ist arrogant, zynisch, lustlos, \u00fcbers\u00e4ttigt, illusionslos, ist Lieb\u00e4ugeleien mit Unmoral durchaus nicht abhold. Er wird betrogen, spielt dann allerdings selbst mit dem Gedanken des Betr\u00fcgens. \u00a0Wieweit er gehen w\u00fcrde, bleibt offen. \u00a0Heins bew\u00e4hrte Schreibweise chronistischen Beobachtens und distanzierten \u00a0Berichtens \u00a0l\u00e4\u00dft vieles offen und ungesagt.<\/p>\n<p>Das ambivalent Schillernde dieser Dozentenfigur schl\u00e4gt sich in einer geschickt gew\u00e4hlten Erz\u00e4hlstruktur nieder. Die Anfangsszene des Romans zeigt einen vor Angst erstarrten Stolzenburg, der in einem Flugzeug nach Basel sitzt und einer Wahnvorstellung verfallen ist: Er glaubt, die Propeller h\u00e4tten versagt, wie \u00fcberhaupt alles in seinem Leben, er selbst eingeschlossen versagt hat. Die suggerierte kreisf\u00f6rmige Bewegung der Propeller enth\u00e4lt die Poetik des Romans, wird zum Symbol fortw\u00e4hrender Mi\u00dflichkeiten im Leben Stolzenburgs. Die letzte Szene in dieser Retrospektive \u00a0m\u00fcndet \u00a0kreisf\u00f6rmig wieder in die Anfangsszene. Doch der Ton hat sich ge\u00e4ndert. Wieder ist Stolzenburg im Flugzeug, und wieder hat er die Wahnvostellung eines \u00a0Absturzes. Doch er vergegenw\u00e4rtigt sich, da\u00df \u00a0es eine optische T\u00e4uschung ist. Er blickt auf sein Leben zur\u00fcck, seine Beziehung zu Frauen, seine finanzielle Notlage, seinen Umgang mit Studenten. Er reflektiert. \u00a0Wird er den finanziellen und sexuellen Versuchungen, die ihm von Seiten der Studenten drohen, erliegen, wird er korrupt? Der Text bel\u00e4\u00dft es bei der Leerstelle. Doch taucht das Wort \u201choffen\u201d\u00a0 in Variationen auf: \u201c Er [Stolzenburg] kann nur hoffen.\u201d\u00a0 Trotzdem endet\u00a0 Hein den Roman mit\u00a0 einer freundlichen Geste, die Stabilit\u00e4t und Zufriedenheit suggeriert. Stolzenburg erinnert sich an seine Billardrunde in Leipzig: \u201cDie Billardrunde wird er nicht aufgeben, mit diesen Freunden ist er bereits eine Ewigkeit zusammen, die Runde hat l\u00e4nger gehalten als seine Ehe, er geh\u00f6rte dazu, noch bevor er an der Uni anfing, und dort hatte er keine halbe Stelle, dort z\u00e4hlte er zu den alten, erfahrenen Hasen.\u201d Ein kleiner Lichtblick also doch noch; \u00a0ein volles Leben\u00a0 im Kleinsten, aber nicht das schlechteste.<\/p>\n<p>Christine Cosentino, \u00a0Rutgers University<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Jens Sparschuh, <em>Im Kasten. Roman<\/em>.\u00a0 (K\u00f6ln: Kiepenheuer &amp; Witsch, 2012). \u00a0224 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p>Der 1955 in Karl-Marx-Stadt geborene Autor Jens Sparschuh hatte verschiedentlich mit Romanen aufgewartet, deren Helden verschrobene Exzentriker sind. Man denke etwa an Hinrich Lobek aus dem <em>Zimmerspringbrunnen<\/em> (1995). In seinem neuen Roman <em>Im Kasten<\/em>, der f\u00fcr den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, \u00a0widmet sich Sparschuh dem Thema des \u00dcberflusses in der westlichen Konsumgesellschaft bzw. dem Thema, wie man Ordnung und Struktur in sinnloses Anh\u00e4ufen von Gegenst\u00e4nden bringen kann. Der Name des Helden, Hannes Felix, ist eine Anspielung auf eine M\u00e4rchenfigur: Hans im Gl\u00fcck, der, nachdem er sich vom Besitz befreit hat, zutiefst gl\u00fccklich ist. Hannes Felix jedoch ist ein frustrierter Ordnungsfanatiker, der die Kontrolle \u00fcber seine Ordnungssysteme verliert. Letztlich beherrscht die Ordnung ihn. Kurz, ein Neurotiker gleitet in die Psychose. Parallelen zu Jakob Heins neurotischem Sonderling, Herr Jensen,lassen sich erkennen, denn auch hier \u00a0(<em>Herr Jensen steigt aus , <\/em>2006) handelt es sich um ein Psychogramm: \u00a0ein durch \u00c4mterwillk\u00fcr stillgelegter Mensch isoliert sich und endet im Wahnsinn.<\/p>\n<p>Hannes Felix\u2019 Ordnungsliebe bringt gleich zu Anfang des Romans Unordnung in sein Privatleben, denn\u00a0 ihm l\u00e4uft die Ehefrau davon. Hannes\u00a0 \u2014 realit\u00e4tsfremd und in der Zange seiner Zwangsnatur \u00a0\u2014 \u00a0 versucht,\u00a0 Ordnung in ihren liederlich gepackten Koffer zu bringen und empfiehlt ihr, ein Inhaltsverzeichnis anzulegen. Das ist das Ende der Ehe and der Beginn sich steigernder Isolation. Mit R\u00fcckblenden in Kindheit und Ehe entfaltet sich dann vor dem Leser die allm\u00e4hliche Pers\u00f6nlichkeitsaufl\u00f6sung des Helden, der sich zu immer seltsameren Ordnungskonzepten versteigt. \u00a0Bereits im Kindergarten hatte Hannes \u00a0mit Begeisterung aufger\u00e4umt und alles millimetergenau und nach Farbe und Gr\u00f6\u00dfe geordnet. Das wird mit den Jahren schlimmer. Seinen Traumjob findet er als Marketingexperte bei NOAH (K\u00fcrzel f\u00fcr Neue Optimierte Auslagerungs- und Haushaltsordnungssysteme), einer Firma, die alles speichert, was andere tempor\u00e4r loswerden wollen: alte Kleidung, Einrichtungsgegenst\u00e4nde, Akten, Jalousien etc. Das Motto\u00a0 des \u00a0Aufr\u00e4umers\u00a0 Hannes\u00a0 ist \u201cWeniger ist mehr\u201d und \u201cDas meiste ist nichts\u201d. Eine durchaus akzeptable Strategie, nur steigert Hannes Felix diesen Werbespruch der Firma Schritt f\u00fcr Schritt ins Groteske.<\/p>\n<p>Die Self-Storage-Firma NOAH ist f\u00fcr den Durchschnittskunden schwer erreichbar; \u00a0sie befindet sich am Berliner Stadtrand.\u00a0 So ist es die Aufgabe Hannes Felix\u2019, potentielle K\u00e4ufer pers\u00f6nlich aufzusuchen und sie von den Lagerungsstrategien zu \u00fcberzeugen. Im Laufe der Handlung werden seine Ordnungs- und Speicherungspl\u00e4ne\u00a0 immer bizarrer, und langsam entgleitet ihm die Realit\u00e4t. Er entwickelt in komplizierten, jedes Detail erfassenden Gedankeng\u00e4ngen den Felix-Quotienten, der bei der Kalkulation\u00a0 des Mietpreises auch die H\u00f6he eines Wohnraumes miteinbezieht, denn h\u00f6here Wohnungen haben mehr Platz zum Stapeln, Horten und Aufbewahren.\u00a0 Dann, letztlich, nach einem Besuch des schwedischen Einrichtungshauses IKEA, entwickelt er im Irrsinn ein skurriles Marketingprojekt: dem K\u00e4ufer wird empfohlen, \u00a0beim Kauf von Einrichtungsgegenst\u00e4nden die Wohnungen von Anfang an zu \u00fcberspringen und das Gekaufte sofort bei NOAH einzulagern. F\u00fcr die Hauptzentrale sieht er den freien Platz im Berliner Zentrum vor, wo einst das alte Berliner Schlo\u00df, dann der Palast der Republik standen, der nach der Wiedervereinigung abgerissen wurde. Im Wahn zieht Hannes Felix als K\u00f6nig im Hermelin ins Schlo\u00df: ein Patient in der Zwangsjacke, der hinter Schlo\u00df und Riegel verschwindet. Der Wahnsinn des Ordnungsgedankens spiegelt sich im Wahnsinn des Helden.<\/p>\n<p>Der Leser kann sich der Komik des zwanghaften Ordnens nicht entziehen; vielleicht aber auch ber\u00fchren ihn die leitmotivisch wiederholten, so bekannten Parolen\u00a0 \u201cOrdnung mu\u00df sein\u201d oder \u201cOrdnung ist das halbe Leben\u201d unangenehm, denn er wird mi\u00dftrauisch gegen deutschen Ordnungsgeist. Die akribische, bis ins kleinste Detail gehende Analyse von Ordnungssystemen im Gewand der Logik scheint f\u00fcr den Autor ein Leichtes, denn er promovierte 1983 mit einer Arbeit in seinem Spezialgebiet der Philosophie der Logik. F\u00fcr den Leser jedoch mag es hier und da\u00a0 erm\u00fcdend sein. Hannes Felix ist ein Zwangscharakter mit gescheitertem Lebensentwurf. Das Buch ist tragisch und komisch, also tragikomisch, letztlich irrsinnig komisch.<\/p>\n<p>Christine Cosentino,\u00a0Rutgers University<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Volker Braun<em>, Die hellen Haufen. Erz\u00e4hlung<\/em>.\u00a0 (Berlin: Suhrkamp, 2011)\u00a0 97 Seiten.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>In dem schmalen B\u00e4ndchen <em>Die hellen Haufen <\/em>\u00a0wendet sich Volker Braun wieder einem seiner Lieblingsthemen zu:\u00a0 dem historisch \u201cNichtgeschehenen, Unterbliebenen, Verlorenen.\u201d Was er meint, sind Aufst\u00e4nde, die nicht stattgefunden haben, aber in der Wunschvorstellung denkbar sind. Das Werk ist auf historischer Folie konzipiert, greift zur\u00fcck\u00a0 &#8211; der Titel suggeriert es\u00a0 &#8211; auf die von Thomas M\u00fcntzer und Florian Geyer organisierten\u00a0 Haufen in den Bauernkriegen und auf den von Max Hoelz 1921 aufgerufenen Mitteldeutschen Aufstand der Mansfelder Knappen. \u00a0Braun berichtet vom Hungerstreik der Kalikumpel von Bischofferode nach der Wende, den ein Ich-Sprecher \u00a0zu einem weit um sich greifenden Arbeiteraufstand gegen die Treuhand fiktionalisiert. Fakt ist, da\u00df im th\u00fcringischen <em>\u00a0<\/em>Bischofferode\u00a0 Anfang der neunziger Jahre vierzig Bergleute in den Hungerstreik traten, weil die Treuhand\u00a0 beschlossen hatte, das Werk stillzulegen. Aufgrund der Konkurrenz aus dem Westen, so wurde erkl\u00e4rt, war das Werk nicht mehr zu halten. Bischofferode wird bei Braun zu Bitterode. \u00c4hnliche \u00a0Schlie\u00dfungen der Gruben wurden im Mansfelder Bereich vorgenommen. Es geht dem Autor \u00a0in dieser als sozial ungerecht empfundenen Situation um die \u201calte Lust zu handeln\u201d, um dumpfe Wut und frischen Zorn. So liefert er ein Gewebe von Realem und Erdachtem.<\/p>\n<p>Braun berichtet zun\u00e4chst faktengetreu vom Protest der Kumpel von Bischofferode, die nach Berlin ziehen, um ihre Anspr\u00fcche anzumelden und sich doch letztlich mit einer l\u00e4cherlich kleinen Abfindung abspeisen lassen, denn\u00a0 \u201cdas K\u00e4mpfen war ihnen von\u00a0 Partei &amp; Regierung abgew\u00f6hnt worden.\u201d\u00a0 Es kommt nicht zum Generalstreik. Die kleine Gruppe von Bergleuten und\u00a0 einigen wenigen Sympathisanten, die nach Berlin marschieren, wirken grotesk: \u201cEin Narrenzug (die Polizisten eingeschlossen), pfeifend, eine Karnevalsrotte, man applaudierte diesen Artisten, aber keiner kam mit.\u201d Doch der Gedanke des \u201cWas-w\u00e4re-wenn\u201d l\u00e4\u00dft den Autor nicht los. Er erdenkt den Widerstand: ein Aufstand gro\u00dfen Formats findet in der Tat statt, erfa\u00dft die Massen. Die historische Folie, auf der sich diese utopische Vision gestaltet, gr\u00fcndet auf den \u201cZw\u00f6lf Artikeln von Memmingen\u201d (1525), die die schw\u00e4bischen Bauern im Bauernkrieg ausgearbeitet hatten. Diese erste Formulierung von Menschen- und Freiheitsrechten wird dann in der Gegenwart umgeschrieben zu den Mansfelder Artikeln. Eingebettet in diesen fiktionalen Geschichtsverlauf sind reale Personen aus der unmittelbaren Nachwendezeit oder der Geschichte, deren Namen ver\u00e4ndert sind, die man aber trotzdem erkennt. Hinter Schurlemmer verbirgt sich Schorlemmer, hinter dem Treuhandmanager Schufft der Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt Klaus Schucht und hinter dem immer wieder erw\u00e4hnten Mintzer der Bauernf\u00fchrer Thomas M\u00fcntzer.<\/p>\n<p>Die Parole\u00a0 \u201cKeine Gewalt\u201d\u00a0 f\u00fchrt die Aufst\u00e4ndischen letztlich auf einen Schlackeberg, und dort kommt es zu einer \u00a0blutigen Niederlage. Sie werden hingemetzelt. Hier meldet der Dichter lauthals Protest an: \u201cEiner aus dem Vogtland, Braun, rief im J\u00e4hzorn \u00a0GEWALT, GEWALT, und es war nicht klar, wollte er sie konstatieren oder ausrufen.\u201d\u00a0\u00a0 Dieses sperrige Statement suggeriert Offenheit und \u00a0Widerspruch. Nimmt Braun sich ernst? Der Ich-Sprecher in der Erz\u00e4hlung ist ein Narr, so bezeichnet er sich jedenfalls: \u201cIch beginne wie ein Narr mit den Fakten.\u201d \u00a0Ist es der weise Narr, der hier spricht, oder der Kritiker, oder ist es gar der Tor, der veraltete Weltsichten l\u00e4ngst nicht mehr ernst nimmt und trotzdem von ihnen nicht lassen kann? In Betrachtungen solcher Art greift ein Ernst-Bloch-Zitat, das der Autor der Erz\u00e4hlung als Motto voranstellt: \u201cWas wir nicht zustande gebracht haben, m\u00fcssen wir \u00fcberliefern.\u201d\u00a0 Wendet sich Braun hier an j\u00fcngere \u00a0oder kommende Generationen, die lernen sollen, was da falsch gelaufen ist? Es ist das Privileg des \u00a0Dichters, Tr\u00e4ume aufs Papier zu bringen \u00a0in einer materialistischen und profitgesteuerten Wirklichkeit, an deren Unab\u00e4nderlichkeit er sich keineswegs gew\u00f6hnen mag. Der Narr hat den Glauben an die Utopie verloren, kann sich ihr \u00a0jedoch trotzdem nicht entziehen. So bleibt die Utopie, aber\u00a0 &#8211; \u00a0meint der Autor \u00a0in dem Gedichtband\u00a0 <em>Auf die sch\u00f6nen P<\/em>ossen\u00a0 &#8211; \u00a0: \u201cSie hat nichts Besseres zu tun als nichts\/ besch\u00e4ftigt mit \u00dcberleben, von der Hand in den Mund\/ Ein Gespenst aus der\u00a0 Zukunft arbeitslos\u201d .<\/p>\n<p>Christine Cosentino, Rutgers University<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Andr\u00e9 Kubiczek, <em>Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn<\/em> (M\u00fcnchen, Z\u00fcrich: Piper, 2012). 479 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p>Andr\u00e9 \u00a0Kubiczek wirkte im Kreis jener um 1970 in der DDR geborenen Autoren, die in der Literatur als Generation Trabant auf sich aufmerksam machten. Man denkt an Julia Schoch, Jana Hensel, Jakob Hein oder Falko Hennig. Der Gestus der Orientierungssuche innerhalb dieser Gruppe, der sich auf den Tonlagen von Frust, b\u00f6sem\u00a0 \u00c4rger oder nostalgischem Stolz mitteilte, fehlte in Kubiczeks Deb\u00fctroman <em>Junge Talente<\/em> (2002)\u00a0 jedoch v\u00f6llig. Bei ihm geht es um das Spiegelbild\u00a0 einer Jugend ohne politische Ambitionen in einem Staat, der in staubiger Tristesse und eigenem Mief l\u00e4ngst erstickt ist. Der Roman fand ein breites Publikum.\u00a0 Weniger wirkungsvoll waren jedoch Kubiczeks folgende\u00a0 grell-satirische Romane <em>Die Guten und die B\u00f6sen<\/em> (2003) und <em>Kopf unter Wasser<\/em> (2009).<\/p>\n<p>Ein neuer Roman, eine\u00a0 bemerkenswert\u00a0 eindrucksvolle\u00a0 Autobiografie mit dem m\u00e4rchenhaft anmutenden Titel <em>Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn<\/em> \u00a0erschien erst k\u00fcrzlich, Anfang des Jahres 2012. Hier kann man getrost von einer Autobiografie sprechen, denn der Ich-Erz\u00e4hler, Kubi genannt, wartet mit Erlebnissen auf, die eng mit seinem Leben verbunden sind. Geboren wurde Kubiczek im Jahre 1969 in Potsdam als Sohn eines DDR-Diplomaten \u00a0und einer laotischen Mutter, Tochter eines Politikers, der sp\u00e4ter Opfer eines Attentates wurde.<strong> \u00a0<\/strong>Seine Eltern hatten sich in Moskau w\u00e4hrend des Studiums kennen- und lieben gelernt. Die Mutter, die fr\u00fch an Krebs starb, l\u00e4\u00dft im Krankenhaus ein Tagebuchfragment zur\u00fcck. Dieses Fragment wird zum handlungsausl\u00f6senden Element, denn es \u00a0inspiriert den Sohn, den Spuren der geliebten Toten in Laos nachzusp\u00fcren und die neue Familie zu entdecken. So wird \u00a0dieses Erinnerungsbuch zum Geflecht \u00a0verschiedener Handlungsstr\u00e4nge: \u00a0es ist ein Abenteuer- oder Reisebuch, eine Familiengeschichte,\u00a0 eine Kindheitsgeschichte in der DDR, aber auch eine k\u00fchl und distanziert registrierende Chronik politischer Ereignisse um die Wende.<\/p>\n<p>Die Distanz zur DDR ist jedoch nicht unfreundlich, eher vers\u00f6hnlich. \u00a0Von einer Freundin einmal als klein, grau und duckm\u00e4userisch bezeichnet, reflektiert der Ich-Erz\u00e4hler: \u201cAls g\u00e4be es keine originellere Sprache, die Vergangenheit zu beschreiben, die immerhin die Gegenwart unserer Kindheit gewesen war und auch die unserer Jugend, als g\u00e4be es nur die dr\u00f6ge Sprache der Gegenpropaganda, das Zeitungsdeutsch der Zufallssieger.\u201d So beleuchtet dieses Werk dann auch einen\u00a0 politisch durchaus\u00a0 grenz\u00fcbergreifenden Kindheitsbereich jenseits jeglicher Ideologien. Von fortw\u00e4hrendem Trauma ist die Rede, das der fr\u00fche Tod der Mutter und des j\u00fcngeren Bruders im Erz\u00e4hler ausl\u00f6ste; von Kissenschlachten, Kinderfreundschaften, Berlin-Erlebnissen und Besuchen bei den Gro\u00dfeltern in einer kleinen Provinzstadt.<\/p>\n<p>Der Roman hat Kreisstruktur und ist in einem Rahmen eingebettet. Am Anfang der Handlung ist der Erz\u00e4hler gerade in Vientiane in Laos angekommen, nachdem ihm von einem Anwalt eine Flugkarte zugeschickt wurde. Am Ende lernt er\u00a0 den laotischen Teil seiner Familie kennen. Dazwischen liegen &#8211; von vielen Zeitspr\u00fcngen miteinander verbunden \u2013 fesselnde Berichte \u00fcber Kindheit und \u00a0Jugend, \u00fcber das enge Verh\u00e4ltnis zur Mutter, \u00fcber Liebschaften, Freundschaften, den Dienst bei der Fahne. Vorrangig handelt es sich jedoch um den Versuch, \u00a0ein Portr\u00e4t seiner Mutter zu rekonstruieren, seiner vereinsamten Mutter, die ihrer gro\u00dfen Liebe in die DDR folgte und dort\u00a0 \u2013 \u00a0eine ewige Fremde\u00a0 &#8211; Staatsb\u00fcrgerin wurde. Dem Erz\u00e4hler geht es jedoch auch um\u00a0 Historie: die Geschichte der Mutter und des Vaters der Mutter im fernen Laos wird rekonstruiert ; dann \u00a0die Geschichte von Kubis eigenem Vater mit dem Aufstieg im \u00f6stlichen Deutschland und dem entsprechend \u00a0dem\u00fctigen Abstieg im westlichen Deutschland. Doch auch die eigene private Geschichte wird \u00a0heiter-ironisch, oft mit leiser Trauer unter die Lupe genommen bis zu jenem politischen Wendepunkt, an dem das Neue, Nichtzu\u00e4ndernde beginnt.<\/p>\n<p>Der Roman endet in Laos mit dem Gestus der Integration.\u00a0 Kubis Gro\u00dfmutter, die ein Pflegefall ist und fast nur noch schl\u00e4ft, \u00f6ffnet die Augen, als sie den Enkel trifft, und sie l\u00e4chelt. Er verbeugt sich und begr\u00fc\u00dft sie auf laotisch. Die Tonlage freundlicher\u00a0 Akzeptanz des Neuen und Fremden gibt dem Roman eine erfrischend optimistische Note. Der Autor stellt sich der neuen Problematik von Ost und West mit Selbstbewu\u00dftsein.<\/p>\n<p>Christine Cosentino,\u00a0Rutgers University<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lutz Seiler, <em>Die Zeitwaage. Erz\u00e4hlungen.<\/em> (Frankfurt\/M.: Suhrkamp, 2009). 285 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p>Lutz Seiler, born in 1963 in Gera\/Thuringia in the former GDR, is primarily known as a poet. In 2007, he ventured into prose and published the short story Turksib, for which he received the Ingeborg Bachmann Prize. Turksib was re-published in 2009 in a new prose volume, titled Die Zeitwaage (Time Scales), which contains fourteen stories, some of them linked by the same characters or the same setting. All are interconnected, unobtrusively, by a prevailing feeling of loss and disillusionment caused by occurrences that mark a change in people\u2019s lives. It should be noted that a leitmotif in Turksib, a \u201cGeigerz\u00e4hler,\u201d an instrument that measures toxic nuclear activity, sets the tone for the entire volume. The term \u201cGeigerz\u00e4hler\u201d evolves into \u201cGeig-Erz\u00e4hler,\u201d i.e. a narrator who detects inner toxins and damages in troubled people that cause their lives to take a turn.<\/p>\n<p>Seiler focuses on short but decisive moments that assume a momentuous existential significance. It should be noted that in the year 2003, Seiler was Writer-in-Residence at the Villa Aurora in Los Angeles, a position that presumably led him to familiarize himself with the American short story. Indeed, stylistic elements of this particular genre &#8211; sparseness, turning points, narrative gaps, undercurrents, and the revelation of trauma or angst concealed behind the banal &#8211; are clearly discernible in all the texts presented in this volume. The skillfully chosen title of the cover story, \u201cDie Zeitwaage,\u201d refers to a device that watchmakers use, a time scale, that identifies inconsistencies in the measurement of time. In interviews, Seiler has referred to \u201cMomente, die schwanken,\u201d i.e. situations that develop on shaky grounds with people who are off-balance, disorientated, or confused, people who have lost their grip on a situation. In the interlinked stories \u201cFrank\u201d and \u201cIm Ger\u00e4usch,\u201d both set in California, a marriage falls apart with husband and wife being unable to talk to each other; in \u201cGavroche\u201d the reader gains insight into a relationship that rests on a lie; and in \u201cDer Stotterer,\u201d Seiler portrays the loneliness of a man who stutters and finds himself isolated. Several stories deal with young children &#8211; a boy, for example, who wins a chess game against his father, a victory which is a farewell to childhood, as his father never plays with him again. There are tragic accidents: a man bleeds to death but nobody notices (\u201cDer Badgang\u201d); a worker repairs a stretch of a tram line but gets stuck on an electric cable while people are watching. And so it goes: Seiler\u2019s \u201cheroes\u201d are anti-heroes, very ordinary people who lose control and find themselves depressed or helpless. The reader will notice one stylistic device which might be called Seiler\u2019s own contribution to the short story: throughout this volume he works with metaphoric sound effects which are most often cacophonous and shrill. They exude irritation, angst and the state of imbalance that a time scale can detect.<\/p>\n<p>One would assume that Seiler, who was twenty-six when the Wall fell, would be a convincing recorder of the turmoils of the Wende of 1989, as well as the ensuing social problems for Eastern Germans in the aftermath; and indeed, the GDR is present as far as atmosphere and setting are concerned. But the reader will notice soon that Seiler exposes psychological wounds that could have been inflicted on either side of the Wall. In short, he illuminates universal human experiences beyond political ideologies, such as death, separation, divorce, lost childhood, loneliness, alienation, and futile endeavors to alter the course of events. It would miss the point to force Zeitwaage\u2019s texts into the confines of GDR-oriented literature, or into a kind of \u201cBew\u00e4ltigungsliteratur.\u201d Seiler\u2019s stories are timeless.<\/p>\n<p>Most of the stories are bleak and depressing. Nevertheless, the reader is intrigued. Seiler\u2019s portrayal of dark moments refers by no means to the spectacular or eccentric. These are situations familiar to all of us. With poetic tenderness, this very talented and precise stylist presents us with a volume of stories that will place him among the leading authors of fiction.<\/p>\n<p>Christine Cosentino, Rutgers University<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Julia\u00a0Schoch, <i>Selbstportr\u00e4t mit Bonaparte<\/i>\u00a0 (M\u00fcnchen: Piper, 2012) 142 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 13px;line-height: 19px\">In ihrem letzten Werk, <\/span><i style=\"font-size: 13px;line-height: 19px\">Selbstportr\u00e4t mit Bonaparte<\/i><span style=\"font-size: 13px;line-height: 19px\">, nimmt Schoch das Thema privater und gesellschaftlicher Verlorenheit und Perspektivlosigkeit erneut auf. Wie in ihrem vorletzten Roman, <\/span><i style=\"font-size: 13px;line-height: 19px\">Mit der Geschwindigkeit des Sommers<\/i><span style=\"font-size: 13px;line-height: 19px\"> (2009), geht es um DDR-Biografien und um Erinnerungsarbeit. Die fiktiven Ich-Sprecherinnen, die in vielem autobiografische Z\u00fcge aufweisen, \u00a0umkreisen das Thema des Verlustes eines geliebten Menschen, einer Liebe, eines Staates und einer f\u00fcr sie verbindlichen \u201cnormalen Zeitrechnung\u201d. Im gesellschaftlichen und privaten Dahintreiben in der unmittelbaren Gegenwart ist Zeit bedeutungslos geworden. In der erinnerten Rekonstruktion\u00a0 des geliebten Menschen kristallisiert sich Selbstanalyse: \u201cUnd sobald ich mich im Spiegel betrachte, erscheint sein Kopf hinter meinem. Eine Art Doppelportr\u00e4t oder Selbstportr\u00e4t als Paar.\u201d (30)<\/span><\/p>\n<p>Wenig \u00a0geschieht in <i>Selbstportr\u00e4t mit Bonaparte<\/i>. Der Geliebte, der urpl\u00f6tzlich auf der Bildfl\u00e4che erschien, verschwindet ebenso pl\u00f6tzlich, ohne Erkl\u00e4rung, wortlos. Auf einer Konferenz trifft die namenlose Ich-Sprecherin, die von Beruf Autorin und\u00a0 Katalogtexterin ist, \u00a0einen Historiker, der mit gro\u00dfer Gleichg\u00fcltigkeit und mit offensichtlicher Verachtung f\u00fcr sein Publikum seinen Vortrag h\u00e4lt. \u201cWozu das Ganze\u201d, moniert er. Einige Tage sp\u00e4ter folgt er ihr in einen Badeort an der Ostsee, und beide zieht es ins Kasino. Roulettespielen, das die Ich-Sprecherin schon als Kind im \u201cverriegelten\u201d Land aus Filmen kannte, bedeutete f\u00fcr sie Freiheit, Sehnsucht, Reisen, Ekstase, kurz, war der Inbegriff einer \u201cg\u00e4nzlich anderen Welt\u201d. In der k\u00fcnstlichen zeitlosen\u00a0 Atmosph\u00e4re des Kasinos\u00a0 beginnt nun eine \u201cunwirkliche\u201d, \u00a0sonderbare Liebe, die au\u00dferhalb, in der\u00a0 realen \u00a0Welt undenkbar w\u00e4re.\u00a0 Die Ich-Sprecherin wei\u00df, \u201cdass meine Liebe zum Roulette mit der Liebe zu Bonaparte [so nennt sie ihn] ganz einfach in eins f\u00e4llt.\u201d Das suggeriert Wahlverwandtschaften. \u00a0In einer Zeit gro\u00dfer gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen in der westlichen Welt f\u00fchlen sich beide, so darf man annehmen, \u00fcberfordert und ratlos und suchen Zuflucht in einer Gegenwelt, in der Vergangenheit und Zukunft bedeutungslos sind: \u201cMit den \u2026 uhren- und also zeitlosen Interieurs, ihren samtenen Abpolsterungen gegen das Drau\u00dfen sind sie [Kasinos] die sichersten Orte der Welt.\u201d \u00a0Im Bewusstsein einer abrupt endenden geschichtlichen Vergangenheit und\u00a0 einer unsicheren, bedrohlichen Zukunft\u00a0 in der wirklichen Welt geben sich beide \u00a0\u201cin der ewigen Gegenwart des Spiels\u201d dem Rausch des angehaltenen Moments hin. Roulette wird zum Ritual ihrer Liebe. Wie lange diese Liebe dauert, ist unklar, denn konventionelle Zeitbegriffe sind in diesem Roman aufgehoben. Anzunehmen ist, dass die Handlung in den neunziger Jahren anberaumt ist. \u00a0Erz\u00e4hlt wird ohne\u00a0 Chronologie. Das Kasino selbst ist zeitlos, ist ein Ort des Zeitvertreibs, ein Ort, an dem die Zeit vertrieben ist.<\/p>\n<p>So manchen Leser wird die Gestaltung der glorifizierten\u00a0 Gegenwelt\u00a0 des Kasinos \u00a0irritieren, besonders, wenn die Autorin mit Thesen des \u201cvern\u00fcnftigen Spielens\u201d aufwartet, die jeglichem Suchtverhalten kontr\u00e4r sind. \u00a0Doch das griffe \u00a0zu kurz.\u00a0 Eher handelt es sich um \u00dcberforderung, Haltlosigkeit und Desorientierung, vielleicht auch um einen \u00fcbersteigerten Individualismus. Beispiele von Nonkonformismus gibt es genug in diesem Werk.\u00a0 So erinnert sich die Ich-Sprecherin \u00a0an ein Ereignis aus ihrer Kindheit. Um einmal ganz anders zu sein, protestierte sie gegen Regeln in der Schule und trug Badelatschen, als sie in die Klasse kam. \u00a0Aufgebracht versicherte \u00a0ihr der Direktor, dass sie ein Fremdsprachenstudium an den Nagel h\u00e4ngen k\u00f6nne;\u00a0 er \u00a0h\u00f6hnte: \u201cSie \u2026 Sie Individuum.\u201d \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit Bonaparte, der sich weigert,\u00a0 konventionelle Kleidung zu tragen und stattdessen nur in Anz\u00fcgen heruml\u00e4uft, die er sich nach Hollywoodaufnahmen schneidern l\u00e4sst. Sein Motto:\u00a0 \u201cetwas aus sich zu machen, was man gerade\u00a0 nicht gezwungen worden war zu sein, darum, gewisserma\u00dfen so unselbst wie nur m\u00f6glich zu werden. \u201d Das Kasino w\u00e4re in diesem Sinne der ideale Ort der Selbstaufl\u00f6sung oder Selbstvergessenheit.<\/p>\n<p>Der unberechenbare \u00a0Drifter Bonaparte, der\u00a0 der Ich-Erz\u00e4hlerin nie Liebesbriefe geschrieben hatte, sie nie mit Liebesbezeugungen\u00a0 \u00fcbersch\u00fcttet hatte, verschwindet eines Tages. Warum? fragt sich die Ich-Erz\u00e4hlerin und erkennt in ihrem Bonaparte-Portr\u00e4t sich selbst. Illusionslos und traumwandlerisch treibt \u00a0auch sie in der realen \u201cundurchdringlichen\u201d\u00a0 Welt dahin und wartet. Sie glaubt, \u00a0in diesem Zustand passiven\u00a0 Verharrens Klopfzeichen zu h\u00f6ren. Nichts wird jedoch\u00a0 geschehen, sie ist \u00fcberzeugt. \u00a0Ob dieser Roman in seiner Verherrlichung der \u00a0Weltflucht und seiner unkritischen Roulette-Ekstase\u00a0 allerdings den Leser \u00fcberzeugt, ist eine offene Frage.<\/p>\n<p>Christine Cosentino,\u00a0Rutgers University<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Edwin Kratschmer, <em>Wahnwald<\/em>.\u00a0 Stadtroda: UND Verlag, 2011. 249 pages.<\/strong><\/p>\n<p>In Edwin Kratschmer\u2019s fourth novel, <em>Wahnwald<\/em>, a first-person narrator called Edmund Kraut explores the history of his ancestors back to 1423, mainly by following the family tree his father Johann had created (it is included at the end of the book.)\u00a0 He travels to the deep woods of Bohemia where they had lived, hears his ancestors\u2019 souls murmuring in the treetops, and asks: \u201cwo sie m\u00f6gen sein: im Himmel oder in der H\u00f6lle.\u201d As a reason for his trip to this \u201cAhnwald,\u201d which by means of word play is transformed to \u201cWahnwald,\u201d the narrator states: \u201cIch will wissen, woher ich komme des Wegs, wie meine Erbschaft seit Herdenzeit, wie die Vorfahren in mir fortahnen fortleben fortlieben forthassen fortdichten, wie sie sich in mir eingerichtet haben, in mir schalten walten.\u201d<\/p>\n<p>While he is investigating the lives of those earlier Krauts (the question if Kratschmer chose deliberately this Anglo-Saxon nickname for Germans remains open until the end), the narrator in his imagination identifies with them and experiences being victim and perpetrator, winner and loser, believer and heretic.\u00a0 As with Kratschmer\u2019s former novels and essays (see, for instance, <em>Das \u00e4sthetische Monster Mensch<\/em>), the reading gave me goose pumps due to the author\u2019s fatalistic vision of the human being.\u00a0 In all chapters (their events take place around wars in 1945, 1866, 1805, 1626, and 1423), the protagonists experience incredible violence, be it by marauding soldiers, domestic violence, or plague.\u00a0 The goose bumps grow the biggest during the Thirty Years War when foreign soldiers invade the Bohemian village in which the Kraut family lives and torture some people to death; after one torture scene, I had to put the book away for some days.<\/p>\n<p>Also Kratschmer\u2019s Baroque style and his preference for a vocabulary that belongs to an aesthetic of the ugly are bewildering.\u00a0 In a handout provided by the editor of Kratschmer\u2019s book, states about this language: \u201cje tiefer er [the narrator] in die Vergangenheit greift, umso karger, h\u00e4rter, ungelenker, grober, kakophoner, unrationaler, aber auch umso bildhafter wird sie.\u201d This observation is correct; the farther back the reader is led into history, the more terror this language causes.\u00a0 However, does this not mean that Kratschmer is actually an optimist? Because, if we read the book backwards in time (i.e., from the past to the present), the language becomes lighter, softer, more elegant, and also more rational.\u00a0 Does Edwin Kratschmer unconsciously believe that there is a historic progress toward more humanity? It almost seems that way.\u00a0 An epigraph by Georg Maurer at the beginning of the book reads: \u201cWas ist das f\u00fcr ein Singen, das man h\u00f6rt?\u00a0 Niemand ist doch zu sehen.\u201d\u00a0 This \u201cSingen\u201d that can also be heard, although only very softly, between the lines of Kratschmer\u2019s book that is so full of the blackest humor, I read as a sign of hope.<\/p>\n<p>The text starts with a \u201cVorspiel\u201d and ends with a \u201cNachspiel\u201d \u2013 both frame this literary research project on the narrator\u2019s ancestors\u2019 and his own biography.\u00a0 In the \u201cVorspiel,\u201d he remembers some episodes of the time when he lived in Bohemia before he had to leave as one of the \u201cVertriebenen\u201d at the age of fourteen.\u00a0 With horror, he sees himself as a boy participating in a brutal attack on a Jewish merchant.\u00a0 Later, when his car passes a sign to the Czech town of Lidice, disturbing memories return.\u00a0 In this town, the SS had massacred all male inhabitants and sent the women to a concentration camp.<\/p>\n<p>Most ancestors\u2019 lives are narrated in the third person; however, some of them, for example, the narrator&#8217;s grandfather, who uses expressions from his local dialect such as &#8220;Puer&#8221; or &#8220;Gung&#8221; for boy, tell their story in the first person.\u00a0 Such changes in the narrative voice enrich Kratschmer\u2019s style.\u00a0 Around page fifty the \u201cWahnwald\u201d is transformed to a \u201cWahnsinnswald.\u201d\u00a0\u00a0 This happens when for the first time in the text, gangs of soldiers move through the village looting, raping, and burning.\u00a0 The second epigraph of the book, a quotation from Georg B\u00fcchner, says: \u201cWas ist das, was in uns l\u00fcgt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen.\u201d Kratschmer\u2019s text attempts to deal with this question that B\u00fcchner did not want to follow up on. The answer is that we humans are a failure; no matter how much we try to improve: \u201cDu rutschst immer wieder in die gleiche Spur [\u2026] Und alle hundert Jahre eine Plage biblischen Ausma\u00dfes, der Durchmarsch einer Seuche Keulung und Ausmordung.\u201d\u00a0 However, as mentioned earlier, there is a very slight hope that progress in the human condition might be possible. Some of the narrator&#8217;s ancestors were writers and artists who suffered from censorship measures. Jaschek Kraut, for instance, a muralist, had been recruited to fight in the Napoleonic Wars.\u00a0When he was commissioned to paint Jesus on the cross later in his life, he remembered the agony of dying soldiers and portrayed their suffering in the image of the son of God.\u00a0Only because of good luck, did Jaschek himself avoid being crucified for that portrayal.<\/p>\n<p>The narrator uses these instances of censorship in his ancestors\u2019 lives for a discussion of the differences between two aesthetics, that of the beautiful and the ugly (he calls the latter \u201c\u00c4sthetik des Schreckens and Grauens\u201d).\u00a0 The second always wins the competition since according to Edwin Kratschmer, art must tell the truth relentlessly; if it doesn\u2019t it is not art.\u00a0 Censors, however, see this matter differently.<\/p>\n<p>Several critics have noted the author\u2019s \u201cWortm\u00e4chtigkeit.\u201d\u00a0 As Udo Scheer states, it seems as if this great language in its coarseness and its reductions is \u201caus jener Zeit her\u00fcbergeweht\u201d \u2014 the time of Luther and Erasmus.\u00a0 Scheer&#8217;s observation seems correct \u00a0because Edwin Kratschmer re-read their texts before he wrote \u201cWahnwald\u201d in order to tune himself into the language of the past.<\/p>\n<p>Also, Kratschmer\u2019s successful use of synesthesia enriches his style in a way that makes it sound old-fashioned, for instance: \u201crosa meckerte die Zibb, grau grunzte die Sau, rot sprach Marie, gelb keuchte Hochw\u00fcrden, gold schlug die Glock von Sankt Martin.\u201d Although synesthesia \u2014 in which stimulation of one sensory pathway leads to experiences in a second and allows for transcendence of everyday experience \u2014 is still used by writers today, in Kratschmer\u2019s book, it seems to be an atavism and fits well with the attempt to revive the past stylistically.<\/p>\n<p>Scholars who are interested in the motif of old age in literature can find plenty of material in Kratschmer\u2019s book since the eighty-year-old main narrator indulges in mercilessly examining his own symptoms of aging and often tells the lives of his ancestors with a focus on age and mortality.\u00a0 In addition, for scholars who conduct research on the notion of \u201cHeimat,\u201d the text is a rich source, especially since in the chapter \u201cDas Buch P\u0161an\u201d (P\u0161an is the Czech name for \u201cAhnwald\u201d), in which the narrator describes his trip to his Bohemian hometown in great detail, the notion of Heimat is discussed from many interesting angles.\u00a0 Most of all, readers from former communist countries who are still traumatized by their experiences will love Kratschmer\u2019s book because it raises an important question that only a few dare to ask: Is it really over, once and for all? In the P\u0161an-chapter, the narrator remembers a recent conversation with Milan Kundera that should be quoted here.\u00a0 After the famous Czech writer complained about the horrible loss of years of his life, \u201cumkreist und umzingelt von Geheimpolizei,\u201d the narrator expresses relief that so-called real existing socialism has landed on the garbage heap of history. \u201c\u2019Ist er das wirklich?\u2019 fragte Kundera bang, und der L\u00f6ffel im Teeglas tremolierte.\u201d<\/p>\n<p>I hope that this interesting book will find many readers!<\/p>\n<p>Gabriele Eckart, Southeast Missouri State University<\/p>\n<hr \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verzeichnis der Rezensionen \u2014 Glossen 34 \u2014 40\/2012\/2015 1.\u00a0Frederick A. Lubich:\u00a0Marko Martin, Treffpunkt \u201989 \u2013 Von der Gegenwart einer Epochenz\u00e4sur. Hannover: Wehrhahn, 2014, 319 Seiten. 2. Theo Buck: Hans Joachim Sch\u00e4dlich: Narrenleben. Roman. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg 2015 3. Gabriele Eckart:\u00a0Frederick A. Lubich (Hrsg.), Transatlantische Auswanderungsgeschichten: Reflexionen und Reminiszenzen aus drei Generationen. Festschrift zu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[51,1],"tags":[],"class_list":["post-3463","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur-und-kulturnachrichten","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3463","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3463"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3463\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3463"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3463"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3463"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}