{"id":4404,"date":"2015-04-08T11:01:57","date_gmt":"2015-04-08T15:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=4404"},"modified":"2021-12-30T14:41:20","modified_gmt":"2021-12-30T19:41:20","slug":"der-neue-film-nackt-unter-wolfen-sed-propaganda-in-der-ard-wahrheit-oder-propagandaluge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2015\/04\/08\/der-neue-film-nackt-unter-wolfen-sed-propaganda-in-der-ard-wahrheit-oder-propagandaluge\/","title":{"rendered":"Der neue Film &#8220;Nackt unter W\u00f6lfen&#8221; \u2014 SED-Propaganda in der ARD?"},"content":{"rendered":"<p>Am 1. April lief in der ARD die Neuverfilmung des Romans von Bruno Apitz <em>Nackt unter W\u00f6lfen<\/em>. W\u00e4re man gutgl\u00e4ubig, h\u00e4tte man meinen k\u00f6nnen, Regisseur Philipp Kadelbach und Drehbuchautor Stefan Kolditz<br \/>\nerlauben sich mit der Neuverfilmung einen Aprilscherz. Statt eines auf historischen Fakten basierenden Filmes bekam man die alte und zugleich offizielle Version der einstigen DDR noch einmal aufgetischt: Die Rettung des \u201eBuchenwaldkindes\u201c Stefan Jerzy Zweig durch den Widerstand der Kommunisten im KZ-Buchenwald. Dienten der Apitz-Roman und die DDR-Erstverfilmung von 1963 unter der Regie von Frank Beyer noch der SED-Propaganda, so gibt diese Neuverfilmung R\u00e4tsel auf: 25 Jahre nach dem Ende der DDR wird die Rettungs-Geschichte immer noch zur propagandatauglichen L\u00fcgengeschichte verf\u00e4lscht, weil die Verfilmung nur dem Roman von Apitz folgt.<\/p>\n<p>Weder stimmt es, dass der Junge in einem Koffer zwei Wochen vor der Befreiung des Lagers von einem Polen ins Lager geschmuggelt noch dass er nicht registriert wurde.  Historisch korrekt ist, der dreij\u00e4hrige Jerzy Zweig kam an der Hand seines Vaters Zacharias, eines polnisch-j\u00fcdischen Rechtsanwalts, in das KZ, und zwar bereits im August 1944 und nicht zwei Wochen vor der Befreiung des Lagers. Der Dreij\u00e4hrige wurde auch registriert.  Es gibt eine H\u00e4ftlingsakte mit der Registrierungsnummer 67.509. Er musste an Appellen teilnehmen.<\/p>\n<p>Untrennbar mit der Geschichte Jerzy Zweigs ist die des Sinto-Jungen Willy Blum verkn\u00fcpft. Willy Blum, der von kommunistischen Funktionsh\u00e4ftlingen statt Zweig auf die Transportliste nach Auschwitz gesetzt wurde, ein \u201eOpfertausch\u201c, wie es der Historiker Volkhard Knigge bezeichnete, kommt auch in der Neuverfilmung wieder nicht vor. Neben Willy Blum trifft der Opfertausch noch 11 andere Jugendliche. <\/p>\n<p>Jedoch nicht allein der Film irritiert, weil diese historischen Fakten ausgelassen werden. Es sind Artikel in deutschen Zeitungen. Alexander Cammann in der <em>ZEIT<\/em> findet alles in Ordnung. In <em>Die Welt<\/em> wird \u00fcber die Geschichtsklitterei hinweggegangen, sie titelt: \u201eSo brutal-real war ein KZ-Film noch nie.\u201c <em>Die Gala<\/em> wei\u00df, \u201eDer TV-Film \u201eNackt unter W\u00f6lfen\u201c basiert auf einer wahren Geschichte.\u201c  <\/p>\n<p>Absolut unertr\u00e4glich ist ein Artikel im <em>Berliner Tagesspiegel<\/em>  von Kerstin Decker. Sie attestiert den \u201ealten\u201c Bundesb\u00fcrgern Ignoranz, da ein Gro\u00dfteil im Westen den Roman nicht einmal kenne. \u201eDie Ostdeutschen k\u00f6nnen es kaum glauben, eine bundesdeutsche Fernsehanstalt verfilmt das Buch eines kommunistischen Autors, das vom kommunistischen Widerstand handelt? Den gab es doch gar nicht mehr in den letzten 25 Jahren.\u201c <\/p>\n<p>Schon allein diese Zeilen sind an Frechheit kaum zu \u00fcberbieten. \u00dcbel wird einem, wenn Decker sich \u00fcber die renommierte Literaturhistorikerin und Schriftstellerin Ruth Kl\u00fcger ausl\u00e4sst. So hei\u00dft es bei Decker: \u201eVielleicht ist es gut, dass Apitz 1979 gestorben ist [&#8230;]\u201c und nicht mehr habe lesen m\u00fcssen, wie die \u201eJ\u00fcdin Ruth Kl\u00fcger\u201c \u00fcber den Roman urteilte. Zu Recht schrieb Kl\u00fcger 1992 in ihrem Erinnerungsbuch <em>weiter leben<\/em>: \u201eDie Agitprop-Burschen, die das Schild vom geretteten Kind anbrachten, infantilisierten, verkleinerten und verkitschten damit den gro\u00dfen V\u00f6lkermord, die j\u00fcdische Katastrophe im 20. Jahrhundert. Das ist mir der Inbegriff von KZ-Sentimentalit\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Auch gegen den  Historiker Lutz Niethammer wird ausgeteilt, der in seinem Buch <em>Der ges\u00e4uberte Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald <\/em> die Frage aufwarf, ob die kommunistischen Funktionsh\u00e4ftlinge nicht die Erf\u00fcllungsgehilfen der SS waren. Vor allem aber sei Bruno Apitz die Lekt\u00fcre von Hans Joachim Sch\u00e4dlichs Roman <em>Anders<\/em> erspart geblieben, so Decker.  <\/p>\n<p>In seinem 2003 erschienen Roman erz\u00e4hlt Sch\u00e4dlich die wahre Geschichte von Jerzy Zweig und Willy Blum und benennt die L\u00fcge, die dem Gr\u00fcndungsmythos der DDR diente. Sch\u00e4dlich schreibt: \u201eDie ostdeutschen Kommunisten haben Jerzy Zweig seine wahre Geschichte gestohlen.\u201c  Auf Apitz und seinen Roman, wie auf die Kommunisten \u00fcberhaupt, will Decker nichts kommen lassen. Im Grunde bezichtigt sie Kl\u00fcger, Niethammer und Sch\u00e4dlich der antikommunistischen Hetze und instrumentalisiert Jerzy Zweig \u2013 wie es schon zu DDR-Zeiten geschah und wie es die ARD-Verfilmung wieder tut.<\/p>\n<p>\u2014 Susanne Sch\u00e4dlich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. April lief in der ARD die Neuverfilmung des Romans von Bruno Apitz Nackt unter W\u00f6lfen. W\u00e4re man gutgl\u00e4ubig, h\u00e4tte man meinen k\u00f6nnen, Regisseur Philipp Kadelbach und Drehbuchautor Stefan Kolditz erlauben sich mit der Neuverfilmung einen Aprilscherz. 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