{"id":5450,"date":"2017-10-20T14:32:02","date_gmt":"2017-10-20T18:32:02","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=5450"},"modified":"2017-10-22T10:07:43","modified_gmt":"2017-10-22T14:07:43","slug":"tom-pettys-heart-attack-zum-herzstillstand-des-heartbreakers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2017\/10\/20\/tom-pettys-heart-attack-zum-herzstillstand-des-heartbreakers\/","title":{"rendered":"Tom Petty\u2019s \u201eHeart Attack\u201d:  Zum \u201eHerzstillstand\u201d des \u201eHeartbreakers\u201d"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center\"><strong>Tom Petty\u2019s \u201cHeart Attack\u201d: Zum\u00a0<\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>Herzstillstand\u201d des \u201eHeartbreakers\u201d<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>A Teachable Moment of Bi-Lingual Education<br \/>\nIn Memory of a Remarkable Musical Legacy<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Frederick A. Lubich<\/strong><\/p>\n<p>Fans von Tom Petty und seiner Band \u201eTom Petty and the Heartbreakers\u201c mussten vor Tagen schockiert in den englischsprachigen Medien zur Kenntnis nehmen, dass ihr Rock-Idol von einem \u201eheart attack\u201c zu Fall gebracht worden war &#8211; also auf gut Deutsch, einem \u201eHerzstillstand\u201c erlegen war. In seinen besten Jahren war der Frontmann der \u201eHeartbreakers\u201c mit Songs wie \u201eFree Fallin\u2018\u201d, \u201eLearning to Fly\u201c, \u201eI Won\u2019t Back Down\u201d und \u201eInto the Great Wide Open\u201d international ber\u00fchmt geworden.<\/p>\n<p>\u00dcber die urspr\u00fcngliche Verwirrung seiner Anh\u00e4nger, ihr weltweites R\u00e4tselraten um die eigentliche Ursache seines Todes, hat sein fataler \u201eheart attack\u201c wohl auch so manchen Deutschlehrer hier in den Vereinigten Staaten zum Aufhorchen gebracht, wenn nicht gar zum Nachdenken der folgenden Art verleitet.<\/p>\n<p>Bekanntlich bezeichnet die deutsche Sprache menschliche Krankheiten \u2013 und somit auch Todesursachen \u2013 mit Sprachbildern aus dem deutschen Wortschatz, w\u00e4hrend das Englische sie vor allem mit Wortsch\u00f6pfungen aus dem lateinischen und griechischen Vokabular zum Ausdruck bringt. Auf diese Weise wird aus der deutschen Blinddarmentz\u00fcndung die englische \u201eappendicitis\u201c und aus der deutschen Lungenentz\u00fcndung die englische \u201epneumonia\u201c, um hier nur zwei bezeichnende Beispiele anzuf\u00fchren. Diese Offenheit der englischen Sprache gegen\u00fcber fremden Sprachquellen, von denen sie sich seit \u00fcber tausend Jahren immer wieder neu beeinflussen und sprachlich bereichern l\u00e4sst, ist auch der tiefere Grund f\u00fcr ihr gro\u00dfes, multi-linguales Vokabular und ihr entsprechend nuancenreiches Differenzierungspotential.<\/p>\n<p>Kommt es jedoch zur Bezeichnung von Krankheiten, so hat die deutsche Sprache gegen\u00fcber der englischen Sprache wohl einen wesentlichen Vorteil. Deutschsprachige Kinder k\u00f6nnen bereits im fr\u00fchen Grundschulalter allein vom Wort her erahnen, dass es sich bei Blindarm- und Lungenentz\u00fcndungen bestimmt um leidliche Erfahrungen und schmerzliche Krankheiten handeln muss, w\u00e4hrend ihre englischen Generationskohorten erst aus dem weiteren Gespr\u00e4chszusammenhang erraten k\u00f6nnen, dass das medizinische Mumbo Jumbo ihrer Muttersprache wohl nichts Gutes zu bedeuten hat.<\/p>\n<p>Auch Tom Pettys \u201eheart attack\u201c geh\u00f6rt in diese Kategorie der verschiedenen deutsch-englischen Spracherfahrung. Stellt man sich (fremd-)sprachlich unbewandert, dann d\u00fcrften Begriffe wie \u201eheart attack\u201c zu allen m\u00f6glichen Missverst\u00e4ndnissen f\u00fchren. Vorausgesetzt man kennt das urspr\u00fcnglich aus dem Franz\u00f6sischen stammende Wort \u201eAttacke\u201c, dann k\u00f6nnten sprachlich Wissbegierige entsprechend nachhaken und folgerichtig weiterfragen, ob das Herz als attackiertes oder als attackierendes K\u00f6rperorgan in der besagten Attacke fungiert, oder grammatikalisch formuliert, ob es das leidzuf\u00fcgende Subjekt oder das leiderfahrende Objekt des Satzes repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Stellt man in diesem syntaktisch ambivalenten Kontext weitere Fragen, so ergibt sich der widerspr\u00fcchliche Fragenkomplex, wen oder was das Herz in dieser Attacke angegriffen hatte, beziehungsweise von wem oder wovon es angegriffen wurde. Und nicht zuletzt bleibt vor allem weiterhin unklar, ob der oder das Angreifende, beziehungsweise der oder das Angegriffene diesen allseitig verwirrenden Angriff letztendlich \u00fcberlebt hatte. Kein Wunder also, dass den ersten widerspr\u00fcchlichen Meldungen von Pettys \u201eheart attack\u201c vielfach weiterverdrehte Beileidsbekundigungen folgen sollten.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur babylonischen Sprach- und Sinnverwirrung in den englischsprachigen Medien kl\u00e4rte die deutschsprachige Berichterstattung mit dem Begriff des \u201eHerzstillstands\u201c all diese syntaktischen Optionen und semantischen Spekulationen mit einem Schlag auf und machte unmissverst\u00e4ndlich klar, dass das Herz des S\u00e4ngers weder T\u00e4ter noch Opfer eines Angriffs gewesen war, sondern vielmehr nach einem mittellangen Lebenslauf auf der Strecke geblieben ist und schlicht und einfach von selber stehen blieb.<\/p>\n<p>Im Fall von Tom Petty gewinnt dieser \u201eHerzstillstand\u201c auch noch einen weiteren werkgeschichtlichen Bedeutungszusammenhang. Zum einen ist es mit dem Tod des popul\u00e4ren Musikers um einen weiteren talentierten Krachmacher der Rockmusik \u00fcber Nacht \u201estill\u201c geworden. Zudem ist er nicht im krachenden Angriff umgekommen &#8211; wie das sogenannten Helden des Krieges auf l\u00e4rmenden Schlachtfeldern widerf\u00e4hrt -, dieser Held der Kl\u00e4nge ist vielmehr vollkommen friedlich daheim gestorben, genauer, er ist heimlich, still und leise am eigenen, immer m\u00fcder werdenden Herzen zerbrochen.<\/p>\n<p>Nomen est Omen: Mit seinem nun unumstrittenen Herzstillstand ist Tom Petty auch dem Namen seiner Band ein letztes Mal gerecht geworden und dies so buchst\u00e4blich wie sinnf\u00e4llig \u2013 und nicht zuletzt allen Widerspr\u00fcchen und Widerst\u00e4nden zum Trotz. Oder, wie man auf Englisch schlussfolgern k\u00f6nnte: He lived up to the name of his band and their rebellious reputation to the very end, or in his own words of ultimate defiance:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eYou can stand me up at the gates of hell<br \/>\nbut I won\u2019t back down \u2026 I won\u2019t back down!<br \/>\nHey baby \u2026 there ain\u2019t no easy way out \u2026<br \/>\nbut I stand my ground and I won\u2019t back down.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Tom Petty, \u201eI Won\u2019t Back Down\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p>\u201eThe Traveling Wilburys\u201c war der sprechende Name des von Tom Petty einst mit ins Leben gerufenen musikalischen Karavans ber\u00fchmter musikalischer Zeitgenossen. Mit dieser Namensgebung stellte sich diese Band auch in die altehrw\u00fcrdige Tradition der fahrenden Spielleute, die in der Alten Welt bis ins Mittelalter der vagantischen Troubadoure und wandernden Minnes\u00e4nger zur\u00fcckreicht. Superstars der Rockrevolution wie Bob Dylan, Roy Orbison und George Harrison spielten l\u00e4ngere Zeit in dieser Superband der \u201eTraveling Wilburys\u201c mit.<\/p>\n<p>Jetzt hat sich Tom Petty den beiden Letzteren, die ihm schon vor Jahren ins Jenseits vorausgegangen waren, endg\u00fcltig angeschlossen. Sie sind nun nicht nur seine alten, verblichenen Weggef\u00e4hrten durch die gro\u00dfen Konzerts\u00e4le dieser Welt, sondern vielleicht auch seine neuen, weltenbegeisterten Seelenverwandten auf dem Weg ins unergr\u00fcndliche Jenseits, kurzum, seine \u201eTranscendental Traveling Wilbury Brothers\u201c.<\/p>\n<p>Credo, quia absurdum \u2026! Wer wei\u00df, vielleicht sind sie ja tatsachlich wieder zusammen und ziehen immer weiter auf der sagenhaften Seelenwanderung in jene bodenlose Ewigkeit, aus der noch niemand zur\u00fcckgekehrt ist. In anderen Worten, \u2026 \u201eOn the Road Again\u201c \u2026 \u201eLearning to Fly\u201c\u2026 \u201eInto the Great Wide Open\u201c \u2026 unterwegs in jenes ausgesternte Universum, von dem die Scholastiker des Mittelalters glaubten, dass es auf immer und ewig vom Zauber der Sph\u00e4renkl\u00e4ngen zusammengehalten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Jenseits hin und Diesseits her, Tatsache ist jedenfalls, dass Tom Petty zusammen mit seinen einstigen \u201eTraveling Wilburys\u201c uns Hinterbliebenen hier auf Erden ihre herrliche Musik zur\u00fcckgelassen hat. Und so k\u00f6nnen wir ihnen \u00fcber alle sprachlichen Verwirrungen und irdischen Missverst\u00e4ndnisse hinaus weiter zuh\u00f6ren und ihnen in Dankbarkeit nachrufen: Fare well \u2026 keep rocking \u2026 and rest in peace.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Frederick A. Lubich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tom Petty\u2019s \u201cHeart Attack\u201d: Zum\u00a0\u201eHerzstillstand\u201d des \u201eHeartbreakers\u201d A Teachable Moment of Bi-Lingual Education In Memory of a Remarkable Musical Legacy Frederick A. 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