{"id":5464,"date":"2017-11-14T21:30:16","date_gmt":"2017-11-15T02:30:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=5464"},"modified":"2021-12-05T14:11:51","modified_gmt":"2021-12-05T19:11:51","slug":"ansprache-9-november-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2017\/11\/14\/ansprache-9-november-2017\/","title":{"rendered":"Ansprache am Mauergedenkort 9. November 2017"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Ansprache am Mauergedenkort<br \/>\n9. November 2017<\/strong><\/h2>\n<h3>Freya Klier<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Regierender B\u00fcrgermeister, liebe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, liebe Freunde!<\/p>\n<p>1.<\/p>\n<p>L\u00e4sst sich nach 28 Jahren noch vermitteln, wie es war, abgeschottet zu sein? In einer Diktatur leben zu m\u00fcssen, in der auf Dich geschossen wurde, sobald es Dich hinaus in die Freiheit zog?<\/p>\n<p>Fluchtversuche gab es, nachdem die 1400 km lange Grenze zwischen Ost und West mit Erdminen und Selbstschussanlagen aufger\u00fcstet war, immer wieder. Und immer seltener gl\u00fcckten sie. Ich selbst habe mich entschlossen zu fliehen, als 1966 mein 17- j\u00e4hriger Bruder f\u00fcr 4 Jahre ins Gef\u00e4ngnis kam, weil er und seine Freunde Liedtexte von den Rolling Stones und den Beatles besa\u00dfen, die sie der Polizei nicht aush\u00e4ndigen wollten. Die, als sie von der Polizei zusammengeschlagen wurden, \u201eIhr Nazis!\u201c riefen.<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter versuchte ich zu fliehen &#8211; ich wollte im Rostocker Hafen mit einem Schiff nach Schweden gelangen.<\/p>\n<p>Mein Plan wurde von DDR-Matrosen verraten, noch im Hafen klickten die Handschellen. Ich kam ins Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Bei jedem DDR-Fl\u00fcchtling hat sich der Ablauf der Flucht eingebrannt, besonders der Moment des Scheiterns. Auch erinnern wir uns der schlimmen Momente unserer Haftzeit&#8230; der schier endlosen Dem\u00fctigungen durch das Wachpersonal, dessen Macht und Willk\u00fcr auch im Sozialismus kaum gebremst war.<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter bekam ich mit meiner Familie eine Wohnung im Prenzlauer Berg zugewiesen, und die lag dicht an der Mauer, in der Oderberger Stra\u00dfe. T\u00e4glich, wenn wir nach Hause gingen, starrten wir auf dieses Unget\u00fcm aus Beton, das uns signaliserte: \u00b4Hier ist f\u00fcr Euch Schluss &#8211; sonst wird geschossen!\u00b4<\/p>\n<p>Hinter der Mauer aber, auf der Westseite, stand eine Aussichtsplattform: Dort schauten Menschen aus der freien Welt in unsere Oderberger Stra\u00dfe hinein wie in ein Aquarium. Manche fotografierten, andere filmten. F\u00fcr uns war es ein unangenehmes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Das endete erst mit dem 9.November 1989. Und wieder schauen wir auf die Oderberger Stra\u00dfe:<\/p>\n<p>Am Abend dieses 9. November 1989 verl\u00e4sst der Vikar Thomas Jeutner mit seiner hochschwangeren Frau Marianne die Oderberger Stra\u00dfe Nr. 5. Die beiden wohnen hier und wollen noch etwas spazieren gehen, wie fast jeden Abend so kurz vor der Geburt.<\/p>\n<p>Heute entscheiden sie sich f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Weg &#8211; die Oderberger hinunter bis zur Mauer, dort einfach die Stra\u00dfenseite wechseln und wieder zur\u00fcck. Dabei wird der junge Theologe Zeuge eines vermeintlichen H\u00f6rspiels:<\/p>\n<p><em>\u201eWir sind also die rechte Seite, wo die Feuerwache ist, runtergegangen\u201c <\/em>&#8211; erinnert sich Thomas Jeutner &#8211; <em>\u201esehr langsam, meine Frau stand ja kurz vor der Geburt. <\/em><em>Es war schon dunkel. Vor dem Klub der Volkssolidarit\u00e4t, also nicht weit von der Mauer entfernt, stand ein Trabant, mit heruntergekurbeltem Fenster. Und der Fahrer h\u00f6rte unversch\u00e4mt laut ein H\u00f6rspiel aus seinem Autoradio. Erst \u00e4rgerte mich seine R\u00fccksichtslosigkeit, dann blieb ich aber ein bisschen stehen, denn es lief ein Science-Fiction- H\u00f6rspiel und das war ziemlich packend: Die Rede war von einem Land mit einer Mauer, und die Mauer sei ge\u00f6ffnet, man h\u00f6rte viel Trubel&#8230;<\/em><\/p>\n<p><em>Ich war sauer. Ich fand es ziemlich geschmacklos, so etwas zu senden. Wir standen ja direkt vor der Mauer &#8211; das Unget\u00fcm war ja da! Ich dachte, die spinnen total. Ver\u00e4rgert kehrten wir um&#8230;\u201c<\/em><\/p>\n<p>Als Thomas Jeutner am Sp\u00e4tabend einen Anruf von seinem Bruder erh\u00e4lt, wei\u00df er, dass das vorhin kein Science Fiction war!<\/p>\n<p>Die Mauer ist tats\u00e4chlich offen, wenn auch noch nicht an der Oderberger Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>\u00b4Es war die erste unblutige Revolution in der deutschen Geschichte\u00b4, k\u00f6nnen Sch\u00fcler heute in ihren B\u00fcchern dar\u00fcber lesen. Sie ahnen die Dramatik &#8211; von der Massenflucht \u00fcber Ungarn, den Botschaftsbesetzungen in Prag und Warschau, von Gr\u00fcndungsaufrufen oppositioneller Gruppen. Sie lesen, wie zuerst Hunderte DDR-B\u00fcrger auf die Stra\u00dfen gingen, bald schon Tausende und schlie\u00dflich Millionen &#8211; getrieben von dem Wunsch nach Freiheit und Demokratie&#8230;<\/p>\n<p>Lesen k\u00f6nnen sie es &#8211; doch ahnen sie damit auch die \u00fcberbordenden Gef\u00fchle ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern, als die Mauer schlie\u00dflich fiel?<\/p>\n<p>Und wann sp\u00fcrten wir selbst, dass dies eine historische Stunde ist? Beim Versprecher eines Politb\u00fcro-Mitglieds? Bei den ersten<\/p>\n<p>\u00b4Wahnsinn!\u00b4 &#8211; Rufen auf der Bornholmer Br\u00fccke, bei stammelnden Politikern, dem pl\u00f6tzlichen Verkehrschaos?<\/p>\n<p>Sp\u00e4tabends erreichte mich ein Anruf aus Kanada: Unsere Freunde weinten am Telefon, denn sie sahen im kanadischen Fernsehen Trabi-Paraden und Freudent\u00e4nze auf dem n\u00e4chtlichen Ku\u00b4damm. Ich weinte mit&#8230; und nicht zum ersten Mal an diesem Abend.<\/p>\n<p>Schon am n\u00e4chsten Tag konnte man in Kreuzberg kaum noch treten. Ost-Berlin schien geschlossen Richtung Westen ger\u00fcckt zu sein. Noch immer herrschte Ausnahmezustand, lag \u00b4Wahnsinn!\u00b4 in der Luft. An regul\u00e4re Arbeit war nicht mehr zu denken. Was konnte man anderes tun an diesem Tag als mitzustrahlen und im Pennymarkt was Trinkbares zum Ansto\u00dfen zu holen?<\/p>\n<p>Am 11.November stand ich dann am Checkpoint Charlie. Eine Schulklasse zog mich dort in ihren Bann, die aussah, als h\u00e4tte sie bereits zwei Tage und N\u00e4chte durchgefeiert. M\u00fcde schauten sie auf kofferbeladene Fl\u00fcchtlinge, durch den Checkpoint hasteten jetzt vor allem Familien mit Kindern: Wer wusste denn, ob das ganze nicht ein Versehen war und morgen die Grenzer wieder aufmarschierten?<\/p>\n<p>Im Unterschied zu seiner Klasse war der Lehrer hellwach &#8211; hingerissen kommmentierte er das Geschehen. Der Mantel der Geschichte wehte, und er durfte mit seiner Klasse dabei sein:<\/p>\n<p>\u00b4Nadine, schlaf nicht!\u00b4, rief er einem M\u00e4dchen zu. \u00b4Schlafen kannst Du zuhause. Hier&#8230;\u00b4 &#8211; seine Arme fuchtelten in Richtung der hastenden DDR-B\u00fcrger &#8211; \u00b4hier fliehen noch Menschen von Ost nach West!\u00b4&#8230;<\/p>\n<p>Nadine versuchte, sich zu straffen. Und ich verga\u00df, die Jugendlichen zu fragen, woher sie kommen.<\/p>\n<p>Unter den vielen Episoden in diesem Herbst 1989 geh\u00f6rt diese zu meinen liebsten. Die Sch\u00fcler d\u00fcrften heute etwa 40 Jahre alt sein. Und keiner von ihnen wird diese Klassenfahrt vergessen haben, da bin ich sicher.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ansprache am Mauergedenkort 9. 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