{"id":6204,"date":"2020-05-28T12:01:28","date_gmt":"2020-05-28T16:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=6204"},"modified":"2021-12-05T14:10:45","modified_gmt":"2021-12-05T19:10:45","slug":"part-iv-my-continuing-battle-with-cancer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2020\/05\/28\/part-iv-my-continuing-battle-with-cancer\/","title":{"rendered":"Part IV: My Continuing Battle with Cancer"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center;\"><em>Part IV of IV<br \/>\nFrederick A. Lubich<\/em><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>IV: Co-Morbidity as Dance Macabre<br \/>\n<\/strong><strong>oder<br \/>\n<\/strong><strong>Totentanz und Mummenschanz im Zeitalter der weltweiten Pest<br \/>\n<\/strong><strong>April 2020<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0\u00a0 \u201eApril is the cruellest month\u201d<br \/>\nT.S. Eliot, \u201cThe Waste Land\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Accordingly, this fourth part of my series \u201cMy Continuing Battle with Tongue Cancer\u201d was written in the month of April. During that time, Covid 19 had its worst month with its highest death toll so far and due to the national state of emergency and its various consequences, this text could not be posted until May 2020. However, that way it is in perfect tune with Kurt Weill\u2019s refrain \u201cOh, it\u2019s a long, long while from May to December\u201d in his \u201cSeptember Song\u201d (see Part III of this series).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So let\u2019s just hope, that the month of May will bring a rebirth of all the countries around the world, which were stricken by this terrible pestilence. \u201cAlles neu macht der Mai\u201c, goes an old German folksong that celebrates spring as the first season of a new and hopeful year. In any case, I would like to continue this series in the language of this song, in other words, in my own German mother tongue. In addition, since my tongue operation in August 2018, many friends and acquaintances in the Old World keep asking me, how I am doing. Answering them in German this time will make our communication easier and since most of our readers are well versed in both languages, I am hoping this text will reach many of them on both sides of the Atlantic.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0\u201eStayin\u2018 Alive\u201c:<br \/>\nThe Bee Gees<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ende Dezember 2018, also vier Monate nach meiner Zungenoperation im vorherigen August, und einen knappen Monat nach meiner tagt\u00e4glichen, sechsw\u00f6chigen Bestrahlungstherapie rappelte ich mich bei einem Jahresendfest bei Nachbarn zum ersten Mal auf, um ein paar Takte zu diesem Song der Bee Gees mitzutanzen. Doch mein noch recht geschw\u00e4chter Gesundheitszustand sollte dem t\u00fcchtigen Schwingen meiner Tanzbeine ein schnelles Ende bereiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war noch nie ein gro\u00dfer Fan der Bee Gees gewesen, doch bei diesem Tanz ging mir pl\u00f6tzlich ein v\u00f6llig neuer Sinnzusammenhang auf. Nicht nur war \u201cStayin\u2018 Alive\u201c gar kein schlechter Schlachtruf im Kampf gegen meinen Zungenkrebs, der Song erinnerte mich auch zudem an das Discofieber Mitte der Achtziger Jahre, als wir in New York City wohnten und viele Aids-Infizierte in den Diskotheken von Manhattan zu seinen elektrisierenden Rhythmen um ihr Leben tanzten. Zumindest einer von ihnen war auch einer meiner todgeweihten Studenten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so wurde mir dieses Lied bald zum solidarischen Kampflied in Erinnerung an ihr trauriges Schicksal. Und aus aktueller Perspektive erweist sich dieser Disco-Hit gegen die HIV-Epidemie von damals zudem auch als eine passende Parole in unserer heutigen Bek\u00e4mpfung der globalen Covid-19-Pademie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die damalige Aids-Epidemie vor allem die schwule Subkultur heimsuchte, beutelt das heutige Coronavirus s\u00e4mtliche Gesellschaftsschichten in L\u00e4ndern rund um die Welt. \u201eSocial Distancing\u201c lautet der neueste Gassenhauer und er ist ein globaler Blockbuster, der inzwischen ganze Industriezweige lahmlegt. Mit unseren st\u00e4ndig ausweichenden Bewegungen bei unseren mitmenschlichen Begegnungen tanzen wir insgeheim stets auch um den \u00fcberall umgehenden Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und auch mehr oder weniger maskiert sind wir wieder und erinnern ein wenig an die maskierten Pest\u00e4rzte und Wunderheiler, Quacksalber und Scharlatane beim damaligen Totenfest rundum die alles verheerende Beulenpest. Kurzum, der Tod feiert erneut fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd und tanzt \u00fcberall seinen mittelalterlichen Totentanz und modernen Mummenschanz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eCo-Morbidity\u201c nennt die moderne Medizin meine gesteigerte Anf\u00e4lligkeit auf Grund meiner vielen entfernten Lymphdr\u00fcsen. In Folge dessen muss ich mich zurzeit besonders in Acht nehmen und vor allem gr\u00f6\u00dfere Menschenansammlungen wie etwa in Lebensmittelgesch\u00e4ften systematisch vermeiden. Denn wenn sich der Tod, lebenshungrig wie er seit jeher ist, erst einmal so richtig in einen vergafft, dann ist unsereins bei diesem Totentanz im Handumdrehen dahingerafft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunstgeschichtlich betrachtet tritt der Tod in der Gestalt des Schnitters oder Sensenmanns erst zur Zeit der Pest im sp\u00e4ten Mittelalter in Erscheinung und dies vor allem im Schauspiel des Totentanzes, des dekadent-moribunden<em> dance macabre<\/em>. Auch im Werk von Albrecht D\u00fcrer, dem Meister der Nordischen Renaissance, spielt der Tod weiter eine herausragende Rolle. Man denke nur an so gotisch-ikonische Allegorien wie \u201eRitter, Tod und Teufel\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Sanduhr, des Todes bezeichnendes Wahrzeichen der menschlichen Verg\u00e4nglichkeit, taucht auch immer wieder in D\u00fcrers Sinnbildern auf, wie zum Beispiel in \u201eMelancholia\u201c und \u201eHieronymus im Geh\u00e4use\u201c, um nur zwei der bekanntesten Allegorien zu nennen. Selbst noch sp\u00e4tromantische Graphiker r\u00e4umen dem klapprigen Knochenmann eine ganze Bilderserie ein, wie etwa Alfred Rethel mit seinem Bilderreigen \u201eAuch ein Totentanz\u201c. Und auch dort schwingt die beinerne Totenfigur immer wieder Sense, Hippe und Stundenuhr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eA Distant Mirror\u201c, so nannte Barbara Tuchman ihren 1984 erschienenen Bestseller, in dem sich die moderne Lebenswelt wie durch einen fernen Spiegel gebrochen in den Welterfahrungen jenes katastrophalen Sp\u00e4tmittelalters vielfach widerspiegelt. Ist umgekehrt ihre dunkle R\u00fcckschau in die Welt des Schwarzen Todes und seiner grenzenlosen Verw\u00fcstungen auch eine d\u00fcstere Vorschau ins k\u00fcnftige Chaos der sich immer weiter ausbreitenden Covid-19-Pandemie?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cBack to the Future\u201c, das war wohl die popul\u00e4rste Parole der postmodernen Theoriebildung in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Mich hat diese paradoxe Perspektive von Anfang an fasziniert, und dies wohl auch schon deshalb, weil mich schon fr\u00fch die Vergangenheit und vor allem die Lebenswelt des Hochmittelalters in ihren Bann geschlagen hatte. Ihre m\u00e4rchenhaften Gestalten und geschichtlichen Geschehnisse sollten mich vor allem in sp\u00e4teren Lebensjahren mehr und mehr faszinieren und immer wieder zu Gedichten und Geschichten inspirieren, in denen sich Moderne und Mittelalter vielfach gebrochen ineinander widerspiegeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSpieglein, Spieglein an der Wand \u2026\u201c: Egal wie man die Spiegel auch drehen und wenden mag, feststeht jedenfalls, dass sich in jenen fernen Zeiten, ihren Bildern und Spiegelbildern auch unser eigener, immer n\u00e4herkommender Tod mehr und mehr abzeichnet. Alsdann, zur\u00fcck zum derzeitigen Stand meiner Krebsgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige Monate nach meiner Bestrahlungstherapie war meine geistige und k\u00f6rperliche Energie mehr oder weniger zur\u00fcckgekehrt, doch in meinem Radebrechen und Runterschlucken habe ich bislang nur recht bescheidene Fortschritte gemacht. Selbst vollkommen vermanschte Speisen bekomme ich nur m\u00fchsam hinunter, und so muss ich weiterhin mehr als die H\u00e4lfe meiner \u201eMahlzeiten\u201c, als pappige Pampe durch eine Magensonde pumpen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie ist ein z\u00e4hfl\u00fcssiger N\u00e4hrstoff, der obendrein so klebrig ist, dass er sich beim Trocknen genauso wie Klebstoff vollkommen verh\u00e4rtet. Da beim Pumpen immer wieder einmal die R\u00f6hre blockiert, bis schlie\u00dflich ihr Inhalt unter dem zunehmenden Druck mehr oder weniger explodiert, hatte ich schon gen\u00fcgend Kostproben von diesem Klebstoff als tagt\u00e4glichem Eintopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine neue, notwendig gewordene Nabelschnur habe ich \u201eGasthaus zur Pumpe\u201c getauft. Es ist mein ambulantes Stammlokal, das mich auf Schritt und Tritt begleitet. Genauer betrachtet ist freilich dieses gastronomische Vademekum nur eine sehr ungem\u00fctliche Schnell-Imbiss-Bude. Allerdings bin ich inzwischen bereits ein recht bewanderter Meister im z\u00fcgigen Pumpen von meinem geschmacklosen Scheibenkleister.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSocial Distancing\u201c \u2013 <em>avant la lettre.<\/em> W\u00e4hrend die anderen bis vor Kurzem im Restaurant ihrem geselligen Beisammensein fr\u00f6nen konnten, musste ich schon vorher auf Distanz gehen und mich zu Speis und Trank in den \u201eRestroom\u201c zur\u00fcckziehen. Und auch der ist nach amerikanischem Sprachgebrauch kein Raum zum Rasten, sondern vielmehr ein puritanischer Euphemismus f\u00fcr die Damen- und Herrentoilette. Zum Gl\u00fcck gibt es in gr\u00f6\u00dferen \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden inzwischen auch schon Einzelkabinen f\u00fcr Besucher zwischen den herk\u00f6mmlichen Geschlechtern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl ich hoffnungslos heterosexuell bin, schlie\u00dfe ich mich dann heimlich, still und leise in diesen zwischengeschlechtlichen \u201eRastraum\u201c ein und verwandle meine unwirtliche \u201eRastst\u00e4tte\u201c in meine provisorische Pumpstation. Und w\u00e4hrend sich mein \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">knurrender Magen am immer gleichen Gnadenbrot labt,<br \/>\nreden er und ich uns gegenseitig recht trotzk\u00f6pfig ein,<br \/>\nwir zwei h\u00e4tten im Grunde noch gro\u00dfes Schwein gehabt,<br \/>\ndenn wir k\u00f6nnten ja auch schon l\u00e4ngst mausetot sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So also unser Sto\u00dfgebet zu unserem Gnadenbrot in unserer gemeinsamen Hungersnot. Oder ich denke mir in dieser kleinen Einzelzelle frei nach Ludwig Feuerbach, dass der Mensch ist, was er isst, und so wird mir jede Mahlzeit zur Henkersmahlzeit, zum Steh-Imbiss mit einer weiteren Galgenfrist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem mittelalterlichen Zusammenhang gib sich denn meine vermeintliche \u201eMahlzeit\u201c auch leicht als sogenanntes \u201eHalsgericht\u201c zu erkennen und dies sogar als delikates <em>double entendre <\/em>im wahrhaft doppelten Sinne des Wortes. Denn so wie im Mittelalter das Hochgericht auch als Halsgericht bekannt gewesen war, so dient mir heute umgekehrt dieses doppeldeutige Hochgericht als lebensrettende Magerkost. Es ist mein Haupt-Menu <em>\u00e0 la carte<\/em>, das mir nicht nur das m\u00fchselige Schlucken, sondern auch noch das langsame Verhungern erspart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Essst\u00f6rung zur Sprechst\u00f6rung: Nachdem es mir w\u00e4hrend der Bestrahlungstherapie erst einmal f\u00fcr Monate vollkommen die Sprache verschlagen hatte, begann sich mein Sprechen schlie\u00dflich nach mehreren Sprachtherapien zumindest soweit zu verbessern, dass ich mich heute, wenn auch oft m\u00fchselig, einigerma\u00dfen verst\u00e4ndigen kann. Von den immer wiederkehrenden Missverst\u00e4ndnissen, die oft so peinlich wie unterhaltsam sind, hier mal ganz zu schweigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor meiner Operation hatte ich im Englischen nur einen sehr leichten deutschen Akzent. Heute habe ich einen sehr schweren und klinge immer wieder wie eine komisch-ironische Parodie auf Arnold Schwarzenegger, Amerikas ber\u00fchmtestem Macho-Muskel-Genie. Da ich bestimmte englische Konsonanten \u00fcberhaupt nicht mehr aussprechen kann, f\u00e4llt mir inzwischen die Verst\u00e4ndigung im Deutschen etwas leichter als im Englischen. Dazu kommt auch noch, dass die deutsche Sprache mit ihren in der Regel l\u00e4ngeren W\u00f6rtern mehr Gelegenheit bietet, gen\u00fcgend Silben korrekt genug auszusprechen, sodass sich der Zuh\u00f6rer den unverst\u00e4ndlichen Rest einigerma\u00dfen richtig dazu denken kann. Das Problem ist nur, die wenigsten Amerikaner verstehen radegebrochenes Deutsch!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus moduliert meine ramponierte Stimme auch immer wieder durch verschiedene Stimmlagen, sodass ich mir bisweilen wie ein Stimmenimitator vorkomme. So klang zum Beispiel mein sprachlicher Mischmach vor allem anfangs bisweilen wie das Vaudeville Jiddisch von Buddy Hackett oder ich h\u00f6rte mich an wie Lee Marvin irgendwo an einer Wild-West-Bar und brummte infolgedessen auch schon bald sein bekanntestes Lied: \u201eI was born under a wandering star.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entsprechend meinte denn auch unl\u00e4ngst ein guter alter Freund am Telefon, ich w\u00fcrde mich betrunken anh\u00f6ren. Daraufhin angesprochen, best\u00e4tigte mir mein Krebsarzt beim n\u00e4chsten Check-up, dass dies in der Tat eine nicht ungew\u00f6hnliche Nebenwirkung bei Zungenoperationen sei. Sp\u00e4testens da erhob sich freilich die berechtigte Frage, kann ich denn in diesem fragw\u00fcrdigen Gesamtzustand heute &#8211; Reden hin und Schlucken her &#8211; \u00fcberhaupt noch unter normale Leute?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ich bei meiner letzten Zungenoperation auch s\u00e4mtliche Lymphdr\u00fcsen im Halsbereich verloren hatte, muss ich seitdem eine Halskrause tragen, um die Symptome meines immunsch\u00e4digenden Lymph\u00f6dems einigerma\u00dfen zu mildern. Diese Halskrause erinnert mich einerseits an die Halsberge einer mittelalterlichen Ritterr\u00fcstung und andrerseits an die Halskrause neuzeitlicher W\u00fcrdentr\u00e4ger, wie sie in der Epoche des Barocks getragen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch letztendlich gemahnt mich so ein Halskragen vor allem an das einstige Halseisen der Gefangenen, wenn nicht gar an den M\u00fchlstein der \u00f6ffentlich Angeprangerten. Vielleicht war ich ja in der Tat schon einmal auf einem meiner fr\u00fcheren Lebenswege ein ausgemachter Schandbub gewesen, ein Strauchdieb und Schnapphahn schlechthin. \u00a0Oder auch nur ein romantischer Taugenichts voll vagantischer Sehnsucht nach dem sch\u00f6nen, s\u00fcdlich sonnigen Italien. Jedenfalls ist mir in der Zwischenzeit diese modisch so vielseitige Halstracht in gewisser Weise zu einer Art Wahr- und Markenzeichen geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Passend zum puffigen Halskragen hat man mir auch bald nach meiner Strahlentherapie eine aufblasbare Weste verpasst, die ich jeden Tag f\u00fcr mindestens eine halbe Stunde anlegen muss, um die angestaute Lymphfl\u00fcssigkeit in Bewegung zu bringen. Da diese Pumpgarnitur mit einem Stoffhelm ausgestattet ist, der ebenfalls so festgezurrt werden muss wie die aufgepumpte Weste, habe ich diese therapeutische Ausr\u00fcstung die \u201eEiserne Jungfrau\u201c getauft, und dies nicht zuletzt nach der ber\u00fcchtigten Folterkammer im ritterlichen Mittelalter. Zum Gl\u00fcck sind die Qualen noch sehr ertr\u00e4glich. Dennoch werde ich diese wahrhaft d\u00e4mliche Armatur zu meiner tagt\u00e4glichen Torso-Tortur bis ans Ende meines Lebens tragen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKleider machen Leute\u201c, nach diesem altmodischen Schneiderspruch bilde ich mir nun schon eine ganze Weile so tapfer wie m\u00f6glich ein, in dieser Ausr\u00fcstung gar kein armer Schlucker, sondern vielmehr ein edler Ritter ohne Schimpf und Tadel zu sein. In anderen Worten, einer jener sagenhaften \u201cKnights in Shining Armor\u201c \u2026 safe and sound inside my \u201cIron Maiden\u201d. \u2026or as the French would say \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">sauf et sain!<br \/>\nUn cavalier par excellence!<br \/>\nNoblesse oblige! Et honi soit qui ma y pense!!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Krebstod, dieser altmodische Foltergeist schlechthin, sucht sich anscheinend besonders gern seine Opfer in der Zunft der Spielleute und Schauspieler aus. Um nur ein paar Beispiele aus j\u00fcngerer Zeit zu nennen. Michael Douglas kam nach seiner Rachenoperation gerade noch einmal mit dem Schrecken davon. Doch Val Kilmer, dem Darsteller von Jim Morrison im Film <em>The Doors,<\/em> ging der Krebs sehr brachial an die Gurgel und nach seiner Kehlkopfoperation lie\u00df er ihn nicht nur mit einer Magensonde, sondern zudem auch noch mit einer Kehlkopfr\u00f6hre kauderwelschend hinter den B\u00fchnenbildern all seiner Schauspielk\u00fcnste zur\u00fcck. Und so habe ich schon mal einen seelenverwandten Pappenheimer, der mir als Schicksalsgenosse im Geiste beim \u00a0Pampepumpen und Radebrechen ein bisschen Gesellschaft leisten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so wie die Liebe durch den Magen geht, so nistet sich auch der Magenkrebs dort sehr gerne ein. So hatten zum Beispiel Patrick Swayze und David Bowie, \u201eDirty Dancer\u201c und \u201eWhite Duke\u201c par excellence ihm gegen\u00fcber \u00fcberhaupt keine \u00dcberlebenschance. Und als letzten unter den Musikanten hat der Krebstod unl\u00e4ngst Florian Schneider von Kraftwerk, der deutschen Pionierband moderner elektronischer Tanzmusik, von der B\u00fchne gezerrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und was die derzeitige Pest betrifft, so hat sie j\u00fcngst Roy Horn von \u201eSiegfried &amp; Roy\u201c sein eh schon sehr angeknicktes Genick endg\u00fcltig gebrochen. Zusammen mit seinem Partner bildete er f\u00fcr Jahrzehnte das magische Traumpaar von Las Vegas. Auch Roy konnte nach seiner schrecklichen Verletzung, die ihm sein wei\u00dfer Tiger am Hals beigebracht hatte, nur noch sehr gebrochen sprechen. Daf\u00fcr gewann er an morbider Leibesf\u00fclle. Mit seiner mehrfachen Co-Morbidity war er schlie\u00dflich eine leichte Beute f\u00fcr die Pandemie. Jedenfalls hat jetzt die Corona-Pest in ihm das bislang glitzerndste Opfer f\u00fcr ihr dekadentes Totenfest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch es ist David Bowie, der seiner Zeit schon immer vorausgewesen war, der sich nun mit seinen letzten Liedern, den todesschwangeren Blackstar Songs als makabrer Vort\u00e4nzer des gegenw\u00e4rtigen Totentanzes zu erkennen gibt. Und in seiner pantomimischen Performanz in der Rolle eines maskierten Lazarus hat der heutige Mummenschanz um die Corona-Pest seine geradezu schon exemplarisch moribunde Schreckensgestalt gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und im schlimmsten Falle profiliert sich dieser einst so glamour\u00f6se S\u00e4nger und Schauspieler, der sich auch noch am Ende seines Lebens wort- und bildgewaltig weigerte, sang- und klanglos unterzugehen, bald auch noch als omin\u00f6ser Herold eines im Herbst noch viel melodramatischer am Horizont heraufziehenden pandemischen Pand\u00e4moniums. (Mehr zu David Bowie, siehe Teil I dieser Serie)<\/p>\n<p>David Bowie bleibt mein funkelnder Superstar am n\u00e4chtlichen Himmel der Pop-und Rockmusik, doch heutzutage singt und schreit mir hier auf Erden aus der Reihe der Spielleute und Schauspieler vor allem Bruce Dickinson aus Leib und Seele. Er ist der Frontmann der britischen Heavy Metal Band mit dem sprechenden Namen Iron Maiden &#8211; nomen est omen \u2013 und auch er wurde ein Opfer des Zungenkrebses, hat sich jedoch nach einer dramatischen Operation so weit erholt, dass er wieder wie eh und je essen und trinken und spielen und singen kann. Drum \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Dear Bruce<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Let\u2019s make a deal!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">You keep singing and playing<br \/>\nand I keep dancing with death,<br \/>\nthat \u201cBelle Dame Sans Merci\u201d<br \/>\nwho looks like Lady Macbeth.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vergleich zu ihr ist meine Eiserne Jungfrau jedenfalls geradezu Gold wert! Doch auch bei ihr muss ich sehr auf der Hut sein. Egal ob ich Luft oder Pampe pumpe, ich muss stets aufpassen, dass ich mit meinen verschiedenen Ausr\u00fcstungen nicht in Harnisch gerate. Schon mehrmals habe ich aus Versehen meine Magensonde herausgerissen und dann muss ich jedes Mal mit meinem verschlissenen Bauch sofort in die Notaufnahme des n\u00e4chsten Krankenhauses, um mir dort so schnell wie m\u00f6glich eine neue Sonde verpassen lassen, ehe Bauch und Magen sich wieder verschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am sichersten ist es noch, wenn ich meine z\u00e4hfl\u00fcssige Nahrung ganz ihrer eigenen tr\u00e4gen Schwerkraft \u00fcberlasse. Und wenn ich ihr dann zuschaue, wie sie so langsam in der Magensonde versinkt, dann gemahnt mich das auch immer wieder an die Stundenuhr des Schnitters, in welcher der Sand langsam und dann immer schneller nach unten verrinnt und versickert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSic transit gloria mundi\u201c, in anderen Worten, im Laufe der kommenden und vergehenden Zeiten ist unsere Welt nur ein fl\u00fcchtiger Jahrmarkt der Eitelkeiten. Und betrachte ich mich dann so im Spiegel, ausstaffiert mit Pestmaske und Pumpweste, dann erscheint mir darin der aufgeblasene Herr in seiner ganzen Montur viel eher wie eine abgetakelte Schie\u00dfbudenfigur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem gleiche ich, da die Einzelteile meiner Kluft mit mehreren Schl\u00e4uchen untereinander verbunden sind, dergestalt vernabelt und verkabelt &#8211; man ahnt es vielleicht schon &#8211; auch noch dem antiken, schlangenumschlungenen Laokoon. Und auch der war bekanntlich kein Bild f\u00fcr die G\u00f6tter. Doch Gott sei Dank blickt heutzutage zu meinem Gl\u00fcck kaum noch ein Betrachter so weit zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andrerseits gleicht unsereins aus moderner Perspektive in so einer Ausr\u00fcstung wohl eher einem vermummten Anarchisten. Doch was soll dieser seltsame Schlauch? Bestimmt ist er f\u00fcr die schreckliche Wut im Bauch! Oder man figuriert als lebensm\u00fcder Chaot, als verkabelter Terrorist mit einem Molotow-Cocktail gegen den kommenden Tod! Und m\u00f6glicherweise auch noch mit totenernster Miene, ganz nach Dylan Thomas und seiner radikalen Sterbemaxime:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201cDo not go gentle into that good night,<br \/>\nrage, rage against the dying of the light!\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>But listen, forget Dylan Thomas! Better remember Bob Dylan and his \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201cForever Young \u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201cMay you build a ladder to the stars,<br \/>\nand climb on every rung \/ may you stay for ever young!\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Tat, aus heutiger Perspektive ist der Knochenmann ein mittelalterlicher Popanz, der sich jedoch als letzte weltliche Instanz bis heute zur h\u00f6chsten Autorit\u00e4t aufschwingt, der wir zudem hier auf Erden im fortschreitenden Alter bekanntlich immer h\u00f6riger werden. Lebenshungrig, wie wir alle sind, ist es kein Wunder, dass in den letzten Jahren die \u201eAnti-Aging\u201c Bewegung immer mehr an Bedeutung gewinnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie gerettete Zunge\u201c, so nannte Elias Canetti im englischen Exil den ersten Teil seiner dreib\u00e4ndigen Autobiographie und meinte damit die deutsche Sprache, von der er sich auch in der englischen Sprachfremde nicht lossagen wollte. Und mir geht es hier in Amerika genauso. Allerdings habe ich mich auch schon \u00f6fter gefragt, ob mein Zungenkrebs mich auch heimgesucht h\u00e4tte, wenn ich nicht ausgewandert w\u00e4re. M\u00f6glicherweise h\u00e4tten andere Lebensumst\u00e4nde und Erfahrungsbereiche mir den Verlust meiner Zunge erspart. Doch egal, ob so etwas erworben oder angeboren, Tatsache ist, ich hab mein Herz in Heidelberg und meine Zunge in Norfolk verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und zwar nicht nur die H\u00e4lfte meiner Zunge, wie man mir in der ersten Zeit meiner Rekonvaleszenz schonend beizubringen versuchte, sondern fast die ganze Zunge, genauer, sieben Achtel, wie mir mein Chirurg bei einem sp\u00e4teren Termin nachtr\u00e4glich erkl\u00e4rte. Das bedeutet, meine Ausr\u00fcstung wird mir f\u00fcr den Rest meines Lebens bleiben und was meine ritterlichen Liebesabenteuer betrifft \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Let\u2019s face it: I am no knight in shining armor, and my iron maiden is no damsel in distress. On the contrary, she is my regal domina and I am her royal mess! Oh, my good old Iron Maiden, you are my iron clad virgin from Southern-Virginia, you are my Southern Belle, and I hate to love you, but our marriage is made in heaven and hell! Just look, we are a perfect fit, or as the French would say, you are my <em>pr\u00eat-\u00e0 porter<\/em> \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ready to Wear<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Just like one of those old-fashioned chastity belts!<br \/>\nAnd don\u2019t worry about the wear and tear,<br \/>\nthey will last for a lifetime,<br \/>\njust like they did<br \/>\nright then and<br \/>\nthere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals in der Hochbl\u00fcte des Mittelalters. Und umgekehrt st\u00fcnde so ein G\u00fcrtel mit schmuckem Schloss auch noch so manchem Mannsbild auf hohem Ross! Denn bekanntlich sind sie st\u00e4ndig von Kopf bis Fu\u00df \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch das ist ein uraltes Lied. Kommen wir zur n\u00e4chsten Geschichte, zum Thema vom Hals- und Beinbruch: Sprachgelehrte wissen schon lang, dass der etwas seltsame deutsche Gl\u00fcckwunsch \u201eHals- und Beinbruch\u201c wahrscheinlich die verhunzte Form eines j\u00fcdischen Segenspruchs darstellt. Wenn man diesen Spruch auch noch etwas weiter verballhornt, dann kommt man schlie\u00dflich zu dem jiddischen Ausdruck vom \u201eBeen in Hals\u201c, den mein Freund Michael Panitz schon lange vor meiner Operation zur Sprache gebracht hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michael Panitz ist der Rabbiner der Synagoge Tempe Israel hier in Norfolk. Er hatte vor Jahren als Gasth\u00f6rer in einer meiner deutschen Sprachklassen teilgenommen und seitdem sind wir gute Freunde geworden. Und zudem ist er als Kenner der Kabbalah auch ein sprudelnder Quell gnostischer Weltanschauungen und unorthodoxer j\u00fcdischer Lebensweisheiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls ist ihm zufolge dieses sprichw\u00f6rtliche \u201eBein im Hals\u201c eine Art sprachliche Verl\u00e4ngerung der amerikanischen Redewendung vom \u201efoot in mouth\u201c, das in etwa dem deutschen Sprichwort vom \u201eIns Fettn\u00e4pfchen-Treten\u201c entspricht. Und wenn man mit seinem deutschen Fu\u00df im Mund englisch zu reden versucht, dann muss man sich nicht wundern, wenn einem die Sprache im Hals stecken bleibt. (Mehr zu meinem Bein im Hals, beziehungsweise meinem Beingewebe, das meine verlorene Zunge ersetzte, siehe Teil I in dieser Serie.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In unseren zahlreichen Gespr\u00e4chen im Borjo Coffee Shop am Rande des Campus fielen Michael und mir im Laufe der Jahre immer mehr \u00c4hnlichkeiten auf, die einst zwischen der jiddischen Mundart seiner Gro\u00dfeltern und der m\u00e4hrischen Mundart meiner Gro\u00dfeltern bestanden hatten. Immer wieder stie\u00dfen wir in beiden Sprachen auf Ausdr\u00fccke und Redewendungen, f\u00fcr die es weder im Deutschen noch im Englischen sprachliche Entsprechungen gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige sind inzwischen Teil meines allt\u00e4glichen Wortschatzes geworden und auch noch mein T\u00f6chterchen hat sie als Kind begeistert aufgeschnappt, nicht zuletzt auch, weil sie wusste, dass sie damit meine Mutter, also ihre geliebte Oma, bei unseren damals j\u00e4hrlichen Deutschlandbesuchen immer wieder von neuem erfreuen und unterhalten konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um dem weiteren Verstummen unserer Gro\u00dfmuttersprachen nicht tatenlos zuh\u00f6ren m\u00fcssen, haben schlie\u00dflich Michael und ich zwei sprachgeschichtliche Essays \u00fcber die zwei so \u00e4hnlichen Mundarten unserer Gro\u00dfeltern verfasst, die wir dann auch in der Festschrift zu Ehren meines langj\u00e4hrigen Freundes Robert Schopflochers vor ein paar Jahren ver\u00f6ffentlichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Robert Schopflocher hatte ich im Jahr 2001 auf einer Konferenz in Buenos Aires kennengelernt. Er war ein Autor deutsch-j\u00fcdisch-argentinischer Erz\u00e4hlungen und \u00fcber die Jahre sind wir gute Brieffreunde geworden bis zu seinem Tod im Fr\u00fchjahr 2016. Auch er gab gerne immer wieder alte Sprichw\u00f6rter, bedeutsame Zeilen aus deutschen Gedichten und nicht zuletzt j\u00fcdische Lebensweisheiten zum Besten. Dabei gefiel mir der Bibelspruch \u201eden Fluch in Segen verwandeln\u201c von Anfang an am allerbesten und er ist mir vor allem in letzter Zeit immer bedeutsamer geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch noch einmal zur\u00fcck zu meinen deutschb\u00f6hmischen Vorfahren, mit deren zwei Mundarten ich aufgewachsen bin. W\u00e4hrend meine v\u00e4terlichen Vorfahren aus dem m\u00e4hrischen Altvatergebirge stammten, haben meine m\u00fctterlichen Vorfahren der m\u00fcndlichen \u00dcberlieferung zufolge nach ihrem Trek gen Osten im zw\u00f6lften Jahrhundert die letzten sechshundert Jahre als Bauern auf ein- und demselben Bauernhof gesessen und das m\u00e4hrische Kuhl\u00e4ndchen bestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von meiner Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits hie\u00df es in meiner Kindheit immer, dass sie einen Schalk im Nacken h\u00e4tte. Da sie zusammen mit meinem Gro\u00dfvater in meinem Elternhaus wohnte, habe ich viele sch\u00f6ne und lustige Erinnerungen an sie. Sie war ein vergn\u00fcgtes Weiblein, das in der Tat gern Schabernack trieb und die das Spr\u00fccheklopfen regelrecht zu ihrem Steckenpferd gemacht hatte. Auf diese Weise hatte sie denn auch f\u00fcr so manche Lebenslage immer eine entsprechende Bauernweisheit auf Lager.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was zum Beispiel das richtige Kauen und f\u00f6rderliche Verdauen von Mahlzeiten betraf, so lautete ihr praktischer Grundsatz: \u201eRiawer on niawer on fuck nonder.\u201c Also auf Hochdeutsch: r\u00fcber und n\u00fcber und fuck hinunter, wobei das seltsame \u201efuck\u201c wohl eine lautmalerische Silbe darstellt, die \u00e4hnlich wie \u201eruck, zuck\u201c ein schnelles Vorgehen zum Ausdruck bringt. Jedenfalls ging dieses Wort im Neuhochdeutschen im Laufe der Jahrhunderte vollkommen verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so wie ich meine Zunge verloren habe, so wird auch bald dieser bis ins Hochmittelalter zur\u00fcckgehende m\u00e4hrische Zungenschlag, der zudem auch noch mehrere angels\u00e4chsische Spuren in Aussprache und Wortschatz aufweist, f\u00fcr immer verloren sein. Jedenfalls bin ich hier in Amerika, wo einst die sogenannten \u201eM\u00e4hrischen Br\u00fcder\u201c, die \u201eMoravian Brothers\u201c, die Indianer Neuenglands missioniert hatten, in der Tat einer der letzten Mohikaner, beziehungsweise Moravianer, einer der allerletzten meines \u00fcber die ganze Welt verstreuten Stammes, der als Kind noch dessen alte Mundart verstand \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">The Last Moravian<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">The last of this ancient German-Bohemian tribe<br \/>\nwho too will go soon with<br \/>\nhis broken tongue<br \/>\ninto that dark<br \/>\nand silent<br \/>\nnight.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cRiaver on niaver\u201d \u2026 across and down that bottomless river, which is, as the ancients used to guess, that legendary River of Eternal Forgetfulness \u2026.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch bevor auch ich den Spruch aus der alten Bauernk\u00fcche meiner Gro\u00dfmutter vergesse: Ich habe ihn mir nicht zuletzt auch deshalb so gut gemerkt, weil ihm mein Gro\u00dfvater bei jeder Gelegenheit nachdr\u00fccklich widersprochen hatte, indem er der ganzen Familie am Tisch immer wieder versicherte, man m\u00fcsse jeden Bissen drei\u00dfig Mal kauen, bevor man ihn runterschluckt. Heute liegen mir diese beiden Ausspr\u00fcche aus der alten Heimat meiner Vorfahren mehr denn je auf meiner beinernen Zunge, bringt doch, was mein jetziges Schlucken betrifft, meine Gro\u00dfmutter meinen Wunsch und umgekehrt mein Gro\u00dfvater meine Wirklichkeit mit einer geradezu schon hellseherischen Genauigkeit zum Ausdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch nicht nur die jiddischen und m\u00e4hrischen Mundarten haben f\u00fcr mich in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Auch das Schul- und Kirchenlatein aus meiner Kindheit und Oberschulzeit kehrten in letzter Zeit mehr und mehr aus der Vergessenheit zur\u00fcck. Und zu vergessen die sch\u00f6ne franz\u00f6sische Sprache aus meiner Jugendzeit, als meine erste gro\u00dfe Liebe, ein M\u00e4dchen aus der Provence, mir jahrelang ihre geradezu schon sprichw\u00f6rtlich gewordene \u201eSprache der Liebe\u201c beizubringen versuchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst viele Jahre sp\u00e4ter sollten wir beide herausfinden, dass ihre j\u00fcdischen Vorfahren und meine m\u00e4hrischen Vorfahren einst im Mitteleuropa des Hochmittelalters die gleiche Muttersprache, dieselbe Mammeloschen gesprochen hatten, wobei mir das Schicksal ihres Volkes im zwanzigsten Jahrhundert schon damals in Frankreich die Sprache verschlagen hatte. Und mich im Laufe der Jahre immer mehr heimsuchen sollte, sodass ich mehr und mehr dar\u00fcber schreiben musste. Aber das sind schon wieder ganz andere Geschichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bezeichnend scheint mir jedoch in diesem linguistisch-literarischen Kontext zu sein, dass vor allem die jiddische, lateinische und franz\u00f6sische Sprache jede auf ihre Art und Weise einst die Rolle einer Art <em>lingua franca<\/em> spielte, in der sich Menschen \u00fcber ihre unmittelbaren Landesgrenzen hinaus weiter verst\u00e4ndigen konnten. Heute hat nat\u00fcrlich die englische Sprache diese kommunikative Funktion \u00fcbernommen und dies nicht nur \u00fcberregional, sondern auch transatlantisch und international.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLingua franca\u201c, \u201efrank and free\u201c, \u201eoffen und frei\u201c, das sind jedenfalls heute noch sprachliche Echos und stehende Redewendungen aus dieser mehrsprachlichen Erfahrungswelt unserer Vorfahren. In meinem Falle spielen heute diese verschiedenen \u201efreien Sprachen\u201c fremder Zunge wohl auch noch &#8211; frei nach Sigmund Freud &#8211; eine weitere psychologische Funktion, n\u00e4mlich als Ersatz und Kompensation f\u00fcr meine eigene verlorene Zunge. Von den regressiven Projektionen und respektiven Illusionen edler Ritter und eiserner Jungfrauen hier einmal ganz zu schweigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind zweifelsohne allesamt chronische Symptome meiner sogenannten \u201eCo-morbidity\u201c. Auf die Frage, wie man mit ihnen am besten umgeht, h\u00e4tte bestimmt Slavoj \u017di\u017eek, sicherlich ein wahrhaft slowenischer Schlawiner, und weltweit bekannt als einer der letzten Nachdenker der postmodernen Theoriebildung, den besten Rat mit einem seiner bekanntesten <em>bon mots<\/em>: \u201eEnjoy your Symptoms!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie dem auch sei, jedenfalls sollten mich die m\u00e4hrischen Saft- und Kraftspr\u00fcche meiner bauernschlauen Gro\u00dfmutter ein Leben lang begleiten und mich auch immer wieder unterhalten. Doch in den letzten Jahren, als mir der Krebs mehr und mehr an die Gurgel ging, gewannen die zwei bekanntesten Maxime aus der Epoche des Barocks mehr und mehr an Relevanz. Zudem sind sie vollkommen chaoten- und idiotensicher und obendrein in einer Pestzeit wie der gegenw\u00e4rtigen so aktuell wie schon lange nicht mehr:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eMemento Mori\u201c<br \/>\net<br \/>\n\u201cCarpe Diem\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese barocke R\u00fcckbesinnung geht bei mir bis ins Fr\u00fchjahr 2005 zur\u00fcck, als ich zum ersten Mal mit meinem Zungenkrebs konfrontiert wurde und mich einer ersten gr\u00f6\u00dferen Operation unterziehen musste. Zur gleichen Zeit wurde Gerald Uhlig, mein bester Freund aus unserer gemeinsamen Heidelberger Zeit, mit der seltenen Erbkrankheit Morbus Fabry diagnostiziert und musste bald danach eine vielbeachtete Nierentransplantation \u00fcber sich ergehen lassen. Damals war er als Begr\u00fcnder des ber\u00fchmten Berliner Caf\u00e9 Einsteins Unter den Linden bereits weit \u00fcber die Grenzen Berlins bekannt und so machte sein Gesundheitszustand Schlagzeilen bis hinein in das Hamburger Wochenmagazin <em>Der<\/em> <em>Spiegel.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jener Zeit begannen wir zwei noch relativ jungen Mitglieder im medizinischen Club der Moribundi uns mehr und mehr mit dem Tod als unserem heimlichen Begleiter und unheimliche Doppelg\u00e4nger zu besch\u00e4ftigen und auseinanderzusetzen. Gerald schrieb mir seit dieser Zeit immer wieder, dass er mit seinem Tod \u00f6fters Zwiegespr\u00e4che f\u00fchre. Und als gelernter Schauspieler, der schon in jungen Jahren in Wien als Max-Reinhard-Seminarist in Hugo von Hofmannsthals Theaterst\u00fcck <em>Der Tor und der Tod<\/em> auf der B\u00fchne gestanden hatte, waren solche Zwiegespr\u00e4che f\u00fcr ihn gleichzeitig auch jugendliche Reminiszenzen an die legend\u00e4re Dekadenz und Morbidezza des Wiener <em>fin de si\u00e8cle.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wiederum versicherte ihm aus der Neuen Welt im Gegenzug immer wieder, dass wir beide dem alten klapprigen Gevatter &#8211; allen bedenklichen Prognosen zum Trotz &#8211; immer wieder von der Schippe springen w\u00fcrden. Zur zus\u00e4tzlichen Ermunterung verk\u00fcndete ich ihm auch noch mit entsprechend gro\u00dfer Klappe, dass ich diesem unversch\u00e4mten Schnitter zudem auch noch regelm\u00e4\u00dfig die Zunge herausstrecken w\u00fcrde. Damals hatte ich freilich noch gut reden und konnten dementsprechend auch noch gro\u00df aufschneiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerald hat seinen langen, fortw\u00e4hrenden Kampf mit Morbus Fabry im Juli 2018 endg\u00fcltig verloren. Und <em>vice versa<\/em> bekam auch ich noch im selben Monat geradezu spiegelbildlich die Schreckensbotschaft, dass mein Zungenkrebs mit aller Macht zur\u00fcckgekehrt sei. Oder wie man im Englischen dieses allm\u00e4chtige Comeback der Todesgefahr noch weitaus zutreffender beschreiben k\u00f6nnte: The Grim Reaper had returned with a vengeance.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Speaking of continuing battles: Vielleicht hatte ich ja diesen Schnitter \u00fcber die Jahre tats\u00e4chlich meiner ausgestreckten Zunge beleidigt und mehr und mehr zur Rachsucht gereizt. Jedenfalls hatte ich wenige Wochen nach meiner Diagnose keine nennenswerte Zunge mehr, die ich ihm h\u00e4tte weiter herausstrecken k\u00f6nnen. Und jetzt half auch keine nachgeschobene Erkl\u00e4rung mehr, dass meine provokative Geste auch gar nicht im Ernst gemeint war, vielmehr nur \u201etongue in cheek\u201c, wie es so bezeichnend im Englischen hei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cHindsight is always 20\/20\u201c sagt man im Englischen, wenn man den glasklaren R\u00fcckblick meint. Blicke ich heute im Jahre 2020 zur\u00fcck, so wird mir denn auch immer klarer, dass mich das Nicht-Mehr-Reden-K\u00f6nnen bereits in den ersten Klassen der Oberschule in seinen seltsamen Bann geschlagen hatte. (Mehr dazu, siehe Teil I).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das Nicht-Mehr-Leben-K\u00f6nnen, der lange Schatten des Todes geht in meiner Lebensgeschichte noch weiter zur\u00fcck. Es begann bereits in der zweiten oder dritten Volksschulklasse, als im katholischen \u00a0Religionsunterricht die sogenannte \u201eEwige Verdammnis\u201c mitsamt ihrem sagenhaften \u201eReich der Finsternis\u201c heraufbeschworen wurde. Als sich meine arme Kinderseele das einigerma\u00dfen vorzustellen und auszumalen versuchte, erfasste mich ein abgr\u00fcndiges Grauen, das mich f\u00fcr den Rest meiner einst so gl\u00fccklichen Kindheit von Grund auf terrorisieren und traumatisieren sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sonnige Welt verwandelte sich geradezu \u00fcber Nacht in ein d\u00fcsteres Reich von \u00fcberall lauernden Tods\u00fcnden und diese konnten, wie alle Beichtspiegel versicherten, jederzeit Wirklichkeit werden, und zwar \u201ein Gedanken, Worten und Werken\u201c. Es gab also kein Entrinnen aus dieser furchtbar t\u00f6dlichen Umklammerung. Und dabei wurde auch immer wieder dunkelt gemunkelt, am gef\u00e4hrlichsten sei die S\u00fcnde dieser geheimnisumwitterten Unkeuschheit, deren teuflischen Verlockungen vor allem wir Lausbuben schon fr\u00fchzeitig und hoffnungslos zum Opfer fallen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders gewendet, ich w\u00fcrde mir ein Leben lang das Sterben nicht leisten k\u00f6nnen, denn was danach kommen konnte, war viel zu riskant. Doch wie diesem unerbittlichen Tod sicher und endg\u00fcltig entkommen? Von derartig ausweglosen Aussichten musste man sich als zu tiefst verschreckter Bub erst einmal gr\u00fcndlich erholen. Schlie\u00dflich sind solche seelischen Gr\u00e4uelm\u00e4rchen keine harmlosen Kinderspiele!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSpiel mir das Lied vom Tod\u201c, so lautete ein rundes Jahrzehnt sp\u00e4ter die deutsche Version des Spaghetti-Westerns <em>Once Upon a Time in the West<\/em> von Sergio Leone. Als der Film Ende der Sechziger Jahre in die Lichtspieltheater kam, hatte ich mich zum Gl\u00fcck schon l\u00e4ngst von meiner kindlichen Furcht vor der ewigen Verdammnis berappelt und war zu einem recht aufm\u00fcpfigen \u201eHalbstarken\u201c geworden, wie man damals in Deutschland vermeintliche \u201erebels without a cause\u201c zu bezeichnen pflegte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dieser Italo-Western konnte mich in meiner jugendlichen Unsterblichkeit nur noch weiter best\u00e4tigen. Hier bot ein Haufen wilder Draufg\u00e4nger h\u00f6chst abenteuerlich und so telegen wie melodramatisch dem gro\u00dfen Tod die blo\u00dfe Stirn. Diese rauen Burschen aus dem sagenhaften Wilden Westen lie\u00dfen sich von diesem altmodischen Sensenmann aus uralten Ammenm\u00e4rchen offensichtlich schon lange nicht mehr ins Bockshorn jagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wie es mein Schicksal wollte, sollte ein paar Jahre sp\u00e4ter auch mein kalifornisches \u201eDream Girl\u201c, das ich in Heidelberg kennengelernt hatte, mir weitere Sch\u00fctzenhilfe leisten, um dem Trauerspiel des kommenden Todes endg\u00fcltig den Garaus zu machen. Zudem war sie passend zu diesem italo-amerikanischen Western selbst auch eine Italo-Amerikanerin und trug obendrein auch noch den so sch\u00f6nen, wohlklingenden Familiennamen Dell\u2019Acqua. Und nicht zuletzt stellte sich auch schnell heraus, dass sie zus\u00e4tzlich zu ihrem s\u00fcdlichen Temperament auch noch das nat\u00fcrliche Talent f\u00fcr die italienische <em>Commedia dell\u2018arte<\/em> von ihren s\u00fcditalienischen Vorfahren mitbekommen hatte, die es ihr im sonnigen S\u00fcdkalifornien als Geburtstagsgeschenk mit in die Wiege gelegt hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ecco, ecco, la vita e dolce, la vita e bella! Das Leben als kom\u00f6diantisches Stegreifspiel! Und hatte man f\u00fcr eine derartig theatralische Sendung auch noch ein bisschen Gl\u00fcck und Geschick, sowie des Schicksals h\u00f6here Gunst, dann wurde das Leben zum wandernden Schauspiel und im Laufe des Lebens zur Lebenskunst! So zumindest lautete damals in unserem jugendlichen Sturm und Drang unser romantisches Spielprogramm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben als Lust -und Trauerspiel: Aus heutiger Sicht erscheint mir mein Freund Gerald, der Spielmann und Schauspieler aus unserer gemeinsamen Heidelberger Jugendzeit, mehr denn je als der gute Geist in diesem lebenslangen Schau- und Versteckspiel zwischen Leben und Tod. Wohl auf denn, komm runter vom Wiener Burgtheater und begleite uns noch ein gutes St\u00fcck &#8211; du kennst es ja schon &#8211; auf unserem weiteren Weg Richtung Endstation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Memories of Heidelberg: Nachdem damals meine ersten hohen Lieder auf meine erste gro\u00dfe Liebe in Frankreich allm\u00e4hlich verstummt waren, war dann erst einmal geb\u00fchrliches Tr\u00fcbsalblasen angesagt. Und das waren auch schon die leidigen Erfahrungen Joseph von Eichendorff, des gro\u00dfen Dichters der deutschen Romantik gewesen, als damals vor Ort in Heidelberg seine Liebesgeschichte zu Ende gegangen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wollte damals mit seinem gebrochenen Herzen bekanntlich nach Amerika auswandern, ein Plan, der sich freilich im Laufe der Zeit zerschlagen sollte. Stattdessen schrieb er sein ber\u00fchmtes Gedicht \u201eIn einem k\u00fchlen Grunde\u201c, in dem er sein Liebesleid klagte und den Entschluss fasste: \u201eIch m\u00f6cht als Spielmann wandern, weit in die Welt hinaus.\u201c Das lie\u00df ich mir nicht zweimal sagen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 14.3574%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 74.2972%;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Autor-Eichendorff-neu.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6248 aligncenter\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Autor-Eichendorff-neu-215x300.jpg\" alt=\"\" width=\"526\" height=\"734\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Autor-Eichendorff-neu-215x300.jpg 215w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Autor-Eichendorff-neu.jpg 549w\" sizes=\"auto, (max-width: 526px) 100vw, 526px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Der Autor als Eichendorffs \u201eTaugenichts\u201c am Fu\u00df des Hohenstaufens Anfang der Siebziger Jahre<\/span><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 11.245%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hohenstaufen ist der Hausberg von G\u00f6ppingen, meiner Heimatstadt im Schwabenland, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Im Hintergrund des Bildes f\u00fchrt eines der T\u00e4ler nach Ottenbach, wo meine Gro\u00dfeltern nach der Vertreibung auf einem Bauernhof in einem Zimmer auf dem Dachboden notd\u00fcrftig mehrere Jahre untergebracht waren, ehe sie dann zu uns in unser neues Haus in der Neubausiedlung auf dem Galgenberg am Stadtrand von G\u00f6ppingen ziehen konnten. Ja, auf den noch heute so genannten Galgenberg, dort, wo im Mittelalter die Galgen standen und so manch ein Taugenichts vergeblich auf seine Galgenfrist wartete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Gl\u00fcck war ich als Eichendorffs Taugenichts bereits von Kindesbeinen an in bester Gesellschaft, zumindest was meine Mutter betraf. Der schlesische Dichter hatte einst ein Sommerschl\u00f6sschen im m\u00e4hrischen Sedlnitz besessen, das wiederum der Nachbarort von Partschendorf, dem heutigen Barto\u0161ovice war, dem Heimatdorf meiner Kuhl\u00e4ndler Vorfahren. Auf diese nachbarschaftliche Weise wurde meine Mutter schon von fr\u00fch auf mit Eichendorff und seinen Gedichten bekannt und vertraut und er ist denn auch ihr ganzes Leben lang ihr oft zitierter Lieblingsdichter geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eichendorffs Gedicht \u201eIn einem k\u00fchlen Grunde\u201c wurde vor allem im neunzehnten Jahrhundert vielfach vertont und es sprach auch noch mir aus tiefstem Herzen. Wie Eichendorff \u00fcberhaupt. \u201eWer in die Fremde will wandern, der muss mit der Liebsten gehen\u201c, so hei\u00dft es in seinem Gedicht \u201eHeimweh\u201c \u2013 und so bin ich denn auch bald seinem romantischen Ratschlag gefolgt. Freilich konnte ich damals nicht ahnen, dass meine Lehr- und Wanderjahre kreuz und quer durch die Alte und Neue Welt nahezu drei\u00dfig Jahre dauern sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klar war mir damals in Heidelberg lediglich, dass der deutsch-b\u00f6hmische Spielmann in mir seine italo-amerikanische Spielfrau in ihr gefunden hatte. Kurzum, jetzt waren wir auf unserem wanderlustigen Lebenswandel zu zweit und auch bald auf Tod und Teufel komm raus zu so manch einem Buben- und M\u00e4dchenst\u00fcck allzeit bereit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da wir damals unmittelbar gegen\u00fcber dem Heidelberger Bergfriedhof wohnten, der bekanntlich einer der sch\u00f6nsten in ganz Deutschland ist, machten wir ihn uns auch bald zu unserem liebsten Schauspielplatz f\u00fcr unsere schauerromantischen Nachtvorstellungen. Zudem bot der j\u00fcdische Teil des Friedhofs am Fu\u00df des Berges mit seinen traurigsch\u00f6nen Grabsteinen einen weiteren elegisch-makabren Hintergrund.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"height: 200px; width: 100.602%; border-collapse: collapse;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 19.7461%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 62.3397%;\">&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_6249\" style=\"width: 514px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Memento-Mori-neu.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6249\" class=\" wp-image-6249\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Memento-Mori-neu-215x300.jpg\" alt=\"\" width=\"504\" height=\"703\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Memento-Mori-neu-215x300.jpg 215w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Memento-Mori-neu.jpg 240w\" sizes=\"auto, (max-width: 504px) 100vw, 504px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6249\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 10pt;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Memento Mori: Spiel mir das Lied vom Tode<\/span><\/p><\/div><\/td>\n<td style=\"width: 17.9142%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der n\u00e4chtlichen Wiederkehr des Verdr\u00e4ngten: Ein Gl\u00fcck, dass ich bereits von Kindesbeinen an das Geigenspiel gelernt hatte. So hatte ich jetzt in der Tat auch ein H\u00e4ndchen f\u00fcr so ein mittern\u00e4chtliches St\u00e4ndchen. Und Eichendorffs \u201eLiebste\u201c, die jetzt meine Liebste war, hatte passend zu diesem sp\u00e4ten Stelldichein auch noch eine Kerze mitgebracht und so konnte sie auch noch etwas romantisches Schummerlicht in diese \u201eEwige Finsternis\u201c bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und hast du zudem auch noch Haschisch in den Taschen, dann hast du immer was zu naschen. Blicke ich so zur\u00fcck, dann scheint mir, nach diesem bew\u00e4hrten Sponti-Spruch jener Zeit verwandelte sich denn auch der arme Poet im Handumdrehen in einen dekadenten <em>po\u00e8te maudit,<\/em> gerade so, wie er bei Baudelaire im Buche steht. <em>Oh mon enfant perdu!<\/em> Du wei\u00dft ja, Pot ist der beste Kompott! Drum komm, spiel dein berauschendes Pot-Pourri, spiel ihm auf, dem Herrn der Finsternis nur zu, mein verlorenes Kind und geige ihm heim durch Nacht und Wind \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Spiel, Spielmann! Spiel!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Immer sch\u00f6ner und immer schlimmer,<br \/>\nso dass ihm H\u00f6ren und Sehen vergeht<br \/>\nund sein ewiges Reich der Verdammnis<br \/>\nauf immer im weiten Weltall verweht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und rundherum sah man, wie sich die Toten vor ihren Liebsten verneigen! \u00a0Schau, nur schau, sie raffen die Knochen und straffen die Haut und dann tanzen sie wieder ihren uralten Reigen und jeder Br\u00e4utigam dreht erneut seine Braut, dort im friedlich schimmernden Kerzenschein &#8211; so zumindest bildeten wir es uns f\u00fcr eine Weile ganz bestimmt recht lebhaft und anschaulich ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ich viel sp\u00e4ter erfuhr, bedeutet das Wort Friedhof im Hebr\u00e4ischen so viel wie \u201eHaus des Lebens\u201c. Und in der Tat, sind die Toten wirklich tot? Hei\u00dft es nicht, dass die unsterbliche Seele nur so lange auf Wanderschaft geht, bis sie wieder ihren Weg ins Leben zur\u00fcckgefunden hat? Steht es nicht so in der Kabbalah? Oder war es schon wieder einmal das Kamastra?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soundtracks und Flashbacks: Dieses Blitzlichtbild ist nur eines von mehreren aus einer Serie derartiger Friedhofsvorstellungen aus jener Heidelberger Zeit. Nachdem wir beide Deutschland verlassen hatten, war erst einmal f\u00fcr lange Zeit Sendepause zwischen Spielmann und Sensenmann. Doch dann nach Jahrzehnten \u2026 wieder der altbekannte Soundtrack \u2026 und sein immer lauter werdendes Comeback.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 10.9437%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 78.4137%;\">\n<div id=\"attachment_6207\" style=\"width: 663px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Carpe-Diem-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6207\" class=\"wp-image-6207\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Carpe-Diem-1-e1590698545523.jpg\" alt=\"\" width=\"653\" height=\"391\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6207\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 10pt;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Carpe Diem: Spiel mir das Lied vom Leben<\/span><\/p><\/div><\/td>\n<td style=\"width: 10.6426%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Spiel, Stehgeiger! Spiel<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Komm, spiel auf zum Tanz und sei kein Popanz!<br \/>\nSei keine tote Hose! Vergiss den Mummenschanz!<br \/>\nBring lieber mal wieder deine Saiten zum Klingen<br \/>\nund lass uns zusammen das Tanzbein schwingen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Egal ob Schuhplattler oder Schnaderh\u00fcpferl, ob Veitstanz oder Zigeunertanz, es ist geh\u00fcpft wie gesprungen \u2026 und wieder h\u00f6r ich die alten Lieder, sie sind noch lang nicht zertanzt und verklungen! \u00a0Und wie man hier gut sehen kann, wurde auch aus dem vielberufenen Kampf der Geschlechter mit all seinem todesverdammten Gerangel geradezu im Handumdrehen ein lebenslustiger Tingeltangel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Life and Love! Remixed and Unplugged! Right now and right here, just look, my dear! And hello, Grim Reaper, your hide-out could not be cheaper \u2026left and right between all these real things \u2026 I can see you quite clearly, waiting right there in the wings \u2026 day after day and year after year. So come on, let\u2019s dance! Let\u2019s dance again that good, old and groovy St. Vitus Dance! And holy roll all three of us into a Bohemian trance. Remember, our earthly goal is to rock and roll our immortal soul. So come on and let\u2019s jive while we are still alive \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">its now or never<br \/>\nand<br \/>\nfor ever and ever!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Yes, let\u2019s seize the moment, let\u2019s seize the day. And the next one too! It is just a few hours away. \u201cCarpe Diem! You got it. And remember, let\u2019s keep them \u2026 diem per diem! In other words, remember the \u201cMomentum\u201d and not the \u201cMemento\u201d!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6r zu, Schnitter, du alter Raub- und Rumpelritter. Du bist nichts als ein allt\u00e4glicher Tagedieb! Ein Wegelagerer auf unserem Lebensweg, ein Nachtgespenst \u00fcber jedem schwankenden Steg \u2026 zwischen Diesseits und Jenseits \u2026 Sein und Nichtsein \u2026 und von wegen \u201eFreund Hein\u201c! Bilde dir das blo\u00df nicht mehr ein. Du bist kein Freund. H\u00f6rst Du? Schreib es dir hinter gef\u00e4lligst hinter die Ohren. Oder noch besser, merk dir den Song der Doors. Am besten, du schreibst es dir gleich auf dein Totenhemd:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201cMusic is your only friend!<br \/>\nUntil the end!\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das wissen wir nicht erst seit Jim Morrison, dem singenden Todesengel von Los Angeles. Bereits in den <em>Nachtwachen des Bonaventura<\/em> kann man es nachlesen, wo es hei\u00dft, dass sich dem Sterbenden die Todesstunde mit Musik offenbart. Jedenfalls flieht die Zeit immer mehr in diese Richtung und so ist denn auch die obige Bilder-Montage schon vor l\u00e4ngerer Zeit entstanden und zwar sowohl als letzter Aufgesang auf unseren einstigen Sturm und Drang, als auch als ironisch-romantischer Abgesang auf Alfred Rethels Serie \u201eAuch ein Totentanz\u201c, aus dem das Seitenbild des geigenden Todes stammt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kulturgeschichtlich betrachtet geht die Tradition der Dreitafelbilder auf die christliche Kunstgeschichte der kirchlichen Altarbilder zur\u00fcck, in denen sie die Dreifaltigkeit Gottes versinnbildlichen. Reduziert man sie auf eine rein chronologische Perspektive, so repr\u00e4sentieren die Spiegelbilder einmal mehr das \u201eZur\u00fcck in die Zukunft\u201c, beziehungsweise die Aufhebung von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit im \u201estehenden Jetzt\u201c, dem \u201eNunc Stans\u201c, wie es die Mystik und Scholastik des hohen Mittelalters lehrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literaturgeschichtlich betrachtet ist dieses zeitliche Wechselspiel auch ein Teil des literarischen Leitmotivs von der \u201everkehrten Welt\u201c, das in den Texten der deutschen Schauerromantik eine untergr\u00fcndige Rolle spielt und auch im Werk von G\u00fcnter Grass erneut als sogenannte \u201eVergegenkunft\u201c aus der Versenkung auftaucht. Es ist der neo-barocke <em>basso ostinato,<\/em> der unserer irdischen Sehnsucht nach Unsterblichkeit zu Grunde liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der farbenfrohe Augenblick der Gegenwart. Umrahmt vom grauen Schattenreich der Zeit, der ewigen Zukunft und ewigen Vergangenheit! Das leuchtende Augenspiel, die wunderbare Augenweide! Seit jeher hat dieser magische Moment, dieser im Grunde zutiefst mystische Moment, die Menschen fasziniert und Goethes Faust sogar zum h\u00f6lle- und himmelbewegenden Teufelspakt inspiriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so preis ich mich gl\u00fccklich, anstelle von Blindheit nur mit Zungenkrebs geschlagen zu sein. Ich muss mich zur augenblicklichen Dankbarkeit nur an die vielen Blinden in Pieter Bruegels Galerie der Kr\u00fcppel erinnern. Bereits auf dieser Welt in dauernder Finsternis zu tappen, nie einen Lichtschimmer am Ende des langen Tunnels zu sehen! Ich kann mir dieses lebendige Totsein nur als unsagbar grauenhaft vorstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDo it yourself\u201c, so lautet einer der bekanntesten Ratschl\u00e4ge des \u201eAmerican Way of Life\u201c. Praktisch-pragmatisch gesehen bedeutet dies angesichts des permanent drohenden Todes: Anstatt ihm st\u00e4ndig von der Schippe springen zu m\u00fcssen, nehme ich mich lieber selbst auf die Schippe. Und dies im steigernden Ma\u00dfe nach meiner letzten Zungenoperation, wohl in der insgeheimen Hoffnung, dieses k\u00f6rperliche Trauerspiel doch noch in ein mehr oder weniger unterhaltsames Lustspiel zu verwandeln. Oder, um es in einen sp\u00e4ten Sponti-Spruch zu wenden:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich nehme mich viel lieber selbst auf den Arm,<br \/>\ndann wei\u00df ich mich zumindest in guten H\u00e4nden!<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/German-Professor.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6208 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/German-Professor.jpg\" alt=\"\" width=\"393\" height=\"534\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/German-Professor.jpg 393w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/German-Professor-221x300.jpg 221w\" sizes=\"auto, (max-width: 393px) 100vw, 393px\" \/><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Dichtung und Wahrheit<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Aus dem armen Poeten wurde ein deutscher Professor!<br \/>\nUnd inzwischen geht\u2018s ihm auch wirtschaftlich besser.<br \/>\nDoch ganz unbezahlbar bleibt die verlorene Jugendzeit<br \/>\nund ihre gute, alte Burschen- und M\u00e4dchenherrlichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Bildgedicht ist eines von rund hundert verschiedenen Bildgedichten aus meiner Serie \u201ePostcards Against Cancer\u201c, die bald nach meiner ersten Krebsoperation im Jahr 2005 entstanden waren mit der Absicht, Wissen und Bewusstsein rund um den Zungenkrebs zu f\u00f6rdern. Diese Postkarten fanden sowohl in unseren Klassen als auch in mehreren Kauf- und Kaffeeh\u00e4usern der Stadt guten Absatz, denn nicht zuletzt kam der gesamte Erl\u00f6s der Krebsforschung zugute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eThe Nutty Professor\u201c, so lautet hierzulande die am\u00fcsante Variante zur deutschen Karikatur vom \u201ezerstreuten Professor\u201c, wobei das \u201enutty\u201c auf der Skala der komischen Charakteristika von schrullig und verschroben bis zu verr\u00fcckt und durchgeknallt laufen kann. Carl Spitzwegs obiges Bild \u201eDer arme Poet\u201c ist eines der Lieblingsbilder der Deutschen und da es auch einer meiner Lieblingsbesch\u00e4ftigungen in meiner Heidelberger Studentenzeit illustriert, habe ich mich entsprechend schon damals in seinem Bild entsprechend reflektiert und parodiert. (Zur fotografischen Version siehe in dieser Serie Teil II)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blick ich in mein Spitzweg\u2019sches Ebenbild, dann muss ich gestehen, der Herr Professor, wie er dort oben auf der Postkarte leibt und lebt, ist im Grunde seines Herzens auch heute noch viel lieber ein armer Poet. Denn wenn sich die Wahrheit mal wieder so richtig verdichtet und Wort f\u00fcr Wort ineinanderf\u00fcgt, dann \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ben\u00fctz ich auch heute noch die Sprache als Leim<br \/>\nund mach mir daraus einen entsprechenden Reim.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wird ein Reimpaar auch noch von den Musen gek\u00fcsst, dann beginnt es musikalisch zu schwingen und immer lauter und klarer zu klingen und so manch ein Spielmann kann dann &#8211; frei nach Joseph von Eichendorff &#8211; bis heute so manch ein Lied davon singen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ewiger Bummelstudent habe ich gern und lang die Schulbank gedr\u00fcckt und als sogenannter Wandergelehrter sp\u00e4ter sogar noch lieber auf wackligen Lehrst\u00fchlen geschaukelt und dort luftige Gedanken immer h\u00f6her gegaukelt. Ich liebte das Klassenzimmer, vor allem wenn es mehr und mehr mit meinen Studenten und Studentinnen abhob und zum fliegenden Klassenzimmer wurde. Mit solchen H\u00f6henfl\u00fcgen konnte man in der Tat junge Schule bleiben und sich obendrein auch noch herrlich die Zeit vertreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit meiner letzten Operation hat sich freilich das obige Bild vom armen Poeten als deutschem Professor von Grund auf zerschlagen. Was \u00fcbrig blieb, ist Lehrer L\u00e4mpels geknickter Zeigefinger, der jetzt bestenfalls noch zum Skandieren von Gedichten taugt, sowie ein Stapel alter aus dem Leim gehender W\u00e4lzer. Und der Dachboden als ideales Home Office und Quarant\u00e4ne Quartier im Zeitalter der wiedergekehrten Pest. In anderen Worten, dort oben bin ich zumindest gut aufgehoben, sozusagen <em>au dessus de la m\u00eal\u00e9e,<\/em> &#8211; bis ich schlie\u00dflich im letzten Wirbelsturm samt Regenschirm im Winde verweh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Universit\u00e4t, die Old Dominion University, hat mich nach meiner letzten Zungenoperation auf vielfache Weise so lange wie m\u00f6glich unterst\u00fctzt, wof\u00fcr ich ihr sehr dankbar bin. Jedoch nach mehreren Kranken- und Forschungssemestern musste ich schlie\u00dflich im November letzten Jahres selbst einsehen, dass bei meinem anhaltenden Radebrechen kein Unterrichten mehr m\u00f6glich war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so wurde ich zu meinem gro\u00dfen Verdruss zum Jahreswechsel 2019\/2020 recht pl\u00f6tzlich Professor Emeritus. Und kaum fand ich mich in diesem seltsamen Ruhestand, geriet auch bald das gesamte Land in einen noch nie so dagewesenen Wirtschaftsstillstand. Eigentlich schon allerhand, so ein zeitlicher Zufall aus r\u00e4umlicher Notwendigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wie sich bald herausstellte, sollte sich der Fluch der verlorenen Zunge einmal mehr in einen \u00fcberraschenden Segen verwandeln, denn beim gegenw\u00e4rtigen Fernlernen w\u00e4re ich mit meinen fliegenden Klassenzimmern garantiert schon tausendmal abgest\u00fcrzt. High Tech ist nichts f\u00fcr mich. Dann schon viel lieber High Times.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Mensch denkt und Gott lenkt\u201c, so hei\u00dft es im Deutschen, wenn man die tieferen Gr\u00fcnde von Schicksalsschl\u00e4gen weiter zu ergr\u00fcnden sucht und dabei nicht \u00fcbers oberfl\u00e4chliche Gr\u00fcbeln hinauskommt. Mir gef\u00e4llt allerdings die jiddische Spielart dieser Redewendung weitaus besser: \u201eDer Mensch tracht und Gott lacht.\u201c Gottes Sinn f\u00fcr Situationskomik, grad so wie es ihm gef\u00e4llt, ist zumindest ein gewisser h\u00f6herer Trost in dieser so oft zum Heulen bestellten Welt. Zum Gl\u00fcck l\u00e4sst mir mein Buddy, der weise Rabbi, immer wieder augenzwinkernd solche alten jiddischen Treppenwitze ins Bodenlos-Unergr\u00fcndliche zukommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">From the \u201cAmerican Way of Life\u201d to the \u201cAmerican Way of Death\u201d! Das ist der neueste Treppenwitz der heutigen Weltgeschichte. Ein ber\u00fcchtigter Sch\u00fcrzenj\u00e4ger und L\u00fcgenbeutel aus New York City steigt in Washington, D.C. auf zum schwadronierenden Volksf\u00fchrer und quacksalbernden Wunderheiler der Nation. Jetzt fehlt diesem aberwitzigen Tor der Toren nur noch die Schnabelmaske der Pestdoktoren. Damals im Mittelalter zur Zeit der gro\u00dfen Beulenpest war sie ja bekanntlich der letzte Modeschrei zum immer wilder werdenden Totenfest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jedem Fall gewinnt der auch heute wieder \u00fcberall umgehende Tod durch Pest \u00a0vor allem hierzulande mehr und mehr Zulauf f\u00fcr seinen modernen Mummenschanz und moribunden Totentanz. Und auch ich, Veitstanz her und Totentanz hin \u2026 co-morbid wie ich nun mal bin \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">war noch nie zuvor in diesem Land<br \/>\nein solch willkommener Immigrant.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland hat nach Ausbruch der Pandemie seine Mitglieder eingeladen, einen kurzen Text zu verfassen, in dem sie ihre Erfahrungen mit der Corona-Krise zum Ausdruck bringen. In Erinnerung an Boccaccios <em>Decamerone<\/em>, das ebenfalls als literarische Reaktion auf die damalige Pest entstanden war, wurde das Projekt einmal mehr \u201eDecamerone\u201c genannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so habe ich aus der Perspektive Amerikas einen Text verfasst, der in Erinnerung an Barbara Tuchmans Bestseller auch einen Titel tragen k\u00f6nnte, wie etwa \u201eThe Present Horrors of Distant Mirrors\u201c. Der Text soll hier jedoch unter seinem urspr\u00fcnglichen Titel erscheinen, wenn auch in etwas erweiterter Form. Denn wenn jemand weder Vergangenheit noch Zukunft unserer sogenannten Westlichen Zivilisation aus den Augen verloren hat, dann ist es der blinde Seher Tiresias aus dem griechischen Altertum. Und so soll er zum Abschluss auch hier noch einmal zu Wort kommen und seinen Blick in die Weiten unserer Weltgeschichte schweifen lassen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u201cI Tiresias \u2026 perceived the scene, and foretold the rest\u201d<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der legend\u00e4re Seher des Altertums stellt in T.S. Eliots \u201eThe Waste Land\u201c , das vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg erschienen war, eine Art vision\u00e4ren Wiederg\u00e4nger dar, der die zahlreichen Schaupl\u00e4tze der erz\u00e4hlten Weltgeschichte evokativ Revue passieren l\u00e4sst. Im Verlauf der vielsprachigen Zitate, literarischen Assoziationen und <em>double<\/em> <em>entendres<\/em> verdoppelt sich das lyrische Ich zum lyrischen Du, zu einer Art Doppelg\u00e4nger des Lesers \u00e0 la Baudelaire \u2013 kurzum, zum \u201eHypocrite lecteur! &#8211; mon semblable &#8211; mon fr\u00e8re.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit \u00fcber vierzig Jahren lebe ich nun schon in der Neuen Welt und in den letzten Jahren ist Norfolk, die alte Hafenstadt hier im in S\u00fcden von Virginia, zu unserer neuen Heimat geworden. Diese Gegend, die auf dem Breitengrad von Sizilien liegt, ist auch als \u201eTidewater\u201c bekannt, da ihre vielen Feuchtgebiete und verschlungenen Wasserwege bereits ganz von den Gezeiten des Meeres gepr\u00e4gt sind. Unser Haus ist nur wenige Schritte vom dreiarmigen Elizabeth River entfernt, dessen meilenweites Delta hier in die Chesapeake Bay m\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie oft habe ich schon hier an seinem wei\u00dfen Sandstrand gesessen, dem Rauschen des Wassers gelauscht und den Blick in die Weite schweifen lassen. Schenkt man der musikalischen Folklore Amerikas Glauben, so ist der \u201eRhythm and Blues\u201c und \u201eRock and Roll\u201c dieses Kontinents den Wellen und Wogen seiner gro\u00dfen Str\u00f6me und weiten Meeresk\u00fcsten entsprungen. In jedem Falle bringen diese beiden Gattungen Tiefen und H\u00f6hen des \u201eAmerican Way of Life\u201c samt ihren Leiden und Freuden sicherlich am originellsten und authentischsten zum Ausdruck. Auch T.S. Eliots Wanderer zwischen den Welten und ihren sich wandelnden Zeiten scheint dieselbe Erfahrung gemacht zu haben, wenn er von sich sagt \u201eMusic crept by me upon the waters\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sch\u00f6n diese hiesige Wasserlandschaft im Sommer ist, so schrecklich kann sie im Herbst werden, wenn Hurrikane aus der subtropischen Karibik heraufziehen, die sch\u00e4umende Brandung aufpeitschen, B\u00e4ume entwurzeln, D\u00e4cher reihenweise abrei\u00dfen und letztlich ganze Stadt- und Landteile \u00fcberfluten. Zudem f\u00fchrt der Klimawandel zu steigenden Meeresspiegeln, deren Auswirkungen vor allem hier in Tidewater zus\u00e4tzlich auch noch durch sinkende Landmassen weiter gesteigert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nicht zuletzt werden besonders Hafenst\u00e4dte nicht nur von Wirbelst\u00fcrmen, sondern immer wieder auch von Pestplagen heimgesucht. Auch Norfolk kann ein langes Klagelied davon singen, angefangen vom Gelbfieber, dem in der Mitte des 19. Jahrhunderts Tausende von Bewohnern dieser Stadt zum Opfer fielen, bis hin zur Pandemie der Spanischen Grippe am Ende des Ersten Weltkriegs, die mit jeder Welle schlimmer wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entsprechend erinnert nur wenige Stra\u00dfen von unserem Haus entfernt ein Schotterweg mit einer erkl\u00e4renden Tafel an die einstige \u201eQuarantine Road\u201c aus der Zeit der Amerikanischen Revolution, die hier zu Virginias erstem Quarant\u00e4nehaus f\u00fchrte, wo seefahrende H\u00e4ndler mitsamt ihren eingef\u00fchrten Waren auf Seuchen getestet wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 12.3494%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 76.0039%;\">\n<div id=\"attachment_6209\" style=\"width: 507px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Quarantine-Road.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6209\" class=\"wp-image-6209 \" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Quarantine-Road.jpg\" alt=\"\" width=\"497\" height=\"374\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Quarantine-Road.jpg 727w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/05\/Quarantine-Road-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 497px) 100vw, 497px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6209\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 10pt;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Quarantine Road, Norfolk, Virginia<\/span><\/p><\/div><\/td>\n<td style=\"width: 11.6466%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">On the Road Again. On Quarantine Road! Hier h\u00e4tte sich der Wunderheiler von Washington D.C. ein gutes Beispiel nehmen k\u00f6nnen, wie man sein Land rechtzeitig durch Test und Quarant\u00e4ne vor weiterer Verw\u00fcstung sch\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stattdessen war ihm wieder einmal das Medien-Spektakel wichtiger nach dem popul\u00e4ren Broadway Motto: \u201eThere is no business like show business\u201c \u00a0Als New York im M\u00e4rz dieses Jahres mehr und mehr zur Hochburg des Coronavirus wurde, war der Pr\u00e4sident h\u00f6chstpers\u00f6nlich hier in Norfolk eingeflogen, um der \u201eComfort\u201c, dem gr\u00f6\u00dften Lazarettschiff an der Atlantikk\u00fcste, beim Verlassen des Hafens Richtung New York fernsehwirksam nachzuwinken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals verk\u00fcndete der blinde Seher seiner Nation, bereits im April zur sch\u00f6nen Osterzeit w\u00e4re sein darniederliegendes Land erneut zur wunderbaren Auferstehung bereit. April, April \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">What April Fool on Capitol Hill!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cApril is the cruellest month\u201d, so warnt \u201eThe Waste Land\u201d bereits in der ersten Zeile. Und in der Tat erwies sich denn auch der diesj\u00e4hrige April f\u00fcr Amerika als grausamster Monat, denn da hatte sich die landesweite Pandemie zum internationalen Weltmeister aufgeschwungen, der nun weltweit bis heute die meisten Todesopfer zu beklagen hat. America First! Even if it is the worst \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">The Worst Case Scenario: \u201cThe Great Comeback Of The Coronavirus as All-American Pandemonium\u201d. Coming this fall when death will really have a ball \u2026 \u00a0\u00a0September, October, November \u2026 oh poor America \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">America the Beautiful! Poor Damsel in Distress!<br \/>\nOur fearless fool of a leader<br \/>\nwill give you<br \/>\nthe kiss of<br \/>\ndeath.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr ein schnittiger Kavalier! Und auch noch so hoch zu Ross! Dort droben im Wei\u00dfen Haus, ein Gl\u00fccks- und Ungl\u00fccksritter auf Gott und Teufel komm raus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHochmut kommt vor dem Fall\u201c, so hei\u00dft es bereits in K\u00f6nig Salomons <em>Buch der<\/em> <em>Spr\u00fcche.<\/em> Dieser Spruch ist wie kein anderer geradezu zugschnitten auf unseren blinden Narren und blendenden Toren, der sein Land mehr und mehr an den Abgrund f\u00fchrt und hoch- und \u00fcberm\u00fctig allen Tatsachen zum Trotz nach dem blindwirren Glauben regiert:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Im Falle eines Falles<br \/>\nAmerika \u00fcber alles!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber alles in der Welt \u2026 Hey you up there on your hill! \u00a0Remember the Fall of Berlin \u2026 the Ruin of Rome! You builder of all those tall towers, do not forget that ancient fable! Always remember the Towers of Babel!! And read and heed the \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">The Writing on the Wall<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">If you keep going like this,<br \/>\nwe\u2019re in for quite a big fall!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In other words, forget all your tirades about fake news! Instead, listen to Tiresias and his deep river blues \u2026 the rising waves, banging already at our doors \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201cThe river sweats \u2026 Elizabeth \u2026 rippled both shores.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eThe Waste Land\u201c! Im O-Ton! Und am Ende von T.S. Eliots episch-poetischen Bewusstseinsstrom beschw\u00f6rt der Wanderer zwischen den Welten &#8211; so abgr\u00fcndig wie wortw\u00f6rtlich &#8211; auch noch ausgerechnet Hermann Hesses \u201eBlick ins Chaos\u201c herauf, bis schlie\u00dflich auch diese historische \u201eself-fulfilling prophecy\u201c zusammen mit all den anderen Kassandrarufen im polyphonen Tohuwabohu der vielen anderen Stimmen untergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die anderen sind nicht immer die anderen. Gestern wart es ihr und morgen sind es wir! Und wie steht\u2019s mit dir und mir? <em>Mon fr\u00e8re \u2026 mon Grand Menteur Maudit. Apr\u00e8s nous le d\u00e9luge<\/em>?\u00a0 Listen to your country\u2019s rhythm and blues \u2026 lo and behold its beautiful bays and gorgeous lagoons \u2026 and remember Tiresias and his last and lasting words \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201cThese fragments I have shored against my ruins.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cIt\u2019s a long, long while from May to December\u201d &#8211; but remember: Time flees and time flies! And some of us do not have much time left. Be that as it may, the fifth and probably last segment of my \u201cContinuing Battle with Tongue Cancer\u201d is scheduled to come out here in \u201cRecent Posts\u201d this summer under the title<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201cEndstation Sehnsucht im Wandel der Zeiten\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Text war urspr\u00fcnglich der zweite Teil des vorliegenden Textes, doch er uferte immer mehr aus, sodass er schlie\u00dflich zum letzten Bruchst\u00fcck wurde und vom ersten Teil losgel\u00f6st werden musste. Er beschreibt, wie der Titel bereits andeutet, die voraussichtliche Endstation unseres langen Lebensweges als letzte Rastst\u00e4tte in unserem umwaldeten Haus und wildwuchernden Garten, wobei das Erz\u00e4hlgeschehen und die sie begleitenden Bilder immer wieder auch sinnbildliche Bedeutung gewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und auch der ewige Wandel der Jahreszeiten verdichtet sich letztendlich zu einem Gleichnis vom Ewigen Sommer, vom immerw\u00e4hrenden Augenblick. Alsdann wohlan, noch einmal die Stille vor dem Sturm, noch einmal die Ruhe auf dieser so sch\u00f6nen Welt \u2026, denn wer wei\u00df, zu welchen neuen und unbekannten Wanderungen wir bald aufbrechen m\u00fcssen! Drum noch einmal die helle, mittt\u00e4gliche Stille \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">mit ihrer ganzen irdischen F\u00fclle,<br \/>\nnoch einmal die vertraute Idylle,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">noch einmal das arkadische Leben im hellen, mittelmeerischen Sonnengl\u00fcck \u2026 und dann die Herbstst\u00fcrme und Winterw\u00fcsten \u2026 immer weiter und weiter in die dunkle, unergr\u00fcndliche Zukunft zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Part IV of IV Frederick A. Lubich &nbsp; IV: Co-Morbidity as Dance Macabre oder Totentanz und Mummenschanz im Zeitalter der weltweiten Pest April 2020 &nbsp; \u00a0\u00a0 \u201eApril is the cruellest month\u201d T.S. Eliot, \u201cThe Waste Land\u201d &nbsp; Accordingly, this fourth part of my series \u201cMy Continuing Battle with Tongue Cancer\u201d was written in the month [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4340,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[320193],"tags":[],"class_list":["post-6204","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-battles-with-cancer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6204","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4340"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6204"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6204\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6204"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6204"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6204"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}