{"id":6262,"date":"2020-06-12T04:14:16","date_gmt":"2020-06-12T08:14:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=6262"},"modified":"2021-12-05T13:46:48","modified_gmt":"2021-12-05T18:46:48","slug":"amerika-ach-nun-ja-herrje","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2020\/06\/12\/amerika-ach-nun-ja-herrje\/","title":{"rendered":"Amerika &#8211; ach, nun ja, herrje!"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Amerika &#8211; ach, nun ja, herrje!<\/strong><\/h1>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Albrecht Classen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So setzt man sich zwischen zwei St\u00fchle. Auf der einen Seite, die gro\u00dfartige amerikanische Kultur, gelassen, cool, weltoffen, zukunftsgerichtet; auf der anderen Seite, so engstirnig, provinziell, religi\u00f6s-dogmatisch, rassistisch, patriotisch bis zum Erbrechen. Wer in der Welt w\u00fcrde sich nicht danach sehnen, einmal nur New York zu erleben, pur, diese glitzernde Stadt. Und dann, schaut man um die Ecke, wirft man einen Blick in die Hinterh\u00f6fe, f\u00e4hrt mit der U-Bahn, gehen einem so furchtbar die Augen auf, dass man nur noch mit dem Kopf sch\u00fctteln muss. Wie konnte ich nur&#8230;.!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich selber lebe in Arizona, und schon kommen einem die ber\u00fchmten Bilder hoch, Grand Canyon, Sedona, Monument Valley, die echten amerikanischen Einwohner, die Indianer, dann das Cowboy-Erlebnis, der Wilde Westen, ach wie ist das alles sch\u00f6n, so romantisch, die Freiheit. Ich habe einen \u00e4lteren Bekannten in Ost-Berlin, der nur Negatives \u00fcber die USA sagen kann oder will, aber dann laufen ihm die Augen \u00fcber, wenn er die \u00fcblichen Vorstellungen gen\u00fcsslich im Gem\u00fct aufleben l\u00e4sst, und der gro\u00dfe Mann spielt auf einmal das Kind, mit der Knarre in der Hand, Ballermann, Superheld, ja, der echte Cowboy, ein Mann, wie er im Buche steht, wie ist das alles so sch\u00f6n! Die Filmwelt hat so das Ihrige geleistet. Wenn ich aber daran denke, in welcher Armut bis heute die meisten Native Americans leben, oftmals ohne flie\u00dfendes Wasser, ohne Elektrizit\u00e4t, keine flie\u00dfende Toilette. Armut pur. Oder sie f\u00fchren ein Casino und schummeln sich so durch, sehr zwielichtig auf ihre Art, und von der Korruption bei deren Gesch\u00e4ften will ich mal gar nicht reden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ja, das ist Amerika, so widerspr\u00fcchlich wie es nur geht. Ein Paradox an sich, wo die individuelle Freiheit ganz gro\u00df herausgekehrt wird, mit Hinweis auf die Second Amendment, Waffenbesitz, Unabh\u00e4ngigkeit, mit zwei gro\u00dfen amerikanischen Fahnen hinten auf dem Pick-Up montiert. Aber wenn ein Wei\u00dfer einfach mal so einen jungen Afro-Amerikaner auf offener Stra\u00dfe abknallt, wenn die wei\u00dfe Polizei dann unverfroren wegsieht und nichts unternimmt, wenn Polizisten selbst zur Waffe greifen und ohne jegliche Hemmungen losballern, wenn wegen COVID-19 Gewalttaten gegen Asiaten wieder mal Mode geworden sind, wenn Kinder der illegalen Einwanderer den Eltern aus den Armen gerissen und in spezielle Lager (Child Detention Centers) verfrachtet werden \u2012 wir m\u00fcssen ja die amerikanische Freiheit verteidigen und sch\u00fctzen! \u2012 , dann fragt man sich, was mittlerweile aus den amerikanischen Tugenden geworden ist. Und der Rassenkrieg? Ja, wie viele sagen, ein Kampf der Polizei gegen die Schwarzen! Kein Wunder, dass \u00fcberall massenweise Demonstrationen veranstaltet werden, nicht nur, was ich sehr begr\u00fc\u00dfe, von Black Americans, aber ob damit der systeminterne Rassismus \u00fcberwunden werden wird, steht noch lange aus. Der B\u00fcrgerkrieg im 19. Jahrhundert wirft immer noch sehr lange Schatten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und hier lebe ich nun, weit weg vom Schuss \u2013 pardon, das Wortspiel war nicht intendiert \u2013 im S\u00fcdwesten der USA, ganz nahe an Mexiko. Wieviele Stra\u00dfen f\u00fchren spanische Namen, und kaum jemand wei\u00df, was sie \u00fcberhaupt bedeuten m\u00f6gen. Wie gerne gehen die Leute mexikanisch essen, wie stolz sind sie auf ihre internationale <em>cuisine<\/em>, aber die Grund-, Mittel- und Hauptschulen im Hispanic S\u00fcdteil der Stadt bestehen oftmals gerade mal aus Geb\u00e4uden mit Klassenzimmern, und sonst, nichts. Die wei\u00dfen Schulen am Fu\u00dfe der Berge haben wahrhaftig haufenweis Computer, Videokameras, Studios, Fachlehrer, picobello Schulbibliotheken, immer das Feinste vom Feinen, aber was gehen den Wei\u00dfen die Hispanics an?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ist ja auch richtig so, Amerika muss amerikanisch bleiben, das hei\u00dft einfach wei\u00df, am besten protestantisch, ein bisschen katholisch, methodistisch, baptistisch, was auch immer, selbst die Mormonen will man tolerieren, nur halt islamisch oder j\u00fcdisch ist nicht gerade gut. Also, mit Brandbomben auf die Synagogen oder Moscheen. Amerikaner sind ja wer, und diese Einwanderer, nun ja, Einwanderer, die st\u00f6ren irgendwie das Bild. Wei\u00df muss es halt sein, und da lassen wir uns gar nicht st\u00f6ren, ob die Nachnamen italienisch, polnisch, ukrainisch, spanisch, portugiesisch oder so lauten, solange die Kultur und Sprache wei\u00df ist, was auch immer damit gemeint sein mag. Aber leider leider, liebe Landsleute, werden heute mehr braune Babys geboren als wei\u00dfe, euch schwimmen also schon rein statistisch gesehen einfach die Felle weg! Aber vielleicht meinte ja der amerikanische Pr\u00e4sident genau das, als er im letzten Wahlkampf so vollt\u00f6nig davon sprach, Amerika wieder gro\u00df zu machen, nur konnte er nicht \u00f6ffentlich sagen, wieder wei\u00df zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Klar, an den Unis wird, vielleicht aber auch ein wenig heuchlerisch, unbedingt Multikulti gepredigt und als Ideal hingestellt, aber au\u00dferhalb der Campus-Mauern tobt ein Rassenkrieg. Und ich, auch Wei\u00dfer, aus Deutschland, schaue mir das ganze an, kratze mich am Kopf und bin einfach verwirrt. Da bin ich mit einer Japanese-American verheiratet, der Sohn ist also Mischling, der hat eine Frau geheiratet, die teils indonesisch ist, und etwas Eskimoblut und sonstige Zutaten bietet. Lustig, nicht wahr, und wie soll man das ganze auseinanderhalten? Wo oder wer ist der \u2018wahre\u2019 Amerikaner?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Aber die meisten Amerikaner sind liebe und gute Menschen, solange sie nicht in ihrem Pick-Up sitzen und ihre halbautomatische Kriegswaffe angriffslustig herumschwingen, st\u00e4ndig bereit, unsere Freiheit zu verteidigen. Nur, welche Freiheit, und wie soll diese Freiheit verteidigt werden, wenn ein Haufen Leute schwerbewaffnet vor dem Rathaus auftaucht und auf ihre Rechte pocht? Da wird mir richtig mulmig zumute. Ich besitze einen amerikanischen Pass, bin amerikanischer Staatsb\u00fcrger, habe meine deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft bewusst abgelegt und bin also auf Gedeih und Verderb mit diesem Land engstens verbunden. Nur, ich besitze keine Schusswaffen, keine amerikanische Fahne, keinen Pick-Up, halt nur meine amerikanische Identit\u00e4t, mein Wahlrecht, meine Freiheit, nicht in die Kirche gehen zu m\u00fcssen oder meine eigene Religion auszuw\u00e4hlen. Reicht das aus, um mich als Amerikaner zu identifizieren? Bei Feierlichkeiten, wenn die Nationalhymne gesungen wird, halte ich nicht die Hand aufs Herz, wie schlimm und unpatriotisch! Und ich schreibe bissige Leserbriefe \u00fcber unseren lieben Pr\u00e4sident. Also, unamerikanisch \u2013 abschieben, nur, wohin mit dem Kerl?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Abtreibung wird \u00fcberall heftigst von den Religi\u00f6sen bek\u00e4mpft, denn das Leben sei ja heilig. Zugleich soll die Todesstrafe unbedingt wieder eingef\u00fchrt werden, um Gerechtigkeit walten zu lassen, sch\u00f6n alttestamentarisch, und dies 2020. Leben ist heilig, ja aber nur bis zur Geburt! Was gehen uns Amerikanern denn Widerspr\u00fcche an, und w\u00e4hlen sollen wirklich nur die reichen Wei\u00dfen, damit die Republicans sch\u00f6n an der Macht bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gar nicht so einfach, mit diesem Paradox klarzukommen. Da hat doch mal jemand solch einen Spruch geklopft, \u201cAmerika, du hast es besser\u201d, da wusste er aber noch nichts von semi-automatischen Schusswaffen im Privatbesitz. Das Gesch\u00e4ft mit Drogen l\u00e4uft auch ganz prima, Waffen wandern Richtung Zentralamerika, dort stellt man Kokain etc. her und verkauft es im Norden. Die Grenze im S\u00fcden mit ihrer neuen Mauer, papperlapapp, die dient doch nur daf\u00fcr, um f\u00fcr Propagandazwecke gefilmt zu werden \u2013 Schutz unserer Nation, Kampf gegen die Illegalen, Krieg gegen die Drogen und so. Nur, die meisten Drogen kommen per Flugzeug und per Schiff; die Mauer wird hingegen deswegen gebaut, damit die Baufirmen, alle Freunde des Pr\u00e4sidenten, einen pr\u00e4chtigen Auftrag bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich f\u00fcrchte aber, ich komme ins Schwadronieren. Amerika, ja, welche Identit\u00e4t besitzt man hier eigentlich? Wer bin ich denn, nach fast vierzig Jahren hier im Lande? So schlimm ist das alles eigentlich gar nicht; das Leben ist recht leicht, die Nachbarn verstecken sich hinter den Mauern, Freundschaften schlie\u00dft man nicht, jeder geht seinen eigenen T\u00e4tigkeiten nach, und so hat man seine Ruhe. Friedhofsruhe! Und dann ballert wieder so ein Maschinengewehr, lustig ist das Landsknechtsleben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Sollte ich aber nach Deutschland zur\u00fcckziehen? In die dort herrschende B\u00fcrokratie, den Kleinkr\u00e4mergeist, die Provinzialit\u00e4t, die Engstirnigkeit? Auch dort toben sich heute selbstherrlich die Antisemiten aus; Verschw\u00f6rungstheorien schie\u00dfen wie Pilze aus dem Boden, viele Unis sind erb\u00e4rmlich ausgestattet, die Steuern so hoch wie fast nirgends, und VW et Co. haben es, wie die Gerichte endlich entschieden haben, faustdick hinter den Ohren. Der gute deutsche Michel \u2012 bis heute kaum was dazugelernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wie gesagt, ich sitze zwischen zwei St\u00fchlen. Solange ich aber kein Spagat machen muss, sei es drum, hic Rhodos, hic salta! Wer mit den W\u00f6lfen heult, geh\u00f6rt selbst dazu. Ich k\u00f6nnte noch mehr Spr\u00fcche klopfen, Amerika loben, Amerika beschimpfen, Deutschland als Vorbild hinstellen oder Deutschland ver\u00e4chtlich machen, je nach Gro\u00dfwetterlage. Wie man es dreht oder wendet, \u00fcberall gibt es eine Innen- und eine Au\u00dfenseite. Und, je \u00e4lter man wird, desto mehr m\u00f6chte man am eigenen Land kritisieren. Nur, dann die Konsequenz daraus ziehen und die Zelte abbrechen, um in die andere Welt auszuwandern, k\u00e4me dem anderen Sprichwort gleich: Aus dem Regen in die Traufe. Oder, das Gras ist auch nicht gr\u00fcner auf der anderen Seite. Lassen wir das also mal lieber bleiben. Schimpfen tut halt immer gut, und besser machen will wirklich erst mal gelernt werden. Lieber guter neuer amerikanischer Staatsb\u00fcrger, bleib doch bitte bei deinen Leisten. Trotzdem, da steckt ein m\u00e4chtiger Wurm in unserem Land, und ob oder wie wir damit klarkommen werden, steht noch lange aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mai 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amerika &#8211; ach, nun ja, herrje! Albrecht Classen &nbsp; So setzt man sich zwischen zwei St\u00fchle. Auf der einen Seite, die gro\u00dfartige amerikanische Kultur, gelassen, cool, weltoffen, zukunftsgerichtet; auf der anderen Seite, so engstirnig, provinziell, religi\u00f6s-dogmatisch, rassistisch, patriotisch bis zum Erbrechen. 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