{"id":6276,"date":"2020-06-01T11:41:33","date_gmt":"2020-06-01T15:41:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=6276"},"modified":"2021-12-05T14:10:36","modified_gmt":"2021-12-05T19:10:36","slug":"locked-down-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2020\/06\/01\/locked-down-in-berlin\/","title":{"rendered":"Locked down in Berlin"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Locked down in Berlin<\/strong><\/h1>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Hans Mayer<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8220;Etwa zu Fr\u00fchlingsanfang des genannten Jahres begann die Krankheit schrecklich und erstaunlich ihre verheerenden Wirkungen zu zeigen.&#8221;*<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In unserer Berliner Stra\u00dfe ist alles wie immer, auch die B\u00e4ume haben in den Wochen seit dem Beginn der Corona-Krise ausgeschlagen wie sie es jedes Fr\u00fchjahr, mal fr\u00fcher mal sp\u00e4ter tun, unbeeindruckt von dem Virus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch vor dem offiziellen Lockdown wurden die ersten Veranstaltungen abgesagt. Die letzte von f\u00fcnf au\u00dferordentlich interessanten Gespr\u00e4chsrunden zur Wilhelm und Alexander von Humboldt Ausstellung in den R\u00e4umen des Pei-Baus am Deutschen Historischen Museum fiel ins Wasser. Es war der Auftakt zum R\u00fcckzug ins Private.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind privilegiert. Wir sind finanziell abgesichert. Wir haben eine gro\u00dfe Wohnung und k\u00f6nnen uns aus dem Weg gehen, wenn dazu Anlass besteht. Wir m\u00fcssen nicht zur Arbeit. Wir k\u00f6nnen auch nicht entlassen werden. Wir m\u00fcssen nicht den \u00f6ffentlichen Nahverkehr benutzen, bei uns k\u00f6nnen wir fast alles um die Ecke besorgen. Und wenn denn doch etwas Ungew\u00f6hnliches zu besorgen ist wie beispielsweise ein Kabel, um die Angebote der Mediathek nutzen zu k\u00f6nnen, dann gen\u00fcgt ein Anruf bei dem kleinen H\u00e4ndler, den man pers\u00f6nlich kennt, und man wird trotz Lockdown durch die Hintert\u00fcr beliefert. Die Stadt ist ruhig. Keine Touristen. Man kann die Zeit zum Ausruhen, Aufladen und Entspannen nutzen, wenn man sich nicht von den Virologen und der Politik \u00fcberw\u00e4ltigen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Lockdown intensivierten wir unser morgendliches Nordic Walking, blieben aber ansonsten zumeist zu Hause. Die hektische Berichterstattung in den Medien, die schrecklichen Bilder aus Italien und Spanien blieben bei aller intellektuellen Distanz und einer kritischen Einsch\u00e4tzung der der Politik zugrundeliegenden epidemiologischen Sch\u00e4tzwerte nicht ohne Wirkung auf uns. Die Verletzlichkeit des K\u00f6rpers, in unserem vorger\u00fcckten Alter ohnehin t\u00e4glich zu sp\u00fcren, wurde einem schlie\u00dflich noch bewusster. Wir wollten uns sch\u00fctzen, indem wir uns im \u00f6ffentlichen Raum ert\u00fcchtigten. Auf den breiten Trottoirs der Berliner Stra\u00dfen war Platz-Machen angesagt. Wenn es trotzdem zu eng werden schien, weil einem eine ganze Truppe ungest\u00fcmer Jugendlicher entgegen kam, machte man einen Bogen. In der Anfangszeit konnte es geschehen, dass man seinem unbekannten Gegen\u00fcber ein L\u00e4cheln, vielleicht sogar ein \u201eBleiben Sie gesund\u201c schenkte. Ungewohnte Verhaltensweisen in einer anonymen Gro\u00dfstadt, die f\u00fcr ihre Ruppigkeit bekannt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was mich am meisten schmerzt: Ich kann in kein Archiv und keine Bibliothek, ohne die ich nicht arbeiten kann. Der Lockdown hat alle ohne Unterschied geschlossen. Auch wenn die Bibliotheken f\u00fcr die Ausleihe durch Universit\u00e4tsangeh\u00f6rige mittlerweile wieder ge\u00f6ffnet sind, als Externer geh\u00f6re ich nicht dazu. Ich brauche diese Einrichtungen. Meine Erinnerung und Phantasie reichen nicht aus f\u00fcr meine Textproduktionen. Die Recherche und das akkumulierte verschriftlichte kulturelle Wissen, das dort gesammelt und bereitgehalten wird, sind unverzichtbar. Da hilft die ganze Digitalisierung nichts. Nicht zuletzt kann ich dort in Ruhe konzentriert arbeiten, denn die Leses\u00e4le sind leer, seit den Studenten das Lehrmaterial von den Dozenten digital zur Verf\u00fcgung gestellt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freunde sehen wir in dieser Zeit nicht. Daf\u00fcr telefonieren wir umso eifriger. Die Gespr\u00e4che sind l\u00e4nger und intensiver als vor der Pandemie. Sie kreisen um dieselbe. Ich rufe auch Freunde an, mit denen ich seit l\u00e4ngerem keinen Kontakt mehr hatte. Grunds\u00e4tzliche Fragen zur gesellschaftlichen und politischen Verfasstheit werden aufgeworfen. Inwieweit trauen die Politiker ihrem Volk, und inwieweit traut das Volk seinen Politikern? Es gibt auch Streit \u00fcber die Proteste der Querfront-Anh\u00e4nger vor der Berliner Volksb\u00fchne am Rosa-Luxemburg-Platz. Am Ende erweist sich das Volk der Berliner in seiner gro\u00dfen Mehrheit lange Zeit als folgsamer, als die Politiker das vermutet haben, die sich dann artig bedanken, um gleich danach noch eine Warnung auszusprechen, es k\u00f6nne ja wieder schlimmer werden. F\u00fcr ein Aufatmen sei es noch zu fr\u00fch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDer kurzen Trauer folgen alsbald die Lust und die S\u00fc\u00dfigkeit\u201c*<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich esse mehr S\u00fc\u00dfigkeiten, f\u00e4llt mir auf. Solange es keinen Impfstoff gegen Covid-19 gibt, so denke ich, k\u00f6nnten S\u00fc\u00dfigkeiten \u00fcber manches hinweg tr\u00f6sten. Im sp\u00e4ten Mittelalter wurde ihnen ja noch ein therapeutischer Wert beigemessen. Die Apotheker wiederum machten die Medikamente mit Zucker schmackhafter und wurden deswegen \u201econfectionarii\u201c genannt. Also warum nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Berliner, insbesondere der junge Berliner, nimmt es nach einigen Wochen der Betroffenheit wieder gelassener, versammelt sich an den Ufern des Landwehrkanals in den Szenebezirken Neuk\u00f6lln und Kreuzberg oder auf dem Tempelhofer Feld. Die Hotspots des Nachtlebens, die Bars und Clubs bleiben ihm im sexy Berlin allerdings wohl noch f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit verschlossen. Kein Grund zu verzweifeln, w\u00fcrde ich meinen, und lege schlie\u00dflich Lou Reed auf:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Just a perfect day<br \/>\nDrink Sangria in the park<br \/>\nAnd then later<br \/>\nWhen it gets dark, we go home<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Just a perfect day<br \/>\nFeed animals in the zoo<br \/>\nThen later<br \/>\nA movie, too, and then home<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">*) Zitate aus Giovanni Boccaccio: Das Dekameron<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Locked down in Berlin Hans Mayer &nbsp; &#8220;Etwa zu Fr\u00fchlingsanfang des genannten Jahres begann die Krankheit schrecklich und erstaunlich ihre verheerenden Wirkungen zu zeigen.&#8221;* &nbsp; In unserer Berliner Stra\u00dfe ist alles wie immer, auch die B\u00e4ume haben in den Wochen seit dem Beginn der Corona-Krise ausgeschlagen wie sie es jedes Fr\u00fchjahr, mal fr\u00fcher mal sp\u00e4ter [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4340,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[320192],"tags":[],"class_list":["post-6276","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-comments-on-current-affairs"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6276","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4340"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6276"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6276\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}