{"id":6890,"date":"2020-10-14T06:15:30","date_gmt":"2020-10-14T10:15:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=6890"},"modified":"2021-12-05T13:44:49","modified_gmt":"2021-12-05T18:44:49","slug":"eine-kleine-weltchronik-fur-freya-klier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2020\/10\/14\/eine-kleine-weltchronik-fur-freya-klier\/","title":{"rendered":"Eine kleine Weltchronik: f\u00fcr Freya Klier"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Eine kleine Weltchronik zur <\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>gro\u00dfen Zeitenwende <\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>f\u00fcr<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Freya Klier<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands feierten die deutschen Medien Freya Klier als eine ikonische Repr\u00e4sentationsfigur der legend\u00e4r friedlichen Revolution, die 1989 zum Fall der Berliner Mauer f\u00fchrte. Die zwei folgenden Beispiele k\u00f6nnen ihre hervorragende Rolle in dieser dramatischen Wende der deutschen Nachkriegsgeschichte anschaulich und eindrucksvoll illustrieren. Es handelt sich dabei um das Feature \u201eWie wir wieder ein Volk wurden\u201c aus der Zeitschrift <em>Tina<\/em>, sowie um das Interview \u201e30 Jahre Einheit \u2013 Freya Klier\u201c in <em>tvbSpecial.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hier finden Sie das <em>Tina<\/em>-Interview: <a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/10\/TI_2020-39-Aktuell-2-Juhnke-SERIE_-30-Jahre-Einheit-_-3-Schicksale.pdf\">TI_2020 39 Aktuell 2 &#8211; Juhnke &#8211; SERIE_ 30 Jahre Einheit _ 3 Schicksale<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8230;und <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FPrebI1v6JU\">HIER<\/a> das <em>tvb<\/em>-Interview.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von besonderer Bedeutung erweist sich meines Erachtens in diesem historischen Kontext das Foto von Freya Klier und Angela Merkel in der Zeitschrift <em>Tina<\/em>, das sie zusammen beim Besuch von Barack und Michelle Obama im Wei\u00dfen Haus zeigt. Diese vier heutigen Repr\u00e4sentanten des einst Jahrhunderte und Jahrtausende lang unterdr\u00fcckten \u201eAnderen\u201c \u2013 des Anderen des wei\u00dfen Mannes, n\u00e4mlich der schwarzen Rasse und des weiblichen Geschlechts \u2013 hier auf diesem Lichtbild sind sie im gr\u00f6\u00dften Machtzentrum der heutigen Weltgeschichte so real wie symbolisch vereint und vertreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte das sch\u00f6ne Gl\u00fcck, Freya Klier \u00fcber die Jahre unserer gemeinsamen Arbeit im Vorstand des ehemaligen Exil-PEN, des heutigen PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, als eine \u00fcberaus liebenswerte Mitstreiterin und leidenschaftliche Verfechterin\u00a0 unserer diversen Projekte kennenlernen zu k\u00f6nnen. Die zwei obigen Reportagen haben meinen schon l\u00e4nger gehegten Wunsch, sie aus heutiger Perspektive noch genauer zu ihrer repr\u00e4sentativen Rolle bei der deutschen Wiedervereinigung und Vergangenheitsbew\u00e4ltigung zu befragen, bereits auf kongeniale Art und Weise verwirklicht. Und so m\u00f6chte ich an dieser Stelle vielmehr versuchen, ihre gro\u00dfe Lebensleistung in einen entsprechend gr\u00f6\u00dferen, geschichtlichen Zusammenhang zu stellen und auszuleuchten, wof\u00fcr es freilich gilt, noch etwas weiter und ausf\u00fchrlicher auszuschweifen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0\u201eDie Zukunft wird weiblich sein<br \/>\noder gar nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang gr\u00fcndeten die gesellschaftlichen Fundamente der abendl\u00e4ndischen Kulturgeschichte auf dem patriarchalen Prinzip der hierarchischen Monarchie. Diese weltliche Herrschaftsform des st\u00e4ndischen Obrigkeitsstaates fand in der himmlischen Dreieinigkeit von Gottvater, Gottsohn und Heiligem Geist ihre christlich-theologische Apotheose. Diese so nachhaltig mittelalterliche Standesordnung wurde erst im Zeitalter der Aufkl\u00e4rung und im Gefolge ihrer gro\u00dfen Revolutionen in Frankreich und Amerika in ihren Grundfesten endg\u00fcltig ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eug\u00e8ne Delacroix\u02bc heroisch-patriotisches Gem\u00e4lde <em>La Libert\u00e9 guidant le peuple,<\/em> in der Marianne, die symbolische Inkarnation der franz\u00f6sischen Nation, die Barrikaden st\u00fcrmt und ihr unterdr\u00fccktes, darniederliegendes Volk zum Aufstand gegen die bestehende Gesellschaftsordnung aufruft, wurde nicht nur zur Nationalikone der Franz\u00f6sischen Revolution, sondern auch zur kunsthistorischen Allegorie f\u00fcr einen sich anbahnenden genderideologischen Paradigmenwechsel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/10\/Marianne-Freiheit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6891\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/10\/Marianne-Freiheit-300x220.jpg\" alt=\"\" width=\"509\" height=\"373\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/10\/Marianne-Freiheit-300x220.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/10\/Marianne-Freiheit.jpg 497w\" sizes=\"auto, (max-width: 509px) 100vw, 509px\" \/><\/a><span style=\"font-size: 10pt;\">Eug\u00e8ne Delacroix \u201eLa Libert\u00e9 guidant le peuple\u201c. \u00a9: en.wikipedia.org<\/span><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mariannes entbl\u00f6\u00dfte Br\u00fcste und ihre phrygische Freiheitsm\u00fctze bringen den sexualpolitischen Symbolcharakter ihrer weiblichen Selbstbefreiung sinnlich-sinnbildlich zum Ausdruck. Dar\u00fcber hinaus verdichtet sich ihr ge\u00f6ffnetes D\u00e9collet\u00e9 kongenial zum sprechenden Inbild der n\u00e4hrenden Allmutter par excellence, das hei\u00dft, Marianne inkarniert und symbolisiert die mythisch-moderne Renaissance der Alma Mater urheidnischer Provenienz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBack to the future\u201c: \u00dcber hundert Jahre vor dieser landl\u00e4ufigen Maxime der Postmoderne und ihrer diversen Diskursbildungen sollte der Basler Rechtsgelehrte Johann Jakob Bachofen mit seinem bahnbrechenden Werk <em>Das Mutterrecht <\/em>(1861), einer exemplarischen Enzyklop\u00e4die psychomythischer M\u00e4nnerphantasien von fabelhaft heidnischen Gynaikokratien, ein veritables Kontrastprogramm zur christlichen Realit\u00e4t der abendl\u00e4ndischen Kulturgeschichte entwerfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zum spirituellen <em>deus absconditus<\/em> der patriarchal-monotheistischen Himmelsreligionen und ihrer ewig verborgenen Gottesvorstellungen offenbart sich die G\u00f6ttin der matriarchal-polytheistischen Erdreligionen als sensuelle <em>dea revelata<\/em>, in deren wunderbarer Gestalt sie ihre zauberhafte, sinnlich-fruchtbare Sch\u00f6pfungsallmacht gern und gro\u00dfz\u00fcgig zur Schau stellt. Diese geschlechtliche Attraktivit\u00e4t der Magna Mater wird zudem wesentlich weiter bereichert durch ihre gro\u00dfen gesellschaftlichen Ideale der allgemeinen Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">G\u00f6tterd\u00e4mmerung des Abendlandes: So sehr der rechtsgelehrte Basler Patriziersohn vom Verstand her f\u00fcr den vaterrechtlichen <em>status quo<\/em> pl\u00e4dierte, sein geheimes <em>alter ego<\/em> war fasziniert von den muttermythischen Alternativen der Magna Alma Mater. Allzu verlockend schien der geschichtliche Fortschritt vom alttestamentarischen \u201eGott der Rache\u201c zur archaisch-utopischen \u201eG\u00f6ttin der Liebe\u201c. Anders gewendet, Bachofens Herz schlug f\u00fcr die Gro\u00dfe Mutter und ihr einstiges Reich, das vor langer Zeit so sagenhaft versunkenen war und das nun umgekehrt in naher Zeit erneut so vielversprechend am Horizont heraufzuziehen schien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Untergang des Abendlandes<\/em>, so lautete denn auch entsprechend die episch-epochale Geschichtserz\u00e4hlung Oswald Spenglers am Ende des Ersten Weltkrieges. Sie stellt nicht nur eine weitsichtige, weltgeschichtliche Retrospektive dar, ihre sie begleitenden, abendl\u00e4ndischen Kassandrarufe sollten im Laufe der Zeit tats\u00e4chlich zudem als \u201eself-fulfilling prophecies\u201c mehr und mehr in Erf\u00fcllung gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Theorie und Praxis der matriarchal-demokratischer Weltverbesserung fanden seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vor allem in der Suffragetten-Bewegung um 1900, in der Mode und Moral der \u201eNeuen Frau\u201c der Zwanziger Jahre und nicht zuletzt im feministischen Revival in der zweiten H\u00e4lfte des zwanzigsten Jahrhunderts ihre weitere theoretische Ausformulierung und sozialpolitische Verwirklichung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMake Love Not War\u201c, so lautete die wohl popul\u00e4rste Parole der ersten Nachkriegsgeneration in Deutschland und Amerika, die den sexualpolitischen Paradigmenwechsel jener Umbruchszeit auf den gemeinsamen, dialektisch so zutreffenden Nenner brachte. Diese vielbeschworene \u201eSexuelle Revolution\u201c jener Jahre war ein wesentlicher Bestandteil vieler damals sehr gesellschaftskritisch motivierten Studentenorganisationen und nicht zuletzt auch der weltweit jugendbewegten Woodstock-Generation mit all ihren hochfliegenden New-Age-Aspirationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz dieses grundlegenden Gesinnungswandels waren die bekanntesten Anf\u00fchrer dieser zahlreichen Anti-Establishment-Bewegungen allesamt m\u00e4nnlichen Geschlechts, angefangen von Frankreichs Daniel Cohn-Bendit \u00fcber Amerikas Jerry Rubin und Abbie Hoffmann bis zu Deutschlands Rudi Dutschke. Von Timothy Leary, Amerikas verf\u00fchrerischem Drogen-Guru der psychedelischen Bewusstseinserweiterung und seiner <em>Politics of Ecstasy<\/em> hier einmal ganz zu schweigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nicht zu vergessen Fritz Teufel und Rainer Langhans, einst Westberlins prominenteste Kommunarden und ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte B\u00fcrgerschreckgestalten der westdeutschen Counter-Culture, mitsamt ihrer h\u00fcbschen Uschi Obermeier, dem damals popul\u00e4rsten Topless-Modell der heimatlichen Bundesrepublik. Sie war Mariannes deutsche Wiederg\u00e4ngerin und \u2013 man ahnt es schon \u2013 das nationale Poster Girl der \u201eSexuellen Revolution\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Zukunft wird weiblich sein oder gar nicht\u201c, so lauteten die aus dem kulturellen Untergrund immer lauter werdenden Unkenrufe jener Zeit, als sich zunehmend liberale Wandlungsprozesse in der westlichen Welt mit einem wachsenden Umweltschutzbewusstsein zu paaren begannen. Heute ist sich ein Gro\u00dfteil der Menschheit in der \u00f6kologischen Welterkenntnis einig: Wenn wir fortfahren, unsere Umwelt zu misshandeln, ihre Ozonschicht zu verpesten und ihre Bodensch\u00e4tze auszubeuten, dann werden wir bald keine \u201eMutter Erde\u201c mehr haben, keine Alma Mater, die unsere Kinder und Kindeskinder weiterhin gesund geb\u00e4ren und ern\u00e4hren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem zeitgeschichtlichen Zusammenhang setzte sich auch zunehmend ein allgemeines Umdenken in der uralten Vorstellung vom sogenannten \u201eKampf der Geschlechter\u201c durch. Um es arche- und stereotypisch auszudr\u00fccken, Mars versus Venus, diese universale Weltformel taugte schon lange nicht mehr als moderne Matrix f\u00fcr flexible, m\u00e4nnlich-weibliche Beziehungskisten und sexualpolitisch progressive Gesetzgebungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In anderen Worten: Schluss mit all den verrotteten patriarchalen Traditionen, den geschichtlich-gesellschaftlichen Konflikten \u00e0 la Simone de Beauvoirs <em>Deuxi\u00e8me Sexe <\/em>und Schluss mit all den geschlechtlichen Konventionen und entsprechend schlechten Ehen, grad so wie sie in Judith Butlers <em>Gender Trouble <\/em>sozialkritisch beschrieben stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was w\u00fcrde wohl Hegels Weltgeist in Anbetracht all dieser feministischen Herausforderungen und sexualpolitischen Neuorientierungen sagen? Er k\u00f6nnte, w\u00e4re er denn tats\u00e4chlich linkshegelianisch orientiert, sicherlich dem Vorbild von Rosie the Riveter folgen, der einstigen Nationalikone Amerikas, und aus all dem das Bestm\u00f6gliche machen, grad so wie damals, als die M\u00e4nner ihres Landes in den Zweiten Weltkrieg zogen, w\u00e4hrend ihre Frauen an der Heimatfront beherzt deren harte M\u00e4nnerarbeit \u00fcbernahmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entsprechend k\u00f6nnte Hegels Weltgeist wohlweislich und auch ganz im Sinne des heutigen Zeitgeistes seiner gegenw\u00e4rtigen Menschheit vorschlagen, dass es nun wirklich h\u00f6chste Zeit w\u00e4re \u2013 Allegorie hin und Realit\u00e4t her \u2013 endlich auch einmal Frauen im Kampf der Geschichte gleichberechtigt teilnehmen zu lassen, wenn nicht gar ihnen aus Gr\u00fcnden der geschichtlichen Gerechtigkeit zur Abwechslung auch mal f\u00fcr eine Weile den Vortritt zu gew\u00e4hren. Jedenfalls k\u00f6nnen Geschichte und Gegenwart Deutschlands f\u00fcr diesen Gedanken- und Erfahrungsaustausch sicherlich als Probe aufs Exempel dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen: Nach dem monarchischen Machtrausch des letzten deutschen Kaisers und der faschistischen Schreckensherrschaft des letzten deutschen Diktators, die das zwanzigste Jahrhundert gleich in zwei Weltkriege st\u00fcrzen sollten, gefiel es offensichtlich der Vorsehung des unerforschlichen Weltgeistes, dem Heimatland seines Vordenkers genau zweihundert Jahre nach der Franz\u00f6sischen Revolution endlich auch eine richtige deutsche Revolution zu gew\u00e4hren. Und zudem ist diese so friedlich und unblutig verlaufen wie wohl noch keine Revolution in der langen Geschichte unserer so friedlosen und oft so gewaltt\u00e4tigen Menschheit. Und dies, obgleich die Berliner Mauer mit all ihren Todesstreifen noch weitaus h\u00f6her und un\u00fcberwindbarer war, als es die Pariser Stra\u00dfenbarrikaden je gewesen waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch damit nicht genug. Obendrein sollte das wieder auferstandene, deutsch-deutsche Vaterland auch bald von einer Frau so vorbildlich wie erfolgreich weiterregiert werden und dies zudem auch noch ausgerechnet mehr als zw\u00f6lf Jahre lang, geradeso als h\u00e4tte es in der Tat gegolten, die zw\u00f6lf schauderhaften Jahre des Dritten Reiches umgekehrt auch noch zahlenm\u00e4\u00dfig mit mehr als zw\u00f6lf vergleichbar wunderbaren Jahren zu \u00fcbertrumpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott sei Dank f\u00fcr Hegels Weltgeist! Zu unserem gro\u00dfen, nationalen Gl\u00fcck funktionierte diesmal seine ph\u00e4nomenale Geschichtsdialektik! Und nicht nur das, auch der Schweizer Autor des <em>Mutterrechts<\/em> h\u00e4tte sich vom politischen Schicksal Deutschlands und dem pers\u00f6nlichen Geschick seiner Bundeskanzlerin best\u00e4tigt sehen k\u00f6nnen, die zudem \u2013 <em>nomen est omen<\/em> \u2013 im Volksmund bald von der bel\u00e4chelten \u201eMutti Merkel\u201c zur anerkannten \u201eMutter der Nation\u201c aufsteigen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Last but not least verstand auch die internationale Presse, allen voran das amerikanische <em>Time Magazine, <\/em>die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und kr\u00f6nte schlie\u00dflich die deutsche Bundeskanzlerin mit dem weltweit begehrten Titel \u201eWoman of the Year\u201c. Anders gewendet, Walter Benjamins Angelus Novus kehrte wieder \u2013 <em>mutatis mutandis <\/em>\u2013 als Angela Nova eines neuen Deutschlands, das nicht zuletzt auch mit seiner gro\u00dfherzigen Fl\u00fcchtlingspolitik Geschichte machen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Moral von dieser deutschen Geschicht: Nicht nur gelungene Demokratien, sondern auch friedliche Demonstrationen f\u00fcr mehr Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit werden zunehmend von Frauen angef\u00fchrt. Und in den letzten Jahren werden sie vor allem von Frauen in Osteuropa repr\u00e4sentiert. Dieser Trend begann vor knapp zehn Jahren mit der Bewegung der Femen, die ihren Protest einmal mehr in der Nachfolge von Delacroix Marianne inszenierten und entsprechend barbusig ihren politischen Kontrahenten so unversch\u00e4mt wie selbstbewusst entgegentraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derartig provokative Einzelaktionen finden heute in den weitaus moderateren, doch daf\u00fcr dezidiert pazifistischen Massendemonstrationen in Wei\u00dfrussland ihren logisch-historischen H\u00f6hepunkt. Und auch in ihnen spielen Frauen, wie internationale Presseberichte immer wieder hervorheben, eine herausragende Rolle, angefangen von der jungen Maria Kalesnikova, einer der prominentesten Repr\u00e4sentantinnen der Bewegung, bis zu Nina Baginskaja, der omnipr\u00e4senten \u201eDemo-Oma\u201c, wie die deutsche <em>Bildzeitung <\/em>die bekannteste Veteranin dieser belarussischen Demokratiebewegung nennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die westeurop\u00e4ischen Vorbilder f\u00fcr diesen osteurop\u00e4ischen Volksaufstand gegen die letzten Bastionen totalit\u00e4rer Potentaten reichen von der Weimarer Republik bis zur Deutschen Demokratischen Republik, konkret von Rosa Luxemburg bis B\u00e4rbel Bohley und Freya Klier. Fast w\u00e4re auch letztere wie schon Rosa Luxemburg bereits als junge Aktivistin ein Opfer des totalit\u00e4ren Terrors geworden! Doch vielleicht war ja hier der Weltgeist erneut \u2013 als Angelus Novus Absconditus \u2013 ihr geschichtlicher Schutzengel gewesen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie dem auch sei, in jedem Fall wurde Freya Klier \u00fcber die Jahre und Jahrzehnte hinweg zur unbestritten bedeutendsten B\u00fcrgerrechtlerin des wiedervereinigten Deutschlands, die sich nicht nur von jung auf als talentierte Schauspielerin und engagierte Widerstandsk\u00e4mpferin, sondern auch ein Leben lang als unerm\u00fcdliche Dozentin im In- und Ausland, sowie als erfolgreiche Autorin mehrerer Geschichtsb\u00fccher und als vielbeachtete Dokumentarfilmerin weit \u00fcber die Grenzen Deutschland hinaus einen Namen gemacht hat. Wir alle diesseits und jenseits des Atlantiks haben ihr viel zu verdanken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Alsdann, liebe Freya, auch im Namen von uns allen in unserer transatlantischen <em>Glossen<\/em>-Redaktion, sowie im Namen all unserer Beitr\u00e4gerinnen und Beitr\u00e4ger, Leser und Leserinnen\u2026<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Herzlichen Gl\u00fcckwunsch zu Deiner gro\u00dfen Lebensleistung!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Hoch sollst Du leben!! Und das auch noch sehr, sehr lange!!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ein herzliches Dankesch\u00f6n gilt an dieser Stelle Herrn Andreas Juhnke, Redakteur f\u00fcr besondere Aufgaben, Bauer Woman KG, f\u00fcr die Erlaubnis zum Wiederabdruck des Features in Tina, sowie Dr. Peter Brinkmann von tvbSpecial f\u00fcr den Link zum TV-Interview.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lesen Sie <a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2020\/10\/14\/from-time-to-time-grusadresse-der-frauen-fur-den-frieden\/\">hier <\/a>auch eine Gru\u00dfadresse der ehemaligen Frauen f\u00fcr den Frieden Ost-Berlin an die belarussischen Frauen und <a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2020\/10\/03\/from-time-to-tim\u2026-gegen-die-angst\/\">hier<\/a> eine Gru\u00dfadresse von B\u00fcrgerrechtler*innen der ehemaligen DDR.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kleine Weltchronik zur &nbsp; gro\u00dfen Zeitenwende &nbsp; f\u00fcr &nbsp; Freya Klier &nbsp; zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands \u00a0 Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia \u00a0 \u00a0 Zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands feierten die deutschen Medien Freya Klier als eine ikonische Repr\u00e4sentationsfigur der legend\u00e4r friedlichen Revolution, die 1989 zum Fall der Berliner Mauer f\u00fchrte. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4340,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[320192],"tags":[],"class_list":["post-6890","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-comments-on-current-affairs"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6890","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4340"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6890"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6890\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6890"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6890"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6890"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}