{"id":7854,"date":"2022-07-10T10:36:33","date_gmt":"2022-07-10T14:36:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=7854"},"modified":"2024-03-13T15:12:02","modified_gmt":"2024-03-13T19:12:02","slug":"from-time-to-time-tritonen-die-universalitat-der-menschenrechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2022\/07\/10\/from-time-to-time-tritonen-die-universalitat-der-menschenrechte\/","title":{"rendered":"From Time to Time \u2013 Tritonen. Die Universalit\u00e4t der Menschenrechte"},"content":{"rendered":"<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: times new roman, times, serif;\"><strong><span style=\"color: #333399;\">From Time to Time<\/span><\/strong><\/span><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 18pt; font-family: times new roman, times, serif;\">History does not repeat itself,<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 18pt; font-family: times new roman, times, serif;\">But it certainly likes to rhyme.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: times new roman, times, serif;\">Tritonen.<\/span><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: times new roman, times, serif;\">Die Universalit\u00e4t der Menschenrechte \u2013<\/span><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: times new roman, times, serif;\">Wie werden sie in Diktaturen verletzt?<\/span><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: times new roman, times, serif; font-size: 18pt;\">von Axel Reitel<\/span><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 class=\"post-title entry-title\" style=\"text-align: center;\">Vortrag, gehalten am 22. M\u00e4rz 2022 an der Friedensschule in M\u00fcnster (\u00fcberarbeitet, Stand 23.05.2022)<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 35.3005%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 60.7104%;\"><a href=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2022\/07\/Reitel-Tritonen-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-7864\" src=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2022\/07\/Reitel-Tritonen-1-203x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"337\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2022\/07\/Reitel-Tritonen-1-203x300.jpg 203w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2022\/07\/Reitel-Tritonen-1.jpg 216w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"separator\" style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Ost-West-Treffen in B\u00f6hmen 1983<\/span><\/div>\n<div class=\"separator\" style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">v. l. n. r\u00a0 J\u00fcrgen Ertel, Lennon, Simone,\u00a0<\/span><\/div>\n<div class=\"separator\" style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">der Autor, Gudrun Ertel, Heike Hering.<\/span><\/div>\n<div class=\"separator\" style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Foto: Helmut M\u00f6ckel\u00a0 \u00a0<\/span><\/div>\n<\/td>\n<td style=\"width: 3.98904%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ging auch auf die Friedensschule, auf die in Plauen, im Vogtland, in einer Zeit, die in den Geschichtsb\u00fcchern als Kalter Krieg eingeordnet ist, ein breiter Konfliktherd, in dem auch geschossen wurde. Irre Kugeln verr\u00fcckt gemachter Grenzsoldaten an der innerdeutschen Grenze, an der Berliner Mauer, in den sogenannten \u201eGrenzgebieten\u201c oder im Abschnitt \u201eBuchenwaldschlucht\u201c, im Harz, da waren es einundf\u00fcnfzig Sch\u00fcsse aus einer Kalaschnikow auf einen F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, wof\u00fcr es irre Pr\u00e4mien und Sonderurlaub gab. Im irren Grenzabschnitt in Bulgarien zu Griechenland, erh\u00f6hte sich die irre Pr\u00e4mie auf irre eintausend Mark, abzuholen in der schandvollen Botschaft der DDR in Sofia. Selbstredend ohne Einspruch vom Ostberliner Komitee zum Schutze der Menschenrechte gegen militaristische Willk\u00fcr und Klassenjustiz in Westdeutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, es musste alles demokratisch aussehen, aber sie mussten alles in der Hand haben, wie Wolfgang Leonard in seinem Buch, \u201eDie Revolution frisst ihre Kinder\u201c, bezeugt. Die Gesellschaft wurde in keine Entscheidung des SED-Staates einbezogen. Ist das nicht irre? Und so fragte ich mich, all dies wissend, als Jugendlicher, wie ist es aber vielleicht doch noch m\u00f6glich, auch in einer Diktatur sch\u00f6n zu leben &#8211; und f\u00fcr eine angenehme Zukunft zu sorgen. Wenn das doch nur geht, \u201ewenn ich mit andren auf der derselben Stufe agieren kann\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Und auf wessen Kosten? Und wie oft frage ich mich noch heute: Was hilft jetzt? Was hilft dir jetzt genau? \u201eKopf einschalten\u201c, lautete der Standardspruch meines \u00e4ltesten Bruders Hans-J\u00f6rgen. Schwer zu glauben, denke ich, angesichts der rasenden Massen gegen die sogenannte \u201eBr\u00fche\u201c, aber wie sauwohl m\u00fcssen die sich doch wenigstens in ihrer irren Wut f\u00fchlen? Und ich bin wieder der Bl\u00f6de und f\u00fchle mich bei diesen Bildern ganz und gar unwohl. Ok, denke ich, bin ich eben nicht so gepr\u00e4gt. Dabei pr\u00e4gt uns, was uns umgibt. Zur Mauer in Berlin sagte man Schutzwall und der Schutzwall sch\u00fctzte die Welt vor dem 3. Weltkrieg. Da haben wir\u2018s. Die Welt! Es ging, wie f\u00fcr Putin heute, immer um die ganze Welt! Und damit es in den K\u00f6pfen sitzt, wurde pausenlos geschm\u00e4ht, was nicht in den Kram passte, angestimmt wurde ein Lob des Hasses auf den Westen! Und was vielleicht kaum einer wei\u00df: die Schule in der DDR geh\u00f6rte zu den milit\u00e4rischen Kampfeinheiten der Nationalen Volksarmee (kurz NVA). Wer all das lobte, war nicht doof und hatte seine Karriere sicher. \u201eDie irre Sch**e macht doch keiner mit, sagte Dr\u00e4hte, auch ein Sch\u00fcler der Friedensschule, malte ein paar d\u00fcnne Hakenkreuze und verpflichtete sich zu f\u00fcnfundzwanzig Jahren NVA-Dienst an der blutigen innerdeutschen Grenze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schie\u00dfbefehl sagte zwar, auf Diplomaten schie\u00dft man nicht, aber wie unterscheiden sich Menschen im Dunkel? Zu wissen, was seit Menschengedenken verachtet wird und es der Karriere zuliebe doch zu tun, daran sollte man nach den jahrelangen Agitation-und-Propaganda-Shows, jeden Montag vor der ersten Stunde, nichts mehr merkw\u00fcrdig finden. Dass der Staat genau dann f\u00f6rdert, war typisches DDR-Gl\u00fcck. Heute ermorden zehntausende russische Soldaten und S\u00f6ldner die Menschen in der Ukraine. Das ist unser aktuelles Thema, dass uns seit dem \u00dcberfall auf die Ukraine mehr als irre besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich Dr\u00e4hte Jahre sp\u00e4ter in der \u201eKlause\u201c des Plauener \u201eRatskellers\u201c wieder traf, sa\u00df mir ein adretter Offizier gegen\u00fcber, an dessen Uniformjacke Ordensspangen und die Affenschaukel prangten, die M\u00fctze akkurat neben sich auf dem Tisch, und der jetzt voller irrer Wut war auf diesen jungen Typen am Tisch, im feindlichen US-Shell-Parka, in den 501-Bluejeans und den Bergen von Locken. Und so musste er es sagen, wie irre w\u00fctend ihn alle mit ihren Fluchtversuchen machten. Und seine irre Wut packte er in ein irres Bekenntnis, falls ich das auch vorhabe: \u201eDann rotz ich dich ab! Du wei\u00df, dass ich dort stehe und bei Nichterf\u00fcllung des Schie\u00dfbefehls mir selber schade!\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fcsste ich dar\u00fcber nicht auch irre w\u00fctend sein? Und wie rechtfertige ich mein Nicht-W\u00fctend-Sein? Dr\u00e4htes Worte l\u00f6sten nicht das Geringste in meinem pers\u00f6nlichen Alarmsystem aus, auch die pers\u00f6nliche Offstimme schwieg. Ich erhob mich, wartete mit meinem Bruder weiter auf die Platzierung, sagte ihm, was war, und musste mich irgendwie verh\u00f6rt haben, denn er antwortete mit gekr\u00e4nkter Stimme, er wolle nichts mehr mit mir zu tun haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Acht Jahre sp\u00e4ter wird er seine L\u00e4uterung von der Diktatur erfahren. Sie r\u00fcckte das Bild des \u00e4lteren Bruders und Vorbildes wieder zurecht. Der Anlass gebende Schmerzpunkt erfasste jedoch die ganze Familie. An Pfingsten 1987 erlitt der mittlerer Bruder Ralf auf dem Weg zur ausgehenden Spielzeit in Regensburg einen vermeintlichen Unfall. Zwei Stunden rangen die \u00c4rzte des Uniklinikums N\u00fcrnberg um den eingeflogenen Schwerverletzten mit dem Tod. Bis zu seiner Verhaftung, Haft und Freikauf, spielte Ralf von 1979 bis 1984 am Theater Rudolstadt durchweg positiv besprochene Hauptrollen. Die Antworten der von mir 2007 befragten Stasimajore Karl-Heinz Schrodetzki und Alexander Rohrbach (Kreisdienststellen Rudolstadt\/Saalfeld) brachte der Rezensent Udo Scheer in der Zeitschrift Bundesarchiv (Ausgabe 2\/2008) auf den Schmelzpunkt: \u201eF\u00fcr sein Rundfunkfeature \u201aDer Tod meines Bruders. Rekonstruktion eines vermeintlichen Unfalls\u2018 sprach der Autor auch mit fr\u00fcheren Schauspielkollegen des Bruders und Stasi-Offizieren. Ein vom MfS gedeckter Mord scheint nicht mehr ausgeschlossen.\u201c Als Hans-J\u00f6rgens Teilnahme an Ralfs Beerdigung von der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit Dessau dem zust\u00e4ndigen Amt f\u00fcr Reiseangelegenheiten nicht empfohlen wurde, stellte er Stunden sp\u00e4ter einen Antrag auf Familienzusammenf\u00fchrung nach Berlin-West. Die Antragsgenehmigung im Herbst 1989 umwehte zweifellos derselbe geheime Schleier einer morbiden Ironie, die schon Pfingsten 1987 ihre \u201eLichter\u201c aufsetzte und auch Putins Gebrauch des Buchstabens \u201eZ\u201c a la R\u00e4uber und Gendarm co-kreiert haben d\u00fcrfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicher, das sage ich mir des Weiteren heute und wei\u00df es besser: f\u00fcr Jahrgang 1947, und selbst auf der Karriereleiter, waren die Bandagen h\u00e4rter. Ich ahnte die unterschiedlichsten Pr\u00e4missen seiner Wut. Versteckte diese Wut nicht eine ganz andere Sache eine ganz bestimmte Wahrheit, eine unver\u00e4u\u00dferliche Wahrheit, vor einen selbst? Sehr sorgf\u00e4ltig, sehr geschickt, verbergend, was mit den Gewitterstimmen des Gewissens \u00fcber mich herfallen k\u00f6nnte, und zwar umso erbarmungsloser, umso mehr ich aus Selbstsucht der allgemeinen Vernunft zuwiderhandle?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ja, nenne ich es den enthaupteten Dialog. Und so stand mein Bruder f\u00fcr mich, der seinen Kopf gern in die Arbeit der franz\u00f6sischen Aufkl\u00e4rung steckte, pl\u00f6tzlich &#8211; Heiliger Voltaire! \u2013, in jenem Augenblick von dem Kopf enthauptet da, den man doch \u201eeinschalten\u201c sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Und ich schaute auf eine blutige Spur<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich also an dieser Stelle passend, bemerkte im Jahr 1878 der Journalist und Redakteur Albert Fr\u00e4nkel in der damals ber\u00fchmten Zeitschrift \u201eDie Gartenlaube\u201c zur w\u00fctenden wie kopflosen Sch\u00e4ndung Voltaires:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Mainacht des Jahres 1814, kurz nach der R\u00fcckkehr des bourbonischen Ludwig des Achtzehnten, fuhr an der sch\u00f6nen und geschichtlich denkw\u00fcrdigen Genoveva-Kirche in Paris ein geschlossener Wagen vor, aus dem zwei M\u00e4nner stiegen. Bei ihrer Ankunft \u00f6ffnete sich leise eine Th\u00fcr der Kirche; sie traten ein, kehrten aber schon nach kurzer Zeit mit einem gef\u00fcllten Leinwandsack zur\u00fcck, den sie vor sich in den Wagen legten, welcher hierauf eilig mit ihnen davonjagte. Die Stra\u00dfen waren um diese Stunde schon ziemlich ver\u00f6det, Paris lag bereits im Schlummer, oder hing im Innern der H\u00e4user seinen n\u00e4chtlichen Zerstreuungen nach, die stumm und in scheuer Hast sich abspielende Scene auf dem Genoveva-Platze war unbemerkt geblieben. Der Wagen fuhr nach einem w\u00fcsten Abladeplatz bei Berey, wo f\u00fcnf M\u00e4nner seiner harrten, die schweigend eine mit ungel\u00f6schtem Kalk gef\u00fcllte Grube umstanden. In diese wurde sofort der unheimlich durcheinander klappernde Inhalt des Sackes ausgesch\u00fcttet und hier schnell von der Zerst\u00f6rungskraft des Kalks verschlungen, w\u00e4hrend der eine von den zwei aus Paris gekommenen M\u00e4nnern die Ceremonie mit einem herzhaften Fluche beschlo\u00df. Dann schaufelte man sorgf\u00e4ltig die Erde wieder zu, und nur ein Eingeweihter h\u00e4tte am n\u00e4chsten Morgen die Stelle des Bodens bezeichnen k\u00f6nnen, auf welcher eine schn\u00f6de Unthat sich vollzogen hatte. Die Geschichte der Menschheit aber hat alle Ursache, den Vorgang dieser Fr\u00fchlingsnacht mit unausl\u00f6schlichen Z\u00fcgen in ihr Erinnerungsbuch zu schreiben. Denn es handelte sich dabei nicht um einen Exce\u00df gew\u00f6hnlicher Privatleidenschaft, sondern um einen berechneten Handstreich roher Feindseligkeit gegen piet\u00e4tsvolle Empfindungen der gesammten civilisirten Menschheit, es war an stolz geh\u00fcteten Heiligth\u00fcmern des franz\u00f6sischen Nationalgeistes eine verbrecherische Sch\u00e4ndung ver\u00fcbt, es waren die Spuren denkw\u00fcrdiger Geisteshelden, die Gebeine eines Voltaire, [eines der gr\u00f6\u00dften Lehrer der Freiheit und der Menschrecht] aus ihrer Ruhe gerissen und in dieser beschimpfenden Weise vernichtet worden. (\u2026) Aber die Rettung [jedenfalls f\u00fcr die Gesellschaft] kam, und sie kam aus dem erwachenden Denken, als schon in den letzten Tagen des vierzehnten Ludwig das k\u00fcnstliche Geb\u00e4ude des Despotismus in sich selber zu wanken begann. Seine schw\u00e4cher gestellten Nachfolger mu\u00dften die Z\u00fcgel lockern und auch durch F\u00f6rderung des Gewerbeflei\u00dfes die versagenden Erpressungsquellen f\u00fcr ihren ungeheuren Geldbedarf zu st\u00e4rken suchen. Dadurch kamen die arbeitenden Leute zu Wohlstand und Selbstgef\u00fchl. Noch ein kurzes Weilchen, und inmitten der Gesellschaft hatte sich ein neuer, der sogenannte dritte Stand herausgebildet, das erstarkte B\u00fcrgerthum, in dem sich eine reinere, von der oberen F\u00e4ulni\u00df noch nicht angefressene Sittlichkeit mit tieferer Intelligenz, mit einem leidenschaftlichen Durste nach Wahrheit und nach ihrer muthigen Bezeugung verband.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gesetzt dem Fall n\u00e4mlich, Menschenrechte sind Vernunft, zum Beispiel eine andere Meinung vielleicht nicht zu teilen, aber zuzulassen, offenbarte sich uns gerade dadurch die M\u00f6glichkeit eines profitablen Dialogs, von dem wir Menschen also von Anfang Nutznie\u00dfer waren? So hei\u00dft es im dreitausend Jahre alten Psalm 54: \u201eGott, mach deinem Namen Ehre und hilf mir! \/ Verschaffe mir Recht durch deine Kraft! (\u2026) Menschen, die ich nicht kenne, fallen \u00fcber mich her. \/ Sie schrecken vor keiner Gewalttat! zur\u00fcck, \/ ja, sie trachten mir nach dem Leben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Schl\u00fcsselwort, das f\u00fcr die heutige Zeit wie geschaffen scheint und wir wie Zeitreisende uns die Augen reiben. Denn ein Blick auf die Entwicklung der irren Wut des heutigen Kriegstreibers Putin, auf die omnipotente Wut eines veritablen D\u00e4mons, ist nun ebenso notwendig wie die unver\u00e4u\u00dferlichen Menschenrechte dagegen zu Felde zu f\u00fchren (sind sie doch wesentlich zukunftsorientierter als Krieg).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und von diesem Gesichtspunkt aus mahnt uns der langj\u00e4hrige Leiter des ZDF-B\u00fcros in Moskau, Dirk Sager, in seinem Buch \u201ePulverfass Russland. Wohin treibt die Gro\u00dfmacht\u201c, aus dem Jahr 2008, auch v\u00f6llig zurecht: \u201eWer in die Zukunft sehen will, muss auf die Vorgeschichte zur\u00fcckblieben.\u201c Vielleicht m\u00fcssen es wir nicht, aber wir tun es.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Prolog der gek\u00fcrzten einb\u00e4ndigen Ausgabe seines Welterfolges \u201eDer Archipel Gulag\u201c schreibt Alexander Solschenizyn:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahre 1949 etwa fiel uns, einigen Freunden, eine bemerkenswerte Notiz aus der Zeitschrift \u201eDie Natur\u201c, herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften, in die H\u00e4nde. Da stand in kleinen Lettern geschrieben, man habe bei Ausgrabungen am Flu\u00df Kolyma eine unterirdische Eislinse freigelegt, einen gefrorenen Urstrom, und darin ebenfalls eingefrorene Exemplare einer urzeitlichen (einige Jahrzehntausende zur\u00fcckliegenden) Fauna. Ob\u2019s Fische waren oder Tritonen: der gelehrte Korrespondent bezeugte, sie seien so frisch gewesen, da\u00df die Anwesenden, sobald das Eis entfernt war, die Tiere MIT GENUSS verspeisten. Die keineswegs zahlreichen Leser der Zeitschrift waren wohl nicht wenig verwundert zu erfahren, wie lange Fischfleisch im Eis seine Frische zu bewahren imstande ist. Doch nur einzelne vermochten den wahren, den monumentalen Sinn der unbesonnenen Notiz zu erfassen. Wir begriffen ihn sofort. Wir sahen das Bild klar und in allen Details vor uns: Wie die Anwesenden mit verbissener Eile auf das Eis einhackten; wie sie, alle hehren Interessen der Ichthyologie mit F\u00fc\u00dfen tretend, einander ansto\u00dfend und vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngend, das tausend Jahre alte Fleisch in St\u00fccke schlugen, diese zum Feuer schleppten, auftauen lie\u00dfen und sich daran s\u00e4ttigten.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir begriffen es, weil wir selbst zu jenen Anwesenden geh\u00f6rten, zu jenem auf Erden einzigartigen m\u00e4chtigen Stamm der Seki, der Strafgefangenen, der Lagerh\u00e4ftlinge, die allein es zustande brachten, einen Triton \u201eMIT GENUSS zu verspeisen\u201c. Am 12. Dezember 2016 hielt ich aus Anlass der Verleihung der \u201eSolidarno\u015b\u0107-Dankbarkeitsmedaille\u201c im Europ\u00e4ischen Solidarno\u015b\u0107-Zentrum (ECS) in Gdansk folgende Dankesrede<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">[\u2026] die \u201aAusrufung\u2018 der Protestaktion gegen das Kriegsrecht und f\u00fcr die uneingeschr\u00e4nkte Zulassung der Solidarno\u015b\u0107, geschah in einem Gef\u00e4ngnis, das vom Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit indirekt verwaltet und fest in den Transaktionen der f\u00fcr die Staatsdevisen der DDR verantwortlichen Kommerziellen Koordinierung, kurz: KoKo, verankert war. Sie begann mit handgeschriebenen Aufrufen am 14. Dezember \u2013 und erreichte ihren H\u00f6hepunkt am 17. Dezember 1981. Das Gef\u00e4ngnisregime war durch Zellenspitzel vom ersten Tag an vorbereitet. Am 17. Dezember erwartete die Arbeitskommandos in der Speisebaracke eine Hundestaffel. Essen! wurde befohlen. Die Listen aller Verweigerer gibt es: sie werden der Forschung durch die Beh\u00f6rde f\u00fcr die Unterlagen der Staatssicherheit nur geschw\u00e4rzt zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend jener vier Tage war das Haftpersonal bewaffnet und lungerte in Scharfsch\u00fctzenmanier auf den D\u00e4chern. Wir blickten einander an, und die Frage lautete, ob sie schie\u00dfen. Die Antwort \u00fcberrascht am Ende vielleicht nicht einmal, aber ich muss gestehen, dass mich die M\u00f6glichkeit, einer von dreihundertf\u00fcnfzig niedergeschossenen politischen H\u00e4ftlingen zu sein, auch heute noch etwas nerv\u00f6s macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch es hat sich alles gelohnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der beeindruckende Kampf der Solidarno\u015b\u0107 um Freiheit, Unabh\u00e4ngigkeit und Wohlstand m\u00fcndete nicht nur im Untergang des hermetischen Ostblocks, sondern es erneuerte grundlegend die Europ\u00e4ische Union. Den klugen K\u00f6pfen der Solidarno\u015b\u0107 war es aus staatstheoretischer Sicht klar, dass Polen an seiner Westgrenze ein wieder vereintes Deutschland und keine stalinistische DDR braucht. So steht es in den Sonderberichten der Verwaltung Aufkl\u00e4rung des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit der DDR vom 12. Dezember 1981. Und weiter dort \u201eFernziel des [\u201eKomitees zum Schutz der Arbeiter\u201c f\u00fcr inhaftierte Dissidenten, kurz]: KOR ist die Eingliederung der Volksrepublik Polen in ein vereintes Europa mit einem wieder vereinten Deutschland.\u201c Das ist nun alles so geschehen. Die ebenfalls notierte \u201e\u00dcberzeugung (\u2026) dass die Entwicklung in Polen auch auf die DDR \u00fcbergreifen wird\u201c, hat sich dagegen nicht best\u00e4tigt. Gewiss lagen vielen Menschen in der DDR die August-Ereignisse 1980 am Herzen, am Ende traten zu wenige daf\u00fcr ein. Auch die friedliche Revolution 1989 in der DDR bekannte sich kaum zu ihrem Vorbild Polen. Deshalb ist es auch kaum verwunderlich, dass der von seiner Anzahl gr\u00f6\u00dfte Protest in der DDR gegen das Kriegsrecht in Polen ausgerechnet in einer DDR- Strafvollzugseinrichtung stattfand. Nirgends im Land war das Wort so frei als im politischen Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und auch die Antwort auf unsere Frage ist moderner denn je: Die KoKo, die von Honecker 1966 gegr\u00fcndete Kommerzielle Koordinierung, war unerm\u00fcdlich damit besch\u00e4ftigt, harte Weltmarktw\u00e4hrung, Devisen genannt, in die ewig klammen Kassen der DDR zu sp\u00fclen. Dazu geh\u00f6rte auch der frei verkaufbare unbekannte politische H\u00e4ftling (offiziell durfte es den ja nicht geben).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aktenkundig sind zwar Gespr\u00e4che zwischen der Gef\u00e4ngnisleitung und dem zentralen Operativstab der Stasi \u00fcber den praktischen Einsatz einer bewaffneten Truppe. Doch welcher praktische, vernunftbegabte Mensch schie\u00dft eine Ware im Geld-Wert von 95.847 mal 350, das sind 33.546.450 Valuta, \u00fcber den Haufen? Der Chef der Kommerziellen Koordinierung, Schalck-Golodkowski, dessen Vater bereits ein guter Rechner beim russischen Zaren gewesen ist, d\u00fcrfte sich, hoch oben, im Sitz der KoKo, im 23. Flur des Internationalen Handelszentrums an der Friedrichstra\u00dfe, die Haare gerauft haben \u2013 und da wurde eben nicht geschossen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon f\u00fcr Marx war \u201ein Wirklichkeit die treibende Kraft die Beziehung des Menschen zur Materie und das wichtigste daran seine Produktionsweise. Dadurch [wurde] der Marxsche Materialismus in der Praxis [ja] zur Wirtschaftslehre.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch aus anderen Gr\u00fcnden wird weiter nach Marx gegriffen, in Opportunit\u00e4tserw\u00e4gungen einbezogen, um unabl\u00e4ssig zu schm\u00e4hen, was nicht den Beschreibungen des einge\u00fcbten Standpunktes entspricht. Bis heute ist \u201edie Rechte nicht eben ein leuchtendes Vorbild. Aber die Linke ist schizophren\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> geblieben. Ihr fehlt weiterhin die \u201eFestigkeit der \u00dcberlegung und auch ein wenig Bescheidenheit\u201c, stattdessen ergeht sie sich in \u201eeingebildeten Gew\u00e4ndern\u201c.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Man muss seine Zeit wie einen Erwachsenen betrachten, das hei\u00dft ohne voreingenommene Sympathie oder Antipathie. Das hei\u00dft nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der Kritik und der Vernunft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6ge diese Medaille also auch Gru\u00df und Zuspruch f\u00fcr alle sein, die verstehen wollen und nicht richten, die f\u00fcr eine gerechte Gemeinschaft k\u00e4mpfen und f\u00fcr Wahrheit und Freiheit gewaltlos im Einsatz sind.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verweilen noch etwas in unserem h\u00fcbschen Gef\u00e4ngnis. Bernd \u201eEgon\u201c M\u00f6ller traf ich das erste Mal in der Speisebaracke unseres Gef\u00e4ngnisses. Von Beruf und in Str\u00e4flingskleidung als Elektriker eingesetzt, erhielt er vom 1. Strafsenat des Bezirks Karl-Marx-Stadt eine Gef\u00e4ngnisstrafe von drei Jahren wegen Besitz und Verleih der dreib\u00e4ndigen Ausgabe des \u201eArchipel Gulag\u201c. Zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung lag die monatelange Tortur der Untersuchungshaft der Staatssicherheit auf dem Kassberg bereits hinter ihm. Einst in ganz Europa ber\u00fchmter Gr\u00fcnderzeitbezirk, war der Kassberg zu einem ber\u00fcchtigten Unterdr\u00fcckungsort der SED-Diktatur geworden. Zur selben Zeit wie Egon befand auch ich mich auf dem Kassberg, Zelle 29. Gab es kein Verh\u00f6r, las ich oder spielte Schach, und zwar via Klopfzeichen gegen die Wand mit dem unsichtbaren Zellennachbarn in Nr. 30. Wir bekamen uns zwar nie zu Gesicht, aber wir klopften uns ja unsere Namen, biografischen Details und so manches unvergessene Alltagserlebnis in der DDR oder was die DDR in Atem hielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das waren damals, vor dem europ\u00e4ischen Erdbeben des Sommers 1980 in Polen, die Abendstunden des 09. M\u00e4rz 1980 gewesen. Zwar verursachte der Sprengstoffanschlag auf das sowjetische Panzerdenkmal in Karl-Marx-Stadt nur geringf\u00fcgige Sch\u00e4den, und der Attent\u00e4ter Kneifel war l\u00e4ngst in Haft, doch der symbolische Schaden, \u00fcberhaupt angreifbar zu sein, sorgte f\u00fcr eine l\u00e4ngerfristige Unruhe in den ersten politischen Reihen. Dies war so vor allem, weil st\u00e4ndig Nachahmungst\u00e4ter gef\u00fcrchtet wurden, wie ihnen t\u00e4glich eine R\u00fcckkehr des 17. Juni 1953 vor Augen stand. (Nicht umsonst fragte Erich Mielke seine Genossen angesichts der von der demonstrierenden Bev\u00f6lkerung in Besitz genommenen Stra\u00dfe: \u201eHaben wir jetzt den 17. Juni?\u201c)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, so kam es, dass \u201eEgon\u201c an einem dieser Tage, f\u00fcr ihn ein Arbeitstag, mit einer eingewickelten Batterie samt batteriebetriebenen Dr\u00e4hten den Platz des Panzerdenkmals querte und von hinter Zeitungen hervorspringenden M\u00e4nnern niedergerissen auf die Nase fiel. Da sich das MfS schwerlich die Bl\u00f6\u00dfe eines Fehlers gab, behielten sie ihn im Auge, schn\u00fcffelten in seinem Freundeskreis und entdeckten den verbrecherischen B\u00fcchertausch; und wir tauschten nun \u00fcber Klopfzeichen unsere Lebensdaten aus und fanden sogar eine gemeinsame Bekannte, die kosmisch sch\u00f6ne Mareile, aber haupts\u00e4chlich spielten wir Schach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbstverst\u00e4ndlich glaubte ich nicht, dass ich \u201eEgon\u201c einmal wirklich gegen\u00fcberstehe. Als es dann in der Speisebaracke im Gef\u00e4ngnis in Cottbus doch genau zustande kam, schwei\u00dfte uns das wie in einer Familie zusammen. Neben ihm, auf dem Ablagetisch, lag die Tagesausgabe der \u201eJungen Welt\u201c. Der Schwerpunkt eine Schm\u00e4htirade gegen die im Westen gebliebene \u201eVerr\u00e4terin\u201c Veronika Fischer. Die g\u00f6ttliche Vroni genoss die Freiheit! Wir witzelten herum. Warum nannte sich die Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands eigentlich nicht Sozialistische Einheitspartei der DDR? Nat\u00fcrlich wusste jeder genau, dass dies dem deutsch-deutschen Alleinvertretungsanspruch Ostberlins DDR zuwiderlaufen w\u00fcrde. Es ging ja st\u00e4ndig um die Kassierung West-Berlins, und Westdeutschland sollte mit NVA-Panzern niedergehalten werden. Ein Anspruch, den wohl auch Putin im Sinne der Wiederherstellung der m\u00e4chtigen alten Sowjetunion umtreibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eAlleinvertretungsanspruch\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der befreundete Autor, Dipl.-Physiker und Jude Gabriel Berger, schreibt am 19.03.2002 auf Facebook:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinen Reden vor dem \u00dcberfall auf die Ukraine am 21.02.2022 und am 23.02.2022 hat sich Putin deutlich von Lenin distanziert, dem er nachsagte, durch seine Nationalit\u00e4tenpolitik einen Sprengsatz an die Sowjetunion angelegt zu haben. In die Verfassung der Sowjetunion hat Lenin n\u00e4mlich 1922 gegen den Widerstand von Stalin den Passus aufnehmen lassen, jede nationale Republik der Sowjetunion habe das Recht, den Verband der Sowjetunion zu verlassen. Unter Berufung auf diesen Verfassungsartikel seien die Republiken 1991 aus der Sowjetunion ausgetreten, was zu deren Zerfall gef\u00fchrt habe, was laut Putin \u201edie gr\u00f6\u00dfte Katastrophe des 20. Jahrhunderts\u201c gewesen sei. Stalin dagegen habe von vornherein die M\u00f6glichkeit des Ausscheidens der Republiken ausschlie\u00dfen wollen, sich aber gegen\u00fcber Lenin nicht durchsetzen k\u00f6nnen. Aus genannten Gr\u00fcnden gibt es im heutigen Russland keinen Lenin-Kult mehr, w\u00e4hrend Stalin immer st\u00e4rker rehabilitiert und verehrt wird. Die Verehrung Stalins hat aber heute nichts mit egal welcher Variante des Bolschewismus oder Marxismus zu tun. Stalin wird verehrt, weil unter seiner Herrschaft die Sowjetunion, also das russische Imperium, zur Weltmacht aufgestiegen ist. Das Ziel Putins ist, zumindest in dieser Beziehung, Stalin nachzueifern und Russland wieder zu einem Imperium mit Weltgeltung und Welteinfluss zu machen. Weil dieses Ziel von Russland nicht wie von China durch die Wirtschaft zu erreichen ist, versucht das Russland durch eine \u00fcberdimensionale Milit\u00e4rmacht.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 02.06.2018 meldet das \u201eHandelsblatt\u201c: \u201eDie Russen n\u00e4hern sich der \u201aGl\u00fccksstr\u00e4hne\u2018 \u2013 meint Wladimir Putin. Der russische Pr\u00e4sident sieht in seinem TV-Marathon Russland im Aufw\u00e4rtstrend, von dem aber noch nicht alle profitieren. Und er droht der Ukraine.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie Putin seinen Landsleuten, die nicht so wollen, wie er will, mit \u201eS\u00e4uberungen\u201c droht. Soweit von Stalinschen S\u00e4uberungen bekannt ist, jene dabei hochkommende Periode der sowjetischen Geschichte, in der politisch \u201eunzuverl\u00e4ssige\u201c und oppositionelle Personen massiv verfolgt und ermordet wurden. Die Gesamtzahl der Opfer reichen nach Sch\u00e4tzungen von Historikern von mindestens 3 Millionen Toten bis weit \u00fcber 20 Millionen. Der Zustand Gl\u00fccks erf\u00e4hrt dabei eine v\u00f6llig neue Dimension.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinen ber\u00fchmt gewordenen \u201eErz\u00e4hlungen aus Kolyma\u201c schreibt der verurteilte Jurist und K\u00f6nig der Gulag-Literatur, Warlam Schalamow:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Krist traf Miroljubow auf dem Dampfer \u201aKulu\u2018 \u2013 der f\u00fcnften Fahrt der Schiffahrtssaison von 1937. Der \u00dcberfahrt \u201aWladiwostok \u2013 Magadan\u2018. Der Leibarzt des F\u00fcrsten Gagarin und Vitautas Putnas gr\u00fc\u00dfte Krist k\u00fchl \u2013 Krist war ja Zeuge seiner inneren Schw\u00e4che, einer gefahrvollen Stunde in seinem Leben gewesen und hatte ihm, so empfand es Miroljubow, in einem schweren, todgef\u00e4hrlichen Moment nicht geholfen. Krist und Miroljubow dr\u00fcckten einander die Hand. \u201eIch bin froh, Sie lebend zu sehen\u201c, sagte Krist. \u201eWieviel?\u201c \u201eF\u00fcnf Jahre. Aber Sie verh\u00f6hnen mich. Ich bin ja vollkommen unschuldig. Und dann f\u00fcnf Jahre Lager. Die Kolyma.\u201c \u201eIhre Situation war sehr gef\u00e4hrlich. Lebensgef\u00e4hrlich. Das Gl\u00fcck hat Sie nicht verlassen\u201c, sagte Krist. \u201eGehen Sie zum Teufel mit solchem Gl\u00fcck.\u201c Und Krist dachte: Miroljubow hat recht. Das ist ein allzu russisches Gl\u00fcck \u2013 froh zu sein, wenn ein Unschuldiger f\u00fcnf Jahre bekommt. Denn er h\u00e4tte ja zehn bekommen k\u00f6nnen, sogar den Tod.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und aus der Ukraine werden aktuell tausende, zehntausende Menschen auf russisches Gebiet verschleppt und wom\u00f6glich der alten Welt des Archipel Gulag und ihrer Hungerpeitsche \u00fcberlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Wintersemester 2011\/12, las ich, gab es an der Uni Saarland die \u00dcbung: \u201eDie gr\u00f6\u00dfte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts? Glasnost, Perestrojka und der Zerfall der Sowjetunion (1991)\u201c. In der Ank\u00fcndigung hei\u00dft es: \u201eAm 25. April 2005 bezeichnete der russische Pr\u00e4sident Vladimir Putin den Zerfall der Sowjetunion [die Gro\u00dfmacht-Diktatur ihrer Zeit] in seiner Rede vor den Mitgliedern der F\u00f6derationsversammlung als \u201adie gr\u00f6\u00dfte geopolitische Katastrophe\u2018 des 20. Jahrhunderts. Der russische Staatschef lie\u00df somit seiner Sehnsucht nach dem untergegangenen kommunistischen Imperium freien Lauf und \u00e4u\u00dferte eine Meinung, die sowohl in Russland als auch im postsowjetischen Raum noch 20 Jahre nach diesem historischen Ereignis weit verbreitet ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im dem im Jahr 2008 ver\u00f6ffentlichten Buch \u201ePulverfass Russland. Wohin steuert die Gro\u00dfmacht?\u201c hei\u00dft es im Klappentext:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kreml hat die Demokratie ausgeh\u00f6hlt und im Land eine Atmosph\u00e4re geschaffen, in der die j\u00fcngsten Morde an Regimegegnern wie [der Journalistin] Anna Politkovskaja \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich wurden. W\u00e4hrend der Geheimdienst FSB nach innen f\u00fcr Ordnung sorgt, verk\u00f6rpert der Gasprom-Konzern, der die Kontrolle \u00fcber die globalen Rohstoffm\u00e4rkte anstrebt, nach au\u00dfen den russischen Anspruch auf Weltgeltung. Um jeden Preis trachtet das Land danach, auf die B\u00fchne der Superm\u00e4chte zur\u00fcckzukehren.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Des Weiteren wird das Versprechen gegeben, dass Sagers Buch zeigt, was hinter Moskaus Machtspielen steckt. Das erste Kapitel des Buches hei\u00dft (und stellt wohl die gerade heute, auch an diesem 22. M\u00e4rz 2022, in dieser modernen Aula in der Studentenstadt Stadt M\u00fcnster, die uns aus den gegebenen Gr\u00fcnden beherrschende Frage) \u201eWas treibt Putin an?\u201c Dazu schreibt Dirk Sager:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufstieg und Niedergang, Hoffnung und Desillusionierung \u2013 wie in einem Malstrom wirbelt Ru\u00dfland zwischen den Polen der Extreme: Moskau als \u201aDrittes Rom\u2018 oder eine H\u00f6lle auf Erden (\u2026). Es war [aber] keineswegs von der Geschichte determiniert, dass aus den Ruinen der Sowjetunion keine Demokratie erwuchs. Schlie\u00dflich wird in Moskau, aber auch im Westen, im Disput \u00fcber gegenw\u00e4rtige Verh\u00e4ltnisse eine Haltung vertreten, der zufolge die Kritik am System als unangemessenen Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes gilt. Doch falsche Zur\u00fcckhaltung w\u00fcrde ein Reinfall in die Zeit vor den siebziger Jahren bedeuten, als sich das \u00f6stliche und westliche Lager im Kalten Krieg zaghaft um \u201eWandel durch Ann\u00e4herung\u201c bem\u00fchten.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Konferenz von Helsinki 1975, wo sich die Regierungschefs und Staatspr\u00e4sidenten Europas versammelt hatten, wurde eben nicht nur \u00fcber ein System der gemeinsamen Sicherheit und die Verbesserung des Handels diskutiert, sondern auch \u00fcber Menschenrechte. Teile der russischen Zivilgesellschaft fanden sich schon damals zusammen und beriefen sich auf die Beschl\u00fcsse dieser gro\u00dfen Ost-West-Konferenz. (\u2026) Im Jahre 2000 erl\u00e4uterte der noch junge Pr\u00e4sident Putin auf der Pressekonferenz in einem nach den Ma\u00dfen der Bescheidenheit gestalteten Raum im Kreml, \u201egeduldig, weshalb es zwingend sei &#8230; um die zentrifugalen Kr\u00e4fte im Riesenreich zu b\u00e4ndigen, die \u201aVertikale der Macht\u2018 zu st\u00e4rken. Vertikale der Macht \u2013 das wurde das Schl\u00fcsselwort f\u00fcr die Ausrichtung aller politischer Macht-Strukturen im Land auf den Kreml. (\u2026)\u201c Dabei \u201ehat Putin selbst demonstriert, wie sich mit festem Blick aufs Ziel und wohl\u00fcberlegter Taktik\u201c (zum Beispiel zur Zeit des Vernichtungskrieg gegen Tschetschenien gleichzeitig auf internationalen Konferenzen als Friedensengel mit verbl\u00fcffenden Erkl\u00e4rungen trotz alle berechtigter Vorw\u00fcrfe zu brillieren) \u201eauch in k\u00fcrzester Amtszeit die demokratischen Grundstrukturen eines Staates demonstrieren lassen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 06.03.2022 schreibt Christoph Kunkel im SPIEGEL, was Putin wohl antreibt: \u201ePinochets Milit\u00e4rdiktatur nannte Wladimir Putin 1993 als Leitbild. Und Zar Iwan der Schreckliche? Halb so wild. Offen pries der Kremlchef Monarchie und Autokraten \u2013 was auch deutsche Wirtschaftsvertreter beklatschten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 24. Februar 2022 \u00fcberfiel die Putin die Ukraine und begann seinen lange vorbereiteten Krieg, der bereits Tausende von Ukrainern get\u00f6tet und fast drei Millionen aus dem Land vertrieben hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Vertikale der Macht<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wir im Gef\u00e4ngnis unsere Protestaktion vorbereiteten, war diese gerade gegen die \u201eVertikale der Macht\u201c gerichtet. Es ging uns, so indianerhaft es klingt, um den Sieg der fehlerhaften Demokratie \u00fcber die bleierne Diktatur. An einem beispielhaften Nachmittag zuvor, in den Sommermonaten, diskutierten wir im staubigen Freihof, dessen Grashalme jeden Morgen von einem speziellen H\u00e4ftlingskommando ausgerissen wurden, dass der iranische Rundfunk mit der Begr\u00fcndung die Bev\u00f6lkerung ermutigte, Regimegegner zu denunzieren, weil niemand geschont werden d\u00fcrfe und, falls n\u00f6tig, m\u00fcssten auch die n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen von denen, die abgekommen sind, an die Revolutionsgerichte \u00fcbergeben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf unserer Agenda ganz oben stand die Freiheitsbewegung in Polen, wobei immer wieder die Frage aufblitzte, ob von Seiten des Staates am Ende wieder zu den Ma\u00dfnahmen der \u201eS\u00e4uberungen\u201c gegriffen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob Griechenland, Chile oder Argentinien, alle Nachkriegsdiktaturen schickten diesen Schrecken um die Welt. So standen wir im Freihof, im Gef\u00e4ngnis. Wind kam auf, wir schluckten Staubwolken, und spuckten Sand aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da erhob sich die Stimme des feisten Schlie\u00dfers \u201ePanzerplatte\u201c (wie er sich nur an uns herangeschlichen hatte?). \u201eNicht, dass wir das Mullah-Regime \u00fcberaus gut finden, aber das ist eben F\u00fchrung und Disziplin gegen Entartung und Grenzenlosigkeit!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sahen uns an, und ich \u00fcberlege heute, ob es auch \u201ePanzerplatte\u201c war oder eher \u201ePetrograd\u201c oder \u201eBerija\u201c oder doch eher \u201eSalonbolschewist\u201c, oder \u201eRoter Terror\u201c, oder \u201eArafat\u201c, \u201eZitteraal\u201c, \u201eTellermine\u201c \u201eTexaner\u201c, \u201eOnane\u201c, \u201eUrian\u201c, \u201eW\u00fcrger\u201c, \u201eKjelt\u201c, \u201ePfeffernase\u201c, \u201eder kleine Beckenbauer\u201c, \u201eStalin\u201c selbst oder \u201eLachtaube\u201c am Ende gewesen ist, der \u00fcber die Flure der Zellenbereiche, die Erziehungsbereiche hie\u00dfen, vielleicht sogar betrunken, was vorkam, br\u00fcllte, vielleicht, um etwas Besonderes zu sagen: \u201eWenn ich Menschenrechte h\u00f6re, zieh ich die Atombombe!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kannte er Goebbels Erregungsschwall: \u201eWenn ich das Wort Kultur h\u00f6re, entsichere ich meinen Revolver\u201c? Der war auch schon nicht eigener Art, sondern stammte aus dem St\u00fcck \u201eSchlageter\u201c (\u201e&#8230;.entsichere ich meinen Browning\u201c\/1933), freilich ein M\u00e4rtyrerschauspiel des Nationalsozialismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Verantwortung der Kunst (jener gro\u00dfen Freundin der gew\u00e4hrten Grundrechte), nicht zu blenden, leuchtet in der Diktatur mit ihren ausweglosen Vorschriften weder Raum, Zeit, noch Erziehungsbereiche aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber\u201c, wandte sich Lennon, 18 Monate f\u00fcr \u201eBiermann\u201c mit Kreide an eine Hauswand, \u201eKopf tragend\u201c wie Kojak, f\u00e4hig zum Hahnenruf wie Professor Unrat, und eben Sand im Mund, an \u201ePanzerplatte\u201c:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend wir schon n\u00e4chsten Montag oder an einem Montag in einem Monat oder erst an einem Montag in einem Jahr von hier auf Transport in die grenzenlose Freiheit gehen, werden sie niemals in ihrem Leben reisen k\u00f6nnen, wohin sie wollen. Sicher gibt es das Bolschoi-Theater, die Ermitage, den Friedrichstadtpalast, die Olympischen Erfolge. Diese wundersch\u00f6nen Sachen gibt es in ihrer Diktatur, aber sie erlaubt es ihren Menschen nicht, mit allen Menschen dar\u00fcber frei zu reden. Sie werden st\u00e4ndig auf die Strategien von Erich Honecker, Erich Mielke, Friedrich Dickel [dem Minister des Inneren, dem die Schlie\u00dfer unterstanden] und der Kontrollmacht im Kreml abh\u00e4ngig sein, die keinen frei atmen l\u00e4sst, ohne an sie zu denken, und notfalls den Chinesischen machen m\u00fcssen. So zu leben ist f\u00fcr mich grenzenlose Unvernunft, wogegen in der Freiheit zu leben f\u00fcr mich das Vern\u00fcnftigste auf Erden ist.<\/p>\n<\/blockquote>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%; height: 438px;\">\n<tbody>\n<tr style=\"height: 438px;\">\n<td style=\"width: 10.3825%; height: 438px;\"><\/td>\n<td style=\"width: 80.1366%; height: 438px;\"><a href=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2022\/07\/Reitel-Tritonen-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-7865 size-large\" src=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2022\/07\/Reitel-Tritonen-3-1024x687.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"687\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2022\/07\/Reitel-Tritonen-3-1024x687.jpg 1024w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2022\/07\/Reitel-Tritonen-3-300x201.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2022\/07\/Reitel-Tritonen-3-768x515.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2022\/07\/Reitel-Tritonen-3.jpg 1512w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">v.l.n.r. Lennon, Simone, der Autor, Gudrun Ertel, Heike Hering. Foto: H.M.<\/span><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 9.48089%; height: 438px;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur aktuell aufkeimenden Hoffnung, Peking k\u00f6nne im Ukraine-Krieg Moskau zur Vernunft bringen, das mit der Kaperung des Atomkraftwerkes Tschernobyl l\u00e4ngst die Welt atomar bedroht, konstatierten die Stuttgarter Nachrichten bereits am 25. 02. 2022: \u201ePeking hat ein Problem mit Putins Angriffskrieg. Xi Jinping und Wladimir Putin haben sich \u201agrenzenlose Freundschaft\u2018 versprochen. Doch China wird sich nur so lange daran halten, wie es strategisch n\u00fctzlich ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Didi Kirsten Tatlow vom German Council on Foreign Relations h\u00e4lt laut Deutsche Welle vom 14.03. 2022 die aufkeimenden Hoffnungen, China k\u00f6nne sich als aktiver Vermittler einbringen, f\u00fcr \u201eziemlich unangebracht\u201c: \u201eSelbst wenn Peking kurzfristig vermitteln kann, l\u00e4dt man es damit im Grunde ein, \u00fcber etwas Kontrolle zu \u00fcbernehmen, das extrem wichtig f\u00fcr demokratische L\u00e4nder ist. Damit versetzen sich demokratische L\u00e4nder in eine sehr schwache Position.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Positionen, die f\u00fcr Demokratien \u201eextrem wichtig\u201c sind, und zur Ma\u00dfhaltung der Strategien, die Diktaturen innewohnen, geh\u00f6rt die Handhabe der \u201eunver\u00e4u\u00dferlichen Menschenrechte\u201c, wie sie von der UNO zu Papier gebracht wurden und die unser Gef\u00e4ngnis in der DDR, mit dem Gl\u00fcck des Freikaufs durch die von ihren alliierten Kontrollm\u00e4chten demokratisch erzogene Bundesrepublik, zu einem magischen Ort der Befreiung machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern war die Zeit im Gef\u00e4ngnis eine gute, lehrreiche Zeit. Kriege aber ver\u00e4ndern alles, das Gef\u00fchl f\u00fcr die Zeit wie einen selbst. Davon spricht das Gedicht des in Moskau lebenden Poeten Dov-Ber Kerler (alias Boris Karloff) vom 05.03.2022<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>, entnommen dem Essay \u201eWir bewundern sie und sie verschwinden\u201c unserer P.E.N.-Kollegin und Suhrkamp-Autorin Esther Dischereit:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reime, sie sind am Ende \/ die klassischen, die biegsamen \/ die romantischen oder auch die unbeholfenen \/ Der Atem selbst, so sieht es aus, verlor seinen Rhythmus \/ Die Worte wie sturzbesoffene ungehobelte Leute \/ erklimmen gerade W\u00e4nde \/ H\u00f6rt sich an wie Kleinkindgeschrei \/ Unter den Bomben die fallen und fallen und fallen \/ Ist selbst die Stille abgelaufen \/ Sogar die d\u00fcnne Stimme Seiner Stille ist weg \/ Und der gro\u00dfartige Friedensk\u00e4mpfer, \/ Wischi-waschi und mit einer Seele so rein \/ Will gerade nur eine einzige Sache\/die grausige Aufgabe direkt und ohne Diskussion vollenden \/ die brutale Bestie Putin erw\u00fcrgen mit seinen eigenen H\u00e4nden<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVon Anbeginn an hat dieser Krieg bei mir eine komplizierte Reihe von Emotionen (Wut und Best\u00fcrzung haupts\u00e4chlich) ausgel\u00f6st. Ich finde es schwer, an etwas anderes zu denken. Ich reagiere zurzeit in erster Linie auf die blo\u00dfen Tatsachen vor Ort \u2013 darauf, was der gewaltt\u00e4tige Irre Putin macht, auf das Massenelend, das hier geschieht\u201c, schreibt in Esther Dischereits Essay ihr C., eine ukrainische Freundin aus den USA, nach Berlin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tritonen nun sind mythische Mischwesen, halb Fisch, halb Fleisch, im Gefolge Neptuns, mit dem Muschelhorn in der Hand. Wolf Biermann dichte im Januar 1963 \u201eGegen die Angst: Wie lange, sag, kannst du, \/ im L\u00fcgenmeer leben, ohne da\u00df du \/ein Fisch wirst?\u201c Man k\u00f6nnte abschlie\u00dfend es also so sagen: Diktaturen blasen, nach innen oder nach au\u00dfen, immer zum Krieg, w\u00e4hrend Demokratien ihre Zeit daf\u00fcr ausgeben, auf \u201efreiem Grund\u201c die Menschenrechte zu pflegen, um mit allen Menschen frei zu reden, frei zu denken, frei zu f\u00fchlen, frei zu handeln, und das Leben frei und lebbar gestalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich danke Ihnen f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Axel Reitel Berlin-Mierendorff Insel, 19.03.2022, 09:39 Uhr.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fu\u00dfnoten:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Axel Reitel, Der Jugendstrafvollzug in der DDR am Beispiel Halle, S. 268f., Dr. K\u00f6ster-Verlag Berlin, 2006. (Dieselbe Seitenzahl in der Erstver\u00f6ffentlichung durch die Landesbeauftragte Sachsen-Anhalt 2002)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Philip Pettit, \u201ewas bedeutet Freiheit?\u201c Sternstunde Philosophie, SRF Kultur, 2011. Dieser Gedanke Pettits erm\u00f6glicht einen feinen Trick, ein pers\u00f6nliches Theorem, sich in er SED-Diktatur so zu verhalten, als w\u00e4re man im vollen Besitz aller b\u00fcrgerlichen Freiheiten. So haben nicht wenige gelebt und denen, die selbst ein begehrtes Exportgut darstellten, wurden sie sogar gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Freie Presse, Lokale Ausgabe Plauen, Artikel \u201eIch rotz dich ab!\u201c 1993[?].<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Zwei_Lehrer_der_Freiheit_und_Menschenrechte_(1)\">https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Zwei_Lehrer_der_Freiheit_und_Menschenrechte_(1)<\/a> (Aufruf 30.03.2022)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Quelle: <a href=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-43-2017-current-issue\/dankesrede-aus-anlass-der-verleihung-der-dankbarkeitsmedaille-an-mich-und-vier-andere-vom-und-im-europaischen-solidarnosc-zentrum-ecs-in-danzig-am-12-dezember-2016\/\">https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-43-2017-current-issue\/dankesrede-aus-anlass-der-verleihung-der-dankbarkeitsmedaille-an-mich-und-vier-andere-vom-und-im-europaischen-solidarnosc-zentrum-ecs-in-danzig-am-12-dezember-2016\/<\/a> (Aufruf 17.03. 2022)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes, Europa Verlag Z\u00fcrich 2007, S. 791.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. Albert Camus, Verteidigung der Freiheit, Rowohlt 1997, S. 119.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/deutschlandarchiv\/506272\/wir-bewundern-sie-und-sie-verschwinden\/\">https:\/\/www.bpb.de\/themen\/deutschlandarchiv\/506272\/wir-bewundern-sie-und-sie-verschwinden\/<\/a> (Aufruf 19.03.2022)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; From Time to Time &nbsp; History does not repeat itself, But it certainly likes to rhyme. &nbsp; &nbsp; Tritonen. &nbsp; Die Universalit\u00e4t der Menschenrechte \u2013 &nbsp; Wie werden sie in Diktaturen verletzt? &nbsp; von Axel Reitel &nbsp; Vortrag, gehalten am 22. M\u00e4rz 2022 an der Friedensschule in M\u00fcnster (\u00fcberarbeitet, Stand 23.05.2022) &nbsp; Ost-West-Treffen in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4340,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[320194],"tags":[],"class_list":["post-7854","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-from-time-to-time"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7854","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4340"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7854"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7854\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7854"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7854"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7854"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}