{"id":7885,"date":"2022-07-31T02:46:30","date_gmt":"2022-07-31T06:46:30","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=7885"},"modified":"2022-09-07T16:26:01","modified_gmt":"2022-09-07T20:26:01","slug":"22-2-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2022\/07\/31\/22-2-22\/","title":{"rendered":"22.2.22"},"content":{"rendered":"<h1><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 36pt;\"><strong>22.2.22<\/strong><\/span><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>by Gabriele Eckart<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweien schneit es. Schnapszahlen, sagt mein Mann nach dem Erwachen und schw\u00e4rmt von dem Buch, das er gestern Abend zu Ende gelesen hat. A twisted ending that I did not see coming. B\u00fccher, die so enden, liebt er. Wie war dein Film? Gro\u00dfartig! sage ich. \u201cThe Eyes of Tammy Faye\u201d. Die eklige Welt des Fernsehevangelismus. Auch ein Ende, das ich nicht vorhersah, hatte der Film. \u201cGott liebt dich so, wie du bist.\u201d Trotz des furchtbaren Fehlers, den Tammy Faye einmal begangen hatte, indem sie christliche Spendengelder f\u00fcr ihren Luxus abzweigte, gab ihr der Regisseur eine Chance. Dabei w\u00e4re es f\u00fcr ihn ein Leichtes gewesen, sie ins L\u00e4cherliche zu ziehen und fertigzumachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deprimierend die Morgennachrichten im Fernsehen; seine Krallen streckte Putin nach der Ukraine schon lange aus, jetzt ist er zum Sprung bereit. Seine funkelnden Augen. Beim Z\u00e4hneputzen vermeide ich einen Blick in den Spiegel. Eine Augenlidoperation hatte ich letztes Jahr, seither sieht mich aus dem Spiegel Hexe Kaukau an. Einen vorsichtigen Blick wagen. Madre m\u00eda. Und das linke Auge heilt nicht, entz\u00fcndet der untere Rand; sogar Lesen ist schwierig geworden. Also Filme sehen, um die Zeit zu vertreiben, jeden Tag einen anderen Film. W\u00fcrde ich meine Augen mit denen von Tammy Faye tauschen wollen? T\u00e4towiert ihre Lider mit einem Dauer-Make-up, beinahe obsz\u00f6n sieht das aus. Nachbarn lachen \u00fcber sie. Dragqueen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend des Fr\u00fchst\u00fccks ist Putin unser Gespr\u00e4chsthema. Wegen seiner Giftmorde an Kritikern misstrauen wir ihm schon lange. Aber die Ukraine greift er nicht an, sagt mein Mann. So weit geht er nicht. \u201cNiemand hat die Absicht, die Ukraine anzugreifen!\u201d Doch, sage ich. Bin in der DDR aufgewachsen und kenne diese Art Logik. Nichts hat sich ge\u00e4ndert. Du wirst sehen! Wie hat sich das Leben in der Diktatur angef\u00fchlt? fragt mich mein Mann. Stell dir vor, ein gro\u00dfes Auge sieht auf dich herab, immer. Und dann und wann entschlie\u00dft es sich, dich anzugreifen. Eine Nacht f\u00e4llt mir ein, war es Ende 1986 oder Anfang 1987? Eine kinderlose Tante war gestorben, erz\u00e4hle ich, um ihm ein Beispiel zu geben, ich hatte mir von meiner Erbschaft einen Trabant gekauft und gerade erst die Fahrpr\u00fcfung bestanden. Nach Jena ging meine erste Fahrt, ein Jugendpfarrer dieser Stadt hatte mich zu einer Buchlesung eingeladen. W\u00e4hrend der R\u00fcckfahrt auf der Autobahn, ein kalter Wintertag, etwa um Mitternacht war es, br\u00fctete ich \u00fcber die verschiedenen Reaktionen des Publikums. W\u00e4hrend die beiden Portr\u00e4ts aus meinem nur im Westen erschienen Buch <em>So sehe ick die Sache<\/em> gut angekommen waren (\u201cso frisch\u201d und \u201cwie aussagekr\u00e4ftig\u201d), hatten meine neuen Gedichte eher Kritik erfahren. \u201cMeinem Geschmack nach zu larmoyant\u201d sagte eine junge Frau nachdenklich, und sie hatte Recht. Ja, das waren diese Texte, zu tr\u00e4nenselig \u2013 eine Kritik, die ich heute teile. Statt Sprachkritik und Wortwitz nur ein bilderreiches Gejammer. Um diesen Punkt kreisten meine Gedanken, als ich bemerkte, zwei schwarze Autos begannen mich in die Zange zu nehmen. Eines vor mir, eines hinter mir, immer enger r\u00fcckten sie zusammen, gro\u00dfe, starke Wagen, zwischen ihnen meine hilflos knatternde kleine Schachtel. Angstschwei\u00df bricht mir heute noch aus, sage ich, wenn ich an diese Minuten denke. Und? fragt mein Mann, hattest du einen Unfall? Nein, dank eines K\u00fchltransporters nicht. Als er uns \u00fcberholte, die zwei schwarzen Wagen und mich, wie erleichtert sp\u00fcrte ich den Sog des Giganten, scherte ich aus der Umklammerung aus und klebte mich an das Gef\u00e4hrt. Wie entsetzt gr\u00f6lte mein Zweitaktmotor auf. Das Ger\u00e4usch ignorieren, durchrasen! rief ich mir zu. Und schaffte es. Unfallfrei schaffte ich es bis zu meiner Stra\u00dfe in Berlin. Die bedrohlichen schwarzen Gef\u00e4hrte verschwanden. Danach Tage in Schockstarre. Das war zum erstenmal, sage ich, dass mir das Wort <em>faschistoid<\/em> in den Sinn kam. Die DDR war faschistoid. Und Putin, er war damals KGB-Agent in Dresden, ist es heute immer noch, vielleicht ist er unterdessen ganz zum Faschisten geworden, wir werden sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur mit Sonnenbrille verlasse ich das Haus. Einkaufen geht gl\u00fccklicherweise mein Mann. Dank Corona gibt es keine Partys, gesegnet sei die Pandemie. Sp\u00e4ter heute Vormittag ein Termin bei einem anderen Chirurgen als dem, der mich operiert hat. Dr. Santos, dem Namen nach vielleicht ein Mexikaner, \u00e1ndale.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Putin! denke ich sp\u00e4ter im Wartezimmer und falle in Gedanken wieder in den DDR-Sumpf. Deine Stasi-Phobie! schelte ich mich. Wehrlos bin ich dagegen. Erinnern hei\u00dft mich im Zeitraffertempo aus dem Sumpf befreien, immer wieder von neuem. Sobald ich heraus bin und erleichtert nach Luft schnappe, f\u00fcllt Wasser das Loch, in dem ich gesteckt hatte, gurgelnd und schmatzend. Lieber an Tammy Faye denken!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie konnten Sie sich nur von einem Handchirurgen an den Augen operieren lassen! Das linke Lid sei falsch herum eingesetzt. Der Chirurg, sage ich, wirbt t\u00e4glich im Fernsehen, \u201cHeartland Plastic Surgery\u201d; es klingt \u00fcberzeugend, auf der Liste seiner K\u00fcnste steht neben boobs das Wort \u201cAugenlidstraffung\u201d; ich ging ihm eben in die Falle. Spanisch spreche ich. Das doppelte \u201cr\u201d kr\u00e4ftig rollen, wie sich mein Gaumen freut. Stammen Sie aus Mexiko? Nein, aus Guatemala, sagt Dr. Santos auf Spanisch. Ich erz\u00e4hle ihm, dass ich in Tikal war. Er kommt aus Antigua. Dort war ich auch! Wir unterhalten uns \u00fcber die sch\u00f6ne Stadt. Wie f\u00fcrchte ich die wunderbare Sprache zu verlieren, sage ich. Seit ich im Ruhestand bin, habe ich n\u00e4mlich keine Gelegenheit mehr Spanisch zu sprechen. Da es Ihre Muttersprache ist, Sie Gl\u00fccklicher, verlieren Sie sie nie! Woher ich komme, fragt mich der Arzt. Alemania oriental, sage ich und f\u00fcge f\u00fcr die Sprechstundenhilfe, die ihrem Gesichtsausdruck nach offensichtlich kein Spanisch versteht, hinzu: it was the communist part of Germany. Beide nicken, ja, sie erinnern sich daran, der Osten Deutschlands war kommunistisch. Dr. Santos fotografiert meine Augen, erst das linke, das am schlimmsten dran ist, dann das rechte. N\u00e4chste Woche werde er mich operieren und meine Lider in Ordnung bringen, sagt er beruhigend; er diktiert der jungen Sprechstundenhilfe, was sie \u00fcber die bevorstehende Operation notieren soll. Keine Bange, sagt er abschlie\u00dfend und legt mir die Hand auf die Schulter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freudestrahlend informiere ich meinen Mann \u00fcber die guten Aussichten hinsichtlich meiner Augen. Auch er erleichtert. Wei\u00dft du schon, welchen Film du heute Abend sehen willst? Ich glaube, ich sehe mir noch einmal \u201cThe Eyes of Tammy Faye\u201d an. Des unvorhersehbaren Endes wegen. Ob Gott mich auch so liebt, wie ich bin?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; 22.2.22 &nbsp; by Gabriele Eckart &nbsp; Zweien schneit es. Schnapszahlen, sagt mein Mann nach dem Erwachen und schw\u00e4rmt von dem Buch, das er gestern Abend zu Ende gelesen hat. A twisted ending that I did not see coming. B\u00fccher, die so enden, liebt er. Wie war dein Film? Gro\u00dfartig! sage ich. \u201cThe Eyes [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4340,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[320192],"tags":[],"class_list":["post-7885","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-comments-on-current-affairs"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7885","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4340"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7885"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7885\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7885"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7885"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7885"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}