{"id":8366,"date":"2024-05-17T08:57:06","date_gmt":"2024-05-17T12:57:06","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=8366"},"modified":"2024-06-15T15:07:09","modified_gmt":"2024-06-15T19:07:09","slug":"wriezen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2024\/05\/17\/wriezen\/","title":{"rendered":"Wriezen"},"content":{"rendered":"<p><em>This story by Gabriele Eckart will be included in her forthcoming volume <\/em>&#8216;Ach, du!&#8217; Zehn Geschichten\u00a0<em>which will appear in 2024 with <a href=\"https:\/\/verlag.koenigshausen-neumann.de\/autor\/eckart-gabriele\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">K\u00f6nigshausen &amp; Neumann<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Wriezen<br \/>\nvon Gabriele Eckart<\/h3>\n<p style=\"text-align: right;\">\u201cWe are alone in these things that we suffer.\u201d (Elizabeth Strout)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anfang der achtziger Jahre. Die Leiterin der Stadtbibliothek Wriezen, Edith K., hatte mich zu einem Literaturball eingeladen, was immer das sein sollte. Den Bus ab Strausberg nehmen, hatte sie mir geschrieben. Dazu die Abfahrtzeit. Das Gedr\u00e4nge an der Bushaltestelle. Ein d\u00fcnner kalter Regen fiel herab. Die meisten Wartenden Rentner, die, das entnahm ich den Gespr\u00e4chen, im Westen Verwandte besucht hatten, Einkaufst\u00fcten und Pakete schleppten sie. So heftig dr\u00e4ngten sie, als der Bus kam, dass am Ende gar keiner einsteigen konnte. Fl\u00fcche und Beschuldigungen: Sie dr\u00e4ngeln! Nein, ich nicht, Sie! Die Arbeiter unter den Wartenden klagten: Was die Rentner alle mit diesem Bus fahren m\u00fcssen, jetzt, wo wegen des Benzinmangels so viele Busse eingespart werden. Sind nicht alle Berufst\u00e4tigen hier auf diesen einen Bus am Freitag nachmittag angewiesen, um nach Hause zu kommen? Schlie\u00dflich stieg der Busfahrer aus, Ordnung schaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einen Sitzplatz ergatterte ich, sah bis Wriezen in den Regen hinaus, lackgr\u00fcn gl\u00e4nzende B\u00e4ume, und las zwischendurch Gedichte aus einem Band von Hermann Hesse, der aufgeschlagen auf meinem Scho\u00df lag. Ein Gespr\u00e4ch hinter mir riss mich aus meinen Gedanken \u00fcber das Gedicht \u201cStufen\u201d, das mich ber\u00fchrte. Was w\u00fcrde wohl meine n\u00e4chste Stufe im Leben sein? Um Versorgungsengp\u00e4sse in der DDR drehte sich das Gespr\u00e4ch. Was f\u00fcr kuriose Bl\u00fcten das schon treibt! sagte eine hohe Frauenstimme und erz\u00e4hlte, dass in ihrer Kaufhalle die Leiterin vermutet hatte, das Mehl w\u00fcrde wahrscheinlich nicht bis zur n\u00e4chsten Lieferung reichen; deshalb stellte sie ein Schild auf: Bitte, nur eine T\u00fcte nehmen! Jeder, der es liest, legt eine T\u00fcte Mehl in seinen Einkaufskorb, auch dann, wenn er gerade kein Mehl ben\u00f6tigt. Weil das Schild zwischen dem Mehl und dem Salz steht und man nicht genau wei\u00df, gilt es f\u00fcr das Mehl oder das Salz? nimmt man auch noch eine T\u00fcte Salz dazu und schickt, wenn man nach Hause kommt, die Kinder los, um Mehl und Salz zu kaufen. Wie es aussieht, sagt die Mutter zur Begr\u00fcndung, w\u00fcrden diese Waren jetzt auch knapp werden. Wie ein Lauffauer geht die Mitteilung durch die Stadt: Mehl und Salz jetzt auch! Bei Ladenschluss am Freitag gibt es im ganzen Ort kein Mehl und kein Salz mehr\u2026 Ach! kommentiert eine heisere M\u00e4nnerstimme hinter mir das Geh\u00f6rte. Einen Lacher musste ich unterdr\u00fccken angesichts der Komik dieses Gespr\u00e4chs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So versp\u00e4tet kam der Bus in Wriezen an, dass Edith K. mich schon nicht mehr erwartet hatte. Erfreut f\u00fchrte mich die gro\u00dfe, schlanke, ungeschminkte und auffallend schlicht gekleidete Frau in den Vierzigern sofort ins Stadtcaf\u00e9, wo Operettens\u00e4nger vom Theater in Frankfurt\/Oder gerade schmalzig tr\u00e4llerten, \u00fcber Liebe, Leid und Lust. Am Tisch mit der Stadtobrigkeit (B\u00fcrgermeister, Oberf\u00f6rster, Leiter der Gefl\u00fcgelfabrik und Pfarrer samt Ehefrauen) nahmen wir Platz. Ein Literaturquiz folgte auf den Gesang. Fragen \u00fcber Goethe, Schiller und die DDR-Literatur, Erich Weinert, Anna Seghers, Bertolt Brecht. Den ersten Preis gewann ein Lehrling der Gefl\u00fcgelfabrik. In den Pausen Unterhaltung. Edith K. hatte daf\u00fcr gesorgt, dass alle am Tisch mein letztes Buch gelesen oder wenigstens darin gebl\u00e4ttert hatten. Fragen stellten sie jetzt, zum Beispiel \u00fcber die psychisch stabilisierende Wirkung des Schreibens. Fragen, die ich gar nicht dumm fand. Ja, Schreiben sei eine Form der Psychotherapie f\u00fcr mich, sagte ich. Gar nicht leben k\u00f6nnte ich ohne diese Besch\u00e4ftigung. In diesem Moment spielte eine Kapelle zum Tanz auf. Die M\u00e4nner am Tisch tanzten der Reihe nach mit mir. All die T\u00e4nze in meinem fr\u00fcheren Leben, wie oft tanzten wir in der DDR. Polka. Walzer. Scharfe Aufpasserblicke der stark geschminkten Gattin des Gefl\u00fcgelfabrikleiters von ihrem Beobachtungsposten am Tisch aus, w\u00e4hrend ich mit ihrem Mann walzte. Ein versierter T\u00e4nzer. Nur redete er mir zu viel, w\u00e4hrend er mich herumschwang. Ein Klagelied dar\u00fcber, dass man in so einer Kleinstadt wie Wriezen keinen Freiraum habe f\u00fcr Gl\u00fcck und pers\u00f6nliches Leben, keine Anonymit\u00e4t g\u00e4be es wie in Berlin, dort habe er studiert, ja, diese wunderbare Anonymit\u00e4t der Gro\u00dfstadt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Tisch f\u00fcgte er hinzu, das Fehlen der Anonymit\u00e4t w\u00e4re aber der einzige Nachteil des Kleinstadtlebens. Diese Natur hier. Die Oder und die Wiesen. Haben Sie einmal vom Lebuser Burgberg nach Norden auf den Oderlauf geblickt? Die Pracht dieser Flusslandschaft. Morgen vormittag, es regne dann nicht mehr, werde er \u00fcbrigens drei Stunden lang in seinem Garten Mist karren und graben und beides genie\u00dfen, die Regenw\u00fcrmer schon allein! Ja, dieser Herbst, schw\u00e4rmte der Oberf\u00f6rster, als wir uns wieder den anderen zugesellten, wie die Bl\u00e4tter leuchten, gl\u00e4nzen\u2026 Aber bald kommt die graue Zeit, sagt seine Frau. Wie ich den November hasse, f\u00fcgt der B\u00fcrgermeister hinzu, seine Brillengl\u00e4ser gl\u00e4nzen im reflektierten Licht der Saalbeleuchtung. Der Dezember ist noch schlimmer, meint seine Gattin, eine graue Maus: Diesiger Schneeregen! Neugierig bringt sie das Gespr\u00e4ch auf das Thema der psychisch stabilisierenden Wirkung des Schreibens zur\u00fcck. Sch\u00f6n und gut, sagt sie, nachdem sie mir eine Weile gelauscht hat. Aber sagen Sie doch, falls Sie die Frage nicht als indiskret empfinden, sind Sie zufrieden mit Ihrem Leben\u2026 immer nur Schreiben! Keine Familie, kein Haus, keine Kinder. Bevor ich dazukomme zu sagen: der einzige Mann, mit dem ich gern Kinder h\u00e4tte, ist leider schon verheiratet und hat zwei Kinder\u2026 antwortet der Leiter der Gefl\u00fcgelfabrik f\u00fcr mich: Ich glaube schon, dass Fr\u00e4ulein E. zufrieden ist, sie hat doch daf\u00fcr\u2026 mehr Freiheit. Prost! Er hebt das Weinglas an die Lippen. Beinahe frech lachen mir seine Augen \u00fcber den Rand des Glases zu. Seine Frau, die unaufh\u00f6rlich raucht, bietet mir eine Zigarette an, gibt mir Feuer, w\u00e4hrend der Oberf\u00f6rster mit einem Blick auf den sich in der H\u00f6he verkr\u00e4uselnden Rauch wie ein Rohrspatz zu schimpfen beginnt: Das gef\u00e4llt mir nicht an Ihnen, Fr\u00e4ulein E., dass Sie rauchen! Wissen Sie, Sie k\u00f6nnten es sich abgew\u00f6hnen, wenn Sie nur wollten, aber Sie wollen ja nicht! Ich gebe ihm recht und verspreche ihm, mit dem Rauchen aufzuh\u00f6ren, ich h\u00e4tte es ohnehin schon seit langem geplant. Zufrieden mit meiner Antwort, l\u00e4dt er mich f\u00fcr den n\u00e4chsten Morgen zur Jagd ein, seine Frau h\u00e4tte nichts dagegen. Aber schon um f\u00fcnf gehts los. Als ich die Uhrzeit h\u00f6rte, lehnte ich die Einladung h\u00f6flich ab. Einspruch erhob auch Edith K.: Wir m\u00f6chten bis um acht Uhr schlafen. Und ich m\u00f6chte mich auch noch gern mit Fr\u00e4ulein E. eine Weile unterhalten, am Nachmittag f\u00e4hrt sie ja schon zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leicht betrunken taumelte ich sp\u00e4ter einem Neubaublock entgegen, meine Begleiterin sagte zufrieden: Sie haben den Leuten gefallen, unserer Prominenz! Vor ihrer Wohnungst\u00fcr, w\u00e4hrend sie in ihrer Tasche nach dem Sch\u00fcssel kramte und ich auf das Ticken der Lichtuhr lauschte, f\u00fcgte sie hinzu: Nun ja. Nicht nur, dass Sie B\u00fccher schreiben und sich klug unterhalten k\u00f6nnen, Sie sind auch h\u00fcbsch. Bevor ich einschlief, h\u00f6rte ich ihre Stimme sagen: Falls Sie im Bett noch rauchen wollen, bitte, ich habe einen Aschenbecher auf Ihren Nachttisch gestellt! Nein, danke, lallte ich, es waren heute schon zu viele Zigaretten. Danke f\u00fcr alles! Gute Nacht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verkatert erwachen. Dazu ein Brennen in der zerrauchten Kehle, ein trockener Husten; erst in Amerika w\u00fcrde es mir gelingen mit dem Rauchen aufzuh\u00f6ren. Wie gerne br\u00fcllte ich dem Oberf\u00f6rster zu \u00fcber die tosenden Wellen des Atlantischen Ozeans: Habs geschafft!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gurgeln der Kaffeemaschine. Kaffeeduft, L\u00f6ffelklappern, Tellerklirren. Vor dem Fr\u00fchst\u00fcck (Br\u00f6tchen, weichgekochte Eier) nahm ich rasch ein Bad, meine Gastgeberin hatte mir die Wanne schon vorbereitet. Neubauwohnung, blauer Spannteppich, gestreifte Tapete, Pastellfarben, ein paar M\u00f6bel, meinem Geschmack nach standen sie zu sehr im rechten Winkel zueinander. Zimmerpflanzen, Palmen und Kakteen, lockerten das strenge Bild etwas auf. Mit Blumenmustern verzierte Keramikt\u00f6pfe. Auf einem Regal mit Miniaturmalereien verzierte K\u00e4stchen. Dazu gerahmte Fotos von einem blondgelockten Kind mit einem in den Mund geschobenen Daumen und von einem gutaussehenden jungen Mann an einem Turnger\u00e4t, dem man das Kindergesicht noch ansah. Eine Schale mit Salzn\u00fcssen auf dem Couchtisch. Um die Zentralheizung beneide ich Sie! sagte ich und erz\u00e4hlte ihr vom Kohlenschleppen jeden Morgen in meinem Hinterhaus in der Auguststra\u00dfe. Im Winter bullert mir die Heizung zu sehr; die Temperatur ist nicht regulierbar, sagt meine Gastgeberin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von den Oderfestspielen vor einem Jahr erz\u00e4hlt sie mir w\u00e4hrend des Fr\u00fchst\u00fccks; sie war im Gemeindeverband Wriezen die Hauptinitiatorin gewesen. Ein Preisausschreiben! In die Bezirkspresse lie\u00df sie die Frage setzen: Wer kennt gute Kochrezepte aus dem Oderbruch? Hunderte Zuschriften. Neunundneunzig davon stellte sie zu einem Kochbuch zusammen, schrieb ein kluges Vorwort und beantragte die Druckgenehmigung. Nach einer Ewigkeit kam endlich eine Nachricht: Geht nicht, neunundneunzig Rezepte seien zu viele, Papiermangel. Sie strich die Rezepte auf die H\u00e4lfte zusammen und reichte das Manuskript erneut ein. Lange Zeit keine Reaktion, dann h\u00f6rte sie, ihr Manuskript l\u00e4ge derzeit in Frankfurt\/Oder auf dem Tisch der SED-Bezirksleitung. Sie rief dort an: sie wolle ihr Manuskript wiederhaben. Vorladung zum B\u00fcrgermeister. Ihr Manuskript auf der Schreibtischplatte, eilten seine Augen unruhig zwischen ihrem Gesicht und dem Papierstapel hin und her: Also, Frau K., das geht \u00fcberhaupt nicht! Die meisten dieser Gerichte sind mit Rind- oder Schweinefleisch! Denken Sie nur an die schlechte Fleischversorgung jetzt, fast rebellisch werden die Frauen vor den geschlossenen Fleischerl\u00e4den! Aber wir haben das Buch in der Kreispresse gro\u00df angek\u00fcndigt; ohne das Buch gehen die Oderfestspiele nicht! erwiderte Edith K. leise. Sie einigten sich darauf, die meisten Fleischgerichte zu streichen; ein schmales Heft wurde am Ende gedruckt; Edith K. zeigt es mir besch\u00e4mt. Haupts\u00e4chlich Nachspeisen, Fleisch erfordern die ja nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was f\u00fcr einen frischen Teint Frau K. hat! fiel mir w\u00e4hrend des Fr\u00fchst\u00fccks auf. So stark leuchtet ihre Haut, dass sie es gar nicht n\u00f6tig hat, sich zu schminken. Wahrscheinlich hat sie nie geraucht, und dazu diese gro\u00dfen, klaren, haselnussbraunen Augen, \u00fcberdacht von langen dichten Wimpern! Jedoch wie traurig sahen diese Augen aus, denke ich heute r\u00fcckschauend. Hatte ich mich nicht von Anfang an gewundert, welch ein Geheimnis dieser traurige Ausdruck verbarg? Ein Elend schien dieser Frau das Herz abzudr\u00fccken. Erst beim \u00fcbern\u00e4chsten, oder war es beim \u00fcber\u00fcbern\u00e4chsten, Besuch in Wriezen w\u00fcrde sie mir erz\u00e4hlen, dass ihr Sohn wegen eines Republikfluchtversuchs im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, haupts\u00e4chlich daher r\u00fchre ihre tiefe Niedergeschlagenheit. Erschrocken musste ich an die Ortsprominenz denken, die ich ja w\u00e4hrend des Literaturballs kennengelernt hatte. Eine Schlammflut aus Klatsch und Ger\u00fcchten? Ediths Kummer, auch Scham? Nachzuf\u00fchlen vermochte ich ihre Trauer. Hinzukam, wieviel wussten die Leute in Wriezen von den Gr\u00fcnden ihres Sohnes, die DDR verlassen zu wollen? Weil er homosexuell war und Homosexuelle in der DDR schlecht behandelt wurden, hatte er einen Ausreiseantrag gestellt; der Antrag war abgelehnt worden. Ihr Sohn flutete daraufhin den Rat des Stadtbezirks mit neuen Antr\u00e4gen; nie erreichte ihn eine Antwort. Nach zwei Jahren ungeduldigen Wartens wagte er auf Hiddensee einen Fluchtversuch; jetzt sa\u00df er gefangen und hoffte darauf, dass er vom Westen bald freigekauft wurde. Hoffentlich hatte Edith sich wenigstens dem Pfarrer anvertraut. Er hatte von allen am Tisch w\u00e4hrend des Literaturballs den besten Eindruck auf mich gemacht. Schweigsam und mitf\u00fchlend. Mit ihm zu tanzen war mir wegen seines w\u00fcrdigen Gesichtsausdrucks am angenehmsten gewesen. War nicht geteiltes Leid halbes Leid?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem sie resigniert das Heft mit den Rezepten ins Regal zur\u00fcckgestellt hatte, sagte Edith K.: So viele M\u00e4nner wurden in den letzten Tagen zum Reservedienst eingezogen, sogar \u00c4ltere. Was ist los? Beim Literaturball gestern sa\u00dfen am Tisch, der f\u00fcr die Eisenbahner des Bahnbetriebswerks Wriezen reserviert war, fast nur Sch\u00fcler der neunten und zehnten Klasse. Die V\u00e4ter waren eingezogen worden, die Frauen wollten nicht allein zum Ball, also gaben sie die Karten den \u00e4lteren Kindern. Der Nachbartisch war der Lehrertisch. Ich wunderte mich dar\u00fcber, sagte sie, dass die Lehrer schon so fr\u00fch nach Hause gingen, gerade als die Tanzmusik einsetzte und es schwungvoll zu werden versprach, verlie\u00dfen sie den Saal. Aber nat\u00fcrlich, sie f\u00fchlten sich von ihren Sch\u00fclern beobachtet! Nach einem erschrockenen Blick \u00fcber den Rand der Kaffeetasse fragte sie mich: F\u00fcrchtete die Partei vielleicht einen Aufstand wegen der schlechten Versorgung, und zog deshalb fast alle M\u00e4nner im wehrpflichtigen Alter zum Milit\u00e4r ein? In Berlin war die Versorgung besser, Fleisch gab es immer im Konsum bei mir um die Ecke, deshalb hatte ich \u00fcber diese Frage noch nicht nachgedacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unser Spaziergang. Kein Regen mehr. Bunte Bl\u00e4tter, die Pirouetten tanzten. Wir streiften durch eine Gartenanlage. Vogelgesang. Sauber geschnittene Hecken. Dann Lauben, verblichener Putz, grau oder ockergelb. Mit Teerpappe benagelte D\u00e4cher. In einem Garten ein Sandkasten und eine Rutsche f\u00fcr Kinder. An einem Holztisch ein alter Mann, der mit beiden H\u00e4nden seinen Kopf st\u00fctzte. Unter unseren Schritten knirschte der Schotter des Weges. Sp\u00e4ter ein Ausblick auf das weite, sanft gewellte Land. Abgeerntete Kartoffel- und Kornfelder, ein Streifen Schilf, fette Kr\u00e4hen, dahinter dichter Kiefernwald. Hier konnte man die Seele strecken, dachte ich. Vor einer Baumgruppe mit Eschen und Eichen ein Holundergeb\u00fcsch. Die Beeren! entfuhr es mir. Wie schade, dass wir keine Beutel mithaben! Sonst w\u00fcrde ich uns sp\u00e4ter f\u00fcr das Mittagessen eine Holundersuppe kochen. Fleischlos! Wollen Sie das Rezept, Frau K.? Dann k\u00f6nnten Sie morgen noch einmal zur\u00fcckkommen und die Holunderbeeren ernten. Gut, notieren Sie es mir, wenn wir zur\u00fcckkommen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alt bin ich heute. Der Drang zum Schreiben l\u00e4sst allm\u00e4hlich nach. Ausgerechnet jetzt, wo ich endlich \u00fcber Zeit in H\u00fclle und F\u00fclle verf\u00fcge und immer deutlicher sp\u00fcre, jenes Land namens DDR, so wie es sich in meiner Erinnerung darstellt, ist noch lange nicht auserz\u00e4hlt. Bange ist mir, alles k\u00f6nnte verrauschen, als h\u00e4tte es nie existiert. W\u00fcrde ich jetzt nicht diesen Erinnerungstext verfassen, w\u00fcsste morgen niemand mehr, dass es eine Frau namens Edith K. gab und was diese Frau durchgemacht hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meines n\u00e4chsten Besuchs in Wriezen, Edith hatte mich in ihre Bibliothek zu einer Lesung eingeladen, streifte das Gespr\u00e4ch auf dem Nachhauseweg ihren Sohn. \u00dcber die Liebe redeten wir, so hatte unser Gespr\u00e4ch \u00fcber den Sohn angefangen. Vor Neugier auf mein Liebesleben schien Edith zu platzen. Du lieber Himmel! sagte ich. Seit Jahren war ich einem verheirateten Mann verfallen, einem Literaturwissenschaftler, Heine-Spezialist, ein Jahr \u00e4lter als meine Mutter war er. Jahrelang hatte er neben mir noch andere Freundinnen gehabt, immer nur Geliebte Nummer zwei war ich. Man lernt damit zu leben, Edith! Dass die Eifersucht, nicht auf seine Ehefrau, sondern auf die Geliebte Nummer eins, Sigrid hie\u00df sie, mich jahrelang erdrosselt hatte, erw\u00e4hnte ich nicht. Nat\u00fcrlich \u00e4rgerte ich mich \u00fcber die Besessenheit meiner Liebe zu diesem Mann, aber konnte nichts dagegen tun. Jetzt war er schwer krank und impotent, Nierenversagen; und ich tr\u00e4umte davon ihn im Rollstuhl durch den Friedrichshain schieben zu d\u00fcrfen. Manchmal schlief ich mit anderen M\u00e4nnern, aber das war nichts, des Zaubers entbehrten diese Begegnungen. So stand es bei mir. Und bei dir?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drei Ans\u00e4tze ben\u00f6tigte Edith, bevor sie auf den Punkt kam: Ihre gro\u00dfe Liebe sei ein sowjetischer Soldat gewesen, zwei Jahre lang geh\u00f6rte sie nicht mehr sich selbst, so sehr war sie ihrer Liebe zu dem Soldaten verfallen. Brennendes Gl\u00fccksgef\u00fchl und darauf ein ma\u00dfloser Kummer. Denn leider wurde er nach der Geburt ihres Sohnes versetzt, sp\u00e4ter in die Sowjetunion zur\u00fcckgeschickt. Nie wieder h\u00f6rte sie von ihm. Die Fieberhaftigkeit dieser Jahre. Und das Gerede, dachte ich beim Zuh\u00f6ren: Die scharwenzt mit den Russen! Als ihr Sohn \u00e4lter wurde (wie der Vater sah er aus, gro\u00df und blond, ich musste an das gerahmte Foto im Regal ihrer Wohnung denken, das einen gutaussehenden jungen Mann an einem Turnger\u00e4t zeigte), beschloss er eines Tages, er wolle nicht l\u00e4nger im Dunkeln tappen und reiste in die Sowjetunion. Vatersuche. Jahrelang. Ergebnislos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Stadt zeigte mir Edith erst w\u00e4hrend meines n\u00e4chsten Besuchs in Wriezen. Zerdehnter Ort, ohne Zentrum, ohne Marktplatz. Allein eine sp\u00e4tgotische teilweise zerbombte Kirche gab es. Wo einmal ein Zentrum gewesen sein musste, da stand sie. Rote Backsteinruine, aus der mutlos kleine Birken sprossen. Allenorts trostlos aussehende Neubauten, Plattenbau. Losungen. \u201cHohe Leistungen zum Wohl des Sozialismus und f\u00fcr den Frieden.\u201d \u201cVorw\u00e4rts beim Aufbau des Sozialismus!\u201d Gottverlassen wirkt der Ort auf mich heute noch in der Erinnerung; z\u00e4hfl\u00fcssig rinnt Langeweile durch die Stra\u00dfen. Nur in der Hauptstra\u00dfe noch Altbausubstanz. Kleine Kraml\u00e4den. Zwei Fleischerl\u00e4den, in denen es leider nur, sagt Ediths Stimme, Suppenfleisch gibt. Vor dem zweiten eine Schlange Frauen. Ab f\u00fcnfzehn Uhr soll es hier Wurst geben. Stoisch warten die alten Frauen, die j\u00fcngeren zappelnd und schimpfend: Wo gibts denn so was, keine Wurst mehr! Was sollen wir unseren M\u00e4nnern auf die Stullen legen! Das ist unsere Stadt, sagt meine Begleiterin verlegen. Entschuldigend f\u00fcgt sie hinzu: War ja nach dem Krieg zu einem Dreiviertel zerst\u00f6rt. Wo arbeiten die Wriezener? frage ich, w\u00e4hrend wir vor geschlossenen Eisenbahnschranken zusammen mit einer Menge anderer Fu\u00dfg\u00e4nger warten m\u00fcssen, neben uns eine endlose Autoschlange. Edith sagt: Im Betonwerk, im Eierkombinat, in der Entenmast und in einer Zweigstelle des Halbleiterwerks; die Teile der Halbleiter, die in unserer Gegend hergestellt werden, verpacken sie da. Endlich kommt der Zug, ein G\u00fcterzug, rumpelnd kriecht er vorbei, die Schranken gehen hoch. Die nachhallenden Ger\u00e4usche. Darauf h\u00fcllt uns eine Wolke Auspuffgase von Zweitaktmotoren ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter \u00fcberqueren wir eine kleine Br\u00fccke, unten paddeln zwei kleine M\u00e4dchen in Badeanz\u00fcgen und mit Schwimmringen um den Bauch auf einer Luftmatratze im schmutzigen Wasser. Br\u00fche, denke ich. Unser Kanal, sagt Eva verlegen. Mit St\u00f6cken schieben die M\u00e4dchen sich \u00e4chzend vorw\u00e4rts. Rechts und links je ein St\u00fcck Wiese mit alten, krumm gewachsenen Apfelb\u00e4umen, kleine wei\u00dfe Bl\u00fcten lugen aus dem Rasen. Auf einer Bank ein junger Mann mit halb zugekniffenen Augen, ein unh\u00f6rbares Murmeln bewegt seine Lippen. Danach ein winziger Rummelplatz mit Schie\u00dfbude und Karussell, am Schie\u00dfstand h\u00e4lt ein Mann ein Gewehr, vor dem Karussell wartet die Karusellfrau verdrie\u00dflich auf G\u00e4ste. Ein Sonnenstrahl sticht durch die Wolkendecke und ihr Gesichtsausdruck hellt sich auf. Der Rummelplatz ist das ganze Kulturangebot f\u00fcr unsere Bev\u00f6lkerung! sagte Edith ironisch. Und dazu ab und zu ein Literaturball, antwortete ich. So langweilig war er ja gar nicht gewesen, ganz im Gegenteil. Meine Begleiterin, die Sch\u00f6pferin jenes Balles, sah ich von der Seite, strahlte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hinter dem Platz mit der Schie\u00dfbude und dem Karussell ein moderner Flachbau, auf dem das Wort <em>Stadtcaf\u00e9<\/em> prangte. Jetzt gehen wir in unser bestes Caf\u00e9, sagte Edith. Ein hallenartiger Raum mit einer steril wirkenden gro\u00dfen Theke, Sprelacart. Eine gro\u00dfe Uhr, die falsch ging. Von den Kellnern abgesehen keine Menschenseele. Na ja, ein Wochentag, sagte meine Begleiterin, und das Gef\u00fchl der Trostlosigkeit \u00fcberkam mich von neuem, f\u00fchlte sich nicht hier leben m\u00fcssen wie lebendig begraben sein an? Mir auf die Lippen bei\u00dfen, um das nicht laut zu sagen. An einem Vierertisch unter einer gerahmten Urkunde mit Wettbewerbsergebnissen nahmen wir Platz. Licht flutete herein. Was a\u00dfen wir? Ein Steak, dazu tranken wir Rotwein, f\u00e4llt mir ein, wenn ich \u00fcber unsere Mahlzeit in dieser Gastst\u00e4tte nachdenke; ohne Ediths vielsagende Bemerkung: Es gibt ja sonst kein Fleisch in dieser Stadt! h\u00e4tte ich die Mahlzeit wahrscheinlich l\u00e4ngst vergessen. Aber so erinnern sich meine Geschmacksnerven noch heute an das Steak, es schmeckte gut. Im besten Restaurant der Stadt, in welchem \u201cdie Prominenz\u201d a\u00df, ich war offensichtlich seit dem Literaturball ein Teil dieser \u201cProminenz\u201d, gab es nat\u00fcrlich Fleisch. Edith schien beim Essen ganz hin zu sein. Wie sie mich anl\u00e4chelte mit ihren regelm\u00e4\u00dfigen, sehr wei\u00dfen Z\u00e4hnen. Sie wollte am liebsten f\u00fcr den Rest ihres Lebens hier mit mir sitzen bleiben, schien dieses L\u00e4cheln zu sagen. Mich in ihrem Blick ausruhen k\u00f6nnen. Und wie sie ihre langen schlanken, von einem farblosen Nagellack gl\u00e4nzenden Finger flocht, fast zufrieden sah sie aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wor\u00fcber redeten wir, w\u00e4hrend wie die Steaks verschlangen und am Wein nippten? \u00dcber Wriezen (die f\u00fcrchterlich zerst\u00f6rte und auf \u00f6de Weise schnell wiederaufgebaute Stadt) und sp\u00e4ter, bevor wir aufbrachen, \u00fcber Kulturpolitik. Wie immer bei diesem Thema hatte ich einen meiner Redeausbr\u00fcche, f\u00fcr die ich mich am n\u00e4chsten Morgen nach dem Aufwachen sch\u00e4mte. Unsere Auffassungen, stellte sich heraus, lagen nicht weit auseinander. Diese geistige Enge und Unfreiheit seit der Biermann-Ausb\u00fcrgerung! An die Demagogenverfolgung in Preu\u00dfen Anfang des neunzehnten Jahrhunderts f\u00fchlte man sich erinnert, nicht? Edith fragte mich nach Schriftstellern, die ich kannte, wollte wissen, was sie \u00fcber diese schier unertr\u00e4gliche Situation dachten. Sie leiden, sagte ich. Mit Ausnahmen. Manche schmieren sich bei der Macht an. Bei wem konkret? Bei Gerhard Henniger, Sekret\u00e4r des Schriftstellerverbandes, und bei Hermann Kant, dem Pr\u00e4sidenten, widerliche Funktion\u00e4re beide. Mit ungeteilter Aufmerksamkeit lauschte Edith.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal bewegte mich die Frage, war sie seit ihrer dramatischen Liebesgeschichte mit dem sowjetischen Soldaten, um die drei\u00dfig Jahre lag sie zur\u00fcck, nicht furchtbar einsam? Einmal platzte die Frage aus mir heraus. Weder mit ja noch mit nein antwortete Edith. Ausweichend sagte sie, nun, sie betreibe jetzt, wie soll sie das ausdr\u00fccken\u2026 \u201cM\u00e4nnerfang\u201d. Einen Stapel Briefe baute sie in ihrer Wohnung vor mir auf; nach einer Heiratsanzeige in der <em>Wochenpost<\/em> hatte sie diese alle erhalten. Schau nur! K\u00f6nntest du sie bitte lesen und auch die Durchschl\u00e4ge meiner Antworten darauf? Ich verstehe nicht, warum die meisten M\u00e4nner nach meinem Antwortbrief nicht mehr schrieben. Sofort machte ich mich an die Lekt\u00fcre. Danach sagte ich: Kein Wunder! So knapp und spr\u00f6de deine Antworten; wie eine Absage klingen sie. Oder so, als h\u00e4ttest du noch werwei\u00dfwieviele andere Heiratskandidaten auf Lager und bist an diesen hier nicht weiter interessiert! Wie meinst du das? Zum Beispiel schreibst du niemals \u201cich\u201d. \u201cBin Bibliothekarin. Habe Ihre Zuschrift erhalten&#8230;\u201d H\u00f6chstens sechs oder sieben Zeilen, kalt wie eine Aktennotiz. Welcher Mann sollte dich nach der Lekt\u00fcre so eines Briefes n\u00e4her kennen lernen wollen? Ich nicht, wenn ich ein Mann w\u00e4re, das sag ich dir. Aber zwei antworteten doch, kam leise Ediths Antwort. Und ich beschloss, sagte sie, die beiden kennenzulernen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zuerst ein Witwer, ehemaliger Lehrer in Rostock, jetzt Rentner. Sie hatte sich bei ihm angemeldet, stand vor seiner Wohnungst\u00fcr und wagte nicht zu klingeln, weil sie auf dem Weg vom Bahnhof zu seiner Wohnung in den Regen gekommen war. Keinen Regenschirm hatte sie dabeigehabt, sah wahrscheinlich wie ein nasser Pudel aus. Mit dem n\u00e4chsten Zug zur\u00fcckfahren. Warum l\u00e4dtst du ihn nicht nach Wriezen ein? Um Gotteswillen, was sagen die Leute im Haus, wenn bei mir immer andere M\u00e4nner klingeln. Wenn schon, dann fahre ich dorthin, wo diese M\u00e4nner wohnen und schaue sie mir mitsamt ihrer Wohnungen an. Ein Blick, und du lernst so viel \u00fcber ihren Charakter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Frankfurt\/Oder besuchte sie einen \u201cRegisseur\u201d (so stand es im Telefonbuch), eine verkrachte Existenz, dieser Eindruck \u00fcberfiel sie sofort, als sie ihn sah; in der Konzert- und Gastspieldirektion hielt er manchmal Vortr\u00e4ge, sagte er. Am Bahnhof holte er sie ab, beinahe barsch klang es, als er sagte: Gehen wir zu mir nach Hause, ein K\u00e4ffchen trinken! Die Wohnung starrte vor Schmutz, im Flur entdeckte sie Unmengen leerer Schnapsflaschen. Versoffen also. Den Kaffee, den er zubereitete, trank sie nicht, \u201caus Angst, dass er mir was reingemacht hat\u201d. Sein Blick, hungrig und stier nannte sie ihn, erschreckte sie. Sie sagte sehr h\u00f6flich: Sie sind leider nicht der Richtige f\u00fcr mich! nahm ihre Jacke und eilte davon. Das h\u00e4tte ich dir aus dem Brief, den er dir auf deine Annonce hin geschrieben hatte, schon voraussagen k\u00f6nnen, neunmalklug sagte ich das. Nur schnell mal ins Bett springen, weiter wollte der nichts von dir. Der Brief des Rostocker Witwers dagegen war h\u00f6flich und phantasievoll. Edith gestand mir, dass sie sp\u00e4ter noch einmal nach Rostock gefahren sei und ihn getroffen habe. Welch ein netter Mann! Nur mit der Gr\u00f6\u00dfe haben Sie geschummelt! sagte sie ihm lachend zur Begr\u00fc\u00dfung. Schmunzelnd hatte er darauf geantwortet: Nein, fr\u00fchmorgens bin ich wirklich einen Meter zweiundsechzig gro\u00df, schrumpfe nur etwas im Laufe des Tages. Was f\u00fcr ein strahlender Tag war das, schw\u00e4rmte sie, und ganz als ein Gentleman habe er sich benommen. Lange Briefe austauschen; insofern war ihre Anzeige nicht ganz umsonst gewesen. Kein Mann f\u00fcr sie wegen der K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe, schlie\u00dflich \u00fcberragte sie ihn wie ein Turm, aber ein Freund.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei Monate sp\u00e4ter klingelte Edith Sturm bei mir in Berlin. Sch\u00f6n siehst du aus, sagte ich \u00fcberrascht, und es liegt nicht nur an dem Lidstrich \u00fcber den Augen und dem sachte aufgetragenen Lippenstift. Also, wenn es hei\u00dft, Liebe macht sch\u00f6n, dann stimmt das! sagte sie err\u00f6tend, ob du siebzehn bist oder siebzig. Mein Herz klopft so stark, Gabi! Mit federnder Stimme erz\u00e4hlte sie mir noch im Flur: Ihr Telefon in der Bibliothek habe geklingelt, sie war gerade dabei eine Anschaffungsliste f\u00fcr neue B\u00fccher anzufertigen, zu Hause hatte sie ja keinen Telefonanschluss. Eine ihr wohl bekannte Stimme sagte: Hier ist Erwin, ich bin jetzt geschieden, bist du noch frei? Im Augenblick noch, antwortete sie stotternd und f\u00fcgte lachend hinzu: Aber du musst dich beeilen! Wer ist Erwin? fragte ich sie \u00fcberrascht. Na, der Ingenieur aus Eisenh\u00fcttenstadt, neun Jahre \u00e4lter als ich, schon ein bisschen trottelig, aber sonst\u2026 \u00a0Sie legte den Daumen und Zeigefinger der rechten Hand aneinander und k\u00fcsste ihre Fingerspitzen. Er war mein Kurschatten gewesen vor einigen Jahren zur Kur in Bansin, erz\u00e4hlte sie. Wie verliebt waren wir! Nach der Kur brach ich die Beziehung ab, wollte mich ja nicht in seine Ehe h\u00e4ngen, Heimlichtuerei w\u00e4re n\u00f6tig gewesen, auf ihre Regeln lasse ich mich nicht ein. Aber neulich erkl\u00e4rte ihm Erwins Frau: Unsere Kinder sind erwachsen, ich such mir einen anderen Mann! Lie\u00df sich scheiden\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Setz dich, Edith! Kaffee kochen ging ich. Sie folgte mir in die K\u00fcche und fuhr mit ihrer Geschichte fort: Dann bin ich bei dir blo\u00df L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer, habe sie am Telefon erwidert, obwohl ein Gef\u00fchl ihr sagte, so stand es ganz gewiss nicht um seine Gef\u00fchle. Letztes Wochenende waren wir in Prenzlau, er hatte ein Hotelzimmer reserviert. Mein Gott, wir waren wie die Kinder! Schwebten umher und kusselten uns. Und tanzen kann er! Wie schwungvoll, obwohl er dieses steife Fu\u00dfgelenk hat und orthop\u00e4dische Schuhe tragen muss. Und in der Partei ist er auch nicht, kritisch wie ich denkt er \u00fcber den Staat. Am Wochenende kommt er nach Wriezen, soll er kommen! Sollen die Leute gaffen! Ich hol ihn sogar an der Bushaltestelle ab, obwohl meine Kollegin dort wohnt und immer, wenn ein Bus kommt, neugierig aus dem Fenster h\u00e4ngt. Hab schon zu meinem Sohn gesagt: Also, h\u00f6r mal, deine Mutter, die hatte ja ein ganz sch\u00f6n turbulentes Jahr. So ein Verschlei\u00df an M\u00e4nnern! Und jetzt hat sie den Richtigen gefunden! Da freu ich mich f\u00fcr dich, du hast ja so viel nachzuholen! antwortete er. Edith strahlte. Nie hatte ich gedacht, dass sie einmal so strahlen w\u00fcrde. Wenn alles gut geht, ziehe sie bald zu ihrem Freund. Aus Wriezen weg sein. Weg f\u00fcr immer! Ach, Wriezen! Wie oft habe ich sie die zwei W\u00f6rter schon sagen h\u00f6ren im Laufe der Zeit, mit einem seufzenden Ton. Tags\u00fcber habe ich meine Arbeit, sagte sie einmal. Aber abends? Da guckst du nur in die Flimmerkiste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder Herbst war es w\u00e4hrend meines zweiten (oder war es w\u00e4hrend meines drittens?) Besuchs in Wriezen gewesen. Bewegungss\u00fcchtig dr\u00e4ngte ich Edith zu langen Spazierg\u00e4ngen. Windb\u00f6en sch\u00fcttelten gelbes Laub aus den B\u00e4umen und wirbelten es vor unseren Augen herum. Wieder schwelgte ich im Anblick der weichen, von B\u00e4chen durchzogenen H\u00fcgellandschaft, die sich mit ihren abgeernteten grauen oder braunen \u00c4ckern bis zum Horizont erstreckte. Wieder hingen die Holunderb\u00fcsche voller dicker, \u00fcberreifer schwarzer Beeren, die danach schrien geerntet zu werden. Hast du dir im vergangenen Jahr eine Holundersuppe gekocht, Edith? Das Rezept hatte ich ihr aufgeschrieben. Leider war sie nicht dazu gekommen. Bevor ich mit dem Bus zur\u00fcckfuhr, kaufte sie mir an einem Blumenkiosk einen gro\u00dfen Strau\u00df Chrysanthemen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei meinem n\u00e4chsten Besuch in Wriezen (keine Einladung zu einer Lesung diesmal, ich wollte einfach Edith sehen und dazu den Himmel, der sich \u00fcber der Oderlandschaft so viel weiter w\u00f6lbte als in Berlin) kein Wort mehr \u00fcber Erwin aus Ediths Mund. Ein Gef\u00fchl verbot mir nach ihm zu fragen. Stattdessen klagte sie: Der Sohn, der Sohn! Die Sorge um ihn umschn\u00fcrte ihr Herz. Ihre Schultern bebten. Sie besuchte ihn im Gef\u00e4ngnis, in Cottbus war das. So oft, wie es nur geht, besuche ich ihn, Gabi! Ach, w\u00fcrde er doch bald freigekauft! Die Ungewissheit des Ausgangs der Geschichte zerrte an ihren Nerven. In die DDR wollte er nach der Verb\u00fc\u00dfung seiner Haftstrafe nicht zur\u00fcck. Einen Freund besa\u00df er in Westberlin, der hatte ihn \u00fcber die Jahre in Rostock, Ediths Sohn arbeitete auf der Werft als Zimmermann, besucht; mit diesem Freund wollte er leben. Aber dann siehst du ihn nicht mehr, bis du in Rente gehst, Edith! rutschte es mir heraus. Nat\u00fcrlich wollte sie f\u00fcr ihn, den \u00fcber alles geliebten Jungen, nur das, was er selbst wollte, und das waren die Stadt Westberlin und der Freund, der dort lebte! Ihre eigenen W\u00fcnsche z\u00e4hlten f\u00fcr sie seinen W\u00fcnschen gegen\u00fcber nicht. W\u00e4hrend sie das sagte, versuchte sie ein paar Tr\u00e4nen aus den Augen wegzublinzeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend unseres Spaziergangs, kein Herbst diesmal, keine Holunderbeeren, nur bl\u00fchende wei\u00dfe Dolden, deren s\u00fc\u00dfer Duft uns umfing (und ich biss mir auf die Zunge, um Edith nicht sofort das Rezept f\u00fcr eine Holunderlimonade aufzudr\u00e4ngen, die man aus den Dolden kochen konnte), schauten wir eine Weile einem Specht zu, an einem Baumstamm hackte er. Pl\u00f6tzlich sagte Eva: Wei\u00dft du, mein Sohn\u2026 Mit sechzehn hatte er eine Freundin. Aber die Frau sagte ihr, als sie sich neulich vor dem Fleischerladen beim Schlangestehen unterhielten, es war nicht dasselbe wie mit einem anderen jungen Mann. Nicht k\u00fcssen wollte er sie und auch nicht anfassen. Aber wozu brauchte er dann eine Freundin? Edith zuckte nur mit den Achseln. Dass ihr Sohn homosexuell war, nicht zu gestehen wagte sie es. Niemanden in Wriezen ging das etwas an. Darauf sagte Edith, sie wisse nicht mehr, welches Schulbuch es war, aber bestimmte Unterrichtsmaterialien, von denen ihr Sohn beim Abendessen manchmal erz\u00e4hlte, stellten Homosexualit\u00e4t als pathologisch dar. Ver\u00e4ngstigt von der Lekt\u00fcre, hatte er damals beschlossen, eine Freundin zu finden\u2026 Auf diese Art erkl\u00e4rte sich Edith die enge Freundschaft ihres Sohnes mit jener Frau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem besserwisserischen Ton, f\u00fcr den ich mich heute sch\u00e4me, entgegnete ich: So schlimm geht es Homosexuellen gar nicht mehr in der DDR. Jedenfalls ist der Paragraph 175 im Strafgesetzbuch, der Homosexualit\u00e4t kriminalisiert hatte, getilgt worden. Stimmt, sagte Edith, grobe Gewalt von Seiten der Polizei\u2026 so etwas hatte ihr Sohn in Rostock, wo er seine Homosexualit\u00e4t nicht versteckte, zum Gl\u00fcck nicht erfahren, nur in Wriezen versteckte er sie. Aber in der \u00d6ffentlichkeit\u2026 dort w\u00fcrden Homosexuelle immer noch angegriffen, homophobe Beschimpfungen; einer seiner besten Freunde war verbal niedergemacht und danach verpr\u00fcgelt worden, das Leben hatte er sich daraufhin genommen. Rosa von Praunheims Film <em>Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt<\/em>, dreiundsiebzig im Westfernsehen ausgestrahlt und auch in der DDR gesehen, hatte ihn elektrisiert. Dann fand er heraus, dass den homosexuellen Opfern der Hitler-Diktatur die Mitgliedschaft in den Opferverb\u00e4nden \u201cVereinigung der Verfolgten des Naziregimes\u201d und \u201cOpfer des Faschismus\u201d verwehrt wurde. Ungeheuerlich fand er das. Wir fanden das auch, Edith und ich, auf unserer Bank, von der aus wir dem Specht zuschauten und seinem tak, tak, tak lauschten. Einen Augenblick lang dachten wir an die hoffentlich baldige Erl\u00f6sung der Homosexuellen in der DDR, als handele es sich um die Erl\u00f6sung der Menschheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gef\u00e4ngnis. Ihre Haushalttage benutzte Edith, um ihren Sohn dort zu besuchen. \u00c4pfel brachte sie ihm regelm\u00e4\u00dfig, was anderes, sagte sie, darf ich ihm nicht mitbringen, B\u00fccher auf keinen Fall. Die Atmosph\u00e4re dort, Gabi! Massen von Uniformierten, \u00fcberall rasselt und knackt und summt es. Die Ger\u00e4usche spuken dir in die Tr\u00e4ume hinein&#8230; K\u00fcrzlich war sie wegen einer Verletzung an ihrer Wirbels\u00e4ule f\u00fcr vier Wochen krankgeschrieben. Nach einer Woche bereits die Vorladung vor eine \u00c4rztekommission. \u00dcberpr\u00fcfung, ob sie auch wirklich krank sei. Diese Kommission k\u00e4me, wurde ihr mitgeteilt, im Auftrag der Abteilung Inneres des \u201cRat des Kreises\u201d. Die Mitglieder der Kommission schauten auf die ihre Krankeit betreffenden R\u00f6ntgenbilder und best\u00e4tigten die Korrektheit der Krankschreibung. Aber bevor die vier Wochen abgelaufen waren, lie\u00df sich Edith gesundschreiben und nahm sofort den ihr zustehenden Haushaltstag, um ihren Sohn besuchen zu k\u00f6nnen. Nach ihrer R\u00fcckkehr ihre Bestellung zum stellvertretenden B\u00fcrgermeister. Lackaffe der Mann. Wenn er seine Eitelkeit wenigstens mit einer Spur Ironie zur Schau tragen k\u00f6nnte. Ein Disziplinarverfahren wollte er er\u00f6ffnen. Die Kollegin der Abteilung Inneres habe ihr mit einem Blumenstrau\u00df einen Krankenbesuch abstatten wollen, aber sie war nicht zu Hause gewesen. Verreisen, wenn man krankgeschrieben ist? Edith stellte die Sache richtig. Haushaltstag! Ach, erz\u00e4hlen Sie mir doch nichts! fuhr er sie an. Mit einigen Telefonanrufen \u00fcberpr\u00fcfte er ihre Aussagen. Darauf betretenes Schweigen\u2026 Nun warten sie auf eine neue Gelegenheit, um mir eins auswischen zu k\u00f6nnen, sagt Edith. Was das sein k\u00f6nnte, besch\u00e4ftigte sie so stark, dass ihr Verstand, so stellte ich mir beim Zuh\u00f6ren vor, alles verwarf, was nichts mit diesem Problem zu tun hatte. Dazu die irrationalen Impulse, die sie bedr\u00e4ngten, beherrschen zu lernen; wieviel inneren Stress h\u00e4lt ein Mensch aus. Und die Kollegen geben alle vor, sie w\u00fcssten nichts von der Inhaftierung meines Sohnes!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei welchem meiner Besuche in Wriezen erz\u00e4hlte sie mir von ihrer eigenen Inhaftierung? Allein, dass es w\u00e4hrend eines Spaziergangs war, f\u00e4llt mir noch ein. Ein verwildertes Gleisbett gingen wir entlang, irgendwo rumorte Wasser, als Edith pl\u00f6tzlich sagte: Auch ich sa\u00df ja einmal hinter Schloss und Riegel. Dann rollte mit einem Himmel voller Wogenk\u00e4mme ein Gewitter heran. Ein grimmig kalt wehender Wind kam auf. Nach Hause eilen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ohne Punkt und Komma redend, teilte Edith mir sp\u00e4ter als eine Art Vorbereitung auf den Bericht \u00fcber ihre politische Haft ihre Lebensgeschichte mit, die mir noch lange nachgehen sollte. Eher ein Schauerst\u00fcck als ein Lebenslauf, dachte ich spontan. Und ich staunte: Wieviel Selbstbehauptungskraft diese Frau besitzt! Im Westteil Berlins geboren, eins von f\u00fcnf Kindern. Krieg. Ausgebombt, zogen Mutter und Kinder nach Mecklenburg um. Nach dem Schulabschluss kam die Zeit der Lehre, Edith wollte Buchh\u00e4ndlerin werden, aber es gab daf\u00fcr weit und breit keine Lehrstelle, deshalb wurde sie Maurer. Schwer die Arbeit auf dem Bau, viel zu schwer, lange hielt sie sie nicht durch. Ein Vorgesetzter sah ihren guten Willen und fragte sie: Willst du nicht f\u00fcr die FDJ-Kreisleitung arbeiten? Erleichtert dar\u00fcber von der k\u00f6rperlichen Schwerstarbeit wegzukommen, sagte sie zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Politische Schulungen, aus denen sie als eine \u201cZweihundertprozentige\u201d, dieses Wort gebrauchte sie selbstironisch, hervorging. Politisch eingelullt eben. Verbohrt, vielleicht ist das ein Wort daf\u00fcr. Sich vor Einsatzbereitschaft f\u00fcr das, was sie <em>die Sache<\/em> nannte, schier \u00fcberschlagen. Zu Hause nannten sie sie \u201cdie Rote\u201d. Schickten ihr zum Beispiel Verwandte aus Westberlin ein Lebensmittelpaket, schickte sie es zur\u00fcck: Vom Klassenfeind will ich nichts, lieber hungern! Danach arbeitete sie als Pionierleiterin. In diese Zeit fiel ihre heimliche Liebesgeschichte mit dem sowjetischen Soldaten. \u201cDie ganz gro\u00dfe Liebe war das!\u201d Viel \u00c4rger in Wriezen, als ihre Schwangerschaft sichtbar wurde. An einen anderen Ort in der DDR wurde ihr Geliebter zun\u00e4chst versetzt. Weit, weit weg. Unter der Verliebtheit leiden wie unter einer schweren Krankheit, beiden erging es so. Mit Bitten um eine Heiratsgenehmigung bombardierten sie die sowjetische Botschaft. Njet! Er sei f\u00fcr sie ein Ausl\u00e4nder, hie\u00df es vorwurfsvoll. Mit Ausl\u00e4ndern lasse man sich nicht ein. Wenn sie das Kind nicht wolle, k\u00e4me es nach der Geburt in ein sowjetisches Kinderheim. Nat\u00fcrlich wollte sie es. Aber kein Kindergeld gibt es! wurde ihr mitgeteilt. An diesem Punkt begann Ediths politische Desillusionierung. Ihr geringes Gehalt reichte nicht aus, um sich und das Kind zu ern\u00e4hren. Da ihr Vater schwer krank war, ein Pflegefall, konnten die Eltern sie nicht finanziell unterst\u00fctzen. Am Hungertuch nagen. Dazu das Kopfkissen umarmen jede Nacht aus Sehnsucht nach dem Geliebten. W\u00e4hrend ich Edith aufmerksam zuh\u00f6rte, f\u00fchlte ich, dass ich in diesem Augenblick etwas Wichtiges lernte \u00fcber die fr\u00fchen Jahre der DDR, aber nicht in klare Gedanken zu fassen vermochte ich meine Gef\u00fchle damals, noch war ich nicht so weit. Nur einzelne Ausdr\u00fccke wirbelten mir in Kopf umher: Bau auf, bau auf! Fanfarenzug. Die versch\u00e4rfte ideologische Auseinandersetzung. Unsere Heimat. Angstschwei\u00df. Sind nicht nur die St\u00e4dte und D\u00f6rfer. Marschkolonne. Klartext reden. Blaue Wimpel im Sommerwind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei war ihr Kind gewesen, als Freunde in Bad Freienwalde sie mit einem jungen Westberliner bekannt machten. Er gefiel ihr. Keine neue gro\u00dfe Liebe erwuchs aus der Bekanntschaft, die erlebst du nur einmal im Leben, aber ein Rausch, ja, ein Rausch war es schon. Er schlug ihr vor, zu ihm nach Westberlin umzuziehen und in seinem Werk zu arbeiten, Gl\u00fchlampen stellten sie dort her, man w\u00fcrde ihr bestimmt eine Stelle anbieten. Nicht zu schwer sei die Arbeit, und man verdiente gut. Das Kind k\u00f6nne sie inzwischen bei ihrer Mutter lassen. Sie w\u00fcrden ihr Lebensmittelpakete schicken. Sp\u00e4ter w\u00fcrden sie das Kind nachholen. Ich nehme die Einladung an, sagte Edith st\u00fcrmisch. Problemlos bekam sie die Arbeitsstelle, vertrug sich auch gut mit dem neuen Freund. Gar nicht schlecht dieses neue Leben. Allein ihr Kind vermisste sie. Vier war es, als ihre Mutter schrieb, so sehr verschlechtere sich der Gesundheitszustand des Vaters, rund um die Uhr ben\u00f6tige er ihre Pflege, deshalb k\u00f6nne sie sich um das Kind nicht mehr k\u00fcmmern. Bitte, lass es holen! Das wollte Edith, ja, nat\u00fcrlich, aber ihr Freund war dagegen. Wir brauchen dein Kind hier nicht! Auch ihr Vermieter, obwohl er ein freundlicher und gro\u00dfz\u00fcgiger Berliner Polizist war, entschied sich gegen Ediths Sohn. Keine Kleinkinder im Haus erlaubt! Schweren Herzens kehrte Edith, neunzehnhundertachtundf\u00fcnfzig war es, zu ihrem Kind zur\u00fcck. Dass sie in der DDR auf der Stelle verhaftet werden w\u00fcrde, damit hatte sie nicht gerechnet. Aus der Partei war sie bereits w\u00e4hrend ihrer Abwesenheit ausgeschlossen worden, teilte man ihr nach der Verhaftung trocken mit, Vaterlandsverrat und Republikflucht. Elf Monate Gef\u00e4ngnis. Schwer diese Zeit. Nur einige Andeutungen dar\u00fcber, wie schwer sie war, vermochte Edith aus sich herauszurei\u00dfen. In H\u00e4ftlingskleidung sehe ich sie vor dem vergitterten Zellenfester auf den Zehenspitzen stehen, ins Schneetreiben hinausstarrend. Nach dem Ablauf der Haft noch zwei Jahre Schwerstarbeit \u201czur Bew\u00e4hrung\u201d; in einem Kaff an der Oder musste sie in einem Stall arbeiten, Mist schaufeln. Weiter erz\u00e4hlt sie: Als eine Art Verbannung musst du dir das vorstellen, Gabi! Die Hoffnungslosigkeit, wenn sie an die Zukunft dachte. Aber wenigstens hatte sie jetzt jeden Tag ihr Kind um sich, den kleinen Jungen mit den weichen Locken, der sie an ihren sowjetischen Soldaten und dessen Z\u00e4rtlichkeiten erinnerte! Mitgef\u00fchl mit Edith \u00fcberschwemmte mich an dieser Stelle des Berichts. Einen von Eschen ges\u00e4umten Weg gingen wir entlang. G\u00e4nsegeschnatter. Ein Hund w\u00e4lzte sich im Gras. Wie das Wetter war, f\u00e4llt mir nicht mehr ein. Nur noch an mein starkes Mitgef\u00fchl, das mich beinahe umriss, erinnere ich mich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einem Jahr in jenem Dorf bat sie darum, von der schweren k\u00f6rperlichen Arbeit erl\u00f6st zu werden; die Schule suchte dringend eine Pionierleiterin, mit dieser Arbeit hatte sie Erfahrung, Fr\u00f6hlichsein und Singen. Der B\u00fcrgermeister, ein g\u00fctiger Mann, war mit ihrem Arbeitswechsel einverstanden, aber sofort kam jemand vom Rat des Kreises und sagte: Als eine Vaterlandsverr\u00e4terin sei sie nicht w\u00fcrdig Kinder zu erziehen. Nach einem Verzweiflungsanfall fand sie die Courage einen Brief an Wilhelm Pieck zu schreiben; da sie der Post nicht traute, fuhr sie mit dem Bus nach Berlin und gab den Brief beim Pf\u00f6rtner seiner Dienststelle ab. Eine Kommission aus der Hauptstadt erschien, studierte ihre Kaderakte und nahm ihre Situation an diesem Ort genau unter die Lupe. Ob sie nicht in Wriezen in der Bibliothek arbeiten wolle? Diese Frage stellte man ihr schlie\u00dflich. Neben der Arbeit w\u00fcrde sie sich zu einer Bibliothekarin qualifizieren m\u00fcssen, dazu w\u00e4re ein Fernstudium erforderlich. Nat\u00fcrlich wollte sie das. O ja. Mit B\u00fcchern arbeiten! Ihr Umzug nach Wriezen. Keine vibrierende Stadt, das wusste sie ja bereits. Aber besser als das Kaff war sie allemal. Und nach Jahren flei\u00dfiger Arbeit voller Berufsleidenschaft wurde sie zur Leiterin der Bibliothek bef\u00f6rdert, dazu bekamen sie und ihr Sohn diese Neubauwohnung mit Fernheizung zugewiesen, in der sie heute noch lebte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also, alles in Butter jetzt, mehr oder weniger, sagte ich am Ende ihres langen Berichts. Ja, wenn ihre Kollegin, Frau N., nicht w\u00e4re. Eine faule Bibliothekarin, aber fanatisches Parteimitglied, au\u00dferdem karrierem\u00e4\u00dfig stark ambitioniert, eine zu jeder Schandtat bereite Person. Seit Jahren beargw\u00f6hne sie Edith. Vielleicht bildest du dir das nur ein, sagte ich. Nein, denn der Parteisekret\u00e4r vom Rat der Stadt, dem die Bibliothek angeschlossen sei, habe Edith neulich zugefl\u00fcstert: Es gibt eine Eingabe gegen Sie an den Rat des Kreises mit Kopien an die Bezirksbibliothek und noch an drei andere h\u00f6here Stellen. Darin steht, Sie w\u00fcrden nachl\u00e4ssig arbeiten, den ganzen Tag nur mit Besuchern schwafeln und dabei Ansichten vertreten, die politisch unzul\u00e4ssig sind. Diese Eingabe trug die Unterschrift von Frau N. Ich m\u00f6chte, dass Sie Bescheid wissen, schon bald komme eine Untersuchungskommission vom Bezirk. Haltung zeigen, befahl sich Edith, so gut es geht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie f\u00fchlte sich das Leben f\u00fcr mich an, wenn Ediths mein Leben w\u00e4re? fragte ich mich beim Zuh\u00f6ren manchmal. Beschissen. Ein besseres Wort fiel mir nicht daf\u00fcr ein. Deine R\u00fcckkehr aus Westberlin war ein Fehler gewesen, sagte ich. Nat\u00fcrlich war sie das, sagte sie. Darauf widersprach sie sich heftig: Nein, mein Sohn w\u00e4re in der DDR in ein Kinderheim gekommen. Und ich h\u00e4tte diese politische Desillusionierung nicht erlebt. Wo all die gro\u00dfen S\u00e4tze ihren Sinn verlieren. Ein Denkumsturz. Das hei\u00dft, ich w\u00e4re noch heute eine Zweihundertprozentige, selbst als Westberlinerin. Na ja, wenigstens eine Hundertprozentige, korrigierte sie sich mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. Nach all den Phrasen \u00fcber den Sozialismus, die uns in der Schule eingetrichtert worden waren, war mein Gehirn noch verkleistert, ich brauchte die Hafterfahrung als ein inneres Gegengewicht. Du wei\u00dft nicht, wie das ist, in einem DDR-Gef\u00e4ngnis. Und jetzt steckt mein armer Sohn da drin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jahre sp\u00e4ter, wann genau war das, feierten wir einmal Silvester zusammen; Edith, diese trotz allem Leid immer offene, dem Leben zugewandte Frau, nie schien Tr\u00fcbsinn \u00fcber sie zu kommen, hatte entschieden: Tanzen wir uns ins Neue Jahr hinein! Zwei Karten hatte sie erstanden f\u00fcr eine gro\u00dfe Silvesterfeier mit Tanzkapelle in einem Restaurant in Neubrandenburg. Eine Karte f\u00fcr sich selbst, die zweite Karte schenkte sie mir. Edith holte mich am Bahnhof ab, mit Schneeregen hie\u00df uns die fremde Stadt willkommen. Kinder trugen M\u00fctzen mit Ohrenklappen. Der Wind trieb Papierfetzen \u00fcber den Schnee. Vergilbte Bilder nur mehr in der Erinnerung. An unsere Stimmen erinnere ich mich besser. Um die Wette redeten wir in dem Hotelzimmer, f\u00fcr das wir uns die Kosten teilten, w\u00e4hrend wir uns f\u00fcr die Feier ankleideten. Wieviel gab es zu reden. Mein Konflikt mit der Macht, um ein verbotenes Buch ging es, hatte sich hochgeschaukelt im Laufe der Zeit; was f\u00fcr ein Hangen und Bangen, ganz dicht daran durchzudrehen war ich in jenen Tagen. Mach dir nichts aus dem ganzen Schei\u00df! sagte Edith von der Bettkante her, auf der sie sa\u00df, um sich die Str\u00fcmpfe anzuziehen. Schreib etwas Neues und ver\u00f6ffentliche es im Westen! Hatte ich nicht gef\u00fchlt in diesem Moment, dass etwas nicht aufging? Zu forsch Ediths Ton, als sie mir diesen Rat gab. Und ihre Augen, sonst waren es immer ihre Augen, die redeten, schwiegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach ein ausf\u00fchrlicher Bericht \u00fcber ihren Sohn. Seit seinem Freikauf aus dem DDR-Gef\u00e4ngnis lebte er in Westberlin. Bescheiden ihr weinrotes Kleid, aber nicht schmucklos, dachte ich, w\u00e4hrend ich, in Gedanken mit meinen Zensurproblemen befasst, ihr nur halb zuh\u00f6rte. Nach einem tiefen Seufzer riss sie mich mit den Worten: Aber wie soll ich das sagen! aus meinen Gedanken. Mehrfach Anlauf nahm sie, als m\u00fcsste sie erst \u00fcberlegen, wie sie sich ausdr\u00fccken sollte. Ganz knapp dann: Krank mein Sohn, AIDS. Good Lord! So etwas in dieser Art muss ich gedacht haben. Hoffentlich kann er geheilt werden, sagte sie; ich biss mir auf die Zunge, um nicht zu verraten, ich hatte gelesen, dass es f\u00fcr AIDS keine Heilung gab. Zum Gl\u00fcck, f\u00fcgte Edith hinzu, darf ich ihn besuchen. Du darfst nach Westberlin? Weit riss ich den Mund auf. Ja, sagte sie leise. So sehr freute ich mich dar\u00fcber, dass sie ihren schwer kranken Sohn in Westberlin besuchen durfte, dass ich zu fragen verga\u00df: F\u00fcr welchen Preis? Was dieser Preis war, erst Jahrzehnte sp\u00e4ter, als ich meine Akte OV \u201cEcke\u201d las, erfuhr ich es. Die DDR, Mielkes Hort des Schreckens. Wieviele N\u00e4chte lang hatte Edith sich schlaflos herumgew\u00e4lzt, bis sie sich daf\u00fcr entschied, eine Verpflichtungserkl\u00e4rung der Staatssicherheit zu unterschreiben? Zur Mitarbeit erpresst hatten sie sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein, Ediths Geschichte darf ich nicht unter den Tisch fallen lassen.<\/p>\n<p>Blasse Umrisse eines mit Girlanden geschm\u00fcckten Saals in jener Silvesternacht in Neubrandenburg. Vierertische. Edith und ich teilten einen Tisch mit einem ortsans\u00e4ssigen \u00e4lteren Ehepaar. Sympathischer Mann mit einem dicken Bauch, der, so erkl\u00e4rte er uns lachend, kein Bier-, sondern ein Nussbauch war. Den ganzen Tag knabbere er N\u00fcsse. Die Frau, Bibliothekarin von Beruf, begann sofort mit Edith zu fachsimpeln. Fehlerlos gebaute Kataloge, Regalaufstellungen, Aussonderungslisten\u2026 Rasch trinke ich mir einen Schwips an und stelle die Frage: Haben Sie auch Nietzsche in Ihrer Bibliothek? W\u00e4hrend meines Philosophiestudiums wollte ich Nietzsche lesen, aber es war nicht erlaubt. In einer Vorlesung \u00fcber b\u00fcrgerliche Ideologie wurde der Philosoph nur auf Reizw\u00f6rter abgeklopft und dann marxistisch-leninistisch zerfetzt, ich m\u00f6chte seine B\u00fccher aber gern selbst lesen! Leider nicht, sagte die Frau mit einem verst\u00e4ndnisvollen L\u00e4cheln. Bei der Reinigung der Bibliotheksbest\u00e4nde nach dem Krieg wurde Nietzsche\u2026 Tanzmusik setzt dr\u00f6hnend ein, die die Gespr\u00e4che erstickt\u2026 Edith und ich tanzen zusammen, Rock\u2019n Roll. Schwei\u00df rinnt uns \u00fcbers Gesicht. Am Ende des Abends das Knallen von Feuerwerksk\u00f6rpern. Sekt. Erste blasse Streifen zeigten sich bereits am Himmel, als wir zu unserem Hotel zur\u00fcckstolperten. Auf allen Vieren kletterte ich die Stufen zu unserem Zimmer hoch, w\u00e4hrend ich \u00fcber Edith staunte. Nicht, dass sie gerade ging. Sie wankte, doch sie hielt sich auf den Beinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Erinnerungsbildern die Zeit zur\u00fcckholen. Ediths synthetische DDR-Damenunterw\u00e4sche an einem Haken im Badezimmer. Haargenau die gleiche Unterw\u00e4sche, die ich selbst trug! dachte ich. Trugen alle Frauen in der DDR die gleiche Unterw\u00e4sche? Ediths Stolz in den Augen, als sie sagte: So viel Wagemut hatte ich meinem Sohn damals eigentlich gar nicht zugetraut, Fluchtversuch! Einen sandigen Weg gehen wir entlang in einem anderen Bild. Schatten bewegen sich auf dem Rasen zu unserer Linken wie \u00fcber eine Tastatur fliegende H\u00e4nde. Pl\u00f6tzlich zuckt Edith zusammen, als habe eine Phantomhand sie am Arm ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nur einmal war ich im Winter in Wriezen. Kahle B\u00e4ume griffen in die Januarluft. Trotz der scharfen K\u00e4lte schafften wir es an die Oder. Die Augen mit einer Hand abschirmend, schauten wir auf den Fluss. Schau doch nur, Edith, schau mal! Grelle Reflexionen der Sonne auf dem glei\u00dfenden Eis, das sich in gro\u00dfen Quadern \u00fcbereinander geschoben hatte. Sieht das nicht wie ein Gem\u00e4lde von Caspar David Friedrich aus? In diesem Augenblick zerrissen Sch\u00fcsse die Luft. Ein auffliegender Kr\u00e4henschwarm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das letzte Mal h\u00f6rte ich von Edith im Januar siebenundachtzig. Ich hatte zur Frankfurter Buchmesse reisen d\u00fcrfen, war entt\u00e4uscht von meinem Aufenthalt in der Bundesrepublik in die DDR zur\u00fcckgekehrt und hatte im <em>Spiegel <\/em>etwas \u00fcber meine Gr\u00fcnde f\u00fcr diese R\u00fcckkehr ver\u00f6ffentlicht. Edith hatte den Artikel gelesen, rief mich aus Wriezen an und sagte: Bitte, Gabi, werd mir jetzt keine artige DDR-B\u00fcrgerin! Ganz Wriezen w\u00e4re von dir entt\u00e4uscht. Den B\u00fcrgermeister, den Leiter der Gefl\u00fcgelfabrik, den Oberf\u00f6rster, den Pfarrer samt Ehefrauen \u2013 ich sah sie alle in Gedanken vor mir. Entt\u00e4uscht? Wirklich? Wenn das so war, war die DDR nicht mehr zu retten, dachte ich lachend und schmiedete weiter an meinem Plan nach Amerika auszuwandern. Bereits gepackt die Koffer. Weg aus Deutschland! Aus Minnesota schrieb ich Edith etwa ein Jahr sp\u00e4ter einen langen Brief nach Wriezen. Keine Antwort. Wahrscheinlich hatte sie meine Post nicht erhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tr\u00e4fen wir uns heute, Edith und ich, wor\u00fcber redeten wir? \u00dcber das Alter. Wieviel tiefer deine Augen in den H\u00f6hlen liegen! w\u00fcrde ich vielleicht sagen, davon abgesehen siehst du noch genauso aus wie damals. Bis auf die Falten, antwortete sie mit einer br\u00fcchigen Stimme, einen Schuss Selbstironie hatte sie immer besessen. Der Tod des Sohns das n\u00e4chste Thema. Noch Jahre hatte es nach unserer Silvesterfeier in Neubrandenburg gedauert, bis ein Medikament entwickelt werden konnte, welches Aidskranken zu \u00fcberleben erm\u00f6glichte. So lange hatte ihr Sohn vermutlich nicht durchgehalten. Ein Schwerthieb sein Tod, schlecht vernarbt die Wunde in Ediths Ged\u00e4chtnis. Mein lieber, guter Junge! Wie oft waren diese Worte \u00fcber ihre Lippen gekommen im Laufe der Jahre. Als n\u00e4chstes Gespr\u00e4chsthema Erkl\u00e4rungen daf\u00fcr finden, warum wir beide, eine kurze Zeit lang, inoffizielle Mitarbeiterinnen der Staatssicherheit gewesen waren. Dieses machtgeilen Schei\u00dfvereins. Siebzehn war ich, als ich angeworben wurde, noch nicht ich selbst, w\u00fcrde ich sagen und mir sofort widersprechen: Naiv und gutgl\u00e4ubig gewesen sein ist keine Entschuldigung. Steh Rede! Als ich Edith kennenlernte, war ich schon lange ausgestiegen. Sogenannte \u201cOperativakten\u201d wurden \u00fcber mich gef\u00fchrt, das hei\u00dft, ich wurde auf Schritt und Tritt \u00fcberwacht. War Edith meinetwegen zur Mitarbeit erpresst worden? Aus ihrem Bericht \u00fcber mich, er war im Grunde nichtssagend, ging die Antwort auf diese Frage nicht hervor. Wie es sich anf\u00fchlt, den <em>scarlet letter<\/em> zu tragen, dar\u00fcber redeten wir auch. Der Klatsch in Wriezen. Durchgehechelt werden. Vor Scham die H\u00e4nde vors Gesicht schlagen. Aber Edith hatte ja bereits ihre Erfahrung damit gemacht, war abgeh\u00e4rtet, was Klatsch betraf. \u201cRussenbalg!\u201d hatte es gezischelt, damals, als sie ihr Kind im Kinderwagen in der Mitte der f\u00fcnfziger Jahre durch die gesichtslosen Stra\u00dfen Wriezens schob. Meine hilflosen Versuche mir Ediths Leben nach der Wende vorzustellen. In der Stadtbibliothek hatte sie auch weiterhin gearbeitet, erfuhr ich, als ich einmal dort anrief und fragte, ob sie sich an eine Edith K. erinnerten. Sie gaben mir ihre Adresse, schon sehr alt und hinf\u00e4llig, lebe sie in einem Heim. Ich fasste mir ein Herz und schrieb ihr. Keine Antwort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kaum auszuhalten der Gedanke, dass Edith K. nur dieses eine Leben hatte.<\/p>\n<p>Lange einsame Stra\u00dfe durch eine W\u00fcste, die den Namen DDR trug.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gabriele Eckart is a regular contributor to <em>Glossen<\/em>. <a href=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2022\/07\/31\/22-2-22\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Her last Recent Post was &#8220;22.2.22&#8221;<\/a>. Her other recent publications with <a href=\"https:\/\/verlag.koenigshausen-neumann.de\/autor\/eckart-gabriele\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">K\u00f6nigshausen &amp; Neumann<\/a> are <em>Schrappel<\/em>,\u00a0<em>Vogtlandstimmen<\/em>, and\u00a0<em>Havelobst.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>This story by Gabriele Eckart will be included in her forthcoming volume &#8216;Ach, du!&#8217; Zehn Geschichten\u00a0which will appear in 2024 with K\u00f6nigshausen &amp; Neumann. &nbsp; Wriezen von Gabriele Eckart \u201cWe are alone in these things that we suffer.\u201d (Elizabeth Strout) &nbsp; Anfang der achtziger Jahre. Die Leiterin der Stadtbibliothek Wriezen, Edith K., hatte mich zu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":282,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[51],"tags":[],"class_list":["post-8366","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur-und-kulturnachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8366","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/282"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8366"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8366\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8366"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8366"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8366"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}