{"id":8583,"date":"2025-07-30T14:00:52","date_gmt":"2025-07-30T18:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=8583"},"modified":"2025-07-30T13:36:46","modified_gmt":"2025-07-30T17:36:46","slug":"buchbesprechung-poesiealbum-369-von-axel-reitel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2025\/07\/30\/buchbesprechung-poesiealbum-369-von-axel-reitel\/","title":{"rendered":"Buchbesprechung | Poesiealbum 369 von Axel Reitel"},"content":{"rendered":"<p>Ist uns Gl\u00fcck erlaubt? Zum <em>Poesiealbum 369 <\/em>von Axel Reitel<\/p>\n<p>von <strong>Gabrielle Alioth<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Poesiealbum 369. Axel Reitel<\/em>. Hsg. Edwin Kratschmer. Wilhelmshorst: M\u00e4rkischerVerlag, 2022. 52 Gedichte. ISBN: 978-3-943 708-69-1.<\/p>\n<p>Axel Reitels Lyrik \u2013 wortgewaltig, bildreich, politisch und doch zutiefst pers\u00f6nlich \u2013 trifft und betrifft uns. F\u00fcr das <em>Poesiealbum 369<\/em> (M\u00e4rkischer Verlag, Wilhelmshorst 2022) hat der Literatur-und Kunstwissenschaftler Edwin Kratschmer 52 Gedichte von Axel Reitel ausgew\u00e4hlt, die ein beeindruckendes Zeugnis der poetischen Vielseitigkeit und Lebensreflexion, des 1961 im vogtl\u00e4ndischen Plauen geborenen Autors ablegen. Es ist eine Poesie \u00abvon existentieller Dringlichkeit\u00bb, wie Marko Martin treffend schreibt, die den Leser emotional wie auch intellektuell fordert.<\/p>\n<p>Axel Reitel wuchs in der ehemaligen DDR\u00a0in einer von der SAG Wismut gepr\u00e4gten Familie auf. Seine freiheitliche Gesinnung brachte ihn fr\u00fch in die Gef\u00e4ngnism\u00fchlen, und er nahm 1981 im Stasiknast Cottbus am offenen Gefangenenprotesten gegen die Verh\u00e4ngung des Kriegsrechts in Polen teil. 2016 erhielt er daf\u00fcr die Dankbarkeitsmedaille der Solidarno\u015b\u0107. 1982 wurde er von der BRD freigekauft. Vor dem Hintergrund dieser Biografie ist es nicht verwunderlich, dass sich die Erfahrung von Ausgrenzung, Repression, Exil durch Axel Reitels Lyrik zieht. Seine Gedichte durchqueren historische, mythologische und private R\u00e4ume, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart durchdringen. Besonders eindrucksvoll im Gedicht <em>Roter Stein<\/em>, in dem er die Geschichte des Ettersbergs (und damit des nahen Konzentrationslagers Buchenwald) als \u00abRoter Stein der wei\u00dfen Schatten, grau wie Rauch\u00bb aufleben und in einer gespenstischen Atmosph\u00e4re die Schatten der deutschen Geschichte plastisch hervortreten l\u00e4sst. Die Vergangenheit ist kein abgeschlossenes Kapitel, sie lebt in der Gegenwart weiter.<\/p>\n<p>In Texten wie<em> Bericht aus meiner Mutterstadt<\/em>\u00a0oder\u00a0<em>Das Exil und der Sandberg<\/em> durchdringt das Erinnerte jede Zeile, ohne zu besch\u00f6nigen, aber auch ohne blo\u00dfzustellen, nie klagend, nie anklagend, sondern tastend, pr\u00e4zise, unpr\u00e4tenti\u00f6s:<\/p>\n<p>\u00abAus Niederungen kommend<br \/>\nIn diese Ebene wo<br \/>\nZwei in derselben Sprache<br \/>\nSich vergiften im Gespr\u00e4ch<br \/>\nErinnre ich mich t\u00e4glich<br \/>\nDes Namens meiner Wohnstatt<br \/>\nAus der ich gejagt und in Handschellen gegangen bin.\u00bb<\/p>\n<p>Die Gegens\u00e4tze zwischen Ost und West, Heimat und Fremde, Zugeh\u00f6rigkeit und Entwurzelung durchziehen das Album. In <em>Gl\u00fccklich schon (wohin ich ging)<\/em>\u00a0beschreibt Reitel seine Ankunft im Westen nicht als Heimkehr, sondern als Herausforderung: eine neue Freiheit, die sich erst fremd anf\u00fchlt. Seine Poesie kennt keine Gewissheiten \u2013 aber sie kennt das Fragen, das Sehnen, das Aushalten.<\/p>\n<p>Auch die Liebe \u2013 ein immer wiederkehrendes Motiv \u2013 erscheint nicht als Ort der Erl\u00f6sung, sondern als zarte, gef\u00e4hrdete M\u00f6glichkeit. In\u00a0<em>Liebeszonen<\/em>\u00a0oder\u00a0<em>Au\u00dferhalb der Liebe<\/em>\u00a0begegnet sie uns als Kampfplatz, als Vermessung des Zwischenraums zwischen zwei Menschen. Axel Reitel thematisiert die H\u00f6hen und Tiefen der Liebe, oft mit einer melancholischen und introspektiven Note. Nichts ist sicher, aber alles ist wirklich.<\/p>\n<p>Axel Reitel hat ein profundes Gesp\u00fcr daf\u00fcr, wie das Leben und Lieben der Menschen in die Welt eingebettet ist. Besonders bewegend sind die Gedichte, in denen er St\u00e4dte beschw\u00f6rt \u2013 Paris, Amsterdam, Weimar \u2013, nicht als Kulissen, sondern als Seelenlandschaften. \u00dcberall ist Geschichte, Kunst, Verlust und Leben.<\/p>\n<p>Stilistisch changiert Reitel zwischen sinnlich konkreter Bildsprache und intellektuell verdichteter Anspielung \u2013 so in<strong>\u00a0<\/strong><strong><em>Der Aeroplan<\/em><\/strong><strong>\u00a0<\/strong>mit der Figur Lilith, dem biblischen Mythos und urbaner Tristesse:<br \/>\n\u201eSie ging an dir vor\u00fcber<br \/>\nund gab nur ihre Laune zu bedenken,<br \/>\ndass du jetzt keine Rolle spielst.\u201c<\/p>\n<p>Die Gedichte kommen ohne L\u00e4rm, ohne Pose aus, aber in ihrer Sprache liegt etwas Unnachgiebiges. Da ist kein \u00dcberfluss, keine Eitelkeit. Axel Reitel ist einer, der mit jedem Wort um Wahrheit ringt, und was seine Lyrik auszeichnet, ist ihre Unmittelbarkeit. Er will nicht gefallen. Er will geh\u00f6rt werden. Doch bei aller Ernsthaftigkeit blitzt auch immer mal wieder Ironie oder \u00fcberraschende Leichtigkeit auf, nicht um zu lachen, sondern um den Ernst besser zu tragen. In\u00a0<em>Mozart<\/em>\u00a0etwa:<br \/>\n\u201e&#8230; der Furz beim Komponieren<br \/>\nder kleinen Nachtmusik \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u00abIst uns Gl\u00fcck erlaubt?\u00bb, fragt Axel Reitel in <em>Am Griebnitzsee (mit Christa Speidel). <\/em>Seine Antwort ist vielschichtig, ambivalent, ehrlich, zeugt von Lebenserfahrung, grosser poetischer Kraft und ist als Lekt\u00fcre zweifellos begl\u00fcckend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist uns Gl\u00fcck erlaubt? Zum Poesiealbum 369 von Axel Reitel von Gabrielle Alioth &nbsp; Poesiealbum 369. Axel Reitel. Hsg. Edwin Kratschmer. Wilhelmshorst: M\u00e4rkischerVerlag, 2022. 52 Gedichte. ISBN: 978-3-943 708-69-1. Axel Reitels Lyrik \u2013 wortgewaltig, bildreich, politisch und doch zutiefst pers\u00f6nlich \u2013 trifft und betrifft uns. 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