{"id":8600,"date":"2025-10-23T14:03:26","date_gmt":"2025-10-23T18:03:26","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?p=8600"},"modified":"2025-10-25T12:59:08","modified_gmt":"2025-10-25T16:59:08","slug":"utz-rachowski-laudatio-auf-marko-martin-zum-reiner-kunze-preis-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2025\/10\/23\/utz-rachowski-laudatio-auf-marko-martin-zum-reiner-kunze-preis-2025\/","title":{"rendered":"Utz Rachowski: Laudatio auf Marko Martin zum Reiner-Kunze-Preis 2025"},"content":{"rendered":"<h2><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 18pt;\"><strong>Laudatio auf Marko Martin zum Reiner-Kunze-Preis 2025<\/strong><\/span><\/h2>\n<h2><\/h2>\n<h2><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 18pt;\"><strong>von Utz Rachowski<\/strong><\/span><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(gehalten am 26. September 2025 in Oelsnitz\/Erzgebirge, der Geburtsstadt von Reiner Kunze, der mit 92 Jahren von Passau her zur Preisverleihung selbst angereist war)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_8606\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2025\/10\/Reiner-Kunze-Marko-Martin-Utz-Rachowski-26.-Sept.-2025-002.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8606\" class=\"wp-image-8606\" src=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2025\/10\/Reiner-Kunze-Marko-Martin-Utz-Rachowski-26.-Sept.-2025-002-993x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"619\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2025\/10\/Reiner-Kunze-Marko-Martin-Utz-Rachowski-26.-Sept.-2025-002-993x1024.jpeg 993w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2025\/10\/Reiner-Kunze-Marko-Martin-Utz-Rachowski-26.-Sept.-2025-002-291x300.jpeg 291w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2025\/10\/Reiner-Kunze-Marko-Martin-Utz-Rachowski-26.-Sept.-2025-002-768x792.jpeg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2025\/10\/Reiner-Kunze-Marko-Martin-Utz-Rachowski-26.-Sept.-2025-002-1490x1536.jpeg 1490w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2025\/10\/Reiner-Kunze-Marko-Martin-Utz-Rachowski-26.-Sept.-2025-002-1986x2048.jpeg 1986w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8606\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Reiner Kunze Marko Martin Utz Rachowski 26. Sept. 2025<\/span><\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">lieber Reiner Kunze,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sehr geehrte Frau Renate Braun und die Vertreter der Reiner- und Elisabeth-Kunze-Stiftung,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">lieber Marko Martin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">lieber Herr Oberb\u00fcrgermeister Thomas Lein, dem ich noch herzlichst gratulieren m\u00f6chte zu seiner Hochzeit gerade jetzt im vergangenen Sommer!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich freue mich, Ihnen allen heute die Person und das Werk unseres Preistr\u00e4gers Marko Martin n\u00e4herbringen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Marko Martin \u2013 Weltb\u00fcrger und Menschenfreund<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sollten uns Marko Martin als gl\u00fccklichen Menschen vorstellen. Dies aber war ihm vielleicht nicht in die Wiege gelegt. Oder doch?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1970 in Burgst\u00e4dt geboren. In einem seiner B\u00fccher schreibt er: \u201e17, 18 Jahre alt, und das verfluchte Nest hie\u00df Wittgensdorf\u2026\u201c, wo die Familie inzwischen wohnt und er aufw\u00e4chst.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">87, 88, der gleiche stinkende verseuchte Dorfbach, dazu in der Lehrwerkstatt des VEB \u201eTrikotex\u201c diese Geruchsmischung aus Eisensp\u00e4nen und Schwei\u00df. Die \u201eTraditionsecke\u201c mit der roten Fahne und den Schwarzwei\u00dffotos: Lehrmeister Nebel und Lehrmeister Fuchs in der Uniform der Kampfgruppen, Direktor Bae\u00dfler auf dem Berufsschulhof beim Fahnenappell, auch er in Uniform. Schlie\u00dflich gab es hier, bei den auszubildenden Elektronik-Lehrlingen \u201aeine Konzentration freiwillig L\u00e4ngerdienender\u2018. Jungen, die sich hatten werben lassen als sp\u00e4tere Offiziere in der Armee, aber auch einer, der mir sagte, \u201awoanders hin, ganz woandershin\u2018 habe er sich verpflichtet und mich bat, ihm ab nun nichts mehr Privates zu erz\u00e4hlen. Zehn Monate bis zu meinem Rausschmiss, und jeder morgen eine Tortur\u2026 dies w\u00fcrde nie vor\u00fcbergehen\u2026.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">So dachte und f\u00fcrchtete Marko Martin, der sich so jung und einzeln <em>unterschied<\/em>, sich <em>entschied<\/em> zwischen und von den Vielen, nicht mitzutun und die sogenannte \u201eVormilit\u00e4rische Ausbildung\u201c in Uniform mit abges\u00e4gten Holzknarren standhaft \u00fcber Monate verweigerte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwas sp\u00e4ter wurde es f\u00fcr ihn wesentlich gef\u00e4hrlicher, als angek\u00fcndigter Verweigerer des Wehrdienstes war er mit Gef\u00e4ngnis von bis zu zwei Jahren bedroht. Sein Vater hatte als Zeuge Jehovas genau diese Zeit abgesessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es rettete ihn, nach zahlreichen Vorladungen und Verh\u00f6ren in der DDR, die \u00dcbersiedlung seiner gesamten Familie im Mai 1989 in die Bundesrepublik, eigentlich ein Wunder, das genau zur rechten Zeit \u00fcber die Familie kam. Auf eigenen Wunsch bestehen sie darauf, am Bodensee zu leben und finden nach einem kurzen Intermezzo im Lager Gie\u00dfen im Aufnahmelager Rastatt Unterkunft. Und wir sehen Marko Martin ab jetzt als gl\u00fccklichen Menschen, der sich noch zwanzig Jahre sp\u00e4ter erinnert und in seinem Buch <em>Schlafende Hunde<\/em>\u00a0seiner Familie dankt und r\u00fcckblickend schreibt:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Junge hatte nie ein Halstuch getragen, weder ein rotes noch ein blaues. Als er auch das blaue Hemd verweigerte, schien ein von au\u00dferhalb an die Schule versetzter Lehrer kurze Zeit pr\u00fcfen zu wollen, ob es inzwischen nicht m\u00f6glich w\u00e4re, einen Keil zwischen den Jungen und seine Familie zu treiben. in k\u00fcrzer werdenden Abst\u00e4nden wurde er nun vor der Klasse gefragt, ob er nicht ein bisschen traurig sei. So oft au\u00dferhalb zu stehen und dabei immer die Entscheidungen des Vaters ausf\u00fchren \u2013 <em>is doch ne Schande, Jugendfreund.<\/em> Lieber der Vater als der Staat. Es geschah nicht zum ersten Mal, dass der Junge dies dachte. mit Schrecken stellte er sich vor, was passiert w\u00e4re, h\u00e4tte er <em>keinen<\/em> solchen Vater gehabt, der ihn nicht nur davor bewahrt hatte, ein <em>Hortkind<\/em> zu werden, das nach dem Ende des Unterrichts Papp-Panzer bastelte, Zeitungsartikel f\u00fcr die Wandzeitung ausschnitt\u2026 sondern der sp\u00e4ter mit diplomatisch ausgefeilten Briefen auch verhinderte, dass sein Sohn bei Fackelm\u00e4rschen mitlaufen oder zu Man\u00f6verspielen durch den Wald robben musste\u2026<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">(aus Marko Martins Erz\u00e4hlung: \u201eVater schreibt einen Brief\u201c in <em>Schlafende Hunde<\/em> von 2009).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Mai 1989 also am Bodensee angekommen, wo er wieder zur Schule geht, \u00fcberall dort freundlich aufgenommen und sogar beim Franz\u00f6sisch-Lernen selbstlos unterst\u00fctzt wird von Lehrern, eine Sprache, die ihm noch n\u00fctzlich werden sollte. Sp\u00e4ter studierte er Germanistik, Politikwissenschaft und Geschichte an der Technischen und an der Freien Universit\u00e4t Berlin mit dem Abschluss als Magister und lebte aus Gr\u00fcnden der Liebe bald danach jahrelang in Paris.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres Wunder aber begleitete bereits all diese gl\u00fccklichen Umst\u00e4nde und F\u00fcgungen: Gleich nach der Ankunft der Familie im Westen im Aufnahmelager Gie\u00dfen, las Marko Martin zuf\u00e4llig, dass an einem der wenigen Abende, die die Familie in diesem Lager verbrachte, kein anderer als Reiner Kunze eine Autorenlesung in Gie\u00dfen halten w\u00fcrde. Aber auch dieser Abend hatte eine l\u00e4ngere Vorgeschichte \u2013 und hier kommt der Namensgeber dieses Preises, den wir heute vergeben, mit Marko Martin zum ersten Mal, wiederum gl\u00fccklich, zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn noch in der DDR hatte sich Marko Martin auf der Buchmesse in Leipzig am Stand bei S. Fischer die Verlags-Adresse in Frankfurt besorgt und Reiner Kunze einen Brief geschrieben, \u201enicht wissend\u201c, wie er in seinem Buch <em>Treffpunkt 89<\/em> erinnert, \u201eum die potentiellen Risiken solcher \u201aKontaktaufnahme\u2018\u201c. Allein, und das will ich hier aus pers\u00f6nlicher Erfahrung einf\u00fcgen, sa\u00dfen in meiner Gef\u00e4ngniszelle in Cottbus von 18 Inhaftierten, vier wegen eben dieses Paragrafen der \u201estaatsfeindlichen Verbindungsaufnahme\u201c. Aber Marko Martin hatte wiederum Gl\u00fcck und eine Postkarte aus dem Westen mit einem Emil-Nolde-Motiv traf f\u00fcr ihn ein, unterschrieben von einem Herrn Toni Pongratz; wie wir alle heute wissen, ein enger Freund und auch Verleger Reiner Kunzes. Eine weitere Karte kam aus Br\u00fcssel mit den Zeilen \u201eEs ist auf den Weg gebracht. H\u00e4ndedruck\u2026\u201c. Der Gedichtband <em>eines jeden einziges leben <\/em>traf genau drei Wochen vor der Ausreise der Familie in den Westen ein. In Gie\u00dfen dann die erste Begegnung mit Reiner Kunze anl\u00e4sslich dessen Lesung, nur vier Tage nach der Ankunft der Familie. Marko Martin hatte auch diesen Gedichtband Reiner Kunzes <em>besch\u00fctzt <\/em>und bei sich behalten Richtung Hessen:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Manuskripte aber, die Tageb\u00fccher und mit Pauspapier kopierten, aus der Unfreiheit abgeschickten Briefe \u2013 dazu die zwei <em>Westpostkarten<\/em>, Kunzes Gedichtband\u2026 &#8211; versteckt inmitten des Gep\u00e4cks meiner kleinen Schwester, ohne dass die Mutter davon wusste. Und in einer Schuhsohle, die Vater noch gestern zusammengen\u00e4ht hatte, der Negativstreifen mit den abfotografierten Dokumenten \u00fcber seine zweij\u00e4hrige Haft als Kriegsdienstverweigerer.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Marko Martin beschreibt die erste pers\u00f6nliche Begegnung mit Reiner Kunze nach dessen Lesung als anregendes Gespr\u00e4ch, bei Kunze nichts vom Jammer eines Emigranten, auch nichts von Verachtung und Kleinmachen etwa von Autoren wie Christa Wolf und Stefan Heym, den Marko Martin noch in der DDR besucht hatte und der ihm<em> entmutigend<\/em> sagte \u201eWeggehen ver\u00e4ndert gar nichts junger Mann\u2026\u201c. Vielleicht hatte der immerzu vorsichtig taktierende Stefan Heym nicht mehr gewusst, dass das Weggehen den Gehenden ver\u00e4ndern und retten kann\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgte in diesem Gespr\u00e4ch noch ein typischer Reiner-Kunze-Satz, man m\u00fcsse sich halt entscheiden, ob man den Nationalpreis oder den B\u00fcchnerpreis bekommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will\u2019s heute nicht \u00fcbertreiben, aber meiner Meinung nach hat Marko Martin bereits mit seinem bisher vorliegenden Werk auch diesen verdient. Und ich freue mich, Ihnen heute schon mitteilen zu k\u00f6nnen, dass er im Oktober in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt\/Main den <em>Ovid-Preis<\/em> des \u201ePEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren\u201c erhalten wird, in dem wir beide Mitglieder sind. Bescheiden f\u00fcge ich hinzu, dass ich der Jury angeh\u00f6re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer denkt, wenn von Elisabeth und Reiner Kunze die Rede ist, nicht auch sofort an Tschechien, an Prag und an 1968. Ein reichliches Jahr nach der \u00dcbersiedlung in den Westen steht Marko Martin am 21. August 1990 in Prag wieder auf dem Wenzelsplatz wie schon einige Male in seinen DDR-Jahren, jetzt zusammen mit den vielen vor Gl\u00fcck weinenden Menschen, die Vaclav Havel und Alexander Dub\u0107ek auf der Trib\u00fcne beklatschen. Er beschreibt, wie sich Havel mit h\u00fcstelnder Raucherstimme bei den tausenden Menschen entschuldigt \u2013 <em>daf\u00fcr,<\/em> <em>dass es an diesem Tag:<\/em> <em>regnet<\/em>. Und in dem L\u00e4cheln der Menschen \u00fcber diese Worte schien fast vergessen, dass es den ganz anderen August 1968 gab und eine halbe Million fremder Soldaten, die das Land damals f\u00fcr \u00fcber 20 Jahre okkupierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der einst gejagte, so oft \u00fcber Jahre inhaftierte Schriftsteller Vaclav Havel als Pr\u00e4sident des nun freien Landes. Ji\u0159i Gru\u0161a, Pavel Kohout, die \u201eCharta 77\u201c, oder unsere gro\u00dfen Vorbilder in der polnischen Literatur, Czes\u0142aw Mi\u0142osz, Zbigniew Herbert, unser gemeinsamer Freund Adam Zagajewski \u2013 Marko Martin fragt und zitiert J\u00fcrgen Fuchs: \u201eWo waren in der DDR jene \u00e4lteren Schriftsteller und Intellektuellen mit der moralischen Kraft etwa eines W\u0142adis\u0142aw Bartoszewski, die als Opfer des Nazismus eine klare antifaschistische <em>und<\/em> antistalinistische Position bezogen haben und uns J\u00fcngeren damit ein Beispiel gaben?\u201c \u2013 Dies war eine schmerzliche Leerstelle auch in meiner Jugend, f\u00fcge ich hinzu, die ich bis heute f\u00fchle und nach deren Ursache ich vielleicht noch immer auf der Suche bin\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber Marko Martin wird sich aufmachen und diese Menschen tats\u00e4chlich suchen und finden, besuchen und interviewen, \u00fcber Jahrzehnte hinweg. Das wird zu einem der Hauptstr\u00e4nge seines gro\u00dfen und umfangreichen Werkes. Er f\u00e4ngt fr\u00fch damit an und portr\u00e4tiert zu Beginn in einer Reihe der Wochenzeitschrift <em>Freitag<\/em>\u00a0die aus der DDR vertriebenen und ausgeb\u00fcrgerten und daher im Osten beinahe unbekannten Schriftsteller, eben auch der j\u00fcngeren Generation, wie J\u00fcrgen Fuchs. Auch ich bin ihm daf\u00fcr pers\u00f6nlich dankbar bis heute, er setzte 1993 im RIAS Berlin eine Stunde Sendezeit f\u00fcr mich durch, und das, nach dem der Redakteur meine Texte fast 10 Jahre lang abgelehnt hatte u.a. mit dem Satz, \u201eman k\u00f6nnte sie durchaus senden, aber man kann es auch bleiben lassen\u201c \u2013 das war der Ton, wenn man vor 1989 als junger ausgeb\u00fcrgerter und aus dem Gef\u00e4ngnis kommender Autor bei Verlagen und Radiosendern in der alten Bundesrepublik vorstellig wurde, dies \u00e4nderte sich erst nach dem Fall der Mauer\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Marko Martin, aber mit den ersten guten Ratschl\u00e4gen versehen von Reiner Kunze und J\u00fcrgen Fuchs machte sich auf und \u2013 es ist nicht \u00fcbertrieben zu sagen \u2013 interviewte die wichtigsten Zeugen des 20. Jahrhunderts, weltweit, und schrieb dar\u00fcber in seinen B\u00fcchern und ver\u00f6ffentlichte es vorher in der <em>FAZ<\/em>, in <em>Die Welt<\/em> oder in der <em>J\u00fcdischen Allgemeinen<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re abendf\u00fcllend, w\u00fcrde ich all diese Namen der von Marko Martin Interviewten und von ihm in aller Welt Besuchten auff\u00fchren, ich beschr\u00e4nke mich auf wenige Namen und bitte Sie, diese Werke unbedingt selbst einmal zu lesen. In seinen B\u00fcchern <em>Treffpunkt &#8217;89: Von der Gegenwart einer Epochenz\u00e4sur<\/em> (2014), <em>Dissidentisches Denken: Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters<\/em> (2019) und <em>\u2018Brauchen wir Ketzer?\u2018 Stimmen gegen die Macht: Portraits<\/em> (2023) sind diese Namen unter vielen anderen aufgef\u00fchrt: von Ralph Giordano bis Hans Sahl, den er schon fr\u00fch besuchte und der ihm weitere Empfehlungen f\u00fcr wichtige Kollegen gab. J\u00fcrgen Fuchs machte ihn auf Man\u00e9s Sperber aufmerksam, dessen Worte direkt auf Marko Martin zugeschnitten zu sein scheinen: \u201eDer Mut zur Wahrheit, ohne aufzuh\u00f6ren (und das ist das Schwierigste), f\u00fcr Freundschaft und Z\u00e4rtlichkeit einzutreten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So umkreist er in seinen B\u00fcchern an Hand der Lebenswege und Werke der Interviewten immer wieder das Versagen eines gro\u00dfen Teils der deutschen und auch europ\u00e4ischen Intellektuellen im Angesicht des Faschismus und Stalinismus im 20. Jahrhundert. Und Marko Martin findet dar\u00fcber zeitlich weit hinaus immer wieder die deutlichen Parallelen zur Gegenwart. Wie gegenw\u00e4rtig ist doch der Konflikt von 1983, den er beschreibt:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lag nahe, einen Jahrhundertzeugen wie Sperber mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels auszuzeichnen. Doch schien im aufgeheizten Jahr 1983 w\u00e4hrend der Debatte um die Nachr\u00fcstung die Realit\u00e4t der diktatorischen Sowjetunion und ihrer Satelliten weit weniger bedrohlich als die Existenz von Pershing II: Lieber rot als tot. Sperbers Preisrede\u2026 wurde \u00e4u\u00dferst ungn\u00e4dig aufgenommen und als \u201aKriegshetze\u2018 denunziert\u2026 seine in Frankfurt verlesenen S\u00e4tze galten vielleicht gerade deshalb einem bestimmten Milieu als unertr\u00e4gliche Provokation. Mit Verweis auf Europas Selbstzerst\u00f6rung im Sommer 1914 und Hitlers Zweiten Weltkrieg fasste Sperber die drohende Gefahr weiter, als es das Gros der bundesdeutschen Friedensbewegung tat: \u201aWer, anstatt \u00fcber die Quelle und Gr\u00fcnde der Kriegsgefahr nachzudenken, seinen leidenschaftlichen Protest nur auf die Waffen reduziert, vermeidet bewusst oder unbewusst die Suche nach dem Feuerherd und erliegt der heute weitverbreitenden Neigung, die Mittel mit dem Zweck zu verwechseln\u2018. Der Skandal war enorm.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man\u00e9s Sperber wurde vom Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Schriftsteller und auch von den Gr\u00fcnen aufgefordert, den Friedenspreis zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Damen und Herren, damit sind wir direkt in der Gegenwart angekommen. Einer der von Marko Martin Interviewten, Andr\u00e9 Glucksmann, der franz\u00f6sische Philosoph, gibt bereits 2009 in einem Gespr\u00e4ch mit Marko Martin in Paris zu bedenken und legt den Finger in diese Wunde, die bis heute offen ist:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wer sagt denn, dass die \u201agro\u00dfen Themen\u2018 von Genozid und Diktatur mit unserem Alltagsleben nichts zu schaffen h\u00e4tten und nur ein Feld f\u00fcr Debatten-Intellektuelle w\u00e4ren? Meinst du wirklich, Details der Rentenfinanzierung seien letztlich entscheidender als die Frage, ob Deutschland auch in Zukunft von Putins Erdgas abh\u00e4ngig bleiben m\u00f6chte?<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-align: center;\">Diese Frage, von dem franz\u00f6sischen Philosophen 13 Jahre vor Beginn des russischen \u00dcberfalls auf die Ukraine in den Raum gestellt, f\u00fchrt direkt zu Marko Martins Fragen an den deutschen Bundespr\u00e4sidenten, November 2024, zu seiner \u201eBellevue-Rede\u201c.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bedeutend gleich zuerst, steigt er ein und sagt, gerichtet an die polnischen Teilnehmer des Festaktes zum 35. Jahrestag des Falls der Mauer, da die Polen nicht zu Wort gebeten wurden, dass es ohne Polen und Solidarno\u015b\u0107 \u00fcberhaupt kein 1989 gegeben h\u00e4tte, Peng, Akt. Zweiter folgt zugleich:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Millionen von DDR-B\u00fcrgern waren jedenfalls damals nicht auf der Stra\u00dfe gewesen, sondern hatten quasi hinter den Wohnzimmergardinen abgewartet \u2013 was im \u00dcbrigen kein Werturteil ist, sondern lediglich ein quasi nachgetragener Fakten-Check, der so manch fortwirkende Mentalit\u00e4ten erkl\u00e4rt\u2026 Weshalb ist wohl, sowohl nach repr\u00e4sentativen Umfragen wie auch nach der Stimmung auf der Stra\u00dfe, in den B\u00fcros und Betrieben und an den abendlichen K\u00fcchentischen, die \u00fcberlebensnotwendige Unterst\u00fctzung der m\u00f6rderisch angegriffenen Ukraine im Osten signifikant weit weniger popul\u00e4r als im Westteil des Landes?<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. Akt:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wiederholt sich (das) heute nicht in jenen eiskalten Forderungen, mit denen die \u00fcberfallene Ukraine gedr\u00e4ngt wird, endlich ihren Widerstand einzustellen und sich den russischen Besatzern kampflos auszuliefern\u2026 Doch weshalb pl\u00f6tzlich auch diese Inflationierung des Friedens-Begriffs, obwohl die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der in der DDR aufgewachsenen Jugendlichen und M\u00e4nner einst den Kriegsdienst ebenso wenig verweigert hatte, wie zuvor die Teilnahme am Wehrkundeunterricht in der Schule, die vormilit\u00e4rische Lager-Ausbildung in der Lehrzeit und sp\u00e4terhin die \u00dcbungen der sogenannten \u201aBetriebskampfgruppen\u2018? Wirkt hier wom\u00f6glich noch immer jene Regime-Propaganda nach, die \u201aFrieden\u2018 nur dann gew\u00e4hrleistet sah, wenn es den Machtinteressen des Kreml diente\u2026? Solidarno\u015b\u0107 als Gefahr f\u00fcr den Weltfrieden?<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 wie Egon Bahr 1982 in der Zeitschrift <em>Vorw\u00e4rts<\/em>\u00a0schrieb. Fortsetzung Marko Martin:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddessen scheint es, dass die als Geo- und Realpolitik kaschierte Verachtung, die einst aus den Worten Egon Bahrs sprach, noch heute fortwirkt.\u00a0\u00a0Schon wird Gerhard Schr\u00f6der, nach wie vor reuelos gro\u00dfsprecherischer Duzfreund des Massenm\u00f6rders im Kreml, vom neuen Generalsekret\u00e4r der Kanzlerpartei garantiert, dass selbst f\u00fcr ihn weiterhin Platz sei in der deutschen Sozialdemokratie. Dies \u00fcbrigens zum gleichen Entsetzen der Osteurop\u00e4er und gestandener Sozialdemokraten, mit dem sie 2016 aus dem Mund des damaligen Au\u00dfenministers h\u00f6ren mussten, die Nato-Man\u00f6ver an der Ostflanke, um die dortigen Demokratien zu sch\u00fctzen, seien \u201aS\u00e4belrasseln und Kriegsgeheul\u2018. S\u00e4belrasseln und Kriegsgeheul?\u00a0\u00a0Sehr geehrter Herr Bundespr\u00e4sident und bei allem Respekt: Auch das Nord-Stream-Projekt, an dem SPD und CDU so elend lange gegen alle fundierte Kritik festhielten, war nur insofern \u201aeine Br\u00fccke\u2018 \u2013 Ihre Worte noch vom Fr\u00fchjahr 2022 \u2013 als dass es Putin in seinen Aggressionen zus\u00e4tzlich ermutigte und zwar in seinem Kalk\u00fcl, dass die Deutschen, ansonsten Weltmeister im Moralisieren, das lukrative Gesch\u00e4ft schon nicht sausen lassen w\u00fcrden, Ukraine hin oder her\u2026<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lassen Sie mich der Rede von Marko Martin noch kurz hinzuf\u00fcgen, dass meine Freunde in Polen in ihrer poetisch-historischen Sch\u00e4rfe schon jahrelang zuvor <em>Nord Stream 2<\/em> als \u201edie Ribbbentrop-Molotow-Leitung\u201c bezeichneten, die sich vor allem gegen Osteuropa richtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus den polnischen Aufst\u00e4nden des 19. Jahrhunderts stammt das Bonmot <em>F\u00fcr unsere und eure<\/em> <em>Freiheit <\/em>und Marko Martin sagte dem Publikum im Schloss Bellevue:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist die gepeinigte Zivilbev\u00f6lkerung in der Ukraine und ebenso sind es die Soldaten und Soldatinnen der ukrainischen Armee, die mit ihrem Widerstand auch unsere seit 1989 gesamtdeutsch existierende Freiheit zu sch\u00fctzen versuchen \u2013 auch jetzt, in dieser Minute und unter unvorstellbaren Opfern\u2026 Wenn\u2026 gerade jetzt 35 Jahre nach dem Mauerfall h\u00e4ufig und oft zu Recht von diesem oder jenem \u201aDefizit Ost\u2018 die Rede ist \u2013 wie w\u00e4re es dann gleichzeitig mit einer Debatte zu jenem Erkenntnis-, Handlungs- und Ehrlichkeitsdefizit West, das es doch ebenso einzugestehen und zu \u00fcberwinden gelte? Und zwar nicht als rein rhetorische Bu\u00df\u00fcbung, sondern als notwendiger Abschied von gesamtdeutschen Lebensl\u00fcgen und Verdr\u00e4ngungen, denn diese kosten anderswo, ganz konkret und f\u00fcrchterlich, Menschenleben.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das waren Worte, offenbar zu viel f\u00fcr einen deutschen SPD-Politiker alter Schule. Wie Marko Martin berichtet, sprang der Bundespr\u00e4sident danach w\u00fctend auf ihn zu und dr\u00fcckte ihm, <em>zer<\/em>dr\u00fcckte ihm fast die Hand. Dann diese dessen Floskeln im Sinne, wenn Sie w\u00fcssten, was wir alles im Hintergrund getan haben und tun und \u00fcbrigens sind Sie hier zu Gast in diesem Haus, was erlauben Sie sich\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was meine eigenen Beobachtungen des moralischen Verfalls der deutschen Gegenwartspolitik wieder schmerzlich best\u00e4rkte. Ich war davon nicht \u00fcberrascht, doch f\u00fcr den Mut Marko Martins unendlich dankbar, begeistert \u00fcber diese \u201eSternstunde in Demokratie\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn was hatten wir ab 2022 sehen m\u00fcssen: Deutschland schickte zum Gesp\u00f6tt einiger europ\u00e4ischen Nachbarn nach den Bombardierungen ukrainischer St\u00e4dte \u201eM\u00fctzchen\u201c, wie sie spotteten, einige tausend Helme, sp\u00e4ter vergingen Monate \u00fcber der Diskussion, ob ein Panzer eine \u201eschwere Waffe\u201c sei, bis man sich schlie\u00dflich zu einer deutlichen Unterst\u00fctzung der ukrainischen Armee durchrang, begleitet weiterhin vom Hin- und Her, ob die gelieferten Waffen auch f\u00fcr die Zerst\u00f6rung des Nachschubs der russischen Armee auf deren Territorium eingesetzt werden d\u00fcrften\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hatte nicht einer, Reiner Kunze hei\u00dft er, schon nach der kriegerischen Annexion der Krim 2014 dieses Gedicht geschrieben:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">UKRAINISCHE NACHT<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>Der Karpatenr\u00fccken<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 l\u00e4dt dich ein<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dich zu tragen<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Rose Ausl\u00e4nder<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das land,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 verst\u00fcmmelt,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 veruntreut,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 verraten,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">hob mich auf den r\u00fccken der Karpaten,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und im wachtraum h\u00f6rte ich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die dichterin die mutter fragen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">was diese gern geworden w\u00e4re, und die muttter sagen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">eine nachtigall<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da begannen alle nachtigallen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in den hainen, die ich in mir trug, zu schlagen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und ich h\u00f6rte sch\u00fcsse fallen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und den namen widerhallen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maidan, Maidan<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in des namens klang<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">klang der name an<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">des dichters, dessen wort wir in uns tragen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Tod ist ein Meister aus Deutschland<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wei\u00df man hier, der tod kam nicht<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">aus Deutschland nur, er kam<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mit zweierlei gesicht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und riesig ist das land, wo man<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ihm blumen steckt und ruhmeskr\u00e4nze flicht<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">aus: Reiner Kunze, <em>die stunde mit dir selbst<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist, so frage ich, ist Marko Martin nun vor allem ein politischer Autor? Ja auch, aber bei weitem nicht nur. Denn ein weiterer Hauptstrang seines Schreibens sind B\u00fccher \u00fcber seine Reisen in die Welt, begleitet zumeist von Reportagen in den oben genannten Zeitungen. Einige Titel wiederum nenne ich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mit dem Taxi nach Karthago: Ein Ex-Ossi entdeckt die Welt<\/em> (1994)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Nacht von San Salvador: Ein Fahrtenbuch<\/em> (2013)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kosmos Tel Aviv: Streifz\u00fcge durch die israelische Literatur und Lebenswelt<\/em> (2013)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Madiba Days: Eine s\u00fcdafrikanische Reise<\/em> (2015)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Tel Aviv: Schatzk\u00e4stchen und Nussschale, darin die ganze Welt<\/em> (2016)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Umsteigen in Babylon<\/em> (2016)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Haus in Habana: Ein Rapport<\/em> (2019)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die letzten Tage von Hongkong: Literarisches Tagebuch<\/em> (2021)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt hochaktuell zum Krieg im Nahen Osten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Und es geschieht jetzt: J\u00fcdisches Leben nach dem 7. Oktober 2023<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; und soeben im September erschienen: <em>Freiheitsaufgaben<\/em> (2025).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tel Aviv, diese israelische Stadt am Meer, nennt Marko Martin seine zweite Heimat. Wie ich vermute und las, hatte er dort auch sein <em>Coming Out<\/em>, fand dort zu seiner wahren sexuellen Orientierung. Diesen weiteren Themenkreis seines Schreibens findet man immer wieder auch in seinen Reiseberichten, eine Mischung aus politisch-literarischer Reportage und Beschreibung der Erfahrungen und Erlebnisse in den Schwulen-Milieus verschiedener L\u00e4nder. Sein Buch <em>Umsteigen in Babylon<\/em> von 2016 z. B. signierte er mir mit den Worten, dass er in einem der Clubs auch einen Jungen aus Plauen im Vogtland traf <em>und<\/em> dem augenzwinkernden Hinweis, dass ich ruhig aufh\u00f6ren solle weiterzulesen, wenn es mir zu viel werden w\u00fcrde\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Leser dieses Buches schreibt begeistert:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umsteigen in Babylon: &#8216;Linoleum-Thais&#8217; und &#8216;Kuckucksuhren-Osteurop\u00e4er&#8217;, Iraner mit Rolex und Kubaner mit Kapuzenshirt \u2013 Marko Martin reist um die Welt, flaniert durch Berlin und l\u00e4sst sich mitnehmen, aufpicken, abschleppen. Der Blick in die Wohnungen, in die Schlafzimmer fremder L\u00e4nder f\u00f6rdert manche Wahrheit zutage, die sexuellen Gewohnheiten, Lebensl\u00fcgen und Sehns\u00fcchte seiner Dates erst recht: &#8216;Aber wovon sie alle schw\u00e4rmen, alle, ist Tel Aviv. Stell dir vor, ausgerechnet das verbotene, ihnen unzug\u00e4ngliche Tel Aviv, der Traum von nackten Israeli-Soldaten.&#8217; Wenn der Weg zum Kennenlernen auch erst einmal durchs Bett f\u00fchrt, taugt diese geballte Ladung internationaler Aff\u00e4ren kaum als Porno, denn seine Geschichten sind umrankt und durchdrungen von vielf\u00e4ltigen literarischen Inspirationen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem Buch <em>Madiba Days: Eine s\u00fcdafrikanische Reise<\/em> von 2015 schildert er, wie ihn in der Nacht des 5. Dezember 2013 in Kapstadt die Nachricht vom Tod des legend\u00e4ren Freiheitsk\u00e4mpfers Nelson Mandela erreicht, gleichzeitig gemahnt ihn die abgeschottete Welt der hiesigen Buren an die eigene Kindheit. Seine assoziierenden Aufzeichnungen werden damit zu einem St\u00fcck Erinnerungsliteratur: Seine Eltern, deren Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas ihn vor realsozialistischer Indoktrination sch\u00fctzte und dennoch geistig beengte \u2013 bis schlie\u00dflich die ganze Familie der Sekte und dem Staat Adieu sagte. Am Schluss dieser episodenreichen, mit Pr\u00e4zision und Verve erz\u00e4hlten Reise findet sich der Autor in der quirligen Welt von Mandelas politischen Enkeln wieder \u2013 NGO- und Gay-Aktivisten, die nun der Gei\u00dfel der Homophobie den Kampf ansagen, das Subversive des Eros dabei nicht vergessend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Buch <em>Die letzten Tage von Hongkong<\/em>\u00a0berichtet von einer Reise mit seinem Partner dorthin, sie geraten am 1. Januar 2020 in eine Demonstration von B\u00fcrgerrechtlern in dieser Stadt, es soll die <em>aller<\/em>letzte werden, die die einstige Insel der Freiheit erlebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Nobelpreistr\u00e4ger Mario Vargas Llosa, \u00fcbrigens auch ein Interview-Partner von Marko Martin, schrieb \u00fcber dieses Buch: \u201eMarko Martin hat eine bewundernswerte Gabe, die Dinge zu sehen; durch seine Augen werden die Dissidenten in Hongkong als Menschen erkennbar, Menschen mit einer ungewissen Zukunft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Anregungen, mehr erlaubt mir die Zeit heute Abend nicht, sind gedacht f\u00fcr Sie, liebes Publikum, als Beispiele zum Kennenlernen des umfangreichen und weit gef\u00e4cherten literarischen \u0152uvre Marko Martins, und ich verweise auf die Worte der Pulitzer-Preistr\u00e4gerin Anne Applebaum: \u201eMarko Martin ist nicht nur ein bemerkenswerter Autor, er ist ein wahrer Humanist. Was er schreibt, muss man gelesen haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem auch seine literarischen Erz\u00e4hlungen bitte, denn ich wei\u00df, dass er auf sie mit Recht besonderen Wert legt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier sind vor allem zu nennen, die in der ber\u00fchmten <em>Die andere Bibliothek <\/em>erschienenen Prosab\u00e4nde <em>Schlafende Hunde<\/em> von 2009 und <em>Die Nacht von San Salvador<\/em> 2013, die seinem Buch <em>Umsteigen in Babylon<\/em>\u00a0vorausgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Buch <em>Schlafende Hunde<\/em>\u00a0zum Beispiel, bewegend, beinahe traurig stimmend, die Geschichte \u201eCocain\u201c, eines in Ostdeutschland ehemalig politisch Verfolgten, der seinen Lebensunterhalt durch F\u00fchrungen in Gedenkst\u00e4tten des wiedervereinigten Deutschland verdient \u2013 aber f\u00fcr den der befreiende Fall der Berliner Mauer, das Ende des Systems, zu sp\u00e4t kam. Er ist beinahe f\u00fcnfzig und reist nun regelm\u00e4\u00dfig nach Nizza, vor allem und eben auch, um seine sexuelle Orientierung zu leben, gerade dies seinem Verfolgten-Trauma entgegen zu stellen \u2013 und erkennt und er-f\u00fchlt: auch hier ist er zu sp\u00e4t gekommen, um in den Schwulen-Bars und Clubs in seinem Alter noch Bedeutung zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bewundere gerade auch diesen nachdenklichen und nachfragenden Ton, der sich im Schreiben von Marko Martin immer findet und Realit\u00e4ten widerspiegelt. Seinen humanen Grundton, auch wenn er sich pl\u00f6tzlich selbst fragt:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6nnte es sein, dass ich, im Mai 1989 in die Bundesrepublik gekommen, auch nach \u00fcber zwei Jahrzehnten die Codes des <em>juste milieu<\/em> nicht so richtig kapiere? Unaufl\u00f6slicher Widerspruch zwischen der im Grunde so angenehmen, urbanen Gewandtheit dieser Leute und den unsichtbaren Panzern und Scheuklappen, die sie dennoch so d\u00fcnkelhaft mit sich herumtragen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch, in der Liebe, lieber Marko, sind wir alle Sisyphos und rollen den Stein, der uns immerzu aus den H\u00e4nden gleitet. Gleiches gilt vielleicht auch f\u00fcr unser Schreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss sich Marko Martin als einen gl\u00fccklichen Menschen vorstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gratuliere dir herzlich, lieber Marko Martin, zum Reiner-Kunze-Preis 2025!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Utz Rachowski, Oelsnitz\/Erzgebirge, 26. September 2025<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(erster Preistr\u00e4ger des Reiner-Kunze-Preises 2007)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laudatio auf Marko Martin zum Reiner-Kunze-Preis 2025 von Utz Rachowski &nbsp; (gehalten am 26. 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