Jun 2011

Gabriele Haefs

Dem Hamsun eine Gasse?

Kein norwegischer Dichter hat es je zu solchem Weltrum gebracht wie Knut Hamsun (*1859 – †1952) – abgesehen vielleicht von Henrik Ibsen, den Hamsun übrigens zutiefst verachtete und über den er in seinen Romanen immer wieder mit bissigem Spott herzog. Das „kleine Wesen“ (wie Hamsun ihn nannte), auch wenn er laut Augenzeugenberichten ein absolut mieser Charakter war, erscheint seinen Landsleuten heute mehr denn je als heiligmäßige Lichtgestalt. Ibsens Widersacher Hamsun dagegen hat in seinen späten Jahren die Nazis unterstützt und gilt deshalb in der guten Gesellschaft bis heute eher nicht als salonfähig. Und doch hat er eine treue Fangemeinde. Man solle die Vergangenheit ruhen lassen und nach dem größten Romancier, den das Land jemals hervorgebracht hat, endlich in der Hauptstadt Oslo eine Straße benennen, sagen die einen, und sie verweisen darauf, dass nicht einmal der böswilligste Hamsunverächter in dessen Werk irgendwelche Hinweise auf die Nazisympathien finden kann. Man solle also Werk und Autor trennen und die Straße sozusagen dem Werk widmen. Und sei es, indem man sie nach einer Figur aus einem Hamsunbuch nennt und nicht nach dem Mann selbst. Nichts da, widerspricht die andere Seite, er hat die Nazis unterstützt und schreckliche Dinge gesagt und getan. Nie und nimmer darf so einer eine Straße kriegen. (Dass in anderen norwegischen Orten, die irgendeinen Bezug zu Hamsun haben, wie Narvik, Mo i Rana oder Stokmarknes, durchaus Hamsun-Straßen existieren, wird dabei nicht weiter erwähnt; von Oslo aus gesehen ist alles andere öde Provinz und eben nicht der Rede wert).
 
Unmittelbar vor Beginn des Jahres 2009, in dem Hamsuns 150. Geburtstag zu feiern war, wurde abermals energisch diskutiert, vielmehr es wurde nicht diskutiert, denn eigentlich sagen alle dasselbe wie eh und je. Und der Kompromissvorschlag, einen Platz in der Nähe des Osloer Hauptbahnhofs nach Hamsun zu benennen, hat die Befürworter nur verdrossen. Dabei spräche einiges für diese Lösung: Just dort spielen große Passagen von Hamsuns erstem großen Romanerfolg Hunger mit seinem so oft zitierten Anfang: „Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist …“
 
Als Oslo noch Kristiania hieß, verortete der junge Hamsun sich politisch auf der extremen Linken und bezeichnete sich als Anarchisten. Heute ist die Gegend um den Hauptbahnhof sozialer Brennpunkt und immer wieder in der Diskussion. Geht also nicht, findet die Hamsunfraktion, entweder er kriegt eine richtig noble Straße oder man lässt es. Dabei hätte der Hamsun der Hunger-Periode mit seinem Hang zu Randgruppen und Rauschmitteln aller Art bestimmt nichts gegen eine solche Benennung gehabt — Die Sache mit der Anarchie ist übrigens noch nicht erforscht. Wieso Hamsun sich dazu bekannte, hat er selbst nie begründet. Immerhin trug er, damals Straßenbahnfahrer in Chicago, als einer der wenigen seiner Kollegen trotz der Drohungen der Bosse nach Hinrichtung der Haymarket-Märtyrer 1886 ein schwarzes Band am Revers.
 
Die Sache ist also erst einmal unentschieden und blieb das auch während des Hamsunjahres. Wobei „Hamsunjahr“ als Bezeichnung leicht übertrieben klingt. Wurden zum Ibsenjahr 2006 (anlässlich des 100. Todestag des „kleinen Wesens“) nicht weniger als 80 Prozent von Norwegens gesamtem Kulturbudget investiert, um dem Namen Ibsen in aller Welt zu huldigen, so fließen die Mittel für Hamsun eher spärlich –- zu sehr hat der Mann sich selbst ins politische Abseits manövriert.
 
An dieser Stelle scheint es nun angebracht, nachzusehen, was Hamsun eigentlich getan, gesagt und geschrieben hat, denn darüber wird interessanterweise längst nicht mehr gesprochen. Die Anti-Hamsunstraßenfraktion erklärt nach wie vor, der Mann sei ein schrecklicher Nazi gewesen, nach so einem dürfe man keine Straße benennen, während die Pro-Fraktion sagt, im Gegenteil, eigentlich war er gar keiner und wenn doch, so hat ihn seine Frau dazu verleitet. Die Behauptung, Frau Hamsun sei an allem schuld gewesen, ist allerdings nicht mehr zu halten, seit der Historiker Ingar Sletten Kolloen seine Hamsunbiografie vorgelegt hat, für die er erstmals Einblick in Familienpapiere und bisher gesperrte Gerichtsprotokolle nehmen durfte. Marie Hamsun schwärmte zwar für Hitler und das Dritte Reich, reiste immer wieder auf Vortragstournee dorthin und ließ sich von Goebbels und Göring gleichermaßen hofieren, aber dass Hamsun sich von ihr (oder von irgendeinem anderen Menschen) zu irgendeiner Ansicht hätte verführen lassen, muss einwandfrei ins Reich der Sage verwiesen werden. Ansonsten hat die Diskussion sich verselbständigt. Der Autor Sverre Henmo, dem es nach eigener Aussage egal ist, ob es in Oslo irgendwann eine Hamsunstraße geben wird oder nicht, sagte bei einer Diskussion auf der Osloer Buchmesse im November 2008, dass offenbar niemandem an Informationen zum Thema gelegen sei. Alle hätten ihre feste Meinung, die sie nicht durch Recherchen ins Wanken bringen wollten. Und immerhin, so denken viele, die sonst nichts weiter über die Angelegenheit wissen, wurde Knut Hamsun nicht wegen Landesverrats verurteilt und verlor sein ganzes Vermögen. Das kann doch nicht ohne Grund geschehen sein.
 
Nur ist die Sache mit dem Landesverrat und dem Prozess auch so ein Thema, das lieber unter den Tisch gekehrt wird. Denn eigentlich hätte die Sache ganz einfach sein könnten: Die Norwegische Exilregierung in London erließ Ende 1944 etliche Gesetze, nach denen nach der Befreiung Norwegens von der deutschen Besatzung Kollaborateure bestraft werden sollten. Rückwirkend für die ganze Besatzungszeit. Dass es keine Möglichkeit gab, diese Gesetze in Norwegen bekannt zu machen, spielte dabei keine Rolle. Wichtigstes Kriterium für die Bestrafung als Landesverräter war die Mitgliedschaft in der norwegischen Nazipartei. Mit diesem Gesetz hätte die Sache ein Ende haben können, denn Knut Hamsun war nachweislich niemals Mitglied der norwegischen Nazipartei. Nur war er eben der prominenteste Norweger überhaupt, eventuell neben Vidkun Quisling, dem norwegischen Naziführer, der gleich 1945 hingerichtet wurde, als das Bedürfnis nach Rache noch ganz besonders heiß loderte. Doch die wieder eingesetzte norwegische Regierung schien sich nicht ganz wohl dabei zu fühlen, einen in aller Welt bekannten, fast tauben Greis (Hamsun war 1945 immerhin bereits 86) vor Gericht zu stellen, weshalb er erst einmal in die Psychiatrie eingewiesen wurde, wo Hamsun deutlich das Gefühl hatte, er sollte hier auf höchsten Regierungsbefehl für senil und unzurechnungsfähig erklärt werden. Ob er mit diesem Gefühl richtig lag, ist bisher nicht zu beweisen, die entsprechenden Unterlagen sind nämlich noch immer gesperrt. Dass die Psychiater sich alle Mühe gaben, ist jedoch unübersehbar. Was immer Hamsun sagte, wurde gegen ihn verwandt. Auf die Frage, was einen Zwerg und ein Kind unterscheide, antwortete er: „Das Alter“, was als Zeichen für mangelnde Urteilskraft verbucht wurde. Warum ein Mann seine Frau nicht hintergehen solle, fragte der Psychiater. Weil sie dann auf die Idee kommen könnte, nun ihrerseits Seitensprünge zu machen, sagte Hamsun, und schon war er als moralisch verkommen eingestuft. Am Ende befanden die Psychiater auf „dauerhaft geschwächte seelische Fähigkeiten“ (was genau das sein mochte, wurde nie aufgeklärt), weshalb er nicht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden konnte. Vor Gericht gestellt wurde er aber trotzdem, denn nur so konnte sein Vermögen konfisziert werden, und Hamsun verbrachte seine letzten Jahre in bitterer Armut. Obwohl seine Anwältin, Sigrid Stray, Antifaschistin mit tadellosem Leumund aus dem norwegischen Widerstandskampf gegen die deutschen Besatzer, beweisen konnte, daß ihr Mandant kein Parteimitglied gewesen war und folglich auch nicht gegen das Gesetz von 1944 verstoßen haben konnte.
 
Dabei war er ein in aller Welt viel gelesener Autor, dessen Werke immer wieder neu aufgelegt wurden, nur Norwegen bildete von 1945 bis 1950 die große Ausnahme. „Wir waren hamsunsüchtig, so wie man rauschgiftsüchtig sein kann“, das schrieb rückblickend 1956 die deutsche Literaturhistorikerin Friederike Manner. Der Erfolg allerdings hatte sich für Hamsun erst relativ spät eingestellt. Seine ersten, auf eigene Kosten gedruckten Veröffentlichungen, Alm- und Fjorddramen, entstanden unter dem Einfluss der „Bauernerzählungen“ des von ihm so verehrten Bjørnstjerne Bjørnson, fanden so gut wie keine Abnehmer. Seinen künstlerischen Durchbruch errang er 1890 mit dem Roman Hunger. Zuvor hatte er seinen Stil radikal verändert. Hunger weist keine Spuren mehr auf von Alm- und Fjordidylle. Der Roman spielt in der Großstadt unter verkrachten Künstlern, die Kritiker sahen darin den „neuen Menschen“, Opfer seiner dekadenten Nerven und des Tempos der modernen Zeit, riefen den Autor zum Genie aus und stellten ihn auf eine Stufe mit Dostojewski. Ein höheres Lob war damals kaum denkbar.
 
Das Publikum blieb überaus gelassen, verkaufsmäßig war Hunger ein Fiasko. Das galt auch für die anderen Romane dieser Periode, von denen neben Hunger der bekannteste Mysterien ist (in diesem Roman gönnt Hamsun sich übrigens das Vergnügen, auf vielen Seiten Ibsen auf wunderbar formulierte Weise mit Hohn und Spott zu überschütten). Der große Erfolg setzte erst ein, als er, des bohèmienhaften Lebens in den großen Städten müde, wie er behauptete, seine Romane abermals auf dem Land ansiedelte und seiner nordnorwegischen Heimat, vor allem seinem Heimatbezirk Nordland, ein literarisches Denkmal setzte. In Nordland spielen Romane wie Pan, Benoni, Rosa und Segen der Erde, der Roman, der ihm den Nobelpreis einbrachte.
 
Vor allem der alte Hamsun suchte sich für seine Romane bisweilen andere Schauplätze. (Die Stadt Segelfoss, Die Weiber am Brunnen und die Landstreicher-Trilogie spielen an der norwegischen Südküste, Das letzte Kapitel im Gebirge in der Nähe der ostnorwegischen Stadt Lillehammer). Aber das in den Büchern gezeichnete Bild der Welt ändert sich nicht mehr: Die Welt ist schlecht und ungerecht, die Reichen und Mächtigen nutzen ihre Macht und ihren Reichtum gewissenlos aus, und wenn die Armen überleben wollen, müssen sie zu allen Mitteln greifen, die sie überhaupt nur finden können. Die Wahl dieser Mittel wird mit Sympathie beschrieben, zugleich kann das Armeleutekind Hamsun sich zeitlebens bei der Schilderung der Reichen und Mächtigen nicht von Bewunderung und leisem Neid befreien, weshalb die Reichen und Mächtigen eben nicht als negative Karikaturen erscheinen.
 
Bleibt die Frage, ob man Hamsun als Nazi bezeichnen kann oder nicht. Ein Sympathisant war er jedenfalls. Als Kind hatte er immer wieder schreckliche Geschichten über die Hungersnöte gehört, die während der Napoleonischen Kriege durch die von Großbritannien verhängte Seeblockade in Norwegen wüteten. Später konnte er beobachten, wie britische Industriemagnaten in Norwegen Fabriken gründeten und Land und Leute rücksichtslos ausbeuteten. Der Kontakt mit irischen Auswanderern in den USA konnte seine Sympathien für das britische Empire dann auch nicht vergrößern. In den USA gelangte er zudem zu der Überzeugung, dass dieses Land sich zu einer imperialistischen, kapitalistischen und militaristischen Hölle entwickeln würde, wenn ihm nicht jemand ordentlich auf die Finger haute. Deutschland dagegen war für Norwegen schon immer das Tor zur Welt. Norwegische Künstler gelangten über Deutschland zu internationalem, Ruhm. Deutschland als Land der Dichter und Denker erschien Hamsun (der in seinem Leben keine 300 Tage die Schule besucht hatte) als positiver Gegenentwurf zu allem, was er an den USA verachtete, und fortan hieß er einfach alles gut, was in Deutschland geschah. Ein Land, das gegen Großbritannien und die USA Kriege führt, muss man einfach unterstützen, so – vereinfacht formuliert – war Hamsuns simple Überzeugung. Er hat schreckliche Dinge geschrieben, am schrecklichsten seine Polemiken gegen den im KZ gefolterten Ossietzky. 1934 wurde er gebeten, eine Solidaritätsadresse für Carl von Ossietzky zu unterschreiben. Hamsun weigerte sich, verwies darauf, dass Konzentrationslager schließlich eine britische Erfindung seien und „wenn die (deutsche) Regierung sich veranlasst gesehen hat, Konzentrationslager einzurichten, dann sollten Sie und alle Welt begreifen, dass das seine guten Gründe hat.“
 
Allerdings muß darauf hingewiesen werden, daß die maßgeblichen norwegischen Zeitungen eher Hamsuns Ansicht teilten, wie sie überhaupt bis Kriegsbeginn erschreckend deutschland- bzw. hitlerfreundliche Standpunkte vertraten. Hamsun erklärte schon früh seine Unterstützung für Quisling; 1936 veröffentlichte er in der Zeitung Fritt Folk („Freies Volk“), dem Zentralorgan der norwegischen Nazipartei, einen Wahlaufruf, in dem es über Quisling hieß: „Wenn ich zehn Stimmen hätte, dann würde er sie alle bekommen. Sein fester Charakter und sein unbeugsamer Wille tun uns gut in diesen Zeiten.“
 
Er rief nach der Besetzung seine Landsleute auf, den deutschen Besatzern keinen Widerstand zu leisten, die Deutschen seien ja doch unbesiegbar und Widerstand werde nur zu schrecklichen Strafaktionen führen. Er fand es lobenswert, dass seine Söhne sich freiwillig an die Ostfront meldeten, und er scheint keinerlei Versuch unternommen zu haben, seine Frau Marie von ihren Propagandareisen ins Reich abzuhalten (wobei man allerdings zugeben muss, dass die Ehe inzwischen zu einem solchen Fiasko geworden war, dass er erleichtert aufatmete, wann immer Marie das Haus verließ). Und er hat Hitler, der Hamsuns Werke sehr schätzte, persönlich besucht! Der Besuch endete allerdings katastrophal. Hamsun wollte die Gelegenheit nutzen, um sich über das Vorgehen der Besatzungsbehörden in Norwegen zu beschweren und die Ablösung des allgemein verhassten Reichskommissars Terboven zu verlangen. Was Hitler so verärgerte, dass er den Besuch vorzeitig abbrach.
 
Hamsun hat sich zudem immer wieder für norwegische Widerständler eingesetzt, denen Verhaftung oder sogar Hinrichtung drohten. Er hat dem deutschen Verlagsmann Max Tau die lebensrettende Einreiseerlaubnis nach Norwegen besorgt. Auch für seine Anwältin, die wegen ihrer Aktivitäten im norwegischen Widerstand inhaftiert worden war, setzte er sich ein und konnte ihre Freilassung erwirken, weshalb es für die Anwältin Sigrid Stray gleich nach ihrer Rückkehr aus dem schwedischen Exil im Sommer 1945 ganz selbstverständlich war, ihren alten Mandanten aufzusuchen und seine Verteidigung zu übernehmen. Hamsuns Engagement gegen Terboven und für dessen Opfer wurde beim Prozess auch erwähnt. Doch das half ihm auch nicht weiter. Sein Vermögen, wie gesagt, wurde eingezogen und in den Wiederaufbau Norwegens investiert.
 
Seine Schandtaten wiegen noch heute so schwer, dass in Norwegens Hauptstadt, die er beschrieben hat wie kein zweiter, keine Straße nach ihm benannt werden darf. Ob man dazu nun eine Meinung hat oder nicht, eins steht fest und lässt sich aus seinen Schriften problemlos belegen: Knut Hamsun, der sich nicht einmal von seinem Nobelpreis übermäßig beeindrucken ließ, sondern gereizt reagierte, als Frau Marie ihn mit der freudigen Nachricht beim Frühstück störte, hätte über diese ganze Debatte vermutlich mit den Schultern gezuckt, um dann in einem wunderbaren Roman die Leute, die sich über Dichternamen für Straßen gegenseitig zumindest verbal die Köpfe einschlagen, so lächerlich zu machen, wie er das so gern mit Dichtern von der Art des “kleinen Wesens” Ibsen machte.


Mit freundlicher Genehmigung aus Anne Helene Bubenzer, Gabriele Haefs:Lesereise Oslo: Auf der Suche nach Ibsens Bad, Wien: Picus Verlag GmbH, 2010.




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