Jun 2011

Utz Rachowski

Die Stimmen des Sommers

Meines Vaters Atem

Das Land, in dem mein Vater geboren wurde, war schon gefallen, im Spätsommer, zwei Jahre vorher, als er am Heiligen Abend einundvierzig, ungeschützt auf einem Panzer stehend, in seinem Fernglas die Kirchenkuppeln der Stadt Moskau sah.
Dabei, die Ellenbogen angewinkelt, das Glas vor den Augen, verrutschten die Ärmel seiner Uniformjacke ein wenig nach hinten, die aufgenähten Litzen eines deutschen Feldwebels der Waffen-SS, und gaben die wollenen Pulswärmer über seinen Unterarmen frei, die meine Großmutter in Reichenbach im Vogtland für ihn gestrickt hatte.
Das Fernglas, dessen Linsen hin und wieder durch seinen Atem beschlugen, und dessen Adapter er mehrmals drehte und neu justierte, ehe er begann, die Gläser mit bloßen Fingern zu wischen, hielten ein Paar gewaltige Handschuhe, für deren dichte, mehrschichtige Fadenstruktur die Hände meiner Mutter an langen und einsamen Kriegsabenden in Plauen gesorgt hatten.
Die aus ihrer Hand hervorgegangenen Kniestrümpfe, Schurwolle, gearbeitet im späten November, als der Feldzug meines Vaters sich schon anschickte zu dauern, in Plauen, Reichenbach und Leipzig, staken in neuen, großzügig geschnittenen Filzstiefeln, bis zur Hälfte, das Leder, sorgfältig gefettet.
Dr. Goebbels hatte den Frauen über Volksempfänger gesagt, was mein Vater für Hände, Füße und Kopf benötige.
Das stak jetzt in ihren Köpfen.
Und sie hatten fleißige Hände, die Frauen; Großmutter, Mutter.
Jedoch, es schien meinem Vater trotz aller Fürsorge kalt zu werden, an seinem Standort, es war Weihnachten, ganz weiß dort, sodass er, nachdem er schon einige Male das Standbein gewechselt hatte, jetzt häufiger und unruhig mit den Stiefeln auf die Stahlplatte des Panzerturmes stampfte, schließlich herabsprang und zu einem Wachposten, einem Gefreiten der Aufklärer, sagte: Keine zwei Wochen mehr, dann haben wir sie. Lassen Sie sich dann auch ablösen, ich geh’ schon mal rüber ins Zelt, mich aufwärmen. Es soll Christ-Stollen geben.

Der Heidelbeerwald

Jetzt ist der Kaffee fertig, und Mutter, morgen Geburtstagskind, hat schon das gute Service aus dem Wohnzimmerschrank genommen, und es schien mir, als wäre sie dabei leiser aufgetreten, als sie Tassen, Teller und Kanne durch das Zimmer trug. Als sie unseren Tisch erreichte, schien sie zu schweben.
Ich nehme eine der federleichten Tassen, drehe sie um, sie schwebt in meinen Händen wie der leise Schritt meiner Mutter über dem Boden, die Unterseite nach oben, aber noch während ich das Bild der hellblauen, gekreuzten Schwerter unter der Königskrone zu enträtseln suche, schreit der ganze Tisch auf, wie mit einer Stimme, ich solle sofort die Tasse hinstellen. In diesem Moment unter diesem einzigen, Schrei, beinahe, hätte ich sie wirklich fallen gelassen.
Lasst den Jungen in Ruhe, er hat Ferien, sagt meine Großmutter, die gerade das Wohnzimmer betritt. Vor sich her trägt sie eine schwere Steingutplatte, auf der Heidelbeerkuchen liegt, aufgeschichtet zu einer Pyramide.
Na klar, du wieder musst ihn in Schutz nehmen.
Sagt mein Vater.
Die letzten in diesem Jahr, sagt meine Großmutter und ignoriert den Einwurf meines Vaters, gestern haben wir den ganzen Tag gebraucht, um so viele für euch zu pflücken. Aber wir haben ja unseren Heidelbeerwald, dort finden wir immer noch welche, sagt sie und blinzelt mir zu.
Ich muss noch schweigen und sitzen bleiben. Wenn die Erwachsenen reden, darf ich Kakao trinken aus einer der leichten Tassen aber vorsichtig und vom Heidelbeerkuchen essen, soviel ich will: Und darf träumen, soviel ich will.
Mein Vater sagt: Mit Salz und Brot haben sie uns begrüßt. Und Blumen haben sie auf unsere Panzer geworfen, in der Ukraine.
Mein Vater ist auf dem Vormarsch. Onkel Rudi sagt nichts und spielt mit seinem großen, goldenen Ring an der rechten Hand. Er ist Friseur, hat ein eigenes Geschäft in Leipzig, er ist reich und spielt den Überlegenen mit seinem Ring.
Irgendwie und irgendwoher verdankt er seinen Reichtum mehreren Säcken mit „europäischem Menschenhaar”, einer Beute, die er aus dem Krieg mit nach Hause brachte. Seine Perücken, die er selbst knüpft und dann verkauft und die besten Stücke zur Faschingszeit verleiht, sie haben ihn reich und überlegen gemacht.
Irgendwie und irgendwoher.
Im Krieg war er Fahrer eines „Sankra” und nicht Feldwebel, wie mein Vater. „Sankra” heißt “Sanitätskraftwagen” – erklärte er mir, als ich vor einem Jahr in die Schule kam.
Während Vater spricht und Onkel Rudi an seinem goldenen Ring dreht, sieht Onkel Herbert unter den Tisch. Er hat keine Feldwebeluniform getragen und kein Menschenhaar erbeutet, er hat ein kurzes und ein langes Bein, und alle sagen zu ihm: Na du, du warst ja ausgemustert. Das ist alles, denn er durfte nicht teilnehmen am Krieg wie Vater und Onkel; sein Blick trifft sich unter dem Tisch mit dem von Tante Hilde, seiner Frau, die einen kleinen Buckel bekommt, wenn sie so gekrümmt auf ihrem Stuhl sitzt und unter den Tisch schaut, an dem es für sie nichts zu erzählen gibt.
Aber ich muss sitzen bleiben und darf essen und trinken, soviel ich will.
Und träumen.
Großmutter schenkt mir noch eine Tasse Kakao ein, ungefragt, aus der großen, zerbrechlichen Kanne, und ich nehme mir noch ein Stück vom Heidelbeerkuchen.
Meine Tasse ist jetzt leer, und meine Großmutter schaut nicht herüber zu mir, aber meinem Vater mitten ins Gesicht. Da trinke ich lieber nichts mehr und bin auch satt vom Kuchen und träume jetzt lieber.
Zuerst träume ich immer, was ich weiß, später kommen die richtigen Träume. Ich weiß, dass, während Onkel Rudi, der Friseur, und Vater, der Feldwebel, in ihrem Krieg waren, die Frauen, die Schwestern, Mutter, Tante Hilde und Tante Margarete, ihre kranke Mutter aus Plauen gerettet haben. Aus dem zerbombten, brennenden Plauen. Mit einem Handwagen über die zerstörte Autobahn. Bis nach Reichenbach, wo die Heidelbeerwälder stehen und Großmutter auf sie wartete. Das habe ich abgelauscht bei früheren Familienfeiern, aber nicht viel mehr, nichts Genaues, und so träume ich jetzt lieber etwas anderes, vom Sommer draußen etwa, dem Garten meiner Großmutter, der die ganze Zeit, während ich im Zimmer bleiben und schweigen muss, seine Geräusche wie einen sanften Ruf durch das weitgeöffnete Fenster des Wohnzimmers schickt.
Oder ich träume von dem riesigen blauen Nachtfalter, der gestern früh, als wir ganz zeitig aufstanden, um die Heidelbeeren zu suchen, zwischen den Speichen des Fahrrades meines Bruders saß. Und den ich gefangen und in eine mit Laub und Gras gefüllte Kiste getan habe, die jetzt draußen im Garten an einem schattigen Platz steht. Mit einer Glasplatte abgedeckt, die Spalten der Holzkiste mit Kitt verklebt.
Aber Großmutter sagte, ein Nachtfalter brauche keinen Schatten, sondern die Nacht und kein Laub und kein Gras.
Geh ruhig hinaus, sagt meine Mutter, jetzt, in den Garten, wenn du willst, aber lauf nicht zu weit fort.
Ich höre beim Aufstehen und Hinausgehen noch, wie meine Großmutter sagt: Da hätte sich dein Großvater im Grab umgedreht. Aufs Gymnasium wolltest du nicht, weil sie da so komische Mützen tragen, aber zur SS bist du gegangen, weil du ein Deutscher sein wolltest. Das hat dir ja nicht gereicht: ein Staatenloser, der aus Polen kommt. Ein Polacke. Dann hast du das Land überfallen, in dem du geboren wurdest, und später noch ein paar andere. Dein Großvater hätte dir eine runtergehauen, der wusste immer, wo er hingehörte.
Vielleicht hat mich Mutter hinausgeschickt, weil sie weiß, was kommen wird, wenn Großmutter vorher so schweigt.
Im Garten herrscht der August mit seinen Blumen, den leergefegten Beerensträuchern und den Vogelstimmen darüber, den reifenden Luisen und Klapslieblings. Die Auguster aber sind noch nicht reif, manchmal liegt schon einer im Gras, aber den nehme ich nicht, den hat der Wurm vom Baum geholt, würde Großmutter sagen.
Jetzt muss ich nicht mehr still sitzen und schweigen, sondern darf laufen und springen und könnte, gäbe es jemanden, der mir zuhören würde, reden, soviel ich will. Aber mein Bruder ist schon groß und an die Ostsee verreist, in ein Ferienlager, und meine Freunde sind heute ins Freibad gegangen, nur ich muss daheim bleiben, weil die Tanten und Onkel gekommen sind und Mutter morgen Geburtstag hat.
Morgen ist Sonntag, und morgen gibt es einen Ausflug zum Waldsee. Vorigen Sommer sah ich, wie eine Ringelnatter dort mitten am Tag über das Wasser schwamm. Wir werden zu essen mitnehmen und am Geburtstag meiner Mutter ein großes Picknick machen, wie in jedem Jahr. Und fahren werden wir in dem neuen, weißen Sportcoupé von Onkel Rudi und Tante Margarete, einem Auto, wie es sich in unserer Stadt niemand leisten kann, nur jemand aus Leipzig, der im Krieg Beute machte. Und wenn ich richtig gerechnet habe und weil Onkel Rudi sowieso zweimal fahren muss, weil wir acht Personen sind, kann ich ihn vielleicht überreden, dass er mich zweimal mitnimmt. Dann wäre ich entschädigt für dieses Kaffeetrinken heute Nachmittag.
Aber weil es jetzt doch keinen gibt, mit dem man darüber reden könnte, über „Brot und Salz“ zum Beispiel oder “europäisches Menschenhaar” oder wie Plauen ausgesehen haben mag, als es brannte, gehe ich hinüber zu der Holzkiste, in die ich gestern den Nachtfalter gesetzt habe.
Ich nehme die Glasscheibe herunter und stochere mit einem Zweig zwischen Gras und Laub herum. Der Falter war blau, mit silbernen Pünktchen auf den Flügeln, breiter als meine Hand, die Schönheit selbst, wie meine Mutter ausrief, als ich ihn ihr zeigte, wie er da in den Speichen des Rades schlief.
Und die Freiheit selbst, sagte meine Großmutter, die uns dabei überraschte. Der muss frei sein.
Nein, sagte ich, den will ich haben.
Aber jetzt, wo ich endlich Zeit habe, finde ich ihn nicht, er scheint verschwunden zu sein. Ich schütte die Kiste um, verteile vorsichtig das Gras auf der Wiese, streiche das Laub auseinander, untersuche genau die Ritzen der Kiste, aber die sind dicht, die Bretter fest miteinander verzahnt, die Fugen mit Kitt verschmiert. Wie er herausgekommen sein soll, weiß ich nicht. Er bleibt verschwunden.
Was für ein Tag, sage ich laut und laufe zurück ins Haus, um von dem Unglück zu berichten.
Als ich ins Zimmer komme, ist Onkel Rudi schon auf dem Rückzug.
Ich gebe Vollgas, sagt er gerade, und mit dem „Sankra”, gib ihm, aufs freie Feld, wo die beiden liegen, eine Kugel zerhaut mir die Frontscheibe und ein Splitter das linke Zwillingsrad. Ich raus, die beiden, gib ihnen, hintendrauf, und mit Vollgas zurück. Haben überlebt, die beiden.
Jetzt sagt keiner was, und ich stehe allein mit meiner Nachricht. Was ist denn, zischt mein Vater, da sage ich nichts, auch Großmutter und Mutter nichts und laufe zurück in den Garten. Ich klettere auf einen der Birnbäume, und, wäre jetzt jemand hier, mit dem man reden könnte, oder einer wäre mir aus dem Zimmer nachgelaufen, würde ich es nicht anders tun als jetzt: stumm sitzen zu bleiben, zwischen den Ästen, einen Fuß frei, in der Luft baumelnd, den anderen in der obersten Baumgabel abgestützt. Bis in die beginnende Dunkelheit hinein, bis Großmutter oder Mutter sich meiner erinnern, wenn es längst zu spät ist, und nur weil das Abendbrot auf dem Tisch steht.

Die blaue Nacht

Weil ich schon weiß, wie das weitergeht an solch einem Geburtstagsvorabend, weil ich es schon kenne, bin ich von allein ins Bett gegangen.
Ich will noch ein bisschen lesen in dem neuen Pferdebuch, das Fury heißt und das mir ein Schulfreund über die Ferien geborgt hat. Ein Buch von “Drüben”, wo er Verwandte hat, unsere Familie nicht.
Unten im Haus haben sie Musik angestellt, jemand singt “Schwarzer Kater Stanislaus schnurredieburrebummbumm “, und ganz spät am Abend, wenn ich schon eingeschlafen bin und sie unten einiges getrunken haben, werden sie anfangen zu singen, was ihre Lieder sind: „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord” oder „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederham“. Tante Margarete wird kreischen bei diesem Lied, und wenn ihre Stimme sich dann überschlägt, werden sie alle “Völker hört die Signale” singen, aber nur diesen einen Satz und danach durcheinander, wobei die Männerstimmen die der Frauen übertönen “Es gibt kein Bier auf Hawaii, es gibt kein Bier, drum fahrn wir nicht nach Hawaii, drum bleibnwerhier“.
Ich bin aufgewacht, schon vor ein paar Minuten, schon als sie ihren Kaiser Wilhelm wiederhaben wollten. Großmutter steht vor meinem Bett, einige Meter entfernt, im Nachthemd, aber wenn ich mir die Augen reibe, steht sie nicht, sondern sie schwebt. Ein blaues Licht scheint von ihr auszugehen, ihre Füße, die in alten Hauspantoffeln stecken, schweben etwas über dem Boden, das blaue Licht strahlt von ihrem Nachthemd her und wird mit jedem Pulsschlag meines Herzens, den ich jetzt ganz deutlich spüre, stärker und dann wieder schwächer.
Und jetzt erinnere ich mich an das Schweben meiner Mutter, als sie heute Nachmittag das Service im Wohnzimmer herantrug, und erinnere mich an eine ferne Nacht, als ich einmal viele Stunden lang aus dem Fenster den vollen Mond anstarrte, wie er sein Licht dem Schlag meines Herzens angepasst hatte, wie das Licht dunkler und wieder heller wurde, bis der Mond sich schließlich geteilt hatte und zwei volle runde Gestirne vor meinen Augen standen, die, als ich sie für einen Moment schloss, zusammengefallen waren wie ein Fernsehbild im Augenblick des Ausschaltens.
Meine Großmutter spricht.
Wir sehen das Abblättern der Tage vom Wipfel des Baumes, aber wie der Stamm seine Jahresringe hervorbringt, sehen wir nicht … Wir erkennen das dunkel Vergangene am hellen Schein, der von dort in die Zukunft fällt. Unser Leben ist nur ein Echo der Schreie, die unsere Vorfahren ausstießen … Du wirst die Freiheit verlieren und wiedergewinnen, deshalb ließ ich heute den Nachtfalter frei, er ist deinesgleichen, du brauchst die Freiheit und die Nacht, nicht Brot und Haus …Die Welt wird sich spalten in zwei Welten für lange Zeit, und beide werden sich Gerechtigkeit nennen. Der Zorn wird dein Haus sein und dein Brot.
Großmutter schweigt. Sie steht im weißen Nachthemd an meinem Bett, von blauem Licht umgeben, und mit jedem Schlag meines Herzens, der sich auf die Pupillen überträgt, verpocht ihr Bild vor meinen Augen. Solange, bis ihre Umrisse nur noch durch den schwach-blauen Schein dieses merkwürdigen Lichtes wiedergegeben werden, bis schließlich auch er verlischt.

Der Tag der Väter

Ich spüre ein Jucken auf meiner Wange, das kurz aussetzt, wiederkehrt an anderer Stelle, auf Stirn, Nase und Auge. Erst als es sich zu meinem Ohr hin bewegt und ich den Brummton vernehme, und noch während ich die Augen einen Spalt öffne, zuschlage, sehe ich die Fliege, die mich geweckt hat und jetzt zum Fenster und dann in den Garten hinaus fliegt. Es ist heller Morgen.
Aus der Küche höre ich die Geräusche des beginnenden Tages, die Stimmen der Familie, über denen eine fremde Männerstimme liegt, die mir jedoch bekannt vorkommt. Heute sind die Stimmen besonders laut, denn heute ist Sonntag und Mutter hat Geburtstag.
Ich springe aus dem Bett, nehme mein Geschenk vom Regal, eine Zeichnung, gemalt in der Schule mit Wasserfarben, mein Selbstporträt als Junger Pionier mit Halstuch und weißem Hemd. Es ist mir wirklich ähnlich geworden, und ich bin stolz und weiß, Mutter wird sich darüber freuen und mich loben vor der ganzen Familie.
In der Küche, die Zeichnung in meiner Hand, gehe ich auf Mutter zu, um ihr zu gratulieren, alle anderen sitzen am Tisch und schweigen, ich umarme sie, aus dem Radio dröhnt laut die Männerstimme, aber Mutter drückt mich nur kurz an sich und legt mein Geschenk auf den Tisch, unbesehen, die Männerstimme wiederholt immer wieder den Namen „Berlin”, und Mutter dreht sich weg, als würde sie weinen.
Ich schaue Großmutter an, Tante Hilde und Onkel Herbert, Onkel Rudi und Tante Margarete, alle starren sie auf die Tischplatte, mit gekrümmten Rücken, wie geschlagen, nur Vater steht abseits und stiert auf die gelbe Skalenbeleuchtung am Radio.
Aber jetzt hebt Großmutter ihr Gesicht, ihr Blick geht in den Garten, dreht dann ins Zimmer zurück und bleibt an mir hängen. Sie sagt: Jetzt sind wir alle gefangen. In Berlin haben sie eine Mauer gebaut.
Na und, denke ich, was geht mich diese Mauer an, heute ist Sonntag, heute hat Mutter Geburtstag.
Jetzt ziehen sie auch die Kampfgruppen ein, sagt Vater zu Onkel Rudi, dem Friseur, da hast du wieder Glück, du mit deiner Lunge. Aber du warst, sagt Onkel Rudi und dreht an seinem goldenen Ring, nicht fünf Jahre in Sibirien.
Und meine Großmutter schreit plötzlich Vater an, unvermittelt und wie besessen: Du bist ja wieder dabei, du hast ja überall mitgemacht, ich hab euch ja gesehn, wie die Gespenster saht ihr aus, mit Gasmasken seid ihr rumgelaufen in unserem Heidelbeerwald.
Komm, trink deinen Kakao, sagt Mutter zu mir, aber ich rühre die Tasse nicht an, heute steht das kostbare Service nicht auf dem Tisch, es ist im Wohnzimmer im Schrank geblieben – und Großmutter schreit weiter: Sogar in die Partei wolltest du, alles mitmachen wolltest du, wo was zu kriegen war, aber da haben sie dich nicht einmal genommen, weil du in der Waffen-SS warst. Das Beten wolltest du mir verbieten und mir meinen Gott nehmen, damit du in Ruhe Karriere machen kannst. Und in der Schule bei dem Jungen hast du dich groß gemacht, Elternbeirat, und deutsch-sowjetische Freundschaft, und Kammer der Technik, und Gewerkschaft, und dem Jungen hast du verboten, die Hosen, die Blue-Jeans zu tragen, die mich ein Vermögen gekostet haben. Das tragen in Amerika die Viehtreiber, hast du gesagt…
Großmutter schweigt, und bevor Mutter eine Bewegung machen kann und zu mir sagt: Komm, trink jetzt, der Kakao wird kalt, sagt Onkel Rudi, der Friseur, mit leiser Stimme: Der Spitzbart, keiner hat die Absicht, eine Mauer zu bauen, hat er gesagt, dieser Spitzbart.
Tante Hilde und Onkel Herbert bleiben stumm, wie immer, doch Tante Margarete hebt langsam ihren Kopf und sagt zu ihrem Mann, ein wenig keck, wie es ihre Art ist: ‘S gibt kein Bier auf Hawaii, drum bleib’n wir hier, komm, lass uns fahren sonst ist alles aus. Vielleicht gibt’s in Thüringen noch eine Stelle oder nach Bayern zu. Mach schnell jetzt.
Sie stehen auf, und mein Vater, der ganz weiß im Gesicht ist, setzt sich auf den Platz von Onkel Rudi, direkt vor den Radiolautsprecher.
Und unser Picknick, rufe ich, und euer neuer Wagen, das Sportcoupé? Wir wollten doch zum Picknick fahren, an den großen See, und in den Wald gehen, und schwimmen wollten wir, du hast doch heute Geburtstag, Mutter, heute ist doch Sonntag.
Da streicht meine Mutter ganz sanft über meinen Kopf hinweg, beinahe schwebend, und sagt nur: Später vielleicht. Später einmal.

Wir gehen auch, sagt Onkel Herbert, und Tante Hilde steht vom Tisch auf, nimmt aus ihrer Handtasche die Geldbörse und legt ein Zweimarkstück neben meine Tasse: Für die Ferien, du hast ja noch ein paar Tage. Geh doch ins Schwimmbad und kauf dir ein Eis oder eine Bockwurst.
Komm, sagt Onkel Herbert, wir fahren mit dem Bus zum Bahnhof, in zehn Minuten fährt einer, vorn an der Straße. Darf ich mitgehen, frage ich Mutter, und sie nickt.
Onkel Rudi sitzt am Steuer seines Sportcoupés und hupt noch einmal, Tante Margarete winkt lange und lässt eines ihrer teuren Tücher aus dem Wagenfenster flattern.
Wenn es noch einen Weg gibt, denke ich, in Thüringen oder nach Bayern zu, werden sie vielleicht Kaugummi schicken oder das Fortsetzungsbuch von Fury oder Blue-Jeans, damit Großmutter nicht wieder “ein Vermögen” tauschen muss von “unserem” Geld. Vielleicht werden sie sogar wieder reich, dann bekomme ich, später, wenn ich so groß wie mein Bruder bin, das Kofferradio, das ich im Versandkatalog meiner Freunde gesehen habe.
Tante Hilde und Onkel Herbert bringe ich noch an die Bushaltestelle. Aber heute ist Sonntag, der Bus kommt früher, keiner steigt aus, außer uns wartet niemand am Bushäuschen, sodass wir uns nur noch “Auf Wiedersehen” zurufen können, ganz ohne Umarmung. Aber Tante Hilde läuft im Bus schnell zu einem Fenster, drückt beide Hände gegen die Scheibe. Von außen, für mich, sieht es aus, als würden sie, als eine verzweifelte Geste, für immer dort kleben bleiben.
Ich gehe die Straße zurück, am Garten vorbei, zurück zum Haus.
Weiter unten spielen ein paar Kinder, immer zwei stehen sich gegenüber, die Arme erhoben und die Hände in der Luft gegeneinander gedrückt. Sie singen: Goldne, goldne Brücke, wer hat dich denn zerbrochen
Sie rufen mich, aber ich muss jetzt doch etwas essen und trinken, der Tag ist heiß, und mir ist ganz schwindlig. Nur Großmutter und Mutter sitzen noch in der Küche. Das Radio haben sie abgedreht. Vater ist zu Bett gegangen, obwohl es noch nicht Mittag ist, kalkweiß, wie Großmutter sagt, und Mutter sagt, er ist ja bei der Kampfgruppe.
Ich trinke den Kakao aus, nehme ein Stück Heidelbeerkuchen in die Hand, um es auf dem Weg zu meinen Freunden zu essen.
Ob wir ihn vom Ferienlager zurückholen müssen?, fragt meine Mutter in die leere Küche hinein, und Großmutter sagt: Warten wir noch einen Tag, an der Ostsee soll jetzt so schönes Wetter sein.
Ich schlage die Tür zu und will eigentlich gleich zum Gartentor hinaus, hinunter auf den Weg, zu meinen Freunden, aber da höre ich sie wieder singen: Goldne, goldne Brücke, wer hat dich denn zerbrochen? …Der Goldschmied, der Goldschmied, mit seiner Jungfrau Tochter … gefangen … gefangen … mit Ketten und mit Stangen …
Und jetzt, weil keiner meiner Freunde mich am Gartentor bemerkt, weiche ich vorsichtig zurück, ohne Geräusch, und verschwinde ungesehen hin zur großen Gartenwiese, wo alles noch so geblieben ist wie gestern Nachmittag, selbst die umgestürzte Holzkiste, in der ich nach dem verschwundenen Falter gesucht hatte, ist noch da.
Plötzlich aber bleibe ich mit einer jähen Bewegung stehen, ich höre genau die Stimmen des Sommers: die Vögel unter den Beerensträuchern, den Wind in den Apfelbäumen, die Fetzen des Liedes, das meine Freunde unten auf dem Weg singen, alles ganz deutlich, jedes Geräusch überlaut, aber seltsam voneinander getrennt, vom anderen geschieden, wie vom schneidenden Ton einer Säge zerteilt, wie allein auf der Welt.
Und mit einem Mal weiß ich: Ich bin vielleicht an allem schuld, weil ich “die Schönheit selbst”, den blauen Nachtfalter in diese Kiste aus Holz sperrte, sind wir jetzt alle gefangen, meine Freunde, Großmutter, Vater und Mutter, die Tanten und Onkel, mein Bruder an der Ostsee. Vielleicht war ich allein schuld an diesem zerstörten Sonntag, der der Geburtstag meiner Mutter hätte sein sollen, mit Picknick und Schwimmen im See … Und ich hob mich von der Gegenwart ab wie ein Schrei meiner Vorfahren. Ich trat mit der ganzen Kraft meines linken Fußes gegen die Kiste, das Holz splitterte unter der Wucht des Stoßes, mit dem rechten trat ich gegen die aufragenden Leisten, die noch nicht geborsten waren, brach sie mit Händen und Füßen auseinander und stampfte auf ihnen herum, bis sie zersplitterten.
Sollen die ihre Mauern doch bauen, wann sie wollen, dachte ich, aber nicht zu Mutters Geburtstag, nicht am Sonntag, nie wieder sonntags soll Mutter Geburtstag haben.

Der Tod auf Hawaii

Später, wir saßen beim Abendbrot, Vater lag noch im Bett und war krank, Mutter war nicht bei Tisch erschienen, Großmutter hatte das Radio wieder angeschaltet, gab es den ersten Toten dieses Tages.
Die allererste der uns verbotenen Nachrichten von “Drüben” lautete, Graf Berghe von Trips habe sich mit seinem Rennauto auf dem Kurs von Monza überschlagen und sei im Wagen verbrannt.
Die leben ihr Leben weiter, sagte Großmutter.

November 91 – 4.Januar 92

Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus: Utz Rachowski, Beide Sommer. Zwei Erzählungen und drei Essays Leipzig: Leipziger Literaturverlag, 2011




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