Mirko Bonné

Fünf Gedichte


   
Nach verlorenen Skizzen
Wem berichten, Sprache,
in welcher? Wenn mein Vater
mir die Hand ins Gesicht drosch,
gingen die Aufsatzhefte, gefüllt
mit alten Skizzen und Kürzeln,
auf dem Heimweg verloren
wie der Heimweg selbst.

Wider besseres Wissen
konnte so die Sternenkarte
nicht vervollständigt werden.
Und die Mundarten des Sturms
beherrschte einzig der Holunder.
Ich wusste nur, meine Ellbogen
entwarfen nicht die Marder.
   
November
Zerrüttete Gehöfte
aus Vögeln, Vorwinterluft,
und alle Fenster sind beschlagen
mit heulendem Wasserblech.

Nur die Feldwege wechseln
Brauntöne und fassen das Laub.
Wolken, die zu Wolkendecken werden,
machen deutlich, was es heißt,
Augen zu haben.

Einige schlafen, andere
machen die Betten, löschen
unschlüssig E-Mails oder spielen
Schlagzeug gegen die Stille.

Zwischen heute und morgen
ist keine Grenze. November, ein Name.
Geh übers Gras. Im Nebel die elf Pappeln,
Wegmarken. Meinetwegen als letzter
sei unterwegs zu wem immer.
   
Spaziergang bei Amherst
Die Welt geht nicht verloren,
weil sie noch keiner fand –
Sie ging am Fluss entlang.
Das Wasser rauschte.
Wen könnte sie so lieben?

Der Sommer glänzte im Gebüsch,
in Brombeersträuchern, dachte sie,
die Wellen eines Sommermeers.
Sie ging am Fluss entlang –
weil keiner nur verloren ist.

Die Wellen rauschten.
Der große schwarze Freund, ach du –
ihr Hund sprang in den Fluss.
Wen könnte ich so lieben?
Geh nicht verloren, bitte, Welt.

   Für Sarah Nemtsov
   
Stille Manöver
Noch einmal: der Nebel,
Nebel über die Felder gerückt.
Stell die Gartenstühle zusammen,
nimm die Dauer der Nacht in Kauf.

Eine Pracht: Orangegelb leuchten
Wohlfahrtsmarken im Postamt,
kaum einer deutet auf sie
mit dunklen Kehllauten.

Ich übe die Schrittfolge ein,
die fürs Überleben notwendig wird:
kommentarloses Entkorken des Rotweins,
Festhalten an Zigaretten, Schweigen.

Schweigen von dieser einen Libelle.
Mit kaum durchbluteten Fingern:
Wie ihr zeigen, was ich liebe,
nur weil es sie umgibt.
   
Weberknecht
Auf haarfeinen acht Leitern
steigt ein silbernes Auge
durch Lichtvierecke, da,
gesehen? – es blinzelt.

Der Wald. Alles Messer,
Nadeln endlos. Worauf
so ein Augendesperado
auf acht Klingen steigt.

Er hat Dornenwimpern.
Bebt, wenn im Weiher
Forellen trauern, still
weinen unter Wasser,

oder ganz unfassbar
Blätter zittern, Pappeln
im erfinderischen Wind –
einmal so erfunden sein.

So kommt er auf dich zu,
du fahle Karkasse. Äugt,
nimmt dich in den Blick
und deinen mit sich fort.

   Für Günter Herburger


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