Oct 2012

Frederick A. Lubich

Transatlantischer Fragebogen: Aus den Erfahrungen deutschsprachiger Auswanderer — A Musical History Tour

„Home is where the heart is“ (Lena Lovich)

„‘Amerika, du hast es besser‘- Hat Goethe immer noch recht?“ Das ist eine Frage, die in so manchen Texten der Zeitschrift Trans-Lit2, dem zweimal jährlich erscheinenden Journal der „Society for Contemporary American Literature in German“ (SCALG), immer wieder  mitklingt.  So beschlossen wir schließlich im Sommer 2011 im Beirat und Vorstand der Vereinigung, einen Fragebogen mit dem gleichnamigen Titel an unsere Mitglieder zu versenden. Publikationsorgane wie die Nordamerikanische Wochen-Post und die „American Association of Teachers in German“ (AATG) haben ihn über ihre Verteiler-Netzwerke weiter verbreitet. Da der Fragebogen auch deutschsprachige Einwanderer in Ländern außerhalb der Vereinigten Staaten zur Teilnahme ermunterte, gingen insgesamt 98 Antworten aus acht Ländern ein, inklusive Irland, England, Frankreich, Griechenland, Malta, Israel, Argentinien und Nordamerika, wobei naturgemäß die meisten Antworten – 90, um genau zu sein, – dem letztgenannten Land entstammen. Der Großteil der Teilnehmer ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ein ganz kleiner Teil von ihnen hat seine Herkunft aus anderen deutschsprachigen Ländern mitgeteilt oder auch osteuropäische Länder genannt, aus denen sie als Kinder oder Jugendliche mit ihren Familien nach Deutschland eingewandert waren. Der Einfachheit halber werden daher alle Teilnehmer dieser Umfrage als deutsche oder deutschsprachige Auswanderer bezeichnet. Das Alter der Teilnehmer reicht von unter zwanzig bis über Mitte neunzig und umspannt somit einen fast hundertjährigen Erlebnishorizont von rund vier Generationen. Im Folgenden sollen die Antworten auf den Fragebogen statistisch ausgewertet und ihre zahlreichen Kommentare durch repräsentative Zitate dokumentiert werden. Auf diese Weise entsteht ein Mosaik der Meinungen, dessen Vielfalt im zweiten Teil des Essays in seinen kulturhistorischen Zusammenhängen entsprechend illustriert werden soll. Der dritte, abschließende Teil dieses Essays versucht, eigene Lebens- und Wandererfahrungen im weiteren Kontext familiengeschichtlicher Migrationsmuster zu skizzieren. Es ist eine Geschichte, in der sich, wie ich meine, auch die Erfahrungen meiner Generation vielfach brechen und widerspiegeln.

Ergänzt wird diese kollektive Retrospektive durch zwei Interviews mit Ursula Mahlendorf und Auma Obama, Autorinnen zweier in jüngster Zeit erschienenen Autobiografien, die wesentliche Aspekte deutscher Geschichte und Gegenwart aus amerikanischer und afrikanischer Perspektive auf exemplarische Weise zur Darstellung bringen. Während Mahlendorfs The Shame of Survival. Working Through a Nazi Childhood eine schonungslose Aufarbeitung darstellt, welche die frühe Verstrickung in den Nationalsozialismus als lebenslanges Trauma rekonstruiert, reflektieren Obamas Erinnerungen Das Leben kommt immer dazwischen. Stationen einer Reise  ihre Selbst- und Welterfahrungen in der Bundesrepublik, die wiederum durch ihre afrikanische Herkunft und amerikanische Verwandtschaft weitere multikulturelle und internationale Horizonte eröffnen.

Die wachsende Popularität autobiografischen Schreibens, die für die letzten Jahre bezeichend ist, repräsentiert einen systemtatischen Paradigmenwechsel von der „oral history“ zur „written history“. Dieser Trend zeichnet sich auch in Trans-Lit2-Texten sowie den vorliegenden Interviews ab. Was sie gemeinsam haben, ist die Reflexion der Nostalgie, und im Fall der Fragebogenantworten deutschsprachiger Auswanderer die mehr oder weniger glücklichen Erinnerungen an persönliche und kollektive Geschichtserfahrungen. Im Zuge der Memorialkultur, die sich in den letzten Jahrzehnten vor allem in Deutschland entwickelt hat, sind in den letzten Jahren auch mehr und mehr akademische Studien erschienen, die sich diesem Thema widmen. Stellvertretend seien hier nur zwei Beispiele aus jüngster Zeit genannt. Jennifer Kapczynskis Essay „Negotiating Nostalgia: The GDR Past in Berlin Is in Germany and Good Bye, Lenin“ und Heidi Schlipphackes Nostalgia After  Nazism: History, Home, and the Affect in German and Austrian Literature and Film. Die vorliegenden persönlichen Reminiszenzen und  kulturgeschichtlichen Exkurse sind ein integraler Bestandteil dieser nostalgischen Narrative.

Fernweh und Heimweh, die Flucht vor und die Sehnsucht nach Heimat, diese widersprüchliche Gefühlswelt findet im Medium der Musik immer wieder ihren emotional gesteigerten Ausdruck. Ihre musikalische Energie ist Teil des Zeitgeistes, wie überhaupt die Musikgeschichte die Quintessenz der Zeitgeschichte darstellt, da sich in ihr die Stimmen und Stimmungen einer Epoche auf kunstvolle und mannigfaltige Weise verdichten, um sich schließlich im doppelten Sinne des Wortes in unseren gemeinsamen Musikerinnerungen aufzuheben. Dies gilt in besonderem Maße für die erste Nachkriegsgeneration. Wie wohl keine andere Generation zuvor ist sie von einer internationalen Musikrevolution begleitet und inspiriert worden, die eine Vielzahl von kreativen Talenten und musikalischen Stilrichtungen hervorgebracht hat, angefangen von Rock, Reggae und Heavy Metal über Punk, Disco und Techno bis zu Rap, Hip Hop und New Age, um nur die bekanntesten zu nennen. Von der Wiederentdeckung vergessener Musiktraditionen ganz zu schweigen. Ihre Texte und Melodien wurden für viele dieser Generation zu Lebensprogramm und Ersatzreligion. Ein Netz von Querverweisen auf exemplarische Melodien und Kompositionen bildet daher ein wesentliches Strukturprinzip dieser Ausführungen. In ihm finden die Leitmotive der Wanderschaft, der Fremde und Heimat nach dem musikalischen Modell des „Themas mit Variationen“ ihre verschiedenen Reflektionen. Um unsere vier Auswanderergenerationen besser in ihrem zeithistorischen Zusammenhang zu verstehen, sollen entsprechend vier kürzere, musikgeschichtliche Skizzen dieser transatlantischen Zeitreise vorausgeschickt werden. Es ist eine lange Reise mit schrecklichen Tiefen und herrlichen Höhen.

I

 „Klingende Heimat“, so etwa lauten Rubriken in deutsch-amerikanischen Zeitungen, die ihren Lesern Lieder aus längst vergangenen Jahrhunderten in Erinnerung rufen. Diese Lieder sind Teil des Volksliedguts, das viele noch aus ihrer Kindheit und Jugendzeit kennen mögen. Als poetische Matrix dieser versunkenen Liederwelt könnte man Joseph von Eichendorffs emblematischen Vierzeiler ins Feld führen:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Viele dieser deutschen Lieder, die in der Romantik entstanden und gesammelt wurden, sollten Generationen später von marschierender Hitler-Jugend zerklampft und zerstampft werden. Selbst die schönsten von ihnen schienen danach zerschunden und verschandelt. „Klagende Heimat“ wäre somit der geheime Subtext, der im Begriff der „klingenden Heimat“ mehr oder weniger unterschwellig mitschwingt. Die Liedermacher der ersten Nachkriegsgeneration sollten diesen alten Liederschatz langsam wieder entdecken, aufführen und auch neu interpretieren. In diesem Sinn kann Eichendorffs musikalische Weltvorstellung auch als kulturelles Reflektionsmedium für die verschiedenen Lebenserfahrungen unserer vier Auswanderergenerationen dienen.

Die älteste Auswanderergeneration hat wahrscheinlich die wenigsten musikalischen Erinnerungen an die letzten Jahre der Weimarer Republik. Vielleicht noch ein paar nachklingende Radio-Melodien der Comedian Harmonists wie „Gib mir den letzten Abschiedskuss …“ mit dem sprechend doppeldeutigen Titel „Auf Wiedersehen“. Diejenigen, die das Dritte Reich miterlebten, wollen sich wohl kaum an sein musikalisches Unterhaltungsprogramm erinnern, das schließlich zum desperaten Durchhalteprogramm verkommen war. Bestensfalls noch an Lale Andersens „Lili Marleen“ oder „Es wird einmal ein Wunder geschehen“ von Zarah Leander, dieser bezaubernden Walküre aus dem nordischen Walhalla. Verruchte, rührselige Reminiszenzen.

„Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin“ könnte das Lied sein, das den zerrissenen oder überaus gemischten Heimatgefühlen der aus dem Dritten Reich Geflohenen oder nach dem Krieg Vertriebenen und Ausgewanderten zum musikalisch gemeinsamen Nenner werden konnte. Durch die Interpretationen von Hildegard Knef und Marlene Dietrich ist es nach dem zweiten Weltkrieg über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt geworden.

Für die erste, nach dem Krieg geborene Generation gewannen Lieder wie „Born to Be Wild“ größere Bedeutung. Wildgeborene Findelkinder wären viele dieser Generation gerne gewesen, die nichts zu tun haben wollten mit dem Land der Väter und ihrer faschistischen Täter. Zudem war John Kay, der Sängers dieses aufbrausenden Protestsongs ein junger deutsch-kanadischer Rocker, dessen Band sich nach Hermann Hesses damaligem Kultroman Steppenwolf benannt hatte. Harry Haller, der verschlüsselt autobiographische Protagonist dieses Romans, hin- und hergerissen zwischen der Rolle des Bildungsbürgers und des aufbegehrenden Bürgerschrecks, wurde dergestalt dieser rebellischen Generation zum heimatlichen Antihelden. Der Steppenwolf Song war vor allem als Soundtrack zu dem Kultfilm Easy Rider weltweit populär geworden. Mit dieser röhrenden Melodie konnte man sich lautstark aus dem Staub machen, also das sprichwörtlich Weite suchen, um sich irgendwo in der fernen Neuen Welt irgendwie neu zu erfinden. Über den Titel hinaus lieferte Hesses Roman auch das Kapitel vom „Magischen Theater“, das Timothy Leary, der Drogen-Druide der Flower-Power-Bewegung, im Stil der Beatles’schen „Magical Mystery Tour“ als psychedelischen Reiseführer zum farbenfrohen Höhenflug ins Regenbogenland des verheißungsvoll am Horizont bereits heraufziehenden „New Age“ uminterpretierte.

„Sometimes I feel like a motherless child a long way from home”, so sang Richie Havens in Woodstock, und dieser inbrünstige „Freedom“ Song fand bei deutschen Steppenwölfen besonders Anklang. Zuhause fühlten sich diese Ahnenflüchtlinge vor allem in der internationalen Rockmusik, die keine nationalen Fahnen kannte, zu denen man sich bekennen musste. Wenn man diese emotionalen Deserteure fragte, aus welchem Land sie kämen, so murmelten so manche von ihnen, sie seien „Europeans“, und dies meistens mit einem schweren, verräterischen Akzent. Manche dieser vaterlandsverleugnenden Europäer kamen schließlich aus jugendlicher Abenteuerlust oder vielleicht auch aus studentischem Wissendurst nach Amerika, andere wiederum folgten dem Glücksversprechen einer transatlantischen Romanze und so manch eine oder einer von ihnen blieb schließlich in ihren Banden hängen. Staatlicher Status: “Accidental Immigrant”.

Während die revoltierenden 68er noch vorwiegend durch die Welt trampten, eroberten sich die schon recht akkommodierten 89er, die bereits im westlichen Wohlstand aufgewachsen waren, mit flotten Volkswagen ihre Umwelt und machten sich entsprechend als Generation Golf nach dem gleichnamigen Bestseller von Florian Illies einen trendigen Namen. Der Soundtrack dieser Generation war die “Neue Deutsche Welle”, und ihr berühmtester und auch international überaus erfolgreicher Hit war Nenas „99 Luftballons“ aus dem Jahr 1983. Der lockere Anfang dieses wohl allerletzten Popsongs der deutschen Baby-Boomer intoniert die neue deutsche Leichtigkeit, der sich rundum entfaltenden Spassgesellschaft, jedoch sein Schreckensende evoziert erneut die Schauer des Kalten Krieges und beschwört einmal mehr die schimärische Horrorvision einer immer bedrohlicher erscheinenden Atomkatastrophe herauf. So entpuppt sich auch dieses Trällerlied letztendlich als sinistrer Retromix der urdeutschen, jahrhundertealte Angst vor der drohenden Apokalypse, diesmal akronymisch codiert als nahe bevorstehender GAU. Die wenige Jahre später sich ereignende Havarie des Kernkraftwerkes im ukrainischen Tschernobyl sollte diese Zukunftsängste, die im damaligen deutschen Jugendjargon auch unter dem bezeichenden Schlagwort „no future“ bekannt geworden waren, nur allzusehr zu bestätigen. Die relative Sicherheit im fernen Amerika war da für Einwanderer mit mittel- und osteuropäischem Hintergrund nur sehr wenig Trost.

Die große Zeitenwende in dieser kontinentalen Angst kam mit dem annus mirabilis, dem Wunderjahr 1989, dem Fall der Berliner Mauer. Nina Hagens punkig pathetische Re-Interpretation von „Es wird einmal ein Wunder geschehen“ entpuppte sich jetzt als beste self-fulfilling prophecy von Zarah Leanders melodramatischer Melodie. Jedoch der repräsentative Sound zum historischen Mega-Event war der Blockbuster „Wind of Change“ von Scorpion, der international erfolgreichsten deutschen Heavy Metal Band.

Die Berliner Love Parades mit ihren kunterbunten Umzugswagen, die in den 90er Jahren Millionen von feiernden Fans aus allen Ländern Europas anzogen, verkündeten und verkörperten alljährlich immer schriller und spektakulärer den triumphalen Siegeszug von Friede, Freiheit und Lebensfreude, in anderen Worten, das hedonistische Happening unserer schönen, neuen Vergnügungswelt, und inszenierten damit auch gleichzeitig Francis Fukuyamas sensationellen Erwartungshorizont vom millennarischen „Ende der Geschichte“ – ihre wirren Widersprüche also ganz nach Hegel endlich dialektisch ausgepegelt. Damals wären wohl so manche der mehr oder weniger aus Versehen ausgewanderten „Europeans“ klammheimlich gerne für längere Zeit mal wieder in die alte Heimat und ihre wiedervereinte Hauptstadt zurückgekehrt.

Die jüngere und jüngste Generation unserer Auswanderer sind zum größeren Teil bereits in einem wiedervereinten Deutschland aufgewachsen. Zu ihnen gehören vor allem die “army brats“ deutsch-amerikanischer Liaisonen aus den letzten Militärstützpunkten der Vereinigten Staaten auf deutschem Boden, aber auch Kinder osteuropäischer Aussiedler nach Deutschland, die als junge Erwachsene im Zuge der Westwanderung bald Richtung Amerika weiterzogen. Sie alle sind in einer politisch weiter erstarkten und ökonomisch führenden Bundesrepublik groß geworden, die inzwischen sowohl als erhoffte Retterin wie auch als geschmähte Verderberin der europäischen Währungsgemeinschaft im Mittelpunkt seiner wachsenden Wirtschaftskrisen und finanzstrategischen Kontroversen steht.

Die ständig steigende Jugendarbeitslosigkeit in südeuropäischen Regionen aber auch in anderen Ländern hat in den letzten Jahren eine sogenannte „Generation Präkariat“ entstehen lassen, deren trübe Aussichten  für weitere Unruhen und sozialen Aufruhr sorgen. Ihre Frustrationen und Agressionen bringt wohl keine Band besser zum Ausdruck als Rammstein, der weltweite Vorreiter des deutschen Gothic Rock. Das große Flugschau-Unglück über dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz im Jahr 1988 hat dieser Gruppe ihren ominösen Namen gegeben. Ihre düsteren Texte, dröhnenden Rhythmen samt der Grabesstimme ihres grimmigen Frontmanns sowie ihr pyrotechnisches Furore fungieren gewissermaßen als götterdämmerndes Menetekel, dass unseren post-industriellen Konsumkulturen mit ihren High Tech-Finessen und ökologischen Desastern ein fulminantes Finale gesetzt sein könnte. Ihre Schock- und Schauerlieder haben dann auch Rammstein in den letzten Jahren zur populärsten Rockband dieser prekären Generation aufsteigen lassen. Auf diese Weise haben sie uns nicht nur weltweit eine Heerschar zusätzlicher Deutsch-Studierender beschert, sie haben auch dem meinungsbildenden Establishment inklusive der New York Times das große Fürchten gelehrt.

Vor einiger Zeit widmete dieses journalistische Flaggschiff des amerikanischen Journalismus dem Phänomen Rammstein ein halbseitiges Feature, das mit Hilfe bescheidenster Deutsch-Kenntnisse zu der Erkenntnis gelangte, dass es sich bei dieser teutonischen Rasselbande nur um eine explizite Neo-Nazi-Truppe handeln könne: „Du hast“ — „you hate“ — and the rest got lost in translation. (Dieses sprachliche Missverständnis blieb nicht unwidersprochen, doch die Redaktion hat nie auf meinen Korrekturvorschlag reagiert).

“We will bury you”, lautete ähnlich falsch die überstürzte Übersetzung von Nikita Chruschtschows russischem Sprichwort in seiner berüchtigten Brandrede, mit der er den UN-Delegierten in New York einst Angst und Schrecken eingejagt hatte. Es kam dann doch noch anders. Nach dem endgültigen Zusammenbruch des marxistischen Staatskommunismus in Ost-Europa entfaltete sich allerdings die freie Marktwirtschaft in den letzten Jahrzehnten zunehmend zu einem darwinistischen Wildwest-Kapitalismus, in dessen internationalen Konkurrenzkämpfen die sozialen Mittelschichten mehr und mehr auf der Strecke zu bleiben drohen. Die ökonomischen Chronisten der Neuen Welt sind sich einig, dass das amerikanische Zeitalter der „Great Prosperity“ (1947-1977) von einem Zeitalter der „Great Regression“ (1980 – heute) abgelöst wurde, dessen Ende nicht abzusehen ist. Der russische Emigrant und amerikanische Autor Gary Shteyngart hat dieses sich verdunkelnde Bild vom einstigen Land der unbegrenzten Möglichkeiten in seinem jüngsten Roman Super Sad True Love Story am Beispiel von New York City belletristisch dargestellt. Und selbst wenn sich ältere Generationen ökonomisch mehr oder weniger sicher fühlen mögen, die dramatischen Fluktuationen der internationalen Aktienmärkte können immer wieder zur globalen Instabilität des weltwirtschaftlichen Gefüges führen, deren Auswirkungen sich letztendlich niemand ganz entziehen kann. Alte Welt und Neue Welt, „American Dreams“ und „European Dreams“ können auf diese Weise wohl oder übel schnell zu weltweiten (Alp-) Träumen werden, oder wie einer der bekanntesten Lieder auf Rammsteins Album Reise, Reise so augurisch wie ambivalent verkündet: „We’re all living in America“ — Koffer hin oder her.

Wie angekommen und glücklich, wie integriert und assimiliert sind nun also unsere Ausgewanderten? Der Fragebogen „Amerika, du hast es besser“ versuchte darauf in 30 Fragen entsprechende Antworten zu finden. Der Tatsache folgend, dass ältere Menschen mehr Muße und Motivation haben, sich mit Rückblicken und Lebenserinnerungen zu beschäftigen, ist dann auch rund die Hälfte der Teilnehmer an dieser Umfrage über 65 Jahre alt. Von der anderen Hälfte stellen die Vertreter der ersten Nachkriegsgeneration das größte Kontingent, und diese Generation hat auch, was das Auswanderergepäck angeht, weit mehr als nur einen symbolischen Koffer in der alten Heimat, wie sich zeigen wird. Wie in allen demografischen Erhebungen werden Antworten auf emotional aufgeladene Fragen oft auch vom Wunschdenken und Abwehrverhalten der Befragten mitbestimmt. Dieser Fragebogen bildet keine Ausnahme, ganz im Gegenteil. Doch auch die Summe subjektiver Daten kann ein relativ objektives Bild von der Wunsch- und Wirklichkeitswelt der Befragten geben.

In der Errechnung der Prozentsätze wurden auf der Bewertungsskala von 1-7 die Zahlen 1 und 2 als negativ, 3, 4 und 5 als neutral und 6 und 7 als positiv gewertet, wobei die jeweiligen Prozentzahlen auf die Stelle vor dem Komma entsprechend ab- oder aufgerundet wurden. Da eine vollständige Darstellung und Auswertung der Daten den hier gebotenen Rahmen bei weitem sprengen würde, sollen im Folgenden lediglich die repräsentativsten Antworten statistisch ausgewertet werden. (Vielleicht kann ein künftiges SCALG-Archiv späteren Interessenten die Fragebogen-Korrespondenz zur weiteren Einsicht und Auswertung zur Verfügung stellen).

Die erste Frage „Auf welcher Seite sind Sie, wenn Ihre neue Heimat in einer Weltmeisterschaft gegen ihre alte Heimat spielt“ beantworteten 26% mit der Parteinahme für die alte Heimat, wobei die jüngste Generation, welche die letzte und nun schon bald legendäre Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland noch vor Ort miterlebt hatte, den höchsten Prozentsatz stellte, während der größere Teil der Befragten sich in ihrer Antwort für neutral erklärte. Was sportliche Heimattreue angeht, so kann von den ältesten Auswanderern wohl niemand Henry Kissinger, dem einstigen amerikanischen Außenminister deutsch-jüdischer Abstammung, das Wasser reichen. Die Anhänglichkeit dieses ehemaligen Weltpolitikers an seinen SpVgg Greuther Fürth ist in ihrem Lokalpatriotismus so erstaunlich wie unglaublich angesichts der geschichtlichen Hintergründe seiner Auswanderung.

Auf die Frage nach den Beweggründen für die Emigration gab es eine Vielzahl persönlicher und familiärer sowie politischer und ökonomischer Konstellationen, sodass sich insgesamt ihre Beantwortung rein statistisch betrachtet, nur sehr schwer bewerkstelligen ließ. Die Frage #5 „Wären Sie lieber in Ihrer neuen Heimat geboren und aufgewachsen“ beantworteten 7% positiv und 67% negativ. Diese hohe Zahl nimmt nicht Wunder, ist doch die Herkunft allen denkbaren Widrigkeiten zum Trotz der magische Ort, über den deutsche Dichter und Denker immer wieder nachgedacht haben. „Allem Anfang wohnt ein Zauber inne“, so beginnt Hesses emblematisches Sinngedicht „Stufen“. Und Ernst Bloch, der deutsch-jüdische Philosoph der Frankfurter Schule und einer der wenigen geistigen Vaterfiguren der 68’er Generation, hat ihr folgendes Rätsel über die Herkunft ins Stammbuch geschrieben: „So entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Die Frage #6 „Sind Sie dem (amerikanischen) Traum der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten gefolgt“ beantworteten 28% positiv und 43% negativ. Die Frage #7 „Glauben Sie, dass Sie sich in Ihrer neuen Heimat besser verwirklichen können/konnten als in Ihrer alten Heimat“ beantworteten 58% positiv und 15% negativ. Die Antworten auf die Fragen #9 – #11, welche die zweisprachige Erziehung der eigenen Kinder betreffen, ergaben naturgemäß ein schwer quantifizierbares Bild, es bekundeten jedoch ausnahmslos alle Befragten, dass es wünschenswert sei, Kinder, wenn möglich, zweisprachig zu erziehen. Die Frage #15, ob sie Vorurteilen gegenüber ihrer Abstammung begegnet seien, bejahten 42% und verneinten 37% der Befragten. Dabei reicht die Skala deutscher Stereotypen von Fleiß, Disziplin und Pünktlichkeit über Sturheit, Arbeitswut und Humorlosigkeit bis zu den üblichen Nazi-Klischees. Die Frage #16 „Hat die Geschichte des Dritten Reiches Ihre nationale Identität geprägt“ beantworteten 51% mit ja und 26% mit nein. Die Frage #20 „Sind Sie insgesamt glücklich, in Ihrer neuen Heimat zu leben“, beantworteten 71% positiv und 6% negativ. Auf die Frage #24 „Hat sich Ihrer Meinung nach Ihre alte Heimat seit Ihrer Auswanderung zum Besseren entwickelt“, antworteten 46% mit ja und 13% mit nein. Im Vergleich dazu wurde die Frage #25 „Hat sich Ihrer Meinung nach Ihre neue Heimat seit Ihrer Einwanderung zum Besseren entwickelt“ von 12% der Befragten mit ja und 36% mit nein beantwortet. Auf die Frage #27 „Halten Sie sich weiterhin regelmäßig über die Entwicklungen in den deutschsprachigen Ländern auf dem Laufenden“, antworteten 88% mit ja und 0% mit nein.

„Viele der Fragen gehen ganz schön an die Leber“, schrieb eine Teilnehmerin an der Umfrage. In diesem Sinne haben zahlreiche Teilnehmer eine Reihe von Fragen mit weiteren Kommentaren, wenn nicht gar mit zum Teil seitenlangen Betrachtungen und Erinnerungen ergänzt. Sie reichen von Reminiszenzen an die Berliner Balettschule samt Stippvisite der „infamous Leni Riefenstahl“ über regelrechte Konfessionen aus einer gescheiteren Ehe mit einem amerikanischen Soldaten bis hin zu Reflexionen zu aktuellen Ereignissen und persönlichen Empfindungen. Im Folgenden sollen diverse Antworten zu exemplarischen Themenkomplexen zusammengefasst werden.

Sprachgewinn und Sprachverlust: „Mein Englisch brach deutsche Schallgrenzen auf — mehr Spass am Spiel mit der Sprache ist die Folge.“ — „‘Fraglos‘ ist man in keiner Sprache mehr zu Hause.“ — „Noch heute klingt ein ‘Ich liebe dich‘ tiefer als ein ‘I love you‘.“ – „Im kreativen Bereich bevorzuge ich Deutsch, da die Sprache ausdrucksvoller und bildhafter ist. Im professionellen Bereich (z.B. Mathematik / Wirtschaft) schreibe ich lieber auf Englisch.“ – „Mir fehlt meine Muttersprache. Und höre ich Deutsch, dann ist es meistens das Radebrechen unserer amerikanischen Studenten“. Wer zählt da noch die zahllosen weiteren Missverständnisse, wenn linguistische Feinheiten und kulturelle Unterschiede immer wieder im alltäglichen deutsch-amerikanischen Kauderwelsch untergehen?!

Emigration und Interkulturalität: Es ist vor allem die erste Nachkriegsgeneration, die noch tiefe, persönliche und kulturelle Wurzeln in Deutschland hat. Ihnen ist ihr nationaler Zwischenstatus besonders bewusst, wie Antworten diverser Teilnehmer immer wieder zeigten: „Als Emigrant lebt man zwischen den Kulturen.“ — „Man sitzt ständig zwischen den Stühlen.“ — Mein Herz schlägt geteilt für Alaska (nicht für die USA) und Deutschland, allerdings mit einem extra Schlag für Deutschland.“ —  „Ich bin halb drüben und halb hier, und daher nirgendwo richtig.“ — „Dieses Zwitterdasein […] ist das Faszinierende und Befreiende.“  —  „Ohne die neue Heimat wäre ich anders— mit Sicherheit beschränkter.“ Und ein anderer aus dieser Generation schrieb von der „transatlantischen Verdoppelung meiner Lebenserfahrung.“ Eine Vertreterin der jüngsten Generation, die als Deutsch-Russin ihre Kindheit noch in der zerfallenden Sowjetunion und ihre Jugend in der Bundesrepublik verbracht hatte, meinte: „Ich versuche immer noch herauszufinden, ob Amerika auch meine Heimat ist, wie Deutschland und Usbekistan“. Ein Vertreter der älteren Generation fasste die allgemeinen Erfahrungen der Interkulturalität letztlich treffend zusammen, wenn er feststellte: „Eigentlich ist mir das Doppeldasein sehr recht.“

Neue Welt – Traum und Wirklichkeit: An Amerika werden immer wieder Aspekte wie Mobilität, Flexibilität, größere Freiheiten, bessere Berufsmöglichkeiten, sowie Offenheit und Freundlichkeit der Menschen und last but not least die Weite des Landes hervorgehoben. Repräsentativ für die älteste Generation der Emigranten, den Exilanten des Dritten Reiches, ist sicherlich der folgende, geradezu schon klassische Ausspruch: „Ich suchte einen Hafen während eines tödlichen Sturms.“ Für die nachfolgenden Auswanderer, die in den fünfziger und sechziger Jahren Deutschland verließen, ist im Großen und Ganzen die folgende Zusammenfassung bezeichnend: „Amerika war und ist sehr gut zu mir.“ Bei den Jüngeren findet sich schon mal ein kritischeres Beiwort wie etwa „amerikamüde“

Alte Welt – Erinnerung und Wirklichkeit: Unter den genannten Vorteilen der alten Heimat rangieren ganz oben staatlichen Einrichtungen wie öffentliche Verkehrsmittel, das Gesundheitswesen, die Altersversorgung und Arbeitslosenunterstützung. Demgegenüber gab allerdings auch eine vor wenigen Jahren Eingewanderte, die in Polen geboren und in Deutschland aufgewachsen war, zu bedenken, dass in Amerika der Staat verglichen mit Deutschland „weniger als soziale Hängematte missbraucht wird.“ Des weiteren erinnerten sich die älteren Generationen der Ausgewanderten auch immer wieder gern an die altheimatliche „Gemütlichkeit“, „richtiges Brot“, „Roggenbrot“, „die alte Baukunst“, „Schönheit der Städtchen und Dörfer“ sowie „Landschaft und Natur: die Wanderungen durch den deutschen Wald.“ Jüngere Generationen vermissten unter anderem „stabile Leitz-Ordner“, den „deutschen Kulturbetrieb, vor allem deutsche Buchhandlungen und Fernsehprogramme wie Das Literarische Quartett oder Titel, Thesen, Temperamente, des weiteren Deutschlands fortschrittliches „Umweltbewusstsein“, seine „intellektuelle Streitkultur“, sein differenziertes Parteiensystem, das größere politische Engagement der Bürger und — zur Abwechslung auch mal umgekehrt — die deutsche Freiheit von der zwangsweisen Erfahrung in Amerika, „bei jedem Gottesdienst sofort ‚gekrallt‘ zu werden.“ Ähnliches Aufatmen bekundete eine andere Ausgewanderte angesichts der deutschen Außenpolitik: „Ich mag auch, dass sich Deutschland nicht zähnefletschend in alle möglichen Konflikte stürzt.“ Als weitere Vorzüge des deutschsprachigen Kulturkreises wurden darüber hinaus immer wieder seine Integration in die anderen europäischen Kulturlandschaften und deren Reichtum an verschiedenen Küchen, Sprachen und Traditionen hervorgehoben. Zusammenfassend sollen zwei Stimmen der jüngsten Auswandergeneration zu Wort kommen: „Obgleich die USA als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten beschrieben wird (…) glaube ich immer noch, dass meine deutsche Erziehung mich meinen Zielen näher gebracht hat.“ Und eine andere, die selbst schon zwei Heimaten in verschiedenen Ländern hinter sich hat, beschließt ihre längeren Betrachtungen mit einem Zitat von Herta Müller, die bekanntlich in Sachen Heimat besonders bewandert ist: „Die Heimat ist das, was man vermisst, wenn man nicht mehr da ist.“

Wir alle mögen in Amerika leben, wie Rammstein rumort, aber das heißt nicht, dass jeder der Emigranten hier ganz angekommen ist. Das gleiche gilt für Millionen von Immigranten in Deutschland. Diesbezüglich setzt sich in jüngeren Zeit die Einsicht durch, dass Integration und nicht mehr Assimilation das Nahziel der Migrationspolitik sein sollte. Infolgedessen bezeichnet man in Deutschland Migranten auch zunehmend als Integranten. Eine ihrer wesentlichen Merkmale ist wohl die regelmäßige Lektüre von Zeitschriften aus der alten Heimat, beziehungsweise das Surfen entsprechender Internet-Portale. Was den einen der Hürriyet, das ist den anderen der Spiegel, in deren Reportagen und Homepage-Foren sie sich ihrer persönlichen, emotional-nationalen Identität versichern können.

„Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“, so beginnt Goethes paternal-nationales Glaubensbekenntnis, das schließlich vom Dritten Reich und seinem Führer für die Nachgeborenen gründlich ad absurdum geführt wurde. Dieses geschichtliche Vermächtnis wirft – es war kaum anders zu erwarten – einen langen Schatten vor allem auf seine erste Nachkriegsgeneration. So schrieben diverse Vertreter dieser Altersgruppe: „Die Skala der Vorurteile reichte vom Linksradikalismus zum Faschismus“. Eine Zweite schrieb: „Meine deutsche Identität [war] vorerst eine Anti-Identität […] Im Ausland als Jugendliche schämte ich mich“. Ein Dritter sekundiert: „Mein ganzes Leben, meine Kultur werden auf diese 12 Jahre reduziert“ und ein Vierter brachte die „Flucht vor der Nationalsozialismusschuld“ als Mitgrund für seine Auswanderung in Anschlag. So wird die einst im Nachhinein gern beschworene „Innere Emigration“ so mancher Väter zur „äußeren Emigration“ der Söhne.

Doch entpuppt sich dieses Unterfangen nicht selten als ein Auswandern vom deutschen Regen in die amerikanische Traufe. Eine weitere der Befragten, die in der DDR geboren und aufgewachsen war, schrieb, dass sie amerikanischen Vorstellungen begegnet sei, denen zufolge Deutsche geradezu „mit Nazi-Genen geboren“ seien. Ein anderer Deutscher dieser Generation, selbst russisch-jüdischer Abstammung und Autor einer in Deutschland wie Amerika bekannten Studie über deutsche Vorurteile gegenüber Amerika, bestätigte die gängigen Klischees von Deutschen einmal mehr als  „ordnungsbesessen [… und …] zutiefst irgendwo noch Nazis“. Es sollte in diesem Zusammenhang allerdings nicht vergessen werden, dass Amerikaner auch vielfach positive Vorstellungen von Deutschen und ihren Eigenschaften haben, wie verschiedene Antworten auf diese Fragen immer wieder zeigten. Dass sich darunter auch peinliches Lob mischt, das normale Deutsche nur beleidigen kann, ist freilich ebenso bekannt. Haben wir nicht alle schon zu hören bekommen, dass man so deutsch, beziehungsweise undeutsch wäre, wobei dann immer noch nicht unbedingt klar sein muss, ob dies nun gut oder schlecht gemeint sei. So bleibt denn für so manchen Auswanderer die „Flucht“ vor der deutschen Vergangenheit sowie der weitere Lebenslauf in Amerika ein regelrechtes Hindernisrennen, das denn auch eine andere Stimme zu diesem Thema entsprechend anschaulich beschrieben hat: „Die Assoziation mit den Nazis ist einem auf alle Fälle ein Klotz am Bein.“ Und so schlussfolgerte eine andere Ausgewanderte, die selbst noch in den letzten Kriegsjahren geboren ist: „Immer und ewig die Nazi-Sache.“

Dass auch noch die Kinder und inzwischen die Kindeskinder dieser ersten Nachkriegsgeneration mit diesem geschichtlichen Hemmklotz ins Leben ziehen, ist ebenfalls eine genügsam bekannte Tatsache. Einer der jüngsten Deutsch-Amerikaner unter den Befragten, der erst seit wenigen Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, machte die Feststellung: „Auch scheinen viele Menschen, die in den USA leben, davon auszugehen, dass es in Deutschland noch immer viele Nazis gibt.“ In diesem Sinne bekommt auch eine deutsch-amerikanische Studentin der Internationalen Studien „meistens negative Klischees über historische Erinnerungen“ zu hören, so als wäre die heutige Bundesrepublik nur ein Kulissenstaat für das innere, ewige „Nazi-Deutschland“. Unsere so enttarnte Nazi-Nachfahrin kontere, wie sie schrieb, derartige Gleichschaltungen in der Regel mit dem Satz „Nicht meine Generation“. Auf ähnliche Weise protestieren freilich auch moderne Christen nun schon seit mehreren Generationen gegen den Fluch ihrer alttestamentarisch beglaubigten Ursünde, die bekanntlich das älteste und immer noch am weitesten verbreitete Vorurteil der westlichen Zivilisation darstellt.

Diese Weltbilder nationaler Stereotypen und religiöser Stigmata erreichen in den Erfahrungen Robert Schopflochers, der mit seiner Familie in den dreißiger Jahren nach Buenos Aires ausgewandert war, eine weitere Steigerung. Er ist ebenfalls ein vielfach ausgezeichneter Sohn Fürths, des einstigen fränkischen Jerusalems, der sich als argentinischer Schriftsteller deutscher und spanischer Sprache in Deutschland wie in Lateinamerika einen bekannten Namen gemacht hat. Auf die Frage des Fragebogens, ob er in der neuen Heimat Vorurteilen begegnet sei, antwortete er: „Als Deutscher: Nein. Als Jude: Ja.“

II

Der Wandernde Jude und der Wandernde Deutsche: Zwei Völker auf Sonderwegen durch die Weltgeschichte. Möglicherweise schon seit der Babylonischen Gefangenschaft der Israeliten und ihrem Auszug aus dem Alten Ägypten, doch sicherlich spätestens seit der Zerstörung ihres Tempels in Jerusalem 70 A.D. und ihrer folgenden Zerstreuung über ganz Europa ist das jüdische Volk als Wandervolk in die Weltgeschichte eingegangen. Nahezu zweitausend weitere Jahre war es immer wieder auf der Flucht vor Verfolgung und auf der Suche nach sicherer Heimat. Ihr geschichtliches Schicksal wurde zur Vorlage zahlloser Kunstwerke in der abendländischen Kulturgeschichte und erreichte im neunzehnten Jahrhundert in Verdis Oper Nabucco einen melodramatischen Höhepunkt. „O mia patria sie bella e perduta“, so schwillt der Chor der Gefangenen, dessen Klänge die uralten Klagen des jüdischen Volkes und seine Sehnsucht nach Freiheit so ergreifend rekapitulieren, als wollten sie auch schon die Schauer der heraufziehenden Shoah ahnungsvoll mitantizipieren. Auf diese Weise wird Verdis Chor geradezu zum canto ostinato für das Schicksal aller verfolgten Völker des kommenden, so völkerverfolgungswütigen Jahrhunderts.

Wie anders verlief im Vergleich zur jüdisch-israelischen Geschichte die deutsch-germanische Geschichte, doch die Erfahrung der Wanderschaft haben beide Völker auf mannigfaltige Weise gemeinsam. Seit dem Sturm der Kimbern und Teutonen durch das Römische Reich im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung haben sich auch die Germanen immer wieder als rast- und ruheloses Wandervolk einen Namen gemacht. Wenige Jahrhunderte später zogen sie als erobernde Goten in den Westen und Osten des Römischen Reiches, als berüchtigte Wandalen gründeten und plünderten sie Reiche bis hinunter nach Al-Andalus und den Maghreb, immer der Sehnsucht nach dem Süden folgend. Im staufischen Hochmittelalter zogen sie als Ritter und Siedler und später als Handwerker und Kaufleute ins Reich der Zaren. Dort wähnten sie lange vor Amerika das weite Land der besseren Möglichkeiten. Schon diese Ostlandfahrer trieb eine Art fernselige Ostalgie, in der die „deutsche Seele“ das Land der „russischen Seele“ suchte, immer dem dunklen Drang nach Osten folgend, dem Licht der aufgehenden Sonne entgegen.

Ja, Wandern und Auswandern, das konnten wir schon immer. Dieses jahrtausendealte Volksvergnügen hat sich denn auch auf vielfache Weise in unsere Sprache eingeschrieben. Wörter wie „Weg“, „Wandern“ und „Fahren“ sind ein fruchtbares Quellgebiet ausdrucksstarker Wortschöpfungen. Die Palette reicht von „bewegt“, „abwegig“, „unentwegt“, „verwegen“  und „Bewegung“ zu „auswandern“, „einwandern“, „unterwandern“, sowie „zuwandern“ und „abwandern“, womit die jüngeren Volksverschiebungen zwischen dem östlichen und westlichen Teil Deutschlands bezeichnet wären. Zudem verfügen wir über eine Reihe von weiteren Wandererscheinungen, angefangen von „Wanderhure“ über „Wanderzirkus“ bis zu „Wanderprediger“  und  „Wanderkirchenasyl“. Darüber hinaus sind wir auch gut „bewandert“ in den verschiedenen Formen des „Fahrens“,  von „Fährte“, „Gefahr“, „Erfahrung“,  „Vorfahren“, „Nachfahren“ und dem doppelsinnigen „Verfahren“ bis zur „Fahrlässigkleit“, um nur die geläufigsten Ausdrücke zu nennen und die beliebtesten nicht zu vergessen: „Wanderlust“ und „Fahrvergnügen“. Letztere sind bekanntlich wortwörtlich in die amerikanische Umgangs- und Werbesprache eingegangen. Fahren, das ist das Wandern auf rollenden Rädern, und diese Fortbewegung geht, schenkt man ausländischen Berichten Glauben, auf deutschen Schnellstraßen immer noch am besten. Zu diesem modernen Mythos liefert denn auch die deutsche Automobil-Industrie eine Reihe von weltweit beliebten und begehrten Fahrzeugen vom Volkswagen bis zur Luxuskarosse. Kraftwerk, die deutsche Proto-Electronica Band, produzierte dazu die passende Melodie: „Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn“, so sang sie in den siebziger Jahren ihre Zuhörer in monotone Techno-Trance und schaffte es damit in mehrere internationale Hitparaden. In den Werbespots der globalen Reklame ist das deutsche Fernweh und Heimweh schließlich auf den neuesten Stand gebracht, stilvoll inszeniert und auf multimediale Weise instrumentalisiert.

„Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“, diesen berühmt-berüchtigten Zwiespalt hatte Goethe seinem Faust, dem Helden des deutschen Nationalepos, in den dramatischen Charakter geschrieben, und er sollte sich im Laufe der Zeit in der Tat zum nationalen Narrativ auswachsen. Es ist eine wesentliche Widersprüchlichkeit, die auch der diesjährige Spiegel-Bestseller Die deutsche Seele von Thea Dorn und Richard Wagner erneut so kritisch wie empathisch vor Augen führt.

Diese doppelte Optik trifft vor allem auf Thea Dorn zu, die bislang in Deutschland eher für ihre provokative Publizistik als für nationale Introspektion bekannt war. Ihr deutsches „soul searching“ begann nach einem längeren Aufenthalt in Amerika und so entstand schließlich ein enzyklopädisches Kompendium, das alphabetisch geordnet von „Abendbrot“ bis „Zerrissenheit“ in unterhaltsamen Glossen und lehrreichen Exkursen die deutsche Alltags- und Hochkultur samt ihrer wechselhaften Geschichte anschaulich und eindringlich Revue passieren lässt. Es ist eine vielschichtige und mannigfaltige tour d’horizon, die heimatskeptischen Auswanderern mit nostalgischen Momenten besonders zu empfehlen ist.

„O heilig Herz der Völker, oh Vaterland  …  allverkannt, wenn schon aus deiner Tiefe die Fremden ihr Bestes haben“, so der „Gesang der Deutschen“, eine von Hölderlins vaterländischen Oden — ehe der seherische Schwabe in geistiger Umnachtung versank. Blickt man in der Geschichte Deutschlands zurück, so wird offenkundig, dass sich seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die leichtfüßige Wanderlust in eine immer mühseliger werdende Wanderlast verwandelte. Romantische Taugenichtse wurden zu republikanischen Barrikadenstürmern, und als die politische Reaktion 1848 ihren revolutionären Visionen schließlich ein Ende setzte, verschlug es auch viele von ihnen in die Fremde. Tikkun Olam, Heilung und Wiederherstellung der Welt,  so lautete schon immer der hebräische Aufruf zur Schaffung einer besseren Welt, und so nimmt es kaum Wunder, dass nicht wenige dieser deutschen Weltverbesserer patriotisch assimilierte Juden waren. Vom Exil der Jungdeutschen und der Emigration der 48er bis zur großen Auswanderungswelle der vom Dritten Reich Verfemten zieht und weitet sich nun der deutsch-jüdische Sonderweg der wachsenden Massenflucht und immer wahnsinniger werdenden Massenverfolgung. Rein demografisch gesehen erreicht die Geschichte dieser Massenemigration ihren Höhepunkt am Ende des Zweiten Weltkrieges in der Flucht und Vertreibung von über vierzehn Millionen Volksdeutschen aus ihren mittel- und osteuropäischen Heimatländern. Diese erzwungene Umsiedlung in chaotischen Flüchtlingstrecks und planmäßigen Viehwaggontransporten war die bislang größte „Völkerwanderung“ der Weltgeschichte. Und so sind Deutsche und Juden in dieser deutsch-jüdischen Doppeldisziplin des Wanderns und Gewandertwerdens in der Tat die unbestrittenen Weltmeister.

Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre war Goethes beispielhafter Bildungsroman, nach dessen idealistisch-humanistischer Weltanschauung sich das deutsche Bildungsbürgertum im neunzehnten Jahrhundert geradezu goethegläubig ausgerichtet hatte. Im Rückblick scheint dieser Romantitel auch den deutschen Zivilisationsbruch im zwanzigsten Jahrhundert vorwegzunehmen, in dem die Bildung zur vollendeten Barbarei verkommen sollte und ihre Besten in Exilanten verwandelte, die als rast- und ruhelose Wanderprediger durch fremde Länder zogen und die Austreibung des deutschen Geistes in gebrochenen Sprachen vielfach beklagten. Ihr unbestrittener Repräsentant war sicherlich der zum amerikanischen Staatsbürger gewordene Thomas Mann, Goethes letzter großer Statthalter und pathetischer Epigone. In seinem großen Musiker-Roman Doktor Faustus, in dem Mann die Kulturkatastrophe des Dritten Reiches im Paradigma der modernen Musikgeschichte reflektiert, hat sich Goethes Protagonist zum Komponisten gewandelt, der gegen Ende des Romans Beethovens Neunte Symphonie widerruft und durch seine disonante Zwölfton-Kantante „Dr. Fausti Weheklag“  ersetzt. Das Heil der Welt, in den „Sieg Heil“ Rufen des Dritten Reiches und seinen  Blitzkriegen zu Luft und zu Lande ist es schließlich auf geradezu endzeitliche Weise untergegangen. „Apokalypsis cum figuris“ lautet denn auch eine der letzten Kompositionen des Mann’schen Tonsetzers, die dem berühmten Hozlzschnitt Albrecht Dürer nachempfunden ist. Die Erzählfigur des Romans beschließt seine deutsche Schicksalsgeschichte mit den Worten: „Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.“

Dieser Widerruf und Untergang der deutschen Kultur in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts fand bereits ein Jahrhundert früher seinen poetischen Propheten in einem anderen deutschen Emigranten, nämlich in Heinrich Heine, dem Exilanten im freiheitsliebenden Paris. In seinem Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen legt er sich mehrfach mit den historischen Obrigkeiten seines deutschen Vaterlandes an, allen voran Kaiser Barbarossa, in dessen gutem Namen die erzreaktionären Dunkelmänner des preußischen Zollvereins ihr künftiges, säbelrasselndes Kaiserreich gründen wollen. Im Thronsaal Karl des Großen verdichten sich schließlich des Dichters geschichtliche Befürchtungen zu düsteren, abgründigen  Zukunftsvisionen. Und in der Tat, die Wahlverwandtschaft, die Heine zu seiner Zeit zwischen Juden und Deutschen zu erkennen geglaubt hatte, im „tödlichen Sturm“ des letzten Jahrhunderts, in der mörderischen Verfolgung der Juden durch die deutschen Faschisten und  — vice versa — in der restlosen Vertreibung der Volksdeutschen auf Geheiß der westlichen Siegermächte  und ihrer östlichen Rot-Armisten, in dieser verkehrten Wanderwelt, ihren Todesmärschen und Völkerverfrachtungen, fand die deutsch-jüdische Wahlverwandschaft wohl ihre letzte ironisch-tragische Perversion.

Vom Epischen zum Absurden Theater: Der avangardistische Verfremdungseffekt des Epischen Theaters, mit dem Brecht sein Publikum zum kritischen Denken bewegen wollte, für die Überlebenden und Nachgeborenen des Nazi-Terrors war er zum real existierenden Entfremdungssymptom geworden. „Die Fremde ist nicht Heimat geworden. Aber die Heimat Fremde“, so hatte es der österreichische Emmigrant Alfred Polgar auf die prägnante Exil-Formel gebracht. Am nachhaltigsten ist dieser Ver- und Entfremdungseffekt sicherlich in der Bilderwelt der politischen Karikatur. Projiziert man das Argument von nationaler Schuld und kollektiver Sühne weiter in das stereotypische Weltbild von Gut und Böse, so verwandelt sich der verrufene innere Schweinehund der Nazis schnell zum brauchbaren Sündenbock der Nationen. Die Europäische Union mit ihren fluktuierenden Wirtschaftskrisen liefert für solche nationale Metamorphosen illustrative Exempel. Tanzt die deutsche Kanzlerin mal nicht so, wie andere europäische Partner es gerne hätten, dann hat sie in der ausländischen Boulevardpresse schnell die SS-Mütze auf dem Kopf und die Hundepeitsche in der Hand und steht am altbekannten Nazi-Lumpazi-Pranger.

Im Gegensatz etwa zum satirischen Mummenschanz mit islamischen Traditionen weisen parodistische Anspielungen auf den deutschen Faschismus auf die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Im Vergleich dazu erstrahlen selbst ausgemachte Schurkenstaaten unserer Zeit im Glanze menschenrechtlicher Redlichkeit. Das Potenzial solch negativer, psychopolitischer Projektionen ist aus der Geschichte zur Genüge bekannt. Folgt man ihrer defamatorischen Dynamik, so könnte man zu dem deutsch-jüdischen Umkehrschluss gelangen: Von nun an übernimmt der Wandernde Deutsche gewissermaßen als geheimer Wiedergänger des Wandernden Juden von ihm die Bürde der Vorurteile und zieht als „Ewiger Nazi“ weiter in die Zukunft. Als unbestrittener Reiseweltmeister — so die neueren Daten der internationalen Tourismus-Branche — werden wir Deutsche auch in dieser Rolle sicherlich noch weit kommen.

„Reise, Reise” nach erprobter Rammsteinweise: Come Nazi-Hunting in Good Old Germany. Find some really bad young Germans. Experience them in their natural habitat. No knowledge of German necessary: “Du hast!” Guided tours through No-Go-Zones available. See for yourself and spot a Neo-Nazi! So etwa könnten Werbeslogans für lukrative Lumpazi-Vagabundi-Touren lauten. Und gäbe es vor Ort mal keine geeigneten Übeltäter, dann könnten sich Praktikanten der Generation Präkariat leicht eine Handvoll Dollar verdienen, indem sie einheimische Bösewichte mimen. Und zum guten Reiseschluss ein Gruppenbild mit Hitlergruß — Spass muss sein! (The „Banality of Evil“ – up to date.)

Heimsuchung durch die Geschichte: Von Golgatha bis Auschwitz, vom angeblichen Gottesmord bis zum tatsächlichen Völkermord wurden und werden Juden und Deutsche wohl  wie keine andere Volks- und Glaubensgemeinschaft von ihrer außergewöhnlichen Vergangenheit heimgesucht. Unsere so ungleiche Geschichte gipfelte in einer gemeinsamen Unheilsgeschichte nie dagewesenen Ausmaßes. Das Volk des Buches und das Volk der Bücher, diese beiden Völker des Alten Testamentes sowie der ältesten Buchdrucke und weltgrößten Buchmessen, sie werden ihre Geschichte nie vergessen, insbesondere nicht jenes Kapitel, das jeder Beschreibung spottet. Für Juden ist es vor allem das Gedenken an das grenzenlose Leid der Shoah, für Deutsche kommt zu diesem Gedenken auch noch die Erinnerung an die unermessliche Last ihrer geschichtlichen Schuld. Die deutsche Arbeit an der „Wiedergutmachung“, sie macht nicht frei, sie ist letztendlich eine absurdes Unterfangen, ein Kampf mit den Schatten von Raum und Zeit, den Windmühlen einer verwehten Wirklichkeit. Wir wälzen den Stein des Sisyphos, der zu Staub zermahlen ist. „Dust in the Wind“, wie die Band Kansas singt.

Schindlers Liste: Deutscher Sündenfall und Höllensturz  … und wer noch eine deutsche Seele im Leib hat, der fällt beim Zusehen jedesmal ein Stück weit mit  … ins Herz der Finsternis. Das Vermächtnis unserer jüngeren Geschichte und unsere damit verbundenen persönlichen Gefühle, wie kompensiert und konserviert sie auch immer sein mögen in unserer heutigen, ritualisierten Erinnerungskultur, sie werden durch den Lernstoff unserer Kinder, Schüler und Studenten und nicht zuletzt durch die Medien und allen voran durch die Filmindustrie von Babelsberg bis Hollywood geradezu endlos aktualisiert und perpetuiert. Deutsche Vergangenheitsbewältigung als pädagogisches Pflichtfach mit großer, nationaler und internationaler Zukunft. „Und das ist gut so“, könnte man diese unendliche Geschichte mit der sprichwörtlich gewordenen Wendung Klaus Wowereits, des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, gutheißen. Doch müsste man der Ehrlichkeit halber auch noch hinzugfügen, dass dieser kategorische Imperativ den heutigen Deutschen trotz bester Absichten in der Regel weitaus schwerer fällt als allen anderen Nationen und dies aus offensichtlichen Gründen hüben wohl mehr noch als drüben in der Alten Welt, wo jüngere Generationen von neudeutschen „Gutmenschen“ eine gewisse solidarische Geborgenheit bieten mögen. „Bleeding heart“ ist der Ausdruck, mit dem die englische Sprache diesen deutschen Neologismus bisweilen zu übersetzen sucht. Einerseits erinnert er an die deutsche Tradition der empfindsamen Herzensbildung, ja vielleicht ruft er sogar Hölderlins „Herz der Völker“ in Erinnerung. Andrerseits verliert er jedoch die im Deutschen mitklingende Assonanz an „Unmensch“ und nicht zuletzt dessen humanistisches Kontrastprogramm, Goethes klassisches Bildungsideal vom „edel sei der Mensch, hilfreich und gut“.

Vielleicht hilft ja in diesem Dilemma ein rechtes Herz-Schmerz-Melodrama weiter. „Home is where the heart ist“, so sang sich Lena Lovich Anfang der achtziger Jahre in die internationalen Hitparaden. Zudem trat sie folkloristisch avangardistisch hochgestylt auf und verlieh damit ihrem Gesang weitere subversive Effekte: „Home is where the heart is / home is so remote / home is just emotion / sticking in my throat … Home is hard to swallow / home is like a rock … let’s go to your place.” Vielleicht erfasst ja erst die Metapher vom blutenden Herzen in Verbindung mit dem buchstäblichen Heim-Weh von Lena Lovichs melodischem Lamentoso den nachromantischen Weltschmerz dieser neudeutschen Gutmenschlichkeit.

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht …“. Diese Klage Heinrich Heines ging sicherlich vielen Exilanten aus der Zeit der faschistischen Verfinsterung Deutschlands in vielfacher Weise nach. Eine Generation später prangte sein Pariser cri du coeur als protestierende Poster-Parole in Deutschlands Studentenbuden und Wohngemeinschaften. Hölderlins „Herz der Völker“, es war zur narzistischen Wunde der zerrissenen Nation geworden. Und wie sich zeigte, teilen so manche Deutsch-Amerikaner auch heute noch Heines Heim-Weh— somewhere sleepless between Seattle and New York.

Tikkun Olam? Heilt die Zeit alle Wunden der Welt, wie es der deutsche Volksmund und die jüdische Weltweisheit versprechen? Ist es Balsam für die deutsche Seele, wenn sich Mel Brooks, der jüdisch-amerikanische Regisseur der Broadway-Komödie The Producers (Frühling für Hitler), vor etlichen Jahren schelmisch beim deutschen Diktator bedankte  — „for being such a funny man“? Hitler, der Nazi-Nabucco, rachsüchtiger Revenant Nebuchadnezars und babylonische Nemesis Israels, jetzt wieder geschrumpft zum böhmischen Gefreiten, einem dahergelaufenen Schmierenkomödianten, der in der weltweiten Gaudi ums Dritte Reich den nützlichen Globetrottel abgibt? Oy vey, gevalt!

Wie dem auch sei, im internationalen Panoptikum der nationalen Stereotypen spielen die Nachgeborenen der Nazizeit wie eh und je ihre mehr oder weniger karikaturistische  Jahrhundertrolle. Am erfolgreichsten sind sie dabei sicherlich in Hollywood. Allein schon der Akzent des Bösen kann Gold wert sein. Wer sich hierzulande allerdings nicht so telegen zu vermarkten versteht, dem bleibt letzlich nichts anderes übrig, als sich umgekehrt im amerikanischen Alltag am Bild des „bösen Deutschen“ abzuarbeiten und sich gleichsam ex negativo auf diese Weise im Laufe der Zeit positiv zu profilieren. Charakterbildung, authentische Individualität ist dies allerdings keine. What would Wilhelm say? Der Held des Goethe’schen Bildungsromans und Vorbild aller deutschen Bildungsbürger, angesichts dieses deutsch-amerikanischen Wunschbilds und internationalen Wanted Posters von „(In-) Glorious Basterds“ – with a good sense of German humor!

Emotional Outlaws: Als solche empfanden sich viele Deutsche für lange Zeit, wenn sie dem normalen Patriotismus anderer Nationen begegneten. Stellt man jedoch die Zahlen und Zitate aus den Antworten auf den Fragebogen zusammen, so zeigt sich, dass seit der Wiedervereinigung Deutschlands auch die mehr oder weniger zerrissenen Seelen der ausgewanderten Deutschen zunehmend zu heilen beginnen und mit wachsender Zuversicht auf ihre alte Heimat zurückblicken. Eine der Befragten brachte diese mentale Wende auf den bezeichnenden Nenner: „Als Nachkriegsgeborene hatte ich schwere Schuldgefühle. Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung haben das geändert“. Und eine Stimme aus der jüngsten Generation meinte: „Die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland hat das Gefühl für nationale Identität geändert. Es ist möglich, stolz auf sein Land zu sein, ohne Schuldgefühle zu haben, oder Angst haben zu müssen, als Nationalist zu gelten.“ Dieser Satz, der von einer der jüngsten Teilnehmerinnen an der Umfrage stammt, ist für die meisten Völker eine Selbstverständlichkeit. Er ist jedoch ein außergewöhnlicher Satz für ein Land wie Deutschland, das wie keine andere Nation die Extreme und Exzesse des europäischen Nationalismus durchlebt und wiederholt dafür gebüßt hat. Vom wilhelminischen „Hurrapatriotismus“ und der „Schmach von Versailles“ über den nationalsozialistischen Größenwahn vom „Tausendjährigen Reich“ bis zur systematischen Verwüstung der deutschen Städte und der konsequenten Teilung des Landes geht die gespenstische Achterbahn vom „deutschen Wesen“, an dem nach dem Wunsch und Willen Kaiser Wilhelms die „Welt genesen“ sollte. Nach Jahrzehnten nationaler Rekonvaleszenz nun also weitere gute Besserung durch eine Fussballweltmeisterschaft. Dazu können Ersatz-Kaiser Beckenbauer und Ex-Außenminister Kissinger nur herzlich gratulieren.

„Es ist möglich, stolz auf sein Land zu sein …“ So angesagt und selbstverständlich war die deutsche Vaterlandsliebe schon lange nicht mehr. Vielleicht hilft ja auch, dass Mutter Merkel seit längerem das politische Sagen hat. In jedem Fall ging das zweite Wunderjahr 2006 in die Chronik der Bundesrepublik als „Deutschland — ein Sommermärchen“ ein. Nach all den „Greuelmärchen“, die sich die Welt während des Zweiten Weltkrieges über das Dritte Reich erzählte — und die sich nicht schlimmer bewahrheiten konnten — , nun also das deutsche „Sommermärchen“, das auch den Rest der Welt nicht wenig in Staunen versetzte. Näher betrachtet ist dieser Wandel eine weitere ironische Inversion des Heine’schen Wintermärchen. Und so macht die „verkehrte Welt“, eine der zentralen Topoi der deutschen Literatur, einmal mehr deutsche Geschichte. Wer dichtet und singt uns nun von dieser glücklichen Wende „ein neues Lied, ein besseres Lied“, so wie Heine es einst in seinen zuversichtlichen Visionen seinem Vaterland samt Abendland versprochen hatte?

Von der Schubertschen „Winterreise“ und seinem elegischen Lindenbaumlied bis zum jüdischen Partisanengesang „Sog nischt kejnmol, as du gejst den letztn weg“ und seinen Traumbildern vom Palmenstrand des Gelobten Landes schwillt der abendländische Chorgesang auf die verlorene und wiedergefundene Heimat. Nostos und Nekyia, heitere Seefahrt und schrecklicher Schiffbruch, in Odysseus‘ Hadesreise und seiner letztendlich glücklichen Rückkehr in die Heimat hat die Irrfahrt des Menschen, die wirre Weltfahrt der Menschheit, ihr nostalgisch rhapsodisches Meister-Narrativ gefunden.

„Ein stolzes Schiff“, so lautet die Neu-Interpretation des Liedes „Die deutschen Auswanderer“, eine Volksweise aus dem neunzehnten Jahrhundert, welche die Folksonggruppe “Zupfgeigenhansel” Generationen später während der Zeit der Studentenbewegung wieder bekannt und beliebt gemacht hat unter anderem mit agitatorischen Versen wie: Schaut her, ihr Unterdrücker / seht eure besten Arbeitskräfte flieh’n / seht, wie sie übers große Weltmeer zieh’n“. Aus heutiger Sicht erweist sich dieses transatlantische Auswandererlied aus dem neunzehnten Jahrhundert auch als ein zukunftsschwangerer Aufgesang auf das Heer der Auswanderer und Flüchtlinge, das ein knappes Jahrhundert später erneut übers große Weltmeer ziehen sollte.

Das musikalische Repertoire von Zupfgeigenhansel spannt denn auch immer wieder den weiten Bogen zwischen diesen beiden Welten und Zeiten. Weit über Deutschland hinaus bekannt geworden ist die Gruppe schließlich mit ihrem Album Jiddische Lieder, nicht zuletzt auch deshalb, weil es einer der ersten authentischen Aufnahmen darstellt, die das phänomenale Klezmer-Revival der achtziger und neunziger Jahre in Europa und Amerika mitbewirkte. Es dürfte kaum erstaunen, dass zahlreiche Lieder aus dieser jüdischen Musiktradition ebenfalls Wander- und Auswandererlieder sind, wobei das bekannteste von ihnen sicherlich „Die grine Cousine“ ist. Es ist ein Lied über ein munteres Mädchen aus einem osteuropäischen Stetl, das seine „Medine“, seine neue Heimat Amerika verflucht, weil es sich in den Sweatshops von Lower Manhattan für einen Hungerlohn ein Leben lang abrackern muss. Die Kinder und Kindeskinder dieser „grinen Cousine“ sollten freilich ihrer jiddischen Mamme für ihre Auswanderung nach Amerika noch einmal sehr dankbar sein.

Schauen andrerseits deutsch- und jüdischstämmige Amerikaner heute auf ihr jeweils anderes Heimatland in der Alten Welt zurück, sei es auf das wiedervereinte Deutschland, sei es auf das moderne Israel, so können sie auf diese Heimat — trotz immer wieder berechtigter Kritik — insgesamt wohl mit Zufriedenheit zurückblicken und glücklich damit sein, was beide Länder in den letzten Jahren und Jahrzehnten geleistet und errungen haben. In diesem Zusammenhang teilen sich Deutschland und Israel eine weitere Einzigartigkeit unter den Völkern dieser Welt. Beide Nationen haben Tausende ihrer eigenen Landsleute und Glaubensgenossen von Regierungen freigekauft, die ihnen feindlich gesinnt waren, nämlich Israel von Äthiopien und die Bundesrepublik von der Deutschen Demokratischen Republik. Auch so lässt sich also erfolgreich auswandern. Nach dem Fall der Berliner Mauer folgten weitere Tausende von Russland-Deutschen der Einladung des vereinten Deutschlands, wieder ins Ursprungsland ihrer Vorfahren zurückzukehren.

„Ein neues Lied, ein besseres Lied“: Von „deutschen Auswanderern“ nach der gescheiterten Revolution von 1848 zu russischen Einwanderern nach der erfolgreichen  Revolution von 1989. Eine der erstaunlichsten Verkehrungen seit der deutschen Wiedervereinigung ist die Tatsache, dass das heutige Deutschland für russische Juden zu einem ihrer bevorzugten Einwandererländer geworden ist. So wie die Israeliten einst durch das geteilte Rote Meer ins gelobte Land gezogen waren, so strömen ihre Nachfahren nun schon seit Jahrzehnten durch Berlins gefallene Mauern in die Bundesrepublik. Allen voran Wladimir Kaminer, Autor der bestsellernden Russendisko. Als Berlins derzeit bekanntester und unterhaltsamster Geschichtenerzähler ist er gleichsam ein exemplarischer Gegenentwurf zu Gary Shteyngart und seinem düsteren New Yorker Panorama. Infolge dieses russischen Zustroms, dieses neo-mosaischen Exodus aus dem Osten, können die jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik heute weltweit die größten Wachstumsraten aufweisen. Auch das ist eine weitere Wende auf den verschlungenen, deutsch-jüdischen Sonderwegen durch die Weltgeschichte.

Die musikalische Quintessenz dieser jüdischen Regeneration ist die Klezmer-Renaissance, die um die Jahrtausendwende Berlin in die Welthauptstadt der jüdischen Volksmusik verwandelt hat. Zu jener Zeit spielten allein dort über dreißig Klezmerkapellen und etwa sechzig weitere waren über den Rest der Bundesrepublik verstreut. Klezmer-Musik, das ist die remigrierte deutsch-jüdische Volksliedtradition, die in den Zeiten der Kreuzzüge, der Pest und Pogrome, mit deutschen und jüdischen Auswanderern und ihren mittelhochdeutschen Dialekten nach Osteuropa gezogen war. Zwei wesentliche Stilrichtungen dieser Musik sind die schwermütigen Fraggeshs und die übermütigen Freylachs. In dieser schluchzend juchzenden Doppelbegabung hat die zwiespältig „deutsche Seele“, der man Tendenz zum „Himmelhoch-Jauchzen“ und „Zu-Tode-Betrübtsein“ nachsagt, gewissermaßen ihre musikalische Steigerung erfahren. Da ein Großteil der deutschen Klezmermusikanten nichtjüdischer Abstammung ist, werden ihre Spielleute bisweilen zum Spass auch Goyzmer genannt, also in ironischer Evokation des Wortes „Goy“, mit dem einst die jüdische Minderheit die christliche Mehrheit zu bezeichnen pflegte.

In Anbetracht der zahlreichen historischen und kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Deutschen ist diese verkehrte Klezmerwelt heute mehr als stimmig. Ihr musikalisches Zusammenspiel kristallisiert sich schließlich zu jenem symphonischen Symptom, das Leslie Morris in einem Artikel in der Fachzeitschrift German Quarterly aus dem Jahre 2001 mit dem Titel „Sound of Memory“ charakterisiert hat. Es ist ein sehr evokatives Sprachspiel voller Assoziationen an „Sound of Silence“, „Sound of Music“ und “the hills are alive“ … bis zum Schrecken der “Killing Fields”. So ist diese Memorialmusik sowohl Phantom Musik als auch Revival Musik, elegische Jeremiade als auch extatischer Jubeltrubel, oder auf gut Jiddisch ein gutes Munkeltunkel, nämlich ein munteres Sing- und Tanzvergnügen kreuz und quer durch die Kneipen und Konzertsäle von Berlin Mitte und nicht zuletzt mit einem lauten Jauchzer über Hitlers sang – und klanglos versunkenen Bunker.

So wie die heutige Hauptstadt Deutschlands immer mehr ein ethnischer Schmelztiegel wird, so geht auch die Klezmermusik wie keine andere populäre Kunstform immer wieder neue stilistische Fusionen ein, die so hip wie „hejmisch“ sind und von „Heavy Shtetl“ bis „Klezmer Tango“ reichen und von Osteuropa bis nach Südamerika wandern, von wo sie Giora Feinman, einer der bedeutendsten Klezmer-Interpreten, mit großem Erfolg wieder zurück nach Deutschland gebracht hat. Klezmer ist in diesem Sinn das Modell für den globalen Trend des musikalischen Crossover, das die internationale Musikindustrie mit dem Label „World Music“ bezeichnet hat.

Hand in Hand mit dem deutschen Revival der Klezmer-Musik geht die amerikanische Renaissance der jiddischen Mameloschen, der Muttersprache der jüdisch-osteuropäischen Einwanderer im späten neunzehnten Jahrhundert. Heute sind die Enkel und Urenkel dieser Einwanderer voll in der amerikanischen Gesellschaft integriert und in ihren höchsten Kreisen arriviert und entsprechend selbstbewusst mischen sie zunehmend Ausdrücke und Redewendungen ihrer Vorfahren in die englische Umgangssprache, von wo sie sich in den verschiedenen Bereichen der Unterhaltungsindustrie mehr und mehr weiter verbreiten.“Sey gesunt“ ist wohl eine der geläufigsten Redewendungen im Jiddischem, da sie vor allem auch als Abschiedsgruß Verwendung findet und so ist sie auch eine der rührendsten und bedeutungsvollsten, wenn Deutsche und Juden sie im Umgang miteinander verwenden. Unsere Muttersprachen, die von unseren Vorfahren Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang gesprochen wurden, sie werden sich durch unsere Nachfahren innerhalb einer Generation vollkommen in der amerikanischen Kultur auflösen und so kann man ihnen auf dem Weg in die Zukunft nur von Herzen wünschen „seyt gesunt“ und „bleibt gesund“!

„Wem Gott will rechte Gunst erweisen …“ Nach dem zweiten Weltkrieg konnte man den Anfang dieses Wanderliedes aus Eichendorffs Taugenichts auch folgendermaßen abwandeln: „Wem Goethe will …“ Damals gründete die Bundesrepublik das Goethe Institut, um es ganz im Sinne dieses Liedes „in die weite Welt“ hinauszuschicken und im Namen des Weimarer Dichters wieder deutsche Kultur zu verbreiten. So wuchsen sich Goethes Lehr- und Wanderjahre buchstäblich zu einer weltweiten Bildungsreise aus. Später kam für manche zur „Gunst“ des deutschen Dichterfürsten auch noch die „Gnade“ des deutschen Bundeskanzlers, nämlich die „Gnade der späten Geburt“. Letztere sollte sich freilich bald als späte nationale Selbstverblendung zu erkennen geben. Dennoch bezeichnen Begriffe wie „Gunst“ und „Gnade“ das glückliche Ende der zweigeteilten deutschen Republik. Sowohl die Bürger der DDR als auch der Kanzler der BRD erkannten die Gunst der Stunde, der geschichtlichen Sternstunde, die schließlich die Wiedervereingung Deutschlands möglich werden ließ. Dem Erzähler des Mann’schen Doktor Faustus wäre dies sicher als Zeichen einer höheren Gnade erschienen.

Von Goethes Gnaden: Goethe Institute wurden über die Jahrzehnte für viele Auslandsdeutsche und Interessenten der deutschsprachigen Kultur rund um die Welt zu wichtigen Heim- und Bildungstätten und darüber hinaus für zahlreiche deutsche Künstler und germanistische Wandergelehrte zu willkommenen Wegstationen auf ihren Ausstellungs- und Vortragsreisen. Zudem trug das Goethe Institut durch affiliierte Organisationen wie Inter Nationes zur weiteren Völkerverständigung bei, indem es immer wieder kulturelle Projekte unterstützte. Auch die Zeitschrift Trans-Lit2 verdankt ihre Gründung der moralischen und materiellen Unterstützung des Goethe Instituts. Heute stellt die Zeitschrift in gewisser Weise auch eine Art Seelenspiegel deutsch-amerikanischer Befindlichkeit dar. Das wachsende Interesse an der deutsch-jüdischen Kultur, das an zahlreichen germanistischen Instituten amerikanischer Universitäten  zur Gründung von „Jewish Studies“ Programmen führte, hat ebenfalls in Trans-Lit2 ihren vielfachen Niederschlag gefunden. In ihren jüngeren Ausgaben veröffentlichte die Zeitschrift immer wieder Interviews mit Holocaust Überlebenden sowie Texte von jüdischen Autoren deutscher und österreichischer Abstammung, die auf diese Weise das erneute Aufleben dieser deutsch-jüdischen Kultursymbiose dokumentieren. Freilich wird sie nie mehr ihre einstige Vitalität und Komplexität erreichen. In diesem Sinne stellt Trans-Lit2 auch einen letzten kulturhistorischen Übergang und — wenn man so will — transatlantischen Schwanengesang dieser versinkenden Wahlverwandtschaft dar. Robert Schopflocher hat diese Entwicklung wohl am besten zum Ausdruck gebracht, wenn er in einem Interview in der amerikanischen Germanistik-Zeitschrift Monatshefte aus dem Jahr 2006 seinen argentinischen Reflektionen und Reminiszenen den wehmütig anutenden Titel gegeben hat: „Letzte Strahlen der untergehenden deutschen Bildungsonne“ (Sic transit gloria .. et misericordia mundi).

You Can’t Go Home Again heißt einer der bekanntesten Romane des amerikanischen Schriftstellers Thomas Wolfe, der in den zwanziger und dreißiger Jahren als Teil der amerikanischen „Lost Generation“ längere Zeit in Europa und vor allem in Deutschland verbracht hatte. Kann man wirklich nicht mehr heimkehren? Jüdische Emigranten, vor allem Denker und Dichter wie Adorno und Horkheimer, sowie Rose Ausländer und Edgar Hilsenrath, um nur einige Beispiele zu nennen, sind nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Später folgten ihnen weitere Rückkehrer wie etwa Richard Exner, der wohl produktivste deutsche poeta doctus seiner Generation in Amerika. Und heute? Auf die Frage #21 „Könnten Sie sich vorstellen, wieder auf die Dauer in Ihr Herkunftsland zurückzukehren“ antworteten 39% der Teilnehmer an unserem Fragebogen mit nein und 24% mit ja. Eine von ihnen, eine gebürtige Düsseldorferin, wird diese Vorstellung im Herbst dieses Jahres für sich verwirklichen und zwar auf sinnig stimmige Weise, was den tieferen Zusammenhang unserer Wandergeschichten anbelangt. Wie sie in ihrer Ausführungen unter anderem darstellt, hatte sie ein rundes halbes Jahrhundert in immer wieder anderen Ländern und Kontinenten gelebt und mit Universitäten und Kulturorganisationen wie das Goethe Institut zusammengearbeitet. Sie fasste ihre lebenslangen Welterfahrungen folgendermaßen zusammen. „Heimat ist da, wo meine Handtasche ist.“ So ist der problematische Berliner Koffer schließlich auf die praktische Düsseldorfer Handtasche geschrumpft. Heimat lite! Doch damit ist der nostalgischen Symbolik noch bei Weitem nicht genug. Der letzte, jahrelange Wohnsitz dieser Spätheimkehrerin war Malta und somit das sagenhafte Eiland der zauberhaften Calypso, die schon Homers Helden so lange in Bann geschlagen hatte. Nun kehrt die noch recht rüstige scheinende Weltenbummlerin also endgültig in ihre Heimatstadt zurück, um, wie sie schreibt, in einer „Traumwohnung … unmittelbar am Rhein“ ihren wohlverdienten Lebensabend zu verbringen. Von solch homerischer Heimkehr hätte Heine, Düsseldorfs berühmtester Sohn, zum Schluss so verloren in seiner Pariser Matrazengruft, nur träumen können: Yes, you can go home again.

Look Back in Anger, nannte John Osborne sein einflussreiches Theaterstück, das der Jugendgeneration Englands in den fünfziger Jahren den Namen „Angry Young Men“ gegeben hatte. Auf die deutschsprachigen Auswanderer bezogen, ließe sich dieses britische Retrospektive  etwa folgendermaßen modifizieren: Lock Back in Anger and Amazement. Und dieser Gesinnungswandel gilt vielleicht noch mehr für die in Deutschland Gebliebenen, denen zum weiteren Staunen der transatlantische Abstand fehlt. Der in der Beantwortung unseres Fragebogens sich quantitativ wie qualitativ abzeichnende Wandel im deutschen Selbstwertgefühl ist auch der entscheidende Dreh- und Angelpunkt in der aktuellen Bestandsaufnahme Die deutsche Seele.

Einer seiner längsten Essays ist Thea Dorns enthusiastische Exkursion in die deutsche Musikgeschichte, in der sie, wie Nietzsche es nannte, dem „Sonnenlaufe von Bach zu Beethoven, von Beethoven zu Wagner“ folgt. Das ist die strahlende Gegenrichtung zu den „Schleichwegen zum Chaos“, wie Nietzsche den Hang der Deutschen zum Abwegigen und Tiefgründigen bezeichnet hatte. Der Pilgerchor in Wagners Tannhäuser ist sicherlich solch ein erhebender Aufstieg aus der dunklen Venusbergwelt ins sonnendurchflutete Weltall. Musikhistorisch gesehen gipfelt dieser Aufstieg in der harmonischen Synthese von Beethovens Neunter Symphonie mit der Ode Friedrich Schillers, dieses großen, schwäbischen Schwärmers von irdischer Freiheit und himmlischer Freude. Das poetisch-musikalische Dämmern ihrer Götterfunken ist zurecht die Hymne der Europäischen Union. Nach dem Fall der Berliner Mauer, dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der politischen Emanzipation ihrer Satellitenstaaten ist die Vereinigung Europas möglich geworden. Heute können sich deutsche „Europeans“ in der Tat „Europäer“ nennen und andere Europäer können umgekehrt Deutsche werden, wenn sie es wollen. So verwandelt sich die alte Welt diesseits und jenseits der früheren Grenzen, Zollstationen und Todesstreifen mehr und mehr in eine neue Welt der buchstäblich „unbegrenzten Möglichkeiten“.

Noch nie war das Abendland in seiner Jahrtausende alten Geschichte so frei und reich, so demokratisch konsolidiert und ökonomisch integriert wie das heutige Europa. Dergestalt ist die europäische Union letztendlich eine Wirklichkeit gewordene romantische Mittelaltervision, in der die Wiederauferstehung einer europäischen Vielvölkergemeinschaft nach dem Vorbild des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation konkrete, modern freiheitliche Formen angenommen hat. Die Wiederentdeckung der deutschen Romantik, ihrer poetischen Visionen und politischen Utopien, ist denn auch ein wesentlicher Bestandteil von Die deutsche Seele. Ihre Autoren zitieren und referieren zum Beispiel Joseph von Eichendorff, das Paradebeispiel dieser Epoche, ein Dutzend Mal. Das nostalgische Thema der nationalen Identität, die widersprüchliche Gefühlswelt von Fernweh und Heimweh, die, wie sich gezeigt hat, auch die Erfahrungen zahlreicher deutsch-amerikanischer Auswanderer mitbestimmt, hat in Eichendorffs Gedichten ihren repräsentativen Ausdruck gefunden. Nicht zuletzt in „Mondnacht“, einem seiner berühmtesten Gedichte, dessen letzte Strophe lautet:

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande
als flöge sie nach Haus.

Denk ich an Europa in der Nacht …: Wendet und weitet man Eichendorffs psychomythische Vision in eine poetopolitische, so gibt sich das heutige Europa als ein großes Frühlingsmärchen zu erkennen, das allen frostigen Aprilschauern zum Trotz von kommender Mitsommernacht träumt. Deutschland und Frankreich, ihre Entente Cordiale, ist das Herzstück dieses europäischen Frühlings ganz im Sinne Heinrich Heines. In seinem Wintermärchen hatte er seinen poetischen Kopf als ein „zwitzscherndes Vogelnest“ liberal-utopischer Ideen beschrieben. Damals musste er sie noch heimlich über die deutsch-französische Rheingrenze ins zollvereinte Deutschland schmuggeln. Heute können sie in ganz Europa flügge werden. Und wer wäre besser geeignet, für die von Heine ersehnte Hochzeit der „Jungfer Europa“ mit dem „Genius der Freiheit“ das „Hochzeitskarmen“ zu komponieren, eine rechte Klezmer-Tanzmusik, als der romantische, deutsch-jüdische Schwarmgeist Felix Mendelssohn-Bartholdy. Europa, Europa, schreckliche Zeiten, herrliche Zeiten, Fraggesh und Freylach, Wechsel der Gegensätze, aufgehoben im Reich der Musik.

PS: Kurz vor Redaktionsschluss dieser Glossen-Ausgabe erreicht die Welt auch noch die gute Nachricht, dass der Europäischen Union der Friedensnobelpreis 2012 verliehen wurde. Das norwegische Nobelkomitee begründete seine Wahl damit, dass die Europäische Union entscheidend zur friedlichen und demokratischen Entwicklung in den südeuropäischen Ländern und zur Integration der osteuropäischen Staaten nach dem Mauerfall beigetragen habe und würdigte nicht zuletzt auch die deutsch-französische Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg als herausragendes Ergebnis dieses Entwicklungsprozesses.

 

III

 

„Sei gegrüßt in weiter Ferne …“ Die schlesisch-böhmisch-mährische Heimat Joseph von Eichendorffs war zufällig auch die Heimat aller meiner Vorfahren. Hier im Sudetenland saßen sie mütterlicherseits laut Familienchronik schon über ein halbes Jahrtausend lang auf dem selben Bauernhof im ländlichen Partschendorf, dem heutigen Bartošovice. Hier war das Quellgebiet der Oder, in deren fruchtbaren Auen sich im zwölften Jahrhundert der Überlieferung nach jahrelang auch das rastlose Reitervolk der Mongolen herumgetrieben hatte. Ihr nächstes Ziel sollte die Eroberung Wiens gewesen sein. Bekanntlich ist die künftige Kaiserstadt keine Mongolen-Metropole geworden.

Nur wenige Kilometer von Partschendorf entfernt lag Sedlnitz, das heutige Sedlnice, wo der Freiherr von Eichendorff sein Schlösschen hatte. Schon als Schulmädchen hatte meine Mutter Eichendorffs Sommersitz besucht und seit dieser Zeit seine Gedichte ins Herz geschlossen. Er war der gute Geist des sagenhaften Kuhländchens, die vielbesungene „Alte Heimat“ der Ahnen. Und während Eichendorff noch die Träume der deutschen Seele verdichtete, sollte sie Sigmund Freud ein gutes halbes Jahrhundert später wieder auseinandernehmen. Auch der Begründer der modernen Seelenkunde war im Kuhländchen geboren, in Freiburg, dem heutigen  Příbor, das auch nur so eine runde Fahrradstunde vom Hof der Ahnen entfernt lag. Dort hat er seine ersten Kinder- und Jugendjahre verbracht und möglicherweise sind sich er und mein Urgroßvater als junge Buben auf dem Jahrmarkt in der nahen Kreisstadt Neutitschein sogar begegnet, vielleicht haben sie sich auch gekappelt und verkloppt, doch da ihre deutsch-jiddischen und so mittelalterlich anmutenden Dialekte viele Ausdrücke und lustige Redewendungen gemeinsam hatten, hätten sie sich sicher bald bestens verstanden, der Bubschku und das Bubele, Lausbuben ein und der selben mährischen Mischkulanz.

Oder spürten sie schon im Heimischen das Unheimliche? Es scheint, als hätte es bereits Eichendorff, der vielleicht bedeutendste Heimatdichter der deutschen Literatur geahnt. Versen wie „Grüss dich Deutschland aus Herzensgrund“ stehen zwielichtige Zeilen gegenüber wie: „Schweigt des Menschen laute Lust / rauscht die Erde wie in Träumen … / … und es schweifen leise Schauer / wetterleuchtend durch die Brust“. Auch Freuds Essay „Das Unheimliche“ aus dem Jahre 1919 ist eine beispielhafte Fallstudie zur deutschen Seele und ihrer Sehnsucht nach Ursprung, Heimat und Geborgenheit. In ihr untersucht er die unterschwellige Verbindung zwischen „heimelich“ und „unheimlich“ und wendet man diesen psychologisch-traumatischen Ursprung ins Mythisch-Imaginäre, so gibt er sich als archaisches Mutter- und Totenreich zu erkennen. Das Unheimliche seiner Unergründlichkeit fand sich nur wenige Kilometer entfernt jenseits der Mährischen Pforte. Auf der polnischen Seite lag das Stetl Oŝwięcim, das bald als Abgrund der Menschheit, als Auschwitz Weltgeschichte machen sollte. Herzensgrund … und … Mördergrube … Bein zu Bein und Blut zu Blut … hocus pocus, orcus uterus … everything is hollow … “home is hard to swallow”…

Schindler‘s List and what is in a name? Zufall, Schicksal und Sonderbehandlung. Oskar Schindler, der gute Sudetendeutsche. Sein Name war ein recht häufiger Name im mährischen Land. Geht man in meinem elterlichen Ahnenpass, den das Dritte Reich allen Sudetendeutschen verpasst hatte, nur ein paar Generationen zurück, so taucht er auch dort auf. Was die Blut und Boden Mystagogen und ihre faschistischen Genealogen freilich nicht wussten, waren die Familiengeheimnisse meiner väterlichen Vorfahren aus Mährisch Rothwasser, dem heutigen Červená Voda, hoch droben im Adlergebirge. Zum einen hieß es, dass mein Großvater wahrscheinlich ein uneheliches Kind eines Dienstmädchens war, das sich mein schon bald siebzigjähriger Urgroßvater zur zweiten Frau genommen hatte. Zum anderen ging von meiner Großmutter das Gemunkel, sie stamme von getauften Juden ab, die den jüdischen Namen Kohn in den deutschen Namen Kühn umgeändert hatten. Ihr Hochzeitsbild um die Jahrhundertwende zeigt sie mit schwarzem Haar und dunklen, etwas schwermütig dreinschauenden Augen. Gesicht und Name … Schall und Rauch … „Home is hard to swallow“…

“Let’s go to your place”. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges waren die Volksdeutschen an der Reihe, wie Schlachtvieh verfrachtet zu werden. Eine der zahllosen, überfüllten Viehwaggons transportierte auch meine Kuhländler. Nur rollten die Güterwagen nicht mehr in die Vernichtungslager nach Osten, vielmehr fuhren sie tagelang nach Westen in die Richtung meiner Geburtsstadt am Rande  der Schwäbischen Alb. Wandernde Allemannen hatten sie im fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung unter ihrem Anführer Geppo gegründet, nachdem sie die sesshaft gewordenen römischen Eroberer verdrängt und vertrieben hatten. Dort am Fuße des Hohenstaufens, des prächtigsten der drei staufischen Kaiserberge Stuifen, Hohen Rechberg und Hohenstaufen. Auf letzterem hatte einst Kaiser Barbarossa die Stammburg seines immer größer werdenden  Stauferreiches gegründet.

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus…“ Dieses Lied aus der Schubert’schen „Winterreise“ könnte auch der Wandergeist jenes Reichsritters singen, welcher der Familiengeschichte zufolge unser Ahnherr gewesen war und ebenfalls im zwölften Jahrhundert aus dem Stauferreich im Siedlertrek nach Osten gezogen war. In seiner langen Ahnenkette hatte es mein Großvater im Brauch der Ostlandfahrt sicherlich am weitesten gebracht, nämlich bis ins sibirische Irkutzk am Baikalsee, wo er im ersten Weltkrieg vier Jahre in russischer Kriegsgefangeschaft war. Wenn dort der deutsche Gefangenenchor das Lied „Nach der Heimat möcht ich wieder“ anstimmte, dann blieb spätestens beim Kehrreim „teure Heimat, sei gegrüsst in weiter Ferne“ kein Auge trocken. So hatte es meine Mutter oft erzählt, wenn sie sich an die Russlanderfahrungen ihres Vaters erinnerte. Eine Generation später sollte auch ihr einziger Bruder erneut nach Osten ziehen in einem Feldzug namens „Unternehmen Barbarossa“. Bereits im ersten Kriegswinter ist er vor Moskau gefallen. Volkstraum und Lebensraum, deutsch-russische Winterreise – Endstation Sehnsucht.

Und so sind sie schließlich wieder mitten ins staufische Reich Kaiser Barbarossas zurückgekehrt. Im Mittelalter bildete der Hohenstaufen tatsächlich ziemlich genau den geografischen Mittelpunkt des Heilig Römischen Reiches Deutscher Nation. Hölderlins „Heilig Herz der Völker“, hier also in dieser idyllischen Landschaft lag es, das Herzland. Doch als unwillkommene Fremde zogen sie ein, die Heimatvertriebenen aus dem Osten. Pro Person brachten sie fünfzig Kilogramm an heimatlichen Habseligkeiten mit. Nun waren sie in den Augen der anderen die „Bagasch“, geradeso wie sie einst in ihrer mährischen Mundart heimatloses, fahrendes Volk bezeichnet hatten.

Kaum war ich geboren und bekam einigermaßen mit, worum es ging, da drehte sich schon wieder alles um große Reiche und mächtige Herrscher. Meine beiden Großväter hatten um die Jahrhundertwende in Wien noch dem alten Habsburger Kaiser Franz Joseph gedient. Als die mährisch böhmischen Länder der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie nach dem ersten Weltkrieg Teil der neuen tschechoslowakischen Republik wurden, galt es für meinen Kuhländler Großvater, unumwunden nationaldeutsche Farbe zu bekennen. Ging es am Sonntag in die Kirche oder am Feierabend ins Gasthaus, so brachte er mittels einer Bartbinde seinen blondbuschigen Schnurrbart in patriotische Fasson, grad so als wäre er vor Ort Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joseph in mährischer Personalunion. Hochgewachsen wie er war, verkörperte er in der Tat eine imposante Respektsperson. Die Fotografien aus jener Zeit geben heute noch beredtes Zeugnis seines zum Untergang geweihten Nationalstolzes.

Da meine drei red- und erinnerungsseligen Großeltern in meinem Elternhaus wohnten, war der mährischen Märchen, monarchischen Geschichten und Habsburger Glückseligkeiten kein Ende. Jessmarntjosef, waren damals die Teller noch voll von Kaiserschmarrn und Powideldatschkerln, die Maderln süß, die Burschen fesch, die Welt wiegte sich im Walzertakt, und der Himmel hing voller Johann Strauß Geigen. Brannte es einmal im Dorf, so blies mein Großvater Alarm auf der Trompete, greinte eines seiner vier kleinen Kinder, spielte er auf seiner Fiedel irgendein lustiges, mährisches Liedel, und gleich war wieder Ruh. Ich hörte all diesen Geschichten gut und gerne zu und bald redete ich selbst schon in ihren alten Mundarten weiter.

Kam am Sonntagnachmittag die weitere Verwandtschaft zusammen, dann hob stets ein großes Palaver an, ein sogenanntes „Tischkurieren“. Dieses Wort ist sicherlich eine Verballhornung von „diskurrieren“, so wie es früher das gehobene Bürgertum in Prag und Wien zu tun pflegte. Doch bis das Wort durch die böhmischen Wälder und mährischen Felder gewandert war, hatte es sich entsprechend verwandelt — und machte endlich Sinn. Schließlich stand ja der Tisch meistens im Mittelpunkt des gemütlichen Tischkurierens. Fiel ihnen nach mehreren Runden Bier und Wein schließlich nichts mehr Gescheites ein,  fingen sie gewöhnlich zu singen an.

Wein, Weib, und Gesang, das war meines Großvaters glücklichster Dreiklang. Besonders gern schwärmte er von der Anmut und Schönheit der „holden Weiblichkeit“, wie er sich auszudrücken pflegte. Wurde es schließlich meiner Großmutter zu bunt, schalt sie ihn lachend „older Norr“. Zur vollen Größe schwoll mein Großvater auf, wenn es galt, die Wunder der Erde zu loben und den Herrn im Himmel dafür zu preisen. „Die Himmel rühmen“, von Ludwig van Beethoven war dann die Hymne, in die er sich regelrecht hinein- und hinaufschmetterte.

Besonders lustig war’s um meine Großmutter, ein wortwitziges Weiblein, das viel alte Redensarten kannte und gerne Schabernack trieb. Die Erwachsenen sagten immer, sie hätte einen Schalk im Nacken. Wenn sie gut drauf war, dann schwärmte sie unter anderem vom Prinz Eugen, dem Edlen Ritter, der die Türkengefahr gebannt hatte. Auch brachte sie mir das Alphabet der Tonleiter bei: Do-Re-Mi-Fa-So-La-Ti-Do. Als ich ihr als Vier- oder Fünfjähriger meine ersten Schreibversuche vorführte, indem ich einen Satz aus einem Buch kopierte, da buchstabierte sie folgendermaßen: Buusche Baasche Boosche Mitschkerle. Genau so hab ich’s heute noch im Ohr. Es war einer ihrer Großmutterwitze, in dem sie die Laute und Wörter ihrer vielsprachigen Heimat recht krallewatschig jedoch durchaus lautmalerisch zusammenmischte. Damals fand ich das gar nicht lustig, denn ich hatte sofort erkannt, dass sie das Ganze aus dem Stegreif erfunden hatte, weil ich nur sinnlosen Buchstabenmischmasch fabriziert hatte. Heute weiß ich, sie intonierte meine erste „Bohemian Rhapsody“ — lange vor Freddie Mercury.

Die Habsburger Doppel-Monarchie, das königlich kaiserlich versunkene Kakanien. Ja, das war noch a richtig verlorene Heimat. Da konnten die Hohenzollern dort droben in ihrem Berlin nicht mithalten mit ihrem preußisch durchorganisierten Untergang. Obendrein tauchte die versunkene Donau-Monarchie bald nach Gründung der Bundesrepublik schon wieder auf. Zuerst in der Lichtgestalt der wunderbaren Sissi, der Herzenskaiserin aller Heimatvertriebenen. Mit ihrer ländlichen Unschuld und jugendlichen Schönheit eroberte sie schnell die Herzen aller Deutschen, und ihre Habsburger Schicksalsgeschichte wurde bald zum beliebtesten Heimatfilm der Bundesrepublik. Gleichsam als flankierende Maßnahme zu dieser gefühlvollen Eroberung begannen die Wiener Philharmoniker um diese Zeit jährlich zu Neujahr in Direktübertragung das Beste aus ihrem reichen Musikschatz anzubieten, angefangen von der putzigen Tritsch-Tratsch-Polka über den zackigen Radetzky-Marsch bis zu den melodisch majestätisch dahinwogenden Donau- und Kaiser-Walzern. So entstand rundum ein gemütlicher Wiener Wiegelwagel. Die Großeltern mitsamt den Eltern schwelgten, und mein Kuhländler Großvater marschierte wieder in seiner ganzen königlich kaiserlichen Herrlichkeit. Diese Musik hätten wir im Blut, erklärte man mir, dem westdeutschen Nachwuchs.

Bald marschierte auch ich, allerdings nur in die nahe, höhere Schule, ins sogenannte  „Hohenstaufen-Gymnasium“. Unter anderem galt es, das Große Latinum zu erwerben. Wie ich bald mitbekam, befand ich mich damit ganz auf den Spuren des jungen Steppenwolfs, des widerspenstigen Zöglings Hermann, den schon sein strenger Herr Vater auf die Lateinschule meiner Heimatstadt geschickt hatte. Sogar das Haus, in dem er wohnte, war noch bekannt, und wenn ich vorbei ging, winkte ich ihm heimlich zu. Hesse lebte zu Beginn der sechziger Jahre noch in seiner Schweizer Wahlheimat im tessinischen Montagnola, doch starb er ziemlich genau in jener Zeit, als ich noch ganz am Anfang von meinem Latein war. Und so hatte der mährische Bauernbub einen guten, schwabenschlauen Schutz- und Trutzengel hinter sich, wenn es durch die Minenfelder der lateinischen Grammatik ging. Denn wie eh und je paukten und trommelten sie uns ihr altes Krieger- und Kirchenlatein ein und klopften ihre christlich abendländischen Sprüche von „dulce et decorum est pro patria mori“ bis zu „mea culpa, mea maxima culpa“. Die dauernde Schuld in Gedanken, Worten und Werken.

Auf dem Heimweg kletterte ich immer wieder in die Birken- und Kastanienbäume, die am Wegrand und in den nahen Wiesen standen. Aus ihren großen Kronen konnte man den Blick so herrlich ins Weite schweifen lassen. Viele Stunden habe ich so verbracht. Oft mit Spielkameraden, mehr noch allein. Mehrfach bin ich auch durch die Äste gebrochen, doch hab ich mich immer wieder gefangen. Erst viel später fand ich heraus, dass auch Hesse ein großer Freund der Bäume gewesen war und einfühlsame Gedichte auf sie geschrieben hatte.

Schluss mit Polka und Mea Culpa. Es dauerte nicht lange, da war es vorbei mit den kakanischen Kindermärchen aus der guten alten Zeit, samt seinen katholischen Schauermärchen von der Verdammnis in alle Ewigkeit. Der Kaiser, ein böhmischer Popanz, der Teufel ein mittelalterliches Nachtgespenst. Und Wiener Blut? Das schmeckt gut! So säuselte ich mehr oder weniger vampirisch meiner guten, heimatverbundenen Mutter ins Ohr. „Cancel my subscription to the resurrection“ forderten die Doors und es war ein provokatives Fanal gegen die Welt der Väter, vom leiblichen Vater bis zu Vater Staat und Gott Vater, die alle von uns Nachfolge und Gehorsam forderten – was wir mit Begeisterung verweigerten. „I can’t get no satisfaction“ und „Lucy in the sky with diamonds“ waren jetzt vielmehr angesagt. Die anglo-amerikanische Musik-Invasion. Im Westen viel Neues. Aus dem fernen Kalifornien hörte man Jim Morrison von den Doors rufen: „We want the world and we want it now!“

„Touch me“ – „Les extrêmes se touchent“ – „Gaudeamus igitur, iuvenes dum sumus”! Das Abitur war überstanden. Es folgte der erste lange Sommer in Südfrankreich mit meiner ersten großen Liebe. Ich lernte sie auf dem Place de l’Horloge in Avignon kennen. Im Sommer wohnte sie in einem Landhaus inmitten der herrlichen Provence. Bereits bei unserer ersten Begegnung verpasste sie mir einen neuen Vornamen und nannte mich „Frederique“, wobei sich dieser allemannisch-französische Allerweltsname geradezu anzubieten schien. Voilà, vive l’entente cordiale! Dieser Name begann nun mehr und mehr den Vornamen meines Vaters zu ersetzen, auf den man mich getauft hatte. Also ganz nach der Devise von Rimbaud „Je suis un autre“, oder als Variante zu den renitenten Anti-Patrioten drüben in Deutschland: „Je suis Européen“. Zusammen verbrachten wir zwei glückliche Sommer im herrlichen Süden, streiften durch seine alten, idyllischen Dörfer und imposanten Städte mit ihren antiken Ruinen und zogen von Festival zu Festival. „In the summer time when the weather is high“, dieser Sommerhit von Mungy Jerry, in dem selbst das Wetter „high“ zu sein schien, war die muntere Melodie, die uns überall hin begleitete. Durch alle Jahreszeiten und mehrere Länder Europas.

Weihnachten in Paris, Montmartre im Schneegestöber, das Musical-Spektakel Hair: „Hair … flow it, show it, long as God can grow “! Und wieder Sommer … mein langes von der südlichen Sonne strohblond gebleichtes Haar, ihr noch viel längeres pechschwarzes Haar, das sie von ihrer sephardisch marokkanischen Mutter geerbt hatte. Ihre prä-rafaelitische Haarpracht wallt und weht noch heute auf den zahlreichen Lichtbildern, die ich damals zu schießen begann, um den Zauber des Augenblicks festzuhalten gegen die fliehende Zeit, gegen die vergangene und kommende Dunkelheit. „Give me  … hair, long, beautiful hair, shining, gleaming …“

And how can we not forget … die Geschorenen aus der Schreckenszeit des Abendlandes und seiner langen Umnachtung. Mein Vater hatte seine besten Jahre auf Schlachtfeldern und in französischen und amerikanischen Gefangenenlagern in Süd- und Westeuropa verbracht. Und er hatte noch Glück, verglichen mit ihrem Vater. Er stammte aus dem damals noch habsburgischen Tschernowitz und hat seine besten Jahre wieder im östlichen Europa verbracht und zwar  ausschließlich in Auschwitz …dort, wo sie auch seine erste Frau ermordeten. Mein  … „blondes Haar … dein aschenes Haar … Sulamith …“ So wurde die „Todesfuge“ Paul Celans, des berühmtesten Tschernowitzer, zum Chorgesang aller Ermordeten Israels … Von Babylon bis Babi-Yar! Und ihrer stummen Schreie … warum, warum …

„The answer is blowing in the wind …“ The brooding storms of Northumberland, the old city of Newcastle upon Tyne … hoch droben im nebligen Norden von England. Dort verbrachte ich nach der Zeit im sonnigen Süden ein langes, angelsächsisches Jahr. Zur Zeit der Römer war diese Stadt das nördlichste Kastell ihres Reiches gewesen, das sie zusammen mit ihrem Hadrianswall gebaut hatten, um sich gegen die wilden Schotten aus dem nahen Hochland zu schützen. Dort fand ich auch heraus, dass die englischen Schauerromane mit Geschichten von geheimnisumwitterten Spukschlössern ganz und gar nicht aus der Luft gegriffen waren. Nordengland war damals ein reges Zentrum spiritischer Kirchengemeinden mit regelmäßigen Geisterbeschwörungen.

Vom Phänomen des Paranormalen, der “Extra-Sensory-Perception“ wussten die Doors die besten Lieder zu singen. Sie hatten ihren Namen programmatisch von Aldous Huxleys Buch The Doors of Perception abgeleitet, dessen Autor wiederum diesen Ausdruck dem mystischen Weltbild des englischen Dichtermalers William Blake entlehnt hatte: „If the doors of perception were cleansed everything would appear to man as it is — infinite.“ Daraus folgerte Jim Morrison, der fantastische Ikonoklast: “Break on thru to the other side“. Hier im Norden Englands ist mir dieser „Durchbruch“ tatsächlich gelungen — alle Tatsachen sprechen dafür  — es ist jedoch ein weites Feld und eine andere Geschichte. Drum zurück auf den Kontinent.

Heidelberg — „Lange lieb ich dich schon … Du, der Vaterlandstädte Ländlichschönste“. So besang Hölderlin das herrliche Heidelberg, wo ich nach meiner Rückkehr aus dem schleierhaften Norden die schönsten vier Jahre meiner Studentenzeit verbrachte. Die Stadt war  einerseits berühmte Hochburg der altdeutschen Romantik, andrerseits berüchtigtes Bollwerk der neudeutschen Studentenbewegung, die denn damals die Stadt auch gern „Highdelberg“ benannte. Oh alte Burschen- und Rebellenherrlichkeit. Hier war der Jahrmarkt der Traumtänzer und Weltverbesserer, hier der Rummelplatz der bewegten Studentenschaft samt der staatlich erregten Ordnungsmacht. Eine erstaunliche Stadt, halb Volksfest und halb Straßenschlacht. Und zwischen Büchertischen und Barrikaden, Räucherstäbchen und Wasserwerfern hab ich “mein Herz in Heidelberg verloren”. Grad so rührselig wie im volkstümlichen Lied. Wo doch schon Brecht uns ins Gewissen geredet hatte, das Volk sei nicht „tümlich“ und zudem sollten wir, gäb’s was Schönes zu sehen, nicht mehr so „romantisch glotzen“.

Im Gegensatz zum alten Brecht hatte der junge Eichendorff längere Zeit in Heidelberg gelebt. Und von ihm stammt das Gedicht „Schöne Fremde“, dessen letzte Zeilen lauten: „ Es redet trunken die Ferne / wie von künftigem, großem Glück.“ Und damit ich’s auch wirklich kapierte, schob Eichendorff noch das Gedicht „Heimweh“ nach, das mit den Zeilen beginnt: „Wer in die Fremde will wandern, der muss mit der Liebsten gehn.“ Hugo Wolf, dieser biedermeierliche Steppenwolf im liederabendlichen Schafspelz, hatte es vertont. Diese Verse waren meine Lebensmelodie, nur wusste ich es damals noch nicht. Und so spielte Eichendorff den heimlichen Soufleur und ich seinen ahnungslosen Akteur. Seinem Versprechen folgend verschaute ich mich denn auch prompt mit Leib und Seel in die „Schöne Fremde“, die sich wiederum ganz im doppelten Sinne des Eichendorff‘schen Gedichtes als Liebste aus einem schönen, fernen Land zu erkennen gab, nämlich als Südkalifornierin. Sie schien mir genauso wie eine jener „California Girls“ der Beach Boys, deren sonnenglückliche Lieder nur so überschäumten vor Meeresrausch und Lebenslust.

„Touch me“! Morrison’s Magic Words …  „what was that promise that you made”?! Es heißt ja, dass die Liebe blind macht. Mir jedoch öffnete sie mehr und mehr die Augen für die Wunder dieser Welt. Oh holde Weiblichkeit! Wie sie mir den Kopf verdrehte. Bald war er voll liederlicher Wander- und Liebeslieder. Und es dauerte auch nicht lange und ich landete in weitester Ferne, nämlich ganz am Ende der Westlichen Zivilisation. “Good Vibrations”, “California Dreamin’”. Where from? Where to? Forget the Why’s! — “I found an island in your arms, and a country in your eyes.”(The Doors).

Our Manifest Destiny
Pursuit of Happiness, Summers of Love.
Paradise Now
and the limit is the sky above!

Reality Now. Now what, westward wanderer? Continue as a gypsy scholar! Publish or perish, from footnote to footnote, publish or perish, from essay to book, the world as will and representation from Habermas to Habakuk … Publish and perish anyway, but before you do, make sure you add another line to your runaway resumé. So lästerten die zynischen Akademiker diesseits des Atlantiks und drüben machte bald das entsprechende Schmähwort von der “Lebenslaufhure” die erschöpfte Gelehrtenrunde. Curriculum, curriculum vitae … non scholae sed vitae discimus … per saecula saeculorum … et ultima questio: quo vadis, magister artium?! Das war schon das alte Lied der fahrenden Scholaren im Mittelalter, das die fahrenden Musikanten auf ihre komödiantische Weise bestens zu begleiten verstanden. Die Lehr- und Wanderjahre heutiger Zigeunergelehrter auf der Suche nach einem festem Lehrstuhl an einer Universität haben viel gemeinsam mit der lebenslangen Wanderschaft mittelalterlicher Minnesänger, die von Burg zu Burg gezogen waren auf der steten Suche nach Bleibe und Lehen. So mancher Vagant, der die hohe Minne pries, ersehnte nichts mehr als ein permanentes Ministerialenamt.

Meine Lehr- und Wanderjahre dauerten nahezu dreißig Jahre. Ein Jahr hier, mehrere Jahre dort und so waren es am Ende ein Dutzend Colleges und Universitäten in verschiedenen Ländern und Kontinenten. Und als ich schließlich eine Bleibe gefunden hatte, die zumindest vorläufige Endgültigkeit versprach, ging die Wanderschaft erst so richtig los: mehr und mehr Tagungen, Gastvorträge, Vortragsreisen, immer länger, oft wochenlang, und im Laufe der Jahre in über dreißig verschiedenen Ländern rund um die Welt. Ich habe nachgezählt, denn in so manchem Rumtreiber steckt auch ein verkappter Buchhalter … on the run .. run, scholar, run, have some scholarly “ Fun, Fun, Fun” … „Surfin’ USA” … surfing Europe and further away … line by line … and deadline by deadline. — Genau besehen war jedoch diese wachsende Wanderlust auch ein zunehmender Wettlauf gegen den kommenden Tod, den großen Schnitter, der mir das Wort abzuschneiden drohte. Vor sieben Jahren meldete er sich zum ersten mal und bescherte mir Zungenkrebs. Eine große Operation war nötig, so befanden die Ärzte. Danach konnte ich eine ganze Woche überhaupt nicht reden. Zwei Jahre später kehrte er bereits wieder. Ein erneuter Eingriff. Seitdem schweigt er sich aus, der große Schnitter, dieser verdächtige Schweiger.

„When Summer’s gone — where will we be?” Jim Morrisons singt immer noch als wäre es gestern, dabei ist er schon viele Jahre tot. Wenn immer ich in Paris bin, besuche ich sein Grab in Père Lachaise. Hier auf diesem prächtigen Friedhof liegt die Kultur des alten Europas begraben.  So viele untergründige Erinnerungen. Heim, daheim und wieder hör ich das alte Lied „A Zigeina mecht i sein“. So raunzte und jauchzte sich André Heller, das jugendliche Multitalent aus den Wiener Kaffeehäusern der siebziger Jahren die Seel aus dem Leib. Er war der letzte Spross einer jüdisch-österreichischen Zuckerwaren-Dynastie und späte Nachfahr des Habsburger fin de siècle, ein Ausbund seiner Lebensfreud und  frühgereiften Traurigkeit. So wallten in Heller noch einmal die Jahrhunderte alten Traditionen der österreichisch-ungarischen Doppel-Monarchie auf elegisch euphorische Weise auf. Seine lustige Liedersammlung „A Musi, A Musi“, sein wehmütiger Sprechgesang „Abendland“, und nicht zuletzt sein schwarzromantisches  Chanson „Mein Freund Schnuckenack, der Zigeuner“, das waren Prater Gassenhauer und vagantische Gänsehautlieder aus längst vergangener kakanischer Zeit, und so manche verschattet vom Dunkel der jüngsten Vergangenheit. Der dumpfe Klang des Cymbalons, das Crescendo der Geigen, die Csardas der Pusta, die Rhythmen des Bulgar aus der Bukowina, das heimeliche Gemauschel der Gerüchte und das unheimliche Gemunkel der Geschichte in den alten Dörfern und Städten von Mittel- und Osteuropa. „Neunundneunzig Juden und ein Zigeuner machen noch keinen Neutitscheiner“, so ging ein altes Sprichwort im Kuhländchen. Was immer es bedeuten mochte, komm Spielmann,  „schpil-sche mir a lidele“, kum, Klezmer, kum Zigeina, ihr seid meine besten Neutitscheiner! Ihr rast- und ruhelosen Jahrtausendwanderer. So schwermütig und glückselig geigen sich keine anderen Völker heim im ganzen Abendland.

„Mar é morada de sodade“, das Meer ist die Heimat der Nostalgie. Dieser Ausspruch von Cesaria Evora gibt sicherlich auch manchem transatlantischen Auswanderer zu denken, den ein Meer von seinem alten und neuen Heimatland trennt. „Gremium matris terrae“, Schoß der Mutter Erde nannten die Poeten der Antike das Meer, diesen archaischen Urgrund aller Schöpfung. Sängerinnen wie Evora oder Mariza haben nicht zuletzt auf Grund ihrer portugiesisch-kapoverdischen Fado-Tradition, die das unsägliche Heimweh so herzzerreißend zu besingen versteht, internationale Popularität gewonnen. Nostalgische Melodien wie „Cabo Verde Terra Estimada“ und viele andere bilden einen wesentlichen Bestandteil des World Music Repertoires. In ihrer Reorientierung auf nationale Identität und kulturelle Provenienz sind sie ein globales Echo, ein weltweiter Widerhall, auf die wachsende Entfremdung und Vereinsamung vieler Menschen in immer urbaner und anonymer werdenden Gesellschaften. Am fortgeschrittensten ist dieser moderne Zivilsationsprozess zweifellos im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Eines der leitmotivischen Lieder, das diesen „American Way of Life“ exemplarisch zum Ausdruck bringt, ist Willie Nelsons Song „On the Road Again“. Nicht nur thematisiert er explizit die soziale Mobilität Amerikas, als Country Song evoziert er auch auf repräsentative Weise das traditionelle Amerika und sein geradezu emblematisches, südwestliches Panorama. Der Film Crazy Heart, die vor wenigen Jahren erschienene Western-Ballade mit Jeff Bridges als tourendem Country Sänger Veteran, setzt diese Country-Tradition auf kongeniale Weise fort.

„The road not taken”. Das ist wohl die bekannteste Zeile aus dem Werk des amerikanischen Dichters Robert Frost und sie bildet auch die letzte Frage unseres transatlantischen Fragebogens. Dieses dichterische Sprachbild enthält auch ein landschaftliches Suchbild, das in Amerikas westlichen Weiten seine sprechende Veranschaulichung findet. Ihre nahezu menschenleeren, von der Sonne ausgebrannten Landschaften werden nur noch bisweilen von meist schnurgeraden Highways unterbrochen, die sich am Horizont im Unendlichen zu verlieren scheinen. Diese Wüstenwelt ist  Nomadenland. Hier baut sich niemand mehr ein Haus, das kommenden Generationen Heimat werden kann. Lediglich an den Kreuzungen und Vergabelungen dieser staubigen Überlandstraßen mögen sich ein paar mehr oder weniger heruntergekommene Gebäude befinden, die vor allem zur Aufrechterhaltung des Transitverkehrs dienen. Es sind Wegstationen, wo der Zufall menschlicher Begegnungen, das Suchen, Finden und Verlieren, besonders augenfällig werden.  Amerikanische Filme, Platten-Covers und Music-Videos haben denn auch das symbolische Potenzial dieser wildwestlichen Landschaften immer wieder für das dramatische Schauspiel schicksalhafter Liebes- und Lebensgeschichten verwendet. Zu ihren markantesten Beispielen gehört das Music Video Big Log von Robert Plant aus der Gruppe Led Zeppelin. „My love is in league with the freeway“, lautet der Refrain dieses Videos, in dem der fahrende Sänger irgendwo in den westlichen Weiten der Neuen Welt an einer Tankstelle ankommt, deren desolate Atmosphäre Edward Hopper entworfen haben könnte. „When the journey is done there is no turning back“, heißt es weiter im Lied, während sein Sänger im Coffee Shop der Tankstelle eine Handvoll Bilder zerreißt. Er kehrt in dem Moment auf den Highway zurück, als eine junge Frau an der Tankstelle haltmacht und sich nach allen Seiten umsieht, als würde sie jemanden erwarten. Diese letzte Bildsequenz suggeriert eine Reihe von Bedeutungsmöglichkeiten, jedoch bevor sich etwas klären kann, ist der einsame Held der Highway schon in der Abendämmerung, dem aufwirbelnden Staub der Straße und dem immer schwächer werdenden Echo des Refrains auf Nimmerwiedersehen verschwunden: „My love is in league with the freeway … and the coming of night time …“ That is the sunset song of all easy riders … und ihrer mehr und mehr ergrauenden Steppenwölfe … und ihres immer stummer und staubiger werdenden Wüstenliedes … woher … wohin … warum …

“Take me home, country roads … West Virginia, Mountain Mamma”, so besang John Denver die glückliche Rückkehr in die Heimat der Blue Ridge Mountains. Dieses Lied ist der geradezu programmatische Gegengesang zu Robert Plants Western-Odyssee und seiner „Meandering Destiny“. John Denver war wohl der populärste Heimatsänger unter den Country-Musikern seiner Generation. Mit dem sprechenden Geburtsnamen Deutschendorf bot er  obendrein Deutsch-Amerikanern vielleicht einen weiteren Wink mit dem heimatlichen Zaunpfahl. Für jeden Wink dankbar, fand ich mich jedenfalls nach Jahrzehnten des Herumziehens tatsächlich in der Welt der Blue Ridge Mountains wieder, allerdings auf ihrer östlich anderen Seite in Virginia, drunten am atlantischen Meeresstrand. Doch je mehr mir diese imposante Metropolregion von Hampton Roads mit ihren malerischen Buchten,viel befahrenen Wasserstraßen und weltoffenen Häfen zur neuen Heimat wurde, desto mehr zog es mich wieder zurück in die alte Heimat auf der anderen Seite des Meeres.

„Aller schwäbischen Berge schönster“, so besang der spätromantische Dichter Ludwig Uhland den Hausberg meiner Heimatstadt. Mein Vater war schon seit mehreren Jahren tot und auch meine viel jüngere Mutter war inzwischen alt geworden. Immer öfter kehrte ich nun zurück. Zudem begann mich der Berg Barbarossas mehr und mehr in Bann zu schlagen. Vor lauter Vergangenheitsbewältigung hatte die Bundesrepublik den Blick für die ferneren Zeiten verloren. Erst jetzt begann den Deutschen zu dämmern, dass ja der staufische Rotbart auch ein großer Vorreiter der modernen europäischen Union gewesen war. Zusammen mit seinem Enkel Friedrich II, dem König von Sizilien, mit dessen historischer Gestalt er in der nationalen Erinnerung im Laufe der Jahrhunderte zur Legendenfigur verschmolzen war, repräsentierte er die Blütezeit des europäischen Mittelalters, dessen deutsch-französisch-italienische Kronländer auch noch zahlreiche andere Nationen und Kulturen unter ihrer Schirmherrschaft vereinte. Die Italiener zollten den Staufern entsprechend Anerkennung und Bewunderung, indem sie dem alten Friedrich als „Barbarossa“ und dem jungen Federico Secondo zusätzlich mit dem Ehrentitel „Meraviglia del Mondo“ als Wunder der Welt ihre Reverenz erwiesen. Schenkt man den Chronisten Glauben, so scheint den Stauferkaisern das Multikultiprojekt inklusive seiner transnationalen Gesamtfinanzierung  weitaus besser gelungen zu sein als der heutigen eisernen Sparkanzlerin. Vielleicht sollte sie ja mal zur Beratung beim Kaiser Rotbart im thüringischen Kyffhäuser vorbeischauen.

„Der Berg ist heute zaubertoll“, so heißt es über den Harzer Brocken in der Walpurgisnacht von Goethes Faust. Dass es auch mit dem schwäbischen Kaiserberg eine ähnliche Bewandtnis haben könnte, darauf könnten schon die Bilder von Hans Baldung Grien hinweisen, einem der bedeutendsten Maler des Mittelalters, dessen Geburtsstadt Schwäbisch Gmünd auf der anderen, nördlichen Seite des Hohenstaufen liegt. Baldung Grien, ein Schüler Albrecht Dürers, hatte sich vor allem als Darsteller von wilden Wetterhexen und zauberhaften Walpurgisnächten seinen künstlerischen Ruf erworben. Noch Jahrhunderte später sollte Nietzsche bedeutungsvoll raunen, dass die Musik ein zauberhaftes Weib sei und ihr Mutterschoß ein schöpferischer Zauberberg. Und in der Tat, auch der Hausberg meiner Heimatstadt entpuppte sich in den letzten Jahren als ein Mutterberg, der mehr und mehr zu schwingen und zu klingen begann.

Thomas Friz, der seinerzeit wohl bekannteste und sicherlich begabteste Musiker von “Zupfgeigenhansel”, die als Gruppe längst zerfallen war, hatte sich vor Jahren ausgerechnet — oder auch bezeichnenderweise  — das Dorf Hohenstaufen am Südhang des Berges als neue Heimat erkoren. Es dauert nicht lange und ich wurde mit ihm bekannt. Und bald entspann sich auch eine feste Freundschaft mit Harald Immig, dem Liedpoeten und Landschaftsmaler, der auf der anderen Seite des Dorfes wohnt und unterhalb der Barbarossakapelle eine Bildergalerie unterhält. Beide Künstler sind als Musiker bis heute sehr aktiv, komponieren, produzieren neue CDs, und vor allem Harald gibt in der näheren und weiteren Umgebung meistens in Begleitung anderer Musiker jahrein, jahraus zahlreiche Konzerte. Doch damit noch nicht genug mit der musikalischen Kreativität rund um diesen Berg. Seit einigen Jahren findet dort oben auch das jährliche “Kammermusik Festival Hohenstaufen” unter der Direktion von Rahel Rilling statt, die wiederum die Tochter von Helmuth Rilling ist, der sich seinerseits als Leiter der internationalen Bachakademie weltweit einen Namen gemacht hat. Und auch die Rilling-Familie wohnt in dem nicht viel mehr als Tausend Seelen zählenden Bergdorf. Sicherlich lauscht auch sie in stillen Nächten dem leisen Rauschen des Bergwaldes.

Mountain Mamma, Meraviglia Incantata, klingende Heimat: So wurde Barbarossas geschichtsschwangerer Stammberg in der jüngsten Zeit tatsächlich zu einer musikalischen Hochburg, wobei vor allem seine beiden Liedermacher die kulturellen Brücken schlagen bis weit zurück in die Zeit der mittelalterlichen Vaganten. Thomas Friz mit seinem reichen Schatz deutscher und jiddischer Volkslieder und Harald Immig mit seinem mannigfaltigen Repertoire, das von aktuellen Protestsongs über lyrische Naturlieder bis zu staufischen Geschichtsballaden reicht. Vielleicht waren ja die beiden in früheren Zeiten schon einmal fahrende Spielleute gewesen, die sich auf ihrer lebenslangen Wanderschaft schließlich bis in die Gegenwart verirrt hatten.

„Ir sult sprechen willekomen“, so grüßte Walther von der Vogelweide in seinem berühmten Preislied die hohen Herren des weiten Reiches. Auch wir drei ließen uns nicht lange zur Tafel bitten und traten bald mehrfach gemeinsam auf. Thomas und Harald spielten ihre Lieder und ich — ein musikalischer Taugenichts, der seine Geige längst an den Nagel gehängt hatte —, hielt eben meine mehr oder weniger gelehrten Vorträge. Dann zogen wir weiter durch die nächtliche Stadt oder in die umliegenden Dörfer, kehrten in einer ihrer alten Dorfschenken ein oder kehrten noch einmal zurück auf den Hohenstaufen und hinauf in die verwinkelte Dachstube über Haralds Bildergalerie.

„Um Mitternacht“, lautet eines der schönsten Naturgedichte Eduard Mörikes, das, wie ich meine, die abendliche Dämmerstimmung der Schwäbischen Alb einfängt wie kein anderes:

„Gelassen stieg die Nacht ans Land,
lehnt träumend an der Berge Wand,
ihr Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;

und kecker rauschen die Quellen hervor,
sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr,
vom Tage, vom heute gewesenen Tag …

Claudia Pohel, Haralds frühere musikalische Partnerin hat dieses Gedicht vertont und wenn sie es mit ihrer seraphischen Stimme singt, wobei sie sich an der Harfe begleitet, dann könnte man gerade meinen, die Märchen- und Mythenwelt der Elfen und Engel sei zurückgekehrt.

„Du fändest Ruhe dort …“ geht eine Zeile in dem Lied „Am Brunnen vor dem Tore“, dem bekanntesten Lied der Winterreise.“ Entwurzelter — ist nicht hier in dieser Landschaft dein eigentlicher Wurzelgrund, Schicht um Schicht, Geschichte um Geschichte? Heimat — wenn irgendwo in dieser Welt, dann hier, rundum den Hohenstaufen, im klingenden Herzland des Stauferreiches. Hier noch einmal wiedergeboren zu werden, als Baum immer tiefere Wurzeln zu schlagen, dem Flüstern der Felder zu lauschen, schwäbisch mit den Blättern zu rascheln und böhmisch-mährisch mit den Wäldern zu rauschen, sich zu wiegen im Wechsel der Jahreszeiten und den Blick schweifen zu lassen in die ländlichen Weiten …

 

Der Autor am Fuß des Hohenstaufens Anfang der siebziger Jahre

Was du ererbt von deinen Müttern: Während mir die Muttersprache, das Munkeln meiner Großmutter, zu Kopf gestiegen ist, war das Herz meiner Mutter voller Musik geblieben, eine Quelle unzähliger Lieder. Sie sang sie immer wieder mit ihrer hellen und klaren Stimme und dazwischen begleitete sie sich auf ihrer Mundharmonika. Gegen ihr Lebensende lebte sie noch einmal ganz in der Musik auf, wenn sie in unserem Garten zusammen mit Harald und seiner Gitarre die alten Weisen sang. Als sie schon sterbenskrank war, hat er sie wenige Tage vor ihrem Tod noch einmal besucht, um ihr ein letztes Mal ihre Lieblingslieder vorzuspielen … ehe sie die letzte große Reise antrat … in die „Ewige Heimat“, wie sie das Jenseits ein Leben lang genannt hatte.

„Und meine Seele spannte …“ Man muss gewiss nicht den Migrationshintergrund eines mährisch-römisch-katholischen Flüchtlingskindes haben, das der geschichtliche Zufall an den Fuß des schwäbischen Hohenstaufen verschlagen hatte, um die Stimmen der Ahnen und die Lieder ihrer Landschaften zu hören. Sie schlafen in allen Dingen … „die da träumen fort und fort“. „Mondnacht“ und „Mitternacht“ sind überall, wo der Zauber des Fremden und Unbekannten ins Vertraut-Heimeliche einbricht. Dieser magische Moment sollte auch die moderne Film- und Rockmusik zu einer Vielzahl von Melodien inspirieren. Von „Moon River“ in Breakfast at  Tiffany’s über „Moonlight Drive” der Doors bis zu Pink Floyds “Dark Side of the Moon” steigert sich der dunkle Höhenrausch und gipfelt schließlich in Morrisons endzeitlicher Vision “I love you till the stars fall from the sky.”

„Dream Maker, Heart Breaker“ — Kein anderer Himmelskörper beschwört die erotisch-religiöse Sehnsucht, das himmlische Fernweh und irdische Heimweh der menschlichen Seele so sinnbildlich herauf wie der lunarische Trabant, dieser ewig kreisende, weltumreisende Vagant. Manche glauben gar, sein Schimmer könne die dunkle Welt zwischen Diesseits und Jenseits, die sinnlich-übersinnliche Brücke der Seelenwanderer zum nächtlichen Funkeln bringen. In der Tat weiß niemand, was für Nachtlieder den Wanderer zwischen den Welten noch erwarten — dort im Zwielicht des Weltalls irgendwo zwischen der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ eines trübsalblasenden Georg Lukács und Led Zeppelins rockend frohlockendem „Stairway to Heaven“. Robert Plant und Jimmy Page auf der extatischen Höhe ihres musikalischen Sturms und Drangs, das war das Comeback der glorreichen Erzengel aus dem alten Alten Testament als extravagante Glam Rock Stars — playing the sparkling Pearly Gates.

Last questions and multiple choices: Die Frage nach dem richtigen Lebensweg ist letztendlich auch eine Glaubensfrage und hierbei scheiden sich die Geister zwischen der Alten und Neuen Welt wohl am deutlichsten. Während drüben christliche Institutionen die sukzessive Repaganisierung der abendländischen Kultur beklagen, haben sie auf dieser Seite des Atlantiks weiterhin ein vielfaches Sagen. Angefangen von der Dorfkirche und ihrem Gottesdienst, wo man „sofort gekrallt werden kann“, bis zum Wahlkampf um die Präsidentschaft ist der christliche Sohn Gottes stets mit von der Partie. Konservative Kandidaten, die im „Bibel Belt“ auf Stimmenfang gehen, finden in der dortigen „Moral Majority“ denn auch ihre größte, gewissermaßen metaphysische Unterstützung.

Im Grunde genommen ist die Frage nach dem richtigen Lebensweg eine Janusfrage, deren Beantwortung erst aus dem Blick zurück in die Zukunft möglich wird. Vielleicht kann sie ja Hermann Hesse, der Seelenführer einer ganzen Jugendgeneration, der zu seinen Lebzeiten selbst ein unentwegter Wanderer gewesen war, beantworten. Gegen Ende seines Stufen-Gedichtes schreibt er:

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln, uns nicht engen,
er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten …

Oh alter Glasperlenspieler, magister ludi et magus mortis:

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.

No more broken and bleeding heart. Steppenwolf … born again … born to be wild and finally free: “Die goldene Spur war aufgeblitzt, ich war ans Ewige erinnert, an Mozart, an die Sterne.” So beschreibt Hesse die Geistesblitze seines einsamen, durch die nächtliche Welt streifenden Steppenwolfs. Während Goethes Faust das Geheimnis der Schöpfung im Innersten der Welt vermutet, glaubt es Hesses Harry Haller in einem magischen Weltalltheater erkennen zu können, in dem der Schöpfer der Zauberflöte gleichsam als kosmischer Komponist göttlich allmächtig das Zepter schwingt. Dieses klingende Himmelreich scheint denn auch der letzte Satz des Romans noch einmal in Aussicht zu stellen: „Mozart wartete schon.“

„Rock me Amadeus“, mit diesem funkigen Falco-Song kann sich Hesses Held jetzt beschwingt aus dem Staub der Welt machen und hinein in den Sternenstaub des Weltalls, in den Reigen der freudigen Götterfunken, den schönen Töchtern aus Elysium. Diese finale Eskapade wäre sicherlich auch ganz im Geiste der Fabulous Four. Their Magical Mystery Tour — a kaleidoscope of universal rhapsodies. So far out! Imagine all the people, following the Pied Piper of Jethro Tull, playing his magic flute and everbody

is riding the roller coaster of Classical Rock
from Bach to Beethoven, Deep Purple and Cream,
and those who have reached the dawning New Age
will surf the blue waves of “Tangerine Dream”.

„Music is your only friend — until the end“, Morrison saw it coming. Oh Flashbacks! The future of flashbacks! Long live the sound of music, long live the sound of memory, to hell with fire and brimstone, heaven on earth, we are coming home. This is the last exit, this is the last chance! No more searching and wandering, from now on it is sing and dance!  … “Break on through to the other side”!  … “I’m stepping through the door … ground control to Major Tom, your circuit’s dead,  there’s something wrong”  — “Here am I floating … far above the moon … planet earth is blue, and there is nothing I can do”. (David Bowie, Space Oddity)

Sound control and ground control: Kehren wir noch einmal zurück ins Heimatlich-Bodenständige. Vielleicht ist ja die Welt hier unten — allen menschlichen Glaubenssprüngen zum Trotz — tatsächlich des Weltalls letzter Fluchtpunkt, Endstation all seiner überirdischen Sehnsucht. „She is like a rainbow“, so schallt und hallt es noch immer herauf von den rockenden Rolling Stones. Und in den rollenden Sphären des Universums besteht kein Zweifel, sie besingen die lockend barocke Frau Welt in ihrer farbenfrohen Weltenpracht. Die Rockmusik, das ist ihr rauschender Rock, ihr wiegendes Tanz- und ausschweifendes Schleierkleid. Dass sich auch der Herr der Schöpfung dieses großartige Schauspiel nicht entgehen lassen wollte, das ahnte schon der alte Magier von Montagnola, als er in seinem Gedicht „Magie der Farben“ schrieb: „Gott wird Welt in farbig Buntem“. Der alte Gott Vater im Himmel wäre in der Tat ein großer Narr, wenn er sich die Wunder der Mutter Erde, die Augenweide ihrer immer wieder neuen Frühlings- und Sommerpracht entgehen lassen wollte. Klammheimlich summt er bestimmt Morrisons erotisch-apokalyptische Melodie „Touch me … I’m gonna love you till the heaven stops to rain”.

„Gesang der Geister über den Wassern“, nannte Goethe sein großes Weltgedicht, in dem er die Seelenwanderung des Menschen mit dem Kreislauf des Wassers vergleicht, das in ewiger Verwandlung zwischen Himmel und Erde aufsteigt und niederfällt. Der Schluss dieses Gedichts lautet: “Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser, Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind“. Die poetische Quintessenz dieser universalen Alchemie ist Goethes Gedicht  „Selige Sehnsucht“:

„Und so lang du dies nicht hast,
dieses Stirb und Werde,
bist du nur ein trüber Gast
auf der dunklen Erde.“

Das ist das Weltgesetz der Großen Mutter, das Geheimnis der antiken Eleusinischen Mysterien, in deren Weltvorstellung Mutterschoß und Erdengrab eine innere, unergründliche Einheit bilden. Anfang ist Ende und Tod ist Wiedergeburt. Auch Martin Walser, der alte, allemanische Seher vom Bodensee, kann dieses uralte Wechselspiel noch einmal bestätigen, wenn er schreibt: „Nichts ist ohne sein Gegenteil war“. Wer wäre in diesem widersprüchlichen Weltenrätsel nicht besser bewandert als wir Deutsche, wir Zauberlehrlinge der Hegel’schen Geschichtsphilosophie und Weltmeister ihrer Widersprüche. Wir radikalen Links- und Rechtshegelianer auf unserem  langen Sonderweg durch die Weltgeschichte. Wahrscheinlich wollten wir auf dieser Wanderschaft auch ja nichts verpassen ganz im Sinne Yogi Berras, unseres amerikanischen Geistesverwandten, von dem der Ratschlag stammt: „When you come to a fork in the road, take it.“

„I hear you knocking“, Weltgeist, Zeitgeist, Poltergeist, immer näher, immer lauter. So könnte man im weiteren geistesgeschichtlichen Sinnzusammenhang Dave Edmunds Sing-Along ins Feld führen. Doch brauchen wir in unserer aufgeklärten Welt überhaupt noch dieses Weltallgespenst mit seiner höheren, vielbeschworenen „List der Vernunft“? So höre ich Freund Heine, den verwegenen Himmelstürmer, argumentieren. Reicht für hier unten nicht der gesunde Menschenverstand? Tikkun Ollam, die Verbesserung der Welt! Kriegen wir das inzwischen nicht selber hin? Nein, kriegen wir nicht. Wir brauchen die dialektische Aufhebung der Widersprüche und ihrer weltgeschichtlichen Wahrheiten, und zwar aufbewahrt und aufgehoben für alle Zeiten. Und das kann schließlich nur der Weltgeist. Als Kopfgeburt von Georg Friedrich Wilhelm Hegel, diesem spekulierenden Super-Stuttgarter, ist er zudem eindeutig schwäbischer Abstammung und bürgt somit für höchste Wertarbeit. Ja, dieser Weltgeist ist genau besehen der größte Geistessohn dieser an Geistesköpfen durchaus nicht armen Region, deren Ahnengalerie von Friedrich Rotbart über Johann Faust bis zu Albert Einstein reicht. Von vielen anderen Grüblern und Tüftlern dieses insgesamt so gründlich-tüchtigen Menschenschlages mal ganz zu schweigen. Vor allem von Daimler, Benz und Zeppelin, diesen fahr- und flugvergnügten Bahnbrechern der beschleunigten Gegenwart, die das Bummeln und beschauliche Wandern immer mehr verlernt hat. Sie alle haben ihre Wurzeln im Württembergischen — na gut, Benz im Badischen — also dann eben im vereinten baden-württembergischen „Muschterländle“. Und dort können sie bekanntlich alles — außer Hochdeutsch. Aber die Sprache des Weltgeistes versteht ja auch kein Mensch (ultima ratio sub specie aeternitatis).

Genug der Winter- und Sommermärchen, der Schauer- und Zauberlieder und der Weltreisen und Geistergeschichten. Man kommt ja ganz vom Weg ab, wenn man den Stimmen der Vorfahren und ihren ausgewanderten Nachfahren folgt, diesem vielstimmigen Wanderchor durch diese Weltgeschichte, die so voller Irrungen und Wirrungen ist. Werfen wir einen letzten Blick zurück übers Meer, in die alte Heimat, genauer, in ihren jüngsten Bildungsroman Die deutsche Seele. In ihr spiegelt sich sowohl der Heilungsprozess unserer zwiespältigen Geschichte als auch das „Zwitterdasein“ deutsch-amerikanischer Auswanderer auf vielfältige Weise wider. Die Rundschau seiner Autoren leuchtet sowohl die Höhepunkte als auch die Abgründe der deutschen Kultur und Geschichte aus und gelangt auf diese Weise zu einem weitaus  ausgewogeneren Deutschlandbild, als dies bislang in vergleichbaren Werken der Fall gewesen war. Vielleicht war ja der Weltgeist als Ghost Writer auch an diesem nostalgischen Narrativ mit beteiligt.

Darüber hinaus zeichnet sich diese innerdeutsche Reorientierung auch im jüngsten ausländischen Meinungswandel ab. In der jährlichen Umfrage der BBC, die in gewisser Hinsicht eine Art britisches Modell zu unserem transatlantischen Fragebogen darstellt, steht Deutschland auf der internationalen Popularitätskala der Nationen nun schon zum wiederholten Mal an erster Stelle. Einer der Autoren von Die deutsche Seele bringt diesen neuen, ausländischen Blick auf Deutschland wohl am besten zum Ausdruck, wenn er angesichts der Vielfalt und Schönheit der deutschen Mittelgebirge, die unsere Vorfahren so gern durchwanderten, zu der überraschenden Schlussfolgerung gelangt: „Geben wir es zu: Manchmal möchte man Amerikaner sein, um das alles unvoreingenommen würdigen zu können.“ Wer wäre da besser zum Sehen geboren und zum Schauen bestellt als die Deutsch-Amerikaner? Und so gilt denn insgesamt, wie auch die Antworten auf unseren Fragebogen immer wieder gezeigt haben, für diesen fremd-vertrauten Blick zurück in die alte Heimat einmal mehr Goethes geflügelte, weitsichtige Wort: „Amerika, du hast es besser.“




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