Axel Reitel

Schwäne

Wieder eine Phase der Revolution
Ihr schwarzen Schwäne auf den steppengelben Hügeln
Hier bin ich als Kind Karpfen füttern gegangen
Hier habe ich die ersten Fluchtpläne
Am Teich in den Sand gezeichnet
Und hätte dafür verhaftet werden können
Erst vierzehn Jahr
Am Teich sind noch immer die alten Polizisten unterwegs
Am Standbild des Heiligen Georg sehen sie jetzt aber
Mit schüchternem Blick vorüber
Im letzten Rest des Abendrotes weichen sie heute sogar
Einer Gruppe singender Kinder aus
Wind Wind singen die Kinder bringe Regen Wind
Auch in dieser Phase der Revolution
Ihr schwarzen Schwäne auf den fichtenbraunen Grashügeln
Habe die Bäume ihre Rinde noch
Zünden Lichter über dem Wasser
Neue Verrücktheiten in den alten Kindern an
Lange –
Lange habe ich auf diesen Herbst gewartet
Aber heute –
Heute da eines dieser Kinder am Ufer fragt
Warum der Drache so grausam gewesen ist
Beginnen sich die Münder der Passanten
Zu bewegen
Und bilden mählich Laute über der noch klammen Zunge
Ich weiß nicht
Aus welchem Land ihr gekommen seid
Ihr schwarzen Schwäne auf den Nachthügeln –
Ob auch ihr die bleichen Geschwister zu eigen habt
Die im Aschenputtelhemdchen
Die unbegreiflichen Schläge ausgeteilt bekommen
Ob auch ihr Verjagte seid
Ob auch dort trotz der unbegreiflichen Schläge
Die Kinder es sind
Die zu singen nie aufhören
Wind, Windsingen die Kinder verbinde die Wunde entbinde dich Wind
Die Nacht hat euere Farbe angenommen
ihr unsichtbaren Schwäne
alles ist jetzt still
In der Luft rauscht ein Gewitterwind –
In diesem Land
in den selbst das Feuer mit kalten Füßen
zu Bett geht, sind die Menschen heiß geworden

 

Das Exil und der Sandberg („… das große Gedicht“ Alexander von Bohrmann, Freie Presse)

I

Dass ich mich träume
In verlassene Strassen
Destillen Zum Kindheitsglück
Geschichten verwehter Zeit –
Das ist nicht abstellbar
Aus Niederungen kommend
In diese Ebene wo
Zwei in derselben Sprache
Sich vergiften im Gespräch
Erinnre ich mich täglich
Des Namens meiner Wohnstatt
Aus der ich gejagt und in
Handschellen gegangen bin
Und dass ein Mädchen war
Und eine Stimme die war
Sanft wie eine Umarmung
Unter Pfirsichbäumen Gras:
Die einhergehen im Gezänk
Und stöbern in Küche und
Schuppen des Nachbarn Blut auf
Im Mund die kleinen Zungen-
Stöße der inneren Angst –
Die wachsen hinab in den
Grund aus gestorbenem Land

II

Auf dem Sandberg Schatten
Sprechen Gräber Geschichten
Rief der Fährmann sein Ho he’
Und es zog uns der See zu
Und den Schädelstätten Sodoms –
Der Druiden der Kindheit
Neckten uns wenn wir schliefen
Und der Tod stand auf Wolken
Und die Mythen und das Ich
Stellten dar ein Gassenlied
Aus der geteilten Hölle Welt
Und ritten über die Städte
Ritten ins unmögliche Nichts
Und jede Stadt lag in Wehen
Und im Sterben lag jedes Land

 

Bericht aus meiner Mutterstadt

für Hannes Schmidt

I

Die Fotografie grobkörnig
See Himmel Ufer
Acht Kinder
Dahinter die Älteren neben den Alten
galizische Juden
zu sehen ist die Familie Elimelech Reifen
gekommen in Frieden
am Abend fand sie
der Brandsatz im Stiebl

II

Am Abend las
Elimelech den Enkeln
Aus den Hausmärchen der Gebrüder Grimm
(siebzig Mitglieder der Familie
steht nicht in den Märchen
kamen um in den KZ)

III
Und Goldberg
Heinrich und Isidor es blieb von ihnen
Eine Postkarte geworfen
Aus einem Viehwaggon
gefunden zwischen Gurs und Auschwitz
1943
die Worte französisch:
pas d’ espior –
die Empfängerin las die Worte der Finsternis

III
Da
lagen Hänsel und Gretel
am blonden Brot
und schoben Juden
ins Feuer

 

Usti nad Labem

Hier haben wir
Den Ruf der Freundschaft gehört

Morgens sang ihn
Die Drossel
Auf unserem Zelt

Betrunken vom Licht
Tauchten wir
Unter die Inseln aus Asche

Abends im Pivnice
Gossen wir die Erde
Für Jan Palach

Die taumelnden Worte
Trug der Wind uns davon

 

Der Maler Chagall träumt Gott

Türen öffnen
Das ist gut
Aus offenen Türen heraus
Sehe ich besser
Engel der zur Erde stürzt
Mann mit Violine
Ochs und Esel fidelnd
Die schönen Häuser wohnlich
Und die Paare
Die herrlichen Kräfte der Triebe
Sonne Welt
Aus Blume Tier und Stein hervor
Aber auch dieses –
Mit Fahnen rückt es heran
Wirft um die Häuser
und ruft dreimal den Tod –
Dagegen Türen öffnen
Das ist gut,
was versuche ich anderes

 

Roter Stein

Roter Stein vom Ettersberg Roter Stein nicht Nacht
Nacht schwarze Limousine
Sechstürig wie der Tod der sein Reich in Mohnblüten hat
Roter Stein der weißen Schatten grau wie Rauch
Grausame Blume wie Wahrheit wie Wasser
Nach dem Bade der geretteten Haut
Die Geretteten weckt die Frühe der Träume
Wie ein tanzendes frostiges Licht
Roter Stein Holunder aufgehoben habe ich dich
nicht Nelke nicht Mohn
Tag im Monat Juley im Herzen die Gnade der späten Geburt doch bang
Drang eine Stimme beauty fac,
Aus einer Limousine schwarz am Ohr vorbei :
Heute kommt kein Zug mehr an. (Und lachte und fuhr weiter)
Roter Stein der weißen Schatten grau wie Rauch
Schwarze Stimmen sind zu hören schwarze Schatten
Ein neues Nachtlied Nelke Mohn, klingt wie ein uralt Lied heran –
Im Walde schlafen wieder die Vögel
Die toten Generale ruhen mit ihren Toten auch
Unten in den Städten spürest du
Von solchen Morden kaum einen Hauch.
Alles behind und long ago die Nächte haben bunte Lichter Neon Mohn
Kaum noch Juden ’n paar Maudits die’s auch nicht übersteh’n
Bis dahin ab ins Dancehouse fanny Veilchenschlager Trips und Phon
Ach Roter Stein vom Ettersberg Holunder Remember
Alles auf einmal – auf meinem Vertiko im Kreis aus Steinen aus
Solingen, Sarajevo, Jericho,
liegst du so friedlich, draußen rufen die Vögel
über keinem Wipfel ist Ruh’

 

Der Gewinn

Jeder Moment sagtest du
kann in dir alles ändern
Du schützest dich so vor Verlust
Der aufgehende Regenbogen glättete deine Stirn
Aufatmend sah ich den geretteten Gewinn.

 

Exkursion

Ich sagte sie atme
Ich sagte er erfinde das Rad
Es blieb von ihnen eine dünne Spur

 

Passionsspiel

Heute morgen wurde das Lamm ausgewählt
Der Fleischermeister schärfte das Messer
Auf dem Schleifstein steckt die Dornenkrone
Vor dem Schlachten spielt er den Jesus
Im Stein geätzt das Wort Hoffnung

 

Violent Games

Raben schlugen mit Muscheln die Fenster ein
Raben zerhackten dem Eisverkäufer die Haut
Der Kostümverleiher spricht von Gewinn
Die Badegäste unterhalten sich über ein neues Spiel

 

Aufzeichnungen des Schauspielers R.

Menschenkörper sind Krankenhäuser
Hamlet auf dem Weg zur Visite
Das Publikum stellt die Diagnose
Tun oder nicht tun
Wir kommen ohne Erwartungen nicht aus
Applaus, das Publikum stellt die Diagnose
Alle Vorhersagen bestätigen dein Leben

 

Requiem auf ein allzu geliebtes Paar

Ihr wurde überlassen die Bahn
Ihm wurde überlassen der Pfeil
Die Anfeuernden fordern den Beginn

 

Letzte Nachricht

In der schwarzen Frühe zogen die Imker aus
einer von ihnen hatte letzte Nachricht empfangen
für einen Moment war uns die Welt zu Ende
gebliebener Frost fror die Bienen ein
Die übrigen sind fortgezogen
Und wir können nicht ohne Bienen sein
Schweigend sammeln wir die leeren Körbe

 

Liebeszonen

Jeden Sonntag am Rauchtisch ist nochmals Krieg
sind Städte die sich ihnen beugen wie Frauen
Der Blinde sagt: wir sind willkommen wie man sieht
Der Lahme: und wie schnell zusammen gehauen

Die Zonen der Liebe sind verminte Gelände
Die Welt hat einen zureichenden Grund
Es umfingen ihn ihre Hände
was vorher eckig, war nun mehr rund

 

Ode an eine Briefmarke
(Marburg 1982, 1998)

In dieser Stadt
die meine erste Stadt gewesen ist
die ich bestaunt hatte
nachdem ich verkauft worden war
gingst nun auch du einher
und schriebst eine Ansichtskarte
für die schließlich in deinem Hotel
keine Briefmarke zu haben war
Als ich die Karte
Aus deinen Händen nahm
und die Stadtansicht aus betrachtete
freute ich mich
dass du gesehen hattest
was auch ich gesehen hatte
und dankte der kleinen Nachlässigkeit
jenes Hotels

 

Goethe aus Weimar, 1998

Nachts regieren wieder die Steine,
die bewunderten Werte
versiegen in den Herzen aus Sand

 

Engelsturz

Engel fielen über Nacht
Die Leere zu füllen
Den Hufschlag der Uhr zu enthüllen
Umschlungen blieben wir verschont
Am Morgen standen die Wiesen voll Tau

 

Liebesvisionen I-II

I

Hinter den geschlossenen Lidern
Über den Herzflur trat sie auf
Den ersten Pedanterien entflohen
War ich noch allerlei

Sie – in den Fabriken zu Hause
Und in den Galerien
Die Männer besitzgläubig macht
Und mich umstellte mit ihrem Bild

II

Damals als die Seele noch Unsterblich war

Auf dem Stadtparkring Am unteren Ende der Bahnhofstrasse
Zwischen den Schaukästen Apokalypsen vor der Brust
Sprechen sie dich an –
Ich möchte nicht
Dass SIE
In die Hölle kommen!
Wer ist dein Berater?
Verflucht ist der Mensch der sich auf Menschen verlässt!
Und du von Mitleid festgehalten musst hören was die Hölle ist –
Du wirst keine Ruhe haben Tag und Nacht
Du denkst dabei an sie wo sie wohnt seitdem sie
In diese Stadt gekommen war Ihr Lachen in Häuserfluren
Ihre Haut ihr Hut ihr Haar

 

Das Zelt

Nacht Zeltplatz am Strand plätscherten
Die Wellen Fruchtwasser am Strand standen
Die Picknickkörbe mit Kuchen gefüllt
Im Bauch des Zeltes hatten wir Träume
Von den großen Führern die traten
Hinter falschen Schnurrbärten hervor
Als die Nacht sehr hoch stand gewaltüberhäuft
und voll Wunder unserer ungestümen Bewegungen
war uns dass man nach uns rief
in den Händen Heimat dann Pfiffe, wir traten nicht hervor

 

So kam es

Der Kummer verschlief
Der Strom war sanft
Deine Haut war eben
Deine Sprache war gut
Nichts hielt uns fest
Fest war uns alles
Das Licht an uns war –

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