Wolfgang Müller

“Lied an!”

Wir waren gerade vom Essensempfang zu unserer Baracke marschiert und dabei, es uns auf unserem Zimmer bequem zu machen. Hotte nahm seinen braunen Ledergürtel ab und zündete sich eine Club an. Alfred machte wie immer nach dem Abendfraß mit seinem Tachsieder Tee für uns, Peter suchte irgend etwas in seinem Schrank. Ich streifte gerade die Stiefel ab, hangelte mich aus meiner Uniformjacke und suchte nach meinem Bandmaß, als die Trillerpfeife von Unteroffiziersschüler Beckhoff durch die Baracke schrillte. „Scheiße“, rief Hotte, „was will dieses Arschloch jetzt noch von uns. Dienst ist doch eigentlich vorbei.“ Wir bekamen es gleich zu hören. „Dritte Kompanie im Kampfanzug raustreten.“ Das langsame, gedehnte „ie“ am Ende des Wortes “Kompanie” dehnte sich, brach ab. Nach einer kurzen Pause kam das schnelle, “im Kampfanzug” und nach einer weiteren kleineren Pause bellte es aus Beckhoffs Mund „raustreten“.

„Für so’n Rotarsch nach sechs noch raustreten? Der weiß wohl nicht, mit wem er es zu tun hat.“ Hotte sprang von seinem Doppelstockbett, stellte sich vor unserem Tisch am Fenster auf, holte sein Bandmaß aus der Tasche und hielt es Alfred, Peter und mir unter die Nase. 37 cm waren noch dran.  ”Da soll der mal dran riechen.” Hotte kuckte uns mit überlegener Miene an. Verdammt, er war mir einen Tag voraus. 38 cm waren auf meinem  noch zu sehen. Ich hatte das rituelle Abschneiden gestern Abend versäumt. „Raustreten!“, schallte es noch einmal aus dem Flur. Die Türen der Soldatenstuben öffneten sich. Klaus aus der Nachbarstube guckte vorsichtig um die Ecke, während er sich noch eine Schachtel Karo in die Uniformjacke steckte. Die Türen der anderen Stuben öffneten sich. Die anderen Eks liefen bewußt langsam den Flur entlang zum Aufstellplatz, die Schnipper schneller „Und da laufen Sie, Meyer, da laufen Sie! Oder soll ich ihnen die Eier schleifen oder was?“, herrscht mich Beckhoff an. „Laufen Sie, Laufen Sie.“ Jetzt quollen auch andere aus ihren Stuben. Einige begannen sogar, im Flur zu rennen, während sie sich noch schnell den Gürtel um den Bauch schnallten.

Als ich am Spießzimmer vorbeilief, stand Reinke da. Sein Gesichtausdruck war schwer zu deuten. Ein kleines Grinsen vielleicht, gemischt mit ein wenig Verständnis oder sogar Mitleid? Aber mit wem? Mit uns? Mit Beckhoff?  „In Dreierreihe antreten, richt’ euch, Augen g’radeaus, Augen links, Augen g’rade aus, rühren“, schrie es, als wir schließlich alle in kleinen Grüppchen vor der Baracke standen. Der hat aber schnell gelernt, flüsterte Alfred. Wie automatisch bewegten sich unsere Köpfe in die vorgegebene Richtung, Richtung Beckhoff, der breitbeinig vor dem Mast mit der schwarz-rot-goldenen Fahne stand, die so schlaff herunterhing, daß Ährenkranz, Hammer und Sichel nicht mehr zu sehen waren. Was das nur alles wieder heißen sollte. „Zum Abendsport links um, im Gleichschritt marsch“, kam es wie eine Antwort aus seinem Mund. Abendsport, das war mal etwas Neues. Wer hat sich das nur wieder einfallen lassen, dachte ich.

An den grinsenden Posten vorbei marschierten wir durch das Kasernentor. „Im Laufschritt marsch“, kam ein weiterer Befehl, als wir am Ende des Drahtzauns mit dem Stacheldraht links in einen Waldweg abgebogen waren. Beckhofff rannte vorneweg. Wir wurden langsamer, bis sich der Abstand zu ihm auf etwa 50 Meter vergrößert hatte. Beckhoff sah sich um, schrie uns an: “Ihr lauft ja wie die Ithaka”, ließ dann aber die Kompanie aufschließen und rief plötzlich: „Panzer von links!“, worauf wir uns wie geübt am Waldrand auf den Boden warfen, eine imaginäre AK47 auf den imaginären Feind gerichtet. Er stand nun etwa 20 Meter vor uns. „Bis auf meine Höhe robben“, befahl er. „Dieser Scheiß Rotarsch“, zischte mir Hotte ins Ohr. Ich sah mich um. Alfred schaute nach vorne und bewegte sich nicht. Auch Klaus und Peter schienen nicht verstanden zu haben. “Der will wohl, daß wir ihm noch seine dreckigen Stiefel küssen”, kam es aus ihrer Richtung. Ein oder zwei der erst vor ein paar Wochen eingezogenen jungen Schnipper begannen zu robben. Linkes Knie angezogen, gestreckt. Rechtes Knie angezogen, gestreckt. Aber auch sie stoppten, als sie merkten, daß niemand sonst Beckhoffs Befehl gefolgt war. Das nimmt kein gutes Ende, dachte ich und blickte vor mich auf den Boden. Verdammt, ich lag auf einem Ameisenhaufen. Die rötlichen Sechsfüßler krabbelten aufgeregt über meinen Ellenbogen. Eine schleppte einen toten Kameraden ab. Eine andere bewegte mit einiger Mühe ein braun-weißliches Tannennadelpaar. Ich wagte nicht, mich zu bewegen, schaute aber auf und sah Beckhoffs rotes Gesicht. „Bis auf meine Höhe robben. Das ist ein Befehl!“ Der Satz kam gepreßt aus seinem Mund. Niemand rührte sich. Mein rechter Arm begann zu jucken. Ich drehte meinen Kopf langsam nach links und sah ganz nahe eine Pusteblume und ein paar Meter weiter eine Kiefer, auf der sich, nach dem lauten Zwitschern zu urteilen, zwei Spatzen über irgend etwas zu streiten schienen. Neben mir lag Hotte, Alfred etwas weiter vorn, ein paar aus der Nachbarstube links hinten. Niemand hatte seinen Kopf gehoben. Sie schienen Beckhoff überhaupt nicht wahrzunehmen. „Das ist Befehlsverweigerung“, schrie er mit nun hochrotem Kopf. „Im Ernstfall könnte ich sie alle wie Hunde erschießen.“ In seine geschriene Drohung mischte sich fast so etwas wie Erstaunen. Und dann mit schneidender Stimme: „Mit ihren Ausgangsscheinen können Sie sich in den nächsten vier Wochen erst einmal den Arsch abwischen. Sprung auf, im Laufschritt marsch!“ Diesmal gehorchten wir. Ausgangsschein war wichtig und gegen Dauerlauf im Wald konnte man auch nicht viel haben, selbst wenn er befohlen wurde. Hotte und Alfred trabten nun neben mir. Schwer zu sagen, was sie dachten. Ein bißchen Befriedigung wird Hotte schon empfunden haben, aber ich wußte, daß Alfred am Wochenende seine Eltern besuchen wollte, und auf mich würde nun Brigitte vielleicht vergeblich warten. Das war schon ganz schön hart. Und die anderen?

„Kompanieeee, im Gleichschritt“ “Mann, kaum biste auf Höchstjeschwindigkeit, schon mußte wieder anhalten. Der weiß nich, was er will”, nörgelte Peter. Wir stoppten, ordneten uns wieder in Dreierreihen ein und konzentrierten uns darauf, Schritt zu halten. „Ein Lied”, Beckhoff bat nun mehr als er befahl. „Spaniens Himmel, Lied an!” „Spaniens Himmel breitet seine Sterne“, begann er so laut er konnte zu singen. Außer ihm und dem dumpfen Stampfen unserer Schritte auf dem Sandboden war aber nichts zu hören. „Lied an!“, Beckhoff versuchte es noch einmal, wieder so laut er konnte, aber niemand stimmte ein. „Polenmädchen“ schrie Klaus, das kann jeder. Sofort fingen drei in der hinteren Reihe an zu grölen: „In einem Polenstädtchen, da gab es einst ein Mädchen. Das war so schööön.“ Und nun fielen alle ein. „Es war das wunderschönste Kind, das man in Pooolen findt. Aber nein, aber nein sprach sie, ich küsse nie.“ Irgendwie ging es mit dem Gleichschritt nun wie von selbst. Da Beckhoff vorne marschierte, konnte ich leider nicht erkennen, ob er mitsang. Doch das regelmäßige Knallen der eisenbelegten Hacken seiner Kompanie auf dem Kopfsteinpflaster wird ihm gefallen haben.

Wir bogen wieder auf die Straße mit dem Drahtzaun ein. Nun war schon der KP zu sehen. Beckhoff kommandierte „Kompanie halt“, drehte sich zu uns um und sagte: „Leute, wir sind jetzt fast in Hörweite des KP. Jetzt mal ein anständiges Lied. Also, im Gleichschritt marsch! Spaniens Himmel. Lied an!“ „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsre Schützengräben aus, und der Morgen…“  kam es aus unseren Kehlen. Zufrieden grinsend drehte sich Beckhoff noch ein Mal zu uns um, während unser Lied uns im Rhythmus der Stiefel voran flatterte.

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