Jan 2019

Sanary-sur-Mer: Die vorübergehende Hauptstadt des deutschen Exils

von Hans Mayer

 

Am Quai Charles de Gaulle präsentiert sich Sanary-sur-Mer an der kleinen Riviera zwischen Marseille und Toulon im Spätsommer als herausgeputzte Touristenidylle unter blauem Wolkenhimmel. Die  Häuser der Hafenpromenade, die früher den Namen von Victor Hugo trug, erstrahlen im Licht der Nachmittagssonne. In den Cafés unterhalten sich die zahlreichen Gäste, vor ihnen der Apéritiv auf dem Bistrotisch aus Kunststoff und Aluminium. In den kurzen Pausen der Unterhaltung schweifen ihre Blicke von den unter den Fächerpalmen flanierenden Besuchern zu den Segelbooten an der Pier.  Nichts erinnert hier an die Vergangenheit von Sanary.

Hotel facade in Sanary

Hôtel de la Tour. Hier logierten Erika und Klaus Mann 1933 beim Besuch der Eltern. (Foto: Hans Mayer)

Wir sitzen auf der Terrasse des Café Le Nautique, wo sich seit den 1920er Jahren im Sommer die Pariser Bohème traf. Sanary war damals ein kleines Fischerdorf mit etwa zweitausend Bewohnern, darunter die ersten französischen Künstler. Bald kamen auch die Deutschen. Der Elsässer René Schickele zog im Herbst 1932 aus gesundheitlichen Gründen nach Sanary. Ihm folgten die Manns, die Feuchtwangers, die Hessels, die Zweigs und viele andere. Die Machtübergabe an Hitler hatte sie zur Emigration gezwungen, nach 1933 wurde Sanary vorübergehend zur Hauptstadt der deutschen Exilliteratur. Die Geschichte ist bekannt oder auch nicht.

Das Café Le Nautique ist von Einheimischen und älteren französischen Touristen bevölkert. Ein großer Zigarrenschrank gegenüber der Bar weist auf eine zahlungskräftige Kundschaft hin. In einer Ecke wird der französisch-türkische Schriftsteller Jean-Michel Thibaux durch eine Metallplakette geehrt. Hier soll er an seinen Romanen gearbeitet haben.  Ein Hinweis auf die nach 1933 im Exil in Sanary lebenden Schriftsteller fehlt.  Der Eigentümer erzählt mir, er wisse, dass hier nach 1940 deutsche Schriftsteller im Exil gelebt hätten. Ein Hinweis, auch in seiner Menü-Karte wäre sicher sinnvoll, meint er auf meine Nachfrage.

Links neben dem Le Nautique das Café La Marine, ebenfalls ein Treffpunkt der Intellektuellen, im Gebäude rechts davon ein Salon de thé. Ganz oben unterm Dach hatte der Arzt und kommunistische Schriftsteller Friedrich Wolf 1938 und 1939 nach seiner Ausreise aus der Sowjetunion und auf dem Weg in den Spanischen Bürgerkrieg für einige Monate ein Studio angemietet. Das Studio hatte auch damals schon eine kleine Terrasse. Sie muss Wolf einen wunderbaren Blick über die Bucht von Sanary geboten haben.

Wir waren schon 2013 einmal kurz in Sanary gewesen.  Am Place Albert Cavet hatten wir damals Gedenktafeln für den Maler Erich Klossowski und die Schriftstellerin Hilde Stieler entdeckt, die beide 1933 aus Paris zugereist waren und bei der Familie Cavet eine möblierte Wohnung in der Villa L’Enclos angemietet hatten. Wir machten uns entschlossen in Richtung Villa auf, ließen uns durch ein kleines Schild „Privé“ nicht abschrecken und öffneten das Gartentor.  Empört fragte uns ein alter Mann, der mit seiner Frau im Rollstuhl den leicht abschüssigen Weg von der Villa herunterkam, was wir hier wollten, das sei privat. Etwas erschrocken über die Reaktion verwiesen wir auf unser Interesse an Klossowski und Stieler und sofort änderte sich der Gesichtsausdruck des alten Herrn, bei dem es sich, wie sich herausstellte, um Louis Cavet handelte. Wir sollten uns die Villa, es handelte sich um ein bescheidenes zweiflügeliges Haus, ruhig aus der Nähe ansehen. Seine Eltern hätten seinerzeit an M. Klossowki und Mme Stieler ein Wohnzimmer, eine Küche, die Terrasse und einen größeren Raum mit Kamin im ersten Stock vermietet. Er selbst habe Deutschunterricht bei Klossowski erhalten. Eines Tages, so erzählte er weiter, sei Thomas Mann den Weg zur Villa hochgekommen. Daran könne er sich noch genau erinnern. Er sei damals ein kleiner Junge gewesen. Louis Cavet ist 2014 verstorben und mit seiner Frau Marcelle auf dem Ancien Cimetière, dem alten Friedhof, an der Avenue Deuxième Spahis in Sanary beigesetzt worden. Wir besuchen sein Grab. Als wir bei unserem diesjährigen Aufenthalt der Villa L‘Enclos erneut einen Besuch abstatten wollen, werden wir von einer Frau mit einem Korb voll frisch geernteter Kräuter aus dem kleinen Paradiesgarten vertrieben. Bevor sie in der auf der anderen Straßenseite liegenden Küche einer Osteria verschwindet, weist sie uns daraufhin, dass das Grundstück und die leerstehende Villa vom französischen Staat wegen ausstehender Steuerzahlungen beschlagnahmt wurde. Der Zutritt sei verboten.

Auf demselben Friedhof wurde auch der Flaneur Franz Hessel unter Anteilnahme zahlreicher Exilierter und der lokalen Bevölkerung Sanarys in einem Massengrab bestattet. Vom französischen Internierungslager in Les Milles geschwächt, war er Anfang 1941 gestorben. Der Schriftsteller Hans Siemson hielt die Grabrede. Nach einem Hinweis auf dem Ancien Cimetière suchen wir vergeblich. Weder gibt es einen Grabstein noch eine Gedenktafel.

Eine Gedenktafel mit 68 Namen von deutschen, österreichischen und einigen staatenlosen Künstlern und Schriftstellern befindet sich heute neben dem Eingang vom Tourismusbüro von Sanary, darauf auch die Namen Klossowski und Stieler. 1987 von offizieller österreichischer und deutscher Seite inauguriert, ist sie einige Jahre später aktualisiert und ergänzt worden. Allerdings listet sie auch Exilierte auf, die gar nicht in Sanary-sur-Mer, sondern an anderen Orten der Côte d’Azur lebten.

Im Tourismus-Büro versuchten wir Erklärung und Aufklärung zu Hessel und zum Schicksal der Wohnung von Klossowski und Stieler zu bekommen. Unseren intensiveren Nachfragen beim Personal begegnete man zunächst mit einer – vergeblichen – Suche im Internet, um uns dann die Fotokopie einer reich bebilderten Broschüre in die Hand zu drücken, die auf eine 2004 von Sanary kuratierte Ausstellung in der Neuen Stadtgalerie von Purkersdorf, der Partnerstadt von Sanary, zurückgeht, in die Hand zu drücken.  Die Broschüre ist in französischer, englischer und deutscher Sprache auch ins Internet eingestellt, würde aber wohl eine Überarbeitung und einen Neudruck verdienen. Auf einem Prospektständer entdeckten wir auch ein kleines Faltblatt „Auf den Spuren  der deutschen und österreichischen Emigranten in Sanary 1933-1945.“ Es zeigt vierzehn Stationen eines Parcours der Exilierten als Orte des Erinnerns. Eigentlich wollten wir eine kompetente literarische Führung durch Sanary buchen. Nach einer knappen Woche mussten wir aber feststellen, dass dies in der Kürze der Zeit nicht möglich sein würde, weil die einzige dafür qualifizierte Dame aus verschiedenen Gründen nicht konnte oder auch nicht wollte. Wir machten uns dann alleine auf den Parcours, der 1999, zum Teil gegen den auch gerichtlichen Widerstand der heutigen Hauseigentümer, eingeweiht worden war.

Die meisten Häuser, in denen die Emigranten/Exilierten einst Unterschlupf fanden, stehen heute noch, verstecken sich aber hinter hohen Pinien, Olivenbäumen und Oleander. Einsichten oder Aussichten gewähren sie nur selten. Anton Räderscheidts Villa Le Patio, im Stil des Bauhauses mit Flachdach errichtet, lässt hinter den Hecken praktisch nichts von sich erkennen. Der Moulin gris der Werfels oder Hessels Fluchtburg Mas de la Carreirado waren schon immer mauerhoch abgeschirmt. Nur die Villa Lazare, in der die Feuchtwangers die erste Zeit verbrachten, warf uns von hoch oben am Steilhang des Boulevard la Plage Beaucours einen freundlichen Blick zu. Ein Reisender in Adidas-Kleidung mit Rucksack und Smartphone hatte sich unterhalb der Villa niedergelassen. Am Strand steht ein Schild, das alle Besucher auffordert, angesichts der Terrorismusgefahr in Frankreich, alles Verdächtige an die Sicherheitsbehörden zu melden. Die Villa selbst muss hinter zementierten Felsen Schutz suchen vor den Stürmen des Mittelmeers, die die Steilküste abtragen.

Villa of Feuchtwangler

Villa Lazare, in der die Familie Feuchtwanger 1933/34 wohnte. (Foto: Hans Mayer)

Das Gedenken an die Emigranten und Exilierten war auch für Frankreich keine einfache Sache, denn das Schicksal der aus Deutschland Vertriebenen und Verfolgten ist unmittelbar verknüpft mit den französischen Internierungslagern, wo einige von ihnen den Tod fanden und andere nach ihrem Weitertransport in den deutschen Vernichtungslagern ermordet wurden.  Erst 2012 wurde in dem ehemaligen Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence eine Gedenkstätte eröffnet ­– übrigens außerordentlich empfehlenswert. Erinnern und Vergegenwärtigen ist eine schwierige Aufgabe. Was und wie erinnert wird, hat Auswirkungen für den Blick auf die Gegenwart.  Alain Chouraqui, Präsident der Fondation du Camp des Milles, erinnerte daran, dass man sich in Frankreich erst seit den 1980er Jahren mit der Geschichte der Internierungslager und der Deportationen auseinandersetzte. Wir wissen, so sagte er, dass die Opfer wollten, dass man ihre Geschichte nicht vergisst, nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Gegenwart und der Zukunft willen.[1]

 

Notes

[1] http://www.lemonde.fr/televisions-radio/article/2016/02/02/le-camps-des-milles-l-engrenage-de-la-honte_4857681_1655027.html. Aufgerufen am 5.10.2017.




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