Dec 2022

Auszüge aus der Erzählung mit Diskussionsvorschlägen für den Unterricht

Diskussionsthema 1: Sprache – Sprachwandel
Diskussionsthema 2: Diktatur, Mitläufertum, Widerstand
Diskussionsthema 3: Vergangenheitsbewältigung, Abrechnung, Aufarbeitung
Diskussionsthema 4: Der Mauerfall

 

 

Thema 1: Sprache – Sprachwandel

„Wende. Ich sammle die neuen Wörter, die jetzt Konjunktur haben. Wende. Wendehals. Mauerspecht. Wahnsinn. Aber mit dem Wahnsinn ist es vorbei. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Marketing. Holding. Outfit. Stasisyndrom. Wegbrechen. Wohlstandsmauer. Die neuen Wörter sind ein gefundenes Fressen für ausgeflippte Germanisten.‟ (S. 22)[1]

 

„Aber ich habe die Wörter noch, die ich gesammelt habe. Die Wörter, die neu entstanden sind. Die Wörter, die einen neuen Sinn bekommen haben. Und die Wörter, die jetzt häufig benutzt werden. Blockflöte, Begrüßungsgeld, Wahlfälscher, Mahnwache, Seilschaft, Mauerspecht, Altlast, Devisenbeschaffer, flächendeckend, Talsohle, Warteschleife, plattwalzen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, Schnäppchen, Evaluierung, runder Tisch, unterpflügen, überführen, überstülpen, Wohngeld, Schnupperpreis, sich rechnen, Superossi, Verbraucherzentrale, abschmelzen, Filetstück, Koko-Imperium.

Ich habe sie gesammelt, und ich habe sie alphabetisch geordnet. Aber ich brauche sie nicht. Ich kann damit nichts anfangen. Da ist mir eine Idee gekommen. Ich könnte sie weggeben, die Wörter. Ich könnte sie einem Schriftsteller geben. Ich könnte sie Ralph B. Schneiderheinze geben, denn er ist der einzige Schriftsteller, den ich persönlich kenne.‟ (S. 114)

 

„Wir hatten uns ein hübsches Spiel ausgedacht. Wir setzten Wörter zusammen, die nicht zusammengehörten. Aus zwei zusammengesetzten Wörtern mußte ein dreifach zusammengesetztes Wort entstehen, wobei das zweite Wort seine Sinnarme nach vorn, zum ersten Wort, und nach hinten, zum zweiten Wort ausstrecken mußte, woraus sich dann ein verblüffender oder komischer neuer Sinn ergab, kannst du mir folgen? Ich will es dir an Beispielen verdeutlichen. Aus Wendeltreppe und Treppenwitz machten wir Wendeltreppenwitz, aus Zeitungsschau und Schaufenster Zeitungsschaufenster. Und so entstanden Löwenzahnschmerzen, Mondgesichtswasser; Erbsengerichtsvollzieher, Kaltschalentier, Liebeszauberstab, Gebärmuttersprache, Geschlechtsverkehrsregel, Vaterlandsmannschaft, Schönschriftsteller. Manchmal redeten wir tagelang nur in solchen Wörtern, und wir lachten sehr. Aber das verstanden nur wir, unsere Freunde schüttelten bedenklich ihre akademischen Häupter.“ (S. 63)

 

Fragen zur Diskussion

  • Wie verhalten sich hier Sprache und ihre Wörter auf der einen Seite und die Realität auf der anderen Seite zueinander? Warum sind Wörter so wichtig?
  • Wieso haben Kristina und der Erzähler in der DDR neue Wörter erfunden? Was bedeutet dieses Spiel?
  • Interpretieren Sie einige der Wortgebilde (zusammengesetzte Substantive oder „compound nouns“ – eine sehr deutsche Spezialität), indem Sie die Bedeutung des neu geschaffenen Wortes bestimmen!
  • Kenne Sie einige der neuen Wörter, die unser Protagonist sammelt? Warum sammelt er sie? Wofür stehen sie?

 

 

Thema 2: Diktatur, Mitläufertum, Widerstand

„Aber Kleingrube ist nicht zu besänftigen. Er wütet weiter. Er wütet gegen die Mitläufer, die, wann immer sich eine günstige Gelegenheit bot, auch mal voranliefen und sich mit Orden behängen ließen, und nun wollen sie auf einmal alle Widersacher und Systemkritiker und Dissidenten gewesen sein. Doch er wird sie entlarven. Er wird sie alle entlarven.

Aber, sage ich, wir sind doch alle mitgelaufen, wir haben alle mitgemacht, mehr oder weniger, die Bäcker haben Brötchen gebacken, und die Fleischer haben Schweine geschlachtet und haben das System gestützt, denn wenn sie keine Brötchen gebacken und keine Schweine geschlachtet hätten, dann wäre das System schon eher zusammengebrochen, ich habe, wenn du so willst, auch das System gestützt, indem ich Flaschen zur Wiederverwertung angenommen habe, wir alle, ob bei der Wettervorhersage oder im Recycling, haben das Leben und somit das System in Gang gehalten.

Er, Kleingrube, nicht. Er hat gesammelt und archiviert. Seine Wangen, wenn ich mal so sagen darf, sind hektisch gerötet. Er nicht. Und Schlehwein nicht.“ (S. 40-41)

 

„Telefone hatten wir damals schon, ohne Anrufbeantworter. Wenn es in der Leitung knackte, konnten wir davon ausgehen, daß unsere Gespräche abgehört wurden. Es muß eine öde Arbeit gewesen sein, sie müssen vor Langeweile geschwitzt haben. In den letzten Monaten knackte es immer öfter in den Leitungen, es war schon die Agonie. Wir hatten zwei Möglichkeiten. Wenn wir logen und sagten, was sie gern hören wollten, zementierten wir womöglich das System. Also sagten wir die Wahrheit, es war unsere feine, unverfängliche Art des Widerstands, und so wurden wir alle, ohne es zu ahnen, zu informellen Mitarbeitern. Merkst du was, Giraffe? Wir sind wieder beim Thema. Wir sind alle Täter gewesen, Kleingrube hat recht. Wir sind alle mitschuldig, ich will es dir leichtmachen, du kannst jetzt reden, du kannst dich erleichtern. Nicht? Du willst nicht? Gut. Dann laß mich meins zu Ende bringen. Es war komisch, sie konnten, das Ohr am Volk, mit der Wahrheit nichts anfangen. Sie konnten nichts mehr ändern. Sie waren längst überflüssig geworden, da konnten sie horchen, wie sie wollten, es war tragisch. Aber hör mal, du kannst schweigen, wie du willst, ich erzähle trotzdem weiter. Ob es dir paßt oder nicht.“ (S. 65-66)

 

Fragen zur Diskussion:

  • Wer trägt eigentlich Verantwortung in einer Diktatur – oder jedem Staat – für das, was der Staat tut? Nur die Führungseliten oder auch die sogenannten Mitläufer? Womöglich fast die ganze Bevölkerung?
  • Vergleichen Sie dies gern mit diversen anderen Ländern, besonders jenen, die Kriege geführt haben, historisch oder aktuell!

 

 

Thema 3: Vergangenheitsbewältigung, Abrechnung, Aufarbeitung

„Wieso verweigert die Giraffe jede Auskunft über ihre letzten Lebensjahre? Was hat sie zu verbergen? Hat sie Dreck am Stecken? Hat sie sich schuldig gemacht? Stecken gar Schlehwein und die Giraffe unter einer Decke? Fragen über Fragen, und ich ertappe mich dabei, in den neuen Wörtern zu denken. Ist die Giraffe eine Altlast? Gehören sie und Schlehwein zur gleichen Seilschaft oder gar zu derselben?

Die Giraffe hüllt sich in Schweigen, ich kann fragen, was ich will. Ich weiß nicht, welche Einstellung die Giraffe hat, zur Wende beispielsweise. Eigentlich müßte sie doch froh sein. Endlich keine Gitter mehr und keine Dressuren. Endlich frei und genug zu fressen. Statt dessen höre ich von ihr nur das ewige Genöle über den Konolialismus. In jedem jungen Mann, der mit dynamisch-federnden Schritten über die Straße geht und eine Krawatte trägt und einen vernünftigen Haarschnitt mit Scheitel, sieht sie einen Konolialherrn. Und dabei sind es nur Versicherungsbeamte oder Bankangestellte.‟ (S. 47)

 

„Was ist bewiesen, fragte ich noch einmal. Daß die Giraffe sich schuldig gemacht hat, weil sie dem Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzenden des Staatsrats der Deutschen Demokratischen Republik Würfelzucker aus der Hand gefressen hat?

Würfelzucker? Wieso denn Würfelzucker?

Würfelzucker, rief ich, und ich wurde immer wütender. Das ist in jedem Zirkus der Welt so! Nach den Darbietungen gibt es für die Tiere Würfelzucker!

Darauf warf mir Kleingrube vor, daß ich die Giraffe in Schutz und überhaupt alles auf die leichte Schulter nähme. Sie habe keine reine Weste. Ich hätte auch keine reine Weste. Niemand habe eine reine Weste. Niemand, hörst du, niemand!

Außer dir und Schlehwein!

Schlehwein? Da konnte Kleingrube nur lachen. Schlehwein hat die Giraffe verborgen und geschützt und gedeckt, obwohl er das doch alles hat wissen müssen oder zumindest alles hat wissen können, hat er sie verborgen und geschützt und gedeckt. Er ist genauso wie alle.

Ja, sagte ich, wie die Fleischer und wie die Bäcker, die die Brötchen gebacken haben, um das System zu stabilisieren und zu verlängern, und wie die Kindergärtnerinnen, die neue Untertanen herangezüchtet haben, und wie die Sekundärrohstoffhändler. Aber du bist der einzige Gerechte, ja? Du hast nie beim Morgenappell Lieder gesungen, Kleingrube? Du warst nie auf einer Maifeier, Kleingrube, und sei es auch nur, damit deine Vorgesetzten sehen, daß du auf der Maifeier bist?

Ich bebte vor Zorn, ich konnte kaum noch an mich halten.

Begreifst du nicht, rief Kleingrube, ich habe meine Arbeit verloren, ich habe meine Arbeit geliebt, sie haben mich hinausgeworfen, und die mich hinausgeworfen haben, sind die gleichen, die mich vorher gequält und geschurigelt haben, es sind nicht nur die gleichen, es sind sogar dieselben, und sie sitzen mit ihren fetten Ärschen auf ihren alten Stühlen, und sie machen gemeinsame Sache mit ihren alten Todfeinden, mit dem Klassenfeind, und wenn nicht, dann machen sie wenigstens Geschäfte mit ihm, denn sie haben sich noch rechtzeitig Geld aus den Kassen genommen, um ein Geschäft aufzumachen, und ich weiß nicht, wie ich morgen die Miete bezahlen soll, die Miete und die Kohlen, begreifst du das nicht?

Und was hat die Giraffe damit zu tun?

Nichts, sagte Kleingrube, nichts. Er saß klein und zusammengesunken da, wie ein alter Mann, mir war zum Heulen zumute.“ (S. 110-111)

 

Fragen zur Diskussion

  • Wofür oder für wen steht eigentlich die Giraffe (als Symbol)? Oder ist sie einfach nur eine Giraffe?
  • Welche Einstellung zur Wende dürfte sie nach Meinung des Protagonisten haben? („Eigentlich müßte sie doch froh sein.“)
  • Was ist ihr „Genöle über den Konolialismus“? Ziehen Sie aus der Liste der „problematischen Begriffe“ den Begriff „Wiedervereinigung“ hinzu und bedenken sie, dass manche behaupteten, die DDR sei von der Bundesrepublik ‚übernommen‘ worden.
  • Wen meint Kleingrube mit „die gleichen, die“…?
  • Haben Sie Verständnis für Kleingrube und für seinen Aufklärungsfuror? Oder eher für den zurückhaltenden Erzähler?

 

 

Thema 4: Der Mauerfall

„Während die Giraffe vor sich hinkaut, mache ich mich wieder an meine Blätter. Ich muß die zwei Seiten, die die Giraffe verschlungen hat, noch einmal schreiben. Es war das Beste, was ich je geschrieben habe, alles sehr plastisch und in einem schönen, flüssigen Stil. Aber was man einmal geschrieben hat, kann man nicht noch einmal so schreiben. Es sind die Feinheiten, die Nuancen, die nicht zu wiederholen sind. Ich kann mich nur noch schwer daran erinnern, wie ich mich erinnert habe. Die zwei Seiten handelten von Kristina. Wir lagen in einem Bett mitten in Berlin, sie war schon eingeschlafen, ich sah noch ein wenig fern. Ich hatte den Ton abgedreht. Nur die Bilder flimmerten. Ein Mann las etwas von einem Zettel ab. Als ich den Apparat abschalten wollte, war ein großes Getümmel auf dem Bildschirm. Es mußte an der Grenze sein, an der Mauer. Ich konnte, als ich den Ton wieder laut gedreht hatte, nicht glauben, was ich hörte.

Kristina, sagte ich leise, wach auf, Kristina.

Sie wälzte sich auf die andere Seite. Ich streichelte sie.

Kristina, du mußt aufstehen, ein Wunder ist geschehen.

Sie saß im Bett und rieb sich die Augen.

Kristina, die Mauer ist weg.

Sie gähnte.

Und wo ist sie hin?

Weg, sagte ich, die Mauer ist offen, zieh dich an.

Sie warf sich den Mantel über das Nachthemd und schlüpfte in die Pantoffeln. Es war nicht weit bis zur Bornholmer Straße. Tausende waren unterwegs, Menschenströme, Autoströme. Es war kühl, aber wir froren nicht. Kristina schüttelte, als wir an den Wachposten vorbeidrängten, ungläubig den Kopf. Sie war noch immer schlaftrunken. Dann ging alles sehr schnell. Wir wurden in ein Auto geschoben und in eine helle, laute Straße gefahren. Es war der Kurfürstendamm. Wir waren noch nie auf dem Kurfürstendamm. Überall wurde getanzt und gesungen und gehupt. Feuerwerkskörper detonierten. Bierbüchsen wurden uns in die Hand gedrückt, Sektkelche. Kristina tanzte im Nachthemd mit einem Afrikaner auf einem Autodach. Wie wir nach Hause gekommen sind, weiß ich nicht. Als Kristina erwachte, sagte sie, sie habe einen schönen Traum gehabt. Sie suchte unter dem Bett nach ihren Pantoffeln. Sie konnte nur einen Pantoffel finden. Schrieb ich wohl. Aber man kann es nicht zweimal schreiben, es ist nicht zurückzuholen.‟ (S. 73-74)

 

Fragen zur Diskussion

  • Inwiefern wird die Nacht des 9. November 1989 hier als ein Traum, ein Märchen, vorgestellt?
  • Vergleichen Sie es mit der späteren Märchengeschichte von Schneiderheinze auf S. 115f.
  • Wie hängen hier Erinnern und Schreiben zusammen? Wenn man nicht zweimal das Gleiche schreiben kann, wird man sich auch nicht an das Gleiche erinnern können? Heißt das, die Erinnerung verändert sich mit der Zeit? Wenn ja, wie?

 

[1] Alle Zitatbelege nach der Taschenbuch-Ausgabe des Fischer-Verlags von 1994.




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