Apr 2012

Utz Rachowski

Die zwölf Stühle des Siegfried Heinrichs

Am Ostersonntag 2012 verstarb in Berlin im Alter von 70 Jahren der Schriftsteller und bedeutende Verleger Siegfried Heinrichs. 1985 hatte der aus der DDR stammende und nach drei Jahren politischer Haft ausgebürgerte Autor den renommierten OBERBAUMVERLAG übernommen und bis zu seinem Tod weitergeführt. In diesem Verlag erschienen unter Heinrichs Leitung bis zum Fall der Mauer vor allem die in ihrem Heimatland zensurverstümmelten russischen Autoren wie Anna Achmatowa, Maria Zwetajewa, Boris Pasternak, Sergej Samjatin, Sinaida Hippius u.v.a. Einen verlegerischen Paukenschlag führte Siegfried Heinrichs mit der Wiederentdeckung und Herausgabe der Werke von Sándor Márai, den er, und damit die gesamte ungarische Literatur wieder ins europäische Bewusstsein hob. Diese wiedergefundene Aufmerksamkeit trug schließlich bei zur Verleihung des Nobelpreise 2002 an Imre Kertész. Siegfried Heinrichs selbst war vor allem Lyriker und debütierte 1978 mit dem Band Mein schmerzliches Land, zuletzt erschien von ihm der Prosaband Meines Großvaters Dorf. Heinrichs liegt in Berlin-Steglitz begraben.
   


   
   

Utz Rachowski und Siegfried Heinrichs, 2010


   


   
DIE ZWÖLF STÜHLE DES SIEGFRIED HEINRICHS

Siegfried Heinrichs. Diesem Namen begegnete ich zum ersten Mal, als ich an der Kasse der Buchhandlung Kiepert am Ernst-Reuter-Platz in Berlin stand. Der Name stand auf einem schmalen Bändchen mit Gedichten, 1978 im Oberbaumverlag erschienen, der Titel Mein schmerzliches Land, mit einem Vorwort von Jürgen Fuchs.
Ich las:

Diese Gedichte benötigen keine Vor- und Nachworte. Auf das Urteil der Zeitungsschreiber, ob hier Kunst, Dokument oder gar nichts vorliegt, kann verzichtet werden. Diese Zeilen leben, weil das, was sie sagen, gelebt wurde. Und nicht nur von dem, der sie aufschrieb. Sicher, andere leben anders. Das kann ein Grund sein, warum dieses Buch weggelegt, verrissen oder verdrängt wird. Daß sich Staatsanwälte für solche Gedichte interessieren, kann als Erfolg verbucht werden. Daß Leser dieses Schlages nicht mit Betroffenheit und dem Niederlegen ihrer Ämter reagieren, sondern den Autor ins Zuchthaus stecken, überrascht nicht und bleibt ein Verbrechen. Gewiß, diese Gedichte sind unnütz, gefährlich, gemessen am Ziel, am Auftrag, an der Linie, am Befehl, und sind vielleicht ein willkommener Nachtisch für die, die genüßlich alle Gemeinheiten verwerten, die anderswo begangen wurden. Bleibt die Frage, welches ‚schmerzliche Land’ gemeint ist. Aus einem wurde der Autor entfernt, und wer jetzt Deutschland sagt, muß wissen, worauf er sich einläßt: Denn in diesen Gedichten steht, was das heißt, mit jemand deutsch reden, der sich nicht beugen will.

„Woll’n Se det nu koofn oder nich, junger Mann, oder woll’n Se weiter Schlangebilden hier an die Kasse!?“

Die Worte der Verkäuferin, deutliches Deutsch, ließen mich aufschrecken, ich drehte mich um, sah drei vier Menschen hinter mir warten und legte das Buch wieder auf den Stapel zurück. In Siegfried Heinrichs Mein schmerzliches Land hatte ich kein einziges Gedicht gelesen. In der nächsten Zeit vergaß ich, mir dieses Buch selbst zu besorgen, aber schon nicht mehr den Titel und den Namen seines Verfassers. Es war der schneereiche Dezember 1981, am 13. des Monats war in Polen der Kriegszustand unter dem General Jaruzelski ausgerufen worden. Ich hatte jetzt andere Probleme, ich hatte in Polen Bekannte, ich mußte Päckchen schicken, ich traf Freunde, polnische Emigranten, in Schöneberg im Solidarnosć-Büro Westberlin. Wir gründeten die literarische polnische Monatszeitschrift Archipelag, jeder gab 100 Mark für den Anfang. Ich war der einzige deutsche Redakteur und schrieb abends in den Räumen der Tageszeitung taz die deutschen Texte in den Computer, Zusammenfassungen, die programmatisch einen Teil der Zeitschrift Archipelag ausmachten, in der Hoffnung, der trügerischen, es würde sich für sie auch eine deutsche Leserschaft finden. Für die Probleme der Polen aber fanden sich 1981 kaum deutsche Leser, ganz im Gegensatz zu dem deutschen Interessenten Erich Honecker, der persönlich vorschlug, in Polen wieder einmal „brüderliche Hilfe“ zu leisten.
Aber man kam in Westberlin, zum Glück, möchte ich sagen, nicht so leicht aneinander vorbei. Eines Tages also rief mich Jürgen Fuchs an und fragte, ob ich mich nicht an einer literarischen Nummer der Zeitschrift europäische ideen beteiligen möchte, der Herausgeber dieses speziellen Heftes würde Siegfried Heinrichs sein. „Na klar“, sagte ich, „das ist doch der mit seinem schmerzlichen Land, der mit dem Vorwort von dir.“
Er gab mir Adresse und Telefonnummer von Siegfried Heinrichs, und ich, noch bevor ich etwas einschickte, lieh mir noch am gleichen Abend von Jürgen Fuchs das Buch, das ich bei Kiepert gesehen hatte. „Wenn schon“, sagte Jürgen, „mußt du alles lesen, was es von ihm gibt.“ Er legte mir noch zwei weitere Bände hin, Die Erde braucht Zärtlichkeit und Hofgeismarer Elegien. Und noch bevor ich sagen konnte: „Die sind mir einfach zu groß, solche Bücher“, hatte er sie für mich schon in eine Plastiktüte gesteckt. Also las ich:

Wenn du durch mein Land fährst

Wenn du durch mein land
fährst,
mein schmerzliches land,
von dem ich dir sprach,
dann wirst du blumen sehen,
lachende kinder,
greise, alternd unter den resten
der herbstsonne,
menschen, freundlich dich grüßend,
gewiß,
nur eines vermisse ich:
deine frage nach dem ort
der zuchthäuser für
dichter, deren verse den zweifel
lehrten an der vollkommenheit
dieses bildes.
Wenn du durch mein land
fährst,
mein schmerzliches land,
dann grüß es von mir,
grüß die menschen, die kinder,
die zuchthäuser, die schweigenden
dichter.

Und ich las weiter:

Wie kann man nur Dichtung machen

Wie kann man nur Dichtung machen…
da zerrosten die Städte, das Eisen
der Brücken, der Regen
zersetzt den Stein,
den Tag…
wie kann man nur Dichtung machen…
Da spricht man über die
Harmonie
und die Freunde gehen in die
Emigration…

Da umarmt einer sein Kind
und weiß nicht, ob er morgen nach Brot
ansteht oder den sauren Trauben
für die bescheidenen Feste…
Wie kann man nur Dichtung machen…
Da steht jemand neben dir, sagt:
sie haben gestern
Abel erschlagen…
…wie kann man nur Dichtung machen…
Da liegst du nachts wach, siehst die ungeheure,
erzene Landschaft
der Erde, die schweigenden, kalten Gestirne,
und überlegst, wer
deine Verse lesen wird,

jene kurzen, verrückten Zeilen
gegen die langsame Verwesung der Steine, des Mondes
der Worte…

Wie kann man nur Dichtung machen…

Dem kann man vielleicht etwas zuschicken, dachte ich, diesem Siegfried Heinrichs, vielleicht eine meiner Geschichten übers Gefängnis, der weiß Bescheid, der scheint die selben Fragen zu haben wie ich. Aber wer ist er, wie alt ist er, wo kommt er her, was hat ihn gebracht dazu, diese Zeilen zu schreiben?
Antwort fand ich im Band Hofgeismarer Elegien, auf den Innenklappen ein längerer Text, eine Selbstauskunft, betitelt “Lebenslauf oder Auf der Suche nach Heimat”:

Geboren wurde ich im Kriegsjahr 1941. Herbst war es. Die Zugvögel über Deutschlands Wäldern sammelten sich, durchflogen den Rauch der zerbombten Häuser, noch jenseits der Grenzen. Zwei Jahre später fiel, mit dem Dank des Führers für Treue und Tod, mein Vater vor Stalingrad. Heimlich beseitigt, weiß ich heute, durch einen Schuß in den Rücken. Als Sozialdemokrat klebte er Plakate gegen Hitlers Endsieg. Zum Kriegsende, es blühten die ersten Gräser am Haus, in einem unerwarteten schönen Frühjahr, sagte später die Großmutter, zogen letzte Flugzeuge des Reiches Todeskurven über dem Dorf. Einige, abgeschossen, stürzten in die Felder. Dort im ersten Grün des Jahres, wurden die Piloten geplündert und begraben. Dann fremde Soldaten. Barette, Gesang, herzhafte Besäufnisse und Flüche. Später die zurückgekehrten Toten aus dem Konzentrationslager im Nachbardorf. Dort, unter der Erde, förderten sie all die Jahre das Salz für unsere Suppen und die der Uniformierten, erzählte später der Großvater, und bekamen Kugel oder Peitsche als Dank. So begannen die Jahre des Friedens. Unterm Dachfirst verborgen die Gewehre des Großvaters, unter der Erde des Dorfes erschossene Deserteure…
Dort, an meines Landes Schnittpunkt, wuchs mir ein die Weisheit des Schweigens beim Anblick der Geschehnisse, und noch immer erinnere ich dieses Stück Land meiner Kindheit – Dorne, Ähre und Blatt, Frühjahre und harte Winter. Später hieß es, ich lebte Jahre mitten in der Tragödie der Neuzeit, und verstand nicht, denn: wessen Tragödie…
Dann lernte ich die Zuchthäuser des Landes kennen, 1096 Tage und Nächte inhaftiert für einige Gedichte, zusammen mit Mördern, Malern, Kinderschändern, Dieben… Auch nach der Entlassung lebte ich in meinem Land, keine Zeile gedruckt, abgelehnt, alles, mit üblichen Begründungen, und suchte wenigstens das eine Gramm Hoffnung und Zärtlichkeit mir zu erhalten, zu erobern, im Wort, im Leben, das jeder Mensch für seinen Atem braucht. Dann, nach Jahren, über Nacht, der Abschied, mit dem Zug von Deutschland nach Deutschland, im Gepäck nichts als einige Bücher und Bitterkeit – und Ankunft im Niemandsland. Hier wie dort deutsch sprechend und doch, hier, wieder, erschreckt – von der Ablehnung, der Gleichgültigkeit, der Ignoranz gegenüber deutscher Sprache und Geschichte… so, hier, hier im von Mauern umzingelten Berlin, wieder schreibend, wieder, erneut hoffend, daß deutsche Sprache noch Wurzeln habe…“ (1981)

In den nächsten Wochen lernte ich Siegfried Heinrichs auch persönlich und sein Werk näher kennen. Wir wurden bald Freunde, wir hatten dieselben Wurzeln. Im Februar 1982 erschien in den bereits erwähnten europäischen ideen meine Erzählung Väter und Söhne, meine erste wirkliche literarische Veröffentlichung. Ich erfuhr auch, daß sein Buch Hofgeismarer Elegien während mehrerer Aufenthalte in dieser hessischen Kleinstadt entstanden war, ein Teil davon gedruckt in der Zeitschrift Anstöße, herausgegeben von der dortigen Evangelischen Akademie. Eine wichtige Station auf seinem literarischen Weg, sagt Siegfried Heinrichs auch heute noch.
Es gab damals bereits zwei weitere Bücher von ihm, Die Schöpfung (1981) und Ankunft in einem kalten Land (1982). Ich fragte ihn, warum er in letzterem Band im Anhang den sogenannten „Hitler-Stalin-Pakt“ mit den geheimen Zusatzprotokollen abgedruckt hatte. Er schlug das Buch auf und las mir eine Stelle vor: „Die Rote Armee verpflichtet sich zur Vernichtung von polnischen Streitkräften. An einem Restpolen hat Stalin kein Interesse. – Molotow erklärte mir heute, daß die Sowjetregierung den Zeitpunkt nunmehr für gekommen halte, um gemeinsam mit der deutschen Regierung endgültig die Gestaltung des polnischen Raumes festzulegen. Dabei ließ Molotow durchblicken, daß bei der Sowjetregierung und bei Stalin persönlich ursprünglich vorhandene Neigungen, ein restliches Polen bestehen zu lassen, jetzt der Tendenz gewichen ist, Polen entlang der Linie Pissa-Narew-Weichsel-San aufzuteilen. Die Sowjetregierung wünscht, hierüber sofort in Verhandlungen zu treten und sie in Moskau zu führen… Bericht von Schulenburg aus Moskau vom 19. September 1939.

… Da fragte ich nicht mehr, warum er das aufgenommen hatte als Nachdruck in seine Bücher und für wen und im Jahre 1982.
Siegfried Heinrichs sagte damals zu mir: „Das Buch ist schon in der DDR, ein italienischer Kardinal hat es rübergeschmuggelt.“
Darin auch enthalten ist ein offener Brief von Siegfried Heinrichs an Anna Seghers, er wünscht ihr darin, daß sie ihrem Siebten Kreuz nicht noch ein achtes, das des ewigen Schweigens, hinzufügen möge, während die Menschen des Landes ihr Kreuz zu tragen hätten, „bei der Wanderung durch die Hölle der Realität“. Der Brief wurde in der Presse veröffentlicht, Antwort hat er nie bekommen.
1982 erscheint auch sein Erzählband Die Vertreibung – oder Skizzen aus einem sozialistischen Gefängnis (ein Jahr später schon als Taschenbuch unter dem Titel Kassiber, ein Vorschlag Wolf Biermanns). Es enthält die wohl markantesten und literarisch entschiedensten Texte über Heinrichs Zeit im Gefängnis, so auch das kurze Prosa-Stück “Kirchgang”. Der Protagonist H. erfährt in Haft von der schweren Erkrankung seiner Mutter und versucht, während eines sonntäglichen Gottesdienstes, dem Gefängnispfarrer einen Kassiber nach draußen zuzustecken. „H., sagt Oberleutnant Brese, groß, breitschultrig, Orden, sechs, für seine Dienste am Revers, Sie machen mir Sorgen. Ihre konspirativen Versuche bestrafe ich mit drei Tagen Arrest. Sie verlangen von einem Pfarrer, daß er die Anstaltsordnung verletzt. Sie sollten wissen, daß wir das nicht dulden. Hier, Ihr Zettel kommt zu den Akten… Pfarrer W., fährt er fort, gab ihn dem Wachtmeister. Schließlich ist er ja Abgeordneter.“ H. bekommt Arrest. Als er aus der Kellerzelle wiederkommt, findet er ein Telegramm seiner Schwester vor. Seine Mutter ist verstorben. Ohne letzten Gruß ihres Sohnes.
Die Rolle der Kirche unter einer Diktatur ist also angesprochen, ein Tabu, und ich kann mir vorstellen, wie pikiert etwa bei einer Lesung das Publikum dasaß, sagen wir in einer evangelischen Akademie, in der Heinrichs zu Gast war, weil es sich nicht vorstellen konnte, was „Kirche im Sozialismus“ in der Realität wirklich hieß. Nicht die helfende Umarmung, sondern die des Judas, die den bereitstehenden Häschern den richtigen Mann anzeigt. Jetzt am Wochenende legte die Gauck-Behörde Zahlen vor über die Verstrickung von Kirche und Geheimdienst in der DDR. Spitzel, die zwei Herren dienten und ihre Silberlinge niemandem vor die Füße warfen, sondern Haus bauten, Baum pflanzten und Söhne zeugten.
Aber auch das Persönliche deckt sich hier in der Literatur mit der Realität. Als die Mutter von Siegfried Heinrichs starb, wurde ihm die Einreise verwehrt, er konnte sie nicht begraben, nie mehr zurückkehren in das Dorf seiner Kindheit „Dorne, Ähre und Blatt, Frühjahre und harte Winter“. – Ich will jetzt darüber nicht länger sprechen, auch nicht über die Stasi-Akte von ihm, die ich kenne, ein Negativ, eine kalte Matrize, die sich würgend um sein Leben legt, seinen dreijährigen Gefängnisaufenthalt z.B. verdankt er einer Denunziation seines Bruders…
Solche Autoren bekommen dann nach der „Wende“ natürlich auch keine Ehrengabe der Schillerstiftung oder den Lessing-Preis aus Kamenz. Sie bleiben gemieden; die „literarische Welt“ hat mit sich zu tun und ihre Homunkuli zu versorgen. Ich will nur eines noch sagen: 1981 hatte Siegfried Heinrichs schon einiges aufgeschrieben, später kam noch vieles hinzu. Und es wurde ihm nicht geglaubt. Und keinem von uns. Es blieb ein Mißtrauen, über alle Mauer-Fälle hinweg. Einer, ein deutscher Emigrant, Hans Sahl, schrieb über Heinrichs im New Yorker Aufbau, Nachdruck in Die Welt vom 2.8.1986: „Heinrichs Sprache ist von vielsagender Einfachheit, sie spricht aus, was man heute nur ungern zu Papier bringt, man möchte doch nicht aus einer politischen Katastrophe dichterisches Kapital schlagen, wenn man den Schmerz über den grausamen Verlust einer Utopie, an die man einmal geglaubt hat, in Worten wiederzugeben versucht, die bei aller emotionellen Zurückhaltung doch das ganze Betroffensein eines Zeitalters wiederspiegeln.“
Der Feuilletonist Tilman Krause schrieb einmal, in einem anderen Zusammenhang, im Berliner Tagesspiegel einige Sätze, die so auch auf Siegfried Heinrichs zutreffen könnten. Er schrieb: „Wer so durchdrungen ist von der geheimen und nur im Rückblick offenbarten Sinnhaftigkeit seines Seins, stößt auf Widerstände. Da sind vor allem die Kleinmütigen, die sich nicht trauen, das eigene Leben als bedeutsam aufzufassen und dies daher auch anderen nicht gönnen. Hinzu kommen (wenngleich oft mit letzteren identisch) die Neunmalklugen, denen der zu kurz geratene Sinn fürs Spirituelle den Glauben an alles Symbolische versagt… Wer Gespür für das Historische der eigenen Existenz hat, wer weiß, daß – mit Thomas Mann zu sprechen – menschliches Sichwichtignehmen der Urgrund aller Selbsterforschung ist, aber auch wer sich nicht einschüchtern lassen will vom modischen Gerede über den ‚Tod des Subjekts…’ “ – handelt, füge ich hinzu, und bin unversehens beim Verleger Siegfried Heinrichs angekommen. Er hat sich alle Träume erfüllt, die er in den 1096 Gefängnisnächten geträumt hat. Ich zitiere aus einem Interview, das er 1990 der Zeitschrift Deutschunterricht gegeben hat:
„Ich habe der Stasi die Arbeit sehr schwer gemacht. Wir haben sie ihr schwer gemacht. Ich habe auch als Bundesbürger – trotz Kontrollen, Leibesvisitationen, Nacktausziehen, Abtasten-Lassen, Bücher in die DDR geschmuggelt. Solschenizyn, Peter Huchel, Böll. Die DDR hat in meinen Jugendjahren vieles erwähnt und dargestellt. Es wurden die Autoren Achmatowa, Zwetajewa usw. in Teilen gedruckt, manches wurde erwähnt, nicht gedruckt, und – so ging es mir – das Interessanteste an vielen Veröffentlichungen waren die Fußnoten, in denen man auf Dinge hinwies, die es nirgends gab, in keiner Bibliothek. Und man war, wenn man irgendwie über den Westen oder durch die Medien aus der Bundesrepublik oder aus Westberlin darauf stieß, zufällig, dann erstaunt über die Qualität… Und das brachte mich dazu, mir während der Haftzeit und danach vorzunehmen, – sollte ich einmal die Möglichkeit haben – unter Einsatz meiner privaten Mittel dafür zu sorgen, daß etwas davon publiziert wird. Und das tue ich. Ich habe vieles ausgegraben, was auch in großen Verlagen längst, wenn man es nur wollte, hätte veröffentlicht werden können.“ Private Mittel. Woher hatte er sie, in den Westen ausgereist mit einer Tasche („im Gepäck nichts als einige Bücher und Bitterkeit“). Das steht nicht im Interview und nicht in den Büchern, die Siegfried Heinrichs herausgab. Eine Liste:
Anna Achmatowa – Requiem (1987)
Anna Achmatowa – Die roten Türme des heimatlichen Sodom (1988)
Anna Achmatowa – Briefe, Aufsätze, Fotos (1990)
Anna Achmatowa – Eine Biografie (1994)
Anna Achmatowa – Poem ohne Held (1994)
Nicolai Gumiljov – Ausgewählte Gedichte (1988)
Ossip Mandelstam – Briefe an Nadeschda (1989)
Ossip Mandelstam – Wie ein Lied aus Palästina (1992)
Iwona Mickiewicz – Puppenmuseum (1992)
Boris Pasternak – Ljuvers Kindheit (1989)
Miklós Radnóti – Monat der Zwillinge (1993)
Miklós Radnóti – Offenen Haars fliegt der Frühling (1993)
Irina Ratuschinskaja – Kein Moses ist vor uns (1992)
Jewgenij Samjatin – Wir (1994)
Marina Zwetajewa – Briefe an Bachrach und Ausgewählte Gedichte (1988)
Marina Zwetajewa – Briefe an Vera Bunina und Dimitrij A. Schachowski (1990)
Marina Zwetajewa – Briefe an Anna Teskowa und R.N. Lomonossowa (1992)
Marina Zwetajewa – An Anna Achmatowa (1992)
Marina Zwetajewa – Briefe an Ariadna Berg/Theaterstücke/Gedichte aus dem Nachlaß (1994)
Marina Zwetajewa – Auf rotem Roß (1994)

Woher hatte Siegfried Heinrichs die Mittel zur Herausgabe dieser Bücher? Die Antwort ist einfach – er arbeitete 25 Jahre in einem Kreuzberger Werk, das sanitäre Anlagen produziert und hat seinen Lohn, jeden Pfennig, in seinen Verlag gesteckt, den Oberbaumverlag Berlin, den er 1985 in einer Art Husarenstück übernommen hatte. Die Sinnhaftigkeit des Seins. Die Neunmalklugen. Wer aber Gespür hat für das Historische der eigenen Existenz…
In der Praxis sah die Verlagsgründung dann so aus: Ein kleines Zimmer in der Neuköllner Pannierstraße 54, das der junge Lyriker Walter Thümler und ich ausweißten, ein Tapeziertisch, 12 Plastikstühle drumherum, ein paar Regale an der Wand. Zwei Stunden, bevor die 12 wütenden Gesellschafter des alten Oberbaumverlages, dessen Pleite zu schaffen im Sinn, in unserem neuen Zimmer auftauchten, heizte ich den Ofen und brachte eine häßliche grüne Küchenlampe aus Plastik an der Decke an. An diesem Abend stimmten die alten Gesellschafter der neuen Konzeption von Siegfried Heinrichs zu, forderten ihr Geld aus der Konkursmasse nicht zurück, Geld, das sie einst zu Zeiten Rudi Dutschkes und später, als sie Trotzkisten oder noch später, als sie Maoisten geworden waren, in den Oberbaumverlag eingebracht hatten. Jetzt lebten sie ihrer eigentlichen Bestimmung – sie waren sämtlich reiche Leute geworden, denen es auf ein paar tausend Mark nicht mehr ankam.
An diesem Abend hatte ich während der zähen Verhandlungen, die anfangs äußerst entschieden, ja bösartig geführt wurden, in Ermanglung eines dreizehnten Stuhles auf einem Stapel unverkäuflicher Bücher von Siegfried Heinrichs gesessen. Es war, glaube ich, sein Band Suchend das Königreich Liebe. Er selbst hatte sich einen eigenen, bequemen Stuhl von zu Hause mitgebracht, der fast schon wie ein Chefsessel aussah. – Aber der Oberbaumverlag hatte von Stund an ein neues Profil, den Schwerpunkt Osteuropa, unter dem später auch unsere Bücher erschienen (Wolf Deinert, Jürgen Fuchs, Axel Reitel usw.).
In den folgenden Jahren sah die Verlagspraxis dann mehrere Male so aus: Wenn sich unerwartet wieder einmal ein alter Gläubiger mittels Gerichtsvollziehers ankündigte, packten wir am Vorabend blitzschnell unseren Verlag zusammen, Bücher, Akten, Tapeziertisch, 12 Stühle, versteckten sie in unseren Wohnungen und Kellern. Am nächsten Tag in der Früh ließen ein Gerichtsvollzieher und ein Polizist durch Handwerker die Schlösser aufbohren, unser Freund Hans-Jürgen, zu dessen Wohnung dieses separat gelegene Verlagszimmer zählte, erschien frisch aus dem Schlaf gerissen, schnaubte vor Wut, machte dem Einbruchskommando eine Szene, die Hölle heiß, wieso sie seine Wohnung aufbohrten, ließ sie einen Blick in das besenrein beräumte Verlagszimmer tun und warf sie hinaus. 420 Mark, jedes Mal mußten sie die Kosten zahlen, „für zwei zerstörte Schlösser durch Aufbohren“, Hans-Jürgen schrieb die Rechnungen.
So haben wir, hat Siegfried Heinrichs, angefangen. Später unterstützten Freunde den Verlag finanziell, der Galerist Ingo Urban, der kroatische Schriftsteller Jure Brekalo, der 1991 den Erlös aus dem Verkauf seines Restaurants in Moabit in den Verlag steckte. So überlebte der Oberbaumverlag, lebt bis heute so.

[Nachtrag im Jahre 2005:
In der zweiten Oktoberwoche eines jeden Jahres wird Siegfried Heinrichs immer sehr unruhig – kurz vor der Vergabe des Nobel-Preises, hat er doch inzwischen Autoren im Programm, die ganz oben auf der Liste der Kandidaten stehen. Schon vor vielen Jahren Brodsky, den er in seinem Verlag herausgeben wollte, später Walcott. Seit langem führt er zwei Titel des Chinesen Ba Jin, und im letzten Jahr rief er aufgeregt bei mir an, weil das schwedische Fernsehen bereits einen Termin mit ihm hatte am Tag der Bekanntgabe, wegen Adonis, dem großen Dichter der arabischen Welt, der in Paris lebt und für den er die gesamten deutschsprachigen Rechte besitzt.
Eine der maßgeblichen Unternehmungen Siegfried Heinrichs allerdings war die Herausgabe der Werke Sándor Maráis ab 1998. Nach 1989 ist es ausschließlich der deutschen Verlags- und Feuilletonlandschaft anzurechnen, die Literatur der Ungarn ins internationale Bewußtsein gehoben zu haben. Aber wie nicht anders zu erwarten von den „westlichen Kulturschleckern“(Biermann) avancierte dabei die Salon-Literatur bei Presse und Publikum, Favoriten wurden also nicht György Petri oder Miklós Meszöly, Leute mit historischer und poetischer Substanz, sondern Estherhazy und Nádas, wobei ersterer mit der Schoßhündchenprosa der Kleinen ungarischen Pornographie dem Buch der Erinnerung des letzteren auch noch den Rang in der Bekanntheitsskala ablief. Was von der ungarischen Literatur der letzten 50 Jahre geblieben wäre: Wiener Melange. Aber mitten in diese vom deutschen Literaturbetrieb maßgeblich angestimmte Kaffee-Hausmusik poltert ein gewisser Siegfried Heinrichs und präsentiert einen europäischen Bürger Ungarns. Der erste Titel ist bereits Programm: Bekenntnisse eines Bürgers – Sándor Márai. Ein nüchterner Orpheus der nichts weniger beschreibt als den Untergang des Bürgertums unter dem Kommunismus nach 1945 (vor allem in seinen Tagebüchern, Heinrichs liefert sie in sieben Bänden) und damit die Spaltung, wenn nicht sogar den Untergang des damaligen Europa markiert. Mit der Herausgabe der Werke Sándor Márais durch Siegfried Heinrichs im Oberbaumverlag war die soeben schon wieder verlorene Historie innerhalb der ungarischen Literatur wieder kenntlich. Und diese Erkenntnis hat wohl nicht wenig beigetragen dazu, daß ein Autor von vielfacher Substanz, Judentum, Bürgertum, Kleinbürgertum, Ungar, im Jahre 2002 den Nobel-Preis zugesprochen bekam, Imre Kertész. Leuten wie Heinrichs oder dem Übersetzer von Márai, Hans Skiretzki, sei’s gedankt. – Ende des Einschubs 2005.]

Nicht gesprochen habe ich heute abend von der besonderen Affinität des Schriftstellers und Verlegers Siegfried Heinrichs zu jüdischer Literatur, er hat Freunde in Israel, ich nenne nur Werner Kraft und Ben Chorin in Jerusalem, Mirjam Michaelis im Kibbutz Dalia. Er hat auch, wie bereits erwähnt, Mandelstam und Radnóti herausgegeben; Gertrud Kolmar, Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler tauchen in seinem Werk immer wieder auf, als Adressaten seiner Gedichte, angerufene Weggefährten seines Leids. In dieser Welt sind die Dichter Juden ist ein Satz von Marina Zwetajewa, den Siegfried Heinrichs als Motto für eines seiner Bücher wählte.
Und von seinen literarischen Prägungen ist noch zu sprechen, Böll, Borchert, Pavese, Pound, Bobrowski, Malaparte, Hamsun nennt er selbst. Er liebt die Malerei, ein Umstand, der sich leicht an der Gestaltung der von ihm herausgegebenen Bücher ablesen läßt. Chagall, Kirchner, Nolde, Kokoschka sagt er, wenn man ihn nach seinen Vorlieben fragt. Eine enge Freundschaft verband ihn seit der gemeinsamen Gefängniszeit mit dem 1994 verstorbenen Sieghard Pohl, ein Maler, der bis zur letzten Lebensminute nach seinen von der Stasi verschleppten, bis heute verschollenen, frühen Bildern gesucht hat. Siegfried Heinrichs besitzt ebenfalls einen Teil des Werkes des deutsch-deutschen Malers, so will ich ihn bezeichnen, Roger Loewig. Kurz bevor der Maler Gerhard Altenbourgh tödlich verunglückte, am Silvestertag 1989, hatte er dem Oberbaumverlag noch die Abbildungsrechte für einige seiner Werke erteilt.
Nicht gesprochen habe ich von den gescheiterten Ehen Siegfried Heinrichs, der Bedeutung von Frauen für seine Gedichte und in ihnen, sein Gefallen an der produktiven Einsamkeit, aber auch seine „Einsamkeit in der Zelle, im Leben, in der Umarmung“, wie er es benennt, die andere, die zerstörerische Seite.
Und was für „ein Gesicht“ Siegfried Heinrichs machte, von seiner Verwunderung und Verwundung habe ich noch nicht erzählt, als in den 80er Jahren eine neue Generation von Autoren auftauchte, auch aus Sachsen und Ostberlin, die in Darmstadt und Klagenfurt ihre braven Texte vorlasen, die Preise kassierten, während die Staatsverlage der DDR im Hintergrund die Lizenzen und Devisenverträge aushandelten mit Suhrkamp und Fischerverlag. Ein früher Verweis auf die Jahre im sogenannten „literarischen Leben“, die kommen sollten mit Verdrängung und Nicht-Thematisierung einer eben verschwundenen Diktatur in den 90er Jahren. Von den Autoren meiner Generation haben überwechseln können in die ganz großen Verlage des neuen Deutschland die Zahnlosen, die Stotterer und die Überschminkten, jedenfalls die, von denen von vorn herein zu erwarten war, daß sie auf keinen Fall beißen und sich an die Absprachen des Literaturbetriebes halten würden. Die verkauften Pflastersteine – ja, die verkauften Landeskinder – nein. Die zerstörten Landschaften wurden beschrieben, nicht die zerstörten Menschen (das wiederum blieb einigen ehemaligen „Dissidenten“ mit Außenblick wie z.B. Jürgen Fuchs in Magdalena und einigen vor Ort wie dem Leipziger Lyriker Roland Erb und wenigen jüngeren Dresdner Autoren vorbehalten, die teils in Kleinstverlagen publizieren.) Geradezu gierig gefressen vom (west)deutschen Feuilleton und hoch ausgezeichnet wurden dagegen die literarischen Werke ehemaliger Funktionärskinder, die Über-Väter-Bewältigungen. „Der Dienst“, „Die Gesamtliebe und die Einzelliebe“, „Stille Zeile Sechs“ – kein Wort des Mitleids mit den Opfern ihrer Clique, nicht einmal der geahnte Hauch einer anderen Schönheit, der Ästhetik des Widerstands. Schmerzlich auffällig für mich, ja schreiend, die vollkommene Abwesenheit, als wäre ein menschliches „Gen“ weggespült durch 60 Jahre Diktatur, das völlige Fehlen von Empörung! Kein Wort natürlich auch bei den verabredeten Autoren von „Ver-Wahr-Räumen“, „Hunde-Lauf-Gräben“, „Aus-Bürgerung“, den Wunden der deutschen Sprache, unseren Wunden im Leben. Zu den Dichter-Treffen, sagen wir, nach Wrocław, fahren also weiterhin gemeinsam die Mitglieder der Sächsischen Akademie Professor IM Johannes und der Lyrik-Dozent des staatseigenen ehemaligen Literaturinstituts Johannes R. Becher, der schon in den 70ern verkündete, der Mond könne nun als Mond nicht mehr beschrieben werden, nachdem Kosmonauten dort gelandet seien.
Da habe ich, heute abend, lieber gleich noch „vergessen“, meinen Lieblingssatz von Albert Camus vorzustellen, daß nämlich der Schriftsteller immer auf der Seite jener zu stehen habe, die Macht erleiden, und nie auf der von jenen, die Macht ausüben, und ich habe lieber auch nicht Jiří Gruša zitiert, der sagte, daß das, was die tschechischen, russischen, polnischen, ungarischen Schriftsteller von denen in der ehemaligen DDR markant unterscheide, sei, daß sie auf das bezahlte Wort nicht verzichten konnten oder wollten. So gelangten sie nicht zum freien Wort. Dostojewski saß in Sibirien, Siegfried Heinrichs in Waldheim und war anschließend 25 Jahre lang an der Produktion von Klo-Schüsseln beteiligt, das, und daß es womöglich ein weiter Weg ist zum künstlerischen, freien Wort, will ich lieber nicht mehr anmahnen heute abend.
Aber, ich mute es Ihnen zu, noch einmal möchte ich Jürgen Fuchs zu Wort kommen lassen, vorlesen aus einer Rede, die er im Mai 1994 bei einer Anhörung der Enquete-Kommission zur Aufarbeitung des SED-Unrechts im Berliner Reichstag hielt. Ich spreche ja heute zu Germanisten, denke ich, zu Studenten und Wissenschaftlern, die sollten das vielleicht auch kennen… Fuchs sprach zum Thema “Zur Auseinandersetzung mit den beiden Diktaturen in Deutschland in Vergangenheit und Gegenwart.” Ich zitiere:

ANDERE SCHREIBEN UNSERE BIOGRAFIEN. Als ich gestern die vielen klugen Gedanken hier hörte, die in den Seminaren der akademischen Welt schon lange behandelt werden und sich bestimmt fortsetzen mit neuen Diplomarbeiten, Dissertationen, Habilitationen und epochalen Veröffentlichungen in angesehenen Verlagen und Schriftenreihen, progressiv und kritisch, fragend und antwortend, provozierend und erklärend, begriff ich plötzlich, daß wir verloren haben.

…Ich will es zugespitzt und ungerecht-polemisch sagen: Betroffene, Häftlinge, Ausgebürgerte, ‚Fälle’ und Plebs werden angehört, bedauert und unterstützt, wo das möglich ist. Heimliches Helfen war dafür da und wurde zur Meisterschaft geführt. Es gibt die Dominanz der Helfer, siehe Stolpe, Schnur, de Maiziére, auch Gysi, alle haben geholfen, vermittelt und Gutes getan! …Und ihr Häftlinge, Zersetzten, ihr Minderheiten ohne Macht und Tadel, seid nicht undankbar heute… …Am 9. November ’89 rief Ralph Giordano an, sagte: ‚Jetzt wirst du erleben, was ich erlebte nach ’45. Paß mal auf…’ Da wußte ich noch nicht ganz, was er meinte…
Ihr sollt in Augenhöhe mit uns sprechen … Aber andere sollen nicht von Ferne kommen als Supervisoren und Wissenschaftler. Sie sollen sagen, warum sie koexistiert haben. Warum sie sich mit der Teilung und der Verletzung der Menschenrechte abfanden. Warum ihre DDR-Forschung ganz einträglich war, ihre Exkurse über die unvergleichliche Nazi-Diktatur auch. Warum sie Bonbons annahmen von Erich Honecker und selber welche reichten. Warum sie Polen als Warschauer-Pakt-Land aufgaben 1981, wo die zuständige Großmacht eben für Ordnung zu sorgen hat… Und warum einer, Heinrich Böll, sich zuerst äußerte. In einer Situation, Zitat Böll, ‚als alle noch schwankten und spähten und schwiegen und nicht wußten, was zu tun ist.’ Heute wissen es alle hier! Sehr gut wissen sie es, so sehr gut! Und darum meine Polemik, meine Trauer auch und die Gewißheit, die eigentlich nur nebenbei gesagt sein soll, daß wir verloren haben in einem Augenblick, nämlich jetzt, da es besser wird mit uns. Andere schreiben gelassen und akademisch konzentriert unsere Biografien. Auf dem Hintergrund einer gemeinsamen, umkämpften Geschichte. Das ist gut so und bitter zugleich. Wollen wir hoffen, daß wir dem standhalten, was schon wieder da ist oder kommt.

Das war, was ich noch in den Raum stellen wollte, und vor allem noch, hinweisen darauf, daß ich heute viel zu wenig vom Lyriker Siegfried Heinrichs gesprochen habe, der er in hohem Maße ist. Kürzlich klagte der junge Dresdner Lyriker Christian Lehnert, daß es in der deutschen Lyrik kaum noch Autoren gäbe, die sich einer christlichen Metaphorik bedienten. Solcher Unsinn kann in Preis-Dankes-Reden öffentlich gesagt werden, wenn Lyriker wie Roger Loewig und eben Siegfried Heinrichs vergessen sind.
Zum Abschluß lese ich, Ihr Einverständnis vorausgesetzt, denn es ist spät geworden heute abend, einige Gedichte aus dem Band Zeit ohne Gedächtnis von Siegfried Heinrichs. Das Buch sammelt sein lyrisches Werk und wird im März zur Buchmesse in Leipzig erscheinen.
Ein letztes Wort: Über einen Freund zu schreiben, ihn anderen nahezubringen, schien mir am Anfang leicht, dann mußte ich aber, wie immer auch, meine Sicht auf den Autor und auch meine eigenen Positionen neu überdenken, ein Problem von Nähe und Distanz. Ich hoffe, Sie haben nicht allzu viel davon gemerkt, nur meinen Wunsch verspürt, nach mehr Entschiedenheit und Beteiligung, wenn Sprache bedroht und damit zu verteidigen ist, und damit auch mein Bekenntnis zu Siegfried Heinrichs, das sollten sie wahrgenommen haben. Die Freiheit nämlich, den Mond zu beschreiben als Mond, ist zu verteidigen gegen die Dozenten der Diktatur wie die Erde. Ich danke für die Einladung.

(Technische Universität Dresden, Institut für Germanistik, Januar 1995/aktualisiert 2005)




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