Dec 2014

Christine Cosentino

“Unverbindlichkeit  auf  Dauer”: Julia Schochs  Reminiszenzen in dem Roman Selbstporträt mit Bonaparte

Im Nachhinein der Wiedervereinigung  gab es  eine Flut fiktiver oder autobiographischer Erinnerungsliteratur, die der Feder von Autoren aus der entschwundenen DDR entstammen. Christa Wolf, Volker Braun, Monika Maron, Uwe Tellkamp, Andre Kubiczek und Christoph und Jakob Hein waren einige unter vielen, die sich mit der Frage beschäftigten, welche psychischen Nachwirkungen das  Ende der DDR auf den Einzelnen haben konnte.  Noch heute, rund zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, stehen östliche Autoren aus verschiedenen Generationen im Sog von Geschichtsverlust und Des- oder Neuorientierung. Erhellende Erinnerungsarbeit in der ganz persönlichen Geschichte innerhalb der Geschichte des DDR-Staates wird zur Voraussetzung, sich dem neuen westlichen Staat zu stellen, sich in ihm zu integrieren oder kritische Distanz zu gewinnen. Auch die 1974 geborene Autorin Julia Schoch, Tochter eines NVA-Offiziers,  knüpft hier an. In ihren Erzählungen  Der Körper des Salamanders, vorrangig aber in ihren Romanen Mit der Geschwindigkeit des Sommers [1] (2009) und Selbstporträt mit Bonaparte [2] (2012)  geht es um existentielle Erschütterungen,  um Menschen, die ihre Geschichte und  ihren Halt  verlieren und perspektivelos dahintreiben. In deutlicher Korrespondenz mit Christa Wolfs Roman Nachdenken über Christa T.  widmet sich auch die um zwei Generationen jüngere  Kollegin Schoch dem Thema  privater oder gesellschaftlicher Auflösung,  entschwundener Hoffnungen und versuchter, jedoch fehlgeschlagener  Neukonstituierung. Wie Wolf nimmt  sie die Frage auf,  mit welchen Inhalten und Hoffnungen die neu entstandene Lücke zu füllen sei. Sie kennt die Gefahr von Isolation und Entfremdung: ”Die Lücke, die einen vom anderen trennt,  darf nicht zu groß werden. Es sei denn, der Wille ist stark genug, die Lücke auszufüllen, immer aufs Neue und dauerhaft” (B 62).

Schoch umkreist in analysierenden  Rekonstruktionsversuchen das Problem des Verlustes eines geliebten Menschen, eines Staates, eines aufgegebenen Lebensraumes, einer  Liebe und letztlich des Verlustes eines traditionellen Zeitgefühls oder “einer normalen Zeitrechnung” (B 60).  Rekonstruiert  eine Ich-Erzählerin im Roman  Mit der Geschwindigkeit des Sommers  das Leben ihrer an der DDR und der Bundesrepublik gescheiterten Schwester, die Selbstmord beging, so reflektiert in Selbstporträt mit Bonaparte ein namenlos bleibendes grübelndes Ich über eine “merkwürdige” Liebe, die sich nur im zeitlosen, abgeschirmten Interieur eines Kasinos verwirklichen lässt. Für beide Werke gilt Frauke Meyer-Gosaus  Statement, die Wende fungiere  als  “ein Scharnier zwischen Nichts und Nichts”[3]. In  diesem Sinne schlägt sich die  Gestaltung  des zeitlichen Leerraums  in einer leitmotivischen Reflexion  der Begriffe  “Zeit-Vertreib”, “Zwischenzeit” oder  “Aus-der-Zeit-Fallen” nieder  und zwar nicht nur in einer verschwommenen Chronologie der Handlung,  sondern auch im Sinnieren  der gleich zu Anfang  beider Werke  gestellten Frage: “Was weiß diese Zeit von einer anderen?” (B 9)  bzw. “In welch sonderbarer Zeit spielt das, was ich erzähle?” (G 9).

Doch es gibt andere Gemeinsamkeiten in beiden Werken, und sie seien  kurz  erwähnt.  Sie betreffen den Versuch, den Stillstand und die Stagnation einer in der DDR  anerzogenen  Wartehaltung  – “diesen bedrohlichen Gleichmut”  (G  60)  bzw.  “diese merkwürdige Gleichgültigkeit” (B 20)  – zu durchbrechen. Da die westliche Konsumentengesellschaft mit ihrem Überangebot an Möglichkeiten und Entscheidungen den Menschen oft überfordert,  verwirrt und beschämt, endet dieser Versuch in der Un-wirklichkeit  konservierter Lebensträume; diese sind in Liebesbeziehungen eingefangen, die mit rückwärtsgerichteten Phantasien befrachtet sind. Wurde in den Tagträumen der rekonstruierten Schwester-Figur ein ehemaliger NVA-Soldat  zum Symbol  des Versprechens auf eine utopische Zukunft, einer für möglich gehaltenen, “nicht probierten Version” (G 63) des DDR-Experiments  – “Wenn sie ihn umarmte, umarmte sie das Phantom eines anderen Lebens” (G 63) –  so “erfüllt” sich  die Liebe der beiden Protagonisten in Selbstporträt mit Bonaparte nur in der Unwirklichkeit des  Kasinos. Da  beide  sich – so Jana Hensels  sinnvolle Einschätzung  –  als  “übriggebliebene” (B 33)  “Vergangenheitswesen”[4]  ohne  Zeitgefühl begreifen, empfinden sie hier ein  “seltsam verloren gegangenes  Gefühl einer Gemeinschaft”,  allerdings  “ohne [die] Verschworenheit”  (B 50) DDR-spezifischer Kontrollorgane.  Trotz starker Ablehnung  der “abgezirkelten, starren Welt aus Vorschriften” (B 87) erinnert sich die Ich-Erzählerin/die Autorin mit Wehmut an ihre Kindheit und Jugend im entschwundenen Land. Vertraut gewordene Gebäude in den Städten werden abgerissen, eine Zerstörung des Vertrauten, und eine als demütigend empfundene Abwertung des früheren Lebens.  Es handelt sich in Selbstporträt mit Bonaparte  um  – so das sarkastische Bonmot eines Spiegel-Rezensenten  – “ein genaues Protokoll, wie und warum eine von der Wende überforderte  Ostfrau samt ihrem Lover in der Stupidität von Spielbanken so etwas wie Heimatglück findet.”[5]  Mit der Geschwindigkeit des Sommers  endet die Liebe der Schwester zum Soldaten.  Unfähig zu Entgrenzung und  Neukonstituierung,  begeht  sie Selbstmord, ironischerweise an dem Ort, der der Inbegriff  der Freiheit und der unbegrenzten  Möglichkeiten ist, New York.   Der wegen seines Profils Bonaparte  genannte Liebhaber dagegen verschwindet aus dem  Leben der reflektierenden Erzählerin. Sein Porträt  fungiert im Selbstporträt der Erzählerin als Nachruf.  Das Verschwinden löst den Erzählstrom aus, der das Vergangene retten soll.

Selbstporträt mit Bonaparte  suggeriert  Selbstanaylse; die Ich-Erzählerin rekonstruiert  den Geliebten und hinterfragt, was sie an diesen Menschen gebunden hat: “Und sobald ich mich im Spiegel betrachte, erscheint sein Kopf hinter meinem. Eine Art Doppelporträt oder Selbstporträt als Paar” (B 30). Wer ist die nachdenkende  Ich-Sprecherin?  Sie ist in der DDR groß geworden, lebt in der Stadt P., die man unschwer als Potsdam erkennt,  und ist ausgebildete Historikerin, die ihre Stellung an der Universität aufgibt, um sich der Literatur zu widmen. Sie arbeitet als Schriftstellerin und schreibt Texte für Kataloge mit Photos von Städten, die sich in der neuen Zeit architektonisch wandeln. Auf einer Historiker-Konferenz über “Ansichten der Vergangenheit” lernt sie einen Mann kennen, dessen Vortragsstil merkwürdiger Gleichgültigkeit und offensichtlicher Verachtung seinem Publikum gegenüber die Ich-Erzählerin fasziniert. “Wozu das Ganze” (B 21), äußert er sich und bläst ihr lässig imaginierten Zigarettenrauch ins Gesicht. Er folgt ihr drei Tage später in ein Ostseebad, und beide gehen ins Kasino, wo sie sich der Leidenschaft des ewigen Moments hingeben. Außerhalb dieser Sphäre  geschieht wenig.

Wer ist dieser Mann? Er ist ebenfalls in der DDR  großgeworden, rebellierte gegen  Stagnation  und Vorschriftenzwang im verriegelten Land  (“Raus! Raus hier!” (B 75) und entfloh in die Sowjetunion, wo  er an einer Erdöltrasse arbeitete. Als er zurückkam, rutschte er “plötzlich in eine vollkommen andere Zeit, ohne wirklich zu verstehen,  wie er da hineingeraten war” (B 77). Er verliert seinen Glauben an die Vergangenheit und an die Zukunft. Trotzdem studierte er Geschichte,  mokiert  sich aber über Historiker, die den Gang von Ereignissen und  deren  Zusammenhänge  sowie deren Ursachen und Wirkungen logisch zu erklären versuchen. Er tue es aus “Trotz, nicht Widerstand” (B 79) gesteht er, wobei er diese “Trotzhaltung” auch auf die Ich-Erzählerin überträgt: “Gut möglich, so Bonaparte, dass wir die meisten Dinge noch immer so taten” (B 79). Der britische Germanist Paul Cooke hatte in seiner Analyse von Ingo Schulzes Simple Storys  im Jahre 2003 auf eine ostalgische Trotzidentität ehemaliger DDR-Bürger verwiesen, die allerdings im vereinigten Deutschland prozesshaft dem pragmatischen Akzeptieren der neuen westlichen Welt Platz mache:  “a more dynamic, fluid notion of Eastern identity within the context of contemporary German society.”[6] Bonaparte jedoch stagniert. Statt scheinbar unverbundene historische Ereignisse im Rückblick zu ordnen, zelebriert er eine  Theorie des Chaos:

Die einzelnen Momente der Menschheitsgeschichte waren nicht Stufen, sondern Pontons, den festen, breiten Blättern von Seerosen nicht unähnlich, die im ewigen Ozean der Zeit trieben und zwischen denen keine Verbindung bestand. Ihr Standort, ihre Beziehung untereinander folge, so Bonaparte,keiner Logik. So gesehen gäbe es weder Vergangenheit noch Zukunft, in gewisser Weise also auch keinen Tod … Die Dinge passierten chaotisch, wirr und unberechenbar (B 114-115).

Bonapartes  Philosophie spiegelt ein unüberbrückbares  Kommunikationsdefizit im  Charakter;  er ist unberechenbar und  gleichgültig,  pflegt einen chaotisch wirren Lebensstil und neigt zu extremem Individualismus: “dazu seine Anzüge, die ich Cary-Grant-Anzüge nannte (figurbetonte Zweireiher, wie sie heutzutage kein Mensch trägt), und die er sich nach Hollywoodaufnahmen schneidern ließ” (B 48).  Sein eigenes Fazit: es gehe  darum, “etwas aus sich zu machen, was man eben gerade  nicht  gezwungen worden war zu sein, darum, gewissermaßen so unselbst wie nur möglich zu werden” (B 57).  Entdeckt die Ich-Erzählerin hier Wahlverwandtschaften? Auch sie hatte ja zu DDR-Zeiten in ihrer Jugend rebellisch auf Einheitskleidung, Zwang und Vorschriften reagiert. Sie kam mit Badelatschen in die Schule,  eine Herausforderung, die  ihr das  Prädikat  “Sie … Sie … Individuum”  einbrachte und den Bescheid, dass sie ihren Wusch, Fremdsprachen zu studieren,  auf “ewig an den Nagel hängen könne” (B 76).  Sind es  solche  Allergien, die sie in diesem skurrilen, exzentrischen  Chaoten bestätigt findet, Allergien,  die  letztlich in eine Gegenwelt  führen, die frei von gesellschaftlicher Problematik ist?  Sie reflektiert: “ Vielleicht ist der einzige Grund für die Liebe heutzutage tatsächlich der, dass man ein gleichartiges Wesen braucht, um seine Vergangenheit, also sich selbst, nicht zur Erfindung werden zu lassen” (B 76).

Warum wird das Roulette zum zelebrierten Ritual der Liebe? Es bedarf nicht der geringsten Überzeugungsarbeit, als Bonaparte der Ich-Erzählerin an den Badeort an der Ostsee folgt und vorschlägt, ins Kasino zu gehen. Im späteren Nachsinnen über diesen merkwürdigen Ort ihrer Liebe findet sie im Rückblick auf ihre Vergangenheit die verborgenen Fäden, die die Gegenwart und ein Porträt ihrer selbst entwerfen. Roulette war dem Kind nicht unbekannt. Das Mädchen hatte ein Spielzeugroulette mit Plastikkessel und grellbunten Jetons. Die Vorstellung, die sich mit diesem Spiel verband, faszinierte sie schon damals:

Roulette – das war der Inbegriff einer gänzlich anderen Welt, und alles, was gänzlich anders war als mein Leben in einer verschlafenen Kleinstadt am äußersten Rand eines verriegelten Landes, war verheißungsvoll. Wenn ich in ausländischen Filmen Menschen im Kasino sah, wurde ich sehnsüchtig … (B 17) Eine Zeitlang dachte ich, das Roulette sei nichts weiter als ein Symbol für die Freiheit, nach der ich mich sehnte. Eine Freiheit, bei derman sich unspektakulär durch die Welt würde bewegen Können (B 18).

Die Neu-Integration in der Bundesrepublik jedoch mit dem endlosen Vorrat an Reiseangeboten und Entscheidungsmöglichkeiten für Gegenwart und Zukunft  scheint das Ich auf neue Weise zu belasten und führt letztlich zur Flucht in den imaginierten Stillstand der Zeit, zum  Zeit-Vertreib, zu  einem Aus-der-Zeit-Fallen oder dem Heraufbeschwören einer Zwischenzeit.  Die Ich-Erzählerin sinniert: “Vielleicht, so denke ich jetzt, ist unsere Leidenschaft fürs Roulette tatsächlich nie etwas anderes gewesen als eine Form des Ausharrens. Eine Art, die Zeit zu überstehen, am behaglichsten aller Orte” (B 82). Die Frage, ob der Rückzug ins Kasino aus den Überforderungen der neuen westlichen Welt zu erklären ist, scheint zunächst überzogen. Doch evoziert die Unwirklichkeit  dieses behaglichsten aller Orte imaginierte Gewissheiten, auch Schutz, Rausch, Ekstase und eine Form zauberhafter Sicherheit, die sich in der wirklichen Welt nicht finden lässt: “Mit ihren überschaubaren Regeln, den uhren- und also zeitlosen Interieurs, ihren samtenen Abpolsterungen gegen das Draußen sind sie [die Kasinos] die sichersten Orte der Welt” (B 83). Das Verlangen nach Überschaubarem,  nach  Sicherheiten und wohliger Geborgenheit jenseits einer unberechenbaren Welt ständigen Auftrumpfens  lässt sich aus der psychischen  Disposition des Charakters  erklären, sicherlich aber auch aus dem Erbe früherer Sozialisierung im verschwundenen Staat.

Die Glorifizierung des Roulettespielens ist problematisch. Obwohl die Ich-Erzählerin wiederholt vom kontrollierten Spielen oder “vernünftigen Spielen” (B 113) spricht, kann man sich des Gedankens an Suchtverhalten nicht erwehren. Die Verzahnung  des  Glücksspiels mit der Liebe wird in Schochs Werk zum Lebensinhalt und führt zum gefeierten Rückzug aus dem sozialen Umfeld. Man denkt an Dostojewskis  Roman Der Spieler (1866) , in dem zerstörerische Spielsucht ebenfalls mit einer komplizierten Liebesgeschichte gekoppelt ist. Als Polina dem sterblich in sie verliebten Spieler Aleksej ihre Liebe gesteht, ist dieser bereits in die Psychofalle des Glücksspiels geraten. Für die Liebe ist es zu spät; er erliegt der Sucht.  Schoch ist sich der Gefahren einer solchen Obsession durchaus bewußt. En passant umreißt sie ein Psychogramm  klassischen Suchtverhaltens. So berichtet Bonaparte von einer Nacht im Kasino, in der er sein gesamtes Forschungsstipendium verliert:

Seinen  Worten zufolge hatte er gespielt wie ein vergifteter Affe. Die meisten beklagen sich nach einem verlorenen Dreh über die Ungerechtigkeit, Bonaparte ignorierte Verluste. Für das Verlieren hat er wortwörtlich keinen Sinn. Er straft das Glück, wenn es ihn verfehlt, mit Verachtung, ja er fühlt sich nicht im Geringsten angesprochen, ganz so, als müsse dem System irgendein Fehler unterlaufen sein … Mit ungerührter Miene verlässt er den Spieltisch, um in einem unerkannten Moment (unerkannt vom Zufall) wieder da zu sein  und das Ganze gewissermaßen geradezurücken. (B 113-114).

Selbstporträt mit Bonaparte  jedoch auf der Folie einer solchen Gedankenführung zu interpretieren, wäre Sache der Suchtexperten. In Schochs Roman greift dieser Ansatz zu kurz. Literaturkritiker reagierten  sehr unterschiedlich.  Auf das gesellschaftliche nachsozialistische Umfeld zwischen Nichts und Nichts wurde an früherer Stelle hingewiesen.  Die bereits erwähnte Spiegel-Rezension deutete die Kasino-Atmosphäre  als “eine von allen Anforderungen und Ideologien freie Parallelwelt.”[7] Nina Albus sieht es ähnlich: “Es ist der Genuss des Moments, frei von Bedeutung und Geschichte. Es ist das Aufsaugen des bloßen Seins im Jetzt, grenzenlos – das  Aus-der-Zeit-Fallen.”[8] Kai Spanke stimmt zu;  in seinen geradezu  schwärmerischen  Ausführungen wird der Ort der Liebe “zum sakralen Ort, denn im Innern vollziehen sich gleich zwei Transsubstantiationen der besonderen Art – Jetons verwandeln sich in Geld, und Zeit verwandelt sich in Ewigkeit.  Das ist der Kern des Romans:  Unaufhörlich fällt die Erzählerin aus der Zeit, beim Lieben wie beim Spielen.”[9] Einen gesellschaftlichen Ansatz, der jedoch strapaziert wirkt, wählt Welf Grombacher. Das Glücksspiel stehe nicht nur ”für die neue Freiheit”, es werde geradezu zur “Metapher” für die DDR: “Das Spiel gleicht einer Gemeinschaft von Spitzeln, in der jeder jeden belauert. Außerdem ähnelt die Schicksalsergebenheit des Spielers der des Staatsbürgers im totalitären System.”[10]  Unfähigkeit, sich den alltäglichen  Zwangsverhältnissen zu stellen  und einen daraus resultierenden  Realitätsverlust hebt dagegen Tobias Heyl hervor: “Die lustvolle Ohnmacht unterscheidet sich vollständig vom normalen Leben, in dem man unablässig Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen, dem Alltag irgendeinen Sinn abkämpfen muss. Die Leidenschaft des Spiels befreit von all diesen Zwangsverhältnissen zur übrigen Welt, genau wie die Leidenschaft der Liebe, die auf den einen Augenblick hin gerichtet ist, da es nur diesen einen Mann gibt […] .”[11] Hier knüpft Karim Saab an, der das Spiel als  Metapher, als gelebte Liebe im Ritual des Kasino-Besuchs interpretiert: “Das Spiel soll als Metapher herhalten – für die Suche und Notwenigkeit des Glücks. Es steht auch für den absolut erstrebenswerten  Zustand der Selbstvergessenheit, Hingabe und Euphorie. Das Roulette eröffnet den Figuren die Möglichkeit, aus der Gegenwart zu  fallen, eine Qualität, die sonst nur der Liebe zugeschrieben wird.”[12]

Wie steht es mit dieser Liebe, der sich die Ich-Sprecherin so bedingungslos hingibt? Erwähnt wurde bereits, dass außer den Kasinobesuchen wenig in diesem Roman geschieht. Zu erinnern sei an das Motto, das dem Roman vorangestellt ist: “Aber die Zeit vergeht, und was passiert eigentlich?” Dieses Zitat ist dem Film Thomas Crown ist nicht zu fassen (1968) entnommen, einer Kriminalkomödie, in der ein gelangweilter, sich einsam fühlender Millionär nach Nervenkitzel sucht, um sich lebendig zu halten. Sind Liebe, Euphorie, Rausch, Ekstase, Spannung in  Selbstporträt mit Bonaparte ebenfalls als Hilfskonstellationen zu begreifen, die den beiden “Übriggebliebenen” einen Platz in der Gesellschaft garantieren oder sie aus dem  Zustand von Langeweile oder Passivität locken? Treiben Identitätsdefizite und Assimilationsunfähigkeit die Erzählerin in den Teufelskreis  von Liebe, Sucht und Glücksspiel? Die Handlung ist diffus. Die Ich-Erzählerin  gesteht, sie sei Bonaparte in der Tat verfallen;  sie ist ihm willenlos ausgeliefert, und bedingungslos bis zum Masochismus gibt sie sich dieser Liebe hin. An dieser Stelle wäre zu fragen, ob  frühkindheitliche Prägungen zu dieser sonderbaren Liebe, dieser “Unverbindlichkeit auf Dauer”,  beigetragen haben.  Unberechenbarkeit hatte das Mädchen  bereits im Verhalten des Vaters kennengelernt, der sich sang und klanglos davonmachte, wann immer ihm danach zu Mute war und der dann nach der Wende auf Jahre hinaus verschwand.  Auch Bonaparte kommt und geht, wie er will,  richtet nie ein zärtliches Wort an sie  –  “Wozu das Ganze?” – verbietet sich jegliches  Eindringen in die Privatsphäre, schreibt nie einen Liebesbrief und ist unfähig, “sie auf gewöhnliche Weise zu lieben” (B 26), Verhaltensmuster, die die Ich-Erzählerin anstandslos akzeptiert.  Nüchtern resümiert sie: “Würden wir nicht dort hingehen, ins Kasino, wäre es vorbei. Wir würden eindringen in eine normale Zeitrechnung” (B 59-60).

Die Liebe der “Übriggebliebenen” ist  im wirklichen Zustand normaler Zeitrechnung von Müdigkeit, Erschöpfung und einer passiven Wartehaltung gekennzeichnet, die ein utopisches Versprechen auf Zukunft ausschließt. Nichts ist geblieben vom rebellischen Individualismus des Kindes, das sich zu  DDR-Zeiten so vehement gegen Vorschriftenzwang gestemmt hatte. Es ist offen, ob die Erzählerin in der Hingabe an den gedehnten Moment des Glückspiels letztlich doch in den Bereich des Pathologischen geglitten ist. Zweifel kommen  ihr:  “Plötzlich dachte ich, dass  die ewige Gegenwart des Spiels vielleicht tatsächlich ein Fluch sei, dem man nicht mehr entkommt. Dass sie nichts anderes bedeutete, als allmählich alles zu verlernen, was einen in der wirklichen Zeit hielt. Die Formen des Lebens, das Interesse für seinen Sinn und seinen Unsinn, für seine Vergeblichkeit und kurzen Feuerwerke” (B 127). Traumwandlerisch  treibt sie durchs Leben und wartet. Es ist unklar, worauf sie wartet.

Auf einer Lesung im August 2012 wurde die Autorin Schoch gefragt, warum sie das Kasino als Schauplatz eines Gegenorts gewählt habe.  Sie erklärte, sie selbst sei eine Zeitlang ins Kasino gegangen.  Es handele sich um ein Zeitphänomen, die Zeit sei verantwortlich. Es habe zu tun mit dem Verschwinden von Städten, so, wie DDR-Bürger sie gekannt hätten, mit den enormen architektonischen Veränderungen in der Stadt Potsdam, die sich rapide  in eine restaurierte, royal-restaurative Stadt zurückentwickele, als habe es die letzten hundert Jahre nicht gegeben. In kompletter Ratlosigkeit und Desorientierung seien die beiden Liebenden ihres Romans ins Kasino ausgewichen  – wie sie selbst.[13] Diese Ausführungen befriedigen nur teilweise. Schoch betont Architektonisches in der Gegenwart, äußert sich jedoch nicht über im DDR-Staat verwurzelte  psychische  Schäden ihrer Protagonisten. Die fiktive Ich-Erzählerin in  ihrem  Roman jedoch geht in ihren Reminiszenzen dem Problem der Weltflucht an die Wurzel.  Sie  geht auf Spurensuche.  Durchweg dringen Erinnerungssplitter realsozialistischer Sozialisierung in ihre Grübeleien. Die Mauer ist gefallen, Gleichgültigkeit und Gleichmut sind geblieben. Gängelei und Reglementierung wirken im Bewusstsein der Liebenden weiter fort. Im Zusammenblenden von enttäuschter Liebe und gesellschaftlichem Frust evoziert die Autorin in den letzten Zeilen des Romans eine Stimmung von lähmender Passivität, Apathie und Starre, die jeglichen Bewegungsdrang und jegliche Initiative ausschließt. Auch für Selbstporträt mit Bonaparte gilt, was die Autorin in  Mit der Geschwindigkeit des Sommers  als Last  fortwährenden DDR-Erbes  herausstellte: “Ich halte es für möglich, daß der wortlose Gleichmut jener Zeit in uns geblieben ist, dass wir ihn mitschleppen bis zum Tod. Und dass gar nichts ihn ersetzen kann, nicht eine neue Liebe, auch kein Plan zum Fortgehen, ja: nicht einmal die Lust der Freiheit” (G 120).


 

Endnoten

[1] Julia Schoch, Mit der Geschwindigkeit des Sommers (München: Piper,  2009). Seitenzahlen werden im Text der Arbeit  mit der Sigle G angegeben.

[2] Schoch, Selbstporträt mit Bonaparte (München: Piper, 2012).  Seitenzahlen werden im Text der Arbeit mit der Sigle B angegeben.

[3] Frauke Meyer-Gosau, “Wir sind zu früh”,  Literaturen  05 (2009).  S. 26.

[4] Jana Hensel, “Die Liebenden von Potsdam”,  der Freitag  41 (2012).

[5] “Der letzte Jeton,” Der Spiegel  05.11.2012.

[6] Paul Cooke, “Beyond a Trotzidentität? Storytelling and the Postcolonial Voice in Ingo Schulze’s Simple Storys”,  Forum for Germanic Language Studies, 39.2 (2003), S. 299.

[7] “Der letzte Jeton”,  Der Spiegel  05.11.2012.

[8] Nina Albus, “Ewigkeit des Augenblicks”,  Südwest-Presse 28. 12. 2012.

[9] Kai Spanke, “Nichts geht mehr, aber alles ist möglich”,  Frankfurter Allgemeine Zeitung  04.09. 2012.

[10] Welf Grombacher, “ Gemeinschaft ohne Verschworenheit”,  Märkische Oderzeitung 12.12.2012.

[11] Tobias Heyl, “Im Archiv des Zufalls”,  Süddeutsche Zeitung 29. 10.2012.

[12] Karim Saab, “Roulettespiel ohne Tragik: Julia Schoch hat einen Potsdam-Roman geschrieben, der die Liebe und das Glücksspiel verherrlicht”,  Märkische Allgemeine Nachrichten 13.11.2012.

[13]“ Selbstporträt mit Bonaparte von Julia Schoch”, www.youtube.com/watch?v=g7PTD4y0UYA,  Video Redaktion 08.11.2012.

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