Jun 2015

Utz Rachowski

DER SINNGEBER

Meine wunderbaren Jahre mit Reiner Kunze – als Leser, Mitwirkender und Kollege. (Rede anlässlich des Festaktes der Universität Dresden zum 80. Geburtstag von Reiner Kunze.)

I

In einem Nachbarland meiner frühen Jugend geschah eines Tages ein Wunder. Dort wurden plötzlich Reisefreiheit, Streikrecht und eine interessante Presse möglich, die Tschechen und Slowaken durften mit einmal nach München, Wien und Paris fahren. Ich war vierzehn, und die Erwachsenen unterhielten sich aufgeregt darüber. Da wusste auch ich es, und alle, die darüber redeten, fühlten sich betrogen und sprachen es aus.

In einer Nachbarstadt, nur über den kleinen Friesener Berg, keine zwanzig Minuten mit dem Linienbus von meiner Heimatstadt entfernt, damals kostete es 70 Pfennige, gibt es die schöne Stadt Greiz.

Was ich von Greiz weiß

Von Greiz weiß ich, was ich erinnere: Sonnentage. Gemeinsam mit der Großmutter im Bus über Friesen zu einer fernen Verwandten, die im Oberen Schloss wohnte. Der Blick von dort aus dem Fenster über den Park hinweg und die spiegelnde Teichfläche. Pflaumenkuchen auf dem sonnenüberfluteten Tisch; Kaffeetrinken, für mich Kakao, die beiden alten Damen vergnügt, stießen an mit einem Glas dunklen Likörs. Dann hinunter in den Park, die Blumenuhr, aber ich erinnere eine Sonnenuhr mit einem wandernden Schatten, der auf gelbe und blaue Veilchen fiel, hier, lasse ich mir sagen, trügt meine Erinnerung. Ein paar Schritte auf den Parkwegen, ich stecke den Kopf durch die Gitter eines Pavillons aus ergrautem Stein, menschenvergessen, unge­pflegt, und atme die modrige Luft des runden Raumes. Hier lebt ein Mann auf den Knien, einen Stahlhelm auf seinem Kopf. „Er fällt gerade“, sagt meine Großmutter und zieht mich weg vom Gitter. „Warum?“ frage ich. „Viele sind gefallen“, sagt sie. Mit einer Wendung stehe ich wieder inmitten der Sonnenwelt.

Weiter dem Teich zu, Grün um Grün, am Ufer die Wurzeln der Bäume, wie erdbewohnende Koboldsköpfe, lustig, gutartig, keine irrlichternden Gnome und böse, wie an den Mooren. Erdbewohner würden später immer diese verspielten Wurzeln sein, die Gegenwelt der Menschen, der Erdenbewohner.

Das Entenhaus auf dem Wasser, eine vollständig gelungene Illusion, mit gemalten Fenstern, sogar Gardinen angedeutet, gelungen so sehr, dass ich dort einziehen will, mein Traumhaus. Als ich, vielleicht dreißig Jahre später, davon zehn Jahre Einreiseverbot, wieder davor stehe, bleibt mein Eindruck erhalten, auch mein Wunsch und mein Traum. Inzwischen etwas kurzsichtig, sehe ich wohl das Entenhaus, schwebend auf dem Wasser, aber nicht die gemalten Fenster und Türen, möchte auch heute dort wohnen, die Illusion bleibt vollkommen. Nicht im Schloss, dessen Bild stetig durch die hohen Parkbäume zitterte, dort unten am Teich wollte ich leben. Und an diesem durchsonnten Kindernachmittag, erinnere ich mich ungetrübt, kaufte mir die ferne Verwandte der Groß­mutter in einem Blumenladen nahe am Park noch etwas, was ich unbedingt besitzen wollte: einen kleinen goldenen Drachen aus Metall, an dem wie eine Ampel ein chinesischer Lampion hing, um den eine Temperaturskala lief, ein Wandthermometer. Später habe ich das gläserne Thermometer­röhrchen zerstört, in dem ich ein brennendes Streichholz daran hielt, weil ich beobachten wollte, wie es ist, wenn die Temperaturanzeige über fünfzig Grad hinausgeht. Es machte nur einen winzigen Klick, und das Thermometer um den chinesischen Lampion war zerstört und gebrochen.

Dann, ich war noch immer vierzehn, kam ein unvergesslicher Sommer, viele meiner Freunde und Bekannten, sagen noch heute, dass er das Grunderlebnis für unsere Generation sei. Es begann damit, dass in den Zeitungen stand, auch in der Schule wurde darauf verwiesen, dass das Betreten der Wälder verboten sei, weil dort eine militärische Übung größeren Ausmaßes stattfinden würde. Also nichts mit Pilzesammeln, Großmutter schimpfte, schob ihren Bastkorb früh um fünf Uhr in ihre Ellbogenbeuge und zog auch mich verschlafen mit aus dem Haus. Wir wollten Pilze suchen und fanden Panzer. Schon am Waldrand wurden wir in einer fremden Sprache weggebrüllt, ich sagte Großmutter, dass das Russisch sei, und sie erwiderte, das kenne sie auch, in ihrer Kindheit in Sdunska Wola bei Posen hätte sie es in der Schule lernen müssen, so wie ich, sagte ich schnell. Wir gingen nicht mehr in den Wald.

Bis zu jenem Tag, als der Vulkan nachts ausbrach und lavafarbene Fuhrwerke aus Stahl ausspie auf denen graugrüne Soldaten ritten, zwei drei Tage lang, dann war es still. Die Asphaltstraßen zermalmt, die Pflastersteine an den Straßenrändern aufgehäuft wie wachsende Mauern. Die Bevölkerung, die Nachbarn aus den Gärten neben uns hatten schweigend zugesehen, gewinkt nur wenige, manche den Soldaten mit der Faust gedroht. Auch deutsche Soldaten waren am zweiten Tag lange vorübergezogen. Ihre Panzer, Kanonen und Lastwagen glänzten poliert, mit besserem Lack überzogen, als die russischen, sauberer. Was man heute in der geklitterten Geschichtsschreibung der Historiker wiederfindet, es handelt sich um die offizielle Geschichtsschreibung: bis auf 14 Verbindungs-Offiziere und -Unteroffiziere seien keine Deutschen beteiligt gewesen. Ich traf westdeutsche Augenzeugen, die mindestens 70 Schützenpanzer mit DDR-Kennung auf böhmischem Gebiet sahen und mit den Soldaten deutsch sprachen. Es ist so etwas wie mein Hobby geworden, so nebenbei also: Voriges Jahr fand ich einen ehemals beteiligten Soldaten der „Nationalen Volksarmee“, der an der Grenze in Altenberg 1968 die tschechischen Grenzsoldaten entwaffnete und danach die von Panzern niedergewalzten Grenzanlagen, auch die zerquetschte blau-weiß-rot bemalte lange Metallstange des Schlagbaums zur Seite räumte. Die Historiker haben die Bedenken einer deutschen Beteiligung auf tschechischem Gebiet bedenkenlos beiseite geräumt; mir scheint, dahinter steckt ein politischer Wille, es darf nicht sein, dass die Deutschen schon wieder mal nach Böhmen einfielen. Wer, wie ich, das Gegenteil mittels Augenzeugen beweisen will, wird scharf angegangen. Das ist mir zum letzten Mal passiert vor sechs Jahren (2007) in Pennsylvania am Dickinson College, natürlich war es der deutsche Literatur-Professor im Publikum, Wolfgang Emmerich, der dort nach meiner Lesung an diesem Punkt herumnörgelte. Mein Freund, der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich, sagte zu mir: „Mach dir keine so großen Gedanken darüber, er musste seine Bücher umschreiben nach 1989, wir nicht“. Schließlich hatte der Verfasser von Kleine Literaturgeschichte der DDR die meisten Namen kritischer Autorenkollegen meiner Generation erst nach dem Fall der Mauer nachträglich in die neuen Auflagen seiner Literaturgeschichte einmontiert. Darüber kann man sich verstreiten und auch wieder versöhnen, denke ich, und ein wenig die Finger in diese Wunde legen während einer Festrede in den heiligen Hallen der Germanistik, kann vielleicht nichts schaden.

„LXXI

IN DEN SCHEUNEN TROCKNET AUF-

GEHÄNGTE STILLE

DIE BÄREN MEINER TRÄUME NAHMEN

ALLE BIENENSTÖCKE AUS

DIE ZEIT BLIEB STEHN IN FERNER ZUKUNFT

UND BLEIBT VERGANGEN AUF DER TENNE

HINTERM HAUS“

 

Das ist eine Strophe von Jan Skácel, tschechisch erschienen in der Edition „edice petlice“. Übersetzt von Reiner Kunze, wie das folgende Gedicht von Ludvík Kundera auch:

„Und wieder bin ich unhörbar, unhörbar wie das licht.

So bis ins einzelne befasse ich mich mit der stille,

dass ich, dem tastsinn folgend, die angst durchschneide.

 

Die fremde und die eigene.

 

Und deshalb scheint’s ich gehöre zu ihnen,

wenn blinde sich umdrehn.

Gemeinsam ziehen wir im finstern uns durchs nadelöhr.“

Die Historiker haben lange gebraucht, um sich zu einigen, dass an der Okkupation der Tschechoslowakei nicht, wie über Jahrzehnte behauptet, 500 Tausend ausländische Soldaten beteiligt waren, sondern eine knappe Million. Vielleicht finden sie noch die deutschen Invasoren darunter, die, so mag es gewesen sein, ohne Befehl im Chaos der Okkupation auf tschechischen Boden gerieten und dann zurückgezogen wurden. Zumindest war dies die Erfüllung der Träume eines Walter Ulbricht.

In meiner Kindheit gab es die schöne Stadt Greiz. Mit zwei Schlössern, einem märchenhaften Park und dem großen Ententeich. Dort wohnte Reiner Kunze, und ich wusste es nicht. Erst musste der Vulkan ausbrechen, der Panzer spie, elf Tage danach kam ich an die Goetheoberschule in Reichenbach, drei Wochen später, mit langem schwarzem Haar, der Staub der fünf Armeen des Warschauer Pakts schwebte noch in der Luft, begegnete ich Jürgen Fuchs. In der Turnhalle bei einem Volleyballspiel.

Die Klasse 12B3, in die Jürgen ging, hatte 9B3 gerade mit drei zu zwei Sätzen beim Volleyball-Turnier der Goethe­-Oberschule geschlagen, und ich war stinksauer. Ich war der Mannschafts­kapitän der Verlierer. Ich setzte mich auf eine der längs am Spielfeld stehenden Holzbänke der Turnhalle und senkte den Kopf. „Na, Sexer (abgeleitet von Sextaner, von Sexta) willst du nicht eine rauchen gehen auf’s Klo?“, sagte eine Stimme neben mir. Ich sah auf und erkannte den 12er neben mir auf der Bank, der mich vorige Woche in der Großen Pause auf der Toilette aufgestöbert und beim Rauchen erwischt hatte. Ich kannte ihn schon vom Stadtbild her und wusste jetzt schon, wie er hieß.

„Der Fuchs verpfeift dich nicht, da brauchst du keine Angst zu haben“, sagte ein Klassenkamerad zu mir, der ihn von der gemeinsamen Grundschule her kannte. Er sollte recht behalten, „der Fuchs“ verpfiff mich nicht. „Im August habe ich dich gesehen“, sagte Jürgen jetzt grinsend auf der Bank, „du hast eine tschechische Fahne in den Speichen deines Vorderrades gehabt, das hätte schiefgehen können, mit deinem schönen neuen diamant­Rad.“ Wieder lachte er. Auch er hatte mich offenbar in der Stadt schon wahrgenommen. „Hab ich von meiner Oma gekriegt“, sagte ich, „als ich auf die Oberschule durfte.“ „Und die Fahne?“ fragte er. „Aus einer Girlande gerissen, beim Sommerfest.“ „Und wie kamst du drauf?“ „Mein Bruder“, sagte ich, „hat mir alles erzählt, warum dann die Panzer kamen, auch vorher schon, Rudi Dutschke, was im Mai in Frankreich los war.“ „Hat dein Bruder noch den alten Direktor gehabt?“ „Ja“, sagte ich, „noch Buchta.“ „Du musst aufpassen“, sagte er, „Übel, der neue, ist gefährlich, Kadettenschüler, Major der Reserve, hat gleich Ordnungsgruppen gebildet und rote Armbinden aus­gegeben. Lehrer wie Kießling, Rammler, Werlich, weißt du, von wem die freundschaftlichen Besuch kriegen, im ersten Stock, in dem verriegelten Zimmer, jede Woche?“ „Wirklich, von denen?“ „Du musst aufpassen, ich habe die Autonummern“, sagte er.

Jürgen Fuchs und ich wurden Freunde. Einige Monate später erhielt ich von ihm, auf einer vielleicht vierten Durchschrift mit Schreibmaschine geschrieben, zum ersten Mal Gedichte von Reiner Kunze. „Der wohnt in Greiz“, sagte Jürgen. Ich dachte an das Entenhaus meiner Kindheit.

Was auch geschehen war in Greiz in jenem August 1968 schrieb Reiner Kunze später auf:

HINTER DER FRONT

Am Morgen des 22. August 1968 wäre meine Frau beinahe gestürzt. Vor der Wohnungstür lag ein Strauß Gladiolen. In der Nachbarschaft wohnte ein Ehepaar, das einen Garten besaß und manchmal Blumen brachte. „Wahrscheinlich haben sie gestern Abend nicht mehr stören wollen“, sagte meine Frau.

Am Nachmittag kam sie mit drei Sträußen im Arm. „Das ist nur ein Teil“, sagte sie. Sie waren in der Klinik, in der meine Frau arbeitet, für sie abgegeben worden, und außer ihr selbst hatte sich niemand darüber gewundert. Es sei doch bekannt, dass sie aus der Tschechoslowakei sei.

„Ich habe Reiner Kunze besucht, in Greiz“, sagte Jürgen Fuchs, bevor er mir die Gedichte auf dünnem Durchschlagpapier gab. „Es war wunderbar und sehr nah“, sagte er, „ein langes Gespräch, vorher, an der Wohnungstür, musste ich meine Schuhe ausziehen. Da habe ich mir einen Scherz erlaubt und ihm danach, zurück in Reichenbach, eine Variante auf sein Gedicht ‚Einladung zu einer Tasse Jasmintee’ geschickt, in dem es ja die Zeilen gibt: ‚Treten Sie ein‚ legen Sie Ihre Traurigkeit ab, hier dürfen Sie schweigen’ – ich schrieb an Kunze: ‚Treten sie ein, ziehen sie ihre Schuhe aus, hier dürfen sie REDEN’. Reiner Kunze war sehr amüsiert darüber“, sagte Jürgen Fuchs, „bei meinem nächsten und den folgenden Besuchen, die ich nun regelmäßig bei den Kunzes machte“.

Eines der ersten Gedichte, das ich von Reiner Kunze las, schwer zu entziffern auf dem grünlichen durchscheinenden Papier, kam mir entgegen wie ein lang erwarteter Brief, eine Hoffnung, die sich erfüllt, eine Bestätigung alles bisher Gedachten und Gefühlten:

 

WIE DIE DINGE AUS TON

1

Wir wollen sein, wie die Dinge aus Ton

Dasein für jene,

die morgens um fünf ihren kaffee trinken

in der küche

 

Zu den einfachen tischen gehören

Wir wollen sein wie die dinge aus ton, gemacht

aus erde vom acker

Auch, dass niemand mit uns töten kann

Wir wollen sein wie die dinge aus ton

inmitten

soviel

rollenden

stahls

2

Wir werden sein wie die Scherben

der dinge aus ton: nie mehr

ein ganzes vielleicht

ein aufleuchten

im wind

 

Da sprach einer. Für viele. Auch für mich.

 

II

1971 flog ich von der Oberschule, die den schönen Namen Goethes trug. Wegen Gründung eines Literaturclubs außerhalb der Schule. Offiziell wegen, Zitat: „Zersetzung des Klassenkollektivs und Beleidigung von Armeeoffizieren“. Ich hatte nur geäußert, dass ich keinesfalls Offizier werden würde. Das Klassenkollektiv „zersetzte“ ich zum Beispiel mit Nachfragen zum Militarismus an unserer Schule an Hand der Jugenderzählungen von Heinrich Böll. Durch meine Relegation verlor auch Jürgen Fuchs als „Anstifter“ zeitweilig seinen Studienplatz in Jena. Ich wurde Bahnhofsarbeiter, später Elektriker mit abgeschlossener Lehre. Reiner Kunze schrieb an seinem Buch Die wunderbaren Jahre, nachdem in der DDR 1973 sein Gedichtband Brief mit blauem Siegel erschienen war, den ich, ohne jetzt übertreiben zu wollen, damals beinahe auswendig zitieren konnte. Das gelang mir später bei keinem anderen Dichter je wieder, da muss Liebe im Spiel gewesen sein, zu dieser Sprache von Anfang an.

Schließlich versuchten wir als junge Autoren, alle wie Reiner Kunze zu schreiben, so stark war der Sog seiner Sprache: Jürgen Fuchs, Günter Ullmann und auch ich. Andere Namen nenne ich hier nicht.

Eben ist mein neuer Gedichtband Miss Suki oder Amerika ist nicht weit! erschienen, da hat’s mich wieder erwischt Richtung Kunze, wie ich nach Drucklegung feststellen konnte. Darin stehen Oden an einen Hund, einem Cavalier Prince Charles Spaniel, der in Gettysburg Pennsylvania lebt, und den ich voriges Jahr ein Semester lang neben meinen sieben klugen Studenten betreuen durfte.

 

Mein Hündchen

mein kluges

mit den langen Ohren

 

findet das Zusammenleben

mit einem Dichter

 

angenehm

 

soviel Schweigen

von beiden Seiten

 

zwei die zu oft

angebellt wurden

 

Danke, lieber Reiner Kunze, da ist etwas darin, das in mir von Ihnen als Meister, Vorbild und Lehrenden geblieben ist. Vielleicht kann man das Gedicht aber auch anders sehen.

Ich jedenfalls kam damals kurz vor Weihnachten 1974 nach Greiz zu Ihnen und Ihrer Frau, zum ersten Mal, und brachte unaufgefordert meine Gedichte mit.

Aber der eigentliche Grund meines Kommens war ein anderer, denn ich war angemeldet. Einer meiner besten Freunde, Wolfgang Schuster, auch Klassenkamerad von Jürgen Fuchs, studierte Medizin in Leipzig und hatte dort über einen Kommilitonen auch Zugang zur Evangelischen Studentengemeinde in Bitterfeld. Dort erfuhr er, dass Reiner Kunze an einem Manuskript arbeiten würde, das Geschichten und Schicksale von Jugendlichen des Landes zum Inhalt haben soll, die mit dem Staat in politische Reibung geraten sind, so etwa wurde es mir übermittelt, meinen Besuchstermin bei Reiner Kunze sprachen die Bitterfelder mit ihm ab.

Zusammen mit meinem Freund aus Leipzig fuhr ich mit dem Bus nach Greiz, in meiner Tasche die zahlreichen Dokumente zu meiner Relegierung von der Oberschule, den ganzen Schriftkram mit Kreisschulrat, Bezirksleitung der SED, das ziemlich gut dokumentierte Ausschlussverfahren aus dem Jugendverband FDJ, das meinem Schulverweis vorausgegangen war. Ich fuhr im Selbstverständnis eines jungen Dichters zu Reiner Kunze und war leicht verstimmt, als er mich angesichts des von mir herbeigeschleppten bürokratischen Materials fragte, ob ich nicht Buchhalter werden wolle.

Meine Stimmung hob sich beträchtlich, als seine Frau uns einen echten Jasmintee servierte. Eine für uns unvorstellbare Sache, dass es so etwas auf der Welt wirklich gibt, wir kannten nur sein Gedicht „Einladung zu einer Tasse Jasmintee“, jetzt stand sie vor uns. Außerdem brannte im Wohnzimmer, wo wir saßen, eine dicke blaue Wachskerze, ein weiteres vorher nie gesehenes Wunder.

Ich erzählte und Reiner Kunze schrieb mit. Am Ende bat er mich, ihm doch das vielfältige schriftliche Material für einige Zeit zu überlassen, einer Bitte, der ich als angehender Buchhalter großzügig nachkam. Beim Abschied schenkte und handsignierte Reiner Kunze mir sein Reclambändchen Brief mit blauem Siegel, das ich bis zum heutigen Tag wie ein Heiligtum bewahre. In diese Richtung unerbittlicher Verehrung ging’s dann noch weiter: Damals war ich Soldat im Grundwehrdienst und hatte gerade zum dritten Mal die Einnahme der Stadt Kassel von Erfurt aus durch eine deutsche Armee geübt, als während der Postausgabe auch ein Brief an mich kam von Dr. Elisabeth Kunze. Der Spieß, Dienstgrad Fähnrich, rief: „Jetzt kriegt der Soldat Rachowski schon Post von Doktoren! Langsam reißt es hier ein, Sie werden heute mal wieder Kohle schippen nach dem Dienst, ehe Sie übermütig werden!“. Frau Kunze schrieb mir, dass sie und ihr Mann versucht hätten, das ihnen von mir überlassene Material bei meiner Mutter in Reichenbach persönlich vorbeizubringen, aber das Wohnhaus nicht fanden. Sie bat mich nun um eine kleine Anfahrtsskizze. Dieser Besuch kam dann zustande. Reiner Kunze kam allein, meine Mutter berichtete mir später darüber, ich fragte genau, auf welchem Stuhl er denn bei uns gesessen habe, und von Stund an durfte niemand mehr, auf diesem, durch mich zum Thron erklärten, einfachen Holzstuhl sitzen. Manchmal machte ich als besondere Vergünstigung eine äußerst seltene Ausnahme für beste Freunde, immer mit dem Hinweis: Auf diesem Stuhl hat Reiner Kunze gesessen!

Im Gespräch mit meiner Mutter, wie sie erzählte, sorgte er sich um mich sehr, sagte, „ich befürchte, das Ihr Sohn ein Schicksal erleiden wird wie ich selbst, denn sehen Sie, ich habe meiner Familie nur Unglück gebracht“. Und blieb noch schweigend auf dem Stuhl sitzen, berichtete meine Mutter.

In den folgenden 1 ½ Jahren besuchte ich die Familie Kunze noch einige Male. Ich brachte meine neuen Gedichte, trotzdem blieben die Kunzes stets freundlich. Eines davon hieß „Beim Lesen Schweriner Gedichte“, gemeint waren die Hervorbringungen des FDJ-Poetenseminars, das jährlich in Schwerin stattfand.

 

Beim Lesen Schweriner Gedichte

Ihr schwärmt

von duftenden

Mandelblüten

 

aber

 

die bitteren Früchte

dann

 

wollt

ihr nicht

 

essen

 

Das gefiel Reiner Kunze.

Im Spätsommer 1976 erschienen Die wunderbaren Jahre im S. Fischer Verlag Frankfurt/Main, er hatte die bitteren Geschichten gefunden und aufgeschrieben, darin auch der Text „Fahnenappell“, darin eingearbeitet die Materialien, die ich Reiner Kunze zur Verfügung gestellt hatte:

Montagmorgen stand der Direktor der Erweiterten Oberschule in X. in Uniform neben der Fahne – in der Uniform eines Offiziers der Nationalen Volksarmee, in der er den Appell nur zu bestimmten Anlässen abnahm. „Und es geht nicht“, sagte er, „dass ein Schüler die Offiziere der Nationalen Volksarmee als dumm und halbgebildet bezeichnet. Von diesen Schülern müssen wir uns trennen.“

(Der Leiter des Wehrkreiskommandos hatte N., Arbeitersohn und Schüler der elften Klasse, für die Offizierslaufbahn werben wollen. Ob er am Beispiel des Direktors nicht sähe, hatte der Leiter des Wehrkreiskommandos gesagt, wie allseitig gebildet Offiziere seien. N. hatte geantwortet, er habe eher den Eindruck, der Direktor sei „einseitig gebildet“: Seine Erziehungsmethoden bewirkten, dass in der Schule nur noch gelernt und kaum mehr gedacht werde.)

Die Fahne war noch nicht wieder eingeholt – das Einholen fand am Sonnabend statt –, als der Schüler N. gegen elf Stimmen und bei einer Enthaltung aus der Freien Deutschen Jugend ausgeschlossen wurde.

 (Vorher hatte eine Elternbeiratssitzung stattgefunden, nach der Eltern ihre Tochter aus dem Bett geholt hatten. „Dass du ja nicht für den stimmst! … Dass du ja nichts zugunsten von dem sagst! …“ Der Elternbeiratssitzung waren Klassenversammlungen gefolgt: „Wer für N. stimmt, entfernt sich vom Standpunkt der Arbeiterklasse.“ Schließlich hatte jeder der Schüler, die als Diskussionsredner ausgewählt worden waren, eines der schwarzen Steinchen zugeteilt bekommen, aus denen das schwarze Bild zusammengesetzt werde sollte: Überheblichkeit… Thesen zur Verunsicherung der Mitschüler… Radikale Ansichten. Dabei hatte eine Schülerin enttäuscht, indem sie gefragt hatte, wieso dann N. würdig gewesen wäre, Berufsoffizier zu werden.)

Dreimal noch duldete es die Fahne, dass der Schüler N. unter ihr stand, während sie aufstieg, mit zunehmender Höhe immer gemessener, um die Mastspitze exakt beim letzten Fanfarenstoß des Fanfarenzuges zu erklimmen. Dann wurde N. vom Unterricht beurlaubt. Seines nächsten Freundes nahm sich der Klassenlehrer an. „Wenn Sie den von unserer Seite abgebrochenen Kontakt zu N. aufrechterhalten sollten, können wir ganz leicht den Kontakt zu Ihnen abbrechen.“

(Der Leiter des Wehrkreiskommandos sagte zur Mutter des N.: Ich habe die Äußerung Ihres Sohnes weder als Beleidigung meiner Person, noch als Beleidigung der Offiziere der Nationalen Volksarmee empfunden. Aber ich kann Ihnen in diesem Fall nicht helfen.“)

 In Berlin wurde dem Antrag der Schule auf Relegierung des Schülers N. stattgegeben.

(„Ich teile Ihnen hierdurch mit, dass Ihr Sohn… von allen Erweiterten Oberschulen der Deutschen Demokratischen Republik ausgeschlossen wurde. Die Gründe und Ursachen sind Ihnen bekannt. Wir hoffen, dass diese Maßnahme dazu führt, dass Ihr Sohn… zur Einsicht kommt in Hinblick auf sein Verhalten gegenüber den Anforderungen, die an einen jungen Staatsbürger der Deutschen Demokratischen Republik gestellt werden müssen.“)

Zu bestimmten Anlässen steht der Direktor der Erweiterten Oberschule in X. in Uniform neben der Fahne.

Dann ging alles irgendwie sehr schnell, auch in meiner Erinnerung: Ausschluss Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband im Herbst 1976, seine endlosen Kämpfe gegen die jetzt gegen ihn und seine Familie gerichtete geballte Macht des Staates. Umsonst schon wartete ich in Freiberg vor einer Kirche auf ihn; die Veranstaltung der Evangelischen Studentengemeinde fiel aus. Reiner Kunze durfte keine Lesungen mehr halten. Ein Kesseltreiben gegen ihn hatte eingesetzt. Und noch immer hatte er die Kraft, trotz seiner Erkrankung, ein Einschreiben an Honecker zu schicken:

… Meine dringende Bitte, helfen Sie zu verhindern, dass dem jungen hochbegabten Schriftsteller Jürgen Fuchs und all den unbekannten Bürgern in der DDR, die sich im Zusammenhang mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns und meinem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband eine eigene Meinung gebildet und diese geäußert haben, weiterhin Leid zugefügt wird…

Am 13. April 1977 verließ die Familie Kunze die DDR. Ich schrieb das Gedicht „Thüringische Legende“, einen Abschiedsgruß:

 

THÜRINGISCHE LEGENDE

für Reiner Kunze

Einen hat man

vertrieben.

Dem zog der Jasmin nach.

 

Er ließ aber noch stehen

ein Glas Tee aus Schweigen

das keiner mehr Zeit fand

auszutrinken

bevor es bitter war.

 

Geschrieben wenige Tage nach der Ausbürgerung der Familie Kunze aus der DDR und aus Greiz…, im Herbst 1979 wurde ich dafür und wegen vier anderer Gedichte der Staatsfeindlichen Hetze angeklagt und im Frühjahr 1980 nach sechs Monaten Untersuchungshaft beim Staatsicherheitsdienst auf dem Kaßberg in Karl-Marx-Stadt zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt. Im Verhör fragte mich der Stasi-Vernehmer, ein Major: „Wer ist denn dieser Jasmin, Rachowski!?“.

Keiner meiner Bekannten und Freunde, die über meine Zu-Arbeit zu Reiner Kunzes „Die wunderbaren Jahre“ bescheid wussten, verriet mich an das Ministerium für Staatssicherheit, auch nach tagelangen Verhören nicht. Es hätte mir einige Jahre Gefängnis zusätzlich eingebracht. Diese Freunde waren wirkliche Freunde.

 

III

Im späten Herbst 1979 begab sich eine Rentnerin aus Reichenbach im Vogtland auf Verwandtenbesuch nach Hessen, sie benutzte den sogenannten „Interzonen-Zug“ von Warschau nach Frankfurt am Main, der am Nachmittag jeden Tages wie selbstverständlich auch in Reichenbach im Vogtland hielt. „Im traurigen Monat November war’s / Die Tage wurden trüber, / Der Wind riß von den Bäumen das Laub, / Da reist sie nach Deutschland hinüber…“, bin ich versucht zu sagen. – Aber das wusste ich nicht, kannte nur Heines Eingang zum „Wintermärchen“ , und das Einfärben der Blätter an den Bäumen hatte ich in diesem Herbst 1979 nicht mehr sehen können und miterleben, denn ich saß seit meiner Verhaftung an einem frühen sonnigen Oktobertag in einer Einzelzelle mit Glasziegel-Fenstern des Stasi-Untersuchungsgefängnisses Karl-Marx-Stadt und wartete auf das täglich mehrstündige Verhör.

Die mit der Mutter meiner Schwägerin befreundete Rentnerin aber kam an diesem Tag im November gut über die innerdeutsche Grenze bei Eisenach, nur wenig kontrolliert von den mit Bauchläden und Fahndungsbuch durch den Zug patrouillierenden Uniformierten, die auch nicht versäumt hatten, wie immer, ihre Schäferhunde über die gesamte Länge des Zuges unter den Waggons entlangzuschicken. – Und doch war es geschehen, dass dem Gesicht der Rentnerin und besonders den Wangen während der Kontrolle ihres Ausweis-Dokuments eine leichte Röte angeflogen war, über deren Ursache sie sich in vollem Bewusstsein befand, nicht etwa Scham, zu schämen hatten sich in diesen Zeiten, die es nicht taten, sondern nacktes Erschrecken, keineswegs aber Angst, war in diesem Moment über ihren Mut gekommen. Vielleicht dämpfte, so hoffe ich noch immer, ihren jetzt leicht beschleunigten Herzschlag zumindest optisch ein wenig, und daher für die Uniformierten unsichtbar, gerade der in ihrem Mantel eingenähte Brief, den sie mutig aus den Händen meiner Verwandtschaft an sich und schließlich mit auf ihre Reise genommen hatte. Über diese Grenze. Auf dem Umschlag war ausgewiesen als Adressat: Herr Reiner Kunze – über S. Fischer Verlag – Frankfurt am Main. In Hessen bei ihrer Verwandtschaft angekommen, klebte die Rentnerin auf den, nun aus dem Futter ihres Mantels herausgetrennten Brief, eine Marke, ohne sich vielleicht um deren Motiv weiter zu kümmern, und schickte ihn auf seinen, den ihm bestimmten Weg. Der Brief erreichte seinen Adressaten, und der Dichter Reiner Kunze erfuhr, dass ich im Gefängnis saß unter dem Vorwurf der „staatsfeindlichen Hetze“, wegen meiner Gedichte.

Viele Male fuhr Reiner Kunze damals dann mit dem Nachtzug den langen Weg von Passau nach Bonn, um mit beginnendem Tag dort beizutragen innerhalb einer Kommission, deren Vorsitzender zu dieser Zeit gerade Helmuth Kohl war, die politische Häftlinge der DDR auf eine Liste für Verhandlungen setzte, um deren „Freikauf“ zu erreichen. – „Sie sind der Fünfzehnte, den wir raushaben!“, schrieb mir Reiner Kunze später auf einer ersten Postkarte, als ich nach einem Jahr und zwei Monaten in den Gefängnissen von Karl-Marx-Stadt und Cottbus endlich nach Westberlin gelangt war.

Diese erste Postkarte nach meiner Entlassung und Ausbürgerung bewahre ich natürlich: „Das schönste Weihnachtsgeschenk für uns“ ,schrieb Reiner Kunze darauf, und Elisabeth Kunze hängte eine Postanweisung über 300 D-Mark an. Dann ein erstes Wiedersehen in Westberlin, in der Fontanehalle in Reinickendorf. Reiner Kunze las vor 400 Menschen. Immer wieder sporadischer Briefwechsel. Ich schickte ihm meine ersten Erzählungen, die im Westen entstanden waren. Er riet mir, mich „von nichts und niemanden irgendwie zu einer Art Produktion bewegen zu lassen, schreiben Sie nur, was Sie schreiben müssen“, und: „Wovon wollen Sie leben?“ Eine Frage, die ich in den Wind schlug, und wie dieser Fehler mir 10 Jahre lang schwer auf die Füße fiel. Ich wusste es nicht. Später fragte das Kreuzberger Finanzamt bei mir an, nachdem ich meine Einkünfte gemeldet hatte, wovon ich überhaupt leben würde. Von Freundschaft, Liebe und Zigaretten. Das aber, teilte ich weder den Kunzes noch dem Finanzamt mit.

Immer wieder kamen die Ermutigungen der Familie Kunze, wenn ich ein neues Buch von mir schickte oder auch nur ein einziges Gedicht: „Von Ihnen lesen wir immer gern Neues!“, schrieben sie. Von diesen und den Ermunterungen anderer Kollegen, wie Hans Joachim Schädlich, Wolf Biermann und Bernd Jentzsch, lebte ich auch.

Jürgen Fuchs erzählte mir in seiner Tempelhofer Küche, wo ich beinahe täglich zu Gast weilte, Am Sonnenhang, im Garten der Familie Kunze, hätte jemand alle frisch gepflanzten jungen Bäume dicht unter der Oberfläche in der Erde durchgeschnitten. Sie seien daraufhin verdorrt, ohne dass die Ursache anfänglich zu erkennen gewesen sei. Den Fuchsens schickten diese gleichen Leute Rattenvertilgerfirmen und Pornohefte ins Haus. Die Aufbewahrungsorte meiner Manuskripte in dem Kreuzberger Hinterhaus, wo ich mit Christian Kunert von der Renft-Combo und dem Dichter und Liedermacher Salli Sallmann lebte, wo auch Manfred Krug, Veronika Fischer und Roland Jahn ein- und ausgingen, unsere Wege, unsere Besuche, alles fanden wir akribisch aufgezeichnet, als wir sehr viel später die über uns angelegten Akten einsehen konnten, es war eine Zeit, etwas wie Krieg. Etwas, was auch die Freiheit unseres neuen Lebens mit einem ständigen Schatten belegte und ein anfängliches Aufatmen, zumindest für mich, bald wieder erstickte.

So nahm ich den Fall der Berliner Mauer im November 1989 auch als persönliche Befreiung wahr, meine Leute, die aus dem Osten, befreiten mich aus dem Westberliner Getto, meinem deutschen Exil. So empfand ich das und sehe es noch immer so. Nach über 10 Jahren durfte ich meine Mutter und die Familie meines Bruders wiedersehen.

Mit Elisabeth und Reiner Kunze führten mich neben dem sporadisch geführten Briefwechsel immer auch wieder Veranstaltungen und Lesungen zusammen, zu denen wir eingeladen wurden. Unvergesslich ein Kolloquium in Chemnitz zum Thema „Böhmen am Meer“. Nach dem ersten langen Tag dort, am Abend beim gemeinsamen Ausklang mit einem Glas Wein, viele Kollegen, auch Wissenschaftler, saßen mit am Tisch, sagte Reiner Kunze plötzlich mitten in die große Runde hinein, beinahe wie aus heiterem Himmel und ohne eigentlichen Anlass: „Utz Rachowski ist mein Kollege, wir kennen uns lange Zeit, wer ihn angreift, der greift auch mich an“. Beinahe ist es mir peinlich, dies hier aufzuschreiben, in diesem Bezug auf mich selbst, aber so ist Reiner Kunze: fürsorglich schützend. Vorsichtshalber auch für Zukünftiges, wenn die alten Funktionäre und Seilschaften ihr Medusenantlitz wieder erheben würden. Gegen ihn und gegenüber seinem Kollegen.

Ich habe ein sehr persönliches Dichtergestirn an Vorbildern: Jürgen Fuchs war für mich immer der nahe Freund noch aus der Schulzeit, mit dem ich durchs dicke und dünne Leben ging, und der mich auch mal zurechtweisen durfte, Wolf Biermann immer der warmherzige Kumpel, dem man einfach verzeiht, dass er wie ein Planet stets um sich selbst kreist, und wir Jüngeren sind nur seine Trabanten, Hans Joachim Schädlich ist der nahe und kluge und witzige Gesprächsfreund bei regelmäßigen Treffen in Berlin zum gemeinsamen Mittagessen, zum Nachtisch lästern wir natürlich ein wenig über Kollegen, die dies verdient haben.

Reiner Kunze aber und seine Gattin sind für mich von Anfang an gewesen – und geblieben – die warmen gebenden Menschen, sehr nahe und doch auf beinahe verklärte Weise in jener Distanz, diesem Abstand, der das umfassend wahrnehmende Aufschauen zu einem Menschen erst möglich macht, die mir Hoffnung, Schutz und Sinn gaben, vorlebten, dass es Sinn hat und ein einmalig gegebenes Glück ist, auf der Welt zu sein und deren vielfältigen Anfeindungen zu widerstehen.

Dafür danke ich Ihnen in Liebe, den Sinnstiftern auf sensiblen Wegen, Elisabeth Kunze und Reiner Kunze.

Nachsatz:

Jetzt wird Jörg Bernig als nächster vortragen, der Freund, Autor und Literaturwissenschaftler, und für morgen rufe ich Ihnen, lieber Reiner Kunze, schon mal ermutigend zu:

NACH UNS DIE GERMANISTIK!

 

 Reichenbach und Dresden im Mai 2013

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




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