Dec 2016

Auf der Suche: Robert Schopflocher

von Achim Viereck

Erinnerungen an einen bedeutenden und unvergesslichen Vertreter der deutsch-jüdischen Kulturgeschichte

Schopflocher

Robert Schopflocher (1923-2016)

Am 5. März 2013 hatte ich das Glück, Robert Schopflocher in Buenos Aires kennenzulernen.  Aufmerksam war ich auf ihn geworden durch ein Portrait der Deutschen Welle und eine Empfehlung der Leiterin der Bibliothek des Goethe-Institutes, Frau Fuchs. Er lebte nicht weit von der Deutschen Botschaft, meinem damaligen Arbeitsplatz. Wir hatten telefonisch vereinbart, dass ich ihn an seiner Wohnung abholen sollte – einer Wohnung, die ironischerweise früher dem Friseur Isabelle Perons gehört hatte. Der Weg führte uns in eine kleine, nah gelegene Konditorei in Belgrano. Robert Schopflocher war damals schon nicht mehr gut zu Fuß und benutzte einen Gehstock. Dieser habe den Vorteil, erklärte er mir, dass die ansonsten recht rücksichtlosen Autofahrer der Stadt ihn stets passieren ließen. Was mich an diesem ersten Treffen faszinierte, war sein glasklarer Verstand, seine sanfte, freundliche Art und seine sehr differenzierte Sprache. Beeindruckt hat mich auch stets das Leuchten seiner Augen, das sein Alter Lügen zu strafen schien.

Wir hatten zwei Gemeinsamkeiten: beide waren wir in Franken geboren und beide hatten wir Agrarwissenschaften studiert. Er hätte sich wohl ein anderes Studium gewünscht, aber unter dem Druck der Verhältnisse dieses Fach gewählt (erstaunlicherweise sind seine Bücher mit der höchsten Auflage bis heute zwei auf Spanisch publizierte Werke zu Themen der Agrarwirtschaft). Bei diesem ersten Treffen signierte er sein von mir hoch geschätztes Buch „Fernes Beben“. Ich erinnere mich noch genau an diesen für mich fast magischen Moment: sein fast zeitlupenartig verlangsamter Griff in die Westentasche, das behutsame Öffnen seines Montblancs und der etwas krakelige Eintrag in das Buch. Weitere Treffen folgten und unsere Bekanntschaft wuchs langsam zu einer Vertrautheit, ja Freundschaft. Später lernte ich auch seine Frau Ruth und die beiden Söhne kennen und schätzen. Seine Familie hatte für ihn einen sehr hohen Stellenwert. Seine Frau und er wirkten auf mich wie Yin und Yang – ein Paar aus zwei sehr unterschiedlichen Hälften, die zusammengefügt die perfekte Harmonie ergaben. Ruth war stets heiter, humorvoll und optimistisch; Robert doch oft sehr nachdenklich und skeptisch.

In seinem letzten Lebensjahr wurden ihm zwei große Ehrungen zu Teil. Das Bundesverdienstkreuz und das Goldene Kleeblatt der Stadt Fürth. Beide wurden ihm an der Botschaft verliehen, das eine erhielt er aus der Hand des Botschafters, das andere vom deutschen Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt (ebenfalls aus der Fürther Region). Robert Schopflocher nahm diese Ehrungen gerne und bewegt an, er empfand sie als Auszeichnungen und zugleich als eine Art Balsam auf seine stets unverheilt gebliebenen Wunden, die ihm ein anderer deutscher Staat zu einer anderen Zeit zugefügt hatte. Sein großes Credo war stets „Nunca mas“ („Nie wieder“) gegenüber Terror, Unterdrückung und Unrecht. Seine Bücher sollten weniger unterhalten als bewegen, sie sollten den Leser wachrütteln, ihn zum Engagement gegen Intoleranz und Totalitarismus ermuntern. Seine Liebe galt — neben der Familie — der deutschen Sprache, die er auch in Argentinien stärker gefördert sehen wollte. Er war ein Meister der Differenzierung: Heimat war nicht zwangsläufig das Vaterland, der Auswanderer und der Einwanderer mussten nicht identisch sein. Er, der unfreiwillige Auswanderer hat in Argentinien seine zweite Heimat gefunden, doch seine Muttersprache wie sein Vaterland stets vermisst. Mit ihm haben Deutschland und Argentinien ein wichtiges Bindeglied, einen bedeutenden Vermittler zwischen den Kontinenten und Kulturen verloren.




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