Die Mauerschau

von Axel Reitel

(eine freundliche Mahnung an Donald Trump) 

Die Mauer blieb ein Ort der Flucht,
mit Vergatterung, mit Mörder-Ehre,
wer war der Feind, für den ich gestorben wäre?

Der Mauerläufer flieht den Unterkriechschutz[i],
er sucht die in Freiheit flirrenden Jahre, sportive Klippen,
er glaubt an die verschaute Bucht.

Im Osten legte man den Finger auf die Lippen,
man spürte das Unwillige, fast Bockige, den falsche Putz,
die gewaltsame Aneignung des Anderen[ii], das Gegenlicht,

das übergrelle. Jetzt mach aber mal halb lang,
wer kann einem das sagen, das harte Denken, die harte Sicht,
geh zu den zersprungenen Spiegeln und betrachte Dich.

Dein Beitrag ist jetzt der eines vorher Unbekannten, Du bist
ins Weiße Haus gefahren, in Deinem Gesicht
war der der verblüffte Bluff zu sehen. Das Erbe als List

gibt es auch in Mexiko-Tristesse. Hast Du hast das Buch[iii] gelesen?
Keiner weiß von Dir jetzt, in was Du vordringst,
anderwärts in Jahren heißt es, wo warst du gewesen?

Und weil es einmal Dinge gibt, die Menschen fliehen
wie grauschälende Tage:  Wenn du erbrichst die Siegel,
geh nicht verloren, es ziehen, es schweben die huldvollen Toten,

sie strecken ihre Arme nach hundert Seiten aus,
Du hast ein Haus, du blickst in die Spiegel, Du siehst
dein Profil, als mag es das Unbegangenheitsmeer ausloten.

(12. Dezember 2015 – 15. Dezember 2016)

 

 

[i] Drahtvorrichtung mit Widerhaken am unteren Ende des innerdeutschen Grenzzaunes.

[ii] Vgl. Byung-Cul Han, Agonie des Eros, Matthes&Seitz, vierte Auflage, 2015, S.33.

[iii] Gemeint sind sowohl die in Mexiko spielende Erzählung „Tristesse“ von Jack Kerouac als auch die Bergpredigt, Das Buch der Offenbarung und Selbstbetrachtungen von Marc Aurel als Kritiken der reinen (machiavellistischen) Staatstheorie.