Dec 2020

V. Buchbesprechungen: Peter Wortsman. Stimme und Atem.

Peter Wortsman. Stimme und Atem.

 

Out of Breath, Out of Mind.

 

Zweizüngige Erzählungen.

 

Two-Tongued Tales

 

Berlin: PalmArt Press, 2019. ISBN: 978-3-96258-034-6. 332 Seiten.

 

Thomas Thornton, Berlin

 

Peter Wortsman ist Verfasser von Kurzprosa und Reiseliteratur, aber auch als Theaterautor und Romancier hervorgetreten. Daneben hat Peter Wortsman ein beachtliches Oeuvre an deutschsprachiger Literatur übersetzt und herausgegeben. Die deutsche Literatur liegt ihm sozusagen im Blut: geboren und aufgewachsen in New York als Sohn jüdischer Eltern, die Nazi-Österreich entkommen konnten, sprach er nach eigenem Bekenntnis mit seiner Mutter hauptsächlich Deutsch. Das machte Deutsch, obwohl eine Fremdsprache, in einem sehr intimen Sinn für ihn auch zu einer Mutter-Sprache.

Von Anfang an war diese Ambivalenz zwischen Fremdsein und Intimität ein wesentlicher Teil von Wortsmans Schreibprozess: Schon seine frühen Texte schrieb er meist zuerst auf Deutsch, um sie dann selbst ins Englische zu übertragen. „Stimme und Atem“ nun vereinigt beide Versionen – die deutschen und die englischen – in einem Band; die auch ursprünglich auf Englisch geschriebenen Texte wurden von Werner Rauch ins Deutsche übertragen.

Für Max Frisch war Hochdeutsch eine Fremdsprache, die ihm die Distanz gab, die er zum Schreiben benötigte. Wortsman braucht diese Distanz ebenfalls, allerdings ist sein schöpferischer Prozess auch tief im Unbewussten verwurzelt. Die hier versammelten Prosastücke – sie reichen von parabelähnlichen Texten und Vignetten bis zu Kurzgeschichten und Märchen – leben von der Spannung zwischen Ratio und fantastischen Elementen. Auf der einen Seite genaue Beobachtung und auf der andern Seite Traum, Absurdität und Groteske. Wir beobachten eine Mutter, deren Baby eine Puppe ist, das dann lacht, lieb ist und weint, wann es der Mutter gerade genehm ist. Ein andermal sind ausgediente, kaputte Gegenstände zum Leben erwacht, tanzt der Müll „einen Walzer mit dem Wind“. Momentaufnahmen werden mittels poetischer Induktion zu allgemeinen Betrachtungen, die freilich nie auch nur ansatzweise prätentiös wirken. „Der gesunde Mensch isst, scheißt und vergisst“ etwa ist ein philosophisches Kleinod, geistreich und witzig, eine Meditation über den Umgang des Menschen mit der Vergangenheit – in gerade einmal sechs Zeilen. Oft blitzt hier ein schelmischer Humor durch, der den Leser zuweilen schmunzeln, zuweilen aber auch laut auflachen lässt.

Der Autor macht dabei vor nichts Halt, bricht Tabus jedoch nicht mit provozierender Geste, sondern wie nebenbei: So ist das Leben eben. In „Schmutz“ benutzt der Ich-Erzähler eine Kippa als Ersatz für ein Taschentuch, das die Schüler für ihre Lehrerin, eine neurotische Sauberkeitsfanatikerin, schwenken müssen. „Bellende Liebe“ handelt von der Freundschaft zwischen dem Ich-Erzähler und einer alten Frau, die früher auch eine, sagen wir, extreme Form der Tierliebe gepflegt hat. Die wohl köstlichste Geschichte der Sammlung, „Cry, Iced Killers!“, ist eine bei allem Witz tiefgründige linguistische Verwechslungskomödie. Henry, der Ich-Erzähler dieser und anderer Geschichten – wie der Autor das Kind jüdischer Emigranten aus Europa – versteht nie, dass er von Spielkameraden als „Christ killer“ beschimpft wird und glaubt stattdessen, er werde für das spurlose Verschwinden des Eisverkäufers verantwortlich gemacht, und im Beichtstuhl, in den er sich schummelt, weil ihm ein Nachbar eingeredet hat, er habe „hibernisches [also irisches] Blut“ in sich, glaubt er, der Priester deute auf ein Loch in seiner Hose hin, während der in Wahrheit übers Onanieren redet.

Da das Deutsche für den Autor zwar auch Muttersprache, aber dennoch eine Fremdsprache ist, schleichen sich verständlicherweise auch Fehler ein. Da kann es passieren, dass ein Satz nicht zu Ende geführt wird, man verschrobene Wendungen wie „Galileo verlor fast seinen Kopf wegen seiner Kenntnis“ findet oder man in einem Roman „schon 300 Seiten unterwegs“ ist. Mehrfach werden Vokabeln auch falsch verwendet. Da ist von „engstirnig“ die Rede, wo „eigensinnig“ gemeint ist; dass statt „seht“ eigentlich „sät“ stehen sollte, versteht man nur, wenn man den englischen Text liest; Henrys Vater wird als „geborener“ anstatt als gebürtiger Wiener bezeichnet, und in der großartigen Geschichte „Die Heilige des Stiegenhauses“ hat die Hauptfigur, eine arm- und kopflose junge Frau, die zum Orakel geworden ist, „Angehörige“, mit denen freilich „Anhänger“ gemeint sind. Der Hausmeister, der das Kind findet, „betete die Jungfrau Maria an“, obwohl er in Wahrheit doch wohl zu ihr betet.

Ein gründliches Lektorat hätte diese und andere Fehler beseitigt. Gerade bei diesem besonders schönen und liebevoll gemachten Buch (es hat sogar ein Lesebändchen!) wundert man sich, dass es das offensichtlich nicht gab. Einem Lektor bzw. einer Lektorin wäre nicht nur aufgefallen, es nicht Phaeton war, der auf Pegasus ritt, sondern Bellerophon, dass der Besitzer von Excalibur im Deutschen nicht Arthur heißt, sondern Artus, und auch, dass der englische Text von „Der einäugige Kater“ und „Die Liebe im Schrank“ gravierend von der deutschen abweicht. Schlimmer sind die unzähligen Übersetzungsfehler. Trotz mancher enormer Schnitzer in der Satzstellung hat Werner Rauch den Ton dieser zwischen der Romantik und Kafka angesiedelten Sprache gut getroffen. Allerdings: Wo dem Autor einige Patzer unterlaufen, da begeht er einen Missgriff nach dem andern.

Kommaregeln sind im ganzen Buch außer Kraft gesetzt, so dass man zuweilen aus dem Stolpern kaum herauskommt. Man liest von einem „Geheimnis, das von sich selbst satt geworden ist“. Viele Stellen ergeben keinerlei Sinn, so dass jeder Lektor hätte merken müssen, dass hier eine Fehlübersetzung vorliegen muss. Oft handelt es sich einfach um wörtliche Übersetzungen, die den Sinn völlig verfehlen. Eine gängige Wendung wie „It’s no use crying over spilled milk“ (also etwa: Was passiert ist, ist passiert) wörtlich zu übertragen, ist absurd. „Die Kräfte der Traurigkeit hatten den Tag gewonnen“ steht hier statt, beispielsweise, „hatten den Sieg davongetragen“. „In my book“ bedeutet keineswegs „in meinem Buch“, sondern „meiner Meinung nach“. In „Abteilung der toten Briefe“ – einer Erzählung, die nicht nur wegen des Epigraphs an Melvilles Bartleby erinnert – findet man ein verwirrendes „Stück 9 x 12“ (also in Wahrheit einen großen Briefumschlag), stellt die Firma, in der der Ich-Erzähler arbeitet, eine Akte (!) zusammen, obwohl „to get one’s act together“ nichts mit Akten zu tun hat, sondern damit, etwas auf die Reihe zu bekommen, der Erzähler wird „gehen“ gelassen, obwohl man im Deutschen „entlassen“ sagen würde, und mit den „inkonsequenten Details“ sind natürlich „belanglose Details“ gemeint.

Usw. usf. Es wimmelt nur so von falschen und ungeschickten Übersetzungen in dieser doch so gelungenen, vielfach sogar großartigen Sammlung. Aber ein gründliches Lektorat lässt sich ja vielleicht nachholen. Nicht nur aus diesem Grund wünscht man diesem Buch eine 2. Auflage.

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