Archive for June, 2020

Jun 22 2020

Homage to Lost Parts

Published by under Battles with cancer

Homage to Lost Parts

Agnes Fuller Wynne

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Jun 12 2020

Amerika – ach, nun ja, herrje!

Amerika – ach, nun ja, herrje!

Albrecht Classen

 

So setzt man sich zwischen zwei Stühle. Auf der einen Seite, die großartige amerikanische Kultur, gelassen, cool, weltoffen, zukunftsgerichtet; auf der anderen Seite, so engstirnig, provinziell, religiös-dogmatisch, rassistisch, patriotisch bis zum Erbrechen. Wer in der Welt würde sich nicht danach sehnen, einmal nur New York zu erleben, pur, diese glitzernde Stadt. Und dann, schaut man um die Ecke, wirft man einen Blick in die Hinterhöfe, fährt mit der U-Bahn, gehen einem so furchtbar die Augen auf, dass man nur noch mit dem Kopf schütteln muss. Wie konnte ich nur….!

            Ich selber lebe in Arizona, und schon kommen einem die berühmten Bilder hoch, Grand Canyon, Sedona, Monument Valley, die echten amerikanischen Einwohner, die Indianer, dann das Cowboy-Erlebnis, der Wilde Westen, ach wie ist das alles schön, so romantisch, die Freiheit. Ich habe einen älteren Bekannten in Ost-Berlin, der nur Negatives über die USA sagen kann oder will, aber dann laufen ihm die Augen über, wenn er die üblichen Vorstellungen genüsslich im Gemüt aufleben lässt, und der große Mann spielt auf einmal das Kind, mit der Knarre in der Hand, Ballermann, Superheld, ja, der echte Cowboy, ein Mann, wie er im Buche steht, wie ist das alles so schön! Die Filmwelt hat so das Ihrige geleistet. Wenn ich aber daran denke, in welcher Armut bis heute die meisten Native Americans leben, oftmals ohne fließendes Wasser, ohne Elektrizität, keine fließende Toilette. Armut pur. Oder sie führen ein Casino und schummeln sich so durch, sehr zwielichtig auf ihre Art, und von der Korruption bei deren Geschäften will ich mal gar nicht reden.

            Ja, das ist Amerika, so widersprüchlich wie es nur geht. Ein Paradox an sich, wo die individuelle Freiheit ganz groß herausgekehrt wird, mit Hinweis auf die Second Amendment, Waffenbesitz, Unabhängigkeit, mit zwei großen amerikanischen Fahnen hinten auf dem Pick-Up montiert. Aber wenn ein Weißer einfach mal so einen jungen Afro-Amerikaner auf offener Straße abknallt, wenn die weiße Polizei dann unverfroren wegsieht und nichts unternimmt, wenn Polizisten selbst zur Waffe greifen und ohne jegliche Hemmungen losballern, wenn wegen COVID-19 Gewalttaten gegen Asiaten wieder mal Mode geworden sind, wenn Kinder der illegalen Einwanderer den Eltern aus den Armen gerissen und in spezielle Lager (Child Detention Centers) verfrachtet werden ‒ wir müssen ja die amerikanische Freiheit verteidigen und schützen! ‒ , dann fragt man sich, was mittlerweile aus den amerikanischen Tugenden geworden ist. Und der Rassenkrieg? Ja, wie viele sagen, ein Kampf der Polizei gegen die Schwarzen! Kein Wunder, dass überall massenweise Demonstrationen veranstaltet werden, nicht nur, was ich sehr begrüße, von Black Americans, aber ob damit der systeminterne Rassismus überwunden werden wird, steht noch lange aus. Der Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert wirft immer noch sehr lange Schatten!

            Und hier lebe ich nun, weit weg vom Schuss – pardon, das Wortspiel war nicht intendiert – im Südwesten der USA, ganz nahe an Mexiko. Wieviele Straßen führen spanische Namen, und kaum jemand weiß, was sie überhaupt bedeuten mögen. Wie gerne gehen die Leute mexikanisch essen, wie stolz sind sie auf ihre internationale cuisine, aber die Grund-, Mittel- und Hauptschulen im Hispanic Südteil der Stadt bestehen oftmals gerade mal aus Gebäuden mit Klassenzimmern, und sonst, nichts. Die weißen Schulen am Fuße der Berge haben wahrhaftig haufenweis Computer, Videokameras, Studios, Fachlehrer, picobello Schulbibliotheken, immer das Feinste vom Feinen, aber was gehen den Weißen die Hispanics an?

            Ist ja auch richtig so, Amerika muss amerikanisch bleiben, das heißt einfach weiß, am besten protestantisch, ein bisschen katholisch, methodistisch, baptistisch, was auch immer, selbst die Mormonen will man tolerieren, nur halt islamisch oder jüdisch ist nicht gerade gut. Also, mit Brandbomben auf die Synagogen oder Moscheen. Amerikaner sind ja wer, und diese Einwanderer, nun ja, Einwanderer, die stören irgendwie das Bild. Weiß muss es halt sein, und da lassen wir uns gar nicht stören, ob die Nachnamen italienisch, polnisch, ukrainisch, spanisch, portugiesisch oder so lauten, solange die Kultur und Sprache weiß ist, was auch immer damit gemeint sein mag. Aber leider leider, liebe Landsleute, werden heute mehr braune Babys geboren als weiße, euch schwimmen also schon rein statistisch gesehen einfach die Felle weg! Aber vielleicht meinte ja der amerikanische Präsident genau das, als er im letzten Wahlkampf so volltönig davon sprach, Amerika wieder groß zu machen, nur konnte er nicht öffentlich sagen, wieder weiß zu machen.

            Klar, an den Unis wird, vielleicht aber auch ein wenig heuchlerisch, unbedingt Multikulti gepredigt und als Ideal hingestellt, aber außerhalb der Campus-Mauern tobt ein Rassenkrieg. Und ich, auch Weißer, aus Deutschland, schaue mir das ganze an, kratze mich am Kopf und bin einfach verwirrt. Da bin ich mit einer Japanese-American verheiratet, der Sohn ist also Mischling, der hat eine Frau geheiratet, die teils indonesisch ist, und etwas Eskimoblut und sonstige Zutaten bietet. Lustig, nicht wahr, und wie soll man das ganze auseinanderhalten? Wo oder wer ist der ‘wahre’ Amerikaner?

            Aber die meisten Amerikaner sind liebe und gute Menschen, solange sie nicht in ihrem Pick-Up sitzen und ihre halbautomatische Kriegswaffe angriffslustig herumschwingen, ständig bereit, unsere Freiheit zu verteidigen. Nur, welche Freiheit, und wie soll diese Freiheit verteidigt werden, wenn ein Haufen Leute schwerbewaffnet vor dem Rathaus auftaucht und auf ihre Rechte pocht? Da wird mir richtig mulmig zumute. Ich besitze einen amerikanischen Pass, bin amerikanischer Staatsbürger, habe meine deutsche Staatsbürgerschaft bewusst abgelegt und bin also auf Gedeih und Verderb mit diesem Land engstens verbunden. Nur, ich besitze keine Schusswaffen, keine amerikanische Fahne, keinen Pick-Up, halt nur meine amerikanische Identität, mein Wahlrecht, meine Freiheit, nicht in die Kirche gehen zu müssen oder meine eigene Religion auszuwählen. Reicht das aus, um mich als Amerikaner zu identifizieren? Bei Feierlichkeiten, wenn die Nationalhymne gesungen wird, halte ich nicht die Hand aufs Herz, wie schlimm und unpatriotisch! Und ich schreibe bissige Leserbriefe über unseren lieben Präsident. Also, unamerikanisch – abschieben, nur, wohin mit dem Kerl?

             Abtreibung wird überall heftigst von den Religiösen bekämpft, denn das Leben sei ja heilig. Zugleich soll die Todesstrafe unbedingt wieder eingeführt werden, um Gerechtigkeit walten zu lassen, schön alttestamentarisch, und dies 2020. Leben ist heilig, ja aber nur bis zur Geburt! Was gehen uns Amerikanern denn Widersprüche an, und wählen sollen wirklich nur die reichen Weißen, damit die Republicans schön an der Macht bleiben.

            Gar nicht so einfach, mit diesem Paradox klarzukommen. Da hat doch mal jemand solch einen Spruch geklopft, “Amerika, du hast es besser”, da wusste er aber noch nichts von semi-automatischen Schusswaffen im Privatbesitz. Das Geschäft mit Drogen läuft auch ganz prima, Waffen wandern Richtung Zentralamerika, dort stellt man Kokain etc. her und verkauft es im Norden. Die Grenze im Süden mit ihrer neuen Mauer, papperlapapp, die dient doch nur dafür, um für Propagandazwecke gefilmt zu werden – Schutz unserer Nation, Kampf gegen die Illegalen, Krieg gegen die Drogen und so. Nur, die meisten Drogen kommen per Flugzeug und per Schiff; die Mauer wird hingegen deswegen gebaut, damit die Baufirmen, alle Freunde des Präsidenten, einen prächtigen Auftrag bekommen.

            Ich fürchte aber, ich komme ins Schwadronieren. Amerika, ja, welche Identität besitzt man hier eigentlich? Wer bin ich denn, nach fast vierzig Jahren hier im Lande? So schlimm ist das alles eigentlich gar nicht; das Leben ist recht leicht, die Nachbarn verstecken sich hinter den Mauern, Freundschaften schließt man nicht, jeder geht seinen eigenen Tätigkeiten nach, und so hat man seine Ruhe. Friedhofsruhe! Und dann ballert wieder so ein Maschinengewehr, lustig ist das Landsknechtsleben!

            Sollte ich aber nach Deutschland zurückziehen? In die dort herrschende Bürokratie, den Kleinkrämergeist, die Provinzialität, die Engstirnigkeit? Auch dort toben sich heute selbstherrlich die Antisemiten aus; Verschwörungstheorien schießen wie Pilze aus dem Boden, viele Unis sind erbärmlich ausgestattet, die Steuern so hoch wie fast nirgends, und VW et Co. haben es, wie die Gerichte endlich entschieden haben, faustdick hinter den Ohren. Der gute deutsche Michel ‒ bis heute kaum was dazugelernt.

            Wie gesagt, ich sitze zwischen zwei Stühlen. Solange ich aber kein Spagat machen muss, sei es drum, hic Rhodos, hic salta! Wer mit den Wölfen heult, gehört selbst dazu. Ich könnte noch mehr Sprüche klopfen, Amerika loben, Amerika beschimpfen, Deutschland als Vorbild hinstellen oder Deutschland verächtlich machen, je nach Großwetterlage. Wie man es dreht oder wendet, überall gibt es eine Innen- und eine Außenseite. Und, je älter man wird, desto mehr möchte man am eigenen Land kritisieren. Nur, dann die Konsequenz daraus ziehen und die Zelte abbrechen, um in die andere Welt auszuwandern, käme dem anderen Sprichwort gleich: Aus dem Regen in die Traufe. Oder, das Gras ist auch nicht grüner auf der anderen Seite. Lassen wir das also mal lieber bleiben. Schimpfen tut halt immer gut, und besser machen will wirklich erst mal gelernt werden. Lieber guter neuer amerikanischer Staatsbürger, bleib doch bitte bei deinen Leisten. Trotzdem, da steckt ein mächtiger Wurm in unserem Land, und ob oder wie wir damit klarkommen werden, steht noch lange aus.

 

Mai 2020

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Jun 01 2020

Locked down in Berlin

Locked down in Berlin

Hans Mayer

 

“Etwa zu Frühlingsanfang des genannten Jahres begann die Krankheit schrecklich und erstaunlich ihre verheerenden Wirkungen zu zeigen.”*

 

In unserer Berliner Straße ist alles wie immer, auch die Bäume haben in den Wochen seit dem Beginn der Corona-Krise ausgeschlagen wie sie es jedes Frühjahr, mal früher mal später tun, unbeeindruckt von dem Virus.

Noch vor dem offiziellen Lockdown wurden die ersten Veranstaltungen abgesagt. Die letzte von fünf außerordentlich interessanten Gesprächsrunden zur Wilhelm und Alexander von Humboldt Ausstellung in den Räumen des Pei-Baus am Deutschen Historischen Museum fiel ins Wasser. Es war der Auftakt zum Rückzug ins Private.

Wir sind privilegiert. Wir sind finanziell abgesichert. Wir haben eine große Wohnung und können uns aus dem Weg gehen, wenn dazu Anlass besteht. Wir müssen nicht zur Arbeit. Wir können auch nicht entlassen werden. Wir müssen nicht den öffentlichen Nahverkehr benutzen, bei uns können wir fast alles um die Ecke besorgen. Und wenn denn doch etwas Ungewöhnliches zu besorgen ist wie beispielsweise ein Kabel, um die Angebote der Mediathek nutzen zu können, dann genügt ein Anruf bei dem kleinen Händler, den man persönlich kennt, und man wird trotz Lockdown durch die Hintertür beliefert. Die Stadt ist ruhig. Keine Touristen. Man kann die Zeit zum Ausruhen, Aufladen und Entspannen nutzen, wenn man sich nicht von den Virologen und der Politik überwältigen lässt.

Nach dem Lockdown intensivierten wir unser morgendliches Nordic Walking, blieben aber ansonsten zumeist zu Hause. Die hektische Berichterstattung in den Medien, die schrecklichen Bilder aus Italien und Spanien blieben bei aller intellektuellen Distanz und einer kritischen Einschätzung der der Politik zugrundeliegenden epidemiologischen Schätzwerte nicht ohne Wirkung auf uns. Die Verletzlichkeit des Körpers, in unserem vorgerückten Alter ohnehin täglich zu spüren, wurde einem schließlich noch bewusster. Wir wollten uns schützen, indem wir uns im öffentlichen Raum ertüchtigten. Auf den breiten Trottoirs der Berliner Straßen war Platz-Machen angesagt. Wenn es trotzdem zu eng werden schien, weil einem eine ganze Truppe ungestümer Jugendlicher entgegen kam, machte man einen Bogen. In der Anfangszeit konnte es geschehen, dass man seinem unbekannten Gegenüber ein Lächeln, vielleicht sogar ein „Bleiben Sie gesund“ schenkte. Ungewohnte Verhaltensweisen in einer anonymen Großstadt, die für ihre Ruppigkeit bekannt ist.

Was mich am meisten schmerzt: Ich kann in kein Archiv und keine Bibliothek, ohne die ich nicht arbeiten kann. Der Lockdown hat alle ohne Unterschied geschlossen. Auch wenn die Bibliotheken für die Ausleihe durch Universitätsangehörige mittlerweile wieder geöffnet sind, als Externer gehöre ich nicht dazu. Ich brauche diese Einrichtungen. Meine Erinnerung und Phantasie reichen nicht aus für meine Textproduktionen. Die Recherche und das akkumulierte verschriftlichte kulturelle Wissen, das dort gesammelt und bereitgehalten wird, sind unverzichtbar. Da hilft die ganze Digitalisierung nichts. Nicht zuletzt kann ich dort in Ruhe konzentriert arbeiten, denn die Lesesäle sind leer, seit den Studenten das Lehrmaterial von den Dozenten digital zur Verfügung gestellt wird.

Freunde sehen wir in dieser Zeit nicht. Dafür telefonieren wir umso eifriger. Die Gespräche sind länger und intensiver als vor der Pandemie. Sie kreisen um dieselbe. Ich rufe auch Freunde an, mit denen ich seit längerem keinen Kontakt mehr hatte. Grundsätzliche Fragen zur gesellschaftlichen und politischen Verfasstheit werden aufgeworfen. Inwieweit trauen die Politiker ihrem Volk, und inwieweit traut das Volk seinen Politikern? Es gibt auch Streit über die Proteste der Querfront-Anhänger vor der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Am Ende erweist sich das Volk der Berliner in seiner großen Mehrheit lange Zeit als folgsamer, als die Politiker das vermutet haben, die sich dann artig bedanken, um gleich danach noch eine Warnung auszusprechen, es könne ja wieder schlimmer werden. Für ein Aufatmen sei es noch zu früh.

 

„Der kurzen Trauer folgen alsbald die Lust und die Süßigkeit“*

 

Ich esse mehr Süßigkeiten, fällt mir auf. Solange es keinen Impfstoff gegen Covid-19 gibt, so denke ich, könnten Süßigkeiten über manches hinweg trösten. Im späten Mittelalter wurde ihnen ja noch ein therapeutischer Wert beigemessen. Die Apotheker wiederum machten die Medikamente mit Zucker schmackhafter und wurden deswegen „confectionarii“ genannt. Also warum nicht.

Auch der Berliner, insbesondere der junge Berliner, nimmt es nach einigen Wochen der Betroffenheit wieder gelassener, versammelt sich an den Ufern des Landwehrkanals in den Szenebezirken Neukölln und Kreuzberg oder auf dem Tempelhofer Feld. Die Hotspots des Nachtlebens, die Bars und Clubs bleiben ihm im sexy Berlin allerdings wohl noch für längere Zeit verschlossen. Kein Grund zu verzweifeln, würde ich meinen, und lege schließlich Lou Reed auf:

 

Just a perfect day
Drink Sangria in the park
And then later
When it gets dark, we go home

Just a perfect day
Feed animals in the zoo
Then later
A movie, too, and then home

 

*) Zitate aus Giovanni Boccaccio: Das Dekameron

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