Aug 2016

‘Habent sua fata libelli’: Zum Interim von Glossen

von Frederick A. Lubich

„Bücher haben ihre eigenen Schicksale“, so wusste es schon der altrömische Grammatiker Terentianus Maurus im dritten Jahrhundert vor Christus. Spätestens zur Zeit des europäischen Humanismus ist dieser altehrwürdige Ausspruch zur zeitlosen Spruchweisheit geworden. Jedoch nicht nur Bücher haben ihre Schicksale, sondern auch Zeitungen und Zeitschriften. So gab es zum Beispiel im neunzehnten Jahrhundert in den Vereinigten Staaten zahlreiche deutschsprachige Zeitungen, jedoch nicht zuletzt die zwei Weltkriege haben ihnen einen nachhaltigen Schicksalsschlag versetzt. Heute gibt es hierzulande nur noch eine Handvoll solcher Zeitungen, die sich aus jener Zeit erhalten haben, allen voran die New Yorker Staatszeitung und die Nordamerikanische Wochenpost. Und wer weiß, wann auch den letzten deutschsprachigen Zeitschriften hier in Nordamerika, wie etwa dem rund hundertjährigen Magazin Das Fenster, die Stunde schlagen wird. Und auch in südamerikanischen Ländern wie Brasilien und Argentinien ist es um die einstige Vielfalt deutschsprachiger Publikationsorgane ähnlich bestellt.

Für Glossen hat sich jedoch das geflügelte Wort vom Schicksal der Bücher buchstäblich in Form der Beflügelung bewahrheitet. Die Zeitschrift ist das erste deutsch-amerikanische Kulturjournal seiner Art, das sich von Anfang an vom Papier löste und dessen Seiten sinnbildlich gesprochen Flügel entfalteten und in den elektronischen Cyberspace abhoben – oder auf gut Deutsch-Amerikanisch: Glossen startete Online!

Werfen wir noch einmal einen Blick zurück auf die Geschichte dieser elektronischen Zeitschrift. Im Jahr 1997 gründete die deutsch-amerikanische Germanistengruppe bestehend aus Christine Cosentino, Wolfgang Ertl und Wolfgang Müller die Zeitschrift mit dem Untertitel German Literature and Culture after 1945 als eines der ersten multi-medialen Online-Magazine im internationalen Kulturbetrieb, das sich folgendermaßen definierte: „Glossen is a peer reviewed, bi-lingual scholarly journal on literature, art, and culture in the German speaking countries after 1945. […] It contains scholarly articles, original literary texts in German or in English translation, images, audio, and video representations. The journal appears online two to three times a year and encourages contributions of scholarly and creative nature which take advantage of the online format.”

Mit Wolfgang Müller als “Managing Editor” und einem festen, redaktionellen Mitarbeiterstab von insgesamt sechs Mitgliedern stieg Glossen über die Jahre zu einem der bekanntesten und angesehensten Journale seiner Art diesseits und jenseits des Atlantiks auf. Um aus der Reihe der zahlreichen Beiträger nur einige der namhaften Autoren und Autorinnen zu nennen: Gabrielle Alioth, Michael Augustin, Michael Blumenthal, Bas Böttcher, Volker Braun, Thomas Brussig, F.C. Delius, Esther Dischereit, Jörg Drews, Gabriele Eckart, Michael Eskin, Jochen Gerz, Freya Klier, Alexander Kluge, Uwe Kolbe, Stefan Krawcyk, Günter Kunert, Anton Leitner, Doris Liebermann, Sten Nadolny, Oskar Negt, Auma Obama, Utz Rachnowski, Anna Rosmus, Hans Joachim Schädlich, Christoph Schlingensief, Helga Schubert, Ingo Schulze, Rainer Stollmann, Ulrich Treichel, Gerald Uhlig-Romero, Alissa Walser, Peter Wortsman und – last but not least – der berühmteste Namen unter ihnen, Herta Müller, Nobelpreisträgerin für Literatur.

In seiner konzeptionellen Mannigfaltigkeit, die von literarischen, literaturkritischen und kulturhistorischen Essays über Anekdoten, aktuelle Blogs, satirische Vignetten, Rezensionen,  Künstlerportraits und Interviews bis zu Tonaufnahmen, farbigen Bildsequenzen, Video-Aufzeichnungen von literarischen Lesungen und ausführlicheren Fragebögen zum Thema der Emigration und Integration reichte, hatte sich Glossen im Laufe der Zeit mit seiner immer wieder illustren kreativ-publizistischen Gesellschaft zu einem einzigartigen Kommunikationsmedium im internationalen Gedankenaustausch profiliert. Vor allem die politischen Spannungen und kulturellen Widersprüche im gespaltenen wie auch wiedervereinten Deutschland standen dabei immer wieder im Brennpunkt der Diskussionen und – mutatis mutandis – der Kontroversen und Provokationen. So musste zum Beispiel auch noch in einer der jüngsten Ausgaben ein von beiden Seiten ursprünglich gutgeheißenes und bereits publiziertes Interview im Nachhinein auf Antrag der Autorin, mit der das Gespräch geführt worden war, wieder gelöscht werden.

Kultur hin und Politik her, in jedem Fall war das Online-Journal im Laufe der Jahre immer mehr zu einem virtuellen, transatlantischen Ocean-Liner zwischen Alter Welt und Neuer Welt geworden, der in seiner facettenreichen Konzeption immer wieder durch theoretischen Tiefgang wie multimedialen Hochglanz zu brillieren verstand. In anderen Worten, Glossen war „glossy and profound“ und in seinen diversen Foren glaubten sich seine Autorinnen und Autoren noch lange kreativ tummeln und kritisch austauschen zu können.

„Life is what happens while you are busy making other plans” – so meinte schon John Lennon und ihm mehr oder weniger folgend glaubte auch Wolfgang Müller nach vierzig Glossen-Nummern im Frühjahr 2015 aus heiterem Himmel das Ende dieses Cyber-Journals verkünden zu können. Jedenfalls ging der graugewordene Lotse, schnauzbärtig wie der alte Bismarck, so unauffällig wie unwiderruflich von Bord – und nach ihm sollte auch sein Schiff ebenfalls sang- und klanglos untergehen. So zumindest hatte er es geplant.

Auf Grund zahlreicher Schreiben, die den dräuenden Untergang von Glossen sehr bedauerten und auch immer wieder die Hoffnung auf eine Weiterführung dieses in seiner Art einzigartigen transatlantischen Journals zum Ausdruck brachten, habe ich mich schließlich bereit erklärt, zur Überbrückung als sein Interim Managing Editor zu fungieren, bis die Position wieder fest besetzt werden kann. Rührt/rühren Sie also bitte entsprechend die Werbetrommel, damit sich bald eine permanente Herausgeberschaft etablieren kann.

Was das Interim-Team betrifft, so hat sich in der Zwischenzeit eine Gruppe von rund zwanzig Mitstreitern zusammengefunden, die definitives Interesse an einer Mitarbeit in einem vorläufigen Advisory Board und Editorial Board bekundet haben. Im Sinne unseres transatlantischen Unternehmens kommen sie denn auch aus einem halben Duzend Ländern in verschiedenen Erdteilen, inklusive Deutschland, Irland, England, Kanada, Nord-Amerika und Neuseeland. Zu ihnen gehören Gabrielle Alioth, Michael Augustin, Gerrit-Jan Berendse, Heinz Blumensath, Michael Blumenthal, Ingo Cornils, Christine Cosentino, Gabriele Eckart, Michael Eskin, Silke Falkner, Gisela Holfter, Elke-Vera Kotowski, Marko Martin, Hans Mayer, Stephan Resch, Jay Rosellini, Anna Rosmus, Kerstin Steitz, Rainer Stollmann, Peter Wortsman und Fred Viebahn. Besondere Erwähnung verdient Sarah McGaughey, eine frühere Kollegin Wolfgang Müllers am Dickinson College in Pennsylvanien, die sich begeistert bereit erklärt hat, als Online Editor die computertechnische Seite von Glossen zu übernehmen.

Im Namen aller Mitglieder des Herausgebergremiums möchten wir Autorinnen und Autoren einladen, sich mit Beiträgen sowie Fragen und Vorschlägen bezüglich einer möglichen Mitarbeit an Sarah McGaughey oder mich zu wenden und wir werden sie dann gegebenenfalls im Plenum weiterdiskutieren. Wie bisher sind nach vorheriger Absprache auch Rezensionen von relevanten Neuerscheinungen, Interviews mit profilierten Persönlichkeiten aus dem kreativen und kulturpolitischen Bereich und natürlich literarische und literaturkritische Beiträge im thematischen Rahmen dieses Publikationsorgans weiterhin sehr willkommen.

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„Music is your only friend until the end“, das war nicht nur die unausgesprochene Losung der Musikkapelle, die an Bord der Titanic bis zum Untergang aufgespielt hatte, sondern vor allem auch die explizite Maxime der Doors in einem ihrer populärsten Rocksongs. Die Macht und Magie der Musik! Obgleich Glossen immer wieder verschiedene Bereiche künstlerischen Schaffens und Gestaltens thematisiert hatte, spielte die Welt der Musik in diesem Magazin bislang nur eine marginale Rolle. Schön wäre, wenn sich künftige Beiträge auch mit diesem Thema des transatlantischen Kulturtransfers ausführlicher beschäftigen würden. Von Erich Wolfgang Korngolds vielfacher Bereicherung der Hollywood’schen Filmmusik über die musikalische Avantgarde deutscher Techno-Bands wie Kraftwerk und Tangerine Dream oder auch Rammsteins Gothic-Metal-Rock und seine international so erfolgreichen schock- und schauerromantischen Bühnenspektakel bis hin zum jiddischen Klezmer-Tango und der Fusion von deutsch-arabischem und afro-amerikanischem Rap und Hip Hop lassen sich immer wieder musikalische Einflüsse und stilistische Vermischungen zwischen Alter Welt und Neuer Welt feststellen, die sich kulturhistorisch wie gesellschaftspolitisch aufschlussreich weiterverfolgen ließen.

Ein ähnlich unterbelichtetes Thema des deutsch-amerikanischen Kulturaustauschs stellte in diesem Journal bislang auch die Welt des internationalen Films dar. Von Carl Laemmle, dem Gründervater von Universal Studios, und Ernst Lubitsch, dem Bahnbrecher der romantischen Filmkomödie, bis zu Wolfgang Petersen und seinem amerikanischen Durchbruchserfolg Das Boot und nicht zuletzt Roland Emmerich, dem unbestrittenen Großmeister des apokalyptischen Katastrophenkinos, ziehen sich die deutschen Spuren durch die Traum- und Alptraumfabrik von Hollywood.

The Day After Tomorrow lautet einer der bekanntesten Blockbuster des internationalen „Masters of Desaster“ aus dem schwäbischen „Muschterländle“. Emmerichs Filmdrama ist eine endzeitliche Mauerschau, in der Manhattan, die imposante Metropole und architektonische Stamm- und Hochburg der westlichen Moderne, von einer eiszeitlichen Sturmflut überschwemmt wird und letztendlich hoffnungslos in ihr untergeht. Die entsprechend internationale Diskussion um den weltweiten Klimawandel sowie die systematische Erforschung und Entwicklung erneuerbarer Energien zum nachhaltigen Schutz der gefährdeten Umwelt sind denn auch aktuelle Themenkomplexe und grundlegende Erfahrungsbereiche, in denen sich die grüne Politik und die diversen ökologischen Projekte der Bundesrepublik in den letzten Jahren weit über ihre Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht haben.

Ein weiteres, transatlantisch relevantes Thema wäre der Übergang von der Exilforschung zur Emigrantenforschung. Während die amerikanische Nachkriegsgermanistik auf bedeutende Weise von deutschsprachigen Exilanten des Dritten Reiches geprägt wurde, werden jüngere akademische Generationen zunehmend von deutschsprachigen Emigranten abgelöst, die aus ganz anderen Beweggründen nach Amerika ausgewandert waren. Auch ihre Lebensläufe, ihre Träume und Wirklichkeiten, wären sicherlich ein aufschlussreiches Forschungsgebiet.

„Die Muttersprache als Heimat der Heimatlosen“, so hatte einst der aus Nazi-Deutschland nach Amerika geflohene Klaus Mann seine Beziehung zur Muttersprache charakterisiert. Wie stehen  heutige deutschsprachige Auswanderer, die viele Jahre nach dem unsäglichen  Zivilisationsbruch des Dritten Reiches in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind, zu ihrer deutschen Muttersprache? Von den diversen nationalen Mythen und kritischen Theorien um die vielbeschworene „Heimat“, die sich über Generationen im deutschsprachigen Kulturkreis Mitteleuropas entfalten haben, hier einmal ganz zu schweigen.

Und nicht zuletzt das hochaktuelle Thema der Fluchtburg Europa, die politisch so umstrittene Gegenwartsgeschichte der Flüchtlingsströme aus dem Nahen Osten, die sich Richtung Norden wälzen, um schließlich ganz Deutschland zu überfluten – wie jene wachsenden Bevölkerungsmassen meinen, die einmal mehr das Ende der Alten Welt, den sagenhaften Untergang des Abendlandes am Horizont heraufziehen sehen. Und in der Neuen Welt brauen sich ähnlich fatal-epochale Schauergeschichten zusammen, schenkt man den düsteren Beschwörungen des derzeitigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten und seiner beträchtlichen Wählergefolgschaft weiteren Glauben. Diese zunehmenden Krisen- wenn nicht gar Panikstimmungen diesseits und jenseits des Atlantiks stellen sicherlich den virulentesten transnationalen Spannungsbogen unserer Gegenwart dar.

In diesem Zusammenhang können so manche von uns, die wir selbst diesen vielberufenen Migrationshintergrund haben oder auch uns noch gut an die Erzählungen unserer ausgewanderten Eltern oder Großeltern erinnern können , weitere persönliche Erfahrungen und relevante Betrachtungen über Glossen und seine interdisziplinäre Plattform austauschen. Deutschland, Europa und letztlich die ganze Welt stehen vor globalen Herausforderungen und internationalen Bewährungsproben, die sich möglicherweise am kongenialsten im realistisch-utopischen Pioniergeist der deutsch-amerikanischen Doppelparole bewältigen lassen: „Das schaffen wir“ – „The sky is the limit“! Oder doch nicht?

Mauerbau und Mauerschau: Im polemischen Rahmen dieser kritisch-kreativen Perspektive sind alle Interessenten eingeladen, sich mit entsprechenden Beiträgen an der nächsten Glossen-Nummer zu beteiligen. Das Format schließt dem bewährten Konzept von Glossen folgend sämtliche kommunikative Gattungen ein von sprechenden Bildern und aufschlussreichen Geschichten bis zu kulturkritischen Analysen und sozialpolitischen Berichten. Da sich die sprichwörtliche Mauerschau, die bekanntlich auf die homerische Kassandra im kleinasiatischen Troja zurückgeht, letztlich vor allem auf persönliche Eindrücke und emotional-impressionistische Augenblicke beruft, sind entsprechend ebenso kurze Texte willkommen, in anderen Worten Schmähgedichte, Hohe Lieder, Scherbengerichte … anything goes. You go. In German or in English.

Im Idealfall bildet die auf diese Weise entstehende Meinungsvielfalt ein facettenreiches Panorama, das Gegenwart und Zukunft so kontrovers wie konstruktiv zu illuminieren vermag. Da erfahrungsgemäß die Beiträger von Glossen auf Grund der transatlantischen Spannbreite und internationalen Reichweite des Journals ebenfalls verschiedenster Herkunft sind, bitten wir entsprechend, dem jeweiligen Beitrag auch einen kurzen Lebensabriss mit wesentlichen bio-bibliografischen Daten bis zu maximal hundert Wörtern beizufügen. Einsendetermin für die nächste Glossen-Nummer ist der 30. November 2016.

Zum Schluss sei an dieser Stelle den bisherigen Mitgliedern der Glossen-Redaktion Michael Augustin, Gerrit-Jan Berendse, Heinz Blumensath und Rainer Stollmann sowie den Gründungsmitgliedern Christine Cosentino und Wolfgang Ertl für ihre langjährige und erfolgreiche Arbeit an Glossen noch einmal herzlich gedankt. Ein besonderes Dankeschön gilt Wolfgang Müller, dem Ehrenmitglied des Interim-Herausgebergremiums, der als „Managing Editor“ federführend dieses Online-Journal über all die Jahre aufgebaut und weitergeführt hat. Zu zusätzlichen editorischen Gesichtspunkten und autobiografischen Hintergründen seines in den Ruhestand getretenen Hauptherausgebers siehe auch das ausführlichere Gespräch mit Wolfgang Müller in dieser Ausgabe.

Die vorliegende Nummer 41 stellt die erste Ausgabe unter dem neuen Interim-Team dar. In Weiterführung der bewährten Glossen-Tradition versammelt sie literarische und literaturkritische Beiträge, sowie Rezensionen und Interviews.

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„Habent sua fata libelli“. Da Glossen wie schon Hermes/Merkur, der antike, griechisch-römische Götterbote, vergleichbare, sprichwörtliche Flügel besitzt, die seine Texte in den elektronischen Cyberspace tragen, werden die weiteren Nummern mit wachsendem High-Tech auf jedem Kindle und Smart-Phone überall und jederzeit abrufbar sein. Und wenn wir alle so akademisch wie kritisch-kreativ an Glossen mitarbeiten, dann wird diesem Journal auch weiterhin ein gutes Schicksal beschieden sein. In diesem Sinne freuen wir uns im Namen des gesamten Interim-Teams auf Zuschriften und verbleiben mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen

 

Frederick A. Lubich, Interim Managing Editor
flubich(at)odu.edu

Sarah McGaughey, Interim Online Editor
mcgaughs(at)dickinson.edu




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