Dec 2016

Jürgen Fuchs kommt nach Polen

von Utz Rachowski

Eröffnungsvortrag an einer internationalen Germanisten-Konferenz über Jürgen Fuchs in Wroclaw (Breslau) im November 2016

 

Jürgen Fuchs war nie in Polen. Heute kommt Jürgen Fuchs nach Polen.

 

„NIKE WENN SIE ZÖGERT

Am schönsten ist Nike
wenn sie zögert
die rechte hand an die luft gelehnt
herrlich wie ein befehl
aber die flügel zittern

Sie sieht
den einsamen jüngling
der langen spur
des kriegswagens folgen
dem grauen weg in der grauen landschaft
aus felsen und kahlem wacholder

bald wird der jüngling sterben
schon senkt sich die waagschale
seines schicksals

Nike hat große lust
sich ihm zu nähern
und seine stirn zu küssen

aber sie fürchtet
dass er
die süße der kosung nie empfunden
wenn er sie kennenlernte
fliehen könnte wie die anderen
während der schlacht

Also zögert Nike
und entschließt sich doch
in jener haltung zu verharren
die ihr die bildhauer beibrachten
beschämt ob dieses augenblicks der rührung

…“                                          Übertragen von Karl Dedecius

(aus: „Poesiealbum 86“, Berlin 1974)

 

Das ist natürlich ein Gedicht von Zbigniew Herbert. Jürgen Fuchs hat es früh wahrgenommen, schon Anfang der 70er Jahre, als in der Reihe „Poesiealbum“, diese kleinen Heftchen, die sich jeder für 90 Pfennige leisten konnte, auch ein Heft zu Herbert erschienen war. Zwei Jahre später, im Gefängnis der politischen Polizei „Stasi“ in Berlin Hohenschönhausen beschwieg Jürgen Fuchs neun Monate lang, was er bald nach seiner Entlassung in seinen „Vernehmungsprotokollen“ in einem Gedicht aufschreiben sollte: „Am schönsten ist L. wenn sie zögert“. L. – das ist Lilo, seine Frau. Sein Mut zu solcher literarischen Nähe, als wäre sie selbstverständlich, bei der Jürgen Fuchs mit einer Übertragung nicht zögert.

Zbigniew Herbert und Jürgen Fuchs. Dieses Beispiel gleich am Anfang für die, fast möchte ich sagen: unbewusste Wahrnehmung und Verinnerlichung, polnischer Poesie durch Jürgen Fuchs.

 

Auch einen anderen großen Dichter Polens, Tadeusz Różewicz, hatte er in seinen frühen Jahren gelesen. Dessen Lyrik, wird gesagt, sei eine „Poesie der gewürgten Gurgel“. Różewicz schrieb: „Man hat die Lyrik auf der Jagd nach Originalität und Unwiederholbarkeit lächerlich gemacht, aus ihr ein Kinderspielzeug, ein avantgardistisches Kalb mit zwei Köpfen gebastelt. Also muss ich das alles begraben und die Erde darüber festtreten… Die Lyrik muss, um auferstehen zu können, sterben… Ich trage in mir ein Verbot, schöne Gedichte zu schreiben.“

Das passt zu Jürgen Fuchs.

 

Ich erinnere mich gut. Jürgen lernte ich im September 1968 kennen, als ich auf die Erweiterte, die „Goethe-Oberschule“ in Reichenbach kam mit der neunten Klasse, er bereits in der Zwölften. Heute gibt es in dieser Stadt eine Jürgen-Fuchs-Bibliothek, zu deren Entstehung ich etwas beitragen durfte. Damals kamen wir schnell ins Gespräch, denn es waren wieder einmal „Große Zeiten“, der Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei lag nur eine Woche zurück. Durch unsere Stadt waren tagelang die Panzer gerollt und der aufgewirbelte Staub war noch in der Luft, die aufgerissenen Straßen mit Pflastersteinen übersät. Da sagte er mir gleich am Anfang, vor wem ich mich zu schützen habe, hier an der Schule, wer von den Lehrern gefährlich sei und mit der „Stasi“, die an der Schule aus- und einging, zusammenarbeiten würde. Später schrieben wir die Motorrad- und Autonummern dieser Besucher auf, um sie in der Stadt wiederzuerkennen. Wenn sie zum Beispiel vor dem Eiscafé standen oder vor der Waldgaststätte „Schwarze Katz“, wo wir uns manchmal trafen. Bevorzugt und in Ruhe sahen wir uns jedoch lieber bei uns zu Hause, er saß dann bei sich in dem großen Ohrensessel, ich erinnere Grün, an der Wand ein Zettel: „Sie brannten die Helligkeit dieser Zeit in unsere Augen, die Zweifelnden. Wie weit verbrannt ist schon das Licht?“

Später im Schuljahr machte er Abitur und wurde im Herbst, im November 1969, zur Armee eingezogen. „Die steinerne Welt“. Ich erlaube mir dieses Kurzschließen eines Titels von Tadeusz Borowski mit Jürgen Fuchs, denn viel später, in Jena, sollte Jürgen ein Prosastück schreiben, das den Titel „Das Fußballspiel“ trägt. Borowskis Buch hatten wir gelesen. Dieser schrieb: „Ich lief mit meinem Ball zurück und warf ihn ins Spiel… er rollte ins Gras. Ich ging ihn holen. Als ich ihn aufhob, sah ich noch einmal zur Rampe hinüber… die Rampe war leer… zwischen zwei Eckbällen hatte man hinter meinem Rücken dreitausend Menschen vergast…“. Jürgen Fuchs spielte Fußball, wie der Protagonist der Erzählung Borowskis in den 1940er Jahren in Auschwitz, Fuchs 1970 in einer Kaserne in Plauen im Vogtland. Bei Jürgen Fuchs erschoss sich während des Fußballspiels ein Soldat. Er sah die Gehirnmasse oben im Dach des Unterstands, dem Postenpilz. Nach diesem Erlebnis kam Jürgen auffällig verändert und tief verstört, zu einem Urlaub 1970 in unsere kleine Stadt zurück und las mir, in seinem grünen Sessel sitzend, ein neues Gedicht vor, nicht leise, wie ein Schrei aus „gewürgter Gurgel“:

„Gelbe landschaft leben
Unser tag unter ihren händen
Zerschnitten sein lied

In formierten farben
Der schlächter – wir
In den städten
Singen die sorglosen
Lieblich
Vers um vers
In unseres schweigens schrei

Die uns den atem nehmen
Der warnung wort
Leben mit uns

Aber ich höre
Der ich vergesslich sein soll
Auf befehl ab sofort:

Sie lügen im licht
In meiner sprache
Treten hervor
Finden klebrigen glauben
Wie sollten sie’s nicht
Bei der alten vergesslichkeit

So in der nacht
Fremder leuchtschrift flimmer
Euer vergessen
Das da grinst und grölt und
Fleisch inhaliert

Ruf ich zu euch:
In mode wird kommen gelb
Die gelbe landschaft
Mit asche gedüngt

Wenn nicht“

(September 1970)

 

In Jena, Jahre später dann als Student der Psychologie, schrieb er dieses Armee-Erlebnis konkreter, fast möchte ich sagen befreit und befreiend, auf.

„Das Fußballspiel“: „Aber ich habe es doch erlebt… ich werde nicht vergessen, was uns dieser Unterfeldwebel oder Unterwachtmeister, wie er sich gern nannte, am zweiten Tag im Vorbeigehen sagte: Damit wir uns gleich richtig verstehen, wer hier durchdreht und Faxen machen will, der muss sich schon was Besonderes einfallen lassen, hier gab’s schon alles: Aufhängen, Fenstersturz, Tabletten, auf Wache abknallen, alles schon dagewesen.

Gar nichts Besonderes (Hervorhebung – U.R.), nur ein Sonnabendnachmittag im Juni, die Kaserne ruht, ein angeketteter Schäferhund bellt, einige Soldaten spielen Fußball. Die drei Schüsse waren kaum zu hören, etwas dämpfte den Schall. Na und, der Posten am Tor ist tot, das kommt vor… Dann wird er abgedeckt, dann wird er abgeholt, dann wird Sand gestreut, weil dort doch jemand lag, in seinem eigenen Blut an einem Sonnabendnachmittag, und ich spielte Fußball, zwanzig Meter entfernt…“

„Also zögert Nike
und entschließt sich doch
in jener haltung zu verharren
die ihr die bildhauer beibrachten
beschämt ob dieses augenblicks der rührung

sie weiß
dass man im morgengrauen
den jungen finden wird
mit offener brust
geschlossenen lidern
und mit dem herben geschmack des vaterlands
unter der steifen zunge“

 

Heute kommt Jürgen Fuchs nach Polen. Ich kam hierher zum ersten Mal aus Gründen der Liebe, zu einem Mädchen aus Warschau namens Hanka im August 1973. Nach Wrocław gleich im Herbst, wenige Tage vor meiner Einberufung zur Armee. Ich war um Mitternacht hier am Bahnhof aus dem Zug nach Warschau gestiegen. Es fand gerade das Welt-Studententheater-Festival statt, ich sah in 24 Stunden eine Aufführung des legendären Jerzy Grotowski direkt am Rynek, ein zweites Stück mit einer Gruppe 40 nackter Japanerinnen und stieg zur nächsten Mitternachtsstunde wieder in meinen Zug. Als ich später Wolf Biermann und Jürgen Fuchs von diesem Tag in Wrocław berichtete, blieben sie eher distanziert, vielleicht glaubten sie mir die nackten Japanerinnen nicht… Wolf sagte: „Ach, was redest Du da von Freiheit, die mit ihrer Schwarzen Madonna, von dort kommt niemals was Neues.“ Jürgen verteidigte Wolf Biermann zugleich: „Du musst bedenken“, sagte er zu mir, „dass Wolf seit fast einem Jahrzehnt nicht reisen darf, er kann sich das nicht vorstellen“. Aber auch er blieb skeptisch und nicht nur den Japanerinnen gegenüber und sprach lieber vom aufziehenden Eurokommunismus in den westlichen Ländern. Ich aber besuchte meine Freundin Hanka weiterhin und machte in Wrocław Zwischenhalt.

Fünf Jahre später, am 16. Dezember 1980, weckte mich Jürgen um sechs Uhr dreißig früh, ich war nicht gerade begeistert, denn vor 10 Tagen war ich aus dem DDR-Gefängnis nach Westberlin gekommen und trachtete, endlich einmal auszuschlafen. Jürgen und Lilo hatten mich nach meiner Haft sofort in ihre Wohnung aufgenommen und stellten mir ein Zimmer zur Verfügung, um mich vor dem Aufnahmelager Marienfelde zu bewahren. Regelmäßig päppelten sie mich beim Frühstück mit Alete-Kindersäften auf. Jürgen und Lilo hatten an diesem Morgen im Flur den Fernseher angeschaltet und sagten nur: Schau mal! An diesem Tag wurde in Gdansk das Denkmal für die Opfer des Werftarbeiterstreiks von 1970 eingeweiht, bei dem es bis zu 100 Tote gegeben hatte. Auch das Bild im Fernseher war dunkel, wir sahen Tausende von Menschen über die Brücken der Werft ziehen. 100 000 Menschen kamen. Dann wurden am Denkmal die Namen der Toten verlesen. Offenbar nicht im Protokoll stand, was jetzt geschah: Die Menschen riefen nach der Nennung jedes einzelnen Namens: Jest wsród nas – er ist unter uns! Ich war erschüttert vor Freude, auch vor Rührung, was ich verbergen wollte und sagte zu Jürgen: „Das ist ja meine Rede seit Grotowski, die Polen machen das – und zwar mit der Schwarzen Madonna“.

Später, 1981, trafen wir mehrere Male Adam Zagajewski in Westberlin, der ein Stipendium des Deutsch Akademischen Austauschdienstes hatte. Am 28. November 1981 veröffentlichten wir Drei in der Frankfurter Rundschau ein gemeinsames Gespräch unter dem Titel „Poetisches Prinzip Aufrichtigkeit – oder wie es ist, muss es nicht bleiben“. Das war 15 Tage vor Verhängung des Kriegsrechts über Polen. Eine Veränderung in diese Richtung hatten wir natürlich nicht gemeint, sondern eingefordert demokratische Grundrechte wie Streikrecht und Pressefreiheit und Freiheit des Wortes auch für die Menschen in der DDR. Aber auch Themen angesprochen, zu denen Adam Zagajewski uns klare Sätze sagte, deren innerer Sinn für mich noch heute Gültigkeit hat. Zagajewski: „Das Beim-Namen-Nennen der Dinge ist die einzige Chance der Literatur. Es kommt darauf an, die Wahrheit zu erkennen und zu sagen. Das kann auf vielerlei Weise geschehen. Die platte und die verrätselte Lüge haben zum Gegner die einfache Wahrheit und das Rätsel der Kunst…Wenn jemand begabt ist, hat er eine sehr kleine, seltene Möglichkeit. Sie ist wertvoll. Das, was die Politik betrifft, ist so allgemein, dass es fast jeder aussprechen kann. Es ist keine große Schwierigkeit, über Politik zu sprechen… Man muss ganz egoistisch diese ‚kleine Möglichkeit’ schützen, damit sie nicht im Gerede untergeht. Man soll hier ganz egoistisch sein… Aber ich denke, dass man dieses ‚Etwas’, das man vielleicht hat, der Welt zurückgeben sollte. Es kann aus dieser Sicht eine Gefahr sein, dies dem Publizistischen zu opfern“.

 

Ich habe mich an diese mahnenden Worte Adam Zagajewskis gehalten, war aber später auch zutiefst bestürzt über die Klage meines sterbenden Freundes Jürgen Fuchs, der vor seinem Tod schrieb, er hätte so gern eher Liebesgedichte geschrieben, als dem Politischen folgen zu müssen, das ihm aufgezwungen war. Deshalb schreibe ich manchmal Gedichte wie zum Beispiel über einen Hund namens Suki, der in Amerika, in Pennsylvania lebt.

Adam Zagajewski hat zu diesem, meinem letzen Buch, zur polnischen Ausgabe 2015, das Vorwort geschrieben. Ich zitiere es vollständig, weil er darin auch besonders auf Jürgen Fuchs zu sprechen kommt:

 

„Utz Rachowski gehört einer Generation an, die die Literatur nicht nur mit einem leeren Blatt auf dem Schreibtisch und nicht nur mit Rezensionen, Preisverleihungen, Ambitionen, Neid und Aufenthalten in eleganten ‚Häusern der kreativen Arbeit’ assoziierte, sondern durchaus auch mit dem Risiko, das die Herausforderung an das politische System mit sich brachte. Die damals jungen Dichter und Schriftsteller der DDR, eines Staates, der nicht mehr existiert, riskierten viel mehr als ihre polnischen Kollegen. Die ostdeutsche Stasi (nur wer überhaupt kein Deutsch kann, mag dieses Wort für den Namen einer Lieblingskneipe der verarmten Intellektuellen in Krakau halten – ‚U Stasi’) war eine allgegenwärtige und grausame Organisation, die bewusst oder unbewusst die Methoden der Gestapo fortsetzte.

Ein Freund von Utz Rachowski, Dichter und Prosaautor Jürgen Fuchs, zahlte mit seinem Leben für den Konflikt mit dem bereits verschwundenen Staat – er starb an Krebs, den höchstwahrscheinlich die radioaktive Bestrahlung auslöste, der Fuchs im Gefängnis der Stasi ausgesetzt wurde. Utz Rachowski blieb jedoch am Leben, obwohl er auch verfolgt und verhaftet wurde, und schreibt weiter.

Eines der Dilemmata dieser Generation war die Frage: Was tun nach dem Fall des Systems? Die Schriftsteller dieser Generation, nicht sie allein selbstverständlich, sondern in solidarischer Mitwirkung mit viel mächtigeren gesellschaftlichen Kräften, trugen den Sieg davon. Aber in der Literatur kann ein Sieg leicht zur Niederlage werden. Die Dichtung kann sehr gut mit der Tragödie, Katastrophe, Melancholie, mit dem Tod und dem Liebesversagen (damit am besten!) umgehen, sie ist aber ratlos gegenüber dem Sieg. Nur ein Pindar weiß den Sieg zu besingen. Der Triumphalismus ist etwas Abstoßendes – wie lange kann man allerdings triumphieren, eine Woche, zwei? Deswegen kam es oft vor, dass manche Vertreter dieser ‚siegreichen’ Generation ins lange Schweigen gerieten. Gewiss kam es manchmal zum gänzlichen Verstummen – auch wenn ich einen konkreten Fall weder nennen könnte noch möchte. ‚Siegreiche Generation’ und ‚lost generation’ – die Unterschiede sind nicht groß…

Die Literatur ist kein Spiel. Ich kann nicht sagen, was sie ist, aber auf keinen Fall ein Spiel. Sie hat jedoch etwas Spielerisches an sich – vielleicht deswegen verhöhnte die nächstkommende Generation so gern die ‚Sieger’.

Das Büchlein von Utz Rachowski, ‚Miss Zuki czyli Ameryka jest całkiem blisko’ (‚Miss Suki oder Amerika ist nicht weit’), wird die schmerzlichen und paradoxen Dilemmata der Generation Jürgen Fuchs nicht lösen. Ich bewundere jedoch die frische und gelassene Aussagekraft der Gedichte, den Verzicht auf jegliches Kombattantentum. Auch der Bund mit dem Hund oder Hündchen gefällt mir. Die Tiere erfahren die Geschichte viel seltener als die Menschen, aber wenn es schon dazu kommt, zahlen sie dafür den höchsten Preis. Sie beschenken uns sehr reich, vor allem mit einer Art Unschuld, die wir – sowohl die Sieger als auch die Verlierer – nicht mehr haben.“

(Übersetzung von Ewa Szymani, die auch die Gedichte meines Buches ins Polnische übertrug.)

 

Damit, und das will ich festhalten, hat der wohl bedeutendste lebende polnische Dichter, Adam Zagajewski, an unsere Generation den Namen Jürgen Fuchs vergeben.

 

Auch Jürgen Fuchs schrieb ein Gedicht: über zwei große Hunde.

Ein deutscher Professor interpretierte es kürzlich, unglücklicherweise. An mein kleines Hündchen Suki dagegen in Amerika hat sich (zum Glück!), obwohl es niemals beißt, noch kein deutscher Professor herangetraut… aber mehrere polnische wie Ewa Matkowska, Stanisław Rogala oder Stefan Kaszynski.

Der Text des Gedichtes von Jürgen Fuchs lautet:

Auf dem Gang zum Briefkasten / sah ich zwei große Hunde / Auf den Rücksitz / Eines Autos springen / Sie bellten nicht / Sie saßen sofort still / Ich ging weiter / Als sei nichts geschehen

Der Professor schreibt: „…und tatsächlich ist jedoch sehr vieles geschehen, in ihm nämlich, dem aufmerksamen lyrischen Subjekt. …Ob es perfekt abgerichtete Spürhunde waren? Auf der Suche nach ihm? Weil er auf dem Weg zum Briefkasten ist? Wer hat sie, als er sich näherte, zurückgerufen? Weshalb steht dieser Wagen hier? Wer belauert ihn?“

In Verteidigung der Poesie und dieser beiden Hunde sage ich: solche Fragen an die Lyrik von Jürgen Fuchs zu stellen, halte ich für nicht legitim, für Unsinn, denn sie nehmen dem Gedicht das Wichtigste: das Geheimnis. Und reduzieren das lyrische Kunstwerk wiederum aufs nur Politische, etwas was der Poesie von Jürgen Fuchs viel zu oft geschieht – funktionale Reduktion der Literatur auf den biografischen Hintergrund. Mein Wrocławer Freund, der Lyriker Marek Śnieciński, würde sagen: so geht das Wesentliche in der Poesie überhaupt verloren: die Wunde, die nach dem Lesen eines Textes im Leser zurückbleibt.

 

Damals, kurz vor Veröffentlichung des polnisch-deutschen Gesprächs mit Adam Zagjewski, Jürgen und mir, damals im Herbst 1981, verließ Zagajewski Westberlin und ging zurück nach Krakau, wo ihn das Kriegsrecht in der Nacht zum 13. Dezember überraschte. Ich ging an diesem eiskalten Sonntag ganz früh im hohen Schnee von Berlin-Kreuzberg zum Tempelhofer Damm 42, zu Lilo und Jürgen. Was können wir jetzt tun? Nie werde ich unsere Bedrückung und unsere Ohnmacht vergessen, als wir dort auf den Stühlen saßen, versunken, fassungslos überrascht. Ja, bis Jürgen Fuchs seine Stimme erhob: Was bedeutete es, dass Jaruzelski seine paramilitärischen Zomo-Spezialeinheiten gegen die Arbeiter und Intellektuellen losschickte, aber die sowjetischen Panzer nicht über die Grenze gerollt waren? Wie kommen wir an Informationen, über das, was dort geschieht. Wie kann man Öffentlichkeit in der Bundesrepublik herstellen, wen dafür gewinnen? Wer wurde in Polen verhaftet, wer interniert?

Es folgten Solidarisierungen von Heinrich Böll und vielen anderen, das alles ist bekannt, wie Josef Rauvolf es so schön bei einer Jürgen-Fuchs-Tagung in Jena sagte: das kennen wir alle hier. Und es folgte damals die sogenannte „Polnische Teilung des Verbandes Deutscher Schriftsteller“. „Verantwortlich für Polen?“ hieß ein Buch, in dem auch Jürgen Fuchs und Heinrich Böll sich verantwortlich zeigten. Gegen den hartnäckigen Widerstand aus den Reihen von DKP und SEW und ebenfalls vieler Linksintellektueller. Einer davon, verschrieb genau in dieser nach Hilfe und Solidarität schreienden Situation dem polnischen Volk: Disziplin und Arbeit…

Wer sich erinnern will und mehr wissen will vom absoluten Nichtverstehen der deutschen Intellektuellen im Westen gegenüber Polen in dieser Zeit, dem sei das brandneue und von Frau Prof. Marion Brandt herausgegebene, Buch „Fortschritt unverhofft. Deutschsprachige Schriftsteller und die Solidarność“ empfohlen. Darin auch ein Aufsatz von Jürgen Fuchs: „Der strenge Tourist aus Hamburg oder ein Kolumnist rettet Polen“, worin er den ganzen Irrsinn der von linker Utopie und Ideologie befangenen Leute im Westen darstellt und grundlegend analysiert. Eben dieser Generation im Westen, auf die wir nach unserer Ausbürgerung trafen, mit der wir plötzlich leben mussten… als die USA auf der kleinen Karibik-Insel Grenada landete, waren in Westberlin 30 Tausend Demonstranten auf der Straße, um zu protestieren, als über das Nachbarland Polen eine Militärdiktatur verhängt wurde, kamen kaum 300 Leute zum Kurfürstendamm…

 

Im Herbst 1982 machte ich mich auf die Reise nach Polen mit einem Studentenausweis der Freien Universität Berlin, „verkleidet“ als Student der Kunstgeschichte, das Passbild zeigte einen bärtigen Typen, der so etwa wie Rasputin aussah. Ich trug einen schwarzen Fellmantel und rechnete ernsthaft und im schlimmsten Fall damit, dass ich in Polen umgelegt werden würde.

Als ehemaliger Ostdeutscher durfte ich natürlich nicht durch DDR-Gebiet fahren, meine Tour nach Warschau führte über Nürnberg, Wien und Prag.

Im Kopf hatte ich einige Adressen, die Adam Zagajewski uns noch gegeben hatte. Ich hielt mit unverfänglichen Telegrammen zu Lilo Fuchs Kontakt, gab Lebenszeichen wie „Hanka geht es gut in Warschau“. Dort besuchte ich Krzysztof Karasek, in Wrocław Leute, die die Literaturzeitschrift „Odra“ auch unter Kriegszustand am Leben erhielten und besuchte in Krakau Adam Zagajewski und Julian Kornhauser. Ich hatte einige bescheidene Geschenke dabei und nahm aus Polen Namen, Adressen und Texte von internierten Autoren mit. Diese Texte las ich dann übersetzt im RIAS Berlin, Gedichte zum Beispiel von Tomasz Jastrun, der noch immer in einem Internierungslager saß.

 

Nicht zuletzt durch unser Gespräch in der „Frankfurter Rundschau“ kam ich näher in Kontakt zum Solidarność-Büro Westberlin und lernte u.a. Andrzej Więckowski und Włodzimierz Nechamkis kennen, die eine literarische Zeitschrift vorbereiteten, gedacht als Berliner Pendant zur Pariser „Kultura“. – „Archipelag“. Sie machten mich sofort zu ihrem einzigen deutschen Redakteur, und ich schrieb in der Westberliner „tageszeitung“ (taz) nach deren Redaktionsschluss jeweils die Zusammenfassungen der polnischen Texte in Deutsch, die in jedem dritten Heft erschienen.

Die Redaktionssitzungen boten Überraschendes, denn immerzu gab es dort laut ausgetragene heftige Streitereien mit erhobenen Fäusten, die manchmal, wie ich fürchtete, sehr knapp an Schlägereien vorbeigingen. Danach saßen wir alle wieder friedlich in einer Pizzeria in Schöneberg und aßen einen großen Teller Nordsee-Muscheln. Oh, dachte ich: Waren dies vielleicht die wahrhaften Nachfahren, mit denen ich es hier zu tun hatte, der Schlachtschitzen aus Adam Mickiewicz’ „Pan Tadeusz“, den Leuten aus Soplicowo, die sich ebenfalls stets untereinander heftig stritten – jedoch augenblicklich vereint erscheinen, an die Waffen eilen, wenn die Türken vor Wien stehen, siehe Sobieski, oder die Truppen des russischen Zaren kommen, siehe Kościuszko, oder die Europäische Union mit unverständlichen Verordnungen ans Tor klopft – dann warten sie nicht auf Hilfe durch irgendeinen Napoleon, vertrauen nur auf sich selbst.

Bei Mickiewicz übrigens fällt mir eine weitere Parallele zu Jürgen Fuchs auf: Nach seinen großen Dichtungen „Die Totenfeier“, „Konrad Wallenrod“ und „Pan Tadeusz“ widmete er sich beinahe ausschließlich nur noch dem Politischen, dem Freiheitskampf seines Volkes.

 

Das erste Heft von „Archipelag“ erschien im Herbst 1983, jeder von uns hatte am Anfang 100 D-Mark gegeben, viele andere gespendet. Jeden Sonntag sammelten wir vor den Kirchen Westberlins, die von Polen, damals 30 Tausend in Berlin, besucht wurden. Jeder Spender, wenn er das wollte, wurde am Ende des Heftes genannt und die überlassene Summe verzeichnet.

Jetzt gerade hörte ich hier im Mai 2016 von einem Polen, „Archipelag“ sei von irgendwelchen Geheimdiensten finanziert worden. Nein, ich war damals dabei. Bei den Geld-Jägern und Sammlern. Nichts war geheim.

Das waren auch die Jahre, besuchte man Jürgen Fuchs spontan, dass man, wie ich zum Beispiel, Menschen wie Wiktor Woroszylski in seiner Küche antraf und kennenlernen konnte. Woroszylski war sofort nach Verhängung des Kriegsrechts verhaftet und interniert worden, nach 1983 konnte er reisen.

Auch Jürgen Fuchs veröffentlichte in der Zeitschrift „Archipelag“, Günter Grass und viele andere deutsche Schriftsteller, vor allem auch polnische Autoren wie Gustaw Herling-Grudziński, Józef Mackiewicz, Adam Zagajewski, Ryszard Krynicki und Tadeusz Nowakowski.

 

Jürgen Fuchs verschaffte ich damals Kontakt zu meinen Schlachtschitzen, bewahrte ihn aber vor den Wort-Schlachten unserer Redaktionssitzungen. Jürgen lud daraufhin den „Archipelag“-Redakteur Włodzimierz Nechamkis zu einem Gespräch ein (veröffentlicht in: DIE ZEIT vom 16. November 1984), in dem er den Umgang mit polnischen Emigranten in Deutschland scharf kritisierte. Im Internet kann man das heute noch nachlesen.

In dieser Zeit, Mitte der 80er Jahre, waren in Westberlin auf dem Stadtgebiet zwei große Märkte entstanden, die sogenannten „Polenmärkte“.

Im Sommer 1989 schrieb Jürgen Fuchs ein Gedicht, über das, was er dort gesehen hatte:

„Die nach hinten gedrehten Arme

Der alten Frau, die etwas
Verkaufen will
Aus ihrer Tasche
Berlin Tiergarten, zwei junge Polizisten
Der eine eifrig
Der andere verlegen
Er hat seine Dienstmütze abgenommen
Sieht sich um
Lächelt
Aber es gibt nichts zu lächeln, es ist Sommer
Sprechen die Polen deutsch?
Ein wenig
Vielleicht sprechen sie
Ein wenig
Deutsch

Deutsch kann man lernen
Unter verschiedenen Umständen
Wenn Flugzeuge kommen
Wenn Soldaten
Die Grenzbäume wegdrücken
Wenn Kinder weggeholt werden, Offiziere
Und Frauen, kann man es lernen
Beim Goethe-Institut
Kann man es lernen
Im Sprachkurs
Ichduersieeswirihrsie
Kann man lernen oder
Komm Se
Kann man lernen
Mitkommen

Und man kann zusehen
Wie Stempel in Pässe gedrückt werden
Lustige Stempel, wie die
Von der Kinderpost
Bären
Gummibären
Nein, nicht den russischen
Den nicht
Wir sind in Berlin, in Deutschland, es kommt darauf an
‚Schwarzhändler abzuwehren, die
Gesetze und Hygienebestimmungen durchzusetzen’
Und wir sind in der Gegenwart
Also alles mal zwei
Die Grenze
Die Kontrolle
Das Beäugen und Durchwühlen
Das geht nicht
Ausgeschlossen:
Danke, gute Reise
Auf Wiedersehen

Ein kleines Auto
mit einem schwarzen Nummernschild
Auf der Stadtautobahn
Vollbepackt
Vollbesetzt: Die Blicke
Aus anderen Wagen, Opel
Mercedes
VW

Dass man anhalten möchte
Oder losrasen
Blicke
Aus Wagenfenstern
Augenwinkeln
Panzerluken
Auch aus diesem Trabbi da
Dieser kleinen eckigen Kiste
Die zu Besuch ist als besonderer Anlass
Diese Blicke
Wir sind Deutsche
Und was seid ihr?
Ihr schwarzen Nummernschilder! Die Schwarzen
Am Bahnhof Zoo, aus Ghana, Sudan
Oder woher die kommen
Große Taschen
Was die wegschleppen

Diese Blicke

Ihr Gedichte aus der
„Landkarte, schwer gebügelt“
Sagt etwas
Was kommt dagegen an?
Ein Mensch, der einen Schlips trägt?
Der in vollen Sätzen spricht
Der einen schäbigen Anzug anhat?
Der aus dem Meer des Blutes kommt?
Oder aus dem des Vergessens?
Der im Schlaf weint

Der mit sich selbst redet
Ein Vertriebener ist
Aus welcher Stadt kommt er?
Wie hoch, ihr polnischen Gedichte
Ist die Unruhemiete?

Ihr polnischen Gedichte
Was ist eine Aktuelle Kamera?
Was ist
Eine Republik?
Was ist
Ein europäisches Haus?
Vielleicht
Der Strand von Kopenhagen, von Gdansk, wo man
Spazierengehen kann
Ohne erschossen
Zu werden

Aber diese Blicke
Und der neue Metallgitterzaun
Um das leere Stück Erde
Nahe der Mauer
Am Potsdamer Platz
Tauschen wir
Ihr polnischen Gedichte?
Tauschen wir

Anthologien
Verse

Bis der
Zoll kommt
…“

(aus: Horch und Guck, Heft 26 (2/1999)

 

Jürgen Fuchs war nie in Polen. Dieser Satz, mein Satz ist vielleicht nicht ganz richtig.

Ich denke dabei an die Übersetzungen durch Małgorzata Łukasiewicz, die ebenfalls zu dieser Konferenz gekommen ist und heute noch davon berichten wird, und ich denke an die Gedichte von Jürgen Fuchs, die Ryszard Krynicki übersetzt hat, Texte die dann alle im „Zweiten Umlauf“, also im Untergrund in den 80er Jahren in Polen erschienen sind.

 

Nach dem Fall der Berliner Mauer hatte Jürgen Fuchs noch knapp zehn Jahre zu leben, er widmete sie fast ausschließlich der Öffnung und Erschließung der Stasi-Akten. Seine Erkenntnisse und seine Recherchen flossen in sein Buch „Magdalena“ ein, über das während dieser Konferenz noch viel gesprochen werden wird, wie ich den Titeln der Beiträge anderer Referenten entnehme.

Mich interessiert an dieser Zeit Anfang der 90er Jahre, dass zwei polnische Intellektuelle sich damals strikt gegen eine Öffnung dieser Akten aussprachen. Und gleich in der Anfangsphase der Entstehung der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU) mit Jürgen Fuchs in einen harten Disput gerieten. Was übrigens auf den schon damals bestehenden Bekanntheitsgrad von Fuchs hinweist.

Andrzej Szczypiorski und Adam Michnik.

 

Szczypiorski argumentierte gegen eine Öffnung der Akten, weil er befürchtete, angesehene Aktivisten des Widerstands, die sich jahrzehntelang in der Opposition engagiert hätten, könnten bei den Verhören durch die Geheimpolizei auch einmal kurz schwach geworden und vielleicht zusammengebrochen sein. Durch die Öffnung der Akten wären diese Schwächen dann allen sichtbar und die Betroffenen am Ende diskreditiert. Jürgen Fuchs aber konnte Andrzej Szczypiorski überzeugen und schrieb ihm öffentlich, wie er Briefe von der Familie und Fotos seiner Tochter Lili 1992 in den Akten gefunden hätte, die ihn vorher nie erreichten, von der Stasi abgefangen und archiviert. „Jetzt, nach Jahren“, schrieb er, „sind sie angekommen“.

Anders bei Adam Michnik, der sich stets gegen eine Öffnung der Geheimpolizei-Akten aussprach, in Deutschland und in Polen. Michnik strebte von Anfang an den Konsens mit den ehemaligen kommunistischen Eliten an – gipfelnd darin, dass er den ehemaligen Chef der polnischen Geheimpolizei (SB) Czesław Kiszczak einen Persilschein ausstellte und ihn einen Ehrenmann nannte.

Stellen Sie sich vor, Jürgen Fuchs hätte Erich Mielke zum Ehrenmann erklärt und wäre heute Mehrfach-Millionär als Inhaber eines Zeitungsimperiums. An seinem Todestag hatte Jürgen Fuchs einen Kontostand von 637 Deutschen Mark.

Ich spreche den Konflikt zwischen Michnik und Fuchs hier in Polen an, gewiss dessen, dass ich dafür verbale Prügel einstecken werde, vor allem von deutschen Freunden, denn Michnik war für uns alle ein großer Name, ein Vorbild, auch für Jürgen Fuchs – aber hier scheint mir eine Linie zu bestehen, die bis in die Gegenwart reicht. Es gibt in Polen ein „Institut für Nationales Gedenken“ (IPN), das Pendant zur Stasiunterlagen-Behörde der Bundesrepublik. Das IPN war über Jahrzehnte hinweg bei den politischen Machtträgern Polens äußerst unbeliebt und stand unter verbalem Dauerbeschuss von Adam Michniks „Gazeta Wyborcza“.

Ich denke, dass dies eines von vielen Problemen war, die der alten Macht, der PO, vorigen Herbst auf die Füße fielen und ihre Abwahl in der Regierung zur Folge hatte. Denn der angestrebte Konsens, der Ausgleich mit den Kommunisten war eine Kinderkrankheit der Politik Polens nach dem Neuanfang, die chronisch wurde, und führte zu nichts anderem als Korruption und Cliquenwirtschaft, dabei auf den Lippen jedoch immer die demokratische Maske – jetzt nach dem Machtverlust ist das Geschrei groß und die EU wird um Hilfe angerufen, eine freie Wahl-Entscheidung der polnischen Volkes zu revidieren. Die Ursprünge des Konflikts scheinen mir zu liegen eben in dieser Zeit, als Fuchs mit Michnik in Konflikt geriet über das Verhältnis eines demokratischen jungen Landes zur Vergangenheit. Denn wir wissen ja, Konflikte, die einbetoniert werden, dampfen eines Tages an die Oberfläche. Die deutsche Presse jetzt erinnert mich fatal an die der Jahre von August 1980 bis Frühjahr 1983. Völliges Nicht-Verstehen, Arroganz, Drohgebärden und Häme. Wieder einmal – als seien sie in den deutschen Genen gegenüber Polen tief verankert.

Vielleicht sollten wir – die Generation Jürgen Fuchs – jetzt doch noch einmal unsere polnischen Vorbilder der 80er Jahre überdenken und nachschauen, was sie in den letzten 35 Jahren wirklich beigetragen haben zur Schaffung einer polnischen Republik.

Warum zum Beispiel wurde Anna Walentynowicz von ihren einstigen Mitstreitern medial begraben und für verrückt erklärt? Wohl wegen ihrer Argumente und ihres klaren Verstandes.

Womöglich verspiele ich mit diesen Worten gerade die mir zugesprochene Solidarność-Verdienstmedaille – aber so ist das, will man dem Fuchsschen Motto dieser Konferenz folgen: Sagen, was ist!

 

Warten wir mal ab, denke ich: Vielleicht – Polen hat uns das schon einmal gezeigt – und wir konnten damals nur zusehen und staunen – als dort plötzlich etwas völlig ungeahnt Neues entstand. Ich hoffe und werde abwarten mit Geduld, ob es auch diesmal etwas Heilsames sein wird, womöglich ein Impuls für das sieche Europa.

Vielleicht hat Jürgen Fuchs mit seinem Widerspruch gegen Adam Michnik vor langer Zeit, eben durch diesen Streit, mit dazu beigetragen.

Mal sehen, denke ich, was die Mitbewohner des „Pan Tadeusz“ jetzt so treiben in ihrem Dorf Soplicowo. Zurzeit streiten sie wieder einmal mächtig untereinander.

Sie haben dabei meine ganze Aufmerksamkeit. Und meinen Respekt.

 

Soweit einige Bilder, Erinnerungen und erste Steinchen zu einem Gesamt-Bild von Jürgen Fuchs, zu dem Sie, liebe Freunde und Kollegen, dann die Ihren legen werden, um das Mosaik zu vollenden. Ein Gutteil seiner Mitstreiter sitzt vor mir.

Ich habe heute viel persönlich Erlebtes berichtet in Bezug auf Jürgen Fuchs. Das war auch mein Weg, denn es ist meine ganz individuelle Absicht, den Freund Jürgen Fuchs, wie Vergil einst den jüngeren Dante, jetzt ganz einfach an die Hand genommen zu haben und ihn ein wenig zu geleiten, meinen älteren, den toten Freund zu begleiten ans Licht, wenn er heute zum ersten Mal nach Polen kommt.

Hier vielleicht, in diesem Land, denke ich, hier vielleicht zögert Nike nicht mit ihrer Hilfe, mit Solidarität für einen Dichter. Jest wsród nas – er ist unter uns!

Diese Solidarität kommt aus dem kollektiven Bewusstsein der Nation – da spürt man die Verbundenheit mit den Toten. Und überhaupt: die Toten – in welchem Land Europas gibt es einen solchen Totenkult? Wer zu Allerseelen oder Allerheiligen… zum Friedhof geht, der wird das Jenseits sehen, riechen und anfassen können. Der wird plötzlich wissen, dass es das Totenreich gibt, dass wir unsterblich sind.                               Artur Becker (Kosmopolen)

Utz Rachowski, Reichenbach/Vogtland, Juli – Oktober 2016




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