Dec 2017

Ein Mauerlied

von Angela Scarlis

Auf der Mauer, auf der Lauer,
sitzt ‘ne kleine Wanze,
schaut euch nur die Mauer an,
wo die Wanze tanzen kann.
Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ‘ne kleine Wanze.

                                                   Lotte von Winkestein

…….

Ihr habt es mir befohlen, es ist erbaulich,
eine Mauer zu glossieren, anzuschauen.
Ich muss euch sagen, es ist erstaunlich,
was ich sehe. Laßt es euch anvertrauen.

…….

Auf der Mauer, auf der Lauer

Stolz ist man auf die Mauer – doch wer sieht,
wohin sie streben, die himmelhohen Türmelein.
Im Graben balgt sich derweil so manches Würmelein,
ängstigt sich um sein Leben unter der Sonne heiß.
Stürmer im Spiele necken sich, trumpfen auf und wetten.
Der Ober sticht den Unter, das weiß jeder – auch die Netten.
Herren auf die Damen mit blondem Haar und Kußmundcharme,
manch zartes Füßchen tritt ins Näpfchen. Voll Fett – Gott erbarm’!
Wer ein echter Hengst ist, liebäugelt mit den Damen der lüstren Künste,
tollt sich, rollt sich voll des Eifers in den brünstig verführerischen Dünsten.

sitzt ‘ne kleine Wanze

Wer schreitet kühn mit schnellem Schritt zur Bühne?
Ein königsgleicher Hühne im Rampenlicht ganz ohne Mühe.
Sonnengelb flimmert im Abendrot sein glänzendes Haar;
er grüßt sich selbst in der jubelnd aufgewühlten Schar – fürwahr.
Sophokles, der Helden-Dichter, kommt leider nicht flüsternd vorbei,
dem dreisten Unterhalter bühnenreife Worte in den Mund zu legen.
Verwegen wie ein freches Kind drückt er sich rotzig aus – und legt sein Ei.
Trotzig schließt er schmollend den Mund, bläst auf die dicken Backen.
Zum Scherz schlägt er zusammen – Fuß an Fuß – seine Hacken.
Spielt da einer den Clown? Hau den Lukas, schreit der Degen. 

schaut euch nur die Mauer an

Trumpeltiere wuselig wie Hunde der Prärie scharen
sich auf weichem Plüsch, auf feinen Seidenstoffen
mit schwindelresistenten, fetten Rattenpaaren
ums Kitzelkarussell. Sie jaulen, johlen wie besoffen.
Die Wanze staunt, erfreut sich des Gemetzels Hitze,
erlaubt sich zwischendurch ein Mahl mit etwas Blut.
Derweil der Rumpelkönig tanzt besessen um die heiße Glut.
Ein Mauerblümchen reckt sein Köpfchen aus der Ritze
und sucht verzweifelt nach dem Edelmann für die Mamsell,
damit sie ungestört dem Laster frönen können – im Rosenrondell.

wo die Wanze tanzen kann

Mit und ohne Ranzen schlagen Klein und Groß sich über Stock und Stein,
treu befahnt im Sturm mit Sternen, schwarz gewichstem Leder um das Bein.
Mit Gitarre um den Hals besingt so mancher seine Lorelei. Keiner legt sich jetzt zur Ruh.
Aus dunklen Löchern züngelt höllisch’ Lachen, welch ein Knurren, dauernd Murren;
die Uhren an den dunklen Mauerwänden hören niemals auf zu surren.
Weit ist der Weg nach verlorener Schlacht um das schönste Hundekissen.
Schaut hin, wie sie alle tanzen um das schwangere Kängeruh,
wie es hüpft, sich juckt und zuckt, wo die Wanze einst gebissen.
Keine Mauer ist zu hoch für blaue Blümchen – sogar in diesem Land,
jeder könnt’ sie pflücken mit Entzücken, obgleich von fernem Strand.

Auf der Mauer, auf der Lauer,
sitzt ‘ne kleine Wanze.




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