Dec 2017

Grenzen und Reisen

Mauer und Eiserner Vorhang im Jahr 2016

von Susanne Habel

1961: Die Berliner Mauer wird errichtet – vor 55 Jahren. Länger schon trennt der „Eiserne Vorhang“ – wie ihn Sir Winston Churchill in einer Rede im März 1946 so genannt hat – West und Ost. Und seit 1952 gibt es eine innerdeutsche Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik.

Ich bin zu klein, also hebt mein Vater mich auf den Schlagbaum. Wir sind in den Bayerischen Wald gefahren, aus München, meinem Geburts- und Wohnort. Vater hält mich fest, zeigt auf „die andere Seite“. Dort sei er geboren worden, ganz weit dahinten in Mähren, und dahin dürfe er nicht mehr zurück. Ich sehe nur viele Bäume und paar Häuserruinen. Viele jahrhundertelang von Deutschen bewohnten Orte im Grenzstreifen sind hier schon seit Anfang der fünfziger Jahre von tschechoslowakischen Grenztruppen dem Erdboden gleichgemacht worden. Aber das weiß ich nicht, sehe nur sehnsüchtig nach den Blaubeeren und Lupinen, die hier überall wuchern.

Schwarz-weiß Foto von der Autorin und ihrem Vater

Mein Vater, Dr. Fritz-Peter Habel, mit mir als einjährigem Baby. Foto: Charlotte Habel

Erinnern kann ich mich an diesen Moment zwar nicht genau, aber es gibt ein Foto. Das hat meine Mutter gemacht, auch eine von der „anderen Seite“, sie stammt aus einem Pommern, das endgültig verloren ist. Geboren in Schneidemühl/Piła im heutigen Polen, ist sie aufgewachsen in Frankfurt an der Oder, jetzt eine Grenzstadt.

Ich bin ein Jahr alt, da sind diese Grenzen schon fest, und ein Verschwinden dieser Barrieren scheint fast allen undenkbar. Man kann ja auch nicht zum Mond fliegen in meiner Kindheit. Oder doch? Hier ein paar Erinnerungen, an vergangenen Grenzen entlang:

Immer wieder höre ich als Kind und Jugendliche von Geschichte und von diesen Geschichten, vom Recht auf die Heimat, von Flucht und Vertreibung und der Sehnsucht „nach daheim“. In der Schule erfährt man wenig davon, zuhause mehr, auch von den Großeltern. Ein bisschen kann ich den Schmerz besser nachvollziehen, als wir aufs Land ziehen. Im noch ländlich geprägten Städtchen verstehe ich die Bayerisch sprechenden Kinder in der Volksschule nicht, bin ich die „Zuagroaste“, die auch nicht in den Trachtenverein darf. Später am Gymnasium wird manches einfacher. Viel mehr von jenseits der Mauer und ihrer Entstehung höre ich allerdings auch dort nicht; jahrelang fällt der Geschichtsunterricht aus wegen Lehrermangel.

Mutter schickt immer wieder Päckchen an entfernte Verwandte in der „Zone“, wie man aus Gewohnheit die frühere „Sowjetische Besatzungszone“ immer noch oft nennt: Kaffe (pommersch mit kurzem e), Nähnadeln für die alte Singer-Maschine, Bonbons, Leder für orthopädische Schuhe und feine Nylonstrümpfe. Auf dem Paket muss man außen den Inhalt auflisten, damit die Grenzer wissen, was aus dem kapitalistischen Westen da zu ihnen kommt. Ich halte einen Finger auf die Paketstrippe, damit man den Knoten festzurren kann. Meine Strumpfhosen sind mehrfach gestopft.

1972: In den Pfingstferien fahren wir nach „drüben“. Regen und gelber Ginster an der Autobahn. An der „Zonengrenze“ im Norden in der Nähe von Lübeck werden wir angehalten: Die Grenzer, junge Burschen in DDR-Uniformen, haben auf der Gepäckablage in unserem Auto westlich dekadente Schriften entdeckt, die sie einziehen müssen. Strahlend vor Glück verschwinden sie mit zwei Bravo-Heften und einigen Superman-Comics in ihrer Wachbude, voller Vorfreude auf die verbotene Lektüre. Die Grenzschranke geht hoch, und wir fahren weiter. Bei einem Bahnübergang heißt es auf einem Plakat: „Hier arbeitet ein vorbildliches Schrankenwärter-Kollektiv“. Diese Schranke ist offen, und kein Mensch arbeitet in dem kleinen Häuschen daneben.

Zuerst kommt eine kurze Visite an der Ostsee, kalt und grauschäumend und so ganz anders als die Adria. Dass Leute so verzweifelt sind, zu versuchen, schwimmend oder im Segelboot in den Westen zu fliehen, weiß ich noch nicht.

Wir wohnen in Rheinsberg in der Mark Brandenburg bei einer Tante und müssen uns erst einmal beim Abschnittsbevollmächtigten anmelden. In Tantes Wohnung stehen die alten Nußbaum-Möbel der Großeltern aus Frankfurt/Oder. Im Wohnzimmer streicht Mutter über den Bücherschrank, einst ihr Rückzugs- und Zufluchtsort. Abends gibt es gute Schlachterwurst, Tante Seide will dem Westbesuch was bieten. Wir sollen von Stars und Adeligen erzählen, dabei verachte ich das Goldene Blatt.

Bei einem Ausflug zum Großen Stechlinsee werden wir beim Fotografieren in der Nähe des dortigen Kernkraftwerks fast verhaftet. Solche strategisch wichtigen Bauten darf man natürlich nicht fotografieren. Abends schrauben wir den Stern vom Mercedes ab, damit ihn niemand als Trophäe mitnimmt. Die Scheibenwischer sind am nächsten Morgen weg.

Die Autorin, ihr Vater und ihre Schwester am Stechlinsee

Am Stechlinsee: meine Schwester, mein Vater und ich (von rechts). Foto: Charlotte Habel

Einen Nachmittag fahren wir nach Ost-Berlin. Auf dem fast menschenleeren Alexanderplatz steht ein Wägelchen mit Reibekuchen, fettig, aber gut. In HO-Gaststätten muss man sich anmelden, und es gibt nur wenig Essen. Die Brandenburger Alleen sind unterbrochen von eintönigen grauen Häusern mit leeren Schaufenstern und oft noch Einschusslöchern aus Kriegszeiten. „Sind alle arm im Kommunismus?“, fragt meine jüngere Schwester.

Auf der Rückfahrt müssen wir am Grenzübergang bei Hof nur erklären, warum wir den Kofferraum voll haben mit einer billigen DDR-Brause, die uns gut geschmeckt hat. Das Zeug heißt Gin-Fizz und wir dürfen es gern ausführen, jedoch nicht das gedruckte Kalenderblatt mit dem Schloss von Rheinsberg: „Kunst“ dürfe man nicht mitnehmen, erklärt der Grenzer. Sein Vorgesetzter lässt mit sich reden, hat den billigen Druck wohl als wertlos erkannt. Dann sind die Häuser wieder bunt und die Schaufenster wieder voll. Vom Gin-Fizz wird allen bei der nächsten Geburtstagsfeier schlecht.

1978: Noch einmal ein Sprung, diesmal über den Eisernen Vorhang in den Osten: Über Österreich und Jugoslawien geht es nach Rumänien; dort quer durchs Land nach Bukarest und an das Schwarze Meer. Hinter der rumänischen Grenze bei Arad darf ich ans Steuer. Vaters Hauptwarnung lautet: „Nicht zu dicht auf Fuhrwerke auffahren – im Vergleich zu einem Mercedes stehen die still!“ Stimmt. Die Störche und Esel auf der Straße auch. Autos gibt es kaum, Essen fast nur in den vorab über eine ADAC-Reise mitgebuchten Interhotels. Für Mutters schwachen Magen empfiehlt der Kellner: „Karpfen mit viel Gemüse“. Der Karpfen ist in Fett gebacken. Das Gemüse ist ein Glas mit sauren Gurken. Kein Fernsehen, abends spielen wir Karten. „Wasser nicht aus Leitung trinken“, warnt eine Frau im Hotel.

Ich lerne Rumänisch, geht leicht mit guten Lateinkenntnissen. Vater spricht Tschechisch, er kommt auch gut damit durch. Auf den Dörfern in Siebenbürgen sprechen viele Deutsch. Man freut sich über den Besuch von „Landsleuten“. Viele Siebenbürger „Sachsen“schleppen Äpfel und Eier aus der kleinen Privatwirtschaft an. Mutter verschenkt eine Handtasche und ihr zweites Paar Schuhe. In Bukarest herrscht kalte Pracht und eine noch gedrücktere Atmosphäre als auf dem Alex in Ost-Berlin.

Straßenbild

Großpold/Apoldu de Sus im Kreis Hermannstadt/Sibiu. Foto: Susanne Habel

Und wieder am Meer: Das Schwarze ist nicht schwarz, sondern leuchtend Türkis. Wir treffen Verwandte, die im Flugzeug angekommen sind und sich so den Kulturschock erspart haben. Abends lernen wir Schafkopfen von meinem Cousin und Lockenlegen von meiner Cousine. Kein Fernseher, keine Bar im Hotel. Morgens liegt auf den zerbröckelten Fliesen neben dem Pool eine tote Schlange, sie erinnert mich an Ovid und seine Metamorphosen. An den dorthin aus Rom verbannten Dichter erinnert auch die Hafenstadt Constanța mit einer Statue. Rom scheint hier weiter entfernt als der Mond. Den Erdtrabanten haben einige Menschen den inzwischen doch erreicht. Angeblich konnten die Astronauten aus dem All die helle Chinesische Mauer sehen. Der Eiserne Vorhang war wohl eher zu grau. Oder doch blutigrot?

Auf der Rückfahrt besuchen wir noch einige orthodoxe Moldauklöster im Norden Rumäniens. Die Kirchen mit ihren bunt mit Heiligenbildern bemalten Wällen sind oft von quadratischen Schutzmauern umgebenen. Feste Mauern gegen die Türken, aber die Kommunisten hielten sie nicht auf. Aufhalten kann uns fast noch die Donau: Nur eine Fähre quert sie bei Brăila, wo wir hinüberwollen, fast bis ins alte Bessarabien. Vom Donauufer ist der Höhenabstand zwischen der Straße und dem Deck der Fähre gut 50 Zentimeter, die der Mercedes auf das Flachboot herunter stürzt. Kein Airbag schützt uns, aber wir haben auch keinen Achsenbruch, als wir auf der anderen Seite die schlammige Uferstraße hoch fahren. Hier hätte keiner einen Benz reparieren können. Wir eilen nach Westen zurück, verschenken unterwegs noch einige Lederutensilien. In Budapest kaufen wir bestickte Blusen, in Ungarn gibt es mehr Waren und mehr freie Worte.

Im Innenhof des Hotels in Wien sprudelt ein Springbrunnen. Nicht das Paradies hier, aber sogar das Brunnenwasser ist trinkbar. „Kommunismus ist Scheiße“, sagt die jüngere Schwester.

1989: An der Münchener Ludwigs-Maximilians-Universität studiere ich Anglistik und Germanistik und bin voll mit der Zulassungsarbeit zum Ersten Staatsexamen beschäftigt. Englisch ist so schön westlich, und meine Examensarbeit hat auch nur mit neuerer amerikanischer Literatur zu tun. Die jüngere Schwester ist ebenso im Endspurt ihres Studiums und heiratet in diesem Jahr ihre Sandkastenliebe. Das sind die Themen, die für uns im Mittelpunkt stehen.

Der Osten hinter dem Eisernen Vorhang dagegen scheint so fast vergessen; auf den Mond fliegt ja inzwischen auch keiner mehr. Im Sommer in der Steiermark im Südosten Österreichs blicke ich nach Jugoslawien über eine Grenze, die bald durchlässiger wird als ein leckes Boot. Die Aufstände in Polen, die Vorgänge um Gorbatschow, die DDR-Flüchtlinge in der deutschen Botschaft in Prag: Das sind Dinge, die abends in der ARD-„Tagesschau“ kommen. Ich will davon nicht sehr viel wissen oder hören. Ich habe vielleicht auch Angst, es wäre eine Seifenblase: Wenn ich sie anfasse, platzt sie. Als die Mauer am 9. November  fällt, kriege ich das zuerst nicht wirklich mit. Wenn das Studium vorbei ist und ich eine Stelle habe, fahre ich mal „rüber“ sage ich mir, anders kann ich den ehemaligen Osten ja nicht nennen. Nach meinem Staatsexamen suche ich erst mal nach einer beruflichen Aufgabe, nicht nach der alten Heimat meiner Eltern.

1992: Bei einer journalistischen Recherche fahre ich kurz nach Reichenberg/Liberec im Norden der gerade noch existierenden „Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik“ und von dort nach Dresden: Die Häuser in den sächsischen Dörfern, durch die unser Bus fährt, sind immer noch grau und oft beschädigt, wie auch sehr vieles in der Dresdner Innenstadt. Aber im Hotel Kempinski im Taschenbergpalais ist schon die Filiale einer US-Kette. Ich kann Latte Macchiato bestellen und alle ausliegenden Zeitungen lesen, wie in einem Wiener Kaffeehaus. Dresden ist wieder in Mitteleuropa. Für die Heimfahrt nach München brauche ich keinen Personalausweis. Jetzt hätte ich gern noch eine feste Stelle, aber viele zusätzliche  Bewerber strömen aus den „neuen“ deutschen Bundesländern nach Westen.

 

Zeitreise zurück: Auf Spurensuche

2010: Jetzt besucht ich tatsächlich zum ersten Mal Berlin. Nicht Ost oder West. Einfach ganz. Ich plane und erkunde, zunächst mit Atlas, Karte, Reiseführer und Stadtplan, später mit Apps im Smartphone. Sehe mir Orte an, wo Geschichte geschrieben wurde, und das oft in den letzten 56 Jahren, zu meiner Lebenszeit. Erleichtert werden Spurensuche und Berlinbesuche auch bald dadurch, dass 2012 ein Relikt der Nazi-Zeit fällt: Das Personenbeförderungsgesetz von 1935, das der (Reichs-) Bahn ein Monopol auf den Linienverkehr in Deutschland, gewährt hat, wird geändert: Jetzt fahren erschwingliche Fernbusse durch das ganze deutsche Land: Studenten, Tramper, Familien und Rentner pendeln endlich zu günstigen Preise durch die schon seit 1990 wieder vereinigte Bundesrepublik Deutschland. Und da ein Kollege in Berlin arbeitet, sitze ich bald im Fernbus dorthin!

Foto vom Brandenburger Tor

Brandenburger Tor: Halteverbot, aber freie Passage. Foto: Michael Leh

Durch das Brandenburger Tor kann ich von Westen passieren, und komme auf der anderen Seite in der Gegenwart an, nicht in einer Welt aus den Fünfzigern:  Links und rechts Botschaften am Boulevard Unter den Linden, links und rechts die überall gegenwärtigen US-Kaffeeketten. Wirklich neu für mich sind die Scharen von Spatzen überall, die um Krumen betteln: Ist der märkische Sandboden, der in Berlin oft zwischen Pflastersteinen und Fahrbahnen zu sehen ist, notwendig für das Sperlings-Staubbad? Oder liegt es an den vielen Alleen? Tausende Platanen und Linden sorgen gemeinsam mit Kiefern für die berühmte „Berliner Luft“, wie sie schon in dem Schlager von 1906 besungen wird. Flanieren möchte ich unter den Linden, jedoch nicht allein, und schon gar nicht überall abends. Bei Streifzügen in vielen „ethnischen Kolonien“ gehe ich stramm und trage meine Tasche vor der Brust. Nicht nur Drogen-Dealer und Roma-Bettler, sondern ganze Rudel anderer verdächtiger Typen sind hier unterwegs. Die betteln nicht, die holen sich, oft auch mit Messereinsatz, wie es die Polizeiliche Kriminalstatistik Berlin 2015 zeigt: 2.571 Raubüberfälle auf der Straße, fast die Hälfte der Tatverdächtigen haben keine deutsche Staatsbürgerschaft, ein Migrationshintergrund wird gar nicht erst angegeben. 40.675 Körperverletzungen, davon 10.029 gefährlich und schwer.

Die Spuren der Mauer sind in Berlin weitgehend beseitigt. In Berlin selbst starben nach neuesten Zahlen mindestens 140 Menschen zwischen 1961 und 1989 an der Mauer, und sogar schon 37 in den Jahren vor Errichtung der Mauer im August 1961. Man findet vor allem einige eher sterile Gedenkstätten. Also hinaus ins Umland!

2012: Von Wedding-Gesundbrunnen geht es über die einstige Stasi-Hochburg Hohenschönhausen, wo das MfS residiert hat und sein zentrales Stasi-Gefängnis führte, in den Barnim nördlich von Berlin: Hier war kein Grenzgebiet, aber in der „Waldsiedlung“ Bernau bei Wandlitz-See wohnten die DDR-Bonzen in eher spießigen Reihenhäusern, die noch stehen. Das einstige Kaufhaus mit Westwaren und das Hallenbad sind verschwunden. Nicht weit entfernt verfällt die gigantische ehemalige FdJ-Hochschule. Die vielen leeren Gebäude schluckt der märkische Dschungel. Unter einem überwachsenen Hügel liegt in der Nähe der Bunker von Erich Honecker. Unter anderem ist noch Wachtturm auf dem großen Gelände zu sehen. Hier wollte die paranoide DDR-Führung einen Atomschlag aussitzen, wenn der Westen die Mauer vermeintlich mit Gewalt nehmen sollte. Und zwischen diesen beiden Orten liegt am Bogen-See auch noch das einstige „Jagdhaus“ von Joseph Goebbels, Liebesnest des Nazi-Propagandaministers.

Wachturm und FdJ-Hochschule

Wachtturm beim Honecker-Bunker und die FdJ-Hochschule bei Prenden. Fotos: Susanne Habel

2013: Ein berühmter Schauplatz steht auf dem Programm: Die Glienicker Brücke, lange gesperrt, verbindet Berlin und Potsdam. Hier stehe ich und sehe vom einstigen „Westen“ hinüber nach dem ehemaligen „Osten“ in Brandenburg. Hier fanden die spektakulären Agentenaustauschaktionen statt. Im Rucksack habe ich das Buch Strangers on a Bridge von James Donovan über den Austausch des KGB-Spions Rudolf Abel gegen den CIA-Agenten Francis Gary Powers, der als U-2-Pilot Aufklärungsflüge über der Sowjetunion machte und dabei über dem Ural abstürzte. In dem Buch erzählt der amerikanische Anwalt Donovan, wie es ihm gelang, Powers (und den in Ostberlin inhaftierten US-Studenten Frederic Pryor) im Februar 1962 auf der Glienicker Brücke gegen den deutschstämmigen russischen Juden Abel austauschen zu lassen, der amerikanische Atomgeheimnisse an die Sowjetunion verraten hatte.

2014: Ist die Mauer zurück? Ich stehe auf der anderen, der Potsdamer Seite, in der Ex-DDR: Wieder flattert über der Glienicker Brücke die DDR-Flagge mit Hammer und Zirkel, steht ein Stacheldrahtverhau auf der Fahrbahn: Nicht betreten, nicht fotografieren – ganz wie vor 26 Jahren, Zeitreise live: Der Regisseur Steven Spielberg kann die Brücke vier Tage lang für 10.000 Euro total sperren lassen, um den berühmten Austausch im Spielfilm Bridge of Spies auf die Leinwand zu bringen. Das Team wartet auf Schnee. Noch ist kein Schauspieler zu sehen. Der Film kommt ein Jahr später in die Kinos. Mark Rylance, stiehlt als stoischer Oberst Abel seinem Anwalt Donovan (Tom Hanks) die Schau und bekommt einen Oscar als bester Nebendarsteller. Ich sehe den Film 2015 in einem funkelnden Protzpalast am Potsdamer Platz, der zur Zeit der Mauer von Sperren durchzogen und eine Postenwüstenei war.

Glienicker Brücke und die Dreharbeiten zu Bridge of Spies

Vorbereitung zu den Dreharbeiten zu “Bridge of Spies” an der Glienicker Brücke. Foto: Michael Leh

Die DDR-Grenze verlief jedoch nicht nur auf Brücken und auf dem Land, sondern im seenreichen Berliner Umland auch am und im Wasser. Als begeisterte Schwimmerin kam ich auch in Berührung mit diesen früheren Demarkationslinien, daher folgen noch zwei Zeit- und Wasserreisen.

2014: Nördlich von der Glienicker Brücke liegen zwei idyllische Seen, durch die die DDR-Grenze auch verlief: der glasklare Groß Glienicker See und der Sacrower See. Beide Seen sind zur Zeit des Eisernen Vorhangs Schauplatz von Fluchtversuchen über das Wasser in die Freiheit. Am Groß Glienicker See verlief die Mauer am westlichen Ufer und dort gibt es auch eine Gedenkstätte.

Die Autorin an der Mauergedenkstätte

Die Autorin an der Mauergedenkstätte vor dem Groß Glienicker See. Foto: Michael Leh

Der einstige Grenzpostenpfad am Groß Glienicker See ist heute auf der einen Seeseite ein Uferweg. Dort liegt andere Gedenkstätte, die erst noch voll renoviert werden muss: Das Alexander-Haus in Groß Glienicke, wird zu DDR-Zeiten enteignet. Das Holzhaus verfällt nach der Wende und wird fast abgerissen. Doch der Journalist Thomas Harding, ein Urenkel des einstigen Erbauers, des jüdischen Arztes und Klinikleiters Alfred Alexander, rettet es in letzter Minute. Wie, das schildert Harding im Buch The House by the Lake (erschienen 2015 bei William Heinemann/Penguin Book). Die ergreifende Geschichte vom „Sommerhaus am See“ (deutsch bei dtv 2015), in dem seine Großmutter Elsie so glückliche Sommer in den Dreißigern verbracht hat, überspannt über ein Jahrhundert.

Das "Alexanderhaus"

Links oben: das „Alexanderhaus“, einst auf der DDR-Seite der Mauer gelegen. Vorne rechts der einstige Grenzposten-Weg. Foto: Susanne Habel

Weiter südlich erstreckt sich der Sacrower See mit der schönen Gaststätte „Landleben Potsdam“ am Nordufer, einstmals das Stasi-Heim „Waldfrieden“. An der Südspitze des Sees liegt in Sacrow die „Heilandskirche am Port“ direkt am Jungfernsee (im Havelbereich). Die Kirche mit freistehendem Campanile, von Friedrich Wilhelm IV. erbaut, verfiel zu DDR-Zeiten direkt am Mauerstreifen.

2016: Die Ausstellung „Gärtner führen keine Kriege“  vom 15. Juli bis 10. September 2017 in Schloss Sacrow zeigt, wie die Parklandschaft, die Peter Joseph Lenné einst bei Potsdam geschaffen hat, vom DDR-Regime zu einer wüsten Grenzeinöde gemacht wurde: Man riss die Parkanlagen ab. Der Garten um Schloss Sacrow wurde zu einem Zwinger, in dem alle DDR-Grenzhunde für den Einsatz an der Mauer scharf gemacht wurden. Unter Wasser lauerte „Stalinrasen“, mit Stahlstacheln gespickte Matten. Mindestens neun Menschen verloren allein bei Sacrow bei einem Fluchtversuch das Leben.

Im Sacrower Park streife ich durch knietiefes Gras  zum Ufer: Dort kann ich das tun, was jahrzehntelang verboten war: Vor der Heilandskirche schwimmen, zwischen Paddel- und Ausflugsbooten. Nur der internationale Schifffahrtsverkehr hat hier noch Vorrang. Ich nehme wie einst die Pilger am Jakobsweg eine Süßwassermuschel aus dem Jungfernsee mit, die ich am Seegrund im märkischen Sand finde.

Die Autorin vor der Heilandskirche

Vor der Heilandskirche im Jungfernsee. Foto: Michael Leh




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