Sep 2020

VI. Buchbesprechungen: Günter Kunert. Die zweite Frau

Günter Kunert. Die zweite Frau.

Roman. Göttingen: Wallstein, 2019. 200 Seiten

 

Günter Herrmann, Heilbronn

 

Auch das kommt vor: Ein Manuskript liegt 45 Jahre im Archiv seines Autors, wird von ihm vergessen, und kommt eines Tages wieder zum Vorschein, da war Günter Kunert bereits 90 Jahre alt. Im September 2019 ist er gestorben. Er hat den Roman noch in der DDR abgeschlossen, aber nicht eingereicht, weil er unmöglich hätte gedruckt werden können, so komisch und sarkastisch wird hier mit den Merkwürdigkeiten des Lebens in der DDR, die als solche nie genannt wird, umgesprungen. Vom damals geforderten sozialistischen Optimismus ist nichts zu spüren.

Das Personal ist leicht überschaubar: Barthold, ein Steinzeit-Archäologe Mitte 40, ist gerade krankgeschrieben wegen „Vegetativer Dystonie“. Seine Frau Margarete Helene steht kurz vor ihrem 40. Geburtstag; beide sind innig einander zugetan und pflegen ein reges Sexualleben. Herr Forster, der koboldhafte Nachbar, darf, weil er „Invalide“ ist, nach Westberlin reisen, von wo er Pornohefte zu schmuggeln gedenkt. Herr Müller, eine niedere Charge der Staatssicherheit bleich, jung, mimiklos, vertritt die Staatsgewalt.

Eingangsszene: Bartold liegt in seinem Gartenstuhl und hat einen Albtraum, der in London und in Kriegszeiten spielt und in dem der Staatsratsvorsitzende Ulbricht in einer unklaren Beziehung zum Träumer steht. Dieser wacht auf von den Schlägen, mit denen Margarete Helene das marode Gartenhaus zum Einsturz bringt.

Im Schutt des Gartenhauses taucht ein alter Büstenhalter auf. Misstrauisch geworden kramt Margarete Helene in Bartholds Schreibtisch und findet eine Postkarte von einer bisher unerwähnten Elfi. Das entzündet ihre Phantasie: War ihr Gatte womöglich schon einmal verheiratet? Und, als sie bei weiteren Abbrucharbeiten Knochen findet: hat er Elfi vielleicht umgebracht und ihre Leiche im Boden der Hütte versteckt? Bei einer gynäkologischen Untersuchung bringt Margarete Helene die Knochen in die Praxis mit, es würde sie interessieren, ob es Menschenknochen seien oder eher vom Schwein. Eine hinreißend komische Szene.

„Montaigne“ ist das Leitmotiv des Romans. Die „Essays“ des menschenfreundlichen Skeptikers aus dem 16. Jahrhunderts liegen auf Bartholds Nachttisch. Auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für seine Frau gerät er in einen „Intershop“, wo er im Gespräch mit einem Wartenden Sentenzen aus Montaignes Essays zitiert, die als Kommentar zum realen Sozialismus verstanden werden können. Das hat ein Nachspiel. Bald darauf steht Herr Müller vor der Tür. Es kommt zur komischsten Szene in diesem von Sarkasmen und Ironie sprühenden Roman:

Herr Müller will Näheres wissen zu Bartholds Kontakten mit dem „Ausländer Mohnteine“. Er „führte aus, der Ausländer, wohl Franzose, wie?, habe keine positive Einstellung erkennen lassen, wie aus Bartholds Reden zu entnehmen gewesen sei, doch ginge es in der Hauptsache darum, dass er, Barthold, doch ganz genau wisse, dass jede Bekanntschaft mit Ausländern für ihn meldepflichtig sei.“

Die Stränge des Geschehens sind glänzend miteinander verflochten; jedes Teil greift ins andere wie bei einer kleinen schönen Maschine, nichts ist überflüssig. Dazwischen gibt es immer wieder philosophisch-reflektierende, von leichter Hand geschriebene Passagen. Mit seinen 200 Seiten hat das Buch eine angenehme Länge; man merkt, dass sein Autor vornehmlich ein Meister der Lyrik und der kleinen Prosa ist. Vor allem aber: Der Roman besitzt den unverwechselbaren „Kunert-Sound“, eine schwer zu beschreibende, anspielungsreiche Sprache, die häufig zum Lachen reizt. Das war Kunerts schärfste Waffe gegenüber den Zumutungen des „Arbeiter- und Bauernstaates“.




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