May 2021

V. Buchbesprechungen: Gabriele Eckart. Vogtlandstimmen

Gabriele Eckart.

 

Vogtlandstimmen. Roman.

 

Würzburg: Königshausen & Neumann, 2021, 285 S.

 

Albrecht Classen, University of Arizona

 

 

Erst vor kurzem veröffentlichte Peter Pabisch seine große Untersuchung und Textsammlung von Dialektliteratur seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis heute (Geschichte der deutschsprachigen Dialektliteratur, 2019). Nun, da Gabriele Eckarts ‚Roman‘ Vogtlandstimmen im Druck vorliegt, hätte er sehr gut in diese Arbeit hineingepasst. Das Vogtland ist die Region zwischen Bayreuth und Hof im Südwesten (also nordöstliches Bayern bzw. Franken) und Zwickau im Nordosten und grenzt im Südosten genau an Tschechien. Man spricht dort bis heute noch deutlich einen Dialekt, und diesem wird hier in Eckarts Text ein literarisches Zeugnis gewidmet. Daher also der Titel, aber ob es sich um einen Roman handelt, lässt sich nicht so eindeutig bestimmen.

Die Autorin betont gleich auf der Widmungsseite, dass es sich um Fiktion handle, dass es also keine Autobiographie sei, die sie hier entworfen habe. Dennoch merkt man sehr deutlich, dass Eckart über ihr eigenes Leben, fiktional gebrochen, berichtet. Aber worum handelt es sich eigentlich? Wir werden eingeladen, einem sehr langen Gespräch oder Gesprächen zu lauschen, die zwischen verschiedenen Personen geführt werden, von denen so manche explizit auf den vogtländischen Dialekt zurückgreifen, was manchmal gar nicht so einfach zu verstehen ist, weswegen es verschiedentlich Erklärungen gibt, und am Ende findet sich sogar ein einseitiges Glossar zur Unterstützung des Lesers.

Im Werk selbst befinden wir uns sozusagen in einer sich stets ausweitenden und weiterwandernden Gesprächsrunde, und wir erfahren dabei sehr viel über die Geschichte der späten DDR, die Wiedervereinigung und ihre manchmal verheerenden Folgen für die Menschen, die sich nicht so einfach anpassen konnten. Dann spielt die spätmittelalterliche Geschichte, wie sie sich im Vogtland entfaltet hatte, eine gewisse Rolle, weil eine Figur darüber einen Vortrag halten möchte. So erfahren wir vom Schwarzen Tod, den Hussiten, den Flagellanten, Kaiser Karl IV. (nicht Ludwig, S. 13), dem Raubrittertum usw., ohne dass diese Angaben Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit erheben. Vielmehr wird all dies eindringlich in die Auseinandersetzungen der einzelnen Figuren integriert, wirkt also unmittelbar eingängig, vor allem, da von hier sehr schnell der Sprung zur Zeit der DDR gemacht wird, wie sie von den hier vertretenen Figuren erfahren wurde. Sowohl die individuellen Personen als auch die Autorin selbst lassen unmissverständlich ihre starke Kritik an dem sozialistischen System zum Ausdruck kommen, ohne dass dies aber extrem im Vordergrund stehen würde.

Es wird hier aber nicht nur geredet, sondern wir folgen auch den Figuren auf ihren Wanderungen im Wald, wo sie Pilze sammeln (daher das Titelbild von einem Perlpilz oder Rötenden Wulstling, lat. Amanita rubescens, der durchaus essbar und unter Pilzfreunden recht gefragt ist) und sich über verschiedenste Dinge unterhalten. Eigenartig, wieso der Verlag eine giftig wirkende Farbe für das Bild gewählt hat, ist ja weder der Pilz noch sind die Personen als giftig anzusehen.

Man könnte fast meinen, der gesamte Text ist dem Dialekt gewidmet, und die Gespräche über verschiedenste Themen dienten bloß dazu, das erwünschte Sprachmaterial entfalten zu können. Aber dies stimmt nicht wirklich, denn Eckart hat es sich vorgenommen, immer wieder die jüngere Vergangenheit in der DDR hier auftreten zu lassen, ohne ein festes Ziel vor Augen zu haben. Durch den mündlichen Austausch der Personen entsteht eine Art von Kaleidoskop von vielen verschiedenen Anliegen, Sorgen, Interessen u. dgl. mehr, worüber sich Menschen in einer kleineren Gemeinschaft eben so unterhalten. Wir werden also sozusagen als Zeugen eingeladen, zuzuhören und den Gedanken zu folgen, wobei gerade der vogtländische Dialekt immer wieder eine leichte Hemmschwelle einbaut, die es unter einer gewissen Anstrengung zu nehmen gilt. Ein Zitat vermag all dies gut zu illustrieren: „Zeiten und Orte … verwirren sich in der Erinnerung“ (S. 77). Diese Erinnerung aber nimmt uns regelmäßig mit zurück in die Zeit der DDR mit all ihren schlechten und guten Seiten, weswegen der Satz: „Wie ein Film flimmert das Leben vorbei“ (S. 96) die Sachlage recht gut trifft. Es endet damit, dass hier die DDR-Realität eindringlich vor Augen geführt wird, ohne dass Eckart eine systematische politische Analyse vorlegte. Es ist also kein Roman, keine Autobiographie, aber vielleicht so etwas wie biographische Memoria. Zugleich dominieren sehr konkrete Impressionen aus dem Alltag, immer wieder spezifisch kleine normale Momente, womit uns die Autorin sehr genau beobachtend in normale Situationen versetzt, in denen sich Gespräche ergeben, Situationen durchdiskutiert, Sachverhalte behandelt werden, was alles dann wiederum dazu dient, das Vogtländische zur Geltung zu bringen. Aber es sind nicht immer harmlose Dinge, die hier zur Sprache kommen; auch grauenhafte Massaker an Juden während der Nazizeit, schlimme Unterdrückung seitens der DDR-Regierung, dann aber auch Spannungen unter den Menschen im engeren Umkreis. Man liest sich schnell ein und kommt nicht mehr los, und auf einmal versteht man auch fast alle dialektalen Ausdrücke.

Hat Eckart hier vielleicht eine neue literarische Gattung geschaffen? Ein Roman ist es jedenfalls nicht, aber es handelt sich um einen faszinierenden Text.




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