Archive for the 'Comments on current affairs' Category

Oct 14 2020

Eine kleine Weltchronik – für Freya Klier

Eine kleine Weltchronik zur

 

großen Zeitenwende

 

für

 

Freya Klier

 

zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands

 

Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia

 

 

Zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands feierten die deutschen Medien Freya Klier als eine ikonische Repräsentationsfigur der legendär friedlichen Revolution, die 1989 zum Fall der Berliner Mauer führte. Die zwei folgenden Beispiele können ihre hervorragende Rolle in dieser dramatischen Wende der deutschen Nachkriegsgeschichte anschaulich und eindrucksvoll illustrieren. Es handelt sich dabei um das Feature „Wie wir wieder ein Volk wurden“ aus der Zeitschrift Tina, sowie um das Interview „30 Jahre Einheit – Freya Klier“ in tvbSpecial.[1]

 

Hier finden Sie das Tina-Interview: TI_2020 39 Aktuell 2 – Juhnke – SERIE_ 30 Jahre Einheit _ 3 Schicksale

 

…und HIER das tvb-Interview.

 

Von besonderer Bedeutung erweist sich meines Erachtens in diesem historischen Kontext das Foto von Freya Klier und Angela Merkel in der Zeitschrift Tina, das sie zusammen beim Besuch von Barack und Michelle Obama im Weißen Haus zeigt. Diese vier heutigen Repräsentanten des einst Jahrhunderte und Jahrtausende lang unterdrückten „Anderen“ – des Anderen des weißen Mannes, nämlich der schwarzen Rasse und des weiblichen Geschlechts – hier auf diesem Lichtbild sind sie im größten Machtzentrum der heutigen Weltgeschichte so real wie symbolisch vereint und vertreten.

Ich hatte das schöne Glück, Freya Klier über die Jahre unserer gemeinsamen Arbeit im Vorstand des ehemaligen Exil-PEN, des heutigen PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, als eine überaus liebenswerte Mitstreiterin und leidenschaftliche Verfechterin  unserer diversen Projekte kennenlernen zu können. Die zwei obigen Reportagen haben meinen schon länger gehegten Wunsch, sie aus heutiger Perspektive noch genauer zu ihrer repräsentativen Rolle bei der deutschen Wiedervereinigung und Vergangenheitsbewältigung zu befragen, bereits auf kongeniale Art und Weise verwirklicht. Und so möchte ich an dieser Stelle vielmehr versuchen, ihre große Lebensleistung in einen entsprechend größeren, geschichtlichen Zusammenhang zu stellen und auszuleuchten, wofür es freilich gilt, noch etwas weiter und ausführlicher auszuschweifen.

 

***

 „Die Zukunft wird weiblich sein
oder gar nicht.“

Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang gründeten die gesellschaftlichen Fundamente der abendländischen Kulturgeschichte auf dem patriarchalen Prinzip der hierarchischen Monarchie. Diese weltliche Herrschaftsform des ständischen Obrigkeitsstaates fand in der himmlischen Dreieinigkeit von Gottvater, Gottsohn und Heiligem Geist ihre christlich-theologische Apotheose. Diese so nachhaltig mittelalterliche Standesordnung wurde erst im Zeitalter der Aufklärung und im Gefolge ihrer großen Revolutionen in Frankreich und Amerika in ihren Grundfesten endgültig erschüttert.

Eugène Delacroixʼ heroisch-patriotisches Gemälde La Liberté guidant le peuple, in der Marianne, die symbolische Inkarnation der französischen Nation, die Barrikaden stürmt und ihr unterdrücktes, darniederliegendes Volk zum Aufstand gegen die bestehende Gesellschaftsordnung aufruft, wurde nicht nur zur Nationalikone der Französischen Revolution, sondern auch zur kunsthistorischen Allegorie für einen sich anbahnenden genderideologischen Paradigmenwechsel.

 

Eugène Delacroix „La Liberté guidant le peuple“. ©: en.wikipedia.org

 

Mariannes entblößte Brüste und ihre phrygische Freiheitsmütze bringen den sexualpolitischen Symbolcharakter ihrer weiblichen Selbstbefreiung sinnlich-sinnbildlich zum Ausdruck. Darüber hinaus verdichtet sich ihr geöffnetes Décolleté kongenial zum sprechenden Inbild der nährenden Allmutter par excellence, das heißt, Marianne inkarniert und symbolisiert die mythisch-moderne Renaissance der Alma Mater urheidnischer Provenienz.

„Back to the future“: Über hundert Jahre vor dieser landläufigen Maxime der Postmoderne und ihrer diversen Diskursbildungen sollte der Basler Rechtsgelehrte Johann Jakob Bachofen mit seinem bahnbrechenden Werk Das Mutterrecht (1861), einer exemplarischen Enzyklopädie psychomythischer Männerphantasien von fabelhaft heidnischen Gynaikokratien, ein veritables Kontrastprogramm zur christlichen Realität der abendländischen Kulturgeschichte entwerfen.

Im Gegensatz zum spirituellen deus absconditus der patriarchal-monotheistischen Himmelsreligionen und ihrer ewig verborgenen Gottesvorstellungen offenbart sich die Göttin der matriarchal-polytheistischen Erdreligionen als sensuelle dea revelata, in deren wunderbarer Gestalt sie ihre zauberhafte, sinnlich-fruchtbare Schöpfungsallmacht gern und großzügig zur Schau stellt. Diese geschlechtliche Attraktivität der Magna Mater wird zudem wesentlich weiter bereichert durch ihre großen gesellschaftlichen Ideale der allgemeinen Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.

Götterdämmerung des Abendlandes: So sehr der rechtsgelehrte Basler Patriziersohn vom Verstand her für den vaterrechtlichen status quo plädierte, sein geheimes alter ego war fasziniert von den muttermythischen Alternativen der Magna Alma Mater. Allzu verlockend schien der geschichtliche Fortschritt vom alttestamentarischen „Gott der Rache“ zur archaisch-utopischen „Göttin der Liebe“. Anders gewendet, Bachofens Herz schlug für die Große Mutter und ihr einstiges Reich, das vor langer Zeit so sagenhaft versunkenen war und das nun umgekehrt in naher Zeit erneut so vielversprechend am Horizont heraufzuziehen schien.

Der Untergang des Abendlandes, so lautete denn auch entsprechend die episch-epochale Geschichtserzählung Oswald Spenglers am Ende des Ersten Weltkrieges. Sie stellt nicht nur eine weitsichtige, weltgeschichtliche Retrospektive dar, ihre sie begleitenden, abendländischen Kassandrarufe sollten im Laufe der Zeit tatsächlich zudem als „self-fulfilling prophecies“ mehr und mehr in Erfüllung gehen.

Theorie und Praxis der matriarchal-demokratischer Weltverbesserung fanden seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vor allem in der Suffragetten-Bewegung um 1900, in der Mode und Moral der „Neuen Frau“ der Zwanziger Jahre und nicht zuletzt im feministischen Revival in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ihre weitere theoretische Ausformulierung und sozialpolitische Verwirklichung.

„Make Love Not War“, so lautete die wohl populärste Parole der ersten Nachkriegsgeneration in Deutschland und Amerika, die den sexualpolitischen Paradigmenwechsel jener Umbruchszeit auf den gemeinsamen, dialektisch so zutreffenden Nenner brachte. Diese vielbeschworene „Sexuelle Revolution“ jener Jahre war ein wesentlicher Bestandteil vieler damals sehr gesellschaftskritisch motivierten Studentenorganisationen und nicht zuletzt auch der weltweit jugendbewegten Woodstock-Generation mit all ihren hochfliegenden New-Age-Aspirationen.

Trotz dieses grundlegenden Gesinnungswandels waren die bekanntesten Anführer dieser zahlreichen Anti-Establishment-Bewegungen allesamt männlichen Geschlechts, angefangen von Frankreichs Daniel Cohn-Bendit über Amerikas Jerry Rubin und Abbie Hoffmann bis zu Deutschlands Rudi Dutschke. Von Timothy Leary, Amerikas verführerischem Drogen-Guru der psychedelischen Bewusstseinserweiterung und seiner Politics of Ecstasy hier einmal ganz zu schweigen.

Und nicht zu vergessen Fritz Teufel und Rainer Langhans, einst Westberlins prominenteste Kommunarden und berühmt-berüchtigte Bürgerschreckgestalten der westdeutschen Counter-Culture, mitsamt ihrer hübschen Uschi Obermeier, dem damals populärsten Topless-Modell der heimatlichen Bundesrepublik. Sie war Mariannes deutsche Wiedergängerin und – man ahnt es schon – das nationale Poster Girl der „Sexuellen Revolution“.

„Die Zukunft wird weiblich sein oder gar nicht“, so lauteten die aus dem kulturellen Untergrund immer lauter werdenden Unkenrufe jener Zeit, als sich zunehmend liberale Wandlungsprozesse in der westlichen Welt mit einem wachsenden Umweltschutzbewusstsein zu paaren begannen. Heute ist sich ein Großteil der Menschheit in der ökologischen Welterkenntnis einig: Wenn wir fortfahren, unsere Umwelt zu misshandeln, ihre Ozonschicht zu verpesten und ihre Bodenschätze auszubeuten, dann werden wir bald keine „Mutter Erde“ mehr haben, keine Alma Mater, die unsere Kinder und Kindeskinder weiterhin gesund gebären und ernähren kann.

In diesem zeitgeschichtlichen Zusammenhang setzte sich auch zunehmend ein allgemeines Umdenken in der uralten Vorstellung vom sogenannten „Kampf der Geschlechter“ durch. Um es arche- und stereotypisch auszudrücken, Mars versus Venus, diese universale Weltformel taugte schon lange nicht mehr als moderne Matrix für flexible, männlich-weibliche Beziehungskisten und sexualpolitisch progressive Gesetzgebungen.

In anderen Worten: Schluss mit all den verrotteten patriarchalen Traditionen, den geschichtlich-gesellschaftlichen Konflikten à la Simone de Beauvoirs Deuxième Sexe und Schluss mit all den geschlechtlichen Konventionen und entsprechend schlechten Ehen, grad so wie sie in Judith Butlers Gender Trouble sozialkritisch beschrieben stehen.

Was würde wohl Hegels Weltgeist in Anbetracht all dieser feministischen Herausforderungen und sexualpolitischen Neuorientierungen sagen? Er könnte, wäre er denn tatsächlich linkshegelianisch orientiert, sicherlich dem Vorbild von Rosie the Riveter folgen, der einstigen Nationalikone Amerikas, und aus all dem das Bestmögliche machen, grad so wie damals, als die Männer ihres Landes in den Zweiten Weltkrieg zogen, während ihre Frauen an der Heimatfront beherzt deren harte Männerarbeit übernahmen.

Entsprechend könnte Hegels Weltgeist wohlweislich und auch ganz im Sinne des heutigen Zeitgeistes seiner gegenwärtigen Menschheit vorschlagen, dass es nun wirklich höchste Zeit wäre – Allegorie hin und Realität her – endlich auch einmal Frauen im Kampf der Geschichte gleichberechtigt teilnehmen zu lassen, wenn nicht gar ihnen aus Gründen der geschichtlichen Gerechtigkeit zur Abwechslung auch mal für eine Weile den Vortritt zu gewähren. Jedenfalls können Geschichte und Gegenwart Deutschlands für diesen Gedanken- und Erfahrungsaustausch sicherlich als Probe aufs Exempel dienen.

Um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen: Nach dem monarchischen Machtrausch des letzten deutschen Kaisers und der faschistischen Schreckensherrschaft des letzten deutschen Diktators, die das zwanzigste Jahrhundert gleich in zwei Weltkriege stürzen sollten, gefiel es offensichtlich der Vorsehung des unerforschlichen Weltgeistes, dem Heimatland seines Vordenkers genau zweihundert Jahre nach der Französischen Revolution endlich auch eine richtige deutsche Revolution zu gewähren. Und zudem ist diese so friedlich und unblutig verlaufen wie wohl noch keine Revolution in der langen Geschichte unserer so friedlosen und oft so gewalttätigen Menschheit. Und dies, obgleich die Berliner Mauer mit all ihren Todesstreifen noch weitaus höher und unüberwindbarer war, als es die Pariser Straßenbarrikaden je gewesen waren.

Doch damit nicht genug. Obendrein sollte das wieder auferstandene, deutsch-deutsche Vaterland auch bald von einer Frau so vorbildlich wie erfolgreich weiterregiert werden und dies zudem auch noch ausgerechnet mehr als zwölf Jahre lang, geradeso als hätte es in der Tat gegolten, die zwölf schauderhaften Jahre des Dritten Reiches umgekehrt auch noch zahlenmäßig mit mehr als zwölf vergleichbar wunderbaren Jahren zu übertrumpfen.

Gott sei Dank für Hegels Weltgeist! Zu unserem großen, nationalen Glück funktionierte diesmal seine phänomenale Geschichtsdialektik! Und nicht nur das, auch der Schweizer Autor des Mutterrechts hätte sich vom politischen Schicksal Deutschlands und dem persönlichen Geschick seiner Bundeskanzlerin bestätigt sehen können, die zudem – nomen est omen – im Volksmund bald von der belächelten „Mutti Merkel“ zur anerkannten „Mutter der Nation“ aufsteigen sollte.

Last but not least verstand auch die internationale Presse, allen voran das amerikanische Time Magazine, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und krönte schließlich die deutsche Bundeskanzlerin mit dem weltweit begehrten Titel „Woman of the Year“. Anders gewendet, Walter Benjamins Angelus Novus kehrte wieder – mutatis mutandis – als Angela Nova eines neuen Deutschlands, das nicht zuletzt auch mit seiner großherzigen Flüchtlingspolitik Geschichte machen sollte.

Und die Moral von dieser deutschen Geschicht: Nicht nur gelungene Demokratien, sondern auch friedliche Demonstrationen für mehr Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit werden zunehmend von Frauen angeführt. Und in den letzten Jahren werden sie vor allem von Frauen in Osteuropa repräsentiert. Dieser Trend begann vor knapp zehn Jahren mit der Bewegung der Femen, die ihren Protest einmal mehr in der Nachfolge von Delacroix Marianne inszenierten und entsprechend barbusig ihren politischen Kontrahenten so unverschämt wie selbstbewusst entgegentraten.

Derartig provokative Einzelaktionen finden heute in den weitaus moderateren, doch dafür dezidiert pazifistischen Massendemonstrationen in Weißrussland ihren logisch-historischen Höhepunkt. Und auch in ihnen spielen Frauen, wie internationale Presseberichte immer wieder hervorheben, eine herausragende Rolle, angefangen von der jungen Maria Kalesnikova, einer der prominentesten Repräsentantinnen der Bewegung, bis zu Nina Baginskaja, der omnipräsenten „Demo-Oma“, wie die deutsche Bildzeitung die bekannteste Veteranin dieser belarussischen Demokratiebewegung nennt.

Die westeuropäischen Vorbilder für diesen osteuropäischen Volksaufstand gegen die letzten Bastionen totalitärer Potentaten reichen von der Weimarer Republik bis zur Deutschen Demokratischen Republik, konkret von Rosa Luxemburg bis Bärbel Bohley und Freya Klier. Fast wäre auch letztere wie schon Rosa Luxemburg bereits als junge Aktivistin ein Opfer des totalitären Terrors geworden! Doch vielleicht war ja hier der Weltgeist erneut – als Angelus Novus Absconditus – ihr geschichtlicher Schutzengel gewesen?

Wie dem auch sei, in jedem Fall wurde Freya Klier über die Jahre und Jahrzehnte hinweg zur unbestritten bedeutendsten Bürgerrechtlerin des wiedervereinigten Deutschlands, die sich nicht nur von jung auf als talentierte Schauspielerin und engagierte Widerstandskämpferin, sondern auch ein Leben lang als unermüdliche Dozentin im In- und Ausland, sowie als erfolgreiche Autorin mehrerer Geschichtsbücher und als vielbeachtete Dokumentarfilmerin weit über die Grenzen Deutschland hinaus einen Namen gemacht hat. Wir alle diesseits und jenseits des Atlantiks haben ihr viel zu verdanken.

 

Alsdann, liebe Freya, auch im Namen von uns allen in unserer transatlantischen Glossen-Redaktion, sowie im Namen all unserer Beiträgerinnen und Beiträger, Leser und Leserinnen…

Herzlichen Glückwunsch zu Deiner großen Lebensleistung!

Hoch sollst Du leben!! Und das auch noch sehr, sehr lange!!

 

 

[1] Ein herzliches Dankeschön gilt an dieser Stelle Herrn Andreas Juhnke, Redakteur für besondere Aufgaben, Bauer Woman KG, für die Erlaubnis zum Wiederabdruck des Features in Tina, sowie Dr. Peter Brinkmann von tvbSpecial für den Link zum TV-Interview.

 

Lesen Sie hier auch eine Grußadresse der ehemaligen Frauen für den Frieden Ost-Berlin an die belarussischen Frauen und hier eine Grußadresse von Bürgerrechtler*innen der ehemaligen DDR.

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Sep 30 2020

Solidarity With the Democracy Movement in Belarus

Solidarity With the

 

Democracy Movement in Belarus

 

We at Glossen are declaring our solidarity with the democracy movement in Belarus and in particular with its prisoners of conscience. For further information please see the following links to Viasna:

 

www.spring96.org/en

and to

https://www.zeitschrift-osteuropa.de/blog/politische-gefangene/

 

Der belarussische Bürgerechtler Ales Bialiatski erhält den Alternativen Nobelpreis (neben drei anderen, die ausgezeichnet werden). Bialiatski steht der Menschenrechtsorganisation Vjasna (engl.: Viasna) vor. Die Vjasna-Mitarbeiterin Marfa Rabkova wurde am 17.9. aus zweifellos politischen Motiven inhaftiert. Hier finden Sie einen Artikel aus dem Spiegel zum Alternativen Nobelpreis.

 

Lesen Sie hier auch eine Grußadresse der ehemaligen Frauen für den Frieden Ost-Berlin an die belarussischen Frauen und hier eine Grußadresse von Bürgerrechtler*innen der ehemaligen DDR..

 

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Sep 15 2020

George Floyd from Berlin to Bavaria

George Floyd from Berlin to Bavaria

 

by Anna Rosmus

 

 

On May 25, 2020, when George Floyd, a 46-year-old African American, purchased cigarettes at a Minneapolis grocery store, an employee believed he had paid with a counterfeit $20 bill.[1] After the 6’4” (193 cm) suspect was killed during a police arrest,[2] videos made by witnesses and security cameras became public. They showed a white police officer kneeling on Floyd’s neck for nearly nine minutes. All four officers were fired, and criminally charged. Two autopsies declared Floyd’s death to be a homicide.

That triggered not only protests against police brutality, racism, and a lack of police accountability in the United States, but all over the world makeshift memorials seemed to spring up.[3] Germans began to show their solidarity, too. Chancellor Angela Merkel called the killing a “very, very terrible thing,” also condemning racism. After scoring a goal, Borussia Mönchengladbach football player Marcus Thuram took a knee and bowed his head. The name of Berlin’s Mohrenstraße (Moors Street) subway station was spontaneously taped over to create a George Floyd Straße. A mural depicting him was painted on a section of the Berlin Wall. On June 6th, in more than 30 cities the combined number of protest participants exceeded 100,000.

When US police shot at a Deutsche Welle crew reporting from Minneapolis in two separate incidents, and threatened with arrest in a third incident, Foreign Minister Heiko Maas demanded that “journalists must be able to carry out their task, which is independent coverage of events, without endangering their safety”; adding that “democratic states under the rule of law have to meet the highest standards when it comes to protecting freedom of press.”

Prompted by multiple inquiries, Snopes posted excerpts from an e-mail by Minneapolis Police Department (MPD) Lt. Bob Kroll to union members, where he pointed out, “What is not being told is the violent criminal history of George Floyd.”[4]

According to court records, between 1997 and 2007 police had arrested Floyd nine times, mostly on drug and theft charges that resulted in months-long jail sentences.[5] In 2009, he was charged with aggravated robbery with a deadly weapon in a home invasion but paroled in January 2013.[6]

According to the county’s postmortem toxicology screening, performed one day after Floyd’s death, the deceased was intoxicated with 11 ng/mL of fentanyl,[7] a synthetic opioid pain reliever, and 19 ng/mL of methamphetamines (as well as other substances).

 

Benedictine Metten Library in the Deggendorf district, courtesy of Gary Heatherly[8]

 

Back in Southern Germany, George Floyd made more headlines in an idyllic municipality called Metten. It is not only located on the other side of the Atlantic Ocean, but in some ways, crime-related data like those above seem almost a world away. Best known for its baroque Benedictine abbey, Metten has some 4,200 residents, many of them are/were educated at its humanistic secondary school.

While racism is not completely new there, the earliest encounters with any African Americans that locals recall occurred in 1945, at the end of World War II, when General George Patton Jr.’s tanks came rolling down, between the Danube River and the border to Czechoslovakia. During the subsequent occupation, alcohol and fraternizing with white women posed temptations for some men. In 2011, when US-veterans of the 3rd Army and their relatives visited Metten Abbey, Father Norbert offered them a tour, and told them about the surrender of the Hungarian Generals.

Five years later, the largest refugee crisis since World War II created wide-spread panic.[9] By late February 2016, in Bavaria alone, more than 130,000 people were waiting for the Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) to recognize their refugee status. In April, when the number of new arrivals sharply receded, the government of Lower Bavaria announced that only six of the 24 temporary refugee housings in the district would remain open; one was Metten. The Abbey tackled racism head-on. In October 2018, for example, its 9th graders met African-German filmmaker Mo Asumang, who confronts racism and anti-semitism.[10]

Then, in the summer of 2020, a new resident of this quaint community proposed that the market council adds the name of George Floyd to a pool for potential street names. Dutifully, Mayor Moser invited the gentleman in his mid-70s to the Metten town hall. According to a Bayerischer Rundfunk report, that cosmopolitan “war schon in aller Welt zu Hause. In Papua-Neuguinea machte er Erfahrungen mit Rassismus. Seine mittlerweile verstorbene Frau wurde von Australiern angefeindet. Deshalb hatte ihn das Schicksal von George Floyd besonders berührt” (has already been at home in the entire world. In Papua New Guinea, he experienced racism. His wife, meanwhile deceased, was ostracized by Australians. That’s why the fate of George Floyd touched him in particular.)[11] The Metten Community Council unanimously accepted the resident’s proposal.

Online, at Bayerischer Rundfunk BR 24, the Metten proposal was discussed, too. One of the commentators wrote, “Wenn 1. April wäre, könnte ich diese Meldung entsprechend einschätzen.” (If it were April 1st, I could assess this report accordingly.)[12] On July 9th, a different request was made. It should not be ignored that Floyd “eine kriminelle Karriere hatte. Von 1997 bis 2007”

(had a criminal career. From 1997 until 2007…) adding that,

Will man als Gemeinde seine ablehnende Haltung gegenüber dem Rassismus zum Ausdruck bringen, gibt es sicher andere Möglichkeiten. Wenn es unbedingt ein Straßenname sein sollte, dann besser nach einer Begebenheit im regionalen Umfeld suchen.” (If as a community one wants to express one’s objection toward racism, there are certainly other options. If absolutely it should be a street name, then better search for an occurrence in the regional surroundings).[13]

Four weeks later, a unanimous vote voided the Council’s previous decision. Renaming an existing street was not only deemed too laborious and too expensive, but in the future only persons with a connection to Metten will be considered, and only those not criminally sentenced in a democracy, where law and order rule.

On August 5th, the Deggendorf edition of the Passauer Neue Presse headlined, “Gemeinderat doch gegen George-Floyd- Straße” (Community Council against George-Floyd-Street after all). In hindsight, Mayor Moser conceded, it would have been “eleganter” (more elegant) to reject the proposal right away. The community was “überrumpelt” (blindsided), unaware of Floyd’s past.

 

Footnotes:

[1] How George Floyd Was Killed in Police Custody

[2] “Hennepin County Medical Examiner’s Office Autopsy Report”. Hennepin County. June 1, 2020.

[3] Memorials For George Floyd Appear Worldwide, From Minneapolis To Nairobi

[4] In “Background Check: Investigating George Floyd’s Criminal Record”, JESSICA Lee published on June 12, 2020 that attorney Ben Crump, who represents Floyd’s family, “did not respond to Snopes’ multiple requests for comment.”

[5] Police records and other court filings regarding Floyd’s criminal history are publicly available at the Harris County District Clerk’s online database.

[6] Hall, Michael (May 31, 2020). “The Houston Years of George Floyd”. Texas Monthly.

[7] According to Mayo Clinic Laboratories, “the presence of fentanyl above 0.20 ng/mL” – a fraction of the amount discovered in Floyd’s system – is “a strong indicator that the patient has used fentanyl.”

[8] Gary Heatherly Photography, (865) 971-4870, gary@garyheatherly.com

[9] Rosmus, Anna Elisabeth, Land unter. Die Migranten sind da! Ein Lagebericht zur geographischen Mitte Europas; in: Glossen 45, August 2016

[10] Aktiv gegen Rassismus, aktiv gegen Menschenfeindlichkeit

[11] George-Floyd-Straße in Metten einstimmig abgelehnt | BR24

[12] George-Floyd-Straße in Metten einstimmig abgelehnt | BR24

[13] Gemeinderat doch gegen George-Floyd- Straße, in: Deggendorf edition of the Passauer Neue Presse (PNP) from August 5, 2020

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Jul 06 2020

„Unalienable Rights“

„Unalienable Rights“

 

Amerikas Unabhängigkeitserklärung

damals und heute

by Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia

 

Am 4. Juli druckte der Virginian Pilot, unsere regionale Zeitung hier in Norfolk, Virginia, zum 244. Jahrestag von Amerikas „Declaration of Independence“ dessen Text in ihrer Rubrik „Opinion“ erneut ab. Während ich ihn las – und noch einmal las – löste er in mir auch mehr und mehr persönliche Erinnerungen und aktuell politische Betrachtungen aus.

Über vierzig Jahren lebe ich nun schon in den Vereinigten Staaten. Ursprünglich war ich nur für ein Jahr in dieses Land gekommen, um an der Cornell University im Staat von New York eine Magister-Arbeit über den „American Dream“ in der modernen amerikanischen Literatur zu schreiben. Doch dieses eine Jahr war nur der Anfang meiner langen Lehr- und Wanderjahre als „gypsy scholar“, wie man hier junge Akademiker nennt, die oft jahrelang von Universität zu Universität ziehen und sich mit Zeitverträgen durchschlagen auf der Suche nach „tenure“, einer Lehrstelle auf Lebenszeit.

Bereits zu Beginn meiner fast dreißig Jahre währenden Wanderschaft, die Anfang der siebziger Jahre mit meinen Studien in Deutschland und England begann, dämmerte mir, dass der Beruf der Lehre und Forschung auch meine eigentliche Berufung, mein wahrer Traumberuf werden könnte. Und so bin ich denn dem Ruf dieses Traums bis an die Westküste der Neuen Welt, bis ans Ende der sogenannten Westlichen Zivilisation gefolgt. Und ja länger ich in Amerika von Santa Barbara in California – über mehrere andere Institutionen – schließlich bis nach Norfolk in  Süd-Virginia diesem Ruf folgte, desto klarer wurde mir, dass ich dem Traum von Amerika nicht nur in seinen großen, modernen Romanen, sondern viel mehr auch noch selbst direkt und landesweit auf der Spur war.

Hieß es doch bereits in Amerikas „Declaration of Independence“, dass die „pursuit of Happiness“ letztendlich die endgültige Erfüllung, gewissermaßen die Endstation Sehnsucht der amerikanischen Freiheit und Unabhängigkeit sei. Mit dem „Streben nach Glück“, wie die deutsche Übersetzung dieser „pursuit of Happiness“ lautet, ist freilich diese nationale Suche und Sehnsucht nur ungenügend übersetzt, denn es ist ja nicht nur ein sehnsüchtiges Erstreben, sondern vielmehr auch ein tatkräftiges Verfolgen dieses oft so flüchtigen Glücks gemeint. Und dieses sagenhafte Glücksversprechen sollte anscheinend auch mein „unalienable right“ sein, selbst wenn ich ein Leben lang nur ein sogenannter „resident alien“ geblieben, also kein regelrecht eingeschworener Bürger der Vereinigten Staaten geworden bin.

The pursuit of Happiness! Die gute, alte deutsche Bildungsreise als neue amerikanische Lebensreise. Und das für ein glückliches Leben lang! Was für eine herrliche Horizonterweiterung, was für ein farbenfroher Spannungsbogen! What a trajectory and sparkling destiny at the end of the rainbow. Looking back at my German-American “Way of Life” from our house here in Norfolk a few steps away from the water and its sandy beaches, I have to say, that so far I have been very fortunate, in other words, very lucky and very happy in this country. For me, America has truly lived up to its national promise from sea to shining sea.

***

Und jetzt das schreckliche Erwachen aus diesem amerikanischen Traum. Das Aufschrecken im Alptraum der amerikanischen Gegenwart. „I can’t breathe“. Dieses immer schwächer werdende Todesröcheln von George Floyd entsetzte nicht nur das ganze Land, es ging auch wie ein vielfaches Echo rund um die ganze Welt. Wie unendlich weit sind wir doch noch vom Versprechen der Gründerväter und ihrer verkündeten Wahrheit entfernt:

“Wie hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among those are Life, Liberty …”

What scandalous travesty! Diese selbstverständliche Binsenwahrheit der modernen Weltgeschichte und ihrer sogenannten Westlichen Zivilisation war von Anfang an die scheinheiligste Binsenlüge der amerikanischen Gründerväter und ihrer gutgläubigen Brave New World! Diese Gründerlüge wurde nicht nur im vollen Bewusstsein der systematische Versklavung der schwarzen Bevölkerung diese Landes ausgesprochen, sie wurde zudem auch noch weiter unterstrichen durch die stereotypische Diffamierung sämtlicher indigener Völker dieses Kontinents, von denen es kurz und bündig in diesem nationalen Gründungsdokument heißt, sie seien „merciless Indian Savages, whose known rule of warfare is an undistinguished destruction of all ages, sexes and conditions“.

Im Rückblick gibt sich dieser landesweite Rufmord bereits als eine vorauseilende Rechtfertigung des am Horizont schon düster heraufziehenden Landraubs und Völkermords an den Indianern Nordamerikas zu erkennen. Und damit nicht genug. Auch das weibliche Geschlecht, die früher so verlogen hochgelobte „bessere Hälfte“ des Mannes, wurde in dessen selbstherrlicher Behauptung „that all men are created equal“ von Anfang an vollkommen totgeschwiegen. So konnte man die Frau – linguistische Konvention hin und politische Konvenienz her – von Anbeginn staatsrechtlich und sozialgeschichtlich mundtot machen.

Kurzum, selbst die weißen Frauen des weißen Mannes waren ursprünglich von der vielbeschworenen Freiheit und Unabhängigkeit genauso ausgeschlossen, wie all die Andersfarbigen des Landes, die Verschleppten, Verfolgten und letztlich vielfach Ausgerotteten Amerikas. Sie alle, die zusammen die eindeutige Mehrheit seiner Bevölkerung bildeten, blieben zeitlebens und auf Generationen hinaus die Anderen, die mehr oder weniger Fremdartigen – in andern Worten – aliens with no unalienable rights.

Der Staat von Virginia – die voraussichtliche Endstation meines „American Dreams“ – gehört nicht nur zu den ersten Gründerstaaten der USA, seine Hafenstädte am Atlantik, allen voran Norfolk hier an der Mündung der Chesapeake Bay, waren einst auch zentrale Umschlagplätze im transatlantischen Sklavenhandel. Nicht zufällig werden denn auch hier zurzeit die Statuen von prominenten Generälen der Konföderation gleich reihenweise gestürzt. Und genau betrachtet müsste auch mit einigen Statuten der Unabhängigkeitserklärung ähnlich verfahren werden. Sie sind schon lange Makel und Makulatur der Unabhängigkeitsgeschichte dieses Landes und dergestalt wachsender Spott und Hohn auf die demokratischen Ideale dieser historisch insgesamt so progressiven Nation.

“But wait a minute, my dear resident alien from far-away Germany. Who are you to criticize our country, to desecrate our national memory, to vandalize the founding documents of our proud American history …?!” So höre ich die Patrioten Amerikas missmutig murren. “As the son of a fatherland that plunged the world into two World Wars … not to mention the horrors of the Holocaust! You should talk!!”

Und ich würde ihrer aufgebrachten Landesverteidigung vollkommen zustimmen und dies nicht zuletzt um ihrer selbst willen.  In der Tat, ich muss reden, denn was ich schon lange weiß, das macht mich selbst heute noch heiß – hot under the collar, as they would say in this country – denn gebrannte Kinder scheuen bekanntlich ein Leben lang das Feuer. Und unser deutsches Vaterland ist nicht nur einmal, es ist gleich zweimal abgebrannt. Allein schon unsere Väter und Großväter konnten so manche Schreckensgeschichte davon erzählen. In anderen Worten, genauer, in den Worten eines ganz Andern: I have a nightmare!

***

So müsste man wohl heute Martin Luther Kings einst so vielversprechende Zukunftsvision umbenennen, jene große Mosaische Traumvision vom Gelobten Land, die er vor über einem halben Jahrhundert für die Nachfahren der einst hier Versklavten als gemeinsamen Traum von Amerika so prophetisch und rhapsodisch herausbeschworen hatte. Doch heute scheint dieser so episch-poetische Zukunftstraum zu einem omnipräsenten Alptraum geworden zu sein in Anbetracht des derzeitigen Volksverführers im Weißen Haus.

Er hat sich jetzt schon als einer der scheinheiligsten Lügenbeutel der modernen Weltgeschichte einen berühmt-berüchtigten Namen gemacht. Und seine Gefolgschaft, die ihm beim Bau der Grenzmauer im Süden des Landes zujubelt und sich für seine rassistischen und xenophobischen Tiraden begeistert, folgt ihm verblendet auf Gedeih und Verderb, grad so, als wäre er der Rattenfänger von Hameln. Nur zu gern tanzen seine Anhänger nach seiner Pfeife und huldigen ihm in dichten Haufen und am liebsten ohne Mundschutz lautstark und tolldreist auf Gott und Teufel komm raus.

Geblendet von den glitzernden Türmen seines megalomanischen Immobilien-Imperiums tanzen und taumeln sie ums Goldene Kalb seines Turbo-Kapitalismus, der die Wirtschaft Amerikas um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste so schnell wie möglich wieder anzukurbeln verspricht. Und gleich ihm pfeifen auch sie zuhauf – und viele von ihnen mehr oder weniger bibelfest – auf die sich erneut ausbreitende und immer mehr ausweitende Corona-Pest. Grad so, als wäre sie nur ein lästiger Schluckauf oder eine vorübergehende Atemnot und dabei pochen sie trotzig auf ihren althergebrachten “American Way of Life” und sein verbrieftes amerikanisches Recht und Gebot …

Its unalienable rights to “Life” and “Liberty” … until more and more of us will become those others … who cannot swallow and breathe anymore … even with ventilators in overcrowded hospices and hospitals … where death is already waiting patiently in the wings … taking more and more of his familiar liberties … until we all will finally be equal and free … to die all across this promised land … from sea to shining sea.

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Jun 12 2020

Amerika – ach, nun ja, herrje!

Amerika – ach, nun ja, herrje!

Albrecht Classen

 

So setzt man sich zwischen zwei Stühle. Auf der einen Seite, die großartige amerikanische Kultur, gelassen, cool, weltoffen, zukunftsgerichtet; auf der anderen Seite, so engstirnig, provinziell, religiös-dogmatisch, rassistisch, patriotisch bis zum Erbrechen. Wer in der Welt würde sich nicht danach sehnen, einmal nur New York zu erleben, pur, diese glitzernde Stadt. Und dann, schaut man um die Ecke, wirft man einen Blick in die Hinterhöfe, fährt mit der U-Bahn, gehen einem so furchtbar die Augen auf, dass man nur noch mit dem Kopf schütteln muss. Wie konnte ich nur….!

            Ich selber lebe in Arizona, und schon kommen einem die berühmten Bilder hoch, Grand Canyon, Sedona, Monument Valley, die echten amerikanischen Einwohner, die Indianer, dann das Cowboy-Erlebnis, der Wilde Westen, ach wie ist das alles schön, so romantisch, die Freiheit. Ich habe einen älteren Bekannten in Ost-Berlin, der nur Negatives über die USA sagen kann oder will, aber dann laufen ihm die Augen über, wenn er die üblichen Vorstellungen genüsslich im Gemüt aufleben lässt, und der große Mann spielt auf einmal das Kind, mit der Knarre in der Hand, Ballermann, Superheld, ja, der echte Cowboy, ein Mann, wie er im Buche steht, wie ist das alles so schön! Die Filmwelt hat so das Ihrige geleistet. Wenn ich aber daran denke, in welcher Armut bis heute die meisten Native Americans leben, oftmals ohne fließendes Wasser, ohne Elektrizität, keine fließende Toilette. Armut pur. Oder sie führen ein Casino und schummeln sich so durch, sehr zwielichtig auf ihre Art, und von der Korruption bei deren Geschäften will ich mal gar nicht reden.

            Ja, das ist Amerika, so widersprüchlich wie es nur geht. Ein Paradox an sich, wo die individuelle Freiheit ganz groß herausgekehrt wird, mit Hinweis auf die Second Amendment, Waffenbesitz, Unabhängigkeit, mit zwei großen amerikanischen Fahnen hinten auf dem Pick-Up montiert. Aber wenn ein Weißer einfach mal so einen jungen Afro-Amerikaner auf offener Straße abknallt, wenn die weiße Polizei dann unverfroren wegsieht und nichts unternimmt, wenn Polizisten selbst zur Waffe greifen und ohne jegliche Hemmungen losballern, wenn wegen COVID-19 Gewalttaten gegen Asiaten wieder mal Mode geworden sind, wenn Kinder der illegalen Einwanderer den Eltern aus den Armen gerissen und in spezielle Lager (Child Detention Centers) verfrachtet werden ‒ wir müssen ja die amerikanische Freiheit verteidigen und schützen! ‒ , dann fragt man sich, was mittlerweile aus den amerikanischen Tugenden geworden ist. Und der Rassenkrieg? Ja, wie viele sagen, ein Kampf der Polizei gegen die Schwarzen! Kein Wunder, dass überall massenweise Demonstrationen veranstaltet werden, nicht nur, was ich sehr begrüße, von Black Americans, aber ob damit der systeminterne Rassismus überwunden werden wird, steht noch lange aus. Der Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert wirft immer noch sehr lange Schatten!

            Und hier lebe ich nun, weit weg vom Schuss – pardon, das Wortspiel war nicht intendiert – im Südwesten der USA, ganz nahe an Mexiko. Wieviele Straßen führen spanische Namen, und kaum jemand weiß, was sie überhaupt bedeuten mögen. Wie gerne gehen die Leute mexikanisch essen, wie stolz sind sie auf ihre internationale cuisine, aber die Grund-, Mittel- und Hauptschulen im Hispanic Südteil der Stadt bestehen oftmals gerade mal aus Gebäuden mit Klassenzimmern, und sonst, nichts. Die weißen Schulen am Fuße der Berge haben wahrhaftig haufenweis Computer, Videokameras, Studios, Fachlehrer, picobello Schulbibliotheken, immer das Feinste vom Feinen, aber was gehen den Weißen die Hispanics an?

            Ist ja auch richtig so, Amerika muss amerikanisch bleiben, das heißt einfach weiß, am besten protestantisch, ein bisschen katholisch, methodistisch, baptistisch, was auch immer, selbst die Mormonen will man tolerieren, nur halt islamisch oder jüdisch ist nicht gerade gut. Also, mit Brandbomben auf die Synagogen oder Moscheen. Amerikaner sind ja wer, und diese Einwanderer, nun ja, Einwanderer, die stören irgendwie das Bild. Weiß muss es halt sein, und da lassen wir uns gar nicht stören, ob die Nachnamen italienisch, polnisch, ukrainisch, spanisch, portugiesisch oder so lauten, solange die Kultur und Sprache weiß ist, was auch immer damit gemeint sein mag. Aber leider leider, liebe Landsleute, werden heute mehr braune Babys geboren als weiße, euch schwimmen also schon rein statistisch gesehen einfach die Felle weg! Aber vielleicht meinte ja der amerikanische Präsident genau das, als er im letzten Wahlkampf so volltönig davon sprach, Amerika wieder groß zu machen, nur konnte er nicht öffentlich sagen, wieder weiß zu machen.

            Klar, an den Unis wird, vielleicht aber auch ein wenig heuchlerisch, unbedingt Multikulti gepredigt und als Ideal hingestellt, aber außerhalb der Campus-Mauern tobt ein Rassenkrieg. Und ich, auch Weißer, aus Deutschland, schaue mir das ganze an, kratze mich am Kopf und bin einfach verwirrt. Da bin ich mit einer Japanese-American verheiratet, der Sohn ist also Mischling, der hat eine Frau geheiratet, die teils indonesisch ist, und etwas Eskimoblut und sonstige Zutaten bietet. Lustig, nicht wahr, und wie soll man das ganze auseinanderhalten? Wo oder wer ist der ‘wahre’ Amerikaner?

            Aber die meisten Amerikaner sind liebe und gute Menschen, solange sie nicht in ihrem Pick-Up sitzen und ihre halbautomatische Kriegswaffe angriffslustig herumschwingen, ständig bereit, unsere Freiheit zu verteidigen. Nur, welche Freiheit, und wie soll diese Freiheit verteidigt werden, wenn ein Haufen Leute schwerbewaffnet vor dem Rathaus auftaucht und auf ihre Rechte pocht? Da wird mir richtig mulmig zumute. Ich besitze einen amerikanischen Pass, bin amerikanischer Staatsbürger, habe meine deutsche Staatsbürgerschaft bewusst abgelegt und bin also auf Gedeih und Verderb mit diesem Land engstens verbunden. Nur, ich besitze keine Schusswaffen, keine amerikanische Fahne, keinen Pick-Up, halt nur meine amerikanische Identität, mein Wahlrecht, meine Freiheit, nicht in die Kirche gehen zu müssen oder meine eigene Religion auszuwählen. Reicht das aus, um mich als Amerikaner zu identifizieren? Bei Feierlichkeiten, wenn die Nationalhymne gesungen wird, halte ich nicht die Hand aufs Herz, wie schlimm und unpatriotisch! Und ich schreibe bissige Leserbriefe über unseren lieben Präsident. Also, unamerikanisch – abschieben, nur, wohin mit dem Kerl?

             Abtreibung wird überall heftigst von den Religiösen bekämpft, denn das Leben sei ja heilig. Zugleich soll die Todesstrafe unbedingt wieder eingeführt werden, um Gerechtigkeit walten zu lassen, schön alttestamentarisch, und dies 2020. Leben ist heilig, ja aber nur bis zur Geburt! Was gehen uns Amerikanern denn Widersprüche an, und wählen sollen wirklich nur die reichen Weißen, damit die Republicans schön an der Macht bleiben.

            Gar nicht so einfach, mit diesem Paradox klarzukommen. Da hat doch mal jemand solch einen Spruch geklopft, “Amerika, du hast es besser”, da wusste er aber noch nichts von semi-automatischen Schusswaffen im Privatbesitz. Das Geschäft mit Drogen läuft auch ganz prima, Waffen wandern Richtung Zentralamerika, dort stellt man Kokain etc. her und verkauft es im Norden. Die Grenze im Süden mit ihrer neuen Mauer, papperlapapp, die dient doch nur dafür, um für Propagandazwecke gefilmt zu werden – Schutz unserer Nation, Kampf gegen die Illegalen, Krieg gegen die Drogen und so. Nur, die meisten Drogen kommen per Flugzeug und per Schiff; die Mauer wird hingegen deswegen gebaut, damit die Baufirmen, alle Freunde des Präsidenten, einen prächtigen Auftrag bekommen.

            Ich fürchte aber, ich komme ins Schwadronieren. Amerika, ja, welche Identität besitzt man hier eigentlich? Wer bin ich denn, nach fast vierzig Jahren hier im Lande? So schlimm ist das alles eigentlich gar nicht; das Leben ist recht leicht, die Nachbarn verstecken sich hinter den Mauern, Freundschaften schließt man nicht, jeder geht seinen eigenen Tätigkeiten nach, und so hat man seine Ruhe. Friedhofsruhe! Und dann ballert wieder so ein Maschinengewehr, lustig ist das Landsknechtsleben!

            Sollte ich aber nach Deutschland zurückziehen? In die dort herrschende Bürokratie, den Kleinkrämergeist, die Provinzialität, die Engstirnigkeit? Auch dort toben sich heute selbstherrlich die Antisemiten aus; Verschwörungstheorien schießen wie Pilze aus dem Boden, viele Unis sind erbärmlich ausgestattet, die Steuern so hoch wie fast nirgends, und VW et Co. haben es, wie die Gerichte endlich entschieden haben, faustdick hinter den Ohren. Der gute deutsche Michel ‒ bis heute kaum was dazugelernt.

            Wie gesagt, ich sitze zwischen zwei Stühlen. Solange ich aber kein Spagat machen muss, sei es drum, hic Rhodos, hic salta! Wer mit den Wölfen heult, gehört selbst dazu. Ich könnte noch mehr Sprüche klopfen, Amerika loben, Amerika beschimpfen, Deutschland als Vorbild hinstellen oder Deutschland verächtlich machen, je nach Großwetterlage. Wie man es dreht oder wendet, überall gibt es eine Innen- und eine Außenseite. Und, je älter man wird, desto mehr möchte man am eigenen Land kritisieren. Nur, dann die Konsequenz daraus ziehen und die Zelte abbrechen, um in die andere Welt auszuwandern, käme dem anderen Sprichwort gleich: Aus dem Regen in die Traufe. Oder, das Gras ist auch nicht grüner auf der anderen Seite. Lassen wir das also mal lieber bleiben. Schimpfen tut halt immer gut, und besser machen will wirklich erst mal gelernt werden. Lieber guter neuer amerikanischer Staatsbürger, bleib doch bitte bei deinen Leisten. Trotzdem, da steckt ein mächtiger Wurm in unserem Land, und ob oder wie wir damit klarkommen werden, steht noch lange aus.

 

Mai 2020

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Jun 01 2020

Locked down in Berlin

Locked down in Berlin

Hans Mayer

 

“Etwa zu Frühlingsanfang des genannten Jahres begann die Krankheit schrecklich und erstaunlich ihre verheerenden Wirkungen zu zeigen.”*

 

In unserer Berliner Straße ist alles wie immer, auch die Bäume haben in den Wochen seit dem Beginn der Corona-Krise ausgeschlagen wie sie es jedes Frühjahr, mal früher mal später tun, unbeeindruckt von dem Virus.

Noch vor dem offiziellen Lockdown wurden die ersten Veranstaltungen abgesagt. Die letzte von fünf außerordentlich interessanten Gesprächsrunden zur Wilhelm und Alexander von Humboldt Ausstellung in den Räumen des Pei-Baus am Deutschen Historischen Museum fiel ins Wasser. Es war der Auftakt zum Rückzug ins Private.

Wir sind privilegiert. Wir sind finanziell abgesichert. Wir haben eine große Wohnung und können uns aus dem Weg gehen, wenn dazu Anlass besteht. Wir müssen nicht zur Arbeit. Wir können auch nicht entlassen werden. Wir müssen nicht den öffentlichen Nahverkehr benutzen, bei uns können wir fast alles um die Ecke besorgen. Und wenn denn doch etwas Ungewöhnliches zu besorgen ist wie beispielsweise ein Kabel, um die Angebote der Mediathek nutzen zu können, dann genügt ein Anruf bei dem kleinen Händler, den man persönlich kennt, und man wird trotz Lockdown durch die Hintertür beliefert. Die Stadt ist ruhig. Keine Touristen. Man kann die Zeit zum Ausruhen, Aufladen und Entspannen nutzen, wenn man sich nicht von den Virologen und der Politik überwältigen lässt.

Nach dem Lockdown intensivierten wir unser morgendliches Nordic Walking, blieben aber ansonsten zumeist zu Hause. Die hektische Berichterstattung in den Medien, die schrecklichen Bilder aus Italien und Spanien blieben bei aller intellektuellen Distanz und einer kritischen Einschätzung der der Politik zugrundeliegenden epidemiologischen Schätzwerte nicht ohne Wirkung auf uns. Die Verletzlichkeit des Körpers, in unserem vorgerückten Alter ohnehin täglich zu spüren, wurde einem schließlich noch bewusster. Wir wollten uns schützen, indem wir uns im öffentlichen Raum ertüchtigten. Auf den breiten Trottoirs der Berliner Straßen war Platz-Machen angesagt. Wenn es trotzdem zu eng werden schien, weil einem eine ganze Truppe ungestümer Jugendlicher entgegen kam, machte man einen Bogen. In der Anfangszeit konnte es geschehen, dass man seinem unbekannten Gegenüber ein Lächeln, vielleicht sogar ein „Bleiben Sie gesund“ schenkte. Ungewohnte Verhaltensweisen in einer anonymen Großstadt, die für ihre Ruppigkeit bekannt ist.

Was mich am meisten schmerzt: Ich kann in kein Archiv und keine Bibliothek, ohne die ich nicht arbeiten kann. Der Lockdown hat alle ohne Unterschied geschlossen. Auch wenn die Bibliotheken für die Ausleihe durch Universitätsangehörige mittlerweile wieder geöffnet sind, als Externer gehöre ich nicht dazu. Ich brauche diese Einrichtungen. Meine Erinnerung und Phantasie reichen nicht aus für meine Textproduktionen. Die Recherche und das akkumulierte verschriftlichte kulturelle Wissen, das dort gesammelt und bereitgehalten wird, sind unverzichtbar. Da hilft die ganze Digitalisierung nichts. Nicht zuletzt kann ich dort in Ruhe konzentriert arbeiten, denn die Lesesäle sind leer, seit den Studenten das Lehrmaterial von den Dozenten digital zur Verfügung gestellt wird.

Freunde sehen wir in dieser Zeit nicht. Dafür telefonieren wir umso eifriger. Die Gespräche sind länger und intensiver als vor der Pandemie. Sie kreisen um dieselbe. Ich rufe auch Freunde an, mit denen ich seit längerem keinen Kontakt mehr hatte. Grundsätzliche Fragen zur gesellschaftlichen und politischen Verfasstheit werden aufgeworfen. Inwieweit trauen die Politiker ihrem Volk, und inwieweit traut das Volk seinen Politikern? Es gibt auch Streit über die Proteste der Querfront-Anhänger vor der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Am Ende erweist sich das Volk der Berliner in seiner großen Mehrheit lange Zeit als folgsamer, als die Politiker das vermutet haben, die sich dann artig bedanken, um gleich danach noch eine Warnung auszusprechen, es könne ja wieder schlimmer werden. Für ein Aufatmen sei es noch zu früh.

 

„Der kurzen Trauer folgen alsbald die Lust und die Süßigkeit“*

 

Ich esse mehr Süßigkeiten, fällt mir auf. Solange es keinen Impfstoff gegen Covid-19 gibt, so denke ich, könnten Süßigkeiten über manches hinweg trösten. Im späten Mittelalter wurde ihnen ja noch ein therapeutischer Wert beigemessen. Die Apotheker wiederum machten die Medikamente mit Zucker schmackhafter und wurden deswegen „confectionarii“ genannt. Also warum nicht.

Auch der Berliner, insbesondere der junge Berliner, nimmt es nach einigen Wochen der Betroffenheit wieder gelassener, versammelt sich an den Ufern des Landwehrkanals in den Szenebezirken Neukölln und Kreuzberg oder auf dem Tempelhofer Feld. Die Hotspots des Nachtlebens, die Bars und Clubs bleiben ihm im sexy Berlin allerdings wohl noch für längere Zeit verschlossen. Kein Grund zu verzweifeln, würde ich meinen, und lege schließlich Lou Reed auf:

 

Just a perfect day
Drink Sangria in the park
And then later
When it gets dark, we go home

Just a perfect day
Feed animals in the zoo
Then later
A movie, too, and then home

 

*) Zitate aus Giovanni Boccaccio: Das Dekameron

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