Jan 2019

Texte aus dem Nachlass von Egon Schwarz — “Lebe wohl Südamerika” und “Dank an die Emigration”

von Reinhard Andress

Als der österreichische Exilant und weltweit anerkannte Literaturwissenschaftler Egon Schwarz im Februar 2017 verstarb,[1] ging sein Nachlass an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, wobei es bereits auch einen Vorlass gegeben hatte. Eine Kopie des Nachlasses wird ebenfalls von der Olin Library an der Washington University in St. Louis aufbewahrt, wo Schwarz zweiunddreißig Jahre lang als Professor tätig gewesen war.

Es war auch in der Olin Library, wo ich auf unveröffentlichte Texte von Schwarz stieß, die das autobiographische Spektrum seines auch literarischen Schaffens erweitern, so eine erste Version seiner Autobiographie aus den sechziger Jahren als Typoskript mit wenigen Tippfehlern und handschriftlichen Verbesserungen. Die Autobiographie an sich erschien erst 1979 unter dem Titel Keine Zeit für Eichendorff, 2005 in einer Neuauflage als Unfreiwillige Wanderjahre. Im Jahre 2008 wurde sie mit dem renommierten Johann-Friedrich-von-Cotta-Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart ausgezeichnet. Übersetzungen ins Englische als Refuge. Chronicle of a Flight from Hitler (2002) und ins Spanische als Años de vagabundo forzado. Huyendo de Hitler a través de tres continentes (2012) liegen ebenfalls vor.

Die erwähnte Typoskriptversion, die anscheinend nie einem Verlag angeboten wurde, unterscheidet sich auf erhebliche Weise von der publizierten Schlussversion, woraus sich so mancher Aufschluss über den autobiographischen Schreibprozess ergibt. So kommt in der Frühversion eine stärkere Betonung des Persönlichen zum Tragen, ebenfalls eine größere Anzahl von Anekdoten und Geschichten, u.a. zu den vielen Begegnungen mit anderen Exilanten, von Alltagsbeschreibungen und sonstigen, eher impressionistischen Momentaufnahmen des Erlebten. Im Vergleich setzt sich die Schlussversion mit größeren Fragen der Willensfreiheit und des Lebenssinns auseinander. Darüber hinaus ergeben sich aus einem Vergleich der beiden Versionen signifikante Verschiebungen des scheinbaren Realitätsgehalts, die den mimetischen Anspruch von Autobiographie zu unterlaufen scheinen.[2] Kann man die Typoskriptversion gewissenmaßen als Vorübung für die Schlussversion sehen, gibt es wiederum weitere selbständige Manuskripte im Nachlass, die in den autobiographischen Schreibprozess eingeordnet werden können, so das Gedicht „Lebe wohl Südamerika” und das Essay „Dank an die Emigration”.

Das Gedicht, ebenfalls ein Typoskript in Reinschrift mit wenigen Tippfehlern, markiert und verarbeitet, wie der Titel andeutet, den Aufbruch Ende der vierziger Jahre von Südamerika in die USA, nachdem Schwarz nach unermüdlichem Bemühen im Ringen zwischen Fremd- und Selbstbestimmung das Angebot bekam, an Otterbein College Deutsch und Spanisch zu unterrichten und gleichzeitig einem geregelten Studium an der Ohio State University nachzugehen. Es war der lang gehegte Wunsch nach Bildung, die die Grundlage seiner bemerkenswerten Karriere bilden sollte. Die Autobiographie quittiert den widersprüchlichen Moment des Abschieds, als das Flugzeug abhob, mit einem knappen Satz: „Um den inneren Konflikt zu beruhigen, schloss ich die Augen und sagte mir: ‚Du hast dein Leben geändert’.“[3] Die Knappheit des Ausspruchs ist nicht weiter verwunderlich, denn, wie erwähnt, Schwarz hat in seiner Autobiographie seine eigene Person zu Gunsten der Einbettung in größere Geschichtsabläufe zurückgezogen. Doch im Gedicht erfahren wir gewissermaßen als Momentaufnahme von der hohen Emotionalität des Abschieds, vom Schwebezustand zwischen Südamerika, wo er unter widrigen Umständen seine Jugend verbracht hatte, und den Hoffnungen, der Angst vor und der Sehnsucht nach einer fruchtbaren Zukunft, die sich nur vage abzeichnet. In der letzten Strophe spricht Schwarz von den größeren Zusammenhängen in seinem Leben, die noch verarbeitet werden müssen. Das deutet wiederum an, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie fortgesetzt werden wird.

In dem Kontext ist wiederum das Essay „Dank an die Emigration“ zu sehen. In diesem Falle existiert der Text als schwer korrigiertes Typoskript im Nachlass. Anhand einer Zeitangabe im Text lässt er sich auf die frühen sechziger Jahre datieren und kann, wie die erwähnte Erstschrift der Autobiographie, als eine Übung im autobiographischen Schreibprozess eingeordnet werden.  Dieser „Versuch“ im Sinne der Essayform fasst den Lebensweg bis in die genannten Jahre knapp und einprägsam zusammen und erscheint mir auch deswegen lesenswert, weil Schwarz ein Thema schon anspricht, das in der veröffentlichten Autobiographie wiederholt werden sollte und eine zentrale Rolle dort spielt. Gegen Ende der Unfreiwilligen Wanderjahre fasst es Schwarz folgendermaßen zusammen:

Zu verkünden, daß Hitler für mich gut war, wäre eine Verhöhnung der Millionen, die er auf dem Gewissen hat und zu denen ich, in jeder Phase des faschistischen Vernichtungszuges durch die Welt, leicht hätte gehören können. Dennoch ist es eine Tatsache, daß ich durch die explosionsartigen Ausbrüche des Hitlerismus in die freie Luft geschleudert wurde, wo ich einen längeren Atem und einen weiteren Ausblick gewonnen habe, als wenn ich in der heimatlichen Enge geblieben wäre. Manche Menschen werden, wenn sie ihnen widerfährt, von der Durchtrennung der Wurzeln, die sie an ihr Fleckchen Umwelt binden, gefährdet oder gar zerstört. Mir hat sie zunächst auch nicht gerade wohlgetan, aber auf die Dauer hat sie Kräfte befreit, die sonst unerweckt für immer in mir geschlummert hätten. Anders als andere Emigranten, die der Heimat nachtrauern, heiße ich daher die Emigration gut und bekenne mich zu ihr, nicht weil sie mir just passierte und man für gewöhnlich sein Leben billigt, sondern beinah als Prinzip, als einen Prozeß, dem ich meine Befreiung und, so sonderbar das auch anmuten mag, die Gewinnung meines Gleichgewichts zu verdanken glaube.[4]

Welch eine mutig-optimistische Einstellung durchdringt dieses Zitat, das in „Dank an die Emigration“ vorgeprägt wurde!  Letztendlich und trotz allem behauptet sich eine Einstellung, die Schwarz’ Leben so stark prägte und die wir uns für alle Exilanten und Emigranten in unseren wieder einmal so bewegten Zeiten wünschen. Um die Beziehung zum Gedicht herzustellen, im Essay sind es die „Stücke“ seines Lebensschicksals, die er als die Prüfung verwebt, die er so glänzend bestanden hat.[5]

„Lebe wohl Südamerika“

„Dank an die Emigration“

Die Herausgeber weisen auch auf Andress’ Nachruf auf Egon Schwarz aus Glossen 43.

Notes

[1] Vgl. Reinhard Andress, „Erinnerungen an den Exilanten, Literaturwissenschaftler Egon Schwarz (1922-2017)“.  Glossen. German Literature and Culture after 1945 43 (2017): http://blogs.dickinson.edu/glossen/glossen-43-2017-current-issue/5501-2/.

[2] Vgl. meine weiteren Ausführungen dazu in „Unfreiwillige Wanderjahre von Egon Schwarz: die Entwicklung einer Autobiographie von der Früh- zur Schlussversion“.  Zwischenwelt. Literatur / Widerstand / Exil 36/1-2 (Juni 2018). S. 61-67.

[3] Egon Schwarz. Unfreiwillige Wanderjahre. Auf der Flucht vor Hitler durch drei Kontinente. München: Verlag C.H. Beck, 2005. S. 196.

[4] Ebenda., S. 233.

[5] Beide Texte gelangen hier mit der freundlichen Genehmigung von Schwarz’ Witwe, Dr. Irène Lindgren, zum ersten Mal zum Druck. In „Lebe wohl Südamerika“ waren nur geringfügige Korrekturen und die Anpassung an die heutige Rechtschreibung notwendig. Für „Dank an die Emigration“ wurde zwecks dieser Publikation eine Reinschrift hergestellt, die die nicht immer leicht lesbaren Korrekturen zu berücksichtigen versucht.




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