Jun 2013

Salli Sallmann

Aller Frustration zum Hohn — Fünf Gedichte

 
 
Antwort auf eine Disziplinarmassnahme

Aller Frustration zum Hohn
schreib ich diesen Vers.
Es blüht der feuerrote Mohn
Auch ohne Euch. Das wärs.

 
 
Ach was
Die Trauer ist eine Eigenschaft
die tief in den Herzen begraben liegt.
Manchmal geht sie nachts
durch unsre Träume manchmal
bauen wir uns mit ihr
eine Mauer vorm Leben.
 
Und du bist einer,
der den Hurrikan liebt.
Hundertmal schaust du dir
die Filme an und erzählst
deiner Familie beim Kaffee
auf der Veranda von seiner Macht.
 
Und ich, mein Freund,
bin einer, dem seine Mutter
eine Zitrone in die Wiege legte.
Die Nase zogs mir krumm die
Mundwinkel nach oben ach was
ist die Welt andres als sauer?

 
 

Der Goldfisch im Gurkenglas
Zuhause bemerkte ich die
Unruhe unter den Gurken.
Ich sah in das Glas
und entdeckte den Goldfisch.
Unsicher betrachteten wir uns.
Der Goldfisch im Gurkenglas
zuckte mit den Schultern.
als wüßte er nicht Bescheid.
Ich überlegte, wie ich den
Goldfisch zu interpretieren hätte.
Verschiedene Erklärungsmuster
und Denkstrukturen ermöglichten
verschiedene Schlüsse:
Der Goldfisch im Gurkenglas
ergab keinen Sinn.
War er deshalb so normal?
In der Bewegungsmöglichkeit eingeschränkt,
zusammengesperrt mit Gurken,
mit Saurem zugeschüttet und
abgestellt in irgendein Regal.
Und wieso lebte er eigentlich?
Sollte ich ihn deshalb bedauern?
Der Goldfisch streichelte zwei
Vorübertreibende Gurkenscheiben
und küsste zögerlich sein Spiegelbild.
Er genoss die Sicherheit
des Gurkenglases. Ich wusste:
Diese Sicherheit war relativ.
Die Ursachen für Goldfische
in Gurkengläsern erschienen
mir sehr zwiespältig.
Eines aber war sicher:
Er wurde hereingelegt.

 
 

Nachmittag zu Hause
Ich sitze so beim Weine,
die Stimmung depressiv,
und denk, soll ich mal lüften?
Hier stinkt es, hier ist Mief.
 
Da rauscht etwas vorüber,
am Fenster, ich erschreck.
Was ist nicht zu sehen,
die Scheiben starrn vor Dreck.
 
Ich laufe schnell zum Fenster
Und blicke tief hinunt:
Da seh ich jemand liegen,
daran schnuppert ein Hund.
 
Am tiefen Grund des Hofes
Da liegt ein Mann zerschellt.
Die Tauben gurren blöde,
ein Stubenköter bellt.
 
Ich kenn den Mann, ich stutze,
der Mann ist mir bekannt.
Weil ich nie Fenster putze,
hat er mich Schwein genannt.
 
Er wohnt ein Stockwerk höher
und putzt, sooft er kann.
Auch jetzt liegt da ein Eimer
neben dem Putze-Mann.
 
Der Mann fiel aus dem Fenster,
verlor das Gleichgewicht.
So oft soll man nicht putzen,
vor allem Fenster nicht.

 
 

Über die Tücken des Alkoholismus
in Verbindung mit Kohleheizung

Türe zu und Ofen voll,
Feuer schnell entzündet.
Kühler Wein, den ich entkork,
Bald im Munde mündet.
 
Heißer Kopf und kühler Rausch
Nach der dritten Flasche.
Sinken in den Schlaf wie tot,
Grau wie Ofenasche.
 
Pissdrang mitten in der Nacht!
Schwankend sich erheben,
Blaues Wunder bahnt sich an:
Nach der Clotür streben!
 
Ofen auf! Auf Hosenschlitz!
In die Flammen pissen.
Vor dem Kohleofen stehn,
Aber es nicht wissen.
 
Grübeln in dem Nebelschwall,
Warum’s zischt und brodelt.
Knöpfchendruck, und dann vor Schmerz
Aus dem Hals gejodelt!
 
Nächsten Mittag einheizen.
Öfchen: Nasse Gruft!
Aschekasten voller Schlamm.
Was ist in der Luft?
 
Duft von Weinschweiß, Pissgeruch.
Fenster, feucht beschlagen,
Künden klamm der Außenwelt,
Was sich zugetragen.




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