Jan 2019

Rezension: Gisela Holfter and Horst Dickel. “An Irish Sanctuary”

Gisela Holfter and Horst Dickel. An Irish Sanctuary: German Speaking Refugees in Ireland 1933-1945. Oldenbourg: De Gruyter. 2017. ISBN: 978-3-11-035145-3. 451 pages.

von Gabriele Eckart

 

Dieses Buch — ein Bericht über die deutschsprachigen Flüchtlinge, die von 1933 bis 1945 nach Irland kamen — ist ein außerordentlich wichtiger Beitrag zur Erforschung des Exils während der Nazizeit.  Das Land bot ihnen Schutz, und sie bereicherten es in vielerlei Hinsicht, wie die Autoren dieser Monographie an fast unzähligen Beispielen zeigen.  Flüchtlinge aufnehmen ist, so die Botschaft zwischen den Zeilen, eine win-win-situation für beide Seiten.  Um das Material dafür zusammenzutragen, forschten die Autoren in Archiven nicht nur in Irland, sondern auch in Deutschland, Österreich, den USA, England, in Israel und der Tschechoslowakei. Zusätzlich führten sie Interviews. In einem wohltuenden Unterschied zu den vielen anderen Büchern über das Exil bezieht sich dieser Text nicht nur auf das Leben von Schriftstellern und Akademikern, sondern auch “kleiner Leute”, etwa Studenten, Handwerker und Geschäftsleute.

Gegliedert ist der Text in drei Teile: Teil I behandelt, warum die betreffenden Personen emigrieren mussten und wie sie nach Irland gekommen sind, Teil II, wie die irische Regierung auf die Flüchtlinge reagierte, und Teil III die Nachkriegsgeschichten der Exilierten.  Geographisch und kulturell zu weit weg, war Irland neben Island das westeuropäische Land, in das die wenigsten deutschsprachigen Flüchtlinge kamen. Zwischen 1933 und 1938 waren es nur 52 Personen, alle stammten sie aus jüdischen Familien, die nach Hitlers Machtantritt drangsaliert worden sind. Nach der Kristallnacht kamen noch einige mehr. Fast alle Flüchtlinge wollten eigentlich nach England oder in die USA; Irland mit seiner schwachen Wirtschaft war die zweite Wahl und am Anfang nur als Transitland in Betracht gezogen worden. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 kamen 155 Flüchtlinge aus Wien und einige wenige aus der Tschecholowakei, vor allem aus Komotau, die letzteren waren von Konrad Henleins Sudentendeutscher Partei terrorisiert worden, bevor sie sich entschieden, ihre Habe (in manchen Fällen Fabriken) aufzugeben und wegzugehen.  Hilfsnetzwerke religiöser Organisationen, vor allem der Quaker, halfen mit Stipendien und bei der Regelung von Visaangelegenheiten. Da die Zahl der nach Irland gekommenen Flüchtlinge so relativ gering ist, konzentrieren sich die Autoren auf die detaillierte Erforschung der Geschichten einzelner Familien, mit Straße, sogar Hausnummer, beruflicher Tätigkeit, wer hat wen zur erfolgreichen Flucht verholfen, dazu Fotos. Manchmal gelang nur einem Familienmitglied die Flucht, die anderen starben in der Shoah.

Das wellenartige Auf und ab der irischen Flüchtingspolitik (nach Kriegsausbruch wurde die großzügige Einwanderungspolitik der irischen Regierung von 1938 aus Angst vor den Flüchtlingsmassen, die in das neutrale Land am Rand Europas strömen könnten, zurückgenommen) schildert Teil II.  Und die Überwachung der schon in Irland lebenden Flüchtlinge wurde aus Sicherheitsgründen verschärft: Postüberwachung, sogar Wohnungsdurchsuchungen gab es.  Ein Zitat: “The status as refugees, sometimes rendered as ‘Refujews’ in G2 reports, spared them neither surveillance nor suspicion” (145). Waren die Iren antisemitisch? Die irische Verfassung garantierte Religionsfreiheit, aber in der jungen Nation gab es Bevölkerungsteile, die Juden als nicht-integrierbar und un-irisch ansahen.  Dabei brauchten nur 90 der insgesamt 426 Flüchtlinge eine wirtschaftliche Unterstützung, auch in dieser Hinsicht taten sich die Quaker unter den religiösen Vereinen mit der größten Hilfsbereitschaft hervor. Die Fallbeispiele in Teil II sind so konkret, dass wir nicht nur erfahren, in welchen einzelnen Jobs die betreffenden Personen gearbeitet haben (die meisten hatten mehrere, um durchzukommen), sondern auch ihr Einkommen.  Obwohl mager in den meisten Fällen, ermöglichte es den Flüchtlingen einen Lebensstandard, der sich von den Iren in den ausgedehnten Slums Dublins, die sie bei den Straßenbahnfahrten durch die Stadt täglich vor Augen hatten und die abschreckend wirkten, stark unterschied.

Am Ende der Lektüre des zweiten Teils ist man so vertraut mit einigen der Flüchtlinge, dass man kaum erwarten kann zu erfahren, wie es mit ihnen nach dem Krieg weiterging. Nur ganz wenige kehrten in ihre Herkunftsländer, in denen Deutsch gesprochen wurde, zurück.  Die meisten wanderten weiter, vor allem nach England, in die USA und nach Kanada. Einige, nicht nur Akademiker, die in Irland Stellen gefunden hatten, sondern auch Ingenieure und Handwerker, blieben im Land.  Viele der Flüchtlinge haben, sei es akademisch, sei es in der Industrie, wesentlich zur Modernisierung und Europäisierung Irlands beigetragen, heben die Autoren zum Schluss hervor.

Das Buch liest sich leicht, es ist spannend; immer möchte man wissen, wie es mit diesem oder jenem Flüchtling (man kennt nach einer Weile ihre Namen) weitergeht.  Etwa die Hälfte aller Seiten füllen Fußnoten mit Quellenangaben oder ergänzenden Details, oft Zitate aus Briefen oder Autobiographien der Flüchtlinge. Eine große Hilfe bei der Lektüre ist der Anhang am Ende des Buches: Indexe für Personen und Orte sowie eine ausführliche und gut gegliederte Bibliographie. Wer sich für das Exil interessiert, soll das Buch unbedingt lesen.




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