Jan 2019

Rezension: Hans Joachim Schädlichs “Felix und Felka”

Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka
Schlaglichter auf die deutsche Geschichte
und auf einen zu Unrecht wenig bekannten, wichtigen Maler

 

von Theo Buck

 

Es gibt ein ebenso verstörendes wie nachhaltig fortwirkendes Selbstporträt eines Künstlers, der angstvoll seinen jüdischen Paß vorzeigt. Das Gemälde “Selbstbildnis mit Judenpaß” stammt von dem Maler Felix Nussbaum (1904-1944). Er hat das Bild ein Jahr vor seiner Ermordung in Auschwitz gemalt. Sein Name hat bislang keinen festen Platz in der Kunstgeschichte gefunden, obwohl die Geburtsstadt Osnabrück mit guten Gründen eine Schule und ihr kunstgeschichtliches Museum nach ihm benannt hat. In eingeführten Nachschlagewerken wie Herders Lexikon der Kunst oder Kindlers Malerei-Lexikon sucht man seinen Namen vergeblich. Deswegen ist es Schädlich besonders anzurechnen, daß er mit der Lebenssituation Nussbaums zugleich ein beklemmendes Stück deutscher Geschichte in konkreten Schlaglichtern erzählt. Die im Grunde einfache Geschichte zweier jüdischer Maler verschiedener Herkunft und unterschiedlichen künstlerischen Niveaus schlägt ein Thema an, das durch die genau dargestellten Zeitumstände zum Spiegel der vom Nazi-Deutschland korrumpierten zwischenmenschlichen Beziehungen wie daneben auch der teilweise dennoch bewahrten Menschlichkeit angehoben wird. Felix Nussbaum, Sohn eines begüterten Reformjuden, und die aus armen Verhältnissen stammende polnische Jüdin Felka Platek trafen 1927 in Berlin zusammen. Westliche und östliche Welt des Judentums reiben sich hier, trotz gegenseitiger Liebe, aneinander. Sie lebten gemeinsam, ab 1933 im Exil, bis sie mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

Der Erzählvorgang beginnt einleuchtend mit der bezeichnenden Szene an einem schönen Maitag des Jahres 1933 in der römischen Villa Massimo, wo der Maler Hanns Hubertus Graf von Merveldt den Mitstipendiaten Nussbaum fälschlicherweise bezichtigt, ihm eine Bildidee gestohlen zu haben und ihn niederschlägt. Mit diesem ‘tätlichen Angriff’ kommt von vornherein der von den Nationalsozialisten offizialisierte Antisemitismus ins Bewußtsein des Lesers. Unter diesen Umständen ist der Alltag von Felix und Felka schlagartig verändert. Das Exil bestimmt das weitere Leben beider bis zur Deportation von Mechelen nach Auschwitz. Das Leben der Verfemten “aus dem Koffer”, wie es zutreffend im Text heißt, wird in den entsprechenden Erzählpartien schmerzlich spürbar. Ohne die ‘große’ Geschichte zu bemühen, beschreibt Schädlich in einer Kette von Momentbildern das weitere Leben beider Künstler im Exil (Italien, Frankreich, Belgien) und, ab 1940, versteckt lebend in Brüssel bis zur verhängnisvollen Denunziation. Durch die jeweilige präzise Verankerung im rein individuellen Lebensbereich gewinnen die episodischen Schilderungen eine anhaltende Überzeugungskraft. Gebannt folgt man der szenenhaften narrativen Darstellung und erfährt dabei viel vom traurigen Niveau des Feuilletons am Osnabrücker “Stadtwächter” oder vom widerwärtigen Treiben des Nazi-Spitzels Kern. Auf der anderen Seite begegnen wir glücklicherweise ebenso wirklichen Mitmenschen wie dem Ehepaar Etienne, den Familien Blum und Klein sowie dem Bildhauer Dolf Ledel und dessen Frau, ganz zu schweigen vom Wiedersehen mit Georg Meyer im französischen Gefangenenlager Saint-Cyprien. Die politischen Entwicklungen finden lediglich Eingang durch punktuell notwendige Klärungen des Kriegsrahmens (spanischer Bürgerkrieg, deutscher Überfall auf Polen, Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien, den Niederlanden und Frankreich). Der historische Rahmen ist damit hinreichend angedeutet. Das gut überschaubare Personal des Erzählzusammenhangs erfährt die geschichtlich notwendige Ausweitung durch andere, ebenfalls ins Exil getriebene Deutsche in den gleichen Orten, wie etwa Albert Einstein in De Haan oder Karl Marx in Brüssel. In ähnlicher Weise erinnert beim Abtransport vom belgischen Mechelen ins Vernichtungslager der damit angesprochene Lebenskreis des Großvaters von Beethoven an kulturelle Zusammenhänge, die im Dritten Reich gewaltsam zerstört wurden.

Ein Kapitel für sich ist die künstlerische Entwicklung von Felix Nussbaum unter den Umständen der Verfolgung mit den Etappen: Verlust der Heimat, Exil, reduziertes Leben im Versteck, Denunziation und Deportation. Anfänglich dominiert noch der Versuch, einigermaßen ‘normal’ weiter zu arbeiten; danach folgt “Verkaufsmalerei”, um etwas Geld zu verdienen. Daneben steht die verzweifelte Gestaltung von Bildern des Widerstands. Schließlich kann es allein noch heißen: “Felix prägt sich Bilder ein”, die er wenigstens zum Teil ausführen kann. Am Ende gibt es nurmehr die aquarellierten Stilleben des Todes im anrührenden Bericht von Irene Avret-Spicker.- Aus der unterschiedlichen künstlerischen Begabung zwischen Felix und Felka erwachsen immer wieder Schwierigkeiten im Zusammenleben. So bringt die verständnislose Härte des Reagierens von Felix auf das Porträt, das Felka von Frau Etienne gemalt hat, eine Erklärung für deren zunehmende seelische Krankheit. Ohnehin entwickelt sich beider Alltag zum resignierenden Sich-treiben-lassen nach dem Motto “Ich verstehe das alles nicht”, während Leidensgenossen wie Fritz Steinfeld, Hermann Kesten, Ludwig Meidner oder Erich Maria Remarque alles unternahmen, um weiterleben zu können. So konnten Felix und Felka am 20. Juni 1944 in der Rue Archimède 22 aufgespürt und bald darauf deportiert werden.

Besondere Höhepunkte der faktenreichen, durch ästhetische Transformation erkennbar gemachten Zusammenhänge bildet zum einen die dem Vater Nussbaums gewidmete Erzählpartie. Sie konfrontiert uns mit einem ebenso anrührenden wie beklemmenden Beispiel jüdischer Assimilation und des inhumanen Verrats durch das deutsche ‘Vaterland’. Zum andern ist vorrangig der den gesamten Lebenszusammenhang erhellende Traum von Felix auf der Fahrt in den Tod hervorzuheben (“Felix auf der Holzpritsche”). Der Autor faßt darin anfangs auch die Zeit vor dem mit 1933 einsetzenden Trauma zusammen, als sich Nussbaum zu einem von Karl Hofer geförderten Verfechter der ‘Neuen Sachlichkeit’ entwickelte. In der vom Autor erzählerisch bewußt herausgestellten Traumsequenz tauchen fast alle am Schicksal von Felix und Felka beteiligten Personen noch einmal auf, wenngleich marionettenhaft verkürzt, um den Lesern auf diese Weise deren Einwirkung, positiv oder negativ, in Erinnerung zu bringen. Selten ist ein Künstlerleben mit all seinen Leistungen und Problemen, mit den Freuden und vor allem den Leiden auf dem knappen Raum weniger Seiten so einprägsam zusammengefaßt worden, selten ebenso das konkrete Schicksal eines wichtigen deutsch-jüdischen Künstlers. Das  den Text eindringlich abschließende “Memento” macht in sprechender Einfachheit das ganze Ausmaß der von den Nazis verbrecherisch betriebenen Auslöschung der Juden bewußt. Auch mit diesem Buch zeigt sich Schädlich wieder auf der Höhe seiner Beschreibungskunst. Er ist und bleibt einer der einfallsreichen künstlerischen Protokollanten unserer Zeitgeschichte. Folgt man der Maßgabe, in der Darstellung einer “unerhörten Begebenheit” eine Novelle zu sehen, ist das Buch Schädlichs zweifellos als die Musternovelle eines Meisters der genauen, zum Weiterdenken anregenden Sprache einzustufen. Allein schon deswegen ist die eingehende Lektüre von “Felix und Felka” unbedingt zu empfehlen.

Hans Joachim Schädlich. Felix und Felka. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg, 2018. ISBN 9783498064372.
Gebunden, 208 Seiten.




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