Jan 2019

Rezension: Nadja und Freya Kliers “Die Oderberger Straße”

von Frederick A. Lubich

 

Nadja und Freya Klier. Die Oderberger Straße. Berlin, be.bra Verlag, 2017. ISBN: 978-3-89809-140-4. 143 Seiten.

Der Berliner be.bra Verlag hat in seiner Reihe „Berliner Orte“ einen weiteren Erinnerungsband herausgebracht, diesmal von Freya Klier, Bürgerrechtlerin, Dokumentarfilmerin und Schriftstellerin und Nadja Klier, Fotografin, Regisseurin und Filmproduzentin. Mutter und Tochter tragen jeweils 14 Kapitel zu diesem Rückblick auf die Ostberliner Oderbergerstraße im Prenzlauer Berg bei, in der sie zu DDR-Zeiten von 1978-1988 gewohnt hatten. Während Nadja Kliers Beiträge vor allem den Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugendzeit in der Oderberger Straße, sowie deren Bau- und Entwicklungsgeschichte seit der Gründerzeit gewidmet sind, erinnert sich Freya Klier vor allem an ihre künstlerische Entfaltung als Schauspielerin und an die seit dem Mauerbau zunehmenden politischen Repressionen des kommunistischen Regimes bis hin zu ihrem Berufsverbot im Jahr 1988 und der folgenden Ausbürgerung.

Die facettenreiche Retrospektive wird weiter bereichert durch die Geschichten und Erinnerungen mehrerer Mitbewohner und Schicksalsgefährten, die in ausführlichen Zitaten immer wieder zu Wort kommen. Darüber hinaus profitieren die persönlich-politischen Reminiszenzen der beiden Autorinnen auch von ihren extensiven Recherchen zu einem Dokumentarfilm über die Oderberger Straße, dessen Resultate mit in den Erzählstrom eingeflossen sind.

Nadja Kliers Beiträge stellen eine umsichtige Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte der Oderbergerstraße seit der Gründerzeit dar, die vor allem in den zwei städtischen Einrichtungen der Feuerwache und des Stadtbads ihre plastische Veranschaulichung findet. Sie sind beispielhafter Teil jenes Bau- und Siedlungsbooms, der den Prenzlauer Berg in jener Zeit bald zu dem Berliner Bezirk mit der größten Bewohnungsdichte machte und Berlin selbst nach Los Angeles und London (17) zur drittgrößten Stadt der Welt mit knapp vier Millionen Einwohnern aufsteigen ließ.

Es folgt Freya Kliers einfühlsame Rekapitulation der gesellschaftspolitischen Ereignisse nach dem Mauerbau, die in den Kapiteln „1961: Kanalflucht im Oktober“ und „1963: Der Tunnel“ ihre dramatischen Höhepunkte finden. In ihren Kapiteln „1985: Rahman Satti und die Bronx“ illustriert sie am Beispiel des Afrodeutschen Rahman Satti den systematischen Rassismus des DDR-Regimes. Ähnlich ging es Menschen jüdischer Abstammung, die einem verschleppten Antisemitismus faschistischer Provenienz zum Opfer fielen und deren ethnisch-religiöse Identität bestenfalls totgeschwiegen wurde.

Im Kapitel mit dem Titel „1978: Makaber. Absurd. Schizophren“ beschreibt Freya Klier, wie sie im Jahr 1976 zwar in die Filmhochschule Babelsberg aufgenommen wurde, jedoch deren Gebäude nicht betreten durfte, da sie im Grenzgebiet von Ost-Berlin lagen. Als Begründung dieses amtlichen Unfugs seitens der Zulassungsbehörde wurde der Vorwurf eingebracht, dass die angehende Schauspielerin bereits einen Fluchtversuch unternommen und sich daher als „nicht grenzwürdig“ (67) erwiesen hätte. So das groteske Kanzlei-Deutsch, das in seinem Irrwitz – mutatis mutandis – an das menschenverachtende Verdikt „kriegsverwendungsfähig“ erinnert, mit dem einst die Ärzte des Wilhelminischen Kaiserreiches zahllose junge Männer in die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs geschickt hatten. Diese Wirklichkeit beschwört nicht nur Kafkas bürokratisches Labyrinth, sondern auch George Orwells dystopische Horrorvisionen eines totalitären Überwachungsstaates herauf, der seine Bürger systematisch kontrolliert und ad absurdum reglementiert.

Am Beispiel „Hirschhof“, einer Theaterbühne in einem Hofkarree der Oderberger Straße, illustriert Freya Klier die große Kreativität der zahlreichen kritischen Geister dieser Straße, die hier ihre mehr oder weniger subversiven Kunstwerke und Theaterstücke ausstellten und aufführten – freilich stets von den allgegenwärtigen „Argusaugen“ (81) der Staatssicherheit aufs schärfste beobachtet und in allen Einzelheiten ausführlich festgehalten. Immer wieder werden jedoch derartige staatspolitische Schauergeschichten geradezu dialektisch kontrastiert mit Erfolgsgeschichten wie Nadja Kliers Kapitel „Ein Spielplatz muss her“, den ein politisch gut verbundener jedoch menschlich gebliebener Mitbürger mithalf zu verwirklichen.

In ihren beiden Kapiteln „Nachwende und Zwischenzeit“ und „Anfang der 2000er: Kiezkantine, Krause, Klier“ verfolgt Nadja Klier die dramatische Transformation der Oderbergerstraße, die im Zuge der systematischen Gentrifizierung und Altstadtsanierung ihren herkömmlichen „Dorfstraßencharakter“ (127) verliert, den sie nach dem Mauerbau erhalten hatte, und sich in eine zum Teil von Mietsteigerung und Immobilienspekulation heimgesuchten Wohngegend verwandelt, die so manchen Oderberger vertreibt und vice versa zahlreiche Neuberliner aus allen Himmelsrichtungen anzieht, inklusive Kulturschaffende wie Autoren, Produzenten, Filmregisseure etc.

Sämtliche Beiträge dieses Sammelbandes beschwören in klarer Sprache noch einmal die versunkene Welt der Ostberliner Oderberger Straße herauf, mit einem klaren Auge für lokale Details und historische Fakten. Darüber hinaus haben sie jedoch auch beide ein sensibles Sensorium für die epische, welthistorische Dimension des gespaltenen Berlins und vor allem seines Mauerfalls mit all seinen gesamtdeutschen und europäisch-internationalen Konsequenzen. So fühlt sich zum Beispiel Freya Klier beim Anblick des Ostberliner Menschenstroms durch die geöffnete Mauer an die alttestamentarische Geschichte vom „Auszug aus Ägypten durch die Wüste“ (113) erinnert, was ein weitgeholter, jedoch überaus treffender Vergleich ist. Und dieser Assoziationsfaden wird wenige Seiten später von ihrer Tochter weitergesponnen, wenn sie von der „Karawane der Touristen“(136) schreibt, die in den letzten  Jahren in immer größeren Massen aus aller Welt kommend durch die wiedervereinte Hauptstadt Deutschlands ziehen.

Und auch die Tatsache, dass Berlin nach dem Mauerfall zur größten Stadtbaustelle der Alten Welt wird, ist exemplarischer Teil der einzigartigen politisch-ökonomischen Renaissance Europas und nicht zuletzt folgerichtige Weiterführung des deutschen Sonderweges durch die Geschichte des Abendlandes.

Der letzte Beitrag stammt von Nadja Klier unter dem Titel „2016: Schwimmen in Erinnerungen“ und beschreibt das im Jahr 2016 wiedereröffnete Stadtbad, das zum Teil in ein modernes Hotel umgebaut wurde: „Viele alte Elemente finden sich in dem liebevoll restaurierten Haus wieder. Das gefällt mir.“ (146). Gleichzeitig dienen die Räumlichkeiten des Hotels einer Vielfalt gesellschaftlicher, politisch-kultureller Veranstaltungen von der Techno-Party über Theaterproduktionen bis zu Luxusempfängen einflussreicher Konzerne. Entsprechend beschließt die Autorin ihre nostalgische Retrospektive aus dem Blickwinkel der doppelten Optik: „Auch die Oderberger hat zwei Leben. Ein altes und ein neues.“ (142)

Bereichert wird diese Chronik der Oderberger Straße mit rund drei Duzend Fotografien aus öffentlichen Archiven wie auch aus dem Privatbesitz der beiden Autorinnen und machen dergestalt diesen Sammelband mit all seinen schönen und schrecklichen sowie heimlich-unheimlichen Lebens- und Weltgeschichten immer wieder zu einer denkwürdigen und unterhaltsamen Leseerfahrung.




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