Jan 2019

Zum Tod von Gerald Uhlig-Romero — Dem Begründer des Berliner Café Einstein Unter den Linden

von Hans Mayer

 

Am 4. Juli 2018 verstarb Gerald Uhlig-Romero (*1953), der Schauspieler, Regisseur, Maler, Autor, Kurator, Kaffeehausbesitzer und Menschenfreund. Bei einer Trauerfeier im repräsentativen Löwenpalais im Berliner Grunewald nahmen seine Tochter Geraldina und seine Schwester Michaela zusammen mit Freunden und Wegbegleitern Abschied. Begleitet vom Cello, seinem Lieblingsinstrument, war es ein bewegender Abschied mit Tränen und Umarmungen und auch im tröstenden Glauben, dass er und sein Werk in uns weiterleben wird. In einem Nebenraum wurden seine malerischen und schriftstellerischen Arbeiten gezeigt, ein kurzer Filmausschnitt dokumentierte seine Tätigkeit als Schauspieler in „Penthiselea“. Er habe fast alle seine Träume verwirklichen können, sagte seine Schwester Michaela, mit der ihn lebenslang ein überaus inniges Verhältnis verband. An seine tragische Erkrankung an Morbus Fabry erinnerte Eva Luise Köhler, die Schirmherrin der „Allianz chronischer seltener Erkrankungen“ (Achse e.V.) und zitierte aus einem von Gerald Uhlig-Romero selbst verfassten Dialog zwischen sich und seiner Krankheit; die Krankheit, die ihn ein Leben lang begleitete. Kaum weniger beeindruckend war die daran anschließende sehr emotionale Lesung aus seinem 2011 veröffentlichten Roman „Stoffwechsel“, der von der Abwesenheit des Sinns und der Bedeutung des Zufalls erzählt.

War es Zufall, als er auf seiner „Reise vom Nichts ins Nichts“ (Uhlig-Romero) 1996 das Café Einstein an der Ecke Unter den Linden/Neustädtische Kirchstraße im von den Kunstsammlern Pietzsch neu errichteten Haus Pietzsch eröffnete? Ein glücklicher Zufall jedenfalls, der ihn weit über die Grenzen Berlins und Deutschlands hinaus bekannt machen sollte, der ihm die Bühne und den Ruhm bescherte, den er sich immer gewünscht hat. Frei von wirtschaftlichen Zwängen oder Not konnte er, der Intendant, sich unbeschwert seiner Leidenschaft in der bildenden Kunst hingeben, seine Ausstellungen in der eigenen Galerie veranstalten oder seine Salons und sein Engagement für die „Allianz chronischer seltener Erkrankungen“ pflegen.

Die bescheidenen Anfänge deuteten nicht darauf hin, dass das Café Einstein bald zu einer nationalen und transatlantischen Kommunikationszentrale werden sollte. Ich erinnere die wenigen Berliner oder Touristen und den spärlichen Autoverkehr, als ich 1996 auf dem nach Uhlig-Romero bis heute von der Politik sträflich vernachlässigten Boulevard Unter den Linden selbst auf Entdeckungsreise ging. Die Menschen wirkten etwas verloren auf den breiten Bürgersteigen und dem mit Linden bepflanzten Mittelstreifen. Der ehemalige Prachtboulevard, den der Berliner Flaneur während der Weimarer  Republik genoss und auf dem er von Ost nach West oder von West nach Ost umherschweifte oder mit der Familie spazieren ging, war nach über vierzig  Jahren Sozialismus zu einem von großstädtischem Flair entrückten Ort geworden. Dort schmiegte sich nun ein schmaler Bau, in dessen Erdgeschoss das Café Einstein zum Besuch einlud, an ein in italienischen Renaissanceformen ausgeführtes Geschäftshaus, weit weg vom geschäftigen Berliner Westen. Erst etwas später, mit dem Umzug der gesamtdeutschen Regierung von Bonn nach Berlin, sollte sich das grundlegend ändern.

Für internationale Künstler, Wirtschaftsvertreter, Politiker, Journalisten und zunehmend auch für die zahllosen Touristen wurde das Café Einstein nach 1999 dann rasch zu einem beliebten Treffpunkt. Nicht nur, weil es im Gegensatz zu den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts kaum Cafés am Boulevard Unter den Linden gab, sondern vor allem, weil es Gerald Uhlig-Romero innerhalb kürzester Zeit gelang, eine Wiener Kaffeehausatmosphäre herbeizuzaubern, wie es sie zuvor, jedenfalls in Berlin, nur im Stammhaus an der Kurfürstenstraße gab. Und dies, obwohl es dem Café in dem von Jürgen Sawade nüchtern gestalteten Gebäude am architektonischen Ambiente weitgehend fehlt. Beliebt für informelle Rencontres oder offizielle Interviews war bald insbesondere das räumlich etwas separierte Café-Restaurant im hinteren Bereich. Dort vor allem verkehrten die zahllosen Prominenten und gelegentlich auch ganze Redaktionen. Sie alle, einschließlich der deutschen Politprominenz, aufzuzählen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Aber für Salman Rushdie, Dennis Hopper, Jodie Foster, Mia Farrow oder Bruce Willis sollte Platz sein. Zu erwähnen sind auch die zahlreichen Nobelpreisträger, von denen stellvertretend John Forbes Nash (1924-2015), der US-amerikanische Spieltheoretiker, erwähnt werden muss, der wohl schon 1996, also im Jahr der Eröffnung, den dortigenTopfenpalatschinken genoss, von dem er später schwärmte und der ihn dazu inspirierte, Gerald Uhlig-Romero als Kaffeehaus-Einstein zu bezeichnen.

Transatlantisch hatte Nash 1994 zusammen mit dem Deutschen Reinhard Selten den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Uhlig-Romero und Nash begegneten sich auf der Insel Mainau anlässlich des Treffens der Nobelpreisträger im Jahr 2005 und kamen sich dort näher und im selben Jahr fand auch die Fotoausstellung mit den Porträts von Nobelpreisträgern in den angrenzenden Räumen des Café Einstein statt, darunter auch zwei Porträts von Nash im Stil Andy Warhols. Zu diesem Zeitpunkt hatte Uhlig-Romero in dem von Sawade zwischen den Räumen des Cafés und dem angrenzenden Geschäftshaus eingefügten haushohen gläsernen Atrium längst eine kleine öffentliche Galerie etabliert, die mit regelmäßigen Wechselausstellungen zur Fotokunst glänzte und zur Bereicherung Berlins beitrug. Sie war Teil von Uhlig-Romeros „Akademie für Lebenskunst“. So wollte er das ganze Unternehmen „Café Einstein“ ja verstanden wissen. Der Spielmann Uhlig-Romero war eben auch Macher im besten Sinne des Wortes. Und so wird er mir in Erinnerung bleiben.

Die Herausgeber empfehlen weitere Lektüre aus der aktuellen Glossen 44 und im Archiv zum Leben von Gerald Uhlig-Romero:

Endlich — der Frühling kommt von Gerald Uhlig-Romero

Ein Interview zwischen Frederick A. Lubich und Gerald Uhlig-Romero, “dem König der Berliner Kaffehauskultur”

Günter Grass und Salman Rushdie — Ost-Westlicher Diwan von Frederick A. Lubich




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