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Apr 14 2012

Warum Günter Grass besser geschwiegen hätte. Ein ‘Gedicht‘ und seine Folgen

 

Günter Grass

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt “Antisemitismus” ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.


 

 

Unauffällig im Gewand eines lyrischen Produkts kommt eine tagespolitische Schrift daher, die der Schriftsteller Günter Grass am Mittwoch, 4. April 2012, wohlkalkuliert an die Öffentlichkeit gebracht hat. Zeitgleich erschien das polemische ‘Gedicht’ unter der Überschrift “Was gesagt werden muß“ in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG sowie in LA REPUBBLICA. Der Autor kritisiert in diesem Text die israelische Politik gegenüber dem Iran, vor allem die drohende Gefahr eines Atomschlags (“Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“, V. 44/45)). Ausgangspunkt hierzu ist für ihn die quälende Überlegung “Warum aber schwieg ich bislang?“ (V. 36). Erklärend erinnert er dabei an den Holocaust, also Deutschlands “ureigene Verbrechen, die ohne Vergleich sind“ (V. 24/25), wie er etwas ungenau umschreibend sagt. Von da her wäre Grassens Wortmeldung sachlich angängig, denn seit geraumer Zeit beschäftigen sich viele mit der dringenden Frage eines möglichen israelischen Militärschlags gegen die iranischen Atomanlagen und den damit verbundenen möglichen katastrophalen Folgen. Demnach bricht der Autor mit seiner Polemik in Gedichtform gewiß kein Schweigen. Er setzt sich für das ein, was die meisten gleichfalls wollen – Frieden. Leider bringt ihn seine im Ansatz erkennbar gute Absicht auf eine völlig falsche Fährte. Er vereinseitigt nämlich in den unglücklichen ‘Versen‘ das in der Tat existentiell wichtige Problem auf unerträgliche Weise, indem er aus dem üblen Gewaltfanatiker Ahmadinedschad einen bloßen “Maulhelden“ macht, der zwar sein Volk unterjocht und “zum organisierten Jubel“ lenkt (V. 6/7), dessen kalkuliert aggressives Atomprogramm aber dahin verharmlost, in seinem “Machtbereich“ werde bloß “der Bau einer Atombombe vermutet“ (V. 9/10). Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit – man denke an die viel zu spät “geschälte Zwiebel“! – hat Grass hier vorschnell und auch ungerecht gehandelt. Der eigentliche Gefahrenherd liegt bekanntlich in Teheran. Von dort wird zur Auslöschung Israels aufgerufen. Die Politik des jüdischen Staates kann in vielerlei Hinsicht kritisiert werden, doch nur, wenn im selben Augenblick die Bedrohung dieses Landes durch die umliegende islamische Welt mitberücksichtigt wird. In seiner Argumentation verwechselt Grass eindeutig Ursache und Wirkung. Von politischer Klugheit zeugt das gewiß nicht. Er macht es sich zu leicht, wenn er gegen ihn vorgebrachte Kritiken bloß ins Feld führt, es handle sich um die “Kampagne“ einer “fast wie gleichgeschalteten Presse“.
Natürlich kann und darf der Schriftsteller das sagen, was er denkt. Nur muß er sich dann auch den Reaktionen Anderer aussetzen. Gleich nach der Veröffentlichung löste seine polemische Verlautbarung in den Medien und sogar in einigen Regierungskreisen heftige, überwiegend ablehnende Reaktionen aus. Wohl noch nie hat ein lyrisch daherkommender Text so viel Aufsehen erregt. Grass mußte sich über das eingegangene Risiko im klaren sein. Schrieb er doch selbst in seinem herausfordernden ‘Gedicht‘: “das Verdikt ‘Antisemitismus‘ ist geläufig“ (V. 22). Prompt wurde dem Autor von Henryk M. Broder bescheinigt, er sei “der Prototyp des gebildeten Antisemiten“. Daß der israelische Regierungschef Netanjahu gleiche Töne anschlägt, wird niemanden wundern. Ähnlich sieht der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, im Grass‘schen Text kurzerhand ein simples „Haßpamphlet“ (“Grass redet Blech und trommelt in die falsche Richtung“). Auch Marcel Reich-Ranicki ließ sich in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG dementsprechend vernehmen. Das Gedicht sei “ekelhaft“ und ein “geplanter Schlag nicht nur gegen Israel, sondern gegen alle Juden“. All das ist natürlich auch wiederum einseitig und ungerecht. “Grass ist kein Feind Israels“, betonte mit gutem Grund Avi Primor, der frühere israelische Botschafter in der Bundesrepublik. So ungerecht der Schriftsteller auch immer argumentiert hat, ein Antisemit ist er gewiß nicht. Hinreichend widerlegt das sein Werk. Im ‘Gedicht‘ spricht er gleichfalls betont vom “Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will“ (V. 40/41). In dieser Hinsicht hat Grass wirklich Grund, eine ihm entgegengebrachte “verletzende Gehässigkeit“ zu registrieren. So gesehen nimmt es auch nicht wunder, daß Israels Regierung, primitiv populistisch und “hysterisch“ (HAARETZ) überzogen reagierend, ein Einreiseverbot für den Schriftsteller ausgesprochen hat, weil er, wie der dafür verantwortliche Innenminister Eli Jischai, seines Zeichens Vorsitzender der ultraorthodoxen Schas-Partei, fanatisch formulierte, das Ziel verfolge, “das Feuer des Hasses auf den Staat Israel und das Volk Israel“ anzufachen. Beifall von der falschen, der iranischen Seite konnte da nicht ausbleiben. Darüber sollte der Autor nachdenken.
Lob für das von Grass Gesagte ist natürlich ebenso unangebracht. Dem Nobelpreisträger für sein ‘Gedicht‘ zusätzlich noch einen Friedenspreis zuerkennen zu wollen, wie das der ARD-Journalist Thomas Nehls vorgeschlagen hat, ist absurd. Selbst das Lob des Literaturkritikers Denis Scheck (“ein gutes, ein notwendiges tagespolitisches Gedicht“) greift entschieden zu hoch. Bestenfalls kann er in Grass den “Minenspürhund der deutschen Literatur“ ausmachen, der sich gerne als Tabubrecher in Szene setzt. Daß der sich nun in der Rolle des Opfers sieht, entbehrt freilich nicht unerträglicher Scheinheiligkeit.
Eine literarische Leistung ist das angebliche Prosagedicht “Was gesagt werden muß“ ohnehin nicht. Der Autor hätte gut daran getan, seine politische Meinung nicht in den Mantel des Poetischen zu hüllen und dabei ungeniert Namen wie Walther von der Vogelweide und Goethe zu bemühen. Direkter Klartext, haltbar formuliert, wäre in diesem Fall besser gewesen. Wer politisch streiten will und dafür die Form des Gedichts wählt, muß poetischen Ansprüchen genügen. Davon aber ist das “mit letzter Tinte“ (V. 43) Geschriebene von Grassens Feder in der Sprachsubstanz viel zu dürftig ausgefallen. Nicht allein der Schriftstellerkollege Wolf Biermann stuft das ‘Gedicht‘ als “stümperhaft“ ein. Reich-Ranicki sekundiert ihm mit der Feststellung, das Gedicht sei “politisch und literarisch wertlos“. In der Tat hat der Text mit Sinnintensität, Formprägung und Bedeutungsqualität der Gattung Lyrik nicht entfernt zu tun. Er ist viel zu schlicht dahingesagt und zudem noch einseitig befangen und insofern realitätsblind.
Mit seiner berichtigenden Stellungnahme im Interview der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 7. April 2012 hat Grass dem Pseudo-Gedicht noch mehr geschadet. Wenn er nämlich relativierend verlauten läßt, er würde es jetzt “anders fassen“, spricht das nicht gerade für eine überlegte Arbeitsweise, erst recht nicht für ästhetische Qualität. Gedichte sind eben nicht jederzeit nach äußeren Umständen veränderbar. Offenkundig verbindet der Autor sein gesellschaftspolitisches Argumentieren irrtümlich mit künstlerischem Anspruch. Dabei weiß er: “Lyrik bietet die Möglichkeit, einen komplizierten Sachverhalt auf den Punkt zu bringen“. Nur hapert es genau daran in seinem ungenau formulierten ‘Gedicht‘. Die von ihm praktizierte polemische Textsorte wird nicht einfach zu Literatur, weil ein weltweit bekannter Romancier sie in vorgebliche ‘Verse‘ gesetzt hat. Allerdings überzeugt der Inhalt seiner lyrisch aufgemachten Anklage betrüblicherweise ebenso wenig. Wer eine “klärende Debatte“ auslösen will mit dem Tenor: “Meine Kritik galt nicht dem Land Israel, sondern der Politik von Premierminister Netanjahu“, muß seine Worte wesentlich sorgfältiger wählen. Danach eingestehen zu müssen, sich im Ausdruck vertan zu haben, ist zumal für einen Schriftsteller, schlicht peinlich. Wer nicht schweigen will, sollte auch wissen, was er sagt und wie er es sagt. Im Nachhinein muß man die Redaktion der ZEIT höchlichst dafür loben, den ihr zuerst zur Veröffentlichung angebotenen Text nicht abgedruckt zu haben. Übrigens handelte es sich dabei um eine wiederum andere Fassung, die nicht einmal die Forderung nach beidseitiger internationaler Kontrolle der Atompolitik Israels und Irans enthielt (!). Wie heißt es doch seit alters: ‘Wenn Du geschwiegen hättest … !‘ Grassens Friedensbotschaft hat das genaue Gegenteil herbeigeführt. Die Tinte des Dichters ist ihm schon längere Zeit ausgegangen. Weitere “letzte Tinten“ möge er uns ersparen.

Theo Buck (Aachen)

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May 16 2021

III. Kulturgeschichtliche Analysen: Feridun Zaimoglus Roman “Liebesmale, scharlachrot”

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„Gewöhn dir mal langsam

 

Kanakenmanieren an, Alter“

 

Die Inszenierung von Identität in

 

Feridun Zaimoglus

 

Roman Liebesmale, scharlachrot

 

 

Ricardo Rudas Meo, Freiburg

 

 

Einleitung

Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft heißt das Werk, mit dem der deutsche Autor türkischer Herkunft Feridun Zaimoglu 1995 debütierte. Im Vergleich zu den darauffolgenden Erscheinungen erhielt Zaimoglus Erstlingswerk seitens der Literaturkritik und Literaturwissenschaft das breiteste Echo. Der Grund liegt wohl im Faszinosum des ‚Kanaken‘, als dessen Sprachrohr Zaimoglu seither gilt,[1] doch als dessen Erfinder er vielmehr gelten sollte, wie Tom Cheesman erkennt.[2] Zaimoglu definiert in Kanak Sprak den Begriff des ‚Kanaken‘ als „ein Etikett, das […] nicht nur Schimpfwort ist, sondern auch ein Name, den ‚Gastarbeiterkinder‘ der zweiten und vor allem der dritten Generation mit stolzem Trotz führen.“[3] In der Öffentlichkeit war Zaimoglu „zum ‚Malcolm X der Türken‘ avanciert, als er mit seinem Buch ‚Kanak Sprak‘ und später in dem verfilmten ‚Abschaum‘ und in ‚Koppstoff‘ den prallen, bildersprühenden Slang der Migrantensöhne und -töchter in die Literatur trug.“[4]

Liebesmale, scharlachrot (2000) schlägt – obgleich dem ,Kanaken‘ als literarische Figur immer noch verpflichtet – einen viel künstlerischeren, um nicht zu sagen künstlichen, Ton an, womit Zaimoglu nicht mehr als dokumentarischer Gesellschaftskartograph angeblich realgeführte Interviews verarbeitet, sondern als Verfasser eines eindeutig fiktionalen Werks auftritt. Nicht nur die Form des Briefromans und die Anspielungen auf Hoch- und Populärkultur, sondern auch die geradezu manierierte Sprache der Hauptfiguren stellt einen Bruch in der literarischen Darstellung von Gastarbeiterkindern dar. Wie Volker Dörr feststellt, ist der Roman nicht, wie der Klappentext verspricht, „in lupenreiner ‚Kanak Sprak‘“ geschrieben,[5] sondern in ihm „treffen sich Goethe und die Popkultur – und verstehen sich prächtig.“[6] Der aus Kanak Sprak bekannte Postmigrant schimmert bei den Protagonisten des Briefromans Liebesmale, scharlachrot zwar durch. Sie reflektieren ihre Rolle jedoch, indem sie sich in ironischer Brechung orientalisieren und als ‚Kanaken‘ „lupenrein“ sein wollend stilisieren.

Als Serdar an der türkischen Ägäisküste strandet, beschreibt er in einem Brief an seinen Freund Hakan seine Flucht aus der „kalten Heimat“[7] Kiel, wo er Freunde, Familie und die außer Kontrolle geratenen Liebesbeziehungen zurückgelassen hat. In der anatolischen Hitze sucht er poetische Inspiration und neue Liebschaften zu erlangen – und eine Erektion, die seit seiner Ankunft in der Türkei ausgeblieben ist. Für den ‚Türken‘ in Deutschland und den ‚Deutschländer‘ in der Türkei beginnt eine Suche nach Identität und Heimat, auf die er sich mit seinem Briefpartner Hakan begibt, der in Deutschland seine Zeit als ‚Kanake‘ fristet und sich im Gegensatz zu Serdar keine Identitätskrise eingesteht, jedoch an seine Grenzen stößt, als er auf die deutsche Jacqueline trifft, sich verliebt und an ihren Wertvorstellungen Anstoß nimmt. Die beiden vermeintlich gegensätzlichen und zugleich ‚seelenverwandten‘ Hauptfiguren des Romans, zwei gebildete Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund, entwerfen die Kunstidentität des ‚Kanaken‘ von sich und erproben, erschreiben und reflektieren ihre Performanz in ihrem Briefwechsel.

Die Untersuchung soll zeigen, wie sich die Hauptfiguren selbst und gegenseitig sehen, inszenieren und stilisieren und wie sie die teils fremdzugeschriebene, teils angenommene und selbsterschaffene Identität des ‚Kanaken‘ reflektieren. Dazu wird zunächst ermittelt, wie die Form des Briefromans als sprachlicher Raum für diese Identitätsverhandlung fungiert. Sodann werden drei Kernaspekte betrachtet: (1) die Eigen- und Fremdidentität, die durch Selbst- und Fremdzuschreibungen das Gegensatzpaar des „Kanaksta“-Türken und „Assimil-Ali“[8] zur Festigung des gesuchten Selbstbildes durch Abgrenzung generiert; (2) die gender-Rollen, die die Männlichkeit und Sexualität der Protagonisten im Kontext ihres Migrationshintergrundes definieren, indem die Frauenfiguren stets zur deutschen oder türkischen Mehrheitsgesellschaft gehören und (3) die Translokalität, die – Migration und Tourismus reflektierend – andeutet, dass die Protagonisten nirgends zur Mehrheitsgesellschaft gehören können. Dies führt schließlich zum Projekt, den ‚Kanaken‘ als hybride Widerstandsidentität zu konstruieren. Diese bedient sich bestehender Stereotypen und gibt damit den Grundton des Romans an, der ein ironisch-pikaresker ist. Doch da sich, wie das politische Manifest von Kanak Attak preisgibt, die „bestehende Hierarchie von gesellschaftlichen Existenzen und Subjektpositionen […] nicht einfach ausblenden oder gar spielerisch überspringen“ lässt – denn es „sind eben nicht alle Konstruktionen gleich“ – mündet „das Projekt in einem Strudel von nicht auflösbaren Widersprüchen“[9]. Der ‚Kanake‘ wird somit im Roman zu einer tragisch-pikaresken Figur auf der Suche nach gesellschaftlicher Verortung stilisiert, um Diskurse rund um Migration und Identität zu reflektieren. Der Beitrag schließt damit ab, dass Serdars und Hakans Stereotypisierung als vermeintlich identitätsstiftende Maßnahme entlarvt wird, was das Ende des Romans zu einem desengaño der Pikaros macht.

 

Der Briefroman als Raum für die Inszenierung von Identität

[I]ch bin gesund und verspüre allerlei Munterkeiten, und ich bin heil und ohne Gram, ohne ein Gramm Verlust jener Transzendenz, die mein hoch körperliches Wesen in meiner kalten Heimat ausstrahlte, an der Westküste des türkischen Festlandsockels angekommen. Und nicht eine Zähre wischte ich vom trän’gen Auge, nicht einen Freudenstich versetzte mir meine Ankunft hier […] Du weißt, ich musste fliehen aus Kiel, weil mir die Frauen im Nacken saßen. (9)

Das schreibt Serdar in seinem ersten Brief an seinen Kumpel Hakan. Nicht nur beim Leser mögen diese ersten Sätze des Buches gewisse intertextuelle Assoziationen hervorrufen, sondern auch bei ihrem Empfänger Hakan. Er reagiert im Antwortbrief mit den Worten: „Hör auf mit der Goethe-Nummer“ (18). Schon allein die Dialogizität, die durch Hakans Antwortbrief entsteht, beendet die persiflierte Imitation Goethes, da Serdars Briefe nicht wie beim Werther unbeantwortet bleiben.[10]

Der Briefwechsel in Liebesmale, scharlachrot eröffnet neue Möglichkeiten der Figurencharakterisierung, da der Wechsel der Sichtweisen auf die Figur berücksichtigt werden muss. Diese „Doppelte Optik“, eine „wechselseitige Spiegelung der Perspektiven (d. h. Mehrperspektivität)“ [11], ist Karl Esselborn zufolge ein Analysekriterium für die Interkulturalität von Migrationsliteratur. Die wechselseitige Spiegelung der Perspektiven vermag es nämlich, die Identität der Figur in wechselseitiger Kommunikation zu formen. Mirjam Gebauer weist darauf hin, dass mit der Form des Briefromans – anders als beispielsweise mit Tagebüchern – ein öffentlicher Raum etabliert wird,[12] in dem eine bestimmte Meinung über den Adressaten und über sich selber an einen Adressaten vermittelt werden kann. Man kann also den Empfänger als etwas benennen und sich selber dem Empfänger gegenüber als etwas inszenieren. Diese Art der Kommunikation bietet die Möglichkeit für eine „performative Struktur von Identität“[13]. Nach Judith Butler kann eine Benennung (z.B. ‚Kanake‘) als performativer Akt aufgefasst werden, da die Benennung in der Lage ist, den Benannten als Subjekt sprachlich zu konstituieren.[14] „[D]er Name erscheint als Anrede, die dem Anderen eine Prägung zuspricht und diese zugleich für ‚passend‘ oder ‚geeignet‘ erklärt.[15] Die Benennungen „Kanaksta-Kümmel“ (48), „Abiturkümmel“ (67) usw. sind also durchaus keine leeren Worte, sondern sie tendieren dazu, „das Benannte festzuschreiben, es erstarren zu lassen, zu umgrenzen und als substantiell darzustellen.“[16] Solche Benennungen, verbunden mit ihren dazugehörenden Charakterisierungen, erzeugen also Identität.

Zudem ist der dialogische Briefroman das natürliche Genre des Austausches über raumzeitliche Grenzen hinweg. Ein Format also, das sich besonders gut eignet, um translokale Aspekte der Identität aufzuzeigen.

 

Das Gegensatzpaar Hakan und Serdar: „Kanaksta-Kümmel“ versus „Assimil-Ali

Die Identitäten Hakans und Serdars werden durch drei Prozesse einer epistolaren Identitätshermeneutik geformt: Erstens durch Selbstbeschreibung, zweitens durch Abgrenzung voneinander und von anderen Personen und Personengruppen und drittens durch Aussagen Dritter über Hakan und Serdar, welche die beiden in ihren Briefen wiedergeben, teilweise annehmen und reproduzieren, was zum ersten Schritt zurückführt.

Die Korrespondenz der beiden Protagonisten ähnelt einem verbalen Duell, in das sie sich immer weiter hineinsteigern und sich in Übertreibungen zu überbieten suchen. Das ist bereits an den äußerst fantasievoll gestalteten, mit Anspielungen gespickten und vor Neologismen strotzenden Anrede- und Abschiedsformeln der Briefe zu erkennen, die nicht nur von einem hohen Bildungsgrad der Absender zeugen, sondern auch von ihrer Begeisterung am virtuosen Umgang mit Sprache. Vor allem aber enthalten sie Fremd- und Eigenattribuierungen, die „von den beiden Protagonisten nicht willkürlich gewählt werden, sondern vielmehr einem konkreten Wunsch nach Abgrenzung geschuldet sind.“[17] Zaimoglu gestaltet diesen Text ähnlich wie Kanak Sprak mit dem häufigen und spontanen Wechsel von ironisch-grotesken und ernsthaften Passagen,[18] aber selbst wenn viele Äußerungen von den Protagonisten mit Augenzwinkern und Ironie getätigt werden und von „aufrichtiger Kommunikation“[19] nicht immer die Rede sein kann, erkennt man dennoch den „Wunsch, die eigene Position und das Verhältnis zum Gegenüber auszuloten.“[20] Die Briefe zwischen Serdar und Hakan sind handlungsarm, manifestieren dafür umso mehr das Bestreben der zwei Figuren, sich kulturell, sexuell und intellektuell voneinander abzusetzen und zu definieren.[21] Dabei wird ihre stilisierte Identität als ‚authentisch‘ und ‚essentialistisch‘ inszeniert.

Es ist unschwer zu erkennen, dass Hakan seinen Freund als den gebildeteren und erfolgreicheren von beiden darstellt, um sich von ihm abzugrenzen und sich als echter „Streetlife-Kümmel“ (186) in Opposition zum „Abiturkümmel“ (67) zu inszenieren. Hakan möchte als „Kanaksta-Kümmel“ (48) in Erscheinung treten und sorgt sich sogar, durch den Briefwechsel mit Serdar seinen Ruf als solchen zu gefährden: „Verdammt, was werden die Ghettokollegas über mich denken, wenn ich ihnen beichte, dass ich Seiten über Seiten vollgepinselt habe“ (27). Indem er seine Fähigkeit, deutschsprachige Briefe zu schreiben, bewusst untertreibt, manifestiert er seinen Wunsch, sich von einer sozialen Klasse mit gutem deutschen Bildungshintergrund abzugrenzen: „Mann, bin ich n Romanmaler oder was, und ich glaubte schon, dass ich höchstens so viel draufhabe wie n Typ im Blaumann, der mit der Zange am langen Stiel die Kippen vom Bahnhofsparkett klaubt.“ (27) Jedoch dürfte dem selbsternannten „Romanmaler“ ein Begriff wie „Romancier“ bekannt sein, berücksichtigt man seine Goethe-Kenntnisse (ganz abgesehen davon, dass „Romanmaler“ als Neologismus das poetischere Wort ist). Es wird also deutlich, dass Hakan, der sich jede höhere literarische Fähigkeit abzusprechen vorgibt, Serdar, der tatsächlich einer schriftstellerischen Tätigkeit nachgeht, mit der er sich sogar finanziell über Wasser halten kann (vgl. 12), als sein Gegenstück, als einen „Schlau-Ali“ (91) entwirft. Während er Serdar als den Studierten (vgl. 69) inszeniert, der „weder Fisch noch Fleisch“ (69) ist, zählt er sich zu den „wahren Kanak-Paten“ (37). Um Serdar als den geistig Tätigen und sich selber als den simpel gestrickten Menschen darzustellen, kontrastiert er ihren Filmgeschmack. Während Hakan Mafiafilme schaut, traut er seinem Freund nicht die Kenntnis dieser Filme zu, weil er glaubt, dass er „eher experimentellen Dreck [schaut], wo n Typ ne halbe Stunde n regungslosen Pfosten abgibt und wie blöde ne rot anlaufende Sonnenscheibe beglotzt“ (119). Damit reproduziert er den Habitus einer Gesellschaftsgruppe, mit der er sich assoziieren möchte und schreibt seinem Freund einen entsprechend kontrastiven zu. Als Serdar ihn dazu auffordert, „die Metaebene, den Bedeutungsreichtum, die losen Enden, das schwarzgallige Element und die vielen Ungeheuerlichkeiten“ (32) des geplanten Titels für seine Haiku-Sammlung zu bedenken, bezeichnet Hakan ihn als „Scheißhausphilosophen“ (37), der sich von „wirkliche[n] Sorgenhaber[n]“ (37) unterscheidet, und zeigt damit geringes Verständnis für Serdars intellektuelle Probleme. Hakan sieht in ihm „nur Kopf“, über dessen „Knochen sich die Pelle wie ne Mumienmembran [spannt]“ (27), womit er seine Intellektualität antithetisch zu einer tauglichen Physis sieht. Hakan hofft, aus Serdar „in ferner Zukunft n gefälligen Kanaksta zu formen, der sich Wind und Wetter, guter und schlechter Presse stellen kann und nicht umkippt“ (37), wie es sich seiner Meinung nach für die Söhne von Migranten gehört. Serdar denkt jedoch nicht daran, sich zu einem „gefälligen Kanaksta“ formen zu lassen, sondern wirft ihm in einem Charakterprofil Oberflächlichkeit vor:

Du bist ja nicht essentiell veranlagt und gibst dich mit Kleinkram ab […] Du bist schnell zufrieden, du streckst dich nicht nach der verbotenen Frucht aus, du bleibst morgens lieber liegen, als dass du dich unmöglichen Abläufen stelltest […] Du stellst vielleicht Pläne und Berechnungen an, wie du die laufenden Kosten decken kannst, und dein einziger Alptraum ist das Monatsende. (78 f.)

Dieser Profilierung stellt er sein Selbstbild als schwermütiger und tiefgründiger Dichter zum Kontrast entgegen: „Ich hingegen höre das Surren der Telegraphendrähte und das Kummerknurren der Elektrogeräte in der Nacht, ich sehe das Wiegen der Halme und tote Zikaden am Wegesrand.“ (79)

Der Konflikt, der zwischen den Identitäten besteht, die Serdar und Hakan von sich entwerfen, trägt Züge von Klassenkampf. Indem Hakan absichtlich den Habitus einer bildungsfernen Schicht reproduziert, um sich eine Arbeitsmigrantenidentität zuzuschreiben, stellt er Serdar als privilegierten Intellektuellen dar und spricht ihm in seiner Weltfremdheit jegliches Verständnis für die Probleme des kleinen Mannes ab. Serdar wiederum porträtiert seinen Freund als Materialisten, um sich selbst als reflektiertes Individuum zu sehen, das die Welt verbessern könnte. Allein, dass sie zu einer solchen Kommunikation fähig sind, entlarvt ihre Korrespondenz jedoch als intellektuelles Rollenspiel zwischen zwei Menschen desselben Hintergrundes, um tatsächliche gesellschaftliche Missstände zu diskutieren.

Neubauer vergleicht die gegenseitigen Beschimpfungen, die diese Konfliktinszenierung als Kampf glaubhaft machen sollen, mit der Strategie des Dissens im Rap. Die Schmähungen sind nicht beleidigend gemeint, weshalb sie auch keine beleidigende Wirkung haben.[22] Er beschreibt sie als „Ritual zwischen zwei Freunden“[23]. Obgleich nicht beleidigend, festigen die Beleidigungen in ihrer Gegenseitigkeit jedoch Fremd- und Selbstidentität, wie beispielsweise in einem Schlagabtausch, angeleitet in einem Brief Serdars an Hakan:

Du bist Abschaum, ein Köter ohne Stammbaum, ein Bauernboy aus dem Bilderbuch der Türkenfresser […], weil du schwach bist im Hirne und in den Charakteranlagen, und […] weil du als eine selbst verrührte Mischung aus Negerkalle und Banlieue-Bandit jedem aufrechten Türken Schande machst. (187 f.)

Dabei spielt Serdar auf Hakans Selbstinszenierung als Kriminellen – oder besser gesagt, die Karikatur eines solchen (vgl. 97) – an und wirft ihm vor, er festige das Bild des kriminellen Ausländers. Hakan entgegnet dem, indem er ihm Assimilation an die Deutschen vorwirft:

[D]u hast dich also voll inne Rolle des Drillpreußen eingelebt und dir zwei Dauerbeschäftigungen ausgesucht inner Langeweile […] erstens, wir begeben uns auf ne Anhöhe, von der wir auf sterbliche Wüstenfellachen runterglotzen und keinen Ständer und kein Scheiß-Gedicht hinkriegen; zweitens, wir sind wirklich bitterböse, wenn nicht alle hergemachten Alis zu Karamellbimbos mutieren […] Alles, was aus der Reihe tanzt, wird von solchen Onkel Toms wie dir angemotzt, weil sie sich ja so schlecht benehmen und wir uns bloß nicht vor den Alemannen blamieren dürfen. (225)

Indem er ihm die Rolle des „Drillpreußen“ zuteilt, kategorisiert er Serdar in die Gruppe der „Assimil-Alis“ (24), die sich darum bemüht, sich integriert und vornehm zu geben (vgl. ebd.). In der Wendung „weil sie sich ja so schlecht benehmen und wir uns bloß nicht vor den Alemannen blamieren dürfen“ (225) wechselt er vom Pronomen „sie“ zum „wir“. Damit schließt er ihn zwar aus der Gruppe der sich schlecht benehmenden „Alis“ (225) aus, jedoch ist Serdar mit einbegriffen, den schlechten Ruf mit ihnen zu teilen. Mit der Assimilation impliziert er also den Vorwurf, sich gegen seine eigenen Leute, die „Migrantenkinder“, zu wenden und das Eigentliche zu vergessen, nämlich dass die undifferenzierte Anfeindung als Krimineller von den Deutschen ausgeht und dass tadellose Führung seinen Ruf auch nicht retten könne. Er solle lieber die ihm zugeteilte Rolle annehmen. Die Gegenüberstellung von „Preußendegen“ (27) und „Sarazenensäbel“ (185) polarisiert Hakan und Serdar im Punkt der Assimilierung und inszeniert die Polarisierung als Kampf.

Ein weiterer Punkt, in dem sie sich durch Entgegensetzung definieren, findet sich im Bereich der Sexualität wieder. Hakan konfrontiert seinen Freund immer wieder mit Schwachheit und Unmännlichkeit. Weiblichkeit wird wahrer Männlichkeit gegenübergestellt, nicht nur, wie Neubauer feststellt, in Verbindung mit dem „Topos des verweichlichten Intellektuellen“[24], sondern auch in Verbindung mit der bereits erwähnten Assimiliertheit:

Dein Problem ist, du kuckst von oben nach unten, anstatt dass er von unten nach oben lugt, und das, du Arsch is n Problem mit euch Assimil-Alis. Ihr seid so scheißvornehm, dass ihr vergessen habt, wie man mit Karacho fickt oder, damit du’s raffst, Liebe macht. Ihr seid Dudenschwätzer, also geht ihr nach Definitionen, nur, Pint und Muschi sind einfach da und warten, dass die Säfte quirlen. (24)

Hier bringt Hakan Serdars vorübergehende erektile Dysfunktion in Verbindung mit seiner Assimiliertheit. Nicht nur in der Liebe, sondern auch im Umgang mit sonstigen Problemen attestiert er seinem Freund eine passiv-weibliche Haltung:[25] „[D]u aber lässt sie an deinen Östrogentitten saugn, bietest dich an als ne ideale Zapfanlage, und nennst dein Übelzustand n Dichterleiden.“ (185 f.) Hakan ordnet ihn der Gruppe der „Knülche mit Himbeerfruchtherzen“ (62) zu und distanziert ihn somit vom Kollektiv der ‚Kanaken‘.[26] Serdar hingegen beleidigt ihn, indem er ihm jegliche Kontrolle über seine Triebe abspricht: Er sei ein „Hormonzombie“ (35) und ein „schmieriger Kabinenonanist“ (187). Diese Beleidigungen weist Hakan nicht zurück, sondern nimmt sie als Ehrentitel auf, indem er beispielsweise als „potenter Hakan-er-selbst“ (73) und „Boss aller Hormone“ (186) signiert. Hakan baut seine Identität auf dem generalisiert westlichen Bild des lüsternen Orientalen auf. Ohne während der erzählten Zeit direkt mit orientalisierenden Anfeindungen seitens der deutschen Gesellschaft konfrontiert zu werden, konfrontiert er jedoch die Gesellschaft (durch seine Briefe an Serdar) mit selbst-orientalisierenden Anekdoten wie beispielsweise mit dem Bericht seiner plötzlichen Erektion am FKK-Strand (vgl. 26) oder der Fleischbeschaffung durch Jagd auf Schwäne im Park (vgl. 41-47).

Serdar erkennt in der Inszenierung seines Freundes als „Kanakster“ nichts als eine kindische Pose und rät ihm, in sich zu gehen und sich zu fragen, „ob es nicht an der Zeit ist, abzulassen von Spielotheken-Tricks und dem Kanakentick, ständig und zur Selbstvergewisserung am Penis rumzunesteln.“ (36) Hakan hingegen sieht in Serdar einen Blinden, der seine wahre Identität nicht annehmen möchte und rät ihm: „Gewöhn dir mal langsam Kanakenmanieren an, Alter“ (186).

Obwohl – oder gerade weil – sich die zwei Freunde so gegensätzlich in Szene setzen, kann der Leser den Eindruck erhalten, dass sie sich im Wesentlichen kaum unterscheiden, überspitzt ausgedrückt, eine Person sind. Auch eine Rezension merkt an, dass „die angeblich gegensätzlichen Charaktere Hakan, Straßen-Lan, und Serdar, Abiturtürke, bis auf kurze Passagen wie aus einem Guss: Großmaul-Alemannisch“[27] reden. Die Figuren scheinen sich ihrer Ähnlichkeit bewusst zu sein: „Diese Zettel sind dir geschrieben“, schreibt Hakan, „damit es nicht später wieder heißt, du und ich sind Seelenverwandte“ (185). Tatsächlich kann Hakan sogar als „alter ego“[28] Serdars eingestuft werden.[29] Auch Serdar ist ähnlich darauf bedacht, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen und weiß dieses maskuline self-fashioning mit seiner Bildungshuberei zu verbinden, indem er sich als Reinkarnation des europäischen Potenzheros schlechthin imaginiert:

Ich gedenke, mein Haar mit Haarwachs streng auf die Kopfhaut zu kämmen, mein ganzer Habitus muss männlich geprägt und frei von Zwittrigkeiten sein. Es bedarf in dieser Hinsicht eigentlich keiner äußeren Eingriffe […]. Dein Don Serdar Giovanni (216).

Diese Vorbereitung auf ein Treffen mit der angebeteten Rena weist starke Parallelen zu Hakans Styling für das Abendessen mit Jacqueline auf, wofür er sich „mit Haarwachs die Mähne von der Stirn weg innen Nacken gestrichen“ (114) hat. Hinzu impliziert Hakan, dass er Serdar gegenüber zwar ein „Kanakster“, aber verglichen mit den anderen Personen mit Migrationsintergrund der gebildetere und deutsch habituiertere ist. Beispielsweise macht der den Dönerbudeninhaber Tamer auf einen Rechtschreibfehler auf dessen Schaufensterschild aufmerksam (vgl. 112). Ebenso beklagt er sich über Mohis Umgangsform, sich bei ihm anzukündigen: „Weißt du Kumpel, du kannst n Kanaken nicht zivilisieren, der Arsch klebt unten vor der Haustür und brüllt, als stünde er in Augenhöhe mit ner Lehmhütte […] ne Klingelleiste is für so ne Kanaken so was wie ne moderne Kunst am Bau.“ (179) An dieser Selbstironie wird besonders deutlich, dass der ‚Kanake‘ insgesamt nur eine eingenommene Pose ist. Seinen Migrantenfreunden gegenüber scheint Hakan weniger „Kanakenmanieren“ (186) an den Tag zu legen als bei Serdar, während dieser Nachsicht für Hakans „Ethnoallergie gegen zivilisierte Formen des Umgangs“ (241) ausdrückt, weil er sich selbst in ihm wiederzuerkennen scheint: „[I]ch beruhigte mich jedoch mit kleinen Rückblenden auf meine eigene Vergangenheit, die auch manch eine archaische Strecke aufweist“ (241). Insofern ist Serdar nicht minder ‚Kanake‘, sondern ein sogenannter „educated kanakster“[30], der seine Suche nach Identität aufgegeben hat und sich den Status eines Zwischenweltlers eingesteht.

 

Kulturkonflikt in der Liebe oder Liebesmale – von der Liebe gezeichnet

Liebe und Sexualität spielen wohl die Hauptrolle in der Identitätsschaffung der Romanfiguren, denn die Rolle des Geschlechts öffnet neue Fronten in der Verhandlung kultureller Identität. Deutlich liest man das aus Hakans Reaktion auf Jacquelines Einladung zum Abendessen, die ihr und Serdar gegenüber ganz unterschiedlich ausfällt:

Sie sagte: „Hast du Lust, heut abend bei mir vorbeizuschauen? Ich mach uns beiden n Salat. Oder stehst du eher auf Fleisch?“ Ich hab erst mal um ne klare Ansage gekämpft, Alter, sie lud mich doch tatsächlich zum Essen ein, und weil sie so nen prüfenden Blick draufhatte, hab ich verschwiegen, dass wir Kaukasierhunnen alles Fleisch in der Steppe erlegen und annem Spieß übers Feuer hängen, dass wir Darmschlingen von Rind und Schaf rösten und wegfuttern, ganz zu schweigen von dem Rest der Innereien, die so n Tier im Bauch aufweist, und nicht zu vergessen gekochte Schafshirnlappen, auf die man ne halbe Zitrone presst. Ich sagte: „Salat kommt echt gut!“ (114)

Der Auslöser für Hakans grotesk übertriebene Schilderung der fleischgeprägten Küche des Orients ist Jacquelines Frage: „[S]tehst du eher auf Fleisch?“ – Anlass, das Klischeebild des antivegetarischen türkischen Mannes zu perpetuieren, um sich und Serdar („wir Kaukasierhunnen“) der deutschen Frau gegenüberzustellen. Diesmal treten nämlich nicht Hakan und Serdar als Gegensatzpaar auf, sondern Jacqueline dient als Gegenpol. Diese Polarität vermittelt Hakan jedoch nur dem Briefempfänger, da er Jacqueline seine vermeintlichen Essgewohnheiten verschwiegen hat, womit ein Widerspruch zwischen Aussage und Handlung, Subtext und Text offensichtlich wird. Der unzuverlässige Erzähler Hakan erfüllt die Funktion, Jacqueline als die eigentlich orientalisierende und identitätszuweisende Person zu entlarven.

Der performative Widerspruch findet sich wieder, als sich Serdars niedliche Erscheinung als „Teddybär mitn Knopfaugen“ (171), die laut Hakan für seinen Erfolg bei den Frauen verantwortlich ist (vgl. 171), auch in Hakans Unbeholfenheit mit Jacqueline manifestiert: „Ich kam mir so scheißzivilisiert vor wie n Aleman-Bub, ich mein, wir gelten doch als Macho-Stecher, als richtige Raubacken inner Liebe, und im Endeffekt haben wir nicht mehr zu bieten als ne Hauspapi-Nummer.“ (118) Hier erscheinen Hakan und Serdar erneut als Einheit und scheinen sich diesmal sogar gar nicht mehr von ihren deutschen Nebenbuhlern zu unterscheiden. Nicht nur wird hier der Widerspruch zwischen Hakans epistolaren Inszenierung und tatsächlichen Performanz deutlich gemacht, sondern auch dass seine ‚Kanaken‘-Inszenierung etwas gesellschaftlich Erwartetes ist, denn sie „gelten doch als Macho-Stecher“. Damit wird die Konstruktion jeglicher Alterität mit einem Hauch aufrichtiger Verzweiflung und dem Wunsch nach ‚Normalität‘ für einen Moment fallen gelassen.

Die ‚deutsche‘ und die ‚südländische‘ Art der Sexualpraktik wird immer wieder durch Aussagen der Frauenfiguren definiert. Jacqueline beispielsweise konfrontiert Hakan mit dem Klischee des türkischen Patriarchen durch die Frage: „Bist du besitzergreifend?“ (232) Das Motiv erscheint wieder, als Hakan erfährt, dass Jacqueline bei ihrem Masseurinnenjob ihre Kunden gegen Geld sexuell befriedigt, und davon verletzt ist. Jacquelines Erwiderung, dass er „n typischer Türkenmacker wär, nur darauf aus, ne Frau unterm Schleier zu verstecken und zu Hause anzuketten“ (264) zeigt, von wem die ‚Kanaken‘-Charakterisierungen ursprünglich ausgehen – zumal Hakan sich gerade ihr gegenüber nicht als „Macho-Stecher“ (118) inszeniert hat. Ein letzter Versuch, sich hinter seiner ‚Kanaken‘-Identität zu schützen, mündet im Zurückgreifen auf seinen deutschen Gegenspieler Domi, Jacquelines Ex-Freund, den er zu Beginn des Romans als verweichlichte „Scheißschwuchtel“ (93) eingeführt hatte. Nun vermutet er, dass Jacqueline nach dem Streit „zu ihrem Scheiß-Domi abgezwitschert“ sei und schwöre, „nie wieder ihrn Kulturkreis zu verlassen“ (265). Doch ein letztes „ich bin doch hier keine scheiß-liberale Kuschelmuschel“ bringt ihn auch nicht zurück zu seinem einstigen ‚Kanaken‘-Stolz, da er die ‚Kanaken‘-Identität Jacqueline gegenüber bereits hat aufgeben müssen. Somit wird der ‚Kanake‘ zu einer Figur, die nur in literarisch sublimierter Briefform ausagiert wird und nur Serdar richtig rezipieren kann.

Serdars Inszenierung in seinen Liebesbeziehungen weist einen höheren Komplexitätsgrad auf, indem auch Frauen in Korrespondenz mit ihm treten. Diese Briefe zweier Frauen sind ein Bruch im Roman: Zum einen geht der Briefwechsel mit den Frauen mit einem sprachlichen Stilbruch einher. Die „Kanak-Sprak“, geprägt von gegenseitigen Beleidigungen, von fäkaler und ironischer Sprache, setzt im Briefwechsel mit den Frauen zugunsten eines kontemplativeren Tons aus. Selbstreflexionen gelangen, ohne durch die unterschiedlichen Ebenen der ironischen ‚Kanaken‘-Pose gefiltert worden zu sein, zum Leser. Indem Dina und Anke als die einzigen Frauen zu Wort kommen, wird das Zwiegespräch zwischen Serdar und Hakan und damit die performative Erzeugung von Identität aufgebrochen, da die Sichtweisen weiterer Personen – sowohl des anderen Geschlechts als auch eines anderen kulturellen Hintergrunds – auf die Protagonisten unverfälscht, also nicht durch die Protagonisten wiedergegeben, an den Leser gelangen. Die Protagonisten werden endgültig als unzuverlässige Erzähler entlarvt. Beispielsweise erwähnt Anke ihrem Exfreund Serdar gegenüber, sich häufiger mit Hakan zu treffen und sich mit ihm über intellektuelle Themen wie „den Werdegang dieses Landes“ (124) zu unterhalten. Diese Treffen werden von Hakan niemals erwähnt.

Das Bild Serdars, das von Anke entworfen wird, basiert auf ihrer Präsupposition, dass Serdar stark in der Kultur seiner Eltern verwurzelt sei. Ähnlich wie Jacqueline bei Hakan hat Anke bei Serdar das Bild eines türkischstämmigen Mannes vor Augen. So vermutet Anke in Serdars fluchtartigen Aufbruch in die Türkei die Suche nach eigenen Wurzeln: „Vielleicht schreibst du Gedichte im Geiste deiner Väter.“ (127) Serdar, der eigentlich Haikus schreibt, reagiert darauf wütend: „was bitte schön soll das heißen: ‚der Geist meiner Väter‘?“ (140). In seinem Widerspruch manifestiert sich Serdars Wunsch, nicht auf ein Kollektiv – schon gar nicht einem durch Herkunft definierten – reduziert zu werden. Vor allem in Ankes Charakterisierung von Serdars sexueller Aktivität, die durch „Grobheit“ (127) gekennzeichnet zu sein scheint, schimmert ein orientalisiertes Bild Serdars durch. Denn die vermisste „harte Hand, die […] anpackt, die […] Haare nach hinten reißt“ (127) wird der Schlichtheit Thorstens – der Mann, mit dem sie Serdar betrogen hat – gegenübergestellt. Thorsten sei ein „Mensch von schlichtem Gemüt, der sich nicht verkramt in irgendeine Höflichkeit“ (127). Serdar hingegen handele nach der „klassischen Liebesschule“ (168), die etwa darin bestünde, „der Frau beim Öffnen der Restauranttür den Vortritt zu lassen“ (168). Die „klassische Liebesschule“ wird der deutschen Schlichtheit und Stumpfheit gegenübergestellt, besteht jedoch, wie Serdar durchschaut, in „orientalische[r] Schmalzheuchelei“ (168). Anke stelle sie der deutschen Art gegenüber, Dinge direkt anzusprechen, was zwar nicht feinfühlig, aber zumindest aufrichtig sei (vgl. 168), womit Serdar den Orientalismus, der sich hinter diesen Charakterisierungen verbirgt, als Machtinstrument reflektiert.

Ankes Empathie für Serdar geht nicht weit genug, um seinen Wunsch zu verstehen, frei von jeglicher kulturellen Zuordnung zu sein: „Serdar, das ist ein Missverständnis […] Mit dem ‚Geist deiner Väter‘ habe ich nichts Bestimmtes gemeint, und sei nicht immer eingeschnappt.“ (168) Der Kulturkonflikt beginnt bei Ankes Unverständnis für Serdars fast schon überkompensatorische Versuche, durch seine Distanzierung vom Bild des ausländischen ‚Macho-Proleten‘ sowohl seinen Migrations- als auch seinen Klassenhintergrund abzuwerfen, was so weit geht, dass Anke ihn aufgrund seines makellosen Verhaltens zunächst für homosexuell hält (vgl. 168).

Dina, Serdars Liebhaberin, hingegen rechnet sich als Jüdin selbst einer gesellschaftlichen Minderheit zu und tituliert ihn mit der Anrede „lieber Kanak in Mission“ (80) als ‚Kanake‘. Ähnlich wie Anke interpretiert sie Serdars Flucht als Rückkehr in die ursprüngliche Heimat: „Du schreibst im Herzland deiner Väter strenge Haikus, und ich verweile weiterhin in Alemanistan“ (80). Der Unterschied ist der, dass sie – wie das Wort „Alemanistan“ suggeriert – in die Rolle der Kanaka schlüpft. Sie scheint sogar, ihren „Stamm“ (200) in Serdars Gedichten wiederzufinden (vgl. 200). Auch wenn man feststellen mag, dass interkulturelle Differenzen zwischen Dina und Serdar nicht weiter ausgeführt werden,[31] zeigt ihre Beziehung doch, dass Serdar keinen ästhetischen Reiz darin findet, sich einer Minderheit zuordnend selbst zu exotisieren, wie Dina es mit sich von ihrem ersten Brief an tut (vgl. 83 f.).

Selbst junge, gebildete Frauen assoziieren die Migranten der zweiten Generation Hakan und Serdar noch stark mit dem Herkunftsland ihrer Eltern. Anke und Dina bemerken nicht, wie Serdar seine Handlungen und Entscheidungen nicht auf seine türkische Herkunft reduziert wissen möchte. Selbst Hakan äußert, dass Anke sowohl ihm als auch Serdar mit ihrer „Fremde-Länder-fremde-Schwänze-Klatsche auf n Sack geht.“ (280) Damit manifestiert auch Hakan den unmöglichen Wunsch, in der Gesellschaft unabhängig von seinem kulturellen Hintergrund zu sein. Besonders deutlich wird das bei seinem Umgang mit Jacqueline, denn zwei Seelen wohnen hier in seiner Brust. Die eine hält fest an seiner neugewonnenen Identität als „Kanaksta-Kümmel“ (48), die als Subtext immer an Serdar weitergeleitet wird, die dazu dient, sich Serdar gegenüber als unverletzlicher Mann zu geben. Die andere hebt sich über diese und zeigt sich in Hakans tatsächlichem Umgang mit seiner Geliebten, die jedoch verletzt wird, wenn Jacqueline ihn mit Stereotypen seiner Herkunft konfrontiert. Gegen Ende kann man herauslesen, wie sehr er die „Schnauze gestrichen voll“ (265) hat von Anschuldigungen, „n typischer Türkenmacker“ (264) zu sein, die jegliche seiner Gefühle auf seinen Migrationshintergrund reduzieren.

Die Liebesbeziehungen konstituieren im Roman den sozialen Raum für kulturelle Zuweisung. Die Relation der zwei Romanhelden zu den Frauen scheint stellvertretend für ihr Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft zu stehen. Die Frauenfiguren verkörpern demnach verschiedene gesellschaftliche Diskurse und Subjektpositionen, die stets eine Stimme des Fortschritts für sich in Anspruch nehmen. Aus diesen Beziehungen dann gehen die Protagonisten gestempelt hervor. Als Anspielung auf das Kainsmal als gesellschaftliches Stigma gibt der Romantitel einen Hinweis darauf, dass auch im Bereich der Liebe, das intuitiv mit Geborgenheit assoziiert wird, die Protagonisten dem Bild, das sich die Gesellschaft von ihnen gemacht hat, nicht entkommen können.

 

In Almanya ‚Kanake‘ und in der Türkei ‚Deutschländer

Im Allgemeinen dienen Hakan und Serdar dem jeweils anderen als Selbstbildnis. Hakan „will hier nicht n Muttibub abgeben, sondern n harten Kerl vonnem Ghetto“ (146) und Serdar möchte als „‚autonome Einheit‘ oder ‚individueller Partikel‘“ (140) gesehen werden und bemüht sich, als gut integrierter Migrantensohn nicht auf die Türkei reduziert zu werden. Das liegt daran, dass sich Hakan in Almanya als ‚Kanake‘ und Serdar in der Türkei als ‚Deutschländer‘[32] befinden.

Mit Serdars Ankunft in der Türkei setzt die Funktionstüchtigkeit seines Geschlechtsorgans aus. Er, den man „nördlich der Elbe ‚den Löwen von Istanbul‘ nannte“ (12), der in Deutschland mit zwei laufenden Beziehungen sexuell sehr aktiv gewesen ist, der dort als südländischer „Macho-Stecher“ hat gelten können, ist nun in südlicheren Gefilden lahmgelegt. In der Türkei stellt sich das Gefühl ein, fehl am Platz zu sein, er fühlt sich wie ein „Luxuskümmel in einer Hartschalenwelt“ (13). Serdar sieht seinen Aufenthalt in der Türkei nicht als eine Rückkehr in die ursprüngliche Heimat (vgl. 9). Im Gegenteil, die pathetisch emotional geladene Beschreibung seiner Emotionslosigkeit bei der Ankunft ist als ironische Parodie des Topos des heimkehrenden Migranten zu verstehen.[33] Aus seiner „kalten Heimat“ (9) Kiel in die Türkei fliegend, gehört er nicht zu den „brave[n] Gastarbeiter[n] auf Heimreise“ (9). Trotzdem ist er an dem Badeort an der ägäischen Küste der Türkei kein Tourist. Die durch das Elternhaus vermittelte türkische Sprache und die Kenntnis der türkischen Kultur machen ihn in der Türkei zum sogenannten ‚Deutschländer‘. Erstmals nennt ihn der Vater so (vgl. 16); später auch Baba (vgl. 104), mit dem Serdar in der Türkei Bekanntschaft macht. Neubauer interpretiert Serdars erektile Dysfunktion als Manifestation seiner Degradierung zum ‚Deutschländer‘ in der Türkei.[34] Babas Feindschaft Serdar gegenüber steigert sich, als er von dessen Annäherungsversuchen an die Türkin Rena erfährt, und findet ihren Höhepunkt im Warnbrief an diese:

Der Mann, der dich erfolgreich umgarnte und dem du dich hinzugeben bereit bist, brachte aus dem fremden Almanya seinen toten Schwanz mit! Sein Schwanz ist so tot wie die dorren Algen unter der Sonne. […] Der Deutschländer ist unseren Sitten entfremdet, er befolgt andere Regeln der Körpermotorik! Er ist nicht Manns genug, dich glücklich zu stimmen, so wie du es verdienst. (270 f.)

Die erektile Dysfunktion bringt Baba in Verbindung mit Serdars Herkunft. Dem vom Wohlstand verweichlichten ‚Deutschländer‘ wird Unmännlichkeit zugesprochen. Tatsächlich nimmt Serdar gerade in der Türkei ‚deutsche‘ Sichtweisen ein.[35] Seine Beobachtungen zur Begrüßung der Einheimischen sind die eines Außenseiters. Hier wird Serdar zum Orientalisten:

Man stelle sich zwei hochseriöse Truthähne vor, die – von Würde behaucht – beim Anblick des bekannten Gattungskumpels nicht etwa mit den Schnabellappen schlackern oder sonstige grundlose Heiterkeiten an den Tag legen, wie sie dauererregten Südländern sonst zu Eigen ist. (49)

Diese Beschreibung impliziert die eigene Abgrenzung von den dauererregten Südländern und entwirft dabei das Bild des beherrschten Deutschen. Auch durch andere herabwürdigende Bezeichnungen für die Einheimischen wie „Ziegentreiber“ (13) und „lausiges Bauernvolk“ (13), die die Fortschrittlichkeit Deutschlands betonen, wird Serdars Entfremdung deutlich. Diese schlägt sich besonders in der Reflexion nieder, dass er das Schicksal der dortigen Einheimischen hätte teilen können:

Ich frage mich also, was ich Bauernlümmel mit der Gnade der späten Bildung eigentlich hier zu suchen habe, ob ich, wenn nicht meine Klasse, die auf der Strecke zwischen Ackerland und Fabrikhalle krepierte, so doch irgendeine marginale Zugehörigkeit verrate. (13)

Doch als ehemaliger Student gehört er nicht mehr der Klasse der Gastarbeiter an. Mit der Reflexion, dass er durch „die Gnade der späten Bildung“ dem Schicksal eines Sprösslings seiner Klasse hat entkommen können, stellt er sich die „klassische Identitätsfrage: Wer bin ich?“[36] Ist er nun „das Blümchen im Topf, oder […] die Humuserde, […] die kalte Kippe oder der Prinz aus dem Morgenland“ (12)?

Lange weiß er keine Antwort darauf und fragt sich, was „für ein seltsamer Türkenmann“ (28) er doch sei. Einerseits beobachtet er den patriarchalisch geprägten Haushalt seines Großvaters in der Türkei, in welchem Männer keinen Fuß in die Küche setzen (vgl. 10, 28) und rühmt sich in fortschrittlichem Stolz, sich sein Spiegelei selbst zu braten (vgl. 28), während er auf die Frauen unterdrückenden Türken herabschaut. Andererseits lässt er sich in Deutschland selbst von seiner Mutter verwöhnen.[37]

Zusammenfassend ist festzustellen, dass Serdar in Deutschland Orientklischees eher reproduziert und sein Türkischsein nicht hinterfragt hat. In der Türkei hingegen, wo er für seine Umgebung das Klischee des verweichlichten Deutschen erfüllt, durchschaut er die patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen der Türkei und identifiziert sich mit einem fortschrittlich denkenden Westeuropäer. Am Beispiel Serdars wird exerziert, wie je nach Aufenthaltsort die von der Mehrheitsgesellschaft erwartete Identität reproduziert wird. Sie befindet sich immer zwischen zwei Kulturräumen: In Deutschland liegt sie zwischen Migrant und Einheimischer, in der Türkei zwischen Tourist und Rückkehrer.

Dass Serdars Identität stets in einem Zwischen(kultur)raum zu verorten, er physisch jedoch nur in einem Kulturraum präsent ist, führt zu einer Identitätskrise, die am Ende des Romans wohl teilweise lösbar scheint. Denn auf seinem Rückflug nach Deutschland findet er im grotesk-feierlichen Akt einer plötzlichen unkontrollierten Erektion wieder zu sich. Das Flugzeug konstituiert somit das Interspatium, in welchem seine Identität zu verorten ist.

Letzten Endes ist Serdar weder Deutscher noch Türke, sondern er ist in Deutschland ‚Kanake‘ wie Hakan und in der Türkei ein ‚Deutschländer‘. Zum Schluss findet er zu seiner ‚Kanaken‘-Identität zurück, als er Hakan bittet, in die Türkei zu fliegen:

[I]ch möchte noch einmal an deinen Kampfgeist appellieren: Baba agiert über dem Eichstrich und glaubt, Leute meines Schlages seien weiche Deutschländerwürstchen und würfen bei der ersten Androhung von Kopfnüssen den Bettel hin. Es liegt an uns, verehrter Kicker von Dynamo Aleman-Kanak, ihn eines Besseren zu belehren. (273)

Die Betonung liegt auf dem „uns“. Er zählt sich und Hakan sowohl zu den ‚Kanaken‘ als auch zu den „Deutschländerwürstchen“, womit der ‚Kanake‘ als eine aus Stereotypen konstruierte Widerstandsidentität offenbar wird.

Doch begeht man hier nicht den Fehler, die Protagonisten einer Geschichte in eine duale Welt zu zwingen? Sicher wäre es möglich „a story alone“[38] zu erzählen und manchmal schimmert Serdars Versuch durch, dies als „autonome Einheit“ (140) auch zu tun. Doch die dominante Denkfigur der Dualität im Migrations-Diskurs, „which situates migrants ‚between two worlds‘“[39], die ihnen der mehrheitsgesellschaftliche Diskurs, in dem sie sich befinden, aufzwingt, bringt Hakan und schließlich auch Serdar dazu, sich infolge ihrer Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft in die Widerstandsidentität der Kanaken zu begeben. Das Flugzeug – ein Raum, wo verschwimmende Grenzen ‚normal‘ sind – zeigt jedoch, dass eine Welt ohne Identitätspolitik möglich wäre.

 

Der ‚Kanake‘ – eine transkulturelle Figur

Serdar bemerkt bereits bei der Begrüßungsweise der Einheimischen, die er mit einem Vergleich aus dem Tierreich belegt (vgl. S. 49), dass er kein Türke ist. Er beschreibt, wie sich die türkische Begrüßung vom Gruß der türkischen Gastarbeiterkinder in Deutschland unterscheidet.

Weißt du [Hakan], wie sich die schicken Prolls hier grüßen? Nicht etwa mit Handschlag und nassem Kuss auf die Backen, wie wir’s in Almanya kultivieren, um nebenbei den Alemanbengeln anzuzeigen, was für ausgemachte Körperfeinde sie doch sind. (49)

Gleichzeitig charakterisiert sich Serdars und Hakans Gruß durch dessen Funktion, den Grüßenden von seinen deutschen Mitmenschen abzugrenzen. Der Gruß veranschaulicht erneut den Widerstandscharakter, den ihre konstruierte ‚Kanaken‘-Identität in Abgrenzung zu zwei abgeschlossen gedachten kulturellen Entitäten definiert. Diese liegt kulturell in einem Zwischenraum inmitten von Deutschland und Türkei, Okzident und Orient, „dem Normalen“ und „dem Anderen“. Wohlgemerkt beschreibt eine Koexistenz dieser zwei Entitäten nicht diese Widerstandsidentität. Die Hauptfiguren können nämlich zu keinem Zeitpunkt Teil einer der beiden Entitäten werden. Sie sind „weder Fisch noch Fleisch“ (69). Diesen Zwischenraum kulturell zu definieren, vermag das Konzept der Transkulturalität, das Wolfgang Welsch in Abgrenzung zum traditionellen Konzept der Einzelkulturen und zum Begriff der Multikulturalität prägte.[40] Im Gegensatz zu diesen sei Kultur generell von Hybridisierung gekennzeichnet. Besonders Migration führe zur Verflechtung von Lebensformen und münde in der transkulturellen Prägung von Individuen.[41] Dies ist zentral für die Beschreibung der zwei Romanhelden.

Liebesmale, scharlachrot kann in seiner ganzen Konzeption als hybrid bezeichnet werden: Angefangen bei der polylogischen Erzählweise des Briefromans, die in der Vielseitigkeit von Sichtweisen und Ambivalenzen als hybrid ausgemacht werden kann,[42] bis hin zur Sprache, die vor Anspielungen auf das Alte und Neue Testament, auf Orientbilder und auf westliche Hoch- und Populärkultur, vor Neologismen, archaischen Ausdrücken, Mehrsprachigkeit, Lehnwörtern, konstantem Wechsel zwischen konzeptionell schriftlichem und kolloquialem Stil und Vergleichen mit verschiedensten Bereichen strotzt.[43] Schließlich ist auch die Identität der Protagonisten hybrid. Sie teilen das Umfeld der ‚Gastarbeiterkinder‘, das Zaimoglu in seinem Debütwerk Kanak Sprak beschreibt.[44]

Obwohl Zaimoglu beteuert, dass diese zweite Generation der Migranten keine kulturelle Verankerung sucht,[45] muss doch für den Roman das Gegenteil festgestellt werden. Sowohl Serdar als auch Hakan suchen nach einer spezifischen Identität. Als Söhne türkischer Eltern in Deutschland aufgewachsen, gehören sie einer ganz eigenen Kultur an.

Der Roman reflektiert damit Edward Saids Untersuchungen, wie der Orient als europäische Erfindung zur Definierung Europas als Gegenidee und Gegenidentität beigetragen hat,[46] auf vielseitige Weise. Der Text zeigt vor allem aber, wie die Hauptfiguren den Orientalismus, mit dem sie konfrontiert werden, produktiv aufnehmen und daraus ihre Identität schmieden.

Wie in den vorangehenden Abschnitten gezeigt, lebt die Inszenierung dieser Identität von der Reproduktion und Aufnahme von Stereotypen. Wie Selbststereotypisierung in der Gesellschaft zur Selbstkategorisierung in eine bestimmte Gruppe führt, das Gruppenzugehörigkeitsgefühl stärkt und somit eine bestimmte gesellschaftliche Identität erzeugt,[47] zeigt der Roman anhand des Identitätserschaffungsexperiments der stilisiert hybriden ‚Kanaken‘-Identität. Der kurzlebige Erfolg dieses Experiments manifestiert sich im identitätsstiftenden Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Serdar und Hakan zum Höhepunkt des Romans, als Serdar Hakan in die Türkei bittet, um den Türken Baba und die Deutsche Anke von ihm fernzuhalten.

Die Hybridität der daraus entstandenen ‚Kanaken‘-Identität findet symbolisch ihr Zuhause im Zwischen(kultur)raum zwischen der Türkei und Deutschland, nämlich im Flugzeug, wo Serdar wieder zu sich findet. Karina Becker nennt diesen einen „transitorischen Raum“. „Transitorische Orte“ definiert sie als „Orte des Übergangs, des Neuanfangs oder, wie Foucault (1980) es nennen würde, ‚Heterotopien‘, die als Gegenräume einen Gegenentwurf zur Realität schaffen.“[48] Dieser im Roman „transitorisch“ und künstlich für die Dauer eines Fluges geschaffene Raum kann als Visualisierung des von Homi K. Bhabha im Rahmen seiner Hybriditätstheorie geprägten Konzeptes vom „Dritten Raum“ gelten. Der „Dritte Raum“ stellt eine Situation dar, in der zwei (oder mehr) Individuen/Kulturen aufeinander Einfluss ausüben und (aus stets bereits Hybridem) eine „dritte“ hybride Kultur hervorbringen. Das Konzept des „Dritten Raumes“ kritisiert damit die Vorstellung einer Originalkultur.[49] Somit ist Hybridität das Element, das den in Kategorien von Einzelkultur und Multikulturalität so schwer fassbaren Roman erklären kann.

 

Fazit: desengaño des Pikaro

Die Suche der beiden ‚Kanaken‘ nach einem kulturellen Bestimmungsort scheitert. Der Boden der Tatsachen findet sich zum Schluss des Romans nicht in der Metapher eines Flugs, sondern entweder an der Ägäis oder in Kiel. Denn die gescheiterte Flucht Serdars in die scheinbare Heimat bringt ihn seiner „kalten Heimat“ (9) zurück. Genauso kehrt Hakan, nachdem er Serdars Hilferuf gefolgt ist, zurück nach Almanya. Was wird also aus der Widerstandsidentität?

Das Konzept der Widerstandsidentität vermag wohl zu erklären, worin die Funktion der Selbstverortung in eine negativ stereotypisierte ‚Kanaken‘-Kultur liegt.[50] Betrachtet man Zaimoglus eingangs zitierte Definition von „Kanake“[51], leuchtet es ein, dass die negativen Stereotypen, die mit diesem Schimpfwort verbunden sind, umfunktioniert und ins Positive gekehrt werden, sobald der Begriff zum Namen wird, der mit „stolzem Trotz“ geführt wird. Wie das geschieht, erklärt Judith Butlers Ansatz der Rekontextualisierung verletzender Worte.[52] Die Beleidigung „Kanake“ wird zur „Ehrenbezeichnung“, wenn die diskriminierende Bedeutung den hegemonialen Kontext der Unterwerfung verlässt und der Begriff nicht mehr zur Verletzung des Benannten dient, sondern als Inszenierung rassistischer Rede, die die verletzende Äußerung reinszeniert und resignifiziert.[53] Die Beleidigungen und Stereotypisierungen der beiden Protagonisten sind ein Konglomerat verschiedenster Rekontextualisierungen, um rassistische Rede zu inszenieren.

Für Kati Röttger produziert die Selbstidentifizierung als ‚Kanake‘ eine Maske, die Widerstand leisten und Identität vermitteln solle, hinter der es jedoch „kein Selbst“[54] gebe. Dieses tritt in Zaimoglus Kanak Sprak in einer emotional geladenen Passage zutage:

Ich frag mich, wie nur könnt ich erlösung finden und wie gottgefüllte nische beziehen, ich frag mich, wie könnt ich mich retten vor dem angriff des widersachers, der dich heimsucht in der nacht und an den scheiben kratzt, ich frag mich wie kann ich mich hochhangeln an nen ort, wo’s nicht so messerscharf zugeht, ich frag mich, wo ist die milde hand, die sich in meine hand vergräbt, ich frag mich, wo ist die frau, mit der gut kirschen essen ist, an deren weiche haut sich schmiegen läßt, ich frag mich, wann ich das olle zähnefletschen endlich lassen kann, weil ich doch nicht aus’m tierreich bin, und meine ruhe haben will im menschenreich. Und, bruder, ich glaube, wer antwort weiß auf all die fragen, der ist wahrlich ein gottverdammter weiser.[55]

In dieser Passage erkennt man die wahre Suche nach Identität, die „so etwas wie Heimat sein könnte“.[56] Georg Mein sieht darin die Frage gestellt, „wo die ‚Kanaken‘ am Ende ankommen wollen“ mit ihrer Selbstinszenierung, die auf die kulturelle Zurückweisung der Deutschen und Türken reagiert.[57] Eine ähnliche Desillusionierung erfahren die beiden Helden aus Liebesmale, scharlachrot. Hakan lässt sich nahezu im ganzen Roman keine Skepsis anmerken, was seine Inszenierung als „Kanaksta-“ und „Streetlife-Kümmel“ (vgl. 48, 186) betrifft, obgleich viele seiner Vorhaben enttäuschend enden, z.B. die gescheiterte Schwanenjagd (vgl. 41-47) und der unrentable Kauf geklauter Handys (vgl. 96 f.). Stets hält er daran fest, zu „den heftigsten Kriegskümmeln“ (97) zu zählen. Hakans Neigung, sich mit kriminellen Mitteln von Episode zu Episode zu hangeln, ohne jedoch ein erfolgreicher Krimineller zu werden, und sein unzuverlässiges Erzählen, das von linguistischen Spielereien jeglicher Art durchzogen ist, verleihen der Figur etwas Pikareskes. Um den Schelm als Pseudo-Kriminellen zu entlarven, muss man die Briefe der anderen Figuren als „Komplementärlektüre“[58] heranziehen. Das „agonale Spiel von einander zum Teil ergänzenden, zum Teil widersprechenden Weltbildern und Erzählformen“[59] macht den Briefroman Liebesmale scharlachrot zu einem Schelmenroman und den ‚Kanaken‘ zu einem modernen Pikaro, der gegen die etablierte Gesellschaft auf der Heimatsuche durch die Landschaft zieht. Schließlich zeigt sich das pikareske Prinzip vom bellum omnia contra omnes auch in der Widerstandsidentität des ‚Kanaken‘: Seine Umgebung und das Problem der Translokalität sind eine Variante des Topos der ‚verkehrten Welt‘, die in der Tradition der Menippeischen Satire als Zerr- und Spiegelbild der Gesellschaft fungiert. So nimmt ausgerechnet Anke aus der Türkei – nun selber eine Fremde – an Hakan schreibend wahr: „[I]ch schicke dir diesen Brief nach Deutschland, obwohl du mit deinem Namen viel mehr hierher gehörst und ich mit meinem Namen dort besser aufgehoben bin.“ (274) Damit beugt sie sich schließlich dem mehrheitsgesellschaftlichen Konstrukt von Kulturkreisen und zwängt Hakan (und sich) in das dualistische Paradigma, das diese ‚verkehrte Welt‘ überhaupt zustande kommen lässt.

Am Ende der briefliterarischen, erotischen und touristischen Erkundungsreisen in der Hoffnung, eine Identität jenseits der alten Paradigmata zu finden, scheint also ein ernüchternder Essenzialismus zu stehen, den man nur akzeptieren, nicht aber produktiv machen kann. Dieses desillusionierende Moment, der desengaño des Pikaro, tritt bei Hakan sobald nicht auf. Als es schließlich der sich als Eroberer inszenierende Hakan ist, der von Jacqueline erobert und dann wieder verlassen wird, klingt er ernsthaft verzweifelt:

Ich bin am Ende meiner Kräfte, Scheiße, ich frag mich, was soll ich inner Zukunft, in der ich weniger wert bin als ne kaputte Ampulle.
Hakan, ohne Rang und Namen (265)

Diese Worte schlagen einen ähnlichen Ton an wie der obige Ausschnitt aus Kanak Sprak. Hakan, der sich nach all der „Kanaksta-“ und „Streetlife-Kümmel“-Inszenierung (48, 186) nach aufrichtiger Liebe sehnt, manifestiert ganz im Sinne des pikaresken Romanendes den Wunsch nach Teilhabe an der normalbürgerlichen Welt. Serdar hingegen scheint schon von Beginn an die ‚Kanaken‘-Pose als vermeintlich identitätsstiftendende Maßnahme erkannt zu haben, was sich an seinem Bestreben zeigt, eine „‚autonome Einheit‘“ (140) zu sein. Die fluchtartige Rückkehr der beiden nach Deutschland verrät, dass es der Ort ist, den sie als Heimat beanspruchen wollen. Eine Erweiterung von dem, was als türkisch oder deutsch gilt, wird von den Bio-Deutschen und von jenen, die sich als Türken identifizieren, abgelehnt. So bleiben sie weiter zwischen zwei Stühlen, wo ihnen vorgeworfen wird, keiner ‚eindeutigen‘ Kultur anzugehören und gelangen so – um mit Hakans Worten zu enden – zum Schluss, dass sie „Held[en] ohne Heldentum“ (88) sind.

 

Footnotes:

[1] Vgl. Spiegel, Hubert. „Feridun Zaimoglu: Ruß: Und hinterm Wasserhäuschen eine Welt“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Okt. 2011, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/feridun-zaimoglu-russ-und-hinterm-wasserhaeuschen-eine-welt-11483764.html (eingesehen am 15. August 2016); Kahle, Christine. „Feridun Zaimoglu: ‚Der Islam ist eine Modewelle‘“. In: tagesschau.de, 28. August 2007, https://www.tagesschau.de/inland/meldung203352.html (eingesehen am 15. August 2016); Rüdenauer, Ulrich. „Etwas weniger zerebralminimal vor sich hin dämmern: Feridun Zaimoglus Romane ‚Liebesmal, scharlachrot‘ und ‚German Amok‘“. In: literaturkritik.de, Januar 2003, http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=5584 (eingesehen am 15. August 2016).

[2] Vgl. Cheesman, Tom. „Talking ‚Kanak‘: Zaimoğlu contra Leitkultur“. In: New German Critique, 92 (2004), S. 82-99, hier S. 83.

[3] Zaimoglu, Feridun. Kanak Sprak: 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft, Berlin: Rotbuch-Verlag, 1995, S. 9.

[4] Rüdenauer, „Etwas weniger zerebralminimal vor sich hin dämmern“.

[5] Vgl. Dörr, Volker C. „‚N gefälliger Kanaksta‘: Feridun Zaimoglus ‚Liebesmale, scharlachrot‘: Migrantenliteratur im ‚transkulturellen‘ Kontext?“. In: Zeitschrift für Germanistik 15/3 (2005), S. 610-628, hier S. 616.

[6] Rüdenauer, „Etwas weniger zerebralminimal vor sich hin dämmern“.

[7] Zaimoglu, Feridun. Liebesmale, scharlachrot, 3. Auflage, Köln: Kiepenheuer und Witsch 2009, S. 9. Im Folgenden zitiere ich aus diesem Buch durch Angabe der Seitenzahl im laufenden Text.

[8] Ein Begriff, den Hakan verwendet, um seinem Freund Serdar Assimilation an die Deutschen vorzuwerfen (vgl. 24).

[9] „Kanak Attak und Basta!“. In: Kanak Attak, November 1998, https://www.kanak-attak.de/ka/about/manif_deu.html (eingesehen am 27. März 2021).

[10] Vgl. Dörr, „N gefälliger Kanaksta“, S. 624.

[11] Esselborn, Karl. „Unterschiedliche Erscheinungsformen der Interkulturalität/Transkulturalität deutschsprachiger Literatur am Beispiel von Horst Bienek, Feridun Zaimoglu und Yoko Tawada“. In: Hess-Lüttich, Ernest W. B. (Hg.). Kommunikation und Konflikt: Kulturkonzepte in der interkulturellen Germanistik, Frankfurt am Main u.a.: Lang, 2009, S. 321-347, hier S. 328.

[12] Gebauer, Mirjam. „Der Barbar in der Wagenburg: Feridun Zaimoglus Ich-Entwürfe“. In: Breuer, Ulrich u. a. (Hg.): Autobiographisches Schreiben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, München: Iudicium, 2006, S. 126-139, hier S. 132. f.

[13] Günter, Manuela. „‚Wir sind bastarde, freund …‘: Feridun Zaimoglus Kanak Sprak und die performative Struktur von Identität“. In: Sprache und Literatur. 30/1 (1999), S. 15-28, hier S. 15.

[14] Vgl. Butler, Judith. Haß spricht: Zur Politik des Performativen, Berlin: Berlin-Verl., 1998, S. 10.

[15] Ebd., S. 48. Kursivschreibung im Original.

[16] Ebd., S. 56.

[17] Neubauer, Jochen. Türkische Deutsche, Kanakster und Deutschländer: Identität und Fremdwahrnehmung in Film und Literatur: Fatih Akın, Thomas Arslan, Emine Sevgi Özdamar, Zafer Şenocak und Feridun Zaimoğlu, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2011, S. 488.

[18] Vgl. ebd., S. 482.

[19] Dörr, „N gefälliger Kanaksta“, S. 624.

[20] Neubauer, Türkische Deutsche, Kanakster und Deutschländer, S. 482.

[21] Vgl. Schmidt, Gary. „Feridun Zaimoglu’s Performance of Gender and Authorship“. In: Gerstenberger, Katharina und Patricia Herminghouse (Hg.). German Literature in a New Century: Trends, Traditions, Transitions, Transformations, New York u.a.: Berghahn, 2008. S. 196-213, hier S. 202.

[22] Vgl. Neubauer, Türkische Deutsche, Kanakster und Deutschländer, S. 488.

[23] Ebd.

[24] Ebd., S. 487.

[25] Ebd.

[26] Vgl. ebd., S. 488.

[27] Zelik, Raul. „Wenn Männer Briefe schreiben – Feridun Zaimoglus ‚Liebesmale, scharlachrot‘ (Originalfassung Jungle World Januar 2001)“. In: raulzelik.net, Januar 2001, http://www.raulzelik.net/kritik-literatur-alltag-theorie/143-wenn-maenner-briefe-schreiben-feridun-zaimoglu-liebesmale-scharlachrot (eingesehen am 21. August 2016).

[28] Schmidt, „Feridun Zaimoglu’s Performance of Gender and Authorship“, S. 202.

[29] In vielerlei Hinsicht sind Hakan und Serdar nicht gegensätzlich – wie sie es gern inszenieren – sondern auch auf groteske Weise ergänzend. Während Serdar bis in die Türkei von Frauen verfolgt wird, aber gerade dort Erektionsstörungen hat, hat Hakan in Deutschland nicht sonderlich viel Erfolg bei Frauen, strotzt dafür vor Potenz (vgl. 25 f., 202-207). Ebenso kann man sagen, dass Hakan entgegen seinem gewünschten Selbstbild als „Macho-Stecher“ (118), sehr naiv und kindlich in Jacqueline verliebt ist und sich ihr unterwirft in seinem „Minnedienst“, während Serdar, der sich oft als romantischer „Minnesänger“ in Szene setzt, eigentlich recht kalt und berechnend mit seinen vielen Geliebten umgeht.

[30] Gebauer, „Der Barbar in der Wagenburg“, S. 132.

[31] Vgl. Neubauer, Türkische Deutsche, Kanakster und Deutschländer, S. 509.

[32] Almancı, häufig übersetzt als ‚Deutschländer‘ (sinngemäß: ‚Deutsch-artiger‘), ist in der Türkei eine abwertende Bezeichnung für in Deutschland lebende Türken. Das Bild des ‚Deutschländers‘ ist verbunden mit der Vorstellung eines wohlhabenden, Schweinefleisch konsumierenden und in Bequemlichkeit lebenden Türken in Deutschland. Im deutschen Diskurs erscheinen sie als „Gastarbeiter“ oder „Ausländer“ (Kaya, Ayhan und Ferhat Kentel. Euro-Turks: A Bridge or a Breach between Turkey and the European Union? A Comparative Study of French-Turks and German-Turks. 2005 [CEPS EU-Turkey Working Paper 14], S. 8, 36). Ein Satz, mit dem sich deshalb die deutsch-türkische Jugend häufig identifiziert, lautet: “Here we are called yabancı (foreigner) and there in Turkey they call us Almancı” (ebd., S. 8).

[33] Vgl. Neubauer, Türkische Deutsche, Kanakster und Deutschländer, S. 489.

[34] Vgl. ebd., S. 491.

[35] Vgl. ebd., S. 489.

[36] Ebd., S. 491.

[37] Vgl. ebd., S. 494 f.

[38] Adelson, Leslie A. The Turkish Turn in Contemporary German Literature: Toward a New Critical Grammar of Migration. New York: Palgrave Macmillan, 2005, S. 3.

[39] Ebd.

[40] Vgl. Welsch, Wolfgang. „Transkulturalität: Zur veränderten Verfassung heutiger Kulturen“. In: Schneider, Irmela (Hg.): Hybridkultur: Medien, Netze, Künste. Köln: Wienand, 1997, S. 67-90, hier S. 67-72.

[41] Vgl. ebd., S. 69-72.

[42] Vgl. Becker, Karina. „‚Mann, bin ich n Romanmaler oder was‘? Identitätsprobleme eines ‚Deutschländers‘ in Feridun Zaimoğlus Briefroman Liebesmale, scharlachrot.“. In: German as a Foreign Language 3 (2016), S. 7-26, hier S. 17-18.

[43] Ebd., S. 10-12.

[44] Vgl. Zaimoglu, Kanak Sprak, S. 9-18.

[45] Vgl. ebd., S. 12.

[46] Said, Edward W. Orientalism, London: Penguin Books, 2003, S. 1-9.

[47] Vgl. Hogg, Michael A. und Dominic Abrams. Social Identifications: A Social Psychology of Intergroup Relations and Group Processes, London [u.a.]: Routledge, 1988, S. 73.

[48] Becker, „‚Mann, bin ich n Romanmaler oder was‘?“, S. 18.

[49] Bhabha, Homi K. The Location of Culture, London: Routledge, 1994, S. 36-38.

[50] Vgl. Neubauer, Türkische Deutsche, Kanakster und Deutschländer, S. 453-477.

[51] Zaimoglu, Kanak Sprak, S. 9.

[52] Vgl. Röttger, Kati. „Kanake sein oder Kanake sagen? Die Entscheidungs-Gewalt von Sprache in der Inszenierung des Anderen und des Selbst“, In: Balme, Christopher (Hg.). Theater als Paradigma der Moderne? Positionen zwischen historischer Avantgarde und Medienzeitalter, Tübingen, Basel: Francke, 2003, S. 289-299, hier S. 296 f.

[53] Vgl. ebd., S. 297.

[54] Ebd., S. 298.

[55] Zaimoglu, Kanak Sprak, S. 77.

[56] Mein, Georg. „Die Migration entlässt ihre Kinder: Sprachliche Entgrenzungen als Identitätskonzept“. In: Kammler, Clemens (Hg.). Deutschsprachige Gegenwartsliteratur seit 1989: Zwischenbilanzen – Analysen – Vermittlungsperspektiven. Heidelberg: Synchron, 2004, 201-217, hier S. 213.

[57] Vgl. Mein, „Die Migration entlässt ihre Kinder“, S. 213.

[58] Bauer, Matthias. Der Schelmenroman. Stuttgart, Weimar: Metzler, 1994, S. 2.

[59] Ebd.

Comments Off on III. Kulturgeschichtliche Analysen: Feridun Zaimoglus Roman “Liebesmale, scharlachrot”

Dec 23 2020

V. Buchbesprechungen: Harald Jähners Wolfszeit

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Harald Jähners Wolfszeit.

 

Deutschland und die Deutschen

 

1945 -1955

 

aus deutsch-amerikanischer

 

Perspektive

 

Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia

 

Die Menschheitsgeschichte ist reich an Beispielen vom Aufstieg und Verfall ihrer Kulturen, doch keine Nation ist in so kurzer Zeit zur Hochkultur aufgestiegen und umgekehrt abgrundtief in die Barbarei gestürzt wie Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert. Und in der besten Tradition hat sich das Land der berühmten „Dichter und Denker“ auch noch auf diesen Absturz in das Land der berüchtigten „Richter und Henker“ einen perfekten Reim gemacht.

Aus deutsch-amerikanischer Perspektive ließe sich dieser sprichwörtlich gewordene Blickwinkel auch noch entsprechend erweitern. So wie die „Stunde Null“ zum gängigen Schlagwort für das in Grund und Boden zerbombte Deutschland am Ende des Zweiten Weltkrieges werden sollte, so sollte über ein halbes Jahrhundert später „Ground Zero“ zur allgemeinen Redewendung für das vollkommen zerstörte World Trade Center in Downtown Manhattan werden. Zwischen diesen beiden figurativen Nullpunkten spannt sich eine transatlantische Brücke vielfacher deutsch-amerikanischer Beziehungen, die sicherlich in der sagenhaften Luftbrücke mit ihren fabelhaften Rosinenbombern ihren sinnbildlichen Höhepunkt findet.

Das im Jahr 1997 von den drei deutsch-amerikanischen Literaturwissenschaftlern Christine Cosentino, Wolfgang Ertl und Wolfgang Müller gegründete Online Journal Glossen ist gewissermaßen das zeitgeschichtliche Spiegelbild dieser transatlantischen Korrespondenz. Explizit als Publikations- und Kommunikationsorgan für deutsche Literatur und deutsch-amerikanische Kulturgeschichte nach 1945 konzipiert, profilierte sich das Journal in den letzten Jahrzehnten zu einem einzigartigen, akademisch-journalistischen Reflexionsmedium, das auch prominente Literaten, renommierte Literaturwissenschaftler und repräsentative Vertreter des öffentlichen Lebens miteinschloss.

In Anbetracht der spezifischen Forschungs- und Erkenntnisinteressen dieses Online Journals verspricht Harald Jähners 475-seitige Nachkriegschronik, die 2019 im Berliner Rowohlt-Verlag erschienen ist, nicht nur als ein deutsches Geschichtsbuch, sondern darüber hinaus auch als eine kongeniale Textsammlung deutsch-amerikanischer Beziehungsgeschichten weitere Dienste leisten zu können. Der Autor ist von Haus aus Journalist, der jahrelang als freier Mitarbeiter im Literaturressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie als Feuilletonchef der Berliner Zeitung tätig war und seit 2011 als Honorarprofessor für Kulturjournalismus an der Universität der Künste in Berlin forscht und lehrt.

Bereits ein flüchtiger Überblick über die zehn Kapitel dieses Bandes, die jeweils wiederum in mehrere Unterkapitel aufgeteilt sind, gibt einen guten Eindruck von der Vielschichtigkeit und Mannigfaltigkeit dieser Studie. Da die vorliegende Besprechung dieser thematischen Komplexität unmöglich gerecht werden kann, sollen an dieser Stelle zumindest die einzelnen Kapitel samt ihren Unterkapiteln aufgeführt werden, um ein etwas vollständigeres Bild von ihrer Vielfalt und ihrer Art und Weise der Darstellung zu vermitteln.

 

Erstes Kapitel: Stunde Null? So viel Anfang war nie. So viel Ende auch nicht.

Zweites Kapitel: In Trümmern. Wer soll das je wieder aufräumen? Strategien der Enttrümmerung. Ruinenschönheit und Trümmertourismus.

Drittes Kapitel: Das große Wandern. Befreite Zwangsarbeiter und herumirrende Häftlinge – heimatlos für immer. Die Vertriebenen und die schockierende Begegnung der Deutschen mit sich selbst. Unterwegs.

Viertes Kapitel: Tanzwut. „Heile, heile, Gänsje, mein armʼ zertrümmertʼ Mainz“.

Fünftes Kapitel: Liebe 47. Heimkehr der ausgebrannten Männer. Constanze schlendert durch die Welt. „Gierig nach Leben, durstig nach Liebe“. Frauenüberschuss – ihre Minderzahl rettet den Männern die Vormachtstellung. Freiwild im Osten, Veronika Dankeschön im Westen.

Sechstes Kapitel: Rauben, Rationieren, Schwarzhandeln – Lektionen für die Marktwirtschaft. Erste Umverteilungen – Bürger lernen Plündern. Die Logik der Lebensmittelkarten. Ein Volk von Mundräubern – Eigeninitiative und Kriminalität. Der Schwarzmarkt als Staatsbürgerschule.

Siebtes Kapitel: Die Generation Käfer stellt sich auf. Währungsreform, die zweite Stunde Null. Wolfsburg, die Menschenplantage. Start-up – Beate Uhse entdeckt beim Hausieren ihr Geschäftsmodell. Versinkt Deutschland im Schmutz? Die Angst vor der Verwahrlosung.

Achtes Kapitel: Die Umerzieher. Drei Schriftsteller und Kulturoffiziere arbeiten für die Alliierten am deutschen Geist.

Neuntes Kapitel: Der Kalte Krieg der Kunst und das Design der Demokratie. Kulturhunger. Wie die abstrakte Kunst die soziale Marktwirtschaft ausstattete. Wie der Nierentisch das Denken veränderte.

Zehntes Kapitel: Der Klang der Verdrängung. Verschweigen, reden, lustlos zusammenrücken. Ein Wunder, dass das gut gegangen ist.

Nachwort: Das Glück

 

Die zahlreichen Untertitel fungieren immer wieder als Schlaglichter, die nicht nur mehr Licht ins Dunkel dieser Ruinenwelt werfen, sondern zudem auch noch weitere Assoziationen und Implikationen illuminieren, die vom rein Faktischen übers Poetisch-Ästhetische bis zum Ironisch-Tragischen reichen. Was das rein Faktische betrifft, so lässt der Verfasser immer wieder Zahlen für sich sprechen. Um hier nur einige der bezeichnendsten Statistiken aufzulisten:

So arbeiteten allein im Jahre 1943 im Volkswagenwerk 10.000 ausländische Zwangsarbeiter bis zur Erschöpfung am sogenannten Kraft-durch-Freude-Wagen des Dritten Reiches. (266)

In den ersten Hungermonaten nach Kriegsende war die alltägliche Kalorienration der Deutschen auf 800 Kalorien gesunken. (217) Im Zuge der Währungsreform flogen die Amerikaner die in den USA gedruckten Banknoten der neuen DM in insgesamt 12.000 Holzkisten ein, die allesamt mit dem Decknamen „Doorknobs“ gekennzeichnet waren. Diese kostbare Fracht wog insgesamt 500 Tonnen und war in der Tat der Türöffner, der zauberhafte Sesam-Öffne-Dich zum Startkapital für das kommende Wirtschaftswunder der Bundesrepublik. (256)

Bereits zwei Jahre nach Kriegsende verkaufte Beate Uhse insgesamt 32.000 Exemplare ihrer ersten Aufklärungsbroschüre. Im Laufe ihres Lebens sollte sie sich jedoch auch rund 2.000 Strafverfahren einhandeln, die vor allem von reaktionären Dunkelmännern und konservativen Widersachern der geschlechtlichen Aufklärung und weiblichen Selbstbestimmung angestrengt wurden.

Von 1945-1988 zogen rund 170.000 deutsche Bräute mit ihren amerikanischen Freiern in die Neue Welt – auch das eine Art Luftbrücke ins verheißungsvolle Land der unbegrenzten Möglichkeiten – während umgekehrt in der Alten Welt allein in der jungen Bundesrepublik 6 Millionen ehemalige NSDAP-Mitglieder wieder in die sozialpolitische Realität Deutschlands zu re-integrieren waren. (398)

In Anbetracht des geschichtlichen Hintergrunds gibt sich diese ominöse Sechs-Millionen-Zahl unterm Strich auch als das makabre Plus-Minus in der sogenannten „Endlösung“ des deutschen Faschismus zu erkennen, denn sie ist in der Tat jene heimlich-unheimliche Zahl, die ihre Opfer und Täter gemeinsam haben. Die sogenannte Vergangenheitsbewältigung als nationalmoralische Bankrotterklärung.

Doch die größte Anzahl von Menschen, die im Schatten der weit über 50 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs überlebt haben, jedoch verfolgt, verschleppt und vertrieben wurden, sind die 8-10 Millionen ausländischen Zwangsarbeiter, die nach dem Krieg in ihre Heimat zurückzubringen waren, sowie die über 12 Millionen deutschstämmigen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aus Mittel- und Osteuropa, die in den Ruinen ihrer deutschen Urheimat, aus der sie vor Jahrhunderten ausgewandert waren, eine neue Bleibe zu finden hofften.

Weit über das Objektiv-Demographische, Statistische hinaus versteht es der Autor auch immer wieder das Subjektiv-Atmosphärische jener Umbruchszeit durch prägnante Zitate und evokative Passagen dramaturgisch zu inszenieren. Dies soll im Folgenden an vier exemplarischen Beispielen noch etwas genauer illustriert und interpretiert werden.

Beim ersten Beispiel handelt es sich um einen Text von Wolfgang Borchert aus dem Jahre 1947 mit dem Titel „Das ist unser Manifest“, in dem der bald darauf verstorbene Autor die neue Musik seiner Generation beschreibt, unter anderem den Swing und Boogie-Woogie, der seit der Ankunft der amerikanischen Soldaten mit Begeisterung in deutschen Tanzschuppen gespielt und getanzt wurde. Borchert kommt zu dem euphorischen Schluss:

[D]iese Musik ist der Jazz. Denn unser Herz und unser Hirn haben denselben heißkalten Rhythmus: den erregten, verrückten und hektischen, den hemmungslosen. Und unsere Mädchen, die haben denselben hitzigen Puls in den Händen und Hüften. Und ihr Lachen ist heiser und brüchig und klarinettenhart. Und ihr Haar, das knistert wie Phosphor. Das brennt. Und ihr Herz, das geht in Synkopen, wehmütig wild. Sentimental. So sind unsere Mädchen: wie Jazz. (127)

Allerdings war der beträchtliche Mangel an jungen, männlichen Tanzpartnern, die im Krieg gefallen waren, wie der gängige Euphemismus lautete, ein wesentliches Handicap im ausgelassenen Paarungstanz der jungen, lebens- und liebeshungrigen Generation. „Sechs Frauen auf einen Mann“ (177), so lautete ein im Trümmerfilm Berliner Balladen aus dem Jahr 1947 oft wiederholtes Leidmotiv junger Frauen.

Der beginnende Wiederaufbau der Städte Anfang der fünfziger Jahre war von einer landesweiten Heiratswelle begleitet, bei der freilich viele jungen Frauen nur das Nachsehen hatten: „Wer nun allein war, drohte es für immer zu bleiben“ (179) lautet Jähners Résumé unzähliger Frauenschicksale, das in seinem elegischen Grundton und Wortklang sehr an Rilkes Gedicht „Herbsttag“ erinnert, das mit den Zeilen anhebt: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“

Beim dritten Textbeispiel handelt es sich um Argumente aus der am Anfang der fünfziger Jahre ausbrechenden Diskussion um die angeblich wachsende Welle von „Schmutz und Schund“ (298), die Zeitzeugen zufolge über die junge Bundesrepublik hereinzubrechen drohe. Inzwischen hatten sich unter die nationalkonservativen Moralhüter auch wieder so manche, allzu rasch rehabilitierte Parteigänger des Nationalsozialismus gemischt und gemeinsam befürchteten sie die zunehmende amerikanische Verwestlichung und kulturelle Verwilderung ihrer deutschen Jugend.

Vor allem Comic Strips, die in den „Beutetaschen des weiblichen Gefolges“ (296) der US-Invasoren Deutschland unterwandern würden, erschienen ihnen besonders jugendgefährdend, drohten sie doch zur schleichenden „Seelenvergiftung“, sowie zum „Bildidiotismus“ und „wollüstigem Analphabetentum“ (295) zu führen. Es ist schon höchst komisch-ironisch, wie sich ausgerechnet abgebrühte Frontkämpfer und hartgesottene Alt-Nazis wenige Jahre nach Kriegsende allein schon von Fix und Foxi – von Micky Maus und Donald Duck hier einmal ganz zu schweigen – angeblich psychisch und moralisch so fix und fertig machen lassen konnten.

Um solch seelischer Zerrüttung und sittlicher Verderbnis rechtzeitig Einhalt zu gebieten, filzten jedenfalls Lehrer damals regelmäßig die Schulranzen ihrer Schulkinder, und wenn sich genügend Exemplare dieser subversiven Kontrabande, sprich „Volksseuche“ und „Kulturschande“ (298) angesammelt hatten, wurden sie öffentlich auf dem Schulhof verbrannt. (296)

Damit war allerdings die befürchtete Gefahr des nationalen und kulturellen Zerfalls noch lange nicht gebannt. So zeigt zum Beispiel eine eindringliche Erbauungsschrift für Halbwüchsige unter dem Titel „Unzucht zerstört“ einen nackten, verzweifelt mit sich selbst ringenden Riesen im Stil von Goyas Grotesken und das pädagogische Pamphlet beschwört geradezu stoßgebetartig seine jungen Leser: „Unzucht behindert. Hält auf. Zerbricht. Nimmt alle Freude.“ Und der Warnruf steigert sich schnell zu regelrechten Horrorvisionen:

Du weißt von jungen Menschen rings um dich, die Wüste geworden sind im Brand der Unzucht, der Gier, der Wollust. […] Und endlich spürst Du ganz deutlich, dass auch in Dir selbst die Steppe zunimmt, die Bakterien der allgemeinen Pest zu wirken beginnen. […] Wisse: Auf jeden Rausch folgt ein bitteres Erwachen – Was dann? Heulen mit den Wölfen? […] Eines Tages werden sie Dich zerreißen. (437f)

Sind derartig düstere Seher nicht viel mehr selbst verzweifelte Rufer in ihrer eigenen inneren Wüste? Selbst traumatisiert von ihrem einstigen Sturm und Drang nach Osten und zutiefst demoralisiert vom eigenen Blutrausch des Völkermordens im fernen Steppenland wilder Wölfe? Geht hier nicht vielmehr das schlimme Wissen und schlechte Gewissen ehemaliger Frontsoldaten, die allzu viel Schreckliches gesehen und begangen hatten, mit dem Höllenjammer von Feuer- und Schwefelpredigern mittelalterlicher Schule eine gar unselige, scheinheilig-unheilige Allianz ein?

Wer in jenen Gründerjahren der Bundesrepublik nicht nur als Schulbub die Schulbank drückte, sondern auch noch als Beichtkind im Beichtstuhl kniete – wie zum Beispiel der Autor dieser Buchbesprechung –, dem klingen jedenfalls derart finstere Warnungen vor solch wüsten Sündenpfuhlen aus Schmutz und Schund noch heute in den Ohren. Ein Jahrzehnt später sollten sich freilich die Unkenrufe solch zwielichtiger Nacht- und Tugendwächter tatsächlich als „self-fullfilling prophecies“ erweisen, sieht man die heraufziehende sexuelle Revolution der 68er Generation durch ihre weit aufgerissenen Augen.

Beim letzten Textbeispiel aus Jähners Wolfszeit handelt es sich um einen Briefwechsel Theodor W. Adornos. In einem Brief an Thomas Mann berichtet er vom lebhaften Gedankenaustausch seiner Frankfurter Studenten, der ihn an eine alte Talmudschule erinnert, und er sinniert: „Manchmal ist mir zumute, als wären die Geister der ermordeten Juden in die deutschen Intellektuellen gefahren.“ (445)

An Leo Löwenthal wiederholt Adorno kurz darauf seine Beobachtung und er kommt angesichts derartiger Geisterstunden und begeisterter Diskussionsrunden zu dem Schluss, das Ganze sei: „Leise unheimlich. Aber eben darum, im echten Freudischen Sinn, auch wiederum unendlich anheimelnd.“ (445) Freuds Theorie vom Heimlich-Unheimlichen, hier kehrt sie in der Praxis heimlich, still und leise wieder als die Freud’sche „Wiederkehr des Verdrängten“, die bald im ganzen Land Schule machen und Betroffenheit auslösen sollte.

Bereits amerikanische Berichterstatter hatten bald nach Kriegsende in Anbetracht der Nürnberger Prozesse nicht nur von einem modernen „Welttheater“, sondern auch von einem mittelalterlichen morality play gesprochen. Entsprechend sollte in Frankfurt die Freud’sche Wiederkehr des Verdrängten nicht nur Adornos individuelles Bewusstsein, sondern wenige Jahre später mit dem Beginn der Frankfurter Auschwitz-Prozesse in der Gestalt des Holocaust auch das kollektive Bewusstsein Deutschlands mehr und mehr heimsuchen.

„Homo homini lupus est“ (225), der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Diese uralte Menschenkenntnis bewahrheitet sich vor allem in Kriegs- und Krisenzeiten, wenn es ums Überleben der Stärksten geht. Diese sozialdarwinistische Maxime zieht sich denn auch wie ein unterschwelliges Leitmotiv durch Jähners Wolfszeit und hat seinem Erzählwerk auch seinen so bezeichnenden Titel gegeben.

Die Vorstellung von der Vertierung des Menschen hat im vorliegenden geschichtlichen Zusammenhang seinen ausgesprochenen Ursprung in der Propagandarhetorik des Nationalsozialismus, der zufolge jeder deutsche Soldat einer „blonden Bestie“ gleich über die Länder und Völker Europas herfallen wird. Diese fortschreitende Vertierung und findet schließlich ihren jämmerlichen Höhepunkt in den Werwolf-Aktionen heulender Halbwüchsiger und altersschwacher Großväter, die zur letzten verzweifelten Verteidigung Deutschlands zusammengetrommelt wurden.

So hatte etwa Joseph Goebbels noch zwei Monate vor Kriegsende verkündet, dass für den deutschen Werwolf jeder alliierte Soldat Freiwild sei: „Hass ist unser Gebet und Rache unser Feldgeschrei. Der Werwolf hält selbst Gericht und entscheidet über Leben und Tod.“ (374) In anderen Worten, das verhetzte, menschliche Raubtier als blindwütiger Richter und rachsüchtiger Henker.

Umso überraschter waren die Alliierten, als sie schließlich deutschen Boden betraten und das besiegte Land zu besetzen begannen: „Statt wilder Bestien standen winkende Leute am Straßenrand und fraßen den Besatzern Schokolade aus der Hand.“ (375) Also anstatt weiterer bösartiger Überraschungen vielmehr allerorten erstaunter „comic relief“. So zumindest in der ironischen Retrospektive des zurückblickenden Autors.

Doch damit war die wilde Wolfszeit mit all ihren tatsächlichen Schrecken noch lange nicht zu Ende. Nach der Eroberung der deutschen Hauptstadt durch die russische Armee brach eine „Vergewaltigungswelle ohnegleichen“ (185) über die Frauen Berlins herein. Marta Hillers, die Autorin der ursprünglich anonym veröffentlichten Erinnerungen Eine Frau in Berlin, die im Jahr 2003 zu einem internationalen Bestseller wurden, beschreibt darin, wie sie in jener Zeit, in der nun vice versa jede deutsche Frau zum Freiwild der Eroberer geworden war, ein Verhältnis mit einem hochrangigen russischen Offizier einging, nur, um in ihm einen Beschützer zu haben, „einen Wolf, der mir die Wölfe vom Leib hält.“ (185)

Diese Verrohung des Menschen zum mehr oder weniger bedrohlichen Raubtier setzte sich unmittelbar nach Kriegsende auf allen sozialen Ebenen fort, wo Menschen versuchten, sich im täglichen Überlebenskampf mehr schlecht als recht durchzuschlagen. Jähner bringt diese animalische Hackordnung einer hungrigen Nachkriegsgesellschaft auf den anschaulichen Nenner:

Wer Kartoffeln aus dem Acker klaubte, hamsterte; wer sie den Hamstern wieder entriss, war eine Hyäne. Und zwischen beiden wanderte der Wolf, über dessen Sozialstatus man sich nicht sicher sein konnte, war doch der ‚einsame Wolf‘ genauso berüchtigt wie das ganze Rudel. (235)

Nomen est omen: Vom alltäglichen Mundraub zum jahrelangen Raubbau. Im Dritten Reich fand die menschliche Wolfsnatur ihre geradezu symbolische Emblematisierung in Wolfsburg. Hier im expandierenden Volkswagenwerk erfuhr die rücksichtslose Ausbeutung der Zwangsarbeiter und ihrer menschlichen Arbeitskraft ihre unmenschliche Realisierung und industrielle Rationalisierung.

Nach dem Krieg sollte wiederum das berüchtigte Wolfsburg des Dritten Reiches zum berühmten Musterbetrieb der deutschen Automobilindustrie mutieren. Wolfsburg wurde – um Jähners Wolfs-Metapher noch etwas weiter zu spinnen – im gewissen Sinne zur sinnbildlichen Nährmutter einer arbeitshungrigen Bundesrepublik, geradeso wie es einst bei der Gründung Roms und des Römischen Reiches die sagenhafte Wölfin für Romulus und Remus geworden war. Freilich konnte damals im geteilten Deutschland nur der westliche Bruder von dieser Quelle des wachsenden Wohlstands profitierten.

Ein letztes unüberhörbares Echo auf das Wolfsgeheul jener Umbruchszeit stellt sicherlich Hans Magnus Enzensbergers erster Gedichtband Verteidigung der Wölfe aus dem Jahre 1957 dar, ihn schlagartig als „angry young man“ Westdeutschlands und führende Stimme einer jungen Generation von engagierten Dichtern und rebellisch-provokativen Denkern bekannt machen sollte.

„Look Back in Anger“, lautete John Osbornes 1956 erschienenes Theaterstück und entsprechend ist auch Enzensbergers Gedichtband eine zornige Abrechnung mit der älteren Generation, der er in dem titelgebenden Gedicht „Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer“ vorwirft, sich als opferfühlende Lämmer aufzuführen, die im Dritten Reich das Denken und Handeln den Wölfen überlassen hätten. Vielen von uns westdeutschen 68ern hatte er damals in unserem Unmut gegen unsere Eltern, beziehungsweise ihre bürgerliche Ordnung, die uns ihre schreckliche Geschichte vermacht hatte, mit seinen ironisch-sarkastischen Versen aus Herz und Seele gesprochen:

Ihr Lämmer, Schwestern sind, mit euch verglichen, die Krähen;
ihr blendet einer den andern.
Brüderlichkeit herrscht unter den Wölfen:
sie gehen in Rudeln.

[…]

Winselnd noch
lügt ihr. Zerrissen
wollt ihr werden, Ihr
ändert die Welt nicht. (433)

Ein letzter Blick zurück im Zorn: Werden hier nicht alle angeblichen „Lämmer“ aus jener so wölfischen Schreckenszeit, egal ob Jud oder Christ, ob furchtsamer Opponent oder schamloser Opportunist, über ein und denselben Kamm geschoren und allesamt der winselnden Verlogenheit bezichtigt? Zudem hatten aufgebrachte Poeten in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik weitaus leichter reden als verschreckte Bürger einer heimtückischen Gewaltherrschaft, die nicht nur ihre politischen Gegner gnadenlos bestrafte, sondern zudem auch noch ihre Familienangehörigen mit Sippenhaft bedrohte.

Test the West? Remember the East! Die deutschen Brüder und Schwestern in Ostdeutschland mussten erst wenige Jahre vor Enzensberger großspurigen Verteidigung der Wölfe ihren ersten Aufstand in Ostberlin mit blutigen Opfern bezahlen, und wenige Jahre danach sollte ihnen allein schon der heimliche Privatbesitz einer einzigen Rolling-Stones-Platte monatelangen Stasiknast einbringen.

Hatte hier nicht der „arme B.B.“, der große Bänkelsänger der Weimarer Republik, die schlichte Wahrheit eher auf seiner Seite als der „junge, zornige Mann“ mit seiner großen Klappe? Während Enzensbergers Bundesbürger zu jener Zeit bereits allesamt wohlgenährt auf ihrer sogenannten „Fresswelle“ ritten – ein Bild für George Grosz und andere Spötter –, steuerten umgekehrt Weimars Republikaner vielmehr der großen Wolfs- und Hungerszeit des Dritten Reiches entgegen, die es erst einmal mehr zu überleben galt ganz nach der populären Parole der Dreigroschenoper: „Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.

Food for thought! Wolf hin und Mensch her, in diesem historischen Kontext entpuppt sich mutatis mutandis Hermann Hesses Steppenwolf aus dem gleichnamigen Roman sicherlich noch als das beste Vorbild. Genau betrachtet, ist er das ideale Wappentier des amerikanischen rugged individualism, dessen Vorstellungswelt dem „American Dream“ von Anfang an zu Grunde liegt und die jedem amerikanischen Bürger die bestmögliche Selbstverwirklichung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten in Aussicht stellt.

Test the Far West! Der Deutsch-Kanadier John Kay, alias Joachim Fritz Kauledat, sollte wenige Jahre nach Enzensbergers Verteidigung der Wölfe mit seiner frei nach Hesses Romanhelden benannten Rockband Steppenwolf und ihrem Mega-Hit „Born To Be Wild“ (1968) die große internationale Heavy-Metal-Hymne auf dieses Ideal der grenzenlosen Freiheit und Selbstentfaltung anstimmen. Als sound track des Kultfilms Easy Rider sollte sie bald weltweit eine wanderlustige Jugendgeneration in ihrem unbändigen Freiheitsdrang weiter begeistern und beflügeln.

„Wind of Change“ lautet der Song der deutschen Rockband Scorpions, der eine Generation später erneut den Rausch der Freiheit angesichts des Berliner Mauerfalls einfangen und zu einem internationalen Blockbuster rund um die Welt werden sollte. Nicht zufällig sind die letzten zwei Nummern von Glossen unter diesem Titel dem Thema der Musik und seinem transatlantischen, deutsch-amerikanischen Kulturaustausch seit 1945 gewidmet. In keinem anderen kreativen Genre und modernen Kommunikationsmedium kommt dieser wechselseitige Transfer besser zum Ausdruck.

Oder wie Jähner den magischen Moment der Musik in dem bereits zitierten Manifest von Wolfgang Borchert so zutreffend paraphrasiert und charakterisiert:

Der Rhythmus des Textes selbst ist reinster Jazz. Es ist eine swingende Anrufung des Seins. Ein leises Gellen, in dem der Krieg noch nachhallt, während er von der Klarinette schon sublimiert wird. Überall ist der Krieg noch gegenwärtig, selbst im Haar der Frauen, das knistert wie Phosphor. (128)

„Ut pictura poesis“: Wie ein Bild sei das Gedicht. Dieser Horaz’schen Maxime folgend komplementiert der Autor seine epische tour de force durch diese so abenteuerlich katastrophale Nachkriegszeit mit einer Reihe evokativ-symbolischer Fotografien. Allein schon das Frontispiz dieses Bandes ist ein überaus sprechendes Abbild jener so chaotischen Epoche, in dem sich der Zeitgeist mit seiner zeitgeschichtlichen Wirklichkeit kreativ-kongenial veranschaulicht und versinnbildlicht findet.

Es handelt sich um eine Luftaufnahme von dem fast vollständig zerbombten Köln, einer der ältesten Kulturstädte der deutschen Geschichte. Hoch über den Ruinen der Stadt ist ein Drahtseil gespannt, auf dem eine junge Seiltänzerin über die ausgebrannten Häuserskelette balanciert. Spektakulärer und nicht zuletzt ironisch-ikonischer lässt sich wohl Deutschlands geschichtliches Verhängnis zwischen Abgrund und Hochkultur, die prekäre Hängepartie einer ganzen Gesellschaft sowie ihr mutig-übermütiges Überleben irgendwo dazwischen kaum darstellen.

Darüber hinaus verkörpert der akrobatische Übermut dieser Seiltänzerin in gewisser Weise auch den demographischen „Frauenüberschuss“ im Deutschland jener Nachkriegszeit. Das ganze Land erschien damals so manchem deutschen Heimkehrer und amerikanischen Besatzer fest „in Frauenhand“. (170) Doch obwohl Frauen offensichtlich die Oberhand hatten, mussten sie, wollten sie auch noch die Herzen junger Männer erobern, mit weiteren, imposanten Künsten Eindruck machen, egal ob auf festem Tanzboden mit swingenden Hüften oder hoch droben jonglierend in atemberaubenden Lüften.

Und nicht zuletzt spannt diese waghalsige Seiltänzerin, halb deutsche „Trümmerfrau“, halb amerikanisches „Wunderfräulein“, rein bildlich gesprochen ihren so todesmutigen Spannungsbogen genau über jenen abgründigen Augenblick, den Margret Boveri in ihren Tagebuch-Aufzeichnungen aus dieser Zeit so bezeichnend als „ungeheure Erhöhung des Lebensgefühls durch die dauernde Nähe des Todes“ (170) beschrieben hatte.

Die folgenden Fotos sind denn auch wie weitere Detail-Illustrationen dieses symbolischen Panoramas. Unter den Bildern dieser Nationalgalerie finden sich Schnappschüsse von Frauen auf Bergen von Trümmern, Aufnahmen von Kriegsgefangenen und Heimatvertriebenen, von Tanzbegeisterten und Karnevalfeiernden in einer Welt aus Schutt und Asche, von Schwarzmarktszenen und Lebensstil-Illustrierten, die neue Moden, moderne Möbel und bunte Bilder der abstrakten Malerei zum Besten geben. Den passenden Abschluss dieser Bilderstrecke bilden Portraits repräsentativer Remigranten wie Hans Habe, Alfred Döblin und Rudolf Herrnstadt, allesamt höchst motivierte und auch ideologisch inspirierte „Umerzieher“, die zurückgekehrt waren in der Zuversicht, Deutschland aus seinem Abgrund zumindest ein Stück weit wieder auf die vielberufene Höhe seiner einstigen Hochkultur zurückführen zu können. Es sollte bekanntlich eine mühselige Rückkehr und ein langwieriger Aufstieg werden.

Eingehende Anmerkungen, ein ausführliches Namensregister sowie ein umfassendes Quellenverzeichnis von rund 200 Titeln aus allen denkbaren Fachbereichen und Forschungsrichtungen beschließen diesen Band und machen ihn zu einem gut recherchierten, eloquent geschriebenen und aufschlussreich bebilderten Erzählwerk, das über die Nachkriegszeit Deutschlands vom „ground zero“ bis zu den ersten „start-ups“ so lehrreich wie unterhaltsam Auskunft zu geben vermag.

Und die Moral von diesem modernen, deutschen Welttheater? „Amerika, du hast es besser“! So meinte schon Goethe. Anders gewendet, Jähners Wolfszeit hat Goethes Weltanschauung rund zweihundert Jahre später noch einmal überzeugend vor Augen geführt und bestätigt. Das restlos am Boden zerstörte Deutschland in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hätte damals in Amerika letztendlich keinen besseren und vor allem hilfreicheren „Großen Bruder“ finden können.

Summa summarum, Jähners Wolfszeit ist ein populärwissenschaftliches Gesamtkunstwerk im besten Sinne des Wortes, das über jene Umbruchszeit nicht nur allgemeinverständlich informiert und sie auch entsprechend anschaulich illustriert, sondern auch den Zeitgeist jener Jahre vielschichtig durch eine Reihe moderner Medien heraufbeschwört und dergestalt auch immer wieder weitere Gedankenanstöße zu geben vermag.

In diesem Sinne möchte man Jähners Geschichtsbuch sowohl in der Alten Welt wie auch in der Neuen Welt eine möglichst große Leserschaft wünschen, auf dass sich solch ein katastrophaler Zivilisationsbruch in unserer Menschheitsgeschichte nie mehr wiederholen möge – und die Rückkehr der wilden Wölfe auf unsere Naturreservate rund um die Welt beschränkt bleibe.

Und letztendlich kann Wolfszeit sowohl als transatlantisches wie auch als internationales Geschichtsbuch weitere Dienste leisten, damit letztlich alle Nationen dieser Erde Frieden und Freiheit mehr denn je schätzen lernen und – last but not least – auch gegenwärtige und zukünftige Flüchtlinge in unserem jeweiligen Heimatland, wo immer es auch sein mag, eine sichere Zuflucht und bessere Zukunft finden können.

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Sep 15 2020

George Floyd from Berlin to Bavaria

George Floyd from Berlin to Bavaria

 

by Anna Rosmus

 

 

On May 25, 2020, when George Floyd, a 46-year-old African American, purchased cigarettes at a Minneapolis grocery store, an employee believed he had paid with a counterfeit $20 bill.[1] After the 6’4” (193 cm) suspect was killed during a police arrest,[2] videos made by witnesses and security cameras became public. They showed a white police officer kneeling on Floyd’s neck for nearly nine minutes. All four officers were fired, and criminally charged. Two autopsies declared Floyd’s death to be a homicide.

That triggered not only protests against police brutality, racism, and a lack of police accountability in the United States, but all over the world makeshift memorials seemed to spring up.[3] Germans began to show their solidarity, too. Chancellor Angela Merkel called the killing a “very, very terrible thing,” also condemning racism. After scoring a goal, Borussia Mönchengladbach football player Marcus Thuram took a knee and bowed his head. The name of Berlin’s Mohrenstraße (Moors Street) subway station was spontaneously taped over to create a George Floyd Straße. A mural depicting him was painted on a section of the Berlin Wall. On June 6th, in more than 30 cities the combined number of protest participants exceeded 100,000.

When US police shot at a Deutsche Welle crew reporting from Minneapolis in two separate incidents, and threatened with arrest in a third incident, Foreign Minister Heiko Maas demanded that “journalists must be able to carry out their task, which is independent coverage of events, without endangering their safety”; adding that “democratic states under the rule of law have to meet the highest standards when it comes to protecting freedom of press.”

Prompted by multiple inquiries, Snopes posted excerpts from an e-mail by Minneapolis Police Department (MPD) Lt. Bob Kroll to union members, where he pointed out, “What is not being told is the violent criminal history of George Floyd.”[4]

According to court records, between 1997 and 2007 police had arrested Floyd nine times, mostly on drug and theft charges that resulted in months-long jail sentences.[5] In 2009, he was charged with aggravated robbery with a deadly weapon in a home invasion but paroled in January 2013.[6]

According to the county’s postmortem toxicology screening, performed one day after Floyd’s death, the deceased was intoxicated with 11 ng/mL of fentanyl,[7] a synthetic opioid pain reliever, and 19 ng/mL of methamphetamines (as well as other substances).

 

Benedictine Metten Library in the Deggendorf district, courtesy of Gary Heatherly[8]

 

Back in Southern Germany, George Floyd made more headlines in an idyllic municipality called Metten. It is not only located on the other side of the Atlantic Ocean, but in some ways, crime-related data like those above seem almost a world away. Best known for its baroque Benedictine abbey, Metten has some 4,200 residents, many of them are/were educated at its humanistic secondary school.

While racism is not completely new there, the earliest encounters with any African Americans that locals recall occurred in 1945, at the end of World War II, when General George Patton Jr.’s tanks came rolling down, between the Danube River and the border to Czechoslovakia. During the subsequent occupation, alcohol and fraternizing with white women posed temptations for some men. In 2011, when US-veterans of the 3rd Army and their relatives visited Metten Abbey, Father Norbert offered them a tour, and told them about the surrender of the Hungarian Generals.

Five years later, the largest refugee crisis since World War II created wide-spread panic.[9] By late February 2016, in Bavaria alone, more than 130,000 people were waiting for the Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) to recognize their refugee status. In April, when the number of new arrivals sharply receded, the government of Lower Bavaria announced that only six of the 24 temporary refugee housings in the district would remain open; one was Metten. The Abbey tackled racism head-on. In October 2018, for example, its 9th graders met African-German filmmaker Mo Asumang, who confronts racism and anti-semitism.[10]

Then, in the summer of 2020, a new resident of this quaint community proposed that the market council adds the name of George Floyd to a pool for potential street names. Dutifully, Mayor Moser invited the gentleman in his mid-70s to the Metten town hall. According to a Bayerischer Rundfunk report, that cosmopolitan “war schon in aller Welt zu Hause. In Papua-Neuguinea machte er Erfahrungen mit Rassismus. Seine mittlerweile verstorbene Frau wurde von Australiern angefeindet. Deshalb hatte ihn das Schicksal von George Floyd besonders berührt” (has already been at home in the entire world. In Papua New Guinea, he experienced racism. His wife, meanwhile deceased, was ostracized by Australians. That’s why the fate of George Floyd touched him in particular.)[11] The Metten Community Council unanimously accepted the resident’s proposal.

Online, at Bayerischer Rundfunk BR 24, the Metten proposal was discussed, too. One of the commentators wrote, “Wenn 1. April wäre, könnte ich diese Meldung entsprechend einschätzen.” (If it were April 1st, I could assess this report accordingly.)[12] On July 9th, a different request was made. It should not be ignored that Floyd “eine kriminelle Karriere hatte. Von 1997 bis 2007”

(had a criminal career. From 1997 until 2007…) adding that,

Will man als Gemeinde seine ablehnende Haltung gegenüber dem Rassismus zum Ausdruck bringen, gibt es sicher andere Möglichkeiten. Wenn es unbedingt ein Straßenname sein sollte, dann besser nach einer Begebenheit im regionalen Umfeld suchen.” (If as a community one wants to express one’s objection toward racism, there are certainly other options. If absolutely it should be a street name, then better search for an occurrence in the regional surroundings).[13]

Four weeks later, a unanimous vote voided the Council’s previous decision. Renaming an existing street was not only deemed too laborious and too expensive, but in the future only persons with a connection to Metten will be considered, and only those not criminally sentenced in a democracy, where law and order rule.

On August 5th, the Deggendorf edition of the Passauer Neue Presse headlined, “Gemeinderat doch gegen George-Floyd- Straße” (Community Council against George-Floyd-Street after all). In hindsight, Mayor Moser conceded, it would have been “eleganter” (more elegant) to reject the proposal right away. The community was “überrumpelt” (blindsided), unaware of Floyd’s past.

 

Footnotes:

[1] How George Floyd Was Killed in Police Custody

[2] “Hennepin County Medical Examiner’s Office Autopsy Report”. Hennepin County. June 1, 2020.

[3] Memorials For George Floyd Appear Worldwide, From Minneapolis To Nairobi

[4] In “Background Check: Investigating George Floyd’s Criminal Record”, JESSICA Lee published on June 12, 2020 that attorney Ben Crump, who represents Floyd’s family, “did not respond to Snopes’ multiple requests for comment.”

[5] Police records and other court filings regarding Floyd’s criminal history are publicly available at the Harris County District Clerk’s online database.

[6] Hall, Michael (May 31, 2020). “The Houston Years of George Floyd”. Texas Monthly.

[7] According to Mayo Clinic Laboratories, “the presence of fentanyl above 0.20 ng/mL” – a fraction of the amount discovered in Floyd’s system – is “a strong indicator that the patient has used fentanyl.”

[8] Gary Heatherly Photography, (865) 971-4870, gary@garyheatherly.com

[9] Rosmus, Anna Elisabeth, Land unter. Die Migranten sind da! Ein Lagebericht zur geographischen Mitte Europas; in: Glossen 45, August 2016

[10] Aktiv gegen Rassismus, aktiv gegen Menschenfeindlichkeit

[11] George-Floyd-Straße in Metten einstimmig abgelehnt | BR24

[12] George-Floyd-Straße in Metten einstimmig abgelehnt | BR24

[13] Gemeinderat doch gegen George-Floyd- Straße, in: Deggendorf edition of the Passauer Neue Presse (PNP) from August 5, 2020

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Sep 11 2020

VII. Laudatio, Hommage, In Memoriam: Vorwort

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Vorwort:

 

Distant Memories…

 

Forever Remembered

 

Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia

 

 

„Distant memories are buried in the past forever“
Scorpions, „Wind of Change“

 

Wenn sich Erinnerungen tief eingegraben haben, sind sie vor dem Vergessen umso sicherer. Auch so könnte man die obige Zeile dieses so zukunftsfrohen Liedes deuten. In diesem Sinne sind jedenfalls die folgenden drei Beiträge zu verstehen, nämlich als Erinnerungen und Würdigungen von Menschen, die in den Wechselfällen der deutschen Geschichte Schreckliches erlebt und gemeistert und in ihrem weiteren Leben Denk- und Erinnerungswürdiges geleistet haben. Vertreibung und/oder Auswanderung war das Schicksal der Geehrten dieser drei Beiträge und diese Lebenserfahrung teilen sie zudem auch noch mit sämtlichen Autoren dieser Texte.

Beim ersten Beitrag handelt es sich um die Laudatio auf die deutsch-rumänische Schriftstellerin Herta Müller, die Professor Guy Stern anlässlich der Verleihung des Ovid-Preises im Frühjahr 2018 in der Frankfurter Nationalbibliothek gehalten hat. Der Laudator hat uns freundlicherweise die Erlaubnis erteilt, diesen Text als Erstveröffentlichung hier abzudrucken, wofür wir ihm herzlich danken. Dies gibt uns die Gelegenheit, in dieser Glossen-Ausgabe Herta Müller, die vor vielen Jahren selbst in diesem Journal publiziert hatte, nicht nur als Trägerin des Ovid-Preises und Nobelpreisträgerin für Literatur zu ehren, sondern sie uns auch als mutige Bürgerrechtlerin in Erinnerung zu rufen, die einst vor ihrer Auswanderung nach Deutschland unter der Diktatur des Ceauçescu-Regimes in Rumänien mutig für Freiheit und Demokratie gekämpft hatte.

Zudem gibt uns diese Veröffentlichung auch die weitere Möglichkeit, in Guy Stern einen der letzten großen Vertreter der deutsch-amerikanischen Exil-Generation zu würdigen. Er kam als Günter Stern fünfzehnjährig noch vor Ausbruch des Krieges nach Amerika und sollte der einzige seiner in Deutschland zurückgebliebenen Familie sein, der dem Holocaust entkommen konnte. In Amerika machte er sich nach dem Kriege bald als bahnbrechender Mitbegründer der deutsch-amerikanischen Exilforschung einen Namen. Zudem war er auch einer der ersten, der nach dem Kriege die Brücke zurück nach Deutschland schlug und über die Jahre hinweg an mehreren deutschen Universitäten unterrichtete.

Darüber hinaus hielt er auch immer wieder in deutschen Landtagen sowie im Deutschen Bundestag viel beachtete Ansprachen, wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt und ist auch noch heute im biblischen Alter von 98 Jahren überaus aktiv, unter anderem als Vize-Präsident der Kurt-Weill-Gesellschaft und als Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Es gibt inzwischen in den elektronischen Medien mehrere leicht zugängliche Dokumente zu Leben und Werk von Guy Stern, unter anderem auch eine ausführlichere Hommage auf ihn anlässlich der Verleihung des ersten Ovid-Preises des PEN-Zentrums, die der PEN-Newsletter im Jahr 2017 unter dem Titel „Per Aspera ad Astra“ publiziert hatte.

Von illustrativer Bedeutung ist im Zusammenhang mit dem Motto „Wind of Change“ dieser Ausgabe auch der Dokumentarfilm The Ritchie Boys, der Guy Sterns Mitgliedschaft in der Elitetruppe der US-Armee während des Zweiten Weltkrieges und bei der Invasion der Normandie rekonstruiert. Er spielte also nicht nur als angehender Literaturwissenschaftler bei der Gründung der akademischen Disziplin der deutsch-amerikanischen Exilforschung, sondern auch als blutjunger Soldat bei der militärischen Befreiung Europas eine hervorragende und mit dem Bronze Star ausgezeichnete Rolle, in der er mithalf, das Blatt der Geschichte zu wenden.

In anderen Worten, Guy Stern und Herta Müller sind beredte Vertreter und berufene Zeitzeugen einer überaus bewegten Epoche und ihrer nachhaltigen Wandlungsprozesse, die sie nicht nur passiv erfahren, sondern auch aktiv mitgestaltet und weitervermittelt haben. Sie waren ein Teil von jenem geschichtlichen Sturmwind der Veränderungen, der schließlich in einer friedlichen Revolution die Berliner Mauer hinwegfegen und die große Wende, das langersehnte Ende des Kalten Krieges herbeiführen sollte.

Die zwei folgenden Beiträge von Michael Eskin und Erika Berroth führen diesen gewaltigen und oft so gewaltsamen Zeitenwandel am Beispiel der Lebensgeschichten von Anita Lasker-Wallfisch und Ursula Mahlendorf noch weiter aus, wobei vor allem bei der Letzteren ein erstaunlicher Gesinnungswandel vorbildliche Bedeutung gewinnen sollte. Und so gedenken und gemahnen diese drei Beiträge allesamt einmal mehr an das, was wir nie mehr vergessen dürfen, wollen wir für uns und unsere Kinder eine bessere Zukunft sichern.

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Aug 16 2016

Glossen 41 | 2016

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Frederick Lubich, Interim Managing Editor | “‘Habent sua fata libelli’…” Begleitwort zur Weiterführung von Glossen

Call for Contributions | Glossen 42: Mauerbau und Mauerschau | Einsendetermin 30. November 2016

Interviews

Frederick Lubich | “Über das ‘Gefühl des Glücks … einfach raus zu sein’: Von Ostberlin an die Ostküste Amerikas. Ein Gespräch mit Wolfgang Müller, dem langjährigen Herausgeber des transatlantischen Online-Journals Glossen
Rachel Halverson | “Über das Schriftstellerdasein im 21. Jahrhundert – Interview mit Tobias Hülswitt, Autor des Romans Dinge bei Licht, Blogger, und Performance-Intellektueller”

Essays

Anna Rosmus | “Land unter: die Migranten sind da!”
Hans Mayer | “Meine Vorväter im Remstal: Treue Soldaten ihres Kaisers und Führers”

Artikel

Gabriele Eckart | “The Critical Questioning of Autobiographical Writing in Heinz Czechowski”
Beret Norman | “GDR Residue in Works by Julia Schoch and Antje Ravic Strubel”
Reinhard Andress | “Fritz Kalmars ‘Das Wunder von Büttelburg'”

Rezensionen

Gabriele Eckart | Rezension von Schopflochers Das Komplott zu Lima
Kurt Maier | Rezension von Rosmus’ Hitlers Nibelungen

Lyrik

Klaus Rainer Goll | “In Memoriam Günter Grass: Poetische Reminiszenzen eines Lübeckers an einen Wahl-Lübecker”
Gabrielle Alioth | “Poems from the Emerald Island”

Erinnerungen

Reinhard Andress | Erinnerungen an Robert(o) Schopflocher: Ein multikulturelles Leben als Vorbild
Frederick Lubich (Text) und Susan Wansink (Fotografie) | “The Stars Look Very Different Today” Transatlantische Erinnerungen an David Bowie (1947-2016)

Autoren

Autorenbiografien zu Glossen 41, August 2016

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Jun 05 2015

Gabriele Eckart

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The Functions of Multilingual Language Use in Katja Petrowskaja’s Vielleicht Esther 

This article examines several examples of code-switching between languages in Katja Petrowskaja’s narrative Vielleicht Esther. The text of this German-Ukrainian writer (born in 1970) about her genealogical research is written in German, but there are seventy-two instances of mixing German with other languages. The languages are English, Russian, Polish, Yiddish, Hebrew, Italian, and French. According to Istvan Kecskes, code-switching is a term that is used “to cover various types of bi- and multilingual practices” (258) as, for instance, the mixing of two languages within a sentence or the change in language between sentences. This study will examine the most important functions of this code-switching in Petrowskaja’s text. As will be seen, they are mainly related to the negotiation of the first-person narrator’s identity, as, for instance, her Jewishness and her post-Soviet and, above all, her linguistic identity.

Since the first-person narrator (the author’s alter ego) came as a native speaker of Russian to Germany after the fall of the Wall and speaks and writes in German now, it is not surprising that she is highly sensitive to the implications and consequences that the use of one language instead of another has for human existence. Raised in the Soviet Union, German was for her “die Sprache des Feindes” (80)1. However, her roots are mainly Jewish and most of her Jewish ancestors, as she finds out during her genealogical research (it goes back to 1864), spoke German fluently and were proud of it. In addition, she loves Goethe; parts of her narrative rely on an intertextual play with Goethe’s poems “Wanderers Nachtlied” and “Erlkönig” – “unübersetzbare[] Leitsterne” (79) which had directed her in the process of learning the German language. About the intensity of her longing for the German language, the narrator states:

Mein Deutsch blieb in der Spannung der Unerreichbarkeit und bewahrte mich vor Routine. Als wäre es die kleinste Münze, zahlte ich in dieser spät erworbenen Sprache meine Vergangenheit zurück, mit der Leidenschaft eines jungen Liebhabers. Ich begehrte Deutsch so sehr, weil ich damit nicht verschmelzen konnte, getrieben von einer unerfüllbaren Sehnsucht, einer Liebe, die weder Gegenstand noch Geschlecht kannte, keinen Adressaten, denn dort waren nur Klänge, die man nicht einzufangen vermochte, wild waren sie und unerreichbar. (78-9)

Julia Kristeva notes about writers who decide to write in a language other than their native one: “Object of lucid love and nonetheless passionate, the new language is a pretext for rebirth: new identity new hope” (287). This is certainly true for Petrowskaja’s relationship to German – expressing herself in this new language, she can play with different possibilities in the negotiation of her identity after the collapse of the Soviet Union and the discovery of her Jewish roots; it leads to a spiritual rebirth.

Also the following example will demonstrate Petrowskaja’s positive relationship to multilingualism. While the narrator is in Poland to conduct research on her great-grandparents, the first-person narrator states: “nirgendwo habe ich mich so perfekt verloren gefühlt wie hier […]. Ich dachte auf Russisch, suchte meine jüdischen Verwandten und schrieb auf Deutsch.” (115) As the word “perfekt” already indicates, she interprets this feeling of loss positively. She states: “Ich hatte das Glück, mich in der Kluft der Sprachen, im Tausch, in der Verwechslung von Rollen und Blickwinkeln zu bewegen.” (115) In other words, while switching from one language to another the narrator discovers new meanings of words and expressions and with them new perspectives from which to look at herself. To bring the famous tower of Babel into the discussion, Kathryn Starkey should be quoted, who asks in her examination of Wolfram von Eschenbach’s medieval text Willehalm (1217) if the author sees the multilingualism that resulted from the tower’s destruction more as a curse or a blessing. She answers: “the narrator ultimately recognizes that despite the potential problems of communication, linguistic difference is divinely sanctioned” (30). God obviously did not want to punish humans by giving them different languages, but force them to mobilize all their creative potential when they must learn to cope with multilingualism. In regard to this positive effect of multilingualism, Manfred Schmeling and Monika Schmitz-Emans refer to Wilhelm von Humboldt who had pointed out that every language enabled “einen eigen-artigen Zugriff auf die Welt” and concluded “warum sollte es für die Menschen dann erstrebenswert sein, nur eine Sprache zu haben?” (13) Without doubt, also Petrowskaja evaluates linguistic difference positively; changing back and forth between languages enriches her first-person narrator’s self-perception and her perception of the world: “die sprachwechsel, die ich unternehme, um beide seiten zu bewohnen, ich und nicht ich zugleich zu erleben, was für ein anspruch” (117-18). But, there are problems connected with the use of more than one language as will be seen in the following.

One of the reasons that the narrator considers speaking German as beneficial to her is that it functions as a mask. “[G]etarnt mit meiner deutschen Sprache,” she feels more secure: “alle denken, ich gehöre dazu, dabei bin ich nicht von hier.” (116) However, in a nightmare, feelings of insecurity arise when a German word that comes from her lips in a dream slips into a Hebrew word that she experiences as threatening. It happens in Warzaw, after a visit to the Jewish ghetto and a performance of the video artist Katarzyna Kozyra the same day. The artist, playing a man in a sauna, shocked the audience when she, while standing on a table, dropped the towel – showing a false penis that was only “angeklebt[…]” (116). Afterwards, the first-person narrator dreams “von der sauna, vom ghetto, von nackten körpern, gekrümmt im tod oder im genuss” (117). In this dream, she tells Katarzyna, the artist, that because of her first name she also could be “polin” (117). Because this statement implies that, as a Polish Jew, she certainly would have ended up in the ghetto and afterwards in a German extermination camp, the dream becomes threatening when the German word “schau” slips into the Hebrew “shoa” and she accuses the Polish artist of having brought up this word. In this somber dream, she also realizes that losing control over certain words in her newly acquired language can lead to exposure because panicking about the word “shoa” might reveal her Jewish roots: “ich könnte jede sein, aber doch besser nicht, nie würde ich es tun, nein, lieber nichts tun, ich habe mich auch unter anderen versteckt, oder nein, eher zur schau gestellt, schau, ich habe nicht shoa gesagt, du hast shoa gesagt.” (117) The dream – as can be seen, Petrowskaja does not capitalize the nouns in dream texts – continues with a reflection of the narrator’s otherness and leads from the word “scheu” through the force of alliteration once more to the word “shoa”: “ich bin anders, aber ich verstecke mich nicht, warm, und sonst bin ich scheu, schau, shoa, kalt, wieder ganz kalt” (118). In the following, the dreamer dramatizes the question of belonging and her difficult relationship to German: “aber ich kann so tun, und ich und ich und ich, was für ein seltsames wort, wie ort, was für ein ort, als ob ich zu jemandem gehörte, zu einer familie, zu einer sprache, und manchmal sieht es sogar so aus, als wäre es so, ich kann mich nicht verstecken, und das alles auf deutsch” (118). At this point, the memory of the artist’s performance in the setting of the sauna dramatically influences the reflection of the narrator’s relation to German:

diese sprache, mein angeklebtes geschlecht, auf deutsch ist die sprache weiblich und auf russisch ist sie männlich, was habe ich mit diesem wechsel getan? ich kann mir das ankleben, wie du, katarzyna, ich kann mich auf den tisch stellen und es demonstrieren, schaut alle, ich habe es! hier unten, o mein deutsch! ich schwitze, mit meiner auf die zunge geklebten deutschen sprache (118).

Perhaps, the compulsive switch from “schau” to “shoa” that happens repeatedly in this dream has to do with the fact that the narrator learned German at the same time as her brother learned Hebrew; the reverberating sounds must have mixed with astonishing results in their small apartment in Kiev. In the following, the narrator reflects upon the question of how their study of languages was connected with their negotiation of new identities after the collapse of the “Nation der Proletarier und Übermenschen” (18), as she calls the Soviet Union:

Er wandte sich dem orthodoxen Judentum zu, aus blauem Himmel, wie wir alle dachten, ich verliebte mich in einen Deutschen […]. Sein Hebräisch und mein Deutsch – diese Sprachen veränderten unsere Lebenswege, Betreten auf eigene Gefahr. Wir waren eine sowjetische Familie, russisch und nicht religiös, das Russische war das stolze Erbe aller, die wussten, was Verzweiflung ist, angesichts des Schicksals der eigenen Heimat […].” (78)

After quoting from a poem that praises the Russian language which, for her, has the same emotional value as the German line “o du fröhliche, o du selige” (87), the narrator points out: “[W]ir bestimmten uns nicht mehr durch die lebenden und die toten Verwandten und ihre Orte, sondern durch unsere Sprachen.” (78) According to this last statement, the languages you speak define who you are. This would mean that the narrator sees herself as a Russian-German. However, it seems that she cannot find rest in this new bilingual post-Soviet identity since something drives her to travel obsessively in search of her family’s roots. The book Vielleicht Esther is the testimony of this search; the theme is, as was mentioned before, the first-person narrator’s genealogical research. She travels to Kiev where she grew up, to Poland where her great grandparents are from, and to the concentration camp Mauthausen in Austria where one of her grandfathers was imprisoned. Especially the searches in Kiev and in Warsaw turn into a discovery of her Jewish roots – roots she was not aware of during Soviet times. For generations, she finds out, the family had made a living by running schools for deaf mute children of Jewish families. In different European countries, mainly Poland, Russia, and Austria, they had taught their students in unique ways to speak by learning prayers. These prayers were in Yiddish and Hebrew because they were Jews. Her family had kept this knowledge secret from her for reasons of safety. After all, as the narrator demonstrates with abundant examples, Stalin’s and his followers’ politics were appallingly anti-Semitic. During her research in Kiev, the narrator discovers that for older Jews of the city, Yiddish was their first language “egal ob sie religiös waren und die Traditionen achteten oder ob sie ihren Kindern hinterherstürzten, geradewegs vorwärts in die helle sowjetische Zukunft.” (213) She also discovers that many of them were proud of speaking German as their third language; when Germany invaded the Soviet Union in 1941 some of them did not escape because they hoped that their lives would improve under German rule: “beruhige dich, zu den Deutschen hatten wir schon immer gute Beziehungen” (197).

At this point of the narrative, code-switching into Yiddish or into a mixture of Yiddish and German becomes very important for discovering and telling the story of the narrator’s great-grandmother Esther. Due to her difficulties in walking she could not follow the German army’s call to all Jews of Kiev to gather at the corner of Melnik and Dokteriwiski Streets at 8 a.m. on Monday, September 29, 1941. Esther felt bad about it; after all, the call sounded so typically German: “[d]eutlich, klar und verständlich” (214) –a clarity that pleased Esther. In addition, there was a threat in the call: “Es stand da noch etwas über Erschießung. Bei Zuwiderhandlung Erschießung. […] Also nur, wenn man sich nicht an die Regeln hielt.” (214). The narrator describes the old woman moving very slowly down the stairs and along the street until she reaches a German checkpoint and utters the following bilingual mix to the soldiers:

Cherr Offizehr, begann Babuschka mit ihrem unverkennbaren Anhauch [of Yiddish], überzeugt davon, sie spreche Deutsch, zeyn Zi so fayn, sagen Sie mir, was zoll ick denn machen? Ikh hob die plakatn gezen mit instruktzies far yidn, aber ich kann nicht so gut laufen, ikh kann nyscht loyfn azoy schnel. (220)

The narrator guesses that the soldiers just shot Esther, perhaps even without interrupting their conversation, “ohne sich ganz umzudrehen, ganz nebenbei” (221). Or, this is another possibility: Esther might have asked them: “seien Sie so nett, Cherr Offizehr, sagen Sie bitte, wie kommt man nach Babij Jar?” (221) and they shot her because this was annoying: “Wer mag das schon, auf dumme Fragen antworten zu müssen?” (221) In the end, Esther’s body ended up with those of the approximately hundred thousand other people from Kiev who were shot by the Germans and the local police during German occupation and thrown into the infamous ravine Babij Jar. It perplexes the narrator to think that if her grandparents and parents had not left Kiev before the arrival of the German army, they also would have been killed and she would not exist. Therefore, she cannot stop thinking about the massacres that had not bothered her so much when she was growing up in Kiev not knowing about her Jewish roots. In the following, she reflects on the notion of “the Other” and switches into Russian to point out the precise location of these horrible events:

Ja, man nennt diese Opfer für gewöhnlich Juden, aber viele meinen damit nur die anderen. Das ist irreführend, denn die, die da sterben mussten, waren nicht die anderen, sondern die Schulfreunde, die Kinder aus dem Hinterhof, die Nachbarn, die Omas und die Onkel, die biblischen Greise und ihre sowjetischen Enkel, die man am Tag des 29. September auf den Straßen von Kiew in diesem endlosen Zug ihres eigenen Begräbnisses die Bolschaja Shitomirskaja entlanggehen sah. (185)

Walking around the ravine with the strange name Babi Yar (a Turkic word meaning ravine) that an ignorant German librarian mistook for “Baby Jahr” (183) when the narrator asked for books about it, she struggles with the negotiation of her identity:

Ich möchte von diesem Spaziergang so erzählen, als ob es möglich wäre zu verschweigen, dass auch meine Verwandten hier getötet wurden, als ob es möglich wäre, als abstrakter Mensch, als Mensch an sich und nicht nur als Nachfahrin des jüdischen Volkes, mit dem mich nur noch die Suche nach fehlenden Grabsteinen verbindet, als ob es möglich wäre, als ein solcher Mensch an diesem merkwürdigen Ort namens Babij Jar spazieren zu gehen. (184)

That she reflects on the possibility of walking around here as an “abstrakter Mensch” has to do with her former Soviet identity that excluded knowledge of her ethnicity. This exclusion had created a “Nebel in der Familiengeschichte” (91) that was beneficial; all Soviet children had to live with different exclusions in the history of their families, be they ethnic, political, or religious; it had made them equal. However, what was good then is not good anymore today for the narrator; she wants to know about her ancestors. Therefore, she searches in the past to lift this “Nebel” and worries at the same time that the result of her search could undermine what she has seen until now as the person she was.

Besides her great-grandmother Esther, she discovers traces of another relative in Kiev whose Jewishness had been kept secret from her, her great-uncle Arnold. Stories about Arnold’s miraculous survival of all kinds of disasters had become legend in the family. Now, at a closer, post-Soviet look, it turns out that his real name was the Jewish Abram (he changed it after the war to avoid being the victim of anti-Semitism) and the legendary disasters that he had survived were caused by his Jewishness. The narrator reflects: “Mein ganzes Leben wäre anders verlaufen, komischer, aber auch jüdischer, so glaube ich heute, wenn ich von Anfang an gewusst hätte, dass wir einen Abrascha [the Russian form of Abram] in der Familie hatten, ein Name, den ich nicht aus dem Leben, sondern nur aus Witzen kannte […]” (205) Hinting at anti-Semitic stereotypes, she comments on these jokes: “die so endlose Folgen erzeugten wie Arnolds Überlebensfabeln, und vielleicht gab es diese Fabeln nur wegen der Witze.” (205) Later, when the narrator reflects on the reasons for the suppression of Jews and other ethnic minorities in the Soviet Union, she states with sarcasm: “Im großen Garten des Landes wurde jahrzehntelang versucht, möglichst vieles zu pfropfen, besonders Apfelsorten, gleichzeitig wurde zielstrebig an der Reduzierung der Menschentypen gearbeitet.” (236) This example shows how closely the examination of code-switching as, for instance, in the changes of the uncle’s name from Yiddish to German, is connected with her struggle to come to terms with her identity after the collapse of the Soviet Union. Is she Jewish or an “abstrakter Mensch” and if both, to what degrees, and how should she feel about it?

Since the narrator also searches for her family’s roots on the Internet, most switches in Petrowskaja’s text (there are thirty) go from German to English, the language of Google. Other English expressions are used as tools in the narrator’s genealogical research, as for instance, in the sentence, “Ein Adolf unter meinen Juden, related through, damit hatte ich als letztes gerechnet.” (131) However, there are also switches into English that touch difficult political matters and interfere with her former Soviet beliefs in what was right and wrong in history and with the meaning of historical dates. One relative, Mira, the author of the book Life beyond the Holocaust, lives, as the narrator discovers, in Oak Ridge, Tennessee, in the United States. But, this was the location of the Oak Ridge National Laboratory that, according to its website, was founded “für die Atombombe, die den zweiten Weltkrieg beendete.” (120) In her attempt to grasp “die inneren Verbindungen meiner Familie, unsere Leitmotive” (120), she studies the Laboratory’s website according to which the atom bomb saved the world: “Oak Ridge hat die Welt gerettet!” (120) In the Soviet Union she had learned that differently. The “Graphitreaktor” (120) at Oak Ridge, she reads, was launched on November 4, 1943. The narrator thinks: “Dieses Datum haben wir in der Schule gelernt, an diesem Tag begann die Schlacht um die Befreiung von Kiew, meiner Heimatstadt.” (120) As has been seen in other instances, crossing borders into other languages undermines the basics of her former Soviet identity and influences her in the negotiation of a new one.

Dorothea Lauterbach, examining the functions of code-switching into French in Rilke’s novel Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910), states that in Rilke’s time bilingualism in a literary text belonged to the “erzähltechnische[n] Innovationspotential” (175) of modernity. In the globalized world of today, in which also code-switching into local dialects is highly valued as enriching the complexity of a literary text, we can claim the following: A text written in standard German that has no traces of other languages or dialects at all is aesthetically not up to date. In Petrowskaja’s text Vielleicht Esther, of a total of two-hundred eighty-three pages, there are seventy-two cases of switching from German into seven different languages; the text looks and sounds like the explosion of multilingual fireworks.

The color that shines the brightest in this display, accompanied by a whistling that sounds the most delighted, is Polish. There are thirteen examples of switching from German into Polish; one can feel the narrator’s fingers trembling with happiness while she types this multilingual mix “Polen, Polyń, Polonia, Polania, polan-ja, hier-wohnt-Gott, drei hebräische Wörter, die aus dem slawischen Polen ein gelobtes Land der Juden machten” (55)2. One of her favorite Polish expression is the first verse of the Polish national anthem ”jeszcze Polska nie zginęła, noch ist Polen nicht verloren” (91). She loves Poland so much that she regrets that she cannot be Polish because, when her grandmother was born in 1905, Eastern Poland belonged to the Russian empire and in addition to that, as she knows now, her Polish family was Jewish. Her father also loved Poland; she had grown up listening to his praises of “Polscha” (the Russian word for Poland) that, according to his point of view, “war die weiblichste Erscheinung unserer sozialistischen Welt.” (92) And she remembers how deeply he was mourning over what was done to Poland by its neighbors, including the Soviet Union: “der Kanal, der Warschauer Aufstand, die polnischen Teilungen, Katyń.” (92-3) The narrator remembers: “Die polnische Tragödie schmerzte ihn, als dürfe er das eigene nur im Schmerz der anderen erkennen in einer Art Übersetzung.” (93) When she asked her father how he could love the Poles who obviously did not like Russians and Jews too much, he said to her surprise: “Liebe muss nicht erwidert werden.” (93) Many insertions of Polish in Petrowskaja’s text are quotations from Polish poetry. Others have to do with her former dreams of traveling to Poland – “ein unerreichbares, schönes Ausland” (91) when traveling there was forbidden. As soon as the travel restrictions were lifted after the dissolution of the Soviet Union, she set out to go there – a trip that through spectatorship and comparison with her homeland started producing a basis for her post-Soviet self. During her latest trip to this country, most important were encounters with Poles who helped her in researching her family’s Jewish roots and also enabled her to abandon some of her stereotypes about Poles, as for instance, they would all be Catholic. As Edzard Obendiek pointed out, communicating with people from other countries is the aspect of traveling that enables the travelers the most to access suppressed possibilities in their own lives, a space he calls “die Fremde in sich selbst” (120). This certainly is true for the narrator’s encounter with Pani Ania, a Polish woman who shows her “die schönsten kościoły, der Stadt, die Reliquien der heiligen Ursula.” (134) The narrator goes on to remember that she wanted to see the chalice of King Kazimierz at all costs, but when she expressed her admiration for Catholizism, Pani Ania told her in flawless English that she had studied for four years in England and was a practising Moslem. Astonished, the narrator reflects: “Sie war die perfekte Andere, fremd und doch wie ich, und ich dachte, mit solchen Menschen ist Polen tatsächlich nicht verloren.” (134)

Pani Ania surprised her even more when she showed her the Hebrew letters in the pavement of the streets in Kalisz. The emotional impact of the letters’ discovery and the history of Polish anti-Semitism connected with it, is so strong that the narrator realizes, despite her new dreamed-of post-Soviet Russian German identity, she is also Jewish. As we remember, her brother had learned Hebrew when she had learned German; therefore, the letters must be familiar to her; she has seen Hebrew letters before. As Pani Ania told her, after the Germans had exterminated all Jews of Kalisz, the inhabitants of the town removed the “Mazewen” (tombstones) from the local cemetery, cut them and used the stones to pave the streets: “Mit der Rückseite nach oben, so dass man die hebräischen Buchstaben nicht sah, wenn man auf die Steine trat.” (135) Bitterly, the narrator – whose voice had always sounded so delighted when she talked about things she encountered in Poland before – comments: “Es war ein System der Vernichtung mit mehrfacher Sicherung. Ob man davon weiß oder nicht, jeder, der die Straßen von Kalisz entlanggeht, tritt die Grabsteine mit Füßen.” (135) When pipes had to be laid a few years before the narrator traveled to Kalisz, the workers took out the stones and put them back afterwards. However, in this process it happened by accident that some of the stones were turned around and the Hebrew letters appeared. After Pani Ania pointed to some of the Hebrew letters, the narrator tries to find more on her own on this “unsichtbaren Friedhof der fremden Nachbarn, die nicht mehr da waren” (136), as she sadly comments. Discovering them here and there, sometimes far apart, was a “Glücksspiel, dessen Regeln niemand festgelegt hat und das jedem offensteht” (136). Switching to English, she calls it a “Memory for Erwachsene” and adds bitterly that nobody played along because nobody noticed these letters. Overwhelmed by a grief not known to her until now, she has to go on code-switching from German to English to express her feelings: “Ich war so auf meine Buchstaben fixiert, dass ich die Autos nicht hupen hörte, nur ein Lied in meinem Kopf: ‘Hey, Jude’, summte es, ‘and any time you feel the pain, hey, Jude, refrain.’” (136) As the reader of Vielleicht Esther is aware of at this point, the narrator read Mira Kimmelmann’s book Life beyond the Holocaust (2005). Therefore, we can assume that for Petrowskaja’s first-person narrator, the proper language for grieving about matters related to the Holocaust is English – a language she had learned in high school. Reflecting upon the book’s title, she thinks, mixing English with the title of a book by Friedrich Nietzsche: “Beyond steckte in meinem Kopf, auf Deutsch Jenseits, ein apokalyptisches Wort, Jenseits von Gut und Böse.” (121) When Kimmelmann asked her via e-mail which language she preferred, English or German, the narrator felt relieved because she had worried about that her address in Berlin, Germany, could offend her. Listening on the phone to Mira calling from Oak Ridge takes her breath away: “Sie sprach nicht nur besser Hochdeutsch als ich, es war Vorkriegsdeutsch, langsam und gepflegt […]. Kein Hauch von Jiddish, kein polnischer Akzent. Deutsch war Miras Muttersprache.” (123) Mira told her about other Jewish relatives from Poland who had survived the Holocaust, many of whom the narrator had never heard of; they lived now scattered all over the world. Very surprised, she thinks, in a mixture of German and English: “Und so habe ich eine neue Familie, related through Adam, sozusagen, über tausend Ecken.” (126) In this context of passionately searching for her Jewish roots, the narrator stumbles over another multilingual thought in her mind that is especially important for the negotiation of her post-Soviet identity since it includes Russian. Mira had told her Rabbi, Victor, in Oak Ridge about the narrator’s search for her ancestors. Recognizing her name, he calls her in Berlin to tell her that he knew her father; they both had been political dissidents in Moscow during the Soviet regime until Victor had left for the United States. Very surprised, she thinks:

Der einzige Rabbi, den ich kannte, war der Rabbi der einzigen Überlebenden unserer polnischen Sippe. Victor hatte auch keine Erklärung, und Mira brauchte keine. Dann riefen sie mich beide an, Victor und Mira. Erst sprach Victor. Ich dachte kurz über das Paradoxon ihrer beiden Namen nach, als ob Sieg (Victor) und Frieden (Mir) mich gleichzeitig anriefen, aber dann begann Mira, mit mir Deutsch zu sprechen. (123)

Both the English word “victory” and the Russion word “Mir” (peace) were used in post- Wall West- and East-German literature for very different reasons, as post-modern ornaments or to express political concerns. As critics pointed out (see, for instance, Eckart 57), the West German writer Karen Duve in her novel Regenroman (1994) uses the word “Victory” as a linguistic ornament: “Die weiße Schnecke bäumte sich auf wie ein Zirkustier, reckte den Vorderkörper in die Luft und spreizte die Fühler zu einem V. V wie Victory.” (123) By contrast, the East German writer Grit Poppe uses the same English word in her novel Andere Umstände (1998) with a mimetic function for reasons that are clearly political. Remembering the events that led to the fall of the Wall, she mentions a woman who “hielt ein Pappschild mit dem Wort Freiheit in die Höhe, darunter das gezeichnete Victory-Zeichen” (138). In the East German author Helga Schütz’s novel Knietief im Paradies (2005), the Russian word “Mir” (peace) was also used for political reasons. Spelling it according to the Cyrrilic alphabet as MИP (peace), Schütz uses it to point out one of the most controversial watchwords of socialism that became a slogan during the Cold War in the East. According to Schütz’s novel, in the early phase of the GDR, “MИP” was used to justify the exercise of Stalinist power politics that led to the arrest of many, sometimes innocent, people. Playfully translating the word MИP from the Cyrillic alphabet into German, Helga Schütz’s young first-person narrator creates a new word, “Mup” (149) – a morpheme that in German does not mean anything. However, it sounds interesting, somehow like a playword for children, a nickname for a doll perhaps. As it turns out later in the novel, it is much more than a word for fun but rather, serves as a password for the liberation of a sixteen-year-old poet who was sentenced unjustly to ”fünf Jahren verschärfter Erziehung im Jugendwerkhof” (120). With the help of the neologism “Mup,” she helps him to escape. In other words, while at first glance code-switching from German into Russian in Schütz’s novel and the coinage of the word “Mup” seems to be merely for the purpose of post-modern play (similar to Duve’s use of the English word “victory”), on a second look, this is not true at all. Schütz plays with the Russian word and its translation into German for political reasons in the context of Soviet domination and hegemony.

What functions do the English word “Victory” and the Russian word “Mir” have in Petrowskaja’s novel? They are certainly not post-modern ornaments; there is something political in the way they are used. However, this is not all. Being placed so close to each other in one sentence, they suggest a celebration of the fact that the Cold War is over and with it the struggle for the meaning of words and dates. Simultaneously, the use of the words “Victory” and “Mir” deeply touches at the narrator’s preoccupation with topics of home, belonging, and identity. After all, both Victor (standing for the word “victory”) and Mira (standing for the word “peace”) are Eastern European Jews – one Jew who escaped from the Soviet Union for political reasons and another Jew who survived the Holocaust in Poland during German occupation. Both live in Oak Ridge in the United States where the first nuclear bomb was created, while the narrator herself is a Russian, now officially an Ukrainian, with Jewish roots (as she recently discovered), living in Germany and speaking German. That she tries to negotiate her identity in this context of national, political, and ethnic complexity, goes beyond mere aesthetic or political reasons; it is, as the narrator puts it, an “existentielle Gymnastik im Kampf um das Gleichgewicht.” (22)

Although there are only two examples of Yiddish in the novel, it plays perhaps the most important role in the negotiation of the narrator’s new identity. She does not speak Yiddish, but discovers that most of her ancestors did; they had spoken it as their first language. When she brought her grandmother Rosa a record with Jewish songs from Eastern Europe as a gift from her first journey to Poland, the grandmother, whom she had never heard say a word of Yiddish, suddenly started singing in that language; during these moments, the narrator was able to glance into her grandmother’s Jewish childhood. The narrator remembers only one Yiddish word that was still used in her family, the word “meschugge”: “So ein Meschuggener” (144), her grandfather had said about her great-uncle Judas Stern. This process of thinking about Yiddish turns into the biggest blow to her old Soviet belief system. It is the discovery that not only the Germans, but also Stalin was responsible for the disappearance of that language in the Soviet Union. Authors of books, as, for instance, the important Schwarzbuch über die Massenvernichtung der Juden (produced by Soviet Jews and immediately destroyed by the Soviet government in 1948), were persecuted along with Jewish physicians who were accused of being poisoners. Outraged, she states: “Die Erschießung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees war eine der letzten Aktionen Stalins.” (188) Among the members of the committee were writers – the last ones who still wrote in Yiddish. When she discussed this discovery with her father, he summarized the disappearance of this language saying: “Hitler hat die Leser getötet und Stalin die Schriftsteller.” (188) Troubled by this statement, she reflects upon the history of surviving Jews in the Soviet Union after World War II and concludes: “Sie wurden als heimatlose Kosmopoliten stigmatisiert, vielleicht weil man sie ungeachtet aller Grenzen tötete, sie, die verbotene Beziehungen mit dem Ausland unterhielten und deswegen nicht zur großen Familie der sowjetischen Brudervölker gehören durften.” (188-89) As can be seen clearly, the identity crisis caused by the discovery of her Jewish family-roots that had been kept secret from her goes hand in hand with the collapse of the narrator’s old Soviet belief system.

Petrowskaja’s text also contains two cases of code-switching into French and three cases of code-switching into Italian. As exemplified by the following quotation from the guest book of Mauthausen “à la mémoire du mon grand-père” (254), French is mainly used for the insertion of documentary material into the text. Code-switching into Italian, on the other hand, has the function of consolation since the Italian expressions are mainly lines from famous Italian operas that family members repeated in times of distress; they have the function of bringing relief, as can be seen in the following:

‘Warum bin ich schuldig, dass ich mich in Alfredo verliebt habe’, sang sie [her greandmother Rosa], wie die russische Übersetzung seltsamerweise lautet – ‘L’amore d’Alfredo perfino mi manca’. Jahre später fand ich heraus, dass es sich um die Arie der Violetta aus La Traviata handelte, ich erschrak jedesmal, so leidenschaftlich sang Rosa, so fremd erschien mir diese Leidenschaft meiner Babuschka, die seit vierzig Jahren ohne Mann lebte, und so gegenwärtig. (66)

As can be seen in this last quotation, there are different languages attached to certain memories and the narrator switches back and forth between them with ease. “Babuschka” is the Russian word for grandmother, not written in Cyrillic, but in Latin letters. Similarly, in researching her grandfather’s life, she uses the word “Deduschka” (225) instead of the German word “Großvater.” Arriving at this point, the reader of Petrowskaja’s text might assume that the search for a new post-Soviet identity has ended with her becoming Jewish; however, that is not so. Instead, the awareness of her Jewish roots becomes an important part of her new identity that is in balance with others, especially her passion for German. Remembering the time after the collapse of the Soviet Union when her brother learned Hebrew and she German, the narrator thinks: “Gemeinsam schufen wir, mein Bruder und ich, durch diese Sprachen ein Gleichgewicht gegenüber unserer Herkunft.” (78) The “Herkunft” referred to here signifies the siblings’ Soviet past, a time when asking for your family’s roots had been politically incorrect. While her brother, learning Hebrew, decided to become an Orthodox Jew, the narrator, while learning German, decided to marry a German and to express herself from now on in that language. Referring to her Jewish ancestors’ profession of teaching deaf mute children to speak, she notes about her Jewishness: “Unser Judentum blieb für mich taubstumm und die Taubstummheit jüdisch. Das war meine Geschichte, meine Herkunft, doch das war nicht ich.” (51)

The last chapter of Vielleicht Esther is dedicated to the description of her search for the history of her beloved “Deduschka” who survived the concentration camp of Mauthausen. As the only one of her four grandparents, he was not Jewish, but Ukrainian. As the narrator discovers in the documents, he was a Soviet prisoner of war who, in order to survive the camp, had to renounce his Jewish wife and children. Was this the reason that he did not return to his family after the war for so many years (the narrator was twelve when she met him the first time)? Far from reproaching her grandfather, she tries to understand the situation of being a Soviet prisoner of war in a German concentration camp that had caused his distress. On the way to Mauthausen, she read Thomas Bernhardt. Having the “Geschrei auf dem Heldenplatz” (245) in her ear that he describes so well, she is able to forgive her grandfather.

In this last chapter about the narrator’s non-Jewish Ukrainian grandfather, there are significant examples of code-switching into Russian. As she remembers, the grandfather hardly talked: “Er saß im Sessel, lächelte die Enkel an und schwieg.” (227) Looking more like a “vornehmer deutscher Greis” (229) than a Soviet pensioner, sometimes he said “da oder choroscho” (“yes or good”) (229); that was all. To his granddaughter, the narrator of Petrowskaja’s text, these snippets of the Russian language sounded as if he had a foreign accent “so merkwürdig und fremd tönten die Worte aus seinem Mund.” (229) The strange sound of the grandfather’s words, as well as his silence regarding his past, has not only to do with his guilt towards his Jewish wife and children to whom he had returned so late in life, as the narrator discovers, but also with the fact that, under Stalin, he was ostracized as a former prisoner of war. Because of that, he had to endure hardship in the Soviet Union after 1945, hardship that reminded him of the hardship suffered in the German concentration camp. In Petrowskaja’s text, her grandfather’s silence about his experiences during and after the war runs parallel to the silence of the narrator’s father about the reason why he had changed his name from the Jewish Schimon Stern to the Russian Semjon Petrowskij during the late 1940s; both men’s silences were necessary for them to survive before the end of the Soviet Union.

In addition, code-switching into Russian, as, for instance, in the description of the narrator’s walk through the Austrian landscape on the way to Mauthausen, has clearly nostalgic reasons:

Ich gehe zu Fuß, gemessenen Schrittes, wie man Gedichte schreibt, einem inneren Rhythmus folgend, denn alle russischen Gedichte über den Weg sind in fünfhebigen Jamben geschrieben, Vy-cho-shu-o-din-ja-na-do-rogu / Einsam geh’ ich auf dem Weg. (243)

Although the narrator puts a question mark on many of the Soviet ideological paradigms she had believed in, there is no doubt that she is still longing for the Russian language, as this last example of code-switching demonstrates. Besides quotations of poems, there are also references to Russian songs, fairy tales, and recipes in Petrowskaja’s text. The inserted Russian words are sixteen times in Latin and three times in Cyrillic letters – the latter ones look really foreign in the way they are inserted into the German text. However, there is one Russian word that is certainly not inserted for nostalgic reasons – the offensive expression for Jew. When the narrator’s great-grandmother Esther decided to follow the German military’s instructions on September 29, 1941, it had impressed her because of the precision: “Alle, 8 Uhr und die genaue Adresse.” (214) Thoughtfully, the narrator remarks: “Und weder die Friedhöfe noch das abwertende Wort żyd auf den russischen Plakaten haben sie beunruhigt.” (214) As in the cases of Yiddish and Hebrew, also this insertion of a Russian word enables the narrator to articulate her concerns about her disappeared Jewish ancestors and of all of those “verschwundenen Dingen, die ich nicht haben und nicht deuten konnte” (136) because the traces have disappeared.

As one critic pointed out, although Petrowskaja describes a century of genocide, deportations, and war in her autobiographical novel Vielleicht Esther, she does so playfully and keeps her “leise Heiterkeit” also in situations “wenn die Situation von bedrückendem Ernst ist” (Hammelehle). The crossing into other languages that has been examined in this study clearly helped Petrowskaja to achieve this wonderful tone. It eases what she calls the “Gewaltpotential” (9) of certain expressions and also gives her a special awareness of the ambivalence of meaning of certain German words. A good example is the word “heil.” About her investigation of the months before Hitler took power, the narrator remembers: “obwohl alles schon in Gang gesetzt ist, schien mir die Welt noch heil zu sein, wenn es nicht mehr so sein wird, wird man einander mit Heil begrüßen” (152)
Above all, as has been seen in this study, the multilingualism in Vielleicht Esther enables the narrator to negotiate her personal, ethnic, and linguistic identity after the collapse of the Soviet Union by looking at herself from different perspectives that come along with different languages.

 

Notes
1 All page numbers of Katja Petrowskaja’s text are taken from Vielleicht Esther. Berlin: Suhrkamp, 2014.
2 The homophony between the Slavic term for Poland and the Hebrew expression for “das gelobte Land” without doubt has to do with the history of the Jews in Poland that dates back over a millennium. Due to Poland’s religious tolerance, the country became a shelter for persecuted European Jews.

 

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Jun 12 2014

Frederick A. Lubich

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„Wo ich bin, ist Deutschland”
Thomas Mann als transatlantischer Emigrant par excellence
oder
Hundert Jahre Poschinger Straße 1 (1914-2014)

 

“You Can’t Go Home Again“
(Thomas Wolfe) [1]

Als ich Anfang der achtziger Jahre im kalifornischen Santa Barbara das Lebenswerk Thomas Manns für meine Doktorarbeit zu recherchieren begann, schien der Großschriftsteller und  Nobelpreisträger der Literatur zwei Autostunden weiter südlich noch immer durch Pacific Palisades, Los Angeles zu geistern. Er war zwar schon ein gutes Vierteljahrhundert tot, aber irgendwie schwebte der Zauberer, wie sein Familie ihn nannte, noch immer als spiritus rector der deutschen Auswanderergemeinde über jener Gegend, die damals den größten Teil der exilierten Kulturelite Deutschlands beherbergt hatte und bald als „Weimar on the Pacific“ bekannt und berühmt werden sollte. Thomas Manns Novellen und Romane von Tonio Kröger und Der Tod in Venedig über Buddenbrooks und Zauberberg zu Doktor Faustus, um nur einige der wichtigsten zu nennen, thematisieren deutsche und europäische Bildungstraditionen und kulturgeschichtliche Aspirationen auf beispielhafte Weise und machten vor allem für die Exilzeit sein Werk zu einem facettenreichen Reflexionsmedium des abendländischen Kulturerbes  und den Autor entsprechend zu seiner kongenialen Repräsentationfigur. Bei seiner Einwanderung nach Amerika hatte ihn ein Reporter gefragt, ob er das Exil als Last empfinde, worauf er trotzig erwidert haben soll: „Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine Kultur in mir.“[2]

Als exemplarischer poeta doctus war Thomas Mann die ideale, kreativ-akademische Verkörperung der deutschen Tradition der Dichter und Denker. Gleichzeitig sollte er auch bald mit seinen zahlreichen Schriften und Vorträgen wie kein anderer zum exponierten Antagonisten des Dritten Reiches und seiner aufsteigenden Richter und Henker werden. Seit 1940 rief er seine Landsleute über den Langwellensender der BBC in monatlichen Radiosendungen zum Widerstand gegen das Nazi-Regime auf und im Laufe der Jahre wurde er mehr und mehr zur transatlantischen Kassandra, die immer vergeblicher die über Europa heraufziehende Katastrophe beschwor.

Die in diese Zeit fallende, jahrelange Arbeit an der tausendseitigen Josephs-Tetralogie, eine weit ausufernde Nacherzählung der alttestamentarischen Geschichte von Joseph in Ägypten, ist gleichsam das mythisch-moderne Meta-Narrativ aller Exilerfahrungen. In seiner vielfachen Vermischung diverser Sprachperioden und Sprachidiome, angefangen vom reformatorischen Lutherdeutsch bis zum aktuellen Journalistenjargon, illustriert und reflektiert dieser episch-eloquente Mega-Roman das ganze Panorama der Möglichkeiten und Herausforderungen, die sich ausgewanderten Schriftstellern stellen, die in der Sprachfremde in ihrer Muttersprache weiterzuschreiben suchen.

Als der im Alter immer liberaler werdende Thomas Mann und seine linksliberale Tochter Erika nach dem Kriege zunehmend ins Visier des FBI gerieten, mussten sie sich schließlich als verdächtigte Sympathisanten der kommunistischen Partei vor dem „House Committee on Un-American Activities“ verantworten. Daraufhin entschloss sich Thomas Mann, seiner  Wahlheimat Amerika und nicht zuletzt auch seinem geliebten Kalifornien den Rücken zu kehren und zusammen mit seiner Familie in die Alte Welt zurückzuziehen. Da ihn jedoch in Deutschland die Kommunisten der Deutschen Demokratischen Republik für einen ausgemachten  Kapitalisten und die Konservativen der Bundesrepublik für einen verkappten Sozialisten und treulosen Vaterlandsveräter hielten, zog er es vor, mit seiner Familie in die Schweiz zu ziehen und dort seine letzte Heimstatt zu gründen. Sie glich freilich nicht mehr dem Prachtbau aus der späten Glanzzeit des Wilhelminischen Kaiserreiches, in dem die Manns in ihren Münchner Jahren gelebt hatten.

 

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Die Residenz in der Münchner Poschinger Straße, in der die Familie Mann von 1914-1933 wohnte
(Aufnahme aus dem Jahr 2006) [3]

 

Thomas Mann wohnte gerne hier in dieser idyllisch-imposanten Stadtvilla, die er genau vor hundert Jahren mit seiner Familie bezogen hatte. Inmitten des Bogenhausener Herzogparks gelegen bot sie dem Schriftsteller die unmittelbare Möglichkeit zu erholsamen Spaziergängen mit seinem Hund Bauschan, einem gutmütigen Hühnerhund mit etwas unklarem Stammbaum, dem er in seiner Gelegenheitsgeschichte „Herr und Hund“ ein liebevolles Denkmal gesetzt hatte.

 

*

 

Als Klaus Mann, der älteste Sohn der Mann-Familie, nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches als amerikanischer  Reporter das Elternhaus zum ersten Mal wieder betrat, war es eine halbe Ruine. Zudem stellte sich heraus, dass in den letzten Jahren des Nazi-Regimes die Räume des Hauses zu einer Einrichtung des sogenannten “Lebensborns“ umfunktioniert worden waren und somit das Mann’sche Domizil de facto zu einem völkischen Freudenhaus  heruntergekommen war. Thomas Mann hatte in seinen Streitschriften gegen das Dritte Reich immer wieder die Nazi-Propaganda als eine systematische Verhunzung aller einst ehrwürdigen Überlieferungen entlarvt. Nun war also auch noch das eigene und einst so respektable Wohnhaus zur notorischen Brutstätte für den von Nietzsche verkündeten „Übermenschen“ verhunzt.

 

Herrenrasse, Damenrasse, Kraft durch Freude!
Es wird ein Mannsbild erster Klasse!

Und auch der Hund wird arisch,
grad so wie Hitlers treue Blondi – strohdumm, blutrein, barbarisch.
Und alle werden zäh wie Leder,

grad so wie einst bei Buddenbrooks der hundsgemeine Permaneder.

 

So oder so ähnlich mögen die Flüsterwitze und Lästerreime gelautet haben, die man sich damals in München, der sogenannten „Hauptstadt der Bewegung“ hinter vorgehaltener Hand erzählte. Jedenfalls war aus Thomas Manns literarischen Jugendstilträumen von nordisch sonnenblonden Jungen inzwischen der organisierte Alptraum einer verblendeten Hitlerjugend geworden, aus der ihr Führer das blutrünstige Raubtier entfesseln wollte, wie er in seinen landläufigen Schreibversuchen und Schreiveranstaltungen immer wieder verlauten ließ, kurzum, Nietzsches vielbeschworene und schon von der Endzeit umwitterte „blonde Bestie“. Was bei dieser tierischen Götterdämmerung letztendlich herauskam, war bekanntlich der „innere Schweinehund“, der vor allem in den Sonderkommandos und Vernichtungslagern der faschistischen Schreckensherrschaft sein blutiges Unwesen treiben konnte und grausam entfalten sollte. Gegen Kriegsende verwandelte sich die Ausgeburt des inneren Schweinehunds noch einmal und zwar in den Wechselbalg des jugendlichen „Werwolfs“, dessen verwirrte Rudel die brechenden Fronten des Dritten Reiches halten und seine zahllosen „inneren Feinde“ endgültig vernichten sollte. Sprechender lässt sich die Agonie des Nazi-Regimes, die radikale Verkehrung seines kommenden „Herrenvolkes“ ins Grotesk-Unmenschliche nicht beschreiben als in dessen eigener sprachlichen Selbstverhunzung und menschlichen Selbstzerfleischung. Ein Darwinistisches Debakel und Retro-Spektakel, das jeder vernünftigen Geschichtschreibung spottet.

„Die Lager“, „Leiden an Deutschland“, „Nietzsche im Lichte unserer Erfahrung“, so lauten exemplarische Essays, in denen Thomas Mann für sich und sein Volk nach dem Krieg immer wieder Aufklärung suchte und Rechenschaft abzulegen versuchte. Der Autor war wie wohl kein anderer seiner Generation auch für diese Rolle prädestiniert, nämlich Zeugnis abzugeben für ein Zeitalter, das spätere Geschichtschreiber das „deutsche Jahrhundert“ genannt hätten – so zumindest einige Deuter und Seher ihrer Zunft -, wäre nicht dieses vielversprechende Deutschland in der Verhurung und Verheerung des Dritten Reiches so schändlich untergegangen. In diesem Sinne könnte Thomas Mann im Rückblick auf sein einstiges Poschinger Domizil, beziehungsweise seine spätere Umfunktionierung zum Bordell für Blondhaarige und Blauäugige, seine schon seinerzeit nicht unumstrittene Standortbestimmung noch dahingehend erweitern: Wo ich einst wohnte, da hauste auch die deutsche Barbarei.

*

In Heinrich Breloers dreiteiligem Doku-Drama Die Manns – Ein Jahrhundertroman (2001) wandert Elisabeth Mann, die jüngste Mann-Tochter als alte Dame erinnerungsversunken durch die leeren, ungemütlichen Räume ihres Elternhauses. Und auch Jahre später machte es keinen ausgesprochen einladenden Gesamteindruck. Als ich im Sommer 2006 in München war, suchte ich es in der Poschinger Straße auf. Zur Zeit Thomas Manns war es ein Treff- und Mittelpunkt der größten Geister der Weimarer Republik gewesen. Diesmal war es zwar äußerlich gut renoviert, wirkte jedoch weiterhin recht reserviert, verschlossen und entgeistert. Dergestalt versinnbildlichte es für mich noch einmal die ganze Widersprüchlichkeit von Thomas Manns exemplarischer Existenz, nämlich einerseits seinen Aufstieg zum repräsentativen Schriftsteller Deutschlands und einem der renommiertesten Einwanderer Amerikas und andererseits seinen folgenden Fall und Verruf als ein politisch verdächtiger Unterwanderer seiner neuen Wahlheimat  sowie als ein bekennender Vaterlandsverräter seines eigenen Herkunftslandes. Fürwahr eine vita repraesentativa in extremis.

Ironie des Schicksals. In der Weimarer Republik hatte Alfred Kerr, einer ihrer scharfzüngigsten Kulturkritiker das literarische Werk Thomas Manns vor allem als das Ergebnis von unermüdlichem Sitzfleisch seitens seines Verfassers charakterisiert. Nun sass der Verfasser buchstäblich zwischen allen Stühlen. Der Bürger Thomas Mann, von Haus aus zur Sesshaftigkeit geboren und zur höheren Bildung geradezu bestellt, war zum entwurzelten Wanderer zwischen den Welten schlechthin geworden. Dergestalt wird der Autor, der als „Ironischer Deutscher“ in die Literaturgeschichte eingehen sollte, von der vielfachen Ironie seines eigenen Lebensgeschicks immer wieder eingeholt und schließlich im wahrsten Sinne des Wortes bis in sein eigenes, so verschlossen wirkendes Haus heimgesucht. Auf diese Weise bestätigt seine Auswanderer- und Heimkehrergeschichte ein letztes Mal jene vielfache Exilerfahrung seiner Generation, deren Summe Alfred Polgar auf den geradezu sprichwörtlich gewordenen gemeinsamen Nenner gebracht hatte. „Die Fremde ist nicht Heimat geworden. Aber die Heimat Fremde“.

 

 

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Straßenschild in der alten Münchner Nachbarschaft Thomas Manns

 

Als ich im Sommer 2006 durch den Bogenhausener Herzogpark streifte, in dem sich auch die Poschinger Straße befindet, stieß ich auf dieses Straßenschild. Ein Jahr nach dem Tod des Schriftstellers hatte die Stadt München die ehemalige Föhringer Allee in Thomas-Mann-Allee umbenannt. Betrachtet man das unrühmliche Schlusskapitel von Thomas Manns Poschinger Residenz, so kann man getrost zu der Schlussfolgerung gelangen, dass die Erinnerung an sein Werk hier im Bogenhausener Herzogpark am besten aufgehoben ist – hier im Freien und Offenen zwischen all den Bäumen und ihrem bunten Blüten- und Blätterwerk im steten Wandel der Natur und ihrer immer wieder kehrenden Jahreszeiten.

 

*

„Wohin gehen wir? Immer nach Hause“
(Novalis)

„Ich trage meine Kultur in mir“, so hatte Thomas Mann auf die bereits erwähnte Exil-Frage eines  amerikanischen Reporters geantwortet. Seine zwei literarischen Prinzipien „Im Zitat leben“ und „In Spuren gehen“ können dieses Selbstverständnis weiter illustrieren.

Das erste bedeutet, sich im Zitat entweder mit seinem Autor zu identifizieren, oder auch sich mehr oder weniger ironisch von ihm zu distanzieren. Das zweite ist mit dem ersten verwandt, und besagt, dass historische Personen und literarische Figuren immer wieder in den Spuren bahnbrechender Vorgänger wandeln. Zusammengesehen bilden beide Leitmotive in den Texten Thomas Manns ein beziehungsreiches Netzwerk von Erfahrungen und Vorstellungen und kristallisieren sich zu einem literarischen und kulturhistorischen Universum, das wohl wie kein anderes Werk der Moderne abendländische und morgenländische Traditionen auf vielschichtige Art und Weise repräsentiert und ineinander reflektiert. Der Bogen spannt sich von Tonio Krögers Gespaltenheit zwischen nordisch-strenger Bürgerlichkeit und südlich ausschweifendem Künstlertum bis zur indischen Legende „Die vertauschten Köpfe“ und wieder zurück zum pathetisch-parodistischen Memoirenroman Lotte in Weimar. Diese literarischen Weltreisen werden ergänzt durch historische Zeitreisen, angefangen von der epochalen Hochkultur Altägyptens und der antiken Mythenwelt in den Erinnerungen Gustav Aschenbachs im „Tod in Venedig“ über das  mittelalterlich geschlossene Weltbild des heiligen Sünders in dem Roman Der Erwählte bis zu den bewegten Gründerjahren des zweiten deutschen Kaiserreiches und den folgenden Aufbau- und Zerstörungsjahren des deutschen Faschismus und seines geradezu schon apokalyptischen Untergangs.

Im Gegensatz zu den immer wieder kontrastiven und letztendlich destruktiven Konfigurationen der frühen und mittleren Schaffensphase ist das Alterswerk Thomas Manns von einer zunehmenden Auflösung der Widersprüche und ihrer Verwandlung ins Heiter-Ironische gekennzeichnet, eine Tendenz, die bestrebt ist, die Gegensätze auf höherer Ebene im Menschlich-Allzumenschlichen einer multikulturellen Menschheitsgeschichte aufzuheben. Sein Essay „Die Einheit des Menschengeistes“ ist ein illustratives Beispiel dafür.

Im Laufe der Jahre wurden mir Werk und Leben Thomas Manns in gewisser Weise zu einem wesentlichen Bestandteil meiner geistigen Heimat in der Neuen Welt. Seine Erzählungen und Romane aus der Alten Welt bildeten dafür das muttersprachliche Fundament sowie den kulturgeschichtlichen Horizont. Darüber hinaus wurden auch verschiedene Themenkomplexe immer wieder zu fruchtbaren Quellgebieten für neue Forschungsprojekte. Last but not least boten die Publikationen dieser diversen Recherchen ihrerseits immer mehr Gelegenheit zu weiteren Vortragsreisen. Thomas Manns schelmisches Maskenspiel mit der Figur Goethes, seine bildungsreiche Wahlverwandtschaft mit dem anderen großen Repräsentanten der deutschen Kultur, in anderen Worten, seine einbildungsreiche Nachfolge des Dichterfürsten der deutschen Klassik war eine tour de horizon, an der vor allem deutsche Goethe Institute Interesse zeigten,  sodass sie mich mit meinem Lichtbildvortrag „Goethe and Thomas Mann: Elective Affinities Across the Centuries“ immer öfter zu Vorführungen sowohl in englischer als auch deutscher Sprache einluden. Infolgedessen tingelte ich in den letzten Jahren allein mit dieser Geschichte durch fünfzehn verschiedene Länder diesseits und jenseits des Atlantiks. Dabei kam ich mir allerdings auch immer wieder ein wenig wie der globetrottende Hochstapler Felix Krull vor, denn schließlich hatte ich ja die Bilder nur aus verschiedenen Bildbänden kopiert und die verbindenden Kommentare aus diversen Dokumenten mehr oder weniger zusammenmontiert. Aber genau das wollten die Gastgeber, die an originellen und dafür desto spezialisierteren Textexegesen mit Rücksicht auf ihr breiteres Publikum nicht das geringste Interesse hatten. Gerne kam ich ihren Wünschen entgegen, denn nur so konnte ich mich nicht nur nützlich machen, sondern obendrein auch immer wieder die große, weite Welt genießen.

„Eros im Wort“, diese Epiphanie Gustav Aschenbachs am Lido von Venedig, scheint mir nicht nur die Quintessenz aller Poesie, sondern letztendlich auch das alchemische Elixier aller Gottes- und Venusnarren zu sein. Soviel ist sicher: Niemand hätte mir im Leiden an der deutschen Geschichte  und umgekehrt in der Leidenschaft für ihre Kultur – und dies vor allem in ihrer klassisch-romantischen Provenienz – ein größeres Vorbild sein können als Thomas Mann. Dass sich unter der Maske des klassisch etablierten Bourgeois zudem ein romantisch vagantischer Bohemien verbarg, machte ihn nur noch interessanter und sympathischer.

Längst ist Thomas Manns schwärmerischer Freigeist Teil jenes großen Goethe’schen Gesangs über den Wassern, Teil jenes transatlantischen Spannungsbogens zwischen Poschinger Straße und Pacific Palisades, Weimar in Thüringen und Weimar in Kalifornien geworden und in diesem deutsch-amerikanischen Kulturaustausch bestens aufgehoben. Und denk ich an Deutschland  – , dann denk ich auch immer wieder an ihn, den großen Zauberer der Worte und Beschwörer ihrer inneren Wahrheit.

 

 


[1] Dies ist der Titel von Thomas Wolfes 1940 posthum veröffentlichtem Roman, der die persönlichen Erfahrungen und Entäuschungen des Autors mit Deutschland unter dem aufsteigenden Nationalsozialismus reflektiert und seinen Romanhelden schließlich zurück in seine Heimat Amerika führt.

[2] Dieses Gefühl, ein Repräsentant, ein Vertreter und Erklärer Deutschlands zu sein, teilen auch noch heutige Einwanderer mit Thomas Mann – wenn auch in weitaus bescheidenerem Maße – , wie die Interviews in Gunter Klötzers Band Deutsche Germans in Amerika immer wieder zeigen.  Am besten bringt es in dieser Interview-Sammlung wohl Helge Fuchs, ein gebürtiger Lübecker (!), zum Ausdruck, wenn er sagt: „Amerika hat mich zum besseren Deutschen gemacht.“

[3] Urheberrechte für beide Fotos dieses Essays bei Frederick A. Lubich

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Jun 20 2013

Klaus Rainer Goll

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HINTER DER GRENZE 

 

die gedanken
sind frei / aber
wie kommen sie
über die grenze
den todesstreifen

 

hinter der grenze
liegt boizenburg
nicht weit von hier
im mecklenburgischen zur elbe hin
sagst du ein katzen
sprung ein steinwurf weit
für uns aber zu weit und warum
auch steine werfen lieber worte
zukommen lassen über die grenze
briefe und manuskripte wie
vögel / auf die wir warten
weil es doch
endlich frühling werden soll
auch in den elbniederungen
bei boizenburg

für knuth / der mir seine gedichte schickte
groß sarau, vor 1989

 

sonnenlandschaften
hinterm see / die grünen
und gelben katzenbuckel
farbspiele schmeichelnd
unterm sonnenauge selbst
dem tarngrün lauernder
grenzfahrzeuge
zwischen pappelspitzen
ducken rote dächer sich
unentwegt im
feinen gitter von
licht und schatten schweben
segeltücher mit emsigem sommer
blick an den wachtürmen vorbei
krümmen strahlengitter
und hundebellen im
sicheren versteck / jenseits
des sees / hinter
büschen und bäumen liegen
tot die häuser da blinkt
aus ihren roten fenstern auch
die abendsonne
glühende zeichen verteilt der
himmerl schweigend weit
über die todesstreifen hin
aus / huschen
über gelbe senfblüten die
wolkenschatten
gespenstisch
dunkle tellerminen
da steht kein mensch am ufer
und lacht
jenseits des sees
wenn ein flugzeug in die
sonne fliegt oder
ein vogel seine kreise zieht
von hüben nach drüben
und die strahlengitter durchbricht
für alle zeit so dass
das licht hier wie dort
unbemerkt über die hügel
flutet
kein mensch winkt da am ufer
drüben nicht und hier
da bellen hunde nur
ausdauernd übern see brechen ein
mit ihrem bellen in die warme
haut der badegäste
und irgendwo
verbrennt noch immer ärmlich
das licht der lupinen
in der landschaft

Aus sonnenlandschaften, 1983

 

an der trave (1977)
I
ein dampfer fährt vorbei
skandinavien-line
die winkenden hände am ufer
als fähnchen im wind
ein dunkler dampfton
vom wasser her
verzaubert die kinder
und lange sehen sie dem giganten nach
und wie die möwen sich scharen
am heck

II
nicht weit entfernt fliegt unbemerkt
ein (raub)vogel
von deutschland nach deutschland
drüben hat er sich in den bäumen
ein nest gebaut / doch hier
sucht er sich
die mäuse
für die jungen

III
weder stacheldraht
noch todesstreifen können ihn hin
dern / seine (vogel)freiheit zu
erproben
groß ist die angst
der jäger ihn zu verlieren
sie trauen ihren gedanken
und der freiheit nicht
und wenn sie könnten würden sie auch
in den räumen der vögel
ihre mauern errichten
oder ihre schießanlagen

IV
wenn er aber fliegt und seine kreise
zieht / von hüben nach drüben
gehört er niemandem nur sich
und überall am fluß
ist er zu hause

V
ein vogel fliegt über die trave
von deutschland nach deutschland
was er dabei sieht sind wälder wasser
und land und himmel und nicht
die wachposten in ihren verstecken /
aber die kinder
die diesseits des flusses einem dampfer winken

Aus: dies kurze leben, 1997

 

über die grünen hügel
aber es ist keine bleibe
für eine wolke / wenn
der wind geht und herbstlich
die gärten stehn farbig verweht
das land unter einem grauen
glockenhimmel / wo
horizonte ganz verkniffen / und
bissig lauern hinterm see
wacht das gewehr bei fuß
jagdbomber zerreißen die hellen wolken
auf einer blauen schultüte
kratzen den himmel an zer
splittern traum für traum
während nachbar klein
zum dritten mal heut
seinen hund ausführt
mit leisem gezielten auge
wie auf einem kontrollgang
am friedhof vorbei
auf dem er bald sagt er
seinen frieden haben wird
für immer einen platz
an dem er bleiben kann ein platz
kaum kleiner als sein bett
im wind / der über
die hügel geht über
die grünen hügel
aber der hund sagt er / der
hund

 

ahrenshoop (1983)
für ruth

die schönen häuser
riedgedeckt
am dünenrand
wer schlägt sie / dass
sie sich ducken müssen
hinter büschen und bäumen
wenn
die sonne abends
glühend rot
ins wasser fällt
heimlich rote mädchenwangen
der atem vor dem meer
weit der blick
hinausgetragen
die stummen worte
in den flugscharen
ausbrechend
von zeit zu zeit
im freien vogelflug
mit heiserem schrei
himmel und erde
bewegt verborgen versteckt
in dir /
wenn der atem geht

 

versammlung der weggefährten
in einem brief an günter kunert

der blick aus dem fenster
geht über den see / hinüber
aufs gebiet der ddr / dem anderen
teil deutschlands (wie`s so schön
heißt) den ich / seit meiner
kindheit / immer
aus der ferne
vor augen hatte / geboren in dieser
landschaft / an den wassern der trave
und ostsee / an den grenzgewässern
mit den harmlosen burgen aus sand
eingebuddelt darin das lachen der
kinder
heimlich versteckt im flug der vögel
hinüber / auf die andere seite
immer wieder einmal nach drüben
gewinkt
in der hoffnung / doch
einmal bemerkt zu werden
vielleicht von den grenzsoldaten
in ihren schlupflöchern am hang
alles schien zum greifen nah
in wirklichkeit aber / war alles so
weit entfernt
so ist es lange geblieben
nähe entstand allmählich erst
im wort / auch im wort deiner
gedichte / die mit den vögeln
wie träume über das wasser kamen
die worte in deinem brief wie in
einem boot
kleine fixsterne im gefieder / die
aufblitzten und verschwanden
sich festsetzten im kopf
auf einmal verband uns vieles
tauchte plötzlich auf / hinter den
rändern der worte / auch in den
gedichten deiner weggefährten / die
längst mit dir / alle in einem boot /
aus den worten geschwommen sind
und diesseits des flusses
leben / nicht alle / aber einige /
vertrieben durch die kälte des zorns
den ihr auf euch gezogen habt
in die harmlosen burgen aus sand
diesseits des flusses
auf einmal versammeln sich alle
in meinem brief an dich
der kunert lebt hier heißt es
die kirsch dort / und brasch und
kunze ganz woanders / irgendwo
und becker und bahro
und biermann / der hat nur noch einen
gedanken / seinen kranken freund
havemann lebend wiederzusehen /
das tät weh / die trennung von ihm
und bloch sei tot / die gespräche
mit ihm mitten im wort abgebrochen
zu ende / und die Seghers stehe auf
einem anderen blatt
gespräche finden in den köpfen statt
und in den herzen
und der mensch lebt allemal noch
durch den kopf
so sind wir uns begegnet
in den gemächern der worte
und gedanken
wir sprechen miteinander / in
einundderselben sprache / wirklich
und wir finden unsere texte
gemeinsam in büchern wieder
das ist unser terrain geworden
auf dem ernsthaft
das freie feld erprobt wird
wie gut
auf diese weise brauchen die gedanken
und worte von damals
nicht mehr zu frieren
 
 
 

ZEIT VERGEHT

 

balance
kein grund zur freude
wenn die vögel fliegen
im kanonenregen
putzt genüsslich
die katze
sich das fell
am augenrand
lauern die gefahren
gefrieren sehnsüchte
zu messerscharfen kristallen
die uhren erstarren
früh
vor dem grau der zeit
die worte treffen
taube ohren
die rede wird
zum blauen fluß
auf schmalem balken
balanciert
das nackte leben
abseits
prall und wolkenschön

die vögel fliegen

 

der bücherberg
vor meinem bett
wächst / eine mauer
aus worten
verhöhnt den schwarzen tag
so leicht
zu überwinden
im hürdengang
der zeichen und laute
abgetragen
silbe um silbe
wortstämme / unterm arm
wortbausteine
geschichtet gespeichert
im kopf
von herz zu herz bewegt
in schwarzweißem zelluloid
bewahrt
rasch züngelndes material
entflammt / wie damals
auf dem opernplatz

 

gefangen
im netz der zeit
die zeit die wir nicht haben
die wir nicht besitzen
die uns zufällt
jede zeit
die uns zufällt
überfällt und besitzt uns
nicht alles
hat seine zeit
sie hält und gefangen
ihr vergittertes löwenmaul
die eisenspitzen
hinter unsichtbaren mauern
in den lüften / auf der haut
im kopf
im lauf der zeit
die fliehenden schatten
einer liebe
unterm vogelflug
erinnerungen
die herzkammern leer
schlagen die hasen
auf endloser flur
verzweifelt
ihre haken
auch die zeit
ist ein einsamer jäger

 

In niendorf. vor dem meer
die sonne geht unter
ungeheuer rund und rot
am ende
eine orange
die bilder im kopf
fotomontagen
weichen zurück
das meer bleibt
die zeit
kommt welle auf welle
meer und sonne
malen goldene spiegel
in den sand
eisleckende nonnen
stehen
gleich schweigsamen pinguinen
im zauberglanz
wellenzungen
lecken
die steine glatt
auf den lippen
schmilzt das eis

Aus: zeit vergeht

 

für virginia woolf
zeit vergeht
was bleibt ihr anderes übrig / was
sollte sie anderes tun
als vergehen
sie hat keine andere wahl
und du

vielleicht aber
ist alles nicht wahr
vielleicht
vergeht die zeit
gar nicht

vielleicht
vergehen nur wir
in der zeit
in einem meer
vollkommen ungeschaffener zeit

und die zeit
lacht über uns

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Oct 31 2012

Gabriele Eichmanns

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Christoph Ransmayrs Der Weg nach Surabaya – Auf den Spuren einer unliebsamen deutsch-österreichischen Vergangenheit

Christoph Ransmayr ist wohl einer der profiliertesten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Berühmt geworden durch Werke wie Die Schrecken des Eises und der Finsternis (1984), Die letzte Welt (1988) oder Morbus Kitahara (1995) und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Franz-Kafka-Preis (1995), dem Bertolt-Brecht-Literaturpreis der Stadt Augsburg (2004) und dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln (2007), reiht sich Ransmayr ein in die Gruppe von erfolgreichen Schriftstellern, zu denen unter österreichischen Kollegen Elfriede Jelinek, Josef Haslinger, Marlene Streeruwitz oder Norbert Gstrein zu zählen sind. Ransmayrs Werk ist geprägt von der intensiven Beschäftigung mit philosophischen sowie ethnologischen Fragen, wobei es in vielen seiner Bücher um Extremsituationen geht, in denen sich Menschen unerwartet wiederfinden oder sich diesen willentlich aussetzen. So untersucht Ransmayr in Die Schrecken des Eises und der Finsternis die österreichisch-ungarische Polarexpedition von 1872-74, kreiert in Morbus Kitahara eine deindustrialisierte Welt als Folge einer Kriegsniederlage und beschreibt in Der fliegende Berg (2006) die Suche nach einem sich im Land Kham in Osttibet befindenden, noch unentdeckten Berg, dessen Besteigung für einen der Beteiligten tödlich endet. Die Protagonisten erkunden entfernte Orte, dringen in noch unerforschte Regionen vor und holen darüber hinaus vergangene Zeiten in die Gegenwart zurück. Denn es ist vor allem die Thematik der Vergänglichkeit sowie der Versuch, die Erinnerung an Vergangenes zu bewahren, was viele der Ransmayrschen Werke auszeichnet und sie miteinander verbindet. So auch in dem 1997 publizierten Buch Der Weg nach Surabaya, welches im Folgenden Gegenstand der Untersuchung sein soll.

Der Weg nach Surabaya enthält eine Sammlung von kleinen Prosastücken sowie kurzen Reisereportagen, die bereits vorab in Zeitschriften wie Merian und GEO ihre Veröffentlichung fanden. In diesen häufig nur wenige Seiten umfassenden Erzählungen wandelt Ransmayr auf den Spuren der Vergangenheit, beschäftigt sich sowohl mit den Erinnerungen seiner oftmals in die Jahre gekommenen, vielfach österreichischen Protagonisten als auch mit der Geschichte ganzer Landstriche und Regionen. Was er vorfindet, ist zunächst eine gewisse Gelassenheit, wenn nicht gar Gleichgültigkeit dem unerbittlichen Lauf der Zeit gegenüber, welche von vielen Protagonisten der Erzählungen an den Tag gelegt wird. Das Verdrängen von Altem durch Neues wird keinesfalls als schlecht verdammt, sondern durchaus befürwortet; denn wer könne sich am Ende des 20. Jahrhunderts noch eine Welt ohne Fernseher, fließend Wasser oder gar Elektrizität vorstellen. Diese technischen Errungenschaften seien ein Segen für die Menschheit und nicht mehr aus dem heutigen Leben wegzudenken. Dass dabei Traditionshandwerk durch Maschinen ersetzt werde oder ein Meer von Apfelbäumen dem Bau der österreichischen Autobahn weichen müsse, sei zwar eine traurige, jedoch unvermeidbare Tatsache, die scheinbar klaglos hingenommen wird.

Trotz der propagierten Offenheit Neuerungen gegenüber lässt sich gleichzeitig ein großes Bedürfnis erkennen, das Vergangene zu bewahren. Die Erkenntnis der Unwiederbringlichkeit des einmal Geschehenen sowie das völlige Ausgeliefertsein an die sich ändernden Zeiten lösen melancholische Gefühle unter den Protagonisten aus und finden desweiteren ihre Widerspiegelung in der unbeugsamen Natur, die aufs Geradewohl zu geben und zu nehmen scheint. In besonderem Maße ist es das von Menschenhand geschaffene Werk, das den Naturgewalten wehrlos ausgesetzt ist und keinen bleibenden Bestand hat. Dies illustriert Ransmayr detailliert in der Geschichte „Ein Leben auf Hooge“ anhand einer Hallig, einem künstlich aufgeschütteten Flecken Erde vor der Nordseeküste, welchem Jahr um Jahr ein Teil seiner Landmasse von den unerbittlichen Wassern der See entrissen wird. Nichts ist von Dauer, alles letztendlich dem Untergang geweiht, so der allgemeine Tenor der Erzählung – was jedoch die Protagonisten nicht davon abhält, der Vergänglichkeit dieser Welt mit vereinten Kräften entgegen zu arbeiten und zu bewahren, was ihnen zu bewahren würdig erscheint, sei es in Form von Bildern, Gedenktafeln, Kunstwerken oder alltäglichen Artefakten, die sie in Heimatmuseen oder gar ihren eigenen Häusern dem neugierigen Besucher präsentieren.

Obwohl Ransmayrs Protagonisten ihre Vergangenheit mit allen Mitteln zu erhalten versuchen und im Zuge dessen diese scheinbar bereitwillig offenlegen, ist es eine Vergangenheit, die sich durch ein bewusst selektives Erinnern auszeichnet.  Unliebsames wird beschönigt oder gleich dem Vergessen überantwortet, da nur Ausgewähltes im kollektiven Gedächtnis verbleiben soll.  Dies trifft sowohl auf die eigene als auch auf die österreichische Vergangenheit zu und dort insbesondere auf den Zweiten Weltkrieg sowie die Zeit der Nationalsozialisten, welche zwiespältige Reaktionen auslöst, wenn sie denn überhaupt Erwähnung findet. So gerne alte Fotos hervorgekramt und ehemalige Gebrauchsgegenstände, ja gesamte Werksstätten musealisiert und dem unbedarften Besucher stolz präsentiert werden, so hartnäckig zeichnen sich die Geschehnisse während der Zeit des Anschluss Österreichs durch ein beredtes Schweigen aus. Zeitzeugnisse werden sorgfältig verborgen gehalten, Hakenkreuze auf Bildern übermalt und Kriegsdenkmäler vor Touristen versteckt. Es findet demzufolge eine Umschreibung der Vergangenheit statt, die sich nicht an vorgefundenen Fakten orientiert, sondern in erster Linie auf eine vorteilhafte Darstellung der österreichischen Nation bedacht ist. Im Folgenden soll nun der Umgang mit Vergangenem näher beleuchtet und vor allem auf das zwiespältige Verhältnis der Österreicher zu ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit näher eingegangen werden. Dabei widmet sich meine Analyse zunächst ganz allgemein dem Erinnern der Ransmayrschen Protagonisten, um dann auf die selektive Erinnerungsarbeit das Dritte Reich betreffend überzugehen.

Wie schon erwähnt, steht in Der Weg nach Surabaya der Akt des Erinnerns im Vordergrund, welcher nicht selten eine weit entfernte Vergangenheit zum Thema hat. Erinnert wird oftmals eine bereits untergegangene Welt, zu welcher die Erinnernden einstmals gehörten, nun jedoch gezwungen sind, ihrem eigenen Ableben hilflos entgegen zu sehen. Besonders deutlich wird dies in den Geschichten von fünf Neunzigjährigen, die im 19. Jahrhundert geboren, noch Donaumonarchie und Kaiser Franz Joseph zu ihrem Alltag zählten. Da wäre einmal Therese S., deren Vater Zimmeraufseher für die Gemächer der Wiener Hermesvilla, „in denen sich die legendäre Kaiserin ‚Sissi‘ zeitweise aufhielt“ (187)[i] war und die im vermeintlichen Glanze des kaiserlichen Ruhms aufwuchs. Von Wien durch ihren Ehemann in die Provinz versetzt, blickte sie damals sehnsuchtsvoll auf ihre Tage in der Metropole zurück, jedoch wohl wissend, dass „das Leben in der ‚Provinz‘ […] immerhin den Vorteil einer sicheren Ruhe [brachte], die selbst in diesem ‚furchtbaren zweiten Krieg‘ kaum gestört wurde“ (187-88). Von den Unwägbarkeiten der Geschichte weitestgehend verschont, stellt Therese nun keine Ansprüche mehr an ihr Leben: Die Fotos der Kinder und Enkelkinder sind sorgsam in Alben verwahrt wie auch die mit Buntstift fabrizierten „Meeres- und Gebirgslandschaften“ (188) ihres verstorbenen Mannes. Die vorhandenen Erinnerungen scheinen von nur noch untergeordneter  Bedeutung, rücken immer weiter in die Ferne, was insbesondere an jenen Bildern des Ehemannes deutlich wird, welche Therese hin und wieder „‘wie durch ein Fenster‘“ (188) betrachtet. Die Vergangenheit ist unwiederbringlich verronnen, was auch gut so ist, wie Luise L., eine weitere Neunzigjährige, konstatiert, die nach ihren Erinnerungen „jetzt kein Heimweh mehr“ hat (191). „Sie ist froh, dass ‚das vorbei ist‘“ (191). Ebenso belastet sie die Gegenwart nicht länger, was nicht zuletzt an den nur spärlichen Geräuschen liegt, die es vermögen, in das Bewusstsein der fast tauben Luise zu dringen. Die Außenwelt verstört nicht, hält lediglich durch Fernseher und einige wenige Zeitschriften ihren Einzug in ein Leben, das vor Überraschungen gefeit ist und sich durch ein unaufgeregtes Warten auf den Tod auszeichnet.

Trotz der scheinbar gelassenen Einstellung der in die Jahre Gekommenen kann sich der Leser einer schwer zu beschreibenden Melancholie nicht erwehren, welche insbesondere durch die den kurzen, anekdotenhaften Erzählungen beigefügten Fotos verstärkt wird. Diese zeigen die Neunzigjährigen in ihrer vertrauten Umgebung, wobei es jedoch interessanterweise die vorhandenen Einrichtungsgegenstände, Wandbilder und Tapeten sind, welche den meisten Raum einnehmen und die eigentlichen Hauptpersonen an den unteren Rande der Fotographien drücken. Vor allem das Weiß der Tapete ist es, das dominant im Vordergrund steht und so den Eindruck einer Leere vermittelt, hinter welcher die Protagonisten zu verschwinden scheinen. Überhaupt, so scheinen die Fotos zu suggerieren, geht es nicht primär um die abgebildeten Personen, sondern vielmehr um eine Welt, die von den Abgelichteten geschaffen wurde und welche mit deren Tode ebenfalls zu Grabe getragen wird. Daher kann sich der Betrachter nur schwer seiner Gefühle erwehren, bei den Fotos handele es sich um Zeugnisse des Vergessens und Verschwindens und nicht des Erinnerns und Bewahrens. Nicht Dauerhaftigkeit, sondern die unaufhaltbare Vergänglichkeit des Lebens ist es, die Ransmayr hier auf subtile Weise herausstellt und welcher, wie die Neunzigjährigen wohl erkannt haben, kein noch so vehementes Aufbegehren Einhalt gebietet. Oder, wie es Susan Sontag in ihrem viel beachteten Werk On Photography beschreibt, sind es Memento Mori, die eben gerade jene melancholische Stimmung wiedergeben, welche der Text zu Verleugnen sucht: „As the fascination that photographs exercise is a reminder of death, it is also an invitation to sentimentality” (71).

Tod und Vergehen finden ferner eine eingehende Betrachtung in der Erzählung „Die ersten Jahre der Ewigkeit“, in welcher weniger das photographische Abbilden als das künstlerische Bemalen von Totenschädeln im Vordergrund steht. Hier treffen wir auf den Totengräber Friedrich Valentin Idam von Hallstatt, welcher uns im Detail seine Bestattungspflichten und Begräbnisrituale sowie seine Affinität zu diesem recht ungewöhnlichen Beruf erklärt. Selbst noch nicht einmal 25 Jahre alt und gelernter Holzbildhauer ist es Idam ein Anliegen, den Toten das letzte Geleit zu geben, sie in ihrer ewigen Ruhe zu beschützen und durch das Bemalen der aus dem zu eng gewordenen Grab entfernten Totenschädel mit Blumenschmuck dem Prozess des Vergessenwerdens Einhalt zu gebieten. Denn in Hallstatt, welches in einem engen Tal gelegen ist und „ wo schon der Platz für die Lebenden so knapp ist, bleibt den Toten nur eine gemauerte Terrasse, ein steinernes, mit Lehmerde gefülltes Nest im Schatten der katholischen Pfarrkirche“ (64). Hier hält die Totenruhe selten länger als zehn Jahre an, bevor die Gebeine aus der Erde entfernt, im Karner aufbewahrt und letztendlich auf Wunsch bemalt werden: „Eichenlaub und Efeu auf die Stirnen der Männer, Blütenzweige und Blumenkränze auf die Stirnen der Frauen“ (64). Das Fortsetzen dieses vierhundert Jahre alten Brauches, nur noch selten praktiziert, reiht Idam in eine lange Reihe von Hallstätter Totengräbern ein und lockt alljährlich 250 000 Touristen an, allesamt mit ihren Kameras bewaffnet, um die verzierten Schädel für die Daheimgebliebenen festzuhalten und durch ihre Fotos den zeitlich beschränkten Triumpf über die Vergänglichkeit zu dokumentieren.

Das Bedürfnis der Dokumentation alles Vergangenen findet der Leser wieder und wieder in den Ransmayrschen Erzählungen und durchzieht diese wie ein roter Faden. Obwohl das Alte seinen Dienst geleistet habe und nun Platz für Neues schaffen müsse, so der Tenor, stößt der Leser auf zahlreiche Versuche, die Vergangenheit auf die ein oder andere Weise dem Vergessen zu entreißen und sie für die Nachwelt zu erhalten. So bevölkern beispielsweise eine ansehnliche Zahl von Heimatmuseen die Geschichten, deren Ubiquität auf den kollektiv unternommenen Versuch des verzweifelten Bewahrens einer einstmals so vertrauten Kultur schließen lässt. Allein in der Erzählung „Ein Leben auf Hooge“ ist gleich von drei eifrigen Inselchronisten die Rede: dem Hufschmied und Kirchenrechnungsführer Johannes Hansen, welcher neben seinen aus Bernstein geschnitzten Seehunden an Land gespülten Hausrat von untergegangenen Warften verwahrt, dem Postschiffer Hans von Holdt, der ein Heimatmuseum eingerichtet hat, „in dem er gegen eine Mark Eintritt zeigt, was ihm an der Geschichte wertvoll erschien“ (17) sowie seiner Nachbarin Klara Joachimsmeier, die „ihre Wohnung, ihr ganzes Haus zum Museum gemacht“ (18) hat und der Öffentlichkeit ihre Schätze zum Bestaunen zur Verfügung stellt. Das eigene Leben wird unter oftmals größter Anstrengung archiviert und katalogisiert, die Geschichte der Heimat musealisiert mit der Intention, dem eigenen Leben Signifikanz über den Tod hinaus zu geben und dadurch für die Nachwelt lebendig zu bleiben.

Wie Alon Confino in seinem Buch Germany as a Culture of Remembrance. Promises and Limits of Writing History detailliert ausführt, spiegelte das Heimatmuseum nicht nur den Drang nach Überlieferung und Bewahrung des Vergangenen wider, sondern es erschuf eine Vergangenheit, die es in der vorgestellten Form niemals gegeben hatte. Heimatmuseen entstanden verstärkt am Ende des letzten Jahrhunderts, allein 371 in den Jahren von 1890 bis  1918, und verfolgten das Ziel „the uniqueness of the locality“ (42), welche nicht selten von der Vorzeit bis zur Gegenwart seine Darstellung fand, zu präsentieren. Es  ging keineswegs um eine akademische Aufbereitung nationaler Artefakten, sondern, im Gegenteil, um die Beschäftigung mit „small people instead of elites […] the locality as the location of the origins of the nation“ (43). Das vormals als unbedeutend, alltäglich Abgewertete sollte der Nachwelt in seiner ganzen Signifikanz, die es für das eigene Leben innehatte, dargeboten werden. Dass es dabei jedoch nicht immer um eine getreue Darstellung der Wahrheit ging, sondern vielmehr um die Erschaffung eines Mythos, welcher der lokalen  Kultur einen besonderen Glanz verleihen sollte, wurde verschwiegen. Wie Confino konstatiert, so war „[t]ruth […] never a goal. Traditions could be invented, providing they conformed to contemporary notions of ancientness, peasant culture, and Swabianness and that they would not stand out awkwardly among real historical traditions“ (40-41). Die eigene Geschichte wurde umgeschrieben und den Bedürfnissen der Zeit angepasst. Heimatfolklore entstand in Form von vorgeblich traditioneller Bekleidung, Sitten und Gebräuchen, denen nicht selten ein antiquierter Anstrich verliehen wurde, um Authentizität zu suggerieren und die eigene Heimat in ihrer vermeintlich ursprünglichen Reinheit zu präsentieren. Folglich täuschte das Heimatmuseum eine bereinigte Geschichtsversion des Kollektivs vor, die alsbald als einzige offzielle Version der Heimat vermerkt wurde.

In diesem Zusammenhang der bewusst vorgenommenen Geschichtsklitterung lässt sich auch Maurice Halbwachs anführen, der im vergangenen Jahrhundert herausstellte, dass im kollektiven Gedächtnis einer jeden Gruppe nicht notwendigerweise verankert wird, was der Wahrheit entspricht, „sondern es rekonstruiert [die Vergangenheit] mit Hilfe materieller Spuren, Riten, Texte und Traditionen, die sie hinterlassen hat, aber auch mit Hilfe von neuerlichen psychologischen Gegebenheiten, d.h. mit der Gegenwart“ (296). Die Vergangenheit setzt sich demzufolge nicht aus feststehenden, verifizierbaren Tatsachen zusammen, sondern vielmehr aus fortwährenden Neudeutungen dieser, welche den Bedürfnissen einer Gruppe immer wieder angepasst werden und so den Zusammenhalt dieser sichern. So auch in der Geschichte „Die vergorene Heimat. Ein Stück Österreich“, in welcher sich eine wehmütige Beschreibung des Untergangs des ehemals blühenden Mostviertels mit seinen zahlreichen Obstbäumen findet. Von der daniederliegenden Mostwirtschaft ist die Rede, von Höfen, die sich schon lange nicht mehr rentieren und von der in die Jahre gekommenen Bauernbevölkerung, die nun ins Ausgedinge muss. Traditionelle Geräte und Werkzeuge landen auf dem Müllhaufen oder werden in dem Versuch, dem Laufe der Zeit entgegenzuwirken in besagten Heimatmuseen ausgestellt, beispielsweise in jenem von Karl Piaty. Der nun bettlägerige Bäckermeister und Konditor kämpfte lange Zeit mit allen Mitteln gegen das Sterben des Mostviertels an, „rettete mit wachsender Leidenschaft aus Abbruchhöfen, Speichern und Scheunen, was vom Fortschritt bedroht war, von fliegenden Altwarenhändlern, dem Moder oder dem Feuer der Kachelöfen und Herde“ (47) und  triumphierte zunächst „über die Vergänglichkeit“ (41) in seinen neun Dachkammern, in denen er neben zweitausend ausgedienten Gegenständen achttausendsechshundert Lichtbilder in einhundertsieben Kassetten und achtzehn schwarzen Ordnern verwahrte (43). Piaty machte nicht nur die beklagenswerte Dezimierung der Obstbäume in seiner Heimat für die Besucher seiner Dachkammern sichtbar, sondern erreichte „in siebenhundertzweiundvierzig Vorträgen in Pfarr- und Gemeindesälen und einmal sogar im Auditorium Maximum der Wiener Universität“ (46-47) ein weitaus größeres Publikum, in welchen die Heimat in all ihrer Schönheit eine zeitlich begrenzte Wiederbelebung fand. Der Tatsache, dass es sich bei der Darstellung des ehemaligen Mostviertels um eine mystifizierte Version der Vergangenheit handelte, maß Piaty keine Bedeutung zu.. Es waren die wirtschaftlichen Erfolge, die Größe des Hofes, der hervorragende Ruf des eigenen Mosts über die Grenzen des Mostviertels hinaus, welche im kollektiven Gedächtnis verbleiben sollten, und nicht die „arme[n] Zeiten. Auf den Höfen plagte sich viel Gesinde, in den Wirtshäusern fehlte den Taglöhnern und Arbeitslosen vor dem Krieg – und den Krüppeln und Heimkehrern nach dem Krieg – das Geld für Wein und Bier“ (46). Negatives wird bewusst ausgeklammert; das Vergangene glorifiziert, um bei den sich zahlreich einfindenden Touristen eine „gepflegte Sehnsucht nach der schönen Schlichtheit und Natürlichkeit einer untergegangenen Bauernwelt“ (54) zu wecken, aus dieser leicht Profit geschlagen werden kann.[ii]

Ist die Mythisierung der Vergangenheit im Mostviertel in kleinem Rahmen zu bemerken, so lässt sich diese weitaus stärker in der Erzählung „Auszug aus dem Hause Österreich“ ausmachen. In dieser Geschichte wird die einstige Macht der k.u.k. Monarchie von einer getreuen Schar ehemaliger Adeliger sehnsuchtsvoll heraufbeschworen und, wenn auch nur für kurze Zeit, euphorisch wiederbelebt. Anlass dazu ist der 90. Geburtstag der Kaiserin Zita, zu welchem zwei vollbesetzte Reisebusse am 5. April 1982 von Wien nach Chur in der Schweiz aufbrechen, zahlreiche Geschenke im Gepäck. Auf der zweitägigen Reise wird die Vergangenheit immer mehr zur Gegenwart, überlagern Erinnerungen an die längst verflossene Donaumonarchie sowohl zeitgenössische Geschehnisse als auch die Existenz der österreichischen Republik. Die kaiserliche Nationalhymne „Gott erhalte“ wird sentimental angestimmt, gegen das Habsburgergesetz gewettert und sich längst verbotener Adelstitel bedient. Die letztendliche Rückkehr der Monarchie und ihr Wiedererstarken werden zur Gewissheit, ja zu einer unverzichtbaren Notwendigkeit, wie Herr Feigl, Biograph der Kaiserin Zita, selbstsicher bemerkt: „’Habsburg ist das fähigste und führende Haus Europas und wird, gleichgültig in welcher Staatsform, nach einer Kette von schlimmen Erfahrungen  mit Emporkömmlingen wieder an seinen rechtmäßigen Platz zurückkehren – den Platz an der Spitze, denn der ist in Österreich nach wie vor der Familie Habsburg vorbehalten’“ (99).

Eine utopische Zukunftsvision, welche ebenfalls einer fiktiven Vergangenheit bedarf, um verständlich zu werden: nämlich der Glorifizierung des österreichisch-ungarischen Reiches als einem Ort friedlicher Einheit und genuiner Heimat aller Österreicher: „Die Kapuzinergruft! Jawohl, dort musste jene Heimat liegen, die jedem wahrhaften Österreicher in die Kindheit schien“ (101). Hier findet sich eine deutliche Anspielung auf den vielzitierten Ausspruch des Philosophen Ernst Blochs, welcher sich in seinem Werk Das Prinzip Hoffnung u.a. mit dem Begriff der Heimat auseinandersetzt und diesen als  „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“ definiert (1628). Wie Peter Blickle in seinem wegweisenden Buch Heimat. A Critical Theory of the German Idea of Homeland im Zusammenhang mit Blochs Zitat formuliert, zeichnet sich die Heimatidee durchwegs durch „[a] softly glowing, intermingled aura of innocence and authenticity“ (131) aus, wobei für unsere Analyse in erster Linie das Konzept der Unschuld von großer Wichtigkeit ist. Denn, wie aus der Ransmayrschen Erzählung deutlich hervorgeht, ist es wiederum ein idealisiertes Bild der Heimat, welches zweifelsohne in den Vordergrund gestellt wird und bewusst die dunklen Seiten der Regierungszeit des Kaisers Franz Joseph zu ignorieren sucht. Vergessen, wie sein Sohn Rudolf in Mayerling vor seinem Tode ausführte, sind „der Egoismus des Adels“, „die Armuth der Völker“, die „Hemmung jeder Entwicklung“ (104) durch die Herrschenden, dem „Fluch für die Menschheit“ (104). Vergessen das Unverständnis des Kaisers seinen „geliebten Völker[n]“ gegenüber, das von ihm angerichtete Blutbad in der Schlacht von Solferino (105), die Ablehnung des Kaisers von Fortschritt in jeglicher Form – „diese[s] unselige[n] Kaiser[s]“, wie Friedrich Heer, der „Historiker Österreichs“, unmissverständlich ausführt, „diese[s] ungeheuerliche[n] Diktator[s] und in jeder Weise geistig und seelisch impotente[n], kleinwüchsige[n] und lebensfeige[n] Mensch[en]“, welcher „die durchaus umbaufähige Monarchie zugrunde gerichtet hat“ (119). Unliebsame Geschichte wird dem Schweigen überantwortet; und auch die Weigerung der Kaiserin Zita seit 63 Jahren „die von ihr verlangte Verzichtserklärung zu unterzeichnen“ (113) als der heroische Akt einer Märtyrerin (113) aufgefasst.

So wenig die Donaumonarchie in ihrem wahren Lichte betrachtet werden will, so ist es auch die problematische Beziehung zu den Deutschen und speziell zu der fatalen Vergangenheit im Dritten Reich, welche immer wieder zugunsten der österreichischen Nation neu verhandelt wird. Die Affinität zu Deutschland wird einerseits als grober Verrat aufgefasst, wie es in Otto von Habsburgs Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft 1978 deutlich wird – „Die deutsche Staatsbürgerschaft! Sollte auch Er das Haus Österreich mit einer blinden Liebe zu Deutschland betrogen haben?“ (101) – andererseits, wie Friedrich Heer klar herausstellt,

war bereits der Kaiser geblendet von jenem Deutschlandbild, das in Österreich durch die Jahrhunderte gewirkt hat und immer noch wirkt. Eine Imagination, verstehen Sie?, ein Bild, das es in der Wirklichkeit nie, nie gegeben hat. Der deutsche Bündnispartner war doch ebenso irreal wie das Deutschland der Dichter und Denker […] schon die Offiziere um diese Unglücksmenschen Karl und Zita haben an ein ähnliches Deutschland geglaubt wie Hitler‘ (119-20).

Es ist somit ein ambivalentes Verhältnis der Österreicher zu ihren deutschen Nachbarn und ehemaligen Kriegsverbündeten, welches jedoch nur ungenügend in seiner Vielschichtigkeit zu Tage tritt. Erinnert wird erneut, was der eigenen Mythenbildung zuträglich, und insbesondere für die österreichische Nation von Vorteil ist. So war beispielsweise der Anschluss zunächst eine durchaus wünschenswerte Maßnahme, wie Ransmayr deutlich durch seinen ironischen Erzählton herausstellt, wenn er von der „vernünftigen, wimpel- und fähnchenschwenkenden Menschheit von Waidhofen“ spricht, die die Nazis freudig willkommen hießen (42). Dass dabei die mongoloiden Brachnerbrüder, welche ebenfalls einen Teil der Menge bildeten, in späteren Jahren zu den Verschwundenen zählten, findet nur am Rande Erwähnung, wird aus der Geschichte herausgeschrieben und damit aus dem kollektiven Gedächtnis der Österreicher.

Die problematischen deutsch-österreichischen Beziehungen finden desweiteren eine ausführliche Beleuchtung in der Erzählung „Kaprun oder die Errichtung einer Mauer“, in welcher es um den Kapruner Talsperrenbau, einem Symbol für die österreichische Nation geht. Auch hier sehen wir deutliche Formen von Geschichtsklitterung, bewusst vorgenommen, um den Mythos der Kapruner Talsperre, der eng mit jenem der Nation Österreich verknüpft ist, aufrecht zu erhalten.[iii] Wie Benedikt Anderson, ähnlich wie zuvor Halbwachs, in seinem Klassiker Imagined Communities bemerkt, ist die Mythenbildung ein wichtiger Bestandteil von Nationen, um durch gemeinsame Legenden und Heldenepen ein Volk unwiderruflich zusammen zu schweißen und infolgedessen ein Fundament für Zusammenhalt und Loyalität zu schaffen. Allerdings beinhalte diese Mythenbildung, laut Anderson, eben nicht nur das Schaffen von Identifikationsobjekten, sondern basiere in gleichem Maße auf der Notwendigkeit des Vergessens und Verdrängens von Geschichte, um so unliebsame Geschehnisse der Vergangenheit eliminieren zu können: „Having to ‘have already forgotten’ tragedies of which one needs unceasingly to be ‚reminded’ turns out to be a characteristic device in the later construction of national genealogies“ (201). So sei es Nationen zwar nur bedingt möglich, selbst hervorgerufene Katastrophen, Pogrome oder Kriege zu verheimlichen, jedoch seien diese äußerst unangenehmen Ereignisse nur am Rande in der Erinnerung präsent — sei es die Bartholomäusnacht in Frankreich oder die Rassenkonflikte in den Vereinigten Staaten — um durch besagte Verdrängung Einheit und Zusammengehörigkeit eines Volkes vortäuschen zu können.

Auch in Kaprun lässt sich die Notwendigkeit eines bewussten Vergessens von vergangenen Gräueltaten nachweisen. In besagter Erzählung besucht Ransmayr die Kapruner Stauseen, deren gigantische Ausmaße ihn nicht nur ästhetisch sehr beeindrucken, sondern deren enormes Zerstörungspotential  — die in den Seen gelagerten Wassermassen haben die Macht, ganze Täler unter sich zu begraben — ihn zu philosophischen Diskursen über ein Leben in einer fortwährenden Gefahrenzone veranlasst. Kaprun, ein österreichisches Jahrhundertprojekt, welches nur unter dem Aufgebot aller zur Verfügung stehenden Kräfte, ob freiwillig oder unfreiwillig, und nach etlichen Rückschlägen zu seiner letztendlichen Fertigstellung gelangen konnte, ist nicht nur der ganze Stolz der Kapruner Bevölkerung,  sondern gilt darüber hinaus als nationales Symbol für Österreich und dessen glanzvolle technische Leistungen. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, wie Ransmayr unumwunden zugibt: Die Stauseen sind imposant in ihrer schier unendlichen Ausdehnung und verleihen der Landschaft eine auf den ersten Blick friedlich-idyllische Atmosphäre. Wagt man sich allerdings, wie der Autor selbst, zur winterlichen Jahreszeit hinauf in die Berge, bietet sich dem Wanderer ein vollständig anderes Bild. Unansehnlich liegen sie da, die vom Wasser geleerten Stauseen, auf deren Grund „die wüsten, grauen Steinhalden, aus deren Bodensatz dann langsam die Ruinen des Arbeiterlagers, der Orglerhütte und alles Versunkene wieder auftauch[en]“ (82). Denn unter der schimmernden Oberfläche der blauen Wasser liegt eine Baugeschichte des Schreckens begraben, welche in Kaprun allerdings nicht als Grund für eine intensive Beschäftigung und Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit angesehen wird:

An die düstere erste Bauphase während des Krieges erinnert man sich der Genauigkeit halber nicht – das war schließlich eine großdeutsche Zeit und keine österreichische, weiß Gott, und zudem die Zeit der Gefangenen- und Zwangsarbeiterlager am Rande des Dorfes und auf den Almen, die Zeit der namenlosen Toten und des Arbeitermassengrabes an der Salzach. […] Aber der Krieg habe eben in einem Kapruner Lager nicht anders ausgesehen als in einem russischen oder sonst wo. (79)

Die Zeit des Nationalsozialismus wird folglich als rein deutsche Zeit betrachtet, wodurch die eigene, österreichische Schuld auf ein Minimum reduziert wird. Nicht die Schandtaten der eigenen Nation, sondern die Größe eines Volkes soll im Vordergrund stehen, welches nach den Leiden des Krieges unversehrt wieder auferstanden ist:

Erst die Bauchronik der Nachkriegszeit, die stets die eigentliche sein soll, enthält wieder klare bis strahlende Bilder, die hochgehalten, immer wieder gesäubert und weiter überliefert werden. ‚Kaprun ist ein moderner Mythos für Österreich’, heißt es in einem jener dem Talsperrenbau gewidmeten Heldenromane, die für fünf Schilling Entlehngebühr pro Band in der kleinen Gemeindebücherei von Kaprun nach wie vor bereitliegen; Kaprun ‚…steht an der Wiege unserer jungen Zweiten Republik. Seine Geburt war gleichzeitig die Wiedergeburt Österreichs.’ (79-80)

Das von Anderson postulierte Verdrängen von Geschichte zugunsten der glorreichen Mythenbildung einer Nation lässt sich in diesen Sätzen hervorragend wiederfinden, da durch die Kapruner-Talsperre besagter nationaler Mythos geschaffen wird, welcher das österreichische Volk eint und verbindet; eine neue österreichische Identität entsteht, denn „Kaprun war Österreich“ (88) wie der spätere Bauherr Ernst Rotter wehmütig bemerkt: „ich habe gewusst, dass ich so etwas wie Kaprun nie wieder erleben werde“ (90). Daher nimmt es nicht Wunder, dass die unzähligen Zwangsarbeiter, die während des Talsperrenbaus in den Tod stürzten, keine öffentliche Erwähnung finden. Einzig das sogenannte Russendenkmal erinnert an jene 87 Sowjetbürger, die bei dem Bau der Talsperre ums Leben kamen. Gegen den Willen der Kapruner Bevölkerung errichtet, fristet es nun in einer abgelegenen Sackgasse sein Dasein, nur selten von Touristen entdeckt. Weitere Gedenktafeln existieren nicht.

Diese für den Umgang mit unliebsamen Geschehnissen so charakteristische Amnesie  lässt sich auch bei Karl Piaty wiederfinden, welcher unter seinen mehr als 8000 Dias bezeichnenderweise nicht ein einziges Lichtbild vorzuweisen vermag, welches Symbole der nationalsozialistischen Zeit trägt: „Die vielen Hakenkreuze, Eichenlaubkränze und Hitlergesichter, die das Mostviertel wie das ganze Land ein tausendjähriges Reich lang schmückten, haben in den heimatkundlichen Sammlungen unter dem Dach des Konditors Karl Piaty […] keinen Platz gefunden“ (57-58). Denn, so der allgemeine Tenor, „[i]n der Heimat war es immer schön: es wurden dort Brautbäume und Maibäume errichtet, aber keine Galgen. Und auf den Höfen wurden Senkgruben und Mostkeller ausgehoben, aber keine Massengräber“ (58). Heimat und Nationalsozialismus stehen sich diametral gegenüber, sind gemeinsam undenkbar, was Erinnerungen an das Filmepos Heimat von Edgar Reitz weckt, welches scharf für seine nur marginale Erwähnung des Holocausts kritisiert wurde. So wirft beispielsweise Getrud Koch Reitz in ihrer Filmbesprechung „How Much Naiveté Can We Afford? The New Heimat Feeling“ vor, dass „in order to tell the myth of ‚Heimat‘ the trauma of Auschwitz has to be bracketed from German history. Thus Reitz has to revise history“ (13). Auch bei Ransmayr findet eine Verdrängung der Nazischrecken hinsichtlich des Konzentrationslagers Mauthausen statt, „dessen Schatten die Heimat nie berührte: Mauthausen lag schon immer jenseits der Mostviertler Zuständigkeit“ (58) und folglich jenseits der Notwendigkeit, sich mit den dortigen Geschehnissen kritisch auseinandersetzen zu müssen. Die vierzehn Häftlinge, die auf ihrem Weg ins Lager damals vor Schwäche in Wolfsbach zusammenbrachen und dort ihren Tod durch die Pistole eines Aufsehers fanden, wurden in einem Massengrab bestattet, welches mittlerweile jedoch „unter einem hochgewachsenen Dickicht aus Thujen und Wacholder beinah verschwunden“ und infolgedessen dem Blickfeld der einheimischen Bevölkerung entzogen ist (59). Überhaupt, so scheint es, fungiert das Nichtsehen oder Nichtwissen als Entschuldigung für die eigene Tatenlosigkeit sowohl nach als auch während des Krieges. Die Beantwortung der Frage nach dem schrecklichen Geruch, der aus den Mauthausener Schloten über die Felder wehte, erfolgte bewusst nicht:

Sie habe, sagt die Altbauerin Maria Grubhofer aus Wegleiten bei Oed, sie habe die
Gegend von Mauthausen in der fraglichen Zeit sehr gemieden, weil sie überzeugt war,
dort etwas zu sehen, was sie ihr Leben lang nicht würde vergessen können. Und wer,
sagt Maria Grubhofer, wollte schon mit unauslöschlichen Bildern im Kopf leben? (59)

Die Heimat zog niemals Schuld auf sich; es war die Zeit der Nationalsozialisten, „als das [Most]viertel gemeinsam mit dem ganzen Land unter Blechmusik und Hakenkreuzfahnen seinem Heil entgegenzog und in einem tausendjährigen Reich verschwand“ (46), eine Zeit demnach, die außerhalb der österreichischen Zuständigkeit lag und für die zwangsläufig auch keine Verantwortung übernommen werden muss.

Der wiederholte Versuch, Vergangenes zu eliminieren und aus dem Gedächtnis zu verbannen, kann hingegen nur als bedingt erfolgreich betrachtet werden. Trotz eines kollektiven Verdrängens und dem Wunsch „dass dort die Erosion unmerklich Schicht um Schicht von den Steinen schleift und der Wind roten Sand in die Wüste hinaus trägt, bis auch die letzte Wehrmauer eingeebnet und der Ort wieder leer sein wird wie am Anfang der Zeit“ (234), wie Ransmayr den Prozess der Geschichtsauslöschung in seiner Erzählung „Fatehpur Oder die Siegesstadt“ treffend beschreibt, findet die Vergangenheit immer wieder ihren Weg an die Oberfläche:

Ein Freund des Konditors, der Maler Reinhold Klaus, verwandelte sich in diesem Jahr vom Heimatliebhaber in einen Professor für Deutsches Brauchtum an der Kunstgewerbeschule in Wien und malte Waidhofen im Fahnenschmuck und ganz so, wie der Führer seine Städte gern sah. Das Werk hängt immer noch groß und prächtig im Waidhofener Rathaus; nur die Hakenkreuze wurden, wie so vieles in der Nachkriegsheimat, rot-weiß-rot übermalt und mussten seither von einem Restaurator mehrmals abgedeckt werden, weil sie im Lauf der Zeit trotz des kräftigen Auftrags der Nationalfarben wieder und wieder durchschlugen. (60)

Vergangenes lässt sich nicht vollständig zum Schweigen bringen, sondern verschafft sich Gehör, in dem es an die damaligen Schrecknisse erinnert. Es scheint durch die neu aufgetragene Deckfarbe, kommt hinter Büschen und Bäumen zum Vorschein oder tritt in Form von alten Dokumenten und Lichtbildern zu Tage. Und wie Fatehpur, die Siegesstadt, in all ihrer Pracht auf dem indischen Kontinent noch heute zu bestaunen ist und die Geschichte des großen Allahu Akbars, des Herrschers über ein kleines Weltreich, erzählt, so kann auch die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs nicht als abgeschlossen gelten. Sie bildet vielmehr einen wichtigen Teil der österreichischen Geschichte, welche die Gegenwart wesentlich beeinflusst. Denn auch wenn alles letztendlich dem Untergang geweiht ist und wir nur bedingt durch Denkmäler und Museen oder durch das Bemalen der eigenen Totenschädel die Erinnerung an uns zu bewahren vermögen, so gibt es doch ein Mittel, was uns bleibt, wie Ransmayr in gleich mehreren Erzählungen betont, und welches er als ungeschriebenes Motto seinen Geschichten voranstellt: Es ist die Macht der Sprache, durch welche wir uns und dem Untergegangenen Gehör verschaffen können und müssen: „denn wo immer einer zu sprechen beginnt“ so heißt es wiederum in „Fatehpur“ „und seine Geschichte mit dem Bild verlassener Häuser, leerer Plätze, leerer Gassen und ausgedörrter Brunnenbecken eröffnet, dort wird gebaut, werden innerhalb eines einzigen Atemzuges Straßen gepflastert, wachsen Mauern, Türme aus der Tiefe unserer Erinnerung oder der bloßen Vorstellungskraft“ (229).

Es ist letztendlich der Schriftsteller, welchem die Aufgabe des Bewahrens und Erhaltens zufällt, der ausgräbt und mitteilt, durch Worte erschafft und kreiert, wie es beispielsweise in „Schnee auf Zuurberg“ der Fall ist. In dieser Erzählung ist es die Lektüre eines Romans, durch den der Autor der warmen afrikanischen Spätsommernacht enthoben und stattdessen in den kalten Norden, in das heimische Österreich versetzt wird. Aus den dichten Insektenwolken auf der Veranda des Zuurberg Hotels werden nach und nach weiße, wirbelnde  Schneeflocken, die sich auf die südafrikanische Umgebung legen und diese hinter dem Gelesenen verschwinden lassen: „Afrika versank im Schnee, und ich war wieder dort, wo ich herkam, war irgendwo zwischen der Küste des Indischen Ozeans und dem nächtlichen Hochland Südafrikas, auf der Passhöhe von Zuurberg, zu Hause.“ (218) Die Ferne gerät unversehens zur Heimat, die Wirklichkeit tritt hinter der Fiktion zurück und verschmilzt mit dieser. Die Vorstellungskraft erschafft eine Realität, welche kaum von der eigentlichen Wirklichkeit zu unterscheiden ist. Und genauso wie der Autor eine neue Welt zu erschaffen vermag, so vermag er auch Vergangenes wieder heraufzubeschwören und seinen Lesern durch seine Worte zugänglich zu machen – Worte, die das eigene Dasein überdauern, die auch in ferner Zukunft den Nachgeborenen von einstmals Untergegangenem erzählen, von Vergangenem, welches, so der Wunsch des Autors, in der Geschichte überleben werde, lange nachdem der Autor selbst das Zeitliche gesegnet hat. Denn, wie Ransmayr am Ende seiner Kurzgeschichtensammlung hoffnungsvoll verkündet, „selbst wenn einer von uns verstummt und verschwindet – wir vertrauen darauf, dass immer welche zurückbleiben, die imstande sind, weiterzuerzählen und sich zu erinnern, an das, was wirklich – und was bloß möglich war…“ (235).


 Endnoten

[i] Wo sie nicht anders gekennzeichnet sind, beziehen sich die Ziffern in Klammern auf Chrisoph Ransmayr, Der Weg nach Surabaya  (Frankfurt am Main: Fischer, 1999).

[ii] Vergleiche hierzu noch einmal Alon Confino, welcher über die Geschäftstüchtigkeit der „Heimatlers“ am Ende des 19. Jahrhunderts schreibt: „Soon the commercialization of Tracht, that is, of tradition, was in full swing. Villagers understood that selling at town markets in traditional dress associated freshness and health with their products. Others sold for high prices the old costumes from grandmother’s chest. And photographers sold pictures, taken some weeks before, of authentic Tracht from the good old days“ (41).

[iii] Eine ähnliche Beschäftigung mit dem Thema der Kapruner Talsperre findet sich in Elfriede Jelineks Theaterstück Das Werk.

 


 

Literaturverzeichnis

Anderson, Benedict. Imagined Communities. London: Verso, 1991. (orig. 1983).

Blickle, Peter. Heimat – A Critical Theory of the German Idea of Homeland. Rochester:

Camden House, 2002.

Bloch, Ernst. Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1985. (orig. 1954-59).

Confino, Alon. Germany as a Culture of Remembrance. Promises and Limits of Writing

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